Donnerstag, 2. April 2026

Agde: Sind das wirklich Alexander und Cäsarion?

 

Den 13ten September 1964 hat Jacky Fanjaud nie vergessen. Wie so oft hatte er nicht weit von der Mündung des Hérault ins Mittelmeer einen Tauchgang unternommen, als ihm ein großer von Algen überwachsener Stein auffiel. Nicht schlecht als Deko im Garten, dachte er sich, als er die Algen abrieb und der Stein scheinbar immer größer wurde. Daß es der Oberschenkel einer 1,33 Meter großen Bronzefigur war, bemerkte er erst später.

Als Mitglied einer Tauchergruppe, die sich für Archäologie interessierte, war er im Fluß nicht weit von der Kathedrale Saint-Étienne schon des öfteren fündig geworden. Aber diesmal war alles anders. Nicht mehr nur das Stadtmuseum von Agde war interessiert, sondern plötzlich, wie zu Zeiten der absolutistischen Könige, auch Paris. Das Kultusministerium nahm die Figur in Beschlag und beauftragte das nahe Nancy gelegene Laboratoire d’Archéologie des Métaux mit den Restaurierungsarbeiten. Zwanzig Jahre verbrachte der Éphèbe, inzwischen mit dem Beinamen Alexander der Große, nun im Louvre, bevor er 1987 erstmals in Agde, im neuerbauten Museum für Unterwasserarchäologie gezeigt wurde. Vielleicht hätte sich Jacky Fanjaud sich seinen „Stein“ einfach in den Garten legen sollen. Dann hätte er zu Lebzeiten wenigstens eine greifbare Erinnerung an einen ganz besonderen Tauchgang gehabt.

Ob es sich bei der Figur tatsächlich um Alexander handelt oder ob dies eine sicher hilfreiche Zuschreibung touristischer Marketing-Experten ist, sei dahingestellt. Manche der angeführten Gründe scheinen etwas weit hergeholt. Da werden die sanften und etwas melancholischen Gesichtszüge bemüht, die an Arbeiten des mazedonischen Bildhauers Lysippos von Sicyone erinnern oder auch die Locken, die denen bei anderen Statuen Alexanders ähnelten. Und schließlich sehe das geflochtene Stirnband aus wie dasjenige, das aus dem Grab von Philipp II., dem Vater Alexanders bekannt sei.

Weitere Fundstücke des Museums zeigen einen bronzenen Eros und eine Knabenfigur, von der man bis heute nicht genau weiß, um wen es sich handelt. Da das aber mit der Taufe Alexanders so publikumswirksam war, machte man aus dem Knaben kurzerhand Cäsarion, den Sohn von Kleopatra und Julius Cäsar. Kaiser Augustus hat ihn umbringen lassen, als er gerade 17 Jahre alt geworden war. Auf alle Fälle lohnt der Besuch des Museums, mit dessen Ausschilderung die Stadt sich allerdings mehr Mühe hätte geben können. Aber so ein irrendes Suchspiel durch ein fremdes Städtchen kann ja auch seine Reize haben.

Viel mehr in meinem Buch "Durch den Süden Frankreichs". Signierte Exemplare gerne von manfred.hammes@web.de

                                                Aus den Rezensionen:


 


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