Samstag, 15. September 2018

Boule mit "viereckigen Kugeln": Nur in Vézénobres



Tatsächlich eckig und trotzdem Boule
Mick Jagger hat sich Ende der 1970er Jahre hier erst ein Haus gekauft und es dann schnell wieder verkauft. Es war ihm zu ruhig und die Menschen zu seltsam. Denn in Vézénobres - hier alles über Vézénobres - so heißt das Örtchen mit seinen knapp zweitausend Einwohnern, das sich einen steilen Hang emporzieht, wird „Boule carrée“ gespielt wird – Boule mit viereckigen „Kugeln“.
„Das Glück ist rund, Monsieur“, wurde dem deutschen Dichter Wolfdietrich Schnurre im Midi das Boulespiel kurz, aber in seiner ganzen Komplexität erklärt. Sicher ist nur, daß er diese Erklärung nicht in Vézénobres erhalten haben kann. Denn hier waren es die Boulespieler leid, ständig den die Hänge hinunter rollenden Kugeln nachzulaufen und entschieden sich für die Einführung des eckigen Glücks.


Viereckig, damit sie nicht den Hang hinunterrollen
Schnurre hätte diese Regeländerung vermutlich nicht gerne akzeptiert. Denn das Runde hatte nicht nur für ihn eine besondere Anziehungskraft.
„Der Mensch lebt zwischen den Kugeln. Es schwingt da eine Art archaischen Tastgefühls mit. Man merkt woran die Hände denken, wenn die Finger gedankenvoll die Rundungen abtasten. Hier werden Formen wiederentdeckt, die wahrscheinlich schon Adam erfreuten.“
Boule war, ist und bleibt Männersache. Das hängt weniger mit der „Schweinchen“ genannten kleinen Holzkugel, sondern vor allem mit Fanny zusammen. Ursprünglich war Fanny eine Zuschauerin, der der Verlierer, wenn er beim Null-zu-13 ohne jeden Punktgewinn blieb, den blanken Hintern küssen mußte. Heute ist Fanny, was manche bedauern, meist eine silberne Medaille oder eine Keramikfigur, die im Koffer neben den Kugeln Platz hat und die niemanden mehr in eine kompromittierende Situation bringt.
Eine Fanny gehört in jeden Boule-Koffer



Fanny Vollzug bei 0:13
Für Kurt Tucholsky war Boule zweierlei, erstens Männersport und zweitens Sonntagssport. Die Regeln waren ihm nicht geläufig, aber es schien für ihn das „Haupterfordernis zu sein, daß man sich dazu wie beim Kegeln die Jacke auszieht.“ Und weil es ja sonntags gespielt wird, „haben so alle weiße Hemdsärmel“. Und eines hoffte er inständig, daß das „Spiel nicht dem Sport in die Finger falle“, mit Turnieren, Preisen und Schiedsgericht. Denn sonst könne es ja kein Sonntagsspiel mehr bleiben. Dieser Wunsch erfüllte sich nicht.
Bei der Stadt-Meisterschaft in Vézénobres qualifizierten sich wie üblich die zehn besten Teams für die Weltmeisterschaft, die natürlich auch immer in Vézénobres stattfindet. Meine Frage nach ernstzunehmenden Gegnern aus anderen Ländern, wurde als derart unpassend aufgefasst, als habe ich den Nachtisch vor dem Käse haben wollen. „Was für Länder? Beim Boule carrée?“ Eine ähnliche Überheblichkeit ist nur von der NBA, der nordamerikanischen Basketball-Liga bekannt. Dort ist der Landesmeister auch immer zugleich der World-Champion.

Was der nackte Hintern von Fanny mit Maria Magdalena zu tun hat, LESEN UND SEHEN SIE HIER.
Und HIER ETWAS ÜBER BOULE IN MARSEILLE ,diesmal mit "runden Kugeln" und 200.000 Zuschauern.