Samstag, 7. Mai 2016

Lourmarin: Das versteckte Grab von Albert Camus

Das Lieblingsrestaurant von Albert Camus (siehe nebenstehendes cc-
Bild von John Pasden) war das „Ollier“ von Madame Hirtzmann in Lourmarin. Ab und zu deckt sie den runden Tisch im Nebenzimmer noch einmal genau so, wie bei seinem letzten Abendessen in ihrem Haus. Nachdem Albert Camus nach Lourmarin gezogen war, entwickelte er literarische Projekte, die nicht ganz zu seinem sonstigen Schaffen paßten. Eine Serie von Sonnenessays wollte er schreiben, über den Sommer, den Süden, die Feste. In seinem Tagebuch finden sich Einträge über den Tag, „der sprüht und strahlt“, über den Kinderlärm aus dem Dorf und den Springbrunnen im Garten.
„Allenthalben bricht Vogelzwitschern hervor, mit einer Kraft, einem Jubilieren, einem fröhlichen Mißklang, einem unendlichen Entzücken.“
 
Anfang Januar 1960 hatte er seinem Verleger Gallimard die neuen Projekte in Lourmarin vorgestellt. Bei einem Unfall im Auto von Michel Gallimard, dem Neffen des Verlegers, kam Camus ums Leben. An seiner Autobiographie mit dem Arbeitstitel „Der erste Mensch“ arbeitete er gerade. Das Fragment von „Le Premier Homme“ wurde erst mehr als dreißig Jahre nach seinem Tod veröffentlicht.

Wenn Sie sein Grab auf dem Friedhof von Lourmarin aufsuchen, werden Sie es wahrscheinlich zunächst nicht finden. Und das trotz oder
wegen des Hinweises gegenüber dem Eingang. Die verblichene Skizze erschließt sich nur dem geübten Kartenleser, manchmal nicht einmal dem. Gehen Sie nach links, bis es nicht mehr weitergeht und folgen der Friedhofsmauer nach rechts. Am Ende der Allee finden Sie direkt am Weg auf der rechten Seite einen Stein mit Namen und Lebensdaten von Camus, beides gerade noch zu entziffern. Links daneben das Grab seiner Frau, das Ihnen vielleicht zuerst ins Auge fällt. Den Plänen des französischen Politikers Sarkozy, ihn zu seinem fünfzigsten Todestag ins pompöse Pariser Panthéon zu überführen, hätte er mit Nachdruck widersprochen. Was soll er neben Voltaire, Zola und Hugo? Er war glücklich in Lourmarin, so glücklich wie sein Sisyphos, den wir uns, so sagte er, auch „als einen glücklichen Menschen vorstellen müssen“.

Fast ebenso versteckt ist das Grab von Henri Bosco, der neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit auch Konservator des Schlosses von Lourmarin war. Als Junge hörte er seine Eltern immer vom Fluß, von den Gefahren der schlammigen Hochwasser der Durance und der Rhone erzählen, die nicht weit vorbeiflossen, die er aber noch nie gesehen hatte. Der Vater hatte ihm das Spielen in der Nähe des Wassers verboten. „Und meine Mutter hatte hinzugefügt: ‚Im Fluß, mein Kind, gibt es Strudel, in denen man ertrinkt, Schlangen zwischen dem Schilf und Zigeuner an den Ufern.’ Das genügte, um mich Tag und Nacht vom Fluß träumen zu lassen.“ Vielleicht auch weil es in der Gegend von Lourmarin immer noch ein wenig heißer ist, als in der übrigen Provence, wie er in seinem Roman über den Hof Théotime beschreibt.
„Im August, kurz vor dem Abend, umarmt eine mächtige Hitze die Felder in unserem Land.“




Sonntag, 1. Mai 2016

Jack Kerouac: Langeweile in Avignon






Jack Kerouac                         Bild von Tom Palumbo
Jim Irsay hat viel Geld für das mehr als 30 Meter lange Manuskript "On the road" von Jack Kerouac ausgegeben: fast 2,5 Millionen Dollar, mehr Geld als der Autor in seinem ganzen Leben verdiente. Kerouac hatte Papierblätter zugeschnitten, aneinander geklebt und darauf in drei Wochen seinen Bestseller geschrieben. Oft kann man noch lesen, es sei eine Rolle Fernschreiberpapier gewesen. Der Schluß der Geschichte mußte allerdings rekonstruiert werden. Ein literarisch interessierter Hund hatte den letzten Meter gefressen.

Avignon war eine langweilige Stadt für ihn. „Was kannst du an einem Sonntag Nachmittag in Avignon tun? In einem Café sitzen und in der Zeitung vom Comeback eines einheimischen Clowns lesen und die Steinfiguren aus dem Museum in dir nachwirken lassen.“


Papstpalast in Avignon: Lichtschau und "natur"
Kerouac kam aus dem Musée lapidaire, der ehemaligen Jesuitenkirche aus dem 17. Jahrhundert,
„ein Museum voller Bildhauerarbeiten in Stein aus den Tagen Benededikt XIII., und auch mit einer prächtigen in Holz geschnitzten Darstellung des Abendmahls mit zusammengedrängten Jüngern Kopf an Kopf und trauernd, Christus in der Mitte mit erhobener Hand, und plötzlich wirst du von einem der Köpfe hinten im Relief direkt angestarrt, und es ist Judas!“
Das war ihm aber dann auch schon genug Kultur und er bestätigte sich lieber noch ein wenig seine Vorurteile, die er gegenüber dem Süden
Frankreichs hatte. Nirgends sei die Stimmung so trostlos wie während

Weltbestseller "On the road"                              Bild Wiki CC-Lizenz
eines sonntäglichen Mistralsturmes im „armen alten Avignon“. Er beobachtete „junge Burschen, die wie heranwachsende Kriminelle aussahen“, dreizehnjährige Mädchen, die „einfältig in hochhackigen Schuhen grinsten“ und ein kleines Kind, das „im Dreckwasser der Gosse mit dem Gerippe einer Puppe“ spielte. Und plötzlich habe er verstanden, was das sei, der französische Provinzialismus, über den sich auch die französischen Dichter beklagten:
„Den trüben Provinzialismus, der Flaubert und Rimbaud in den Wahnsinn trieb und der Balzac zum Grübeln brachte.“
Wenn man die Vorgeschichte kennt, weiß, wie Kerouac nach Südfrankreich kam, und daß für ihn Frankreich gleichbedeutend mit Paris war, dann versteht man seine negativen Schilderungen des Midi besser.
Von Tanger war er auf einem Postschiff, und, um fünf Dollar zu sparen, in der vierten Klasse, gemeinsam mit zurückbeorderten französischen Algerien-Soldaten nach Marseille gereist. Es gab keine Koje mehr für ihn und seine Bestechungsversuche gegenüber den Stewards wurden nur mit einem Achselzucken beantwortet:
„Nicht unbedingt ein gallisches Achselzucken, sondern ein großes weltmüdes lebensmüdes allgemein-europäisches Achselzucken“.
Und plötzlich tat es ihm leid, daß er
„die ziemlich träge, aber echte Aufrichtigkeit der arabischen Welt verließ“.
Als er in Marseille ankam, wollte er nur eines: Schnell wieder weg. Daß mit Arthur Rimbaud einer der französischen Autoren, die Kerouac, die gesamte Beat-Literatur und schließlich Bob Dylan und Patti Smith stark beeinflusst haben, in Marseille elendiglich an Knochenkrebs zugrunde gegangen ist, wird er gewusst haben - schließlich hatte er ein Buch über ihn geschrieben. An sich wäre Rimbaud jemand gewesen, dessen wenige Spuren in Marseille er hätte suchen müssen, wenn er schon seine europäische Spurensuche betrieb. Auch hatte er lange ein Rimbaud-Zitat in seinem Arbeitszimmer:
„When shall weg go, over there by the shores and mountains, to salute the birth of new work, the new wisdom, the flight of tyrants, and of demons, the end of superstition to adore…the first ones!”

Die zahlreichen Romane, die Kerouac in den fünfziger Jahren schrieb, blieben lange unveröffentlicht, sind es zum Teil noch heute und liegen in einem Bankschließfach, das seine Erben bewachen. Immerhin könnten Sie sich ein Zazzle-Teashirt mit den Namenszügen von Rimbaud und Kerouac kaufen und auf die nächste Veröffentlichung hoffen.