Montag, 11. Juli 2016

Saint Gilles: Fledermaus-Menue im Château Espeyran

Rückseite und Innenhof des Château Espeyran
Vielleicht haben Sie gerade am Étang de Scamandre eine Mittagspause gemacht. Dann brauchen Sie nur etwas nach Osten zu fahren und dann nördlich über die steil ansteigende Brücke über den Kanal, der Séte mit der Rhône verbindet. Dieser schlaglochübersäte Weg, auf dem Ihnen mit großer Wahrscheinlichkeit auch ein Kieslaster entgegen kommt, heißt bereits nach dem Schloß, das wir suchen, Chemin d’Espeyran.

An sich kann Ihnen das aber egal sein, denn ein Straßenschild gibt es natürlich nicht. Nach ein paar hundert Metern, an einer Einbuchtung auf den linken Straßenseite, wird plötzlich der Blick auf das Château Espeyran freigegeben. Und nochmal dreihundert Meter weiter stehen Sie vor dem Haupteingang. Und in aller Regel ist der verschlossen.

Das war eher die Geocaching-Anreise. Sie können auch einfach nach Saint Gilles fahren und von dort der Beschilderung folgen. Aber auch das ändert nichts am verschlossenen Tor.

Im Schloß befindet sich, als Teil des französischen Nationalarchivs, das Centre National du Microfilm et de la Numérisation. Also auch die Digitalisierung aller anderen nationalen und regionalen Archive wird von hier gesteuert.

Das in seiner jetzigen Form aus dem 19. Jahrhundert stammende Schloß ist aber auch in anderer Hinsicht etwas ganz Besonderes: Es
Unter diesem Leuchter fand die Fledermaus den Tod
beinhaltet eine komplette Einrichtung aus der Zeit, von den Böden über die Deckengemälde, die Möbel, das Porzellan bis hin zu den imposanten Küche mit Dutzenden von blitzblank geschruppten Kupfertöpfen. Gelegentlich kann es besichtigt werden. Wann, das wissen nur das Office du Tourisme in Saint Gilles (Place Frédéric Mistral 0033 4 66 87 33 75) und manchmal der Midi Libre. Regelmäßige Öffnungszeiten, etwa an einem bestimmten Tag gibt es nicht.

Also einfach mal anrufen. Wenn Sie Glück haben wird die rund zweistündige Führung von Julien Catala geleitet. Er weiß alles über das Schloß, seine Geschichte und die früheren Eigentümer.

Wie so oft im weiteren Umkreis von Nîmes taucht der Name der Familie Sabatier auf, Guillaume diesmal, der das Schloß 1791 kaufte, ein Gelände von mehr als 3.500 Hektar eingeschlossen. Sein Sohn Frédéric beschäftigter gleich zwei Architekten mit den Umbauten, einmal den renommierten Henri Revoil, den der Staat mit dem Erhalt historischer Monumente beauftragt hatte und zusätzlich noch den Innenarchitekten Octave Lazard, den Frédérics Bruder Felix bereits mit der Ausstattung seines Stadtpalais Lunas in Montpellier beauftragt hatte. Um besonders günstige Preise zu erzielen bestellten Frédéric und Felix Stühle und Sessel beim Möbelbauer gleich in mehreren Dutzenden.

Immer ein halbes Jahr lebte die Familie hier, empfing zahlreiche Gäste bis hin zu Karl Marx, der damit wieder einmal bewies, daß er sich in bourgeoisen Kulissen sehr wohl fühlen konnte. Generationen später wurde das Erbe in der 1970er Jahren mit der Auflage des Erhalts durch Guy Sabatier d'Espeyran an den französischen Staat verkauft.

Als „sehr diskrete katholische Familie“ bezeichnet Catala die 
Mit Julien Catala in der Sattlerei
Eigentümer von Espeyran. Die Gäste konnten sich auf eines verlassen: Jedes Gespräch, in dem es um religiöse oder politische Themen ging, war strikt verboten. So kam man miteinander aus in einer Gegend, in der sich viele Protestanten noch gut an die Verfolgungen durch den vierzehnten Ludwig erinnerten, an die Einkerkerungen der Frauen und Kinder und die Versklavung der Männer auf den Galeeren.

Die Pferde und die Jagd waren die bevorzugten Zerstreuungen und abends dann auch die Gesprächsthemen, weiter die Küche und die Kunst. Noch heute erhalten zeitgenössische Künstler halbjährliche Stipendien im Schloß und stellen anschließend ihre Arbeiten hier aus.

Wie sehr die Sabatiers Wert auf die gute Küche legten, zeigt nicht nur folgendes Menue, sondern auch die Tatsache, daß die Küche und

der Anrichteraum rund dreimal so groß waren wie der Speisesaal. Fünfzig Liter passten in den größten Suppentopf und die „Batterie des Casserolles“ ließ keinen Wunsch offen.

Das „Fledermaus-Menue“:
> Fischsuppe mit Rouille und geröstetem Brot
> Pastete von Feldhühnern
> Dorade auf einem Gemüsebett
> Fasan gefüllt mit Kastanien und Zucchini
> Apfelkuchen mit Nougatstreuseln
> Käse


Nicht immer kam man dazu in aller Ruhe zu essen. Eine Fledermaus, noch heute sind die Wirtschaftsgebäude Rückzugsort für diese Tiere, hatte sich in den Speisesaal verirrt, was die Damen in ihren weitausschweifenden Roben etwas beunruhigte. Der Hausherr fuchtelte mit dem Degen durch die Luft, um das Tier wieder ins Freie zu jagen. Leider fuchtelte er so gezielt, daß zwei zerteilte Fledermaushälften als unerwartete Zugabe auf den bereits angerichteten Fasan fielen. Zwei Damen, eine mit einem Spritzer Fledermausblut auf der Hand, fielen, wie sich das damals gehörte, in Ohnmacht. Obwohl der Hauptgang an dem Abend ausfiel, war die Soirée ein voller Erfolg.

Im Durchgang vom Speisesaal zur Küche hängen noch heute ein paar Degen. Ob allerdings der Fledermaus-Degen dabei ist, das war die einzige Frage, die Julien Catala nicht beantworten konnte.

Wenn man von hier über den Innenhof des Schlosses geht, kommt man in die „Garage“, in der sich noch heute ein Kutschensammlung befindet.


Der Mail-Phaéton: Edle Reisekutsche
Allerdings ist die nicht mehr ganz komplett. Drei der Fahrzeuge hatten sich die deutschen Besatzungstruppen „ausgeliehen“, als im August 1944 die Landung der Alliierten an der Côte d’Azur begonnen hatte und kein Benzin mehr für die Fluchtwagen zur Verfügung stand.

Ein paar Schritte von Château entfernt sind Archäologen auf die Überreste einer gallo-römischen Villa gestoßen. Einige kümmerliche Säulenreste sind im Schloßpark aufgestellt; größere Überreste findet man verschiedentlich an Häusern in


 
Saint Gilles, denn, wie so oft, auch am Pont du Gard etwa, hatten die Bewohner die perfekt behauenen Steine längst verbaut, bevor die Archäologie soweit war, sich dafür zu interessieren.