Freitag, 27. März 2026

Eine Nacht mit der Mona Lisa: Chamsons Rettungstat

Als im Zweiten Weltkrieg die Besetzung von Paris drohte organisierte die Museumsverwaltung die Evakuierung der bedeutendsten Kunstwerke aus dem Louvre. Chamson war damals Teil der Museumsleitung und eng in diese Operation eingebunden. Chamson half dabei, diese Meisterwerke zu retten.  Viele Werke wurden in französischen Schlössern etwa in Chambord an der Loire versteckt. Während seiner Arbeit als Historiker und Archivar in Versailles und im Louvre fand André Chamson immer ausreichend Zeit für das Schreiben. Sein letztes Buch „Il faut vivre vieux“ (Man muß alt leben) erschien 1984, ein Jahr nach seinem Tod. Sein Grab befindet sich, wie bei Protestanten in den Cevennen oft, auf einem Grundstück der Familie, dem Mas du Gravas, in Pont-de-Rastel bei Genolhac. „Der Rebell mit den Kinderaugen“, hieß es in einem Nachruf und „er schrieb französisch, aber fühlte okzitanisch.“

Pont-de-Rastel (Bild von Jeanette Flimlim)

 

Kurz nach dem Krieg hat er Noëlle Vincensini geheiratet, eine korsische Widerstandskämpferin, die aus dem Konzentrationslager Ravensbrück während der Todesmärsche im Mai 1945 geflohen war. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges, und parallel zu seinem Engagement in der Résistance, war er wesentlich verantwortlich für die Evakuierung der mehr als dreitausend Hauptwerke aus dem Louvre in die Provinz. Ursprünglich sollten die Bilder im Schloss von Chambord untergebracht werden. Dort waren sie aber dem Zugriff der Nationalsozialisten kaum entzogen. Und so begann eine Odyssee durch Museen und Klöster verschiedener Departements. 

Leonardos Mona Lisa verbrachte sogar eine Nacht im Schlafzimmer von Chamsons Tochter Frédérique Hébrard. Gegenüber seinem Geburtshaus wird heute von Marie Tholimet in einer kleinen Ausstellung an den Schriftsteller erinnert. Und auch daran, wie er bis zu seinem Tod im Jahr 2001 immer wieder Lesungen in Eisenbahnwaggons anbot, wenn der Zug zwischen Genolhac und Chamborigaud verkehrte. Noëlle Vincensini ist 2025 im Alter von 98 Jahren auf ihrer Heimatinsel gestorben.

Viel mehr in meinem Buch "Durch den Süden Frankreichs". Signierte Exemplare gerne von manfred.hammes@web.de

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Donnerstag, 26. März 2026

Das unmögliche Restaurant in Narbonne: Auf Monate alle Tische reserviert

Einhundertunsieben Käsesorten sollten doch ausreichend sein 

Mittags und abends kümmern sich die gut zweihundert Angestellten eines Restaurants am Rond Point de la Liberté in Narbonne um täglich eintausend Kunden. Und das an 365 Tagen im Jahr. Kann das gut gehen? Kann man so ein Restaurant führen? Erstaunlicherweise zweimal ja. Für alle Speisen, vom Hummer über die Foie Gras bis zu den Trüffeln, zahlt man nicht einmal 70 Euro. Die Getränke kommen auf Basis der Produzentenpreise hinzu; das beginnt mit wenigen Euro für eine Flasche Côtes du Rhône. Das Restaurant von Louis Privat verbindet die Bestellungen „à discretion“ - wie „all you can eat“ in Frankreich elegant genannt wird - mit der Küchenkunst von Auguste Escoffier. Wenn Sie unter Ihren Vorspeisen eine Brouillade à la Truffe wählen, finden Sie in der Speisekarte den Hinweis, daß dieses Gericht nach Escoffiers Rezept auf Seite 371 im Guide Culinaire der Ausgabe von 1907 zubereitet wird.

Um das vor Ort zu überprüfen, müßte es Ihnen nur gelingen, im „Les Grands Buffets“ einen Tisch zu reservieren. Das kann allerdings für Urlauber zum Problem werden, wenn man sich nicht bereits vor der Anreise darum gekümmert hat. Zuletzt am 10. März wollte ich für irgendeinen Tag im Sommer reservieren. Der erste freie Termin für zwei Personen war am 10. November; immerhin des gleichen Jahres. Aber wenn’s denn klappt, wird es großes Kino aus einer anderen Zeit, in historischen Speisesälen, an weiß gedeckten Tischen, mit viel Silber und noch mehr Kristall und also mindestens dem Ansatz zur Dekadenz. Erst recht bei einem zweiten Besuch, wenn man den Stadtplan für die Buffets und Themeninseln nicht mehr braucht und verblüfft feststellt, daß der Ober genau weiß, welchen Wein der Gast beim letzten Besuch getrunken hat und ob er weiterhin auf den Estragon in der Soße verzichten möchte – was allerdings schade sei und Herrn Escoffier sicher enttäuschen würde. 

 

Viel mehr in meinem Buch "Durch den Süden Frankreichs". Signierte Exemplare von manfred.hammes@web.de

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