Samstag, 7. Oktober 2017

Johanna Schopenhauer: Vergebliche Suche nach der Reinlichkeit des Südens

Das ist nun wirklich mal ein durchgezogener roter Faden. Johanna Schopenhauer, die 1766 geborene Tochter aus einer groß- und bildungsbürgerlichen Danziger Handelsfamilie und vom Vater gegen
Klementine des 18. Jahrhunderts
ihren Willen an einen noch reicheren Handelsherren verheiratet, war, nicht nur in Südfrankreich, immer auf der Suche nach sauberen Gassen, Plätzen und Hotels und hat das in ihren damals hochgeschätzten Reiseveröffentlichungen, etwa den "Promenaden unter südlicher Sonne" auch penibel dokumentiert.

In Montauban, im „Hotel des Ambassadeurs“, nahm Johanna Schopenhauer Anstoß an der Möblierung. Vorhänge, Stühle und das Bettgestell sahen aus, als stammten sie aus einem in der Französischen Revolution zerstörten und ausgeraubten Schloß. Auch ekelte sie sich vor der fleckigen Bettwäsche.
„Die Flecken waren vielleicht Blut der in diesen Betten Ermordeten.“
In Toulouse war alles noch viel schlimmer:
„Der dem Lande eigene Haß gegen alle Ordnung und Reinlichkeit scheint in dieser Stadt aufs höchste gestiegen.“
Auch Carcassonne fand ihre Gnade nicht:
“Des so notwendigen Schattens wegen baute man hier die Häuser so nahe einander gegenüber, aber die Luft wird dadurch dumpf, drückend und der gänzliche Mangel der Reinlichkeit umso empfindlicher.“
Und auch nicht Montpellier:
Place de la Comédie
„Da wir bisher auf fast allen Flaschen mit wohlriechendem Wasser immer Montpellier gelesen hatten, so glaubten wir in unserer Einfalt, die ganze Stadt müsse wie der Laden eines Parfümeurs riechen. Wir fanden aber leider hiervon das Gegenteil. Von der hier herrschenden Unreinlichkeit ist es unmöglich, sich einen Begriff zu machen; das Auge wird ebenso beleidigt als die Nase.“ 
Ähnlich wenig gefielen ihr Avignon und Aix-en-Provence, jedenfalls abseits der stattlichen Bürgerhäuser und Brunnen auf dem Cours.
Stolpern über Cézanne
„Der übrige Teil von Aix ist winkelig und dunkel, und die darin vorherrschende Unreinlichkeit übersteigt allen Glauben. Die ganze Stadt hat etwas unordentliches, wir möchten sagen Unheimliches.“
Einmal immerhin hatte sie Glück. Im Gasthaus „A la Belle Suédoise“ in Saint Cannat. Trotz des verblichenen Wirtshausschildes ließ Johanna Schopenhauer anhalten.
„Wir stiegen aus, und auch das Innere des Hauses war zwar ärmlich, aber von einer Reinlichkeit, die wir in diesem Lande zu finden längst nicht mehr erwarteten.“
Die „schöne Schwedin“ stammte aus Stralsund – einst Schwedisch-Pommern - , hatte sich im Siebenjährigen Krieg in einen französischen Soldaten verliebt. Sie war ihm bis hierher, in die Nähe von Aix-en-Provence, gefolgt und freute sich, mit weit über achtzig Jahren inzwischen, wieder einmal deutsch sprechen zu können.

Und dann stieß sie gegen Ende ihrer Reise auf eine besonders saubere Stadt - ausgerechnet Marseille.
„Diese Reinlichkeit fiel uns besonders auf, und die schöne zierliche Stadt, in welcher sogar die Fenster zuweilen gewaschen werden, gefiel uns umso besser, je länger wir die Freude entbehrt hatten, alles um uns her sauber zu sehen.“ 
Grund dafür waren die Steinplatten auf den Bürgersteigen und die zahlreichen schmalen Rinnen, durch die im Hochsommer noch das Wasser strömte. Selbst Damen in weißen Schuhen könnten hier zu Fuß gehen. Eine Polizei, die streng auf Einhaltung der Sauberkeits-Vorschriften achte und die nächtliche Straßenbeleuchtung taten ein übriges.
 

Schloss und "griechischer Tempel" zwischen Pont du Gard und Uzès

Verwunschener Ort ein paar Meter neben der Straße
Die Platanen stehen nur noch auf einer Seite der Straße zwischen Remoulins und Uzès und das leider auf der falschen, nämlich der nach Norden gerichteten, spenden also dann, wenn sie es sollten, keinen Schatten. Manch einem huscht auf dieser Straße auf der Höhe von Argilliers ein romanisches Portal mit einigen so gar nicht dazu passenden Säulen durch den Rückspiegel. Wenn Sie das Gespür durchzuckt, hier etwas versäumen, dann fahren Sie gerade die nächste Straße rechts nach Argilliers rein, am Friedhof vorbei und dann rechts in den Chemin du Baron de Castille hinein.

Der Asphalt hört nach ein paar Metern auf und soweit es nicht gerade geregnet hat, bereitet der Fußweg durch die Weinberge keine Probleme. Plötzlich sehen Sie linker Hand eine halbkreisförmige gut erhaltene Kolonnade; der zweite Halbkreis ist den Zeitläuften zum Opfer gefallen, die Sockel sind teilweise noch zu erkennen. Andere sind, wie die umgestürzten Säulen auch, vom Efeu umwuchert.


Das Château de Castille in Uzes
Als der Baron de Castille sich kurz vor der Französischen Revolution dieses Schlößchen erbaute und dabei der zeitgängigen Italien-Sehnsucht nachgab, konnte er noch nicht ahnen, daß ihm dieses Refugium nur kurz vergönnt sein würde. Als Gabriel Joseph de Froment d’Argilliers kam er 1747 in Uzès zur Welt. Mit seiner Hochzeit mit Hermine Aline Dorothée de Rohan heiratete er später klug in eine der einflußreichsten Familien Frankreichs. Etwas mehr über die Geschichte der Familie finden Sie MIT DIESEM LINK . Das noch heute nach ihm benannte Stadtpalais in Uzès zeigt seine Vorliebe für Säulenvorbauten ebenso wie der Pavillon Racine auf der Rückseite des heutigen Gerichtsgebäudes und früherem Bischofssitz.

Das Schloß von Argilliers befindet sich heute in einem ordentlichen Zustand, was wesentlich zwei englischen Kunsthistorikern, darunter dem exzentrischen Douglas Cooper zu verdanken ist. Er hatte es Mitte der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts erworben und stilgerecht restauriert. Seine Einwohnerzahl hat der Ort seit jener Zeit vervierfacht, von 50 auf 200. Zu besichtigen ist das Schloß selbst nicht, es sei denn, Sie möchten es kaufen; unten mehr. Aber schon der Garten, der Säulengang und der auf der anderen Straßenseite hinter einer nur nach vorne abschirmenden Mauer befindliche Friedhof mit einem Tempel, der eine kurzbeinige Akropolis assoziiert, versetzen uns in eine ganz andere Zeit.

Die Liebe zur Antike auf dem Friedhof des Château d'Agilliers
Schnell von dort zurück geholt werden Sie allerdings, wenn Sie das direkt danebenliegende Antiquitäten- und Kuriositätenkabinet von Michèle und Jean-François Calame-Lelièvre betreten, sich zunächst von der Angebotsvielfalt verzaubern lassen und dann den Fehler machen, nach einem Preis zu fragen. Jean-François vom „Sabot Rouge“, dem roten Schnabelschuh, weiß sie in der Regel nicht und fragt seine Frau und dann ist es meist doppelt so teuer, wie Sie in Ihren schlimmsten Ahnungen erwartet hatten.

Fundgrube für einen überteuerten Einkauf
Also lieber sonntags auf den Flohmarkt in Uzès, gleich bei der Stadteinfahrt am Rugbystadion. Hier kauft Monsieur Calame die Dinge, die Sie ihm später abkaufen sollen, zu einem Zehntel des Preises ein, den Madame dann festsetzt; manchmal ist es auch ein Zwanzigstel.

Schloss mit Picasso-Fresken zwischen Pont du Gard und Uzes zu verkaufen
Keine Flohmarktpreise werden seit Februar 2016 von Sotheby's für das Schloss aufgerufen. Dennoch sind die 8,9 Millionen Euro, die es inklusive der großformatigen Picasso-Fresken kosten soll, sicher nicht überzogen. Noch weitere Wandgemälde aus der Sammlung Coopers sind im Schloss vorhanden. Die 560 Quadratmeter Wohnfläche und den zwei Hektar großen Park gibt es zur Kunst dazu. Und viel wilde Geschichten von und über Cooper, von denen sich einige schon in Wikipedia finden. Viel mehr aber in John Richardson Buch The Sorcerer's Apprentice: Picasso, Provence and Douglas Cooper, das 1999 bei University of Chicago Press erschienen ist. Wie er viel Geld gewonnen und verloren hat, als französischer Spion in England verhaftet wurde und sich mit Picasso über den Verkauf des Schlosses stritt; hergegeben hat er es damals nicht.