Donnerstag, 22. Oktober 2015

Laguiole - ein Name ohne Wert

Feinste Handarbeit.   Bild Forge de Laguiole
In Solingen ginge das nicht! Wenn ein Messerschmied in Laguiole – genau, da wo die Messer ihren Namen herhaben – sein Messer Laguiole nennt, ist er in Gefahr, wegen Fälschung eines pakistanischen oder chinesischen Produkts verklagt zu werden. Der französische Unternehmer Gilbert Szajner, der unter anderem asiatische Billigmesser vertreibt, hatte sich die Namensrechte bereits 1993 gesichert. Bürgermeister Vincent Alazard ging dagegen gerichtlich vor. Ohne Erfolg. Rund einhunderttausend Euro Anwalts- und Prozeßkosten muß die Gemeinde mit ihren 1.300 Einwohnern nun dem Rechteinhaber bezahlen. Symbolisch hat der Bürgermeister daraufhin die Ortsschilder abgeschraubt.

Ein Gesetz, das künftig die Nutzung von Ortsnamen regelt, wird für die Einwohner von Laguiole zu spät kommen; es gilt natürlich nicht rückwirkend. Nicht einmal mehr der hier fabrizierte Rohmilchkäse darf Laguiole-Käse heißen.



Oben Calmels erstes Laguiole mit Horngriff und sein Muster, das Navaja. Bilder Lennertz

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren in Südfrankreich das Capuchadou, mit feststehender Klinge, und ein spanisches Taschenmesser, das Navaja, weit verbreitet. Aus diesen Vorbildern hat Pierre-Jean Calmels um 1830 das Laguiole mit seinem damals typischen Horngriff entwickelt. Also ein früher Produktpirat, nicht viel anders als die chinesischen Hersteller, die man zuhauf über die Homepage von Alibaba findet, dem e-Commerce-Giganten von Jack Ma, der bei seinem Börsengang im Jahr 2014 mehr als 25 Milliarden Dollar eingesammelt hatte.

Coutellerie von Pierre-Jean Camels,
dem Erfinder des Laguiole-Messers. Postkarte Lennertz
Fast könnte man die These aufstellen, daß das neu-deutsche Marketing-Instrument des Storytelling von den ersten Messerschmieden in Laguiole erfunden wurde. Um das Messer ranken sich viele Geschichten. Von der Messertaufe mit einem Frauennamen – Florence, Odette oder Cecile - bis hin zur Geschichte, daß ein verschenktes Laguiole die Freundschaft zerschneidet. Deshalb müsse der Beschenkte seinem Freund mindestens einen Centimes zurückgeben und es so „kaufen“. So wird aus dem einfachen Hirten- und Bauernmesser ein Prestigeprodukt, das es bald schon mit fein gearbeiteten Ziselierungen und Griffen etwa aus Elfenbeim zu kaufen gibt.

Heute bewegen sich die Preise zwischen asiatischen 2 Euro und reichen bis zu 1.200 Euro, wenn etwa eine Damaszenerklinge mit Elfenbeingriff einem französischen Staatsgast überreicht wird.


Sehr unterschiedlich ausgelegt werden die Verzierungen des Messers, die Biene - für manche auch eine Fliege -, die in Form eines Steinkreuzes eingelassenen Metallstifte und der Wellenschliff oben auf der Klinge. Für manche sind es „nur“ die Symbole für die Elemente Luft, Erde und Wasser. Andere sehen eine religiöse Symbolik: Das Steinkreuz hätten die Hirten auf den einsamen Causses des Larzac oder der Auvergne in den Boden gestoßen und dann davor ihre Gebete gesprochen.

Wenn Sie auf dem Flohmarkt besonders großes Glück haben, wird Ihnen dort ein Messer angeboten, in das die Längen- und Breitengrade sowie der Name des Besitzers eingraviert sind. Wenn Sie das geografisch nachverfolgen, landen Sie in Algerien und haben das Messer eines Fremdenlegionärs entdeckt. Sofort kaufen!

Nun müssen Sie selbst entscheiden, wie und wo Ihr Laguiole-Messer produziert und herkommen soll. Einen Überblick über die Kriterien finden Sie auf der Homepage von Petra und Max Lennertz.

Gut beraten sind Sie mit Produkten der Schmieden Laguiole en Aubrac, Fontenille Pataud, Honoré Durand und Forge de Laguiole. Mein Messer besitzt eine Damaszenerklinge, die Arnaud Grafteaux von Durand geschmiedet hat - wie das hergestellt wird, sehen Sie HIER IM VIDEO von Jean-Paul Girbal; sechs Minuten aus der Hitze der Werkstatt unterlegt mit zum Träumen anregenden Winterbildern aus der Auvergne, die mehr so aussehen, als seien sie in der Eifel gedreht und nicht in Südfrankreich.

Sonntag, 18. Oktober 2015

Course camarguaise: Titelseite für den Stier

Course camarguaise: Immer ungefährlich für den Stier und ein Nachmittagsvergnügen auch für Kinder.
 
Das kann nur im Departement Gard passieren, dem Land der Courses camarguaises  - HIER im VIDEO -,der unblutigen Stierspiele: Die Titelseite der auflagenstärksten Tageszeitung, des „Midi Libre“, ist einem Stier gewidmet. Merkel kommt garnicht vor und Hollande nur im Zusammenhang mit der Frage, mit wem er denn diesmal seinen Urlaub verbringt. Also Stier Greco im Mittelpunkt, der schon viele Tropäen gewonnen hat; und die ganze Seite drei ist im auch noch gewidmet mit einer Homestory.
Alle Termine im Midi Libre und natürlich an den Plakattafeln

Course camarguaise steht manchmal auf den Plakaten der Dorffeste in den Städtchen des Midi. Solche Fêtes Votives sind eine gute Gelegenheit sich diese, mindestens immer für die Tiere ungefährlichen Spiele, erstmals anzusehen.


Viel Respekt vor dem Stier
Nur an drei Empfehlungen sollte sich jeder halten, wenn er einen Course zum erstenmal besucht: Nehmen Sie sich ein Kissen mit, eine Flasche Wasser und setzen Sie sich drittens keinesfalls auf einen der vielen freien Plätze, wenn die Dorfbewohner dicht gedrängt in der gegenüberliegenden Hälfte der Arena sitzen. Denn sonst sitzen Sie hinterher im Gegenlicht der auch um 17 Uhr noch heißen und hochstehenden Sonne.
Oft mit musikalischen Begleitprogramm und vielen Besuchern in der alten Tracht
 
Mit dem Capelado, dem Einzug der Raseteurs beginnt die Veranstaltung, die Eröffnung des ersten Kampfes folgt nach einer Trompetenfanfare. Der Stier kommt aus seinem Stall, auf dessen rot gestrichener Tür das Wort „Toril“ steht. Immer wieder verfolgt er die Raseteurs, manchmal so ungestüm, daß er in die Barrieren kracht oder gar darüber springt.
Jedes der Bändchen, die der Stier zwischen den Hörnern trägt, hat seinen eigenen Wert, der sich steigert, wenn der Stier es gut verteidigt. „Zehn Euro mehr vom Gipsergeschäft Peyric, zehn Euro mehr vom Restaurant 'Les trois Perdrix'.“ So stachelt der Arena-Lautsprecher die Raseteurs an und gerade die örtlichen Handwerker und Bars nutzen diese Art der fast streuverlustfreien Werbung.

Nur zum Spaß arbeiten die Raseteurs und Tourneurs längst nicht mehr. Die Tourneurs, die die Aufmerksamkeit des Stieres auf sich ziehen, um ihn für den Lauf der Raseteurs in die richtige Richtung zu drehen, sind ehemalige Raseteurs, und verdienen in der ersten Liga etwa so viel wie ein Grundschullehrer. Eine ganz wichtige Arbeit, denn nur wenn die gut gemacht wird, können die Läufer, Rechtshänder von der linken Seite und Linkshänder, den Stier durch abwechselnden Einsatz „zum Tanzen bringen“. Großer Beifall dann.

Bei den Raseteurs gehen die Honorare inzwischen in ganz andere Dimensionen. Wer die Trophée der Asse unverletzt durchsteht, kommt schon auf fünfzigtausend Euro, die Spitzenverdiener liegen im sechsstelligen Bereich haben ihre eigenen Fernsehsendungen und sind auf den Covern vieler Magazine zu finden. Aber sie sind bei hohem Risiko von April bis November drei- bis viermal die Woche im Einsatz; und zu Saisonende häufen sich die gefährlichen Situationen und auch die Verletzungen der Raseteurs - HIER IM VIDEO von Lleyton Hew.