Pilgerziel seit mehr als eintausend Jahren: Grotte und Kapelle von Saint Vérédème |
Wer wirklich sehen will, wie ein Einsiedler im achten Jahrhundert in den Schluchten des Gardon gelebt hat, der braucht heute vor allem eines: Eine Taschenlampe. Denn ohne haben Sie den Weg - je nach Kondition Ordentliche Schuhe für die teilweise in den Fels gehauene Steigungen und mindestens ein Liter Wasser sollten ebenfalls zur Ausrüstung gehören. Kurz vor der Grotte befindet sich die einfache Kapelle, die Vérédème errichtete und die zu den ältesten christlichen Gebäuden des Languedoc gehört.
Mit viel Freude und viel Wissen: Pauline Bernard, mit Schlüsselgewalt, und Cyril Soustelle |
Wir beginnen die Tour mit einem kurzen Rundgang durch Sanilhac. Schon sind zwei Stunden vorbei, denn da ein längeres Schwätzchen, hier ein kurzer Händedruck, dort drei Küsse links, rechts, links und dann noch kurz zum Bäcker zum Einkaufen der Marschverpflegung und natürlich viele Informationen über heutige und ehemalige Bewohner. Alle haben Zeit.
Literarisch hat der Ort immerhin Albert Roux zu bieten, einen Felibre Sanilhacois, der Landwirt war und Dichter in okzitanischer Sprache wurde.
Ein wenig roch Albert Roux immer nach Petroleum |

Ein paar Schritte weiter kommen wir am Schloß vorbei. Es soll verkauft werden, wie andere Häuser im Ort auch. Die Nähe zu Uzès hat die Preise ins Astronomische wachsen lassen. Und kaum einer der Engländer oder Schweizer, die hier gekauft haben, weiß, daß sich einige der aus bröseligem Sandstein gebauten Häuser langsam regelrecht auflösen. Sie wundern sich, daß in den Gewölben im Erdgeschoß jeden Morgen der Boden gefegt werden muß und daß Fenstersimse einfach abbrechen. Ein Spaziergang mit Cyril hätte vorher Klarheit geschaffen.
Pauline Bernard hat die Schlüssel dabei. So kommen wir in die Kirche des Heiligen Laurent, dessen Statue links neben dem Altar steht.
Veredemus (re) und Laurent in der Saint-Laurent-Kirche in Sanilhac |
Um das Jahr 700 ist er aus Griechenland nach Südfrankreich gekommen, die Rhone und den Gardon hinauf gefahren und in Sanilhac an Land gegangen. Er war vielbesuchter Einsiedler und hatte in kurzer Zeit, auch durch Wunderheilungen, einen Ruf erlangt, daß er zum Bischof von Avignon ernannt wurde. Aber auch in dieser Funktion hat er sich immer wieder längere Auszeiten in seiner Grotte de la Baume genommen.
Fast eintausendzweihundert Jahre haben die Bewohner der Region mit ihm gelebt und ihn in einer jährlichen Prozession zu seiner Grotte um Regen angefleht. Seit 1962 tun sie das nicht mehr. Die zu trockenen Jahre mehren sich; natürlich nicht deswegen, aber so ein Jahr wie 2017 ohne Regen seit März, Waldbränden und einer um ein Drittel geringeren Traubenernte und entsprechenden Verdienstausfällen möchte hier niemand wieder haben. Im Dorf spricht man schon davon, die Fürbitten an Veredemus wieder aufleben zu lassen. Auch die Schafhirten der Crau verehrten Vérédème als ihren Schutzheiligen.Dort regnet es noch weniger.
La Baume gibt es gleich zweimal in Sanilhac, natürlich Grotte, die wir gerade besucht haben, dann aber auch das gleichnamige Restaurant. Der Besuch von beiden ist empfehlenswert.
Allerdings ist die Reihenfolge der Besuche vorgegeben. Wer gegen elf Uhr dreißig einen Blick auf das Tagesmenue wirft und dann zu dem Schluß kommt, die halbe Stunde bis Mittag könne doch gut mit einem Apéro überbrückt werden, der hat schon verloren.
Man sitzt unter Olivenbäumen, an der Lavendelhecke und blickt über die Weinberge zum Mont Ventoux. Mehr Provence geht nicht. Und wenn nach dem Essen die Flasche Wein noch nicht ausgetrunken ist, ist man geneigt, den Nachmittag hier ausklingen zu lassen. Oder man ist besonders willensstark. So jemanden hat der Chef de Cuisine, eine besonders stattliche Koch-Erscheinung, aber noch nicht kennen gelernt. Und wir wollten seinen Erfahrungsschatz nicht widerlegen.
Die Straße übrigens, die nicht weit von Sanilhac ins Gardontal führt, mag älteren Kinobesuchern bekannt vorkommen. Hier fuhr 1952 Yves Montand den mit Sprengstoff beladenen Lastwagen in „Lohn der Angst“.
