Samstag, 5. März 2016

Châteauneuf-du-Pape: Die Qual der Wahl

Von Orange ist es nicht weit nach Châteauneuf-du-Pape; gerade mal 10 Kilometer auf der D 68 nach Süden. Rund siebzig Prozent der hier angebauten Reben sind Grenache. Wenn Sie diese Weinberge mit den knorrigen Reben und den sandigen Lehm dazwischen, versetzt mit großen Kieselsteinen, noch sehen möchten, sollten Sie die Reise bald machen. Seit ein paar Jahren schon – und inzwischen immer ernsthafter – machen sich die Weinbauern Sorgen wegen des Klimawandels.

Typisch Châteauneuf-du-Pape: Mehr Kiesel als Erde im Weinberg.
Und der Mont Ventoux wacht im Hintergrund.
Ganz so weit zum Glück, wie T.C.Boyle das in seinem Roman „Ein Freund der Erde“ beschrieben hat, sind wir noch nicht. Für das Jahr 2025 sieht Boyle den Reisanbau aus der Camargue nun an der Loire. Die Ebenen Südfrankreichs sind weitgehend zu Wüsten verkommen und Europas beste Anbaubedingungen für Wein finden sich in Norwegen - so könnte man die Geschichte fortschreiben.

Fakt ist, das die Grenache-Trauben die ansteigenden Temperaturen nicht gut vertragen. Der Reifeprozess der Trauben und die Zuckerbildung verhalten sich gegenläufig, was dazu führt, daß die Weine nicht mehr so ausrechenbar sind und an Qualität verlieren können. Letzter Ausweg: Die Grenache-Weinberge werden in Neuanpflanzungen durch Reben ersetzt, die bewiesen haben, daß sie das nordafrikanische Klima vertragen, etwa Viognier oder Alicante-Bouchet, eine Grenache-Kreuzung.

 
Erste Lese nach drei Jahren: Meist in Handarbeit und diesmal mit Laurent Cogoluègnes und Klaus Studer
Durch Châteauneuf-du-Pape zu fahren und so zu tun, als könne man das Thema Wein links liegen lassen, geht nicht. Aber wie sich dem nähern, welchen probieren? Entweder also auf gut Glück oder auf Empfehlung der Weinführer - was übrigens oft das gleiche ist -, sich der einen oder anderen Domäne zuwenden. Sie können sich auch im Office de Tourisme einen „Passeport pour la découverte“ ausstellen lassen und auf der Domaine Saint Benoît den Anfang ihrer Weinreise durch einen Ort machen, in dem alles andere nicht zu zählen scheint. Ungewöhnlich auf Saint Benoît ist, daß hier die Familien Cellier, Courtil und Jacumin 1989 ihre insgesamt sechsundzwanzig Hektar zusammengelegt haben.

 Der Weg zum Überblick über Châteauneuf              Bild Château des Fines Roches

Oder Sie lassen sich von Äußerlichkeiten beeindrucken, wie der zypressenbestandenen Auffahrt zum Château des Fines Roches, einem Vier-Sterne-Hotel, oder lassen sich himmlisch inspirieren. Dann könnten Sie engelsgleich in der Domaine de Côte de l’Ange landen und dort, eine der wenigen Ausnahmen in Châteauneuf, sich das mitgebrachte Vrac füllen lassen. Fast überall sonst legt man Wert auf die ungleich höheren Flaschenpreise; mit


Die Familie Reynaud in vierter Generation.
Sie bauen auch die Weine der Châteaux des Tours und de Fonsalette aus.
die höchsten finden sich beim Château Rayas. Da müssen Sie schon gute Gründe finden, um eine solche Flasche, selbst wenn Sie sie sich leisten möchten, auch erwerben zu dürfen. In der Regel geht die gesamte Menge an vorgemerkte Privatkunden; im Handel ist der Wein überhaupt nicht zu finden.

Das Marketing in Châteauneuf ist perfektioniert, nur den Mistral hat man nicht immer im Griff; der ist aber wichtige Voraussetzung für einen guten Jahrgang. Der Nordwind trocknet die Blätter und Trauben, verhindert so die Fäulnis und bläst sogar die Schädlinge in die Rhone.

Aber all diese Überlegungen brauchen uns gar nicht zu belasten und der Qual der Wahl dürfen Sie sich mit dem folgenden (literarischen) Vorschlag entziehen: Wir fahren zur Domaine Mathieu (0033 490 837209), die etwas außerhalb des Ortes an der Straße nach Courthézon liegt. Dort wird aus uralten Weinstöcken, sie wurden 1890 und 1892 gepflanzt, die „Cuvée du Marquis“ produziert. Namensgeber ist der Freund des Literaturnobelpreisträgers Frédéric Mistral und Mitbegründer der Félibrige Anselme Mathieu, einer der Vorfahren der heutigen Eigentümer.


Der Vin di Felibre
für knapp 40 Euro.
Bild Domaine
Oder Sie nehmen mit dem „Vin di Felibre“ eine erste Lektion in provenzalischer Sprache. In diesem Wein - benannt nach der „Félibrige“, einer Vereinigung zur Wiederbelebung der provenzalischen Sprache und Literatur - finden Sie alle dreizehn zugelassenen Sorten für einen Châteauneuf, wobei die Rebsorte Mourvèdre überwiegt. In vielen anderen Regionen wird die „nur“ eingesetzt, wenn der Wein eine besonders tiefrote Farbe bekommen soll.

André und Jérôme Mathieu werden Ihnen empfehlen diesen Wein mindestens zehn Jahre im Keller liegen zu lassen, bevor Sie ihn dann, mindestens vier Stunden vorher entkorkt, bei 16° trinken.


Eine weitere Empfehlung ist die Domaine „Le Pégau“, die ausnahmsweise mal nicht nach ihrem Besitzer benannt, sondern nach einem getöpferten kleinen Weinkrug, wie er im 14. Jahrhundert  auf den Tischen der Päpste und ihres Hofstaates stand. Innerhalb von rund 30 Jahren, gegründet wurde sie von Laurence Féraud, hat sich die Domaine einen Namen erarbeitet, der überall widerklingt: Im  Wall Street Journal wird der „Pink Pegau“ für ein „easy summer

Parkers glorreiche Magnum
drinking“ empfohlen und natürlich hat auch Mister Parker jun. seinen Tweet geschrieben: „Just glorious!“
 

2012 kam mit dem Kauf eines ehemaligen, über 40 Hektar großen Familiengutes nahe Châteauneuf, in Sorgues,  das „Château Pégau“ dazu, wie diese alte Post- und Treidelstation von Paul und Laurence Féraud getauft wurde, in der die Pferde gewechselt wurden, die die Rhôneschiffe nach Norden zogen.

Die Kopie sei das schönste Kompliment, heißt es gelegentlich resignierend, wenn man sich gegen ein solches „selbstgeschriebenes Armutszeugnis“ -  wie die „Fliegenden Blätter“ schon 1902 das Plagiat bezeichneten - nicht zur Wehr setzen kann. Auch die Weine von Pegau werden inzwischen gefälscht, unverfroren und dumm zudem, weil sich unter dem gerade geschnittenen Etikett noch der Zusatz „Merlot“ befindet, Hinweis auf genau eine der Rebsorten, die in der Appelation von Châteauneuf gerade nicht enthalten sind. Das Original von Pegau hat einen Büttenrand, nicht den faserig ausgedünnten des
echten Büttenpapiers, sondern eher den gezackten von Fotos der 1950er und 1960er Jahre. In der Flasche, den man zum Beispiel in Mexiko kaufen kann, wie ein Kunde der Domaine feststellte, ein niederklassiger Wein zu einem allerdings nicht niederen Preis.

Ob Domaine oder Château: Hier kauft man keinen Wein, dieser Wein ist eine Kapitalanlage, obwohl der „Wall-Street-Rosé“ nicht einmal 10 Euro kostet. Nicht nur wegen der offensiven, aber vom Markt akzeptierten Preisgestaltung, sondern vor allem, weil man sich gegen japanische, chinesische und amerikanische Käufer durchsetzen muß. Wie oft hat schon der Blick auf die Homepage ergeben, daß manche Weine derzeit gerade mal wieder verfügbar sind.

Mal wieder nicht zu haben: Weder für Chinesen, noch Amerikaner noch Franzosen
Zum empfehlen ist den Eigentümern die Anpassung der unprofessionellen Homepage an die Qualität der Weine. Von der unglücklich gestalteten Eintrittsseite, die vor allem B&B vermarktet, über Telefonnummern, die man nicht kopieren kann (sonst hätte ich sie hier eingefügt), bis hin zur Unübersichtlichkeit der Presseseite. Aber wenn sowieso immer alles ausverkauft ist…
 

 

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