Freitag, 25. September 2020

Rademacher’s „Stille Nacht in der Provence“


Miramas-le-Vieux hoch über dem Etang de Berre (c) OTM


Was lernen wir aus diesem Buch? Zumindest das: Wenn ein Paar sich nichts mehr zu sagen hat, ist ein Tesla das falsche Auto. Nicht einmal ein Motorengeräusch, das das Schweigen auf der siebenhundert Kilometer langen Anreise in die Provence unterbricht. Dafür aber eine um viele Stunden verlängerte Schweige-Qual an den Ladesäulen, unterbrochen allenfalls um einen schlechten Raststätten-Espresso. Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Ich bin ein entschiedener Befürworter von Elektroautos, etwa wenn man Zigaretten holen muß oder Brötchen. Nur darf man die Investition nicht auf den Brötchenpreis anrechnen. 

Tatsächlich zuletzt im Jahr 2009: Schnee in Miramas (c) quentinb.overblog.com und die Chapelle Saint Julien, in der die meisten Dorfbewohner die Christmette feiern, während ein Dreigestirn nebenan ein Grab öffnet .

Die spannende Geschichte mit einem unerwarteten Ende spielt im tief verschneiten Miramas-le-Vieux, dem winzigen Örtchen hoch über dem Etang de Berre, nicht weit von Marseille. Einige Male sicher wird Rademacher durch die Gassen geschlendert sein, um die Locations für diesen Roman einzuatmen. Wer je dort war, kann den Wegen der Protagonisten durch das Dorf folgen, für alle anderen folgt hier der Stadtplan und der Link zu den wenigen Sehenswürdigkeiten: den Ruinen des Schlosses und der Kapelle Saint-Julien auf dem Friedhof, auf dem sich am 24. Dezember Seltsames tut.


Nicht drei Männer im Schnee, aber drei Personen mit Taschenlampen und Schaufeln… An diesem Heiligen Abend werden keine Weihnachtslieder gesungen, dafür aber ein Grab geöffnet, in dem nicht nur die Leiche desjenigen liegt, dessen Namen man darüber auf der Gruft lesen konnte. Der echte Brad Pitt wurde aber hier nicht gefunden, aber der hätte sicher auch nicht sein Handy am falschen Ort vergessen.

Da irgendwo muß der Sarg sein. Und die Schranke hält mal die Bösen auf und mal die Guten.


Ich gestehe: Die Bücher von Cay Rademacher - der ja selbst im Midi wohnt und die Atmosphäre aus eigener Anschauung beschreibt - lese ich gerne, vor allem wenn sein Capitaine Roger Blanc ermittelt. Insofern bin ich befangen, wenn ich die „Stille Nacht in der Provence“ hier vorstelle. Doch diesmal ist es Kommissar Jean-Michel Zulesi, der ermittelt. Während Blanc aus Paris in den Midi strafversetzt wurde, wurde Zulesi aus Marseille abgeschoben, weil er einen jungen Drogendealer erschossen hatte. Der verlotterte Zulesi scheint sich aber gar nicht besonders für den verschwundenen Sarg zu interessieren, den Andreas Kantor im tief verschneiten Miramas-le-Vieux hoch über dem Etang de Berre entdeckt hat. 

Zeigen kann er seinen Fund allerdings niemand mehr, denn er Sarg, so er denn da war, ist verschwunden. Seine Frau Nicola und die Dorfbewohner glauben ihm kaum bis überhaupt nicht und raten ihm, wie Zulesi, die ganze Sache zu vergessen und sich auf Weihnachten zu freuen. Also versuchen sich die Kantors selbst als Ermittler – unter anderem mit einer im Roman erlaubten, sonst aber eher unwahrscheinlichen Kletterpartie über verschneit-rutschige Dachziegel, die an diesem Tag sogar der Dachdecker abgelehnt hätte.

Verschneite Zypressen und Pinien auf einem dunkelvioletten Nachthimmel mit goldenen Sternchen auf dem Schutzumschlag lassen einen gleich an das Weihnachtsgeschäft denken, das Buchhandel und Autoren in diesem Jahr nötiger haben denn je. Und dazu als Hardcover mit einem silbernen Lesebändchen, damit es etwas hermacht als Geschenk. Das haben die Marketing-Menschen von Dumont sich gut ausgedacht. Das wird funktionieren. Die „Stille Nacht in der Provence“ gehört auf den weihnachtlichen Gabentisch.

Rademachers Provence-Krimiserie ist inzwischen um jährlich einen Band angewachsen: 

    ›Mörderischer Mistral‹ (2014), 

    ›Tödliche Camargue‹ (2015), 

    ›Brennender Midi‹ (2016), 

    ›Gefährliche Côte Bleue‹ (2017), 

    ›Dunkles Arles‹ (2018), 

    ›Verhängnisvolles Calès‹ (2019) und 

    ›Verlorenes Vernègues‹ (2020). 

Mal sehen, ob er das (hoffentlich) durchhält.

 

Samstag, 19. September 2020

„Zürich liest“ und Hammes erzählt


Bitte Platz nehmen in der Buchhandlung zum Mittelmeer in Zürich

 
Am 24. Oktober um 17.30 begleitet Sie der Dokumentarfilmer und Schriftsteller Manfred Hammes kenntnis- und anekdotenreich „Durch den Süden Frankreichs“ (erschienen bei Nimbus in Wädenswil). Wir begegnen Künstlern und Literaten, Köchen und Lebenskünstlern; und das mit vielen Bildern und Filmausschnitten. Wo? In der Buchhandlung zum Mittelmeer „Milles et deux feuilles“ in der Glasmalergasse 6. Und ab 19 Uhr haben Sie dann den Rest des Abends für sich – wenn Sie mögen.

Charlotte Nager und Andrea Peterhans freuen sich auf Ihren Besuch und darauf mit einem Glas Wein aus dem südfranzösischen Weinberg des Autors mit Ihnen anzustoßen.

Wir begegnen Vincent van Gogh in Arles, reisen mit Robert Louis Stevenson und seinem Esel durch die Einsamkeit der Cevennen, in die sich auch die Kamisarden und die französische Resistance zurückgezogen hatten. Wir treffen Ysabelle Lacamp, die die Geschichte der Protestantin Marie Durand aufgeschrieben hat, die mehr als dreissig Jahre im Tour de Constance in Aigues-Mortes gefangen war. Birgit Vanderbeke kocht mit uns ein Pilzragout, das speziell für Männer tödlich ist, und wir folgen den deutschsprachigen ExilliteratInnen auf ihrer Flucht vor dem Nationalsozialismus.

Das Festival „Zürich liest“ ist fester und wichtiger Bestandteil des Zürcher Kulturkalenders. Gestaltet von Verlagen und etablierten Institutionen wie dem Literaturhaus, dem Schauspielhaus, den Theatern Rigiblick und Neumarkt und vor allem Buchhandlungen.

„Es ist ein Festival, dessen Stärke sich gerade nicht in der Konzentration auf ein eigentliches Festivalzentrum zeigt, sondern in der Entfaltung und Verteilung über die ganze Stadt“, definierte der Schriftsteller Michael Fehr, der 2018 den Schweizer Literaturpreis erhielt.

Samstag, 12. September 2020

Nr.1: Das Olivenöl aus dem Gard

Gepflegter Olivenhain in der Nähe der "Großen Mauer" von Martignargues
Als Racine nach Südfrankreich kam und bei seinem Onkel nahe Uzès wohnte, konnte er sich nicht vorstellen, daß man mit Olivenöl kochen könne. Für ihn durfte es nur Butter sein, aber die Köchin des Onkels hat ihn schnell bekehrt und er schrieb dann sogar über den „wunderbaren Geschmack“ des Olivenöls. Mehr dazu in meinem Buch "Durch den Süden Frankreichs".




Die geschützten Ursprungsbezeichnungen (siehe Karte) gab es damals natürlich noch nicht, aber die französischen Olivenöle gehörten schon damals zu denen, mit denen sich der Adel und die reichen Bürger eindeckten.

Heute existieren strenge Regeln für den Anbau und die Produktion und die Rückverfolgung der Oliven; auch sind nicht alle Olivensorten für die Herstellung des Öls zugelassen. Das allerdings interessiert die privaten Ablieferer, die ihre 10 oder 20 Kilo Oliven im Januar zur Mühle bringen herzlich wenig; da wird bunt gemischt. Für seine 20 abgelieferten Kilogramm bekommt man hinterher 3 Liter Öl.

 
In Frankreich gibt es entgegen vielleicht allen Vermutungen nur sehr wenige Olivenbäume. Der Verband spricht von 1,3 Millionen Bäumen, von denen in der Provence und dem Languedoc rund 5.000 Tonnen Öl
gewonnen werden. Das ist sehr wenig und reicht gerade einmal für die Abdeckung von 4 Prozent des in Frankreich verbrauchten Öls. Alles andere kommt aus Spanien, Italien und Griechenland; und gelegentlich soll auch aus EU-geförderten Olivengärten kommen, die tatsächlich gar nicht existieren. Nicht mal 2 Prozent der gesamten Produktion stammen aus Frankreich.

Jeder hat seine besonderen Vorlieben für ein bestimmtes Olivenöl aus einer bestimmten Ölmühle. Manche schwören auf die Öle aus Nyons oder Les Baux- für die ein sehr gutes Marketing gemacht wird. Für mich geht nicht über die Öle von Paradis in Martignargues und Soulas in Collorgues (auf der Karte im "grünen Gebiet" um Nîmes), beide gerade mal ein paar Kilometer voneinander entfernt. Vor ein paar Jahren hat eine Tochter von Soulas nach einem Streit mit ihrem Vater einmal ein paar ihrer Oliven an Paradis gegeben. Sie können sich ausmalen, daß darüber nicht in aller Stille gesprochen wurde.

Roger Paradis und sein Sohn Christophe sind spezialisiert auf die Sorte Picholine. Bei Soulas werden auch Négrette, Coille und Cul-Blanc verarbeitet. Vieles hier ist Handarbeit und entsprechend sind die Preise: knapp 20 Euro kostet der Liter.


Christophe Paradis mit seinem Lieblingsbaum
und danke an Caroline Ducasse und Ralph Schetter
für ihre Bilder.

Samstag, 5. September 2020

Jean-Pierre Chabrol's Themen: Widerstand und Cevennen

In Chamborigaud, tief in den Cevennen ist Chabrol geboren, einem Städtchen das einmal 1000 und heute viel weniger Einwohner hat. Im ersten Stock der Mairie kam er zur Welt, das war damals die Dienstwohnung des Lehrers. Und gleich neben der alten Brücke, die in seinen Büchern und Filmen immer wieder


auftaucht, so in „Ma Jeanette et mes copains“, wo die Dorfkinder dort ihre Badestelle hatten. 
 

Lesungen bei der Fahrt über das Viadukt zwischen Genolhac und Chamborigaud
 Gegenüber seinem Geburtshaus wird heute von Marie Tholimet in einer kleinen Ausstellung an den Schriftsteller erinnert. Und auch daran, wie er bis zu seinem Tod im Jahr 2001 immer wieder Lesungen in Eisenbahnwaggons anbot, wenn der Zug zwischen Genolhac und Chamborigaud verkehrte.

Mit seinem Großvater ist er schon als Junge immer wieder in den Cevennen unterwegs gewesen, durch die Kastanienwälder und hoch zum Mont Lozère. Diese Landschaft hat sein Leben und Schaffen geprägt, war Quelle seiner Inspiration: Der Widerstand der Kamisarden wie der Résistance, die Kämpfe der Minenarbeiter um bessere Arbeitsbedingungen und die vergessenen Bauern und später aufgegebenen Bauernhöfe in der Region. Auch in selbst hat es schon mit 19 Jahren im Frühjahr 1944 als Mitglied der kommunistischen FTP (France Tireurs et Partisans) in die Résistance gezogen.


Kurz nach dem Krieg hat er Noëlle Vincensini geheiratet, eine korsische Widerstandskämpferin, die aus dem Konzentrationslager Ravensbrück während der Todesmärsche im Mai 1945 geflohen war. 1953 erschien mit „Die letzte Patrone“ sein erster und teilweise autobiografisch geprägter Roman über die Widerstand in den Cevennen. 1961 erschien mit „Die Narren Gottes“ sein erfolgreichster Roman, der auch verfilmt wurde. Von Chabrols Büchern ist kaum eines in deutscher Sprache erschienen.

Lange Jahre arbeitete Chabrol als Redakteur bei der von Jean Jaurès gegründeten kommunistischen Zeitschrift L’Humanité.

Sein Grab befindet sich, wie bei Protestanten in den Cevennen oft, auf einem Grundstück der Familie, dem Mas du Gravas, in Pont-de-Rastel bei Genolhac.



Samstag, 29. August 2020

Canal du Midi: In Le Somail geht der Lesestoff nicht aus

Was mit der Einweihung des Canal du Midi im Mai 1681 begann, wurde im 19. Jahrhundert mit dem Garonne-Seitenkanal vervollständigt: Ein Wasserweg vom Mittelmeer zum Atlantik, der schon in der Antike ein lang gehegter Traum war. Heute ist der Kanal UNESCO-Welterbe und ein beliebtes Revier für Hausboote. Die ehemaligen Treidelpfade sind ideale und autofreie Fahrradwege.

Danke an Caroline Ducasse und Ralph Schetter für die Bilder
Um die genialen Baumaßnahmen von Pierre-Paul Riquet zu verstehen, muss man zum Ursprung gehen. Und der liegt unter dem Stausee St. Ferréol. Die größte Schwierigkeit beim Bau des Canal du Midi im 17. Jahrhundert bestand in einer ausreichenden Versorgung des Kanals mit Wasser, um die Wasserscheide von Naurouze zu überwinden. Mit dem Bau eines Stausees in der Montagne Noire und der Ableitung durch einen Zuflusskanal war das Problem gelöst. Allerdings erforderte die Zuführung eine Regulierung entsprechend der Niederschlagsmengen. Das im Maison de l'Ingénieur eingerichtete Musée du Reservoir erklärt das gigantische Werks Riquets. Beim Besuch der Galerie unterhalb des Stausees lässt sich anhand der riesigen Leitungshähne die technische Leistung von vor fast vier Jahrhunderten ermessen. 

Ist die Schleusentreppe von Fonseranes schon am Tage eine Attraktion, so bietet sie mit großartigen Beleuchtungseffekten nachts einen einzigartigen Anblick.
Die von Pierre-Paul Riquet erdachten neun Schleusenkammern ermöglichen seit dem 17. Jahrhundert Lastkähnen und Booten den enormen Höhenunterschied bei Bezièrs problemlos zu überwinden. Das Meisterstück von Riquet erwies sich zuverlässiger als eine später installierte technische Einrichtung, die längst nicht mehr in Betrieb ist. Die gesamte Anlage ist am Tage ein beliebtes Ziel um Freizeit-Kapitäne beim Schleusen zu beobachten und abends wird die Esplanade zur Flaniermeile. Im Maison "Coche d'eau" kann man sich das Werk von Riquet erklären lassen oder im Restaurant "Le 9" ein Essen mit lokalen Produkten und Blick auf die Schleusen genießen. Nach 241 Kanalreise und 73 Schleusen später ist man am Atlantik. Auf der Rückfahrt landet man bei Marseillan wieder im Etang de Thau.

Unterwegs einen Besuch wert:
Moissac, romanische Abtei und Brückenkanal Cacor,
das Schiffshebewerk Montech,
der Stausee St. Ferréol und das Musée du Réservoir und

das Antiquariat Le Somail mit seinen mehr als 50.000 Büchern.

Samstag, 22. August 2020

Kasperski's Frauen von Camaret

Camaret-sur-Mer: Rund um den Vauban-Turm
ein Paradies für Schiffswrack-Liebhaber
Gabriela Kasperski liebt die Bretagne und scheinbar noch mehr die Menschen dort, zum Beispiel Nadège, Vivienne, Ayala, Magalie und Aileen. Natürlich sind auch ein paar Männer im Spiel, eher am Rande; die machen dann Komplimente, benehmen sich daneben oder sind wenigstens handwerklich einzusetzen. Aber insgesamt würde ich dem Buch einen anderen Titel geben: „Die Frauen von Camaret“ – und den Hinweis, es sei ein Kriminalroman,


weglassen. Scheinbar war der Verlag sich dabei auch nicht ganz sicher, denn das Wort findet sich auf dem ur-bretonischen Titelmotiv ziemlich klein zwischen Gicht und Wolken. Das Bild zeigt übrigens den Leuchtturm vor der Landspitze Pointe du Raz auf einem Felsen, der La Vieille, „die Alte“ heißt. Die französische Post hat ihn briefmärklich verewigt.

Manchmal wochenlang mußten die beiden Leuchtturmwärter auf La Vieille aushalten, ehe eine Ablösung möglich war.
Meine Frau fragte mich nach der Lektüre: „Warum sollte ich eigentlich diesen Frauenkrimi lesen?“ Ja, genau deshalb! Ihr hat er gefallen, mir nicht, was aber nichts gegen das angenehm zu lesende Buch und seine Protagonistin Tereza Berger, die Petite Suisse, sagt, die in Camaret-sur-Mer ein Haus geerbt hat und innerhalb weniger Tage sich ein funktionierendes Frauen-Netzwerk aufbaut, so gut, daß sie beschließ dort zu bleiben und – was sehr sympathisch ist – eine deutsche Buchhandlung zu gründen. Drücken wir ihr die Daumen, daß das in diesem kleinen Örtchen funktioniert, das seit 1975 eine ständig sinkende
Steilküsten und Sandstrände in der Umgegend von Camaret-sur-Mer
Einwohnerzahl hat; gerade mal zweieinhalbtausend sind es noch. „Die alten Säcke“ der Groupe des Anciens versuchen die kleine Schweizerin aus dem Ort zu ekeln, was aber natürlich nicht gelingt. Da passt dann schon „Morwen et sa soif pour les hommes“ auf, die Sindarin, die die Jüngeren aus dem Herrn der Ringe kennen. Kasperski erzählt im Buch die ganze Sage von Gwenach’ram, dem Leuchtturmwärter und neunfachen Vater von Mädchen…

Alles in allem eine leicht und locker geschriebene Strandlektüre, bei der es für den Fortgang der kriminalistischen Handlung kaum etwas ausmacht, wenn der bretonische Wind einmal ein paar Seiten weiterblättert.

Gabriela Kasperski: Bretonisch mit Meerblick. Emons Verlag, 12 Euro

 

Freitag, 14. August 2020

Rainer Zweig: Allerhöchst eigenhändig gezeichnet


Rainer Zweig mit Dorade (?)
Vor mehr als dreißig Jahren hatten wir beruflichen Kontakt, beide natürlich schon damals südfrankophil angehaucht, uns dann aus den Augen verloren und nun sind wir gegenseitig Besitzer unserer Bücher über den Midi, die sich sogar in den Titeln ähneln: Rainer Zweigs „Unterwegs in den Süden Frankreichs“ und mein „Durch den Süden Frankreichs“.
Und dennoch sind die Unterschiede und die Herangehensweise gewaltig anders. Ich kann nur schreiben, aber Zweig kann zeichnen zum neidisch werden. Entsprechend hat er sich mit Aquarellkasten und Skizzenbuch auf den Weg gemacht. Durch Burgund und das Tal der Rhône ans Mittelmeer nach Les Saintes und dann nach Westen, nach Sète, Agde und Collioure und zurück durch die Cevennen, dort, wo sie so wunderbar einsam sind. Oder haben Sie schon von Gravières oder Les Vans gehört?

Zweig ist stilistisch nicht festgelegt, das macht sein HundertSeitenBuch so spannend und läßt jeden nach Gusto seine Parallelen entdecken. Von Landschafts-Comics über schnell skizzierte oder fein ausgearbeitete Blätter. Die Panoramaansicht von La-Voulte-sur-Rhône hätte Vincent mit seiner Rohrfeder wahrscheinlich sehr ähnlich gezeicnet. Dabei bewegt sich Zweig auf den Spuren der Reisenden des 18. und 19. Jahrhunderts, die ihre Reisen in individuellen Reisebeschreibungen dokumentierten.

Nicht alle zeichneten selbst, Goethe etwa ließ sich von Tischbein malen, aber viele, wie Humboldt oder Alexander Graf von Monts und sogar der Kaiser von Österreich-Ungarn zeichnete als Fünfzehnjähriger sene Reise nach Dalmatien: „Album enthaltend 6 Blatt Reise-Erinnerungen aus Dalmatien 1845, allerhöchst eigenhändig gezeichnet und lithographirt von Sr. Majestät Kaiser Franz Joseph I.“ Auch seine Fischerin aus Sète hätte vor 175 Jahren entstanden sein können und ebenso der Blick in die Gassen von Les Saintes Maries - statt der Telefonleitungen denken wir uns die Wäscheleinen.


Es war nicht immer so einfach an die Standorte für die Bilder zu gelangen. Vor allem die Bilder aus dem Tal der Ardèche haben ziemlich schweißtreibende Klettertouren erfordert, ebenso wie an der Felsenküste um Collioure. Aber die Ergebnisse sind es wert.


Rainer Zweig: Unterwegs in den Süden Frankreichs. Eine Reise von Burgund bis in die Pyrenäen mit Zeichenblock und Stift und Pinsel. 102 Seiten. www.atelierzweig.de , Rhodt in der Weinstraße 11.

Freitag, 7. August 2020

Cannes: Sogar noch Restaurants für die Menschen von hier


Luc: Stolz auf die Familientradition
Seit 1935 gibt es Cannes (in der Rue Meynadier Nummer 80) ein Restaurant für die Leute von hier: "Aux Bons Enfants". Luc, der heutige Chef weist zurecht mit dem Finger auf seine Vorfahren. "Cuisine de famille" steht auf dem alten Foto zu lesen und so ist es auch heute noch.
Zudem eines der wenigen Restaurants, in denen man während der Filmfestspiele oder der Gewerbe-Immobilienmesse MIPIM nicht die Preise erhöht, also
meist mindestens einfach verdoppelt; aber diese leicht gemachten und unseriösen Umsatzzuwächse sind ja zum Glück derzeit ohnehin nicht möglich. Lange hatte das Restaurant keinen Telefonanschluß, "einfach weil sowieso immer voll ist" - natürlich gebe ich Ihnen die Handynummer von Luc nicht weiter. Und bis heute wird Plastikgeld nicht akzeptiert. Ein Geldautomat ist aber ganz in der Nähe.

Einfache, ordentliche und reelle Familienküche "Aux Bons enfants"
Einen Eingang daneben befindet sich das damengeführte "La Farigoule", in dem ich mittags schon ein paarmal gegessen habe. Reservierungen für mehr als vier Personen werden nicht angenommen. Klein, eng aber eine gute Adresse, wenn man mit den Stammgästen aus der Altstadt ins Gespräch kommen will und - etwas übertrieben - es Ihnen nichts ausmacht, praktisch in der Küche zu essen. Das Farigoule hat sich zum Treffpunkt vieler Journalisten entwickelt, weil die scheinbar eh nie zuhause sind und hier eine Art Familienanschluß suchen und finden.

Samstag, 25. Juli 2020

Mont Ventoux: Sterben am Berg

Wie man  sein Leben auf der Abfahrt von Mont Ventoux riskiert - und das bei Gegenverkehr und ganz ohne Doping - SEHEN SIE HIER . Nach rund sieben Minuten will der Fahrer mit seinem Rennrad eine Geschwindigkeit von 131,8 km/h erreicht haben. Und sie scheint kein Fake zu sein - diese Chronik eines dann doch nicht zustande gekommenen Todes. Kleiner Tip: Fahren Sie langsam runter, zum Beispiel mit nur 94,3 km/h; dann überholen Sie immer noch locker jedes Auto.

Die meistfotografierte Ansicht auf dem Weg zum Gipfel des Mont Ventoux ist seit 1967 ein weißer Gedenkstein, an dem Sie, kurz vor dem Gipfel vorbeifahren. Als Autofahrer jedenfalls. Jeder Radfahrer steigt an dieser Stelle ab, um ein kurzes Gedenken an Tom Simpson einzulegen und um einen persönlichen Gegenstand abzulegen, einen Handschuh, die ausgediente Sonnenbrille oder eine leere Wasserflasche.

Stilles Gedenken und Rastplatz zugleich
Hier ist der Radrennfahrer Simpson gestorben.
"No mountain to high, daddy",
haben seine Kinder auf den Gedenkstein gravieren lassen.

Seine letzten Meter sehen Sie HIER IM VIDEO , die Ausgabe des Guardian vom 14. Juli KÖNNEN SIE HIER NACHLESEN .

Ob sich tatsächlich nur Wasser im Simpsons Trinkflaschen befunden hatte, ist fast nebensächlich. In seinem Körper befand sich neben dem Cognac, der den gegen seine Magenbeschwerden getrunken hatte, jedenfalls zu wenig Wasser. Er dehydrierte. Das hing auch mit dem damaligen Reglement zusammen, das den Fahrern nur gestattete vier Halbliterflaschen mitzuführen.

An einem Freitag, einem 13., ist der erste englische Träger des Gelben Trikots auf der Tour-Etappe von Marseille nach Carpentras hier gestorben, an einer Überdosis von Amphetaminen; inzwischen wird das Doping ja besser beherrscht. Zahlreiche Sportjournalisten hatten die erste offizielle Diagnose übernommen: Hitzschlag. Als dann aber, nach den ersten Wiederbelebungsversuchen durch den Tour-Arzt Pierre Dumas noch vor Ort, Simpson ins Krankenhaus nach Avignon geflogen worden war und man die Leiche anschließend nicht zur Beerdigung freigab, war spätestens dann auch in der Öffentlichkeit klar, daß die Radheroen und die Tour ihre Unschuld verloren hatten.

Am nächsten Tag durfte Simpsons Teamkollege Barry Hoban, der später auch dessen Witwe heiratete, die Etappe nach Sète gewinnen. Nur noch selten ist der Ventoux Bergankunft einer Tour-Etappe. Das hängt ganz einfach damit zusammen, daß dort oben neben der Wetterstation nur noch der Kiosk von Madame Brusset ist und deswegen die großen Sponsorbeträge eines Wintersportzentrums wie Alpe d’Huez hier fehlen. Aber bei der einhundertsten Ausgabe der Tour durfte natürlich der „Kotzbrocken“, wie die Rennfahrer den Mont Ventoux nennen, nicht fehlen.


Wer von Malaucène aus als Nichtprofi auf den Berg startet, kann sich am Abend zuvor seine Kohlehydrate im Restaurant "Mon Ventoux" zuführen. Draußen neben der Speisekarte hängt ein Foto von Eddy Merckx, der darauf nicht gerade so aussieht, als könnte man ihm mit einem 13-Euro-Nudelmenue eine besondere Freude machen. Jedes Jahr kostet der Berg ein paar, in der Regel untrainierte Leben. Mancher schafft es wenigstens noch per Helicopter nach Avignon.



Freitag, 17. Juli 2020

Die Sommer des Peter Kurzeck in Barjac und Les Saintes Maries de la Mer

Es gibt den kölschen Text von Wolfgang Niedecken über Jupp, den er in einer Kneipe am Kölner Severinstor kennenlernt:
„Jo, dä Jupp trick jraad sing Sejel huh, un er nimmpt dich met, jedenfalls meint er et, un er verzällt sich fruh. Wie jeden Daach verzälld e, wat em wo passiert ess. In singer eijene Welt, janz ob sich selvs jestellt. Oh Mann, wer kann dat schon?“ *
Kurzeck kann das - in seiner eigenen Welt, ganz auf sich selbst gestellt. Jetzt ist er endlich da, Peter Kurzecks schon zwischen 1998 und 2001 geschriebener siebter Band über „Das Alte Jahrhundert“, der die Sommer 1983 und 1984 umfasst. Schon für 2017 war er vom Verlag Stroemfeld angekündigt, bevor er jetzt bei Schöffling, und betreut vom gleichen Herausgeber/Lektorenteam, erschien.

Wer den Süden Frankreichs liebt, findet leicht unterschiedlichste Gründe das Buch von Peter Kurzeck „Der vorige Sommer und der Sommer davor“ zu kaufen. Es ist ein Werk, in dem man immer wieder versinken kann, bestens mit einer Flasche Rosé an einem heißen Augusttag mit Blick auf die Ausläufer der Cevennen.

Und dann ganz banal: Es ist ein preiswertes Buch mit seinen 656 Seiten für 16 Euro; dabei unterstelle ich einfach, daß Sie es mindestens zweimal lesen. Wer dieses Sommerbuch nur einmal liest, überliest zuviel. Denn da entsteht, anhand der x-fach überarbeiteten und dann endlich zum Druck freigegebenen Notizen des großen Romanciers, ein Bild des Midi, wie wir es vielleicht selbst schon einmal gespürt haben, es aber nicht aufschreiben oder ausdrücken konnten. Und doch kommt einem alles so bekannt vor.

Nicht jeder empfindet Spaß an einer Kurzeck-Lektüre und manche haben sich erst beim zweiten oder dritten Buch in seinen unverwechselbaren Stil eingelesen oder lassen es dann spätestens ganz. Ist ja auch viel Arbeit, wenn man die vielen Worte, die er weglässt. Dazudenken muß, hätte Kurzeck schon nicht mehr geschrieben. Querlesen gilt nicht. Ehrlich ist er ja, der Autor, wenn er seine Freundin Sibylle sagen läßt:

„Eigentlich schreibst du deine ersten Kapitel, um die Leser abzuschrecken! Das nicht, sage ich, nicht direkt. Aber sollen wissen worauf sie sich einlassen.“ 
Für wen das Sommerbuch das erste Buch des Autors ist, der fängt am besten auf Seite 99 an und hört erst mal auf Seite 343 auf. Das ist die Geschichte dieser südfranzösischen Sommerreise mit Sibylle und der gemeinsamen Tochter Carina. Das Trio trampt nach Barjac, um Jürgen und Pascale zu besuchen, die dort ein letztlich erfolgloses Restaurant aufgemacht haben, und zieht von dort weiter ans Meer, nach Les Saintes Maries de la Mer, wo sie eine Ferienwohnung gemietet haben.

Mehr als in diesem einen Satz beschrieben, passiert auf den 244 Seiten über Südfrankreich nicht und doch sind es viele und dichte Bilder, die Kurzeck in uns entwickelt. Bilder von einer vielsprachigen Vermieterin in Gummistiefeln, goldenen Käfern und glücklichen Eidechsen, immer wieder Espresso, nicht gekauften Kleidern, Möwen, Zigeunerinnen in bunten Röcken, die ihn ansehen, als gehörte er zu ihnen und immer wieder dem fehlenden Geld.
Sara: Die für die Zigeuner wichtigste der "Marien"

Kurzeck, der 2013 mit siebzig Jahren und viel zu früh - vor allem für sich selbst und sein noch abzuarbeitendes Pensum - starb, war kein Schnellschreiber. Manchmal, so gesteht er uns, brauchte eineinhalb Tage, um einen angefangenen Satz überhaupt zu Ende zu schreiben. Hier zusammengefügt ein paar Zitate von den Seiten 35, 113, 115, 213, 219, 280, 292 und 625:


„Ich muß einen Moment beschreiben, auch wenn ich zehn oder zwanzig Jahre dafür brauche. Ich schreibe auf Papierservietten, Bierdeckel, Zigarettenschachteln, Tesafilm, Packpapier, Käseschachteln aus Spanholz und Schmirgelpapier. Lesen, korrigieren, umschreiben, dann Notizen sortieren und auf bessere Zettel übertragen. Nach und nach wird aus den Zetteln ein Anfang. Lesen, ändern, dazu schreiben, bis man es kaum noch lesen kann und nächstens bald wieder abtippen muß. Manchmal muß mein Freund Jürgen mit einer Lupe meine Notizen entziffern. Jeden Abend eine neue Reinschrift.“
Wer so radikal-autobiografisch arbeitet, macht es sich selbst nicht leicht, vor allem aber denen nicht, die ihn, oft dann nur ein kurzes Stück auf dem Weg begleiten. Kurzeck-Freunde sprechen von ihm als ihrem ehemaligen Freund und auch Sibylle ist bald weg und nimmt Carina mit. Und dann antwortet Kurzeck:
„Was denkst Du, wie anstrengend es für mich ist, daß ich immer ich bin!“
Kennengelernt haben wir uns 2011 in Uzès. Mit der Bemerkung, ich sei eben noch dem Schriftsteller Peter Kurzeck begegnet, hatte ich eine Verspätung gegenüber meiner Frau ins literarisch rechte Licht rücken können. Unseren Thé à la menthe haben wir meist im «L’Oustal» getrunken. "Rund um die Uhr reicht die Zeit nie ganz aus", räsoniert der Ich-Erzähler in seinem Roman "Als Gast", und lieferte das zeitliche Argument für die Entschuldigung gleich mit.

Der in Böhmen geborene Vielfachpreisträger lebte einige Zeit als sorgfältiger Archivar der eigenen Biographie immer mal wieder auch mitten in Uzès und inventarisierte seine Umgebung; und mehr noch seine Erinnerungen. Und wenn dann die Nachmittagssonne Schattenspiele der Platanen in sein Arbeitszimmer projizierte und der Nachbar nicht gerade in einem Renovierungsanfall mit dem Bohrer neben Kurzecks Bett die Wand durchstieß, konnte er in Ruhe die zehnte Korrektur seiner getippten Texte zurechtfeilen. Ob und wann er den meiner Frau vor einigen Jahren beim «Hausacher Leselenz» im Schwarzwald versprochenen Uzès-Roman abliefern würde, hat sie mit viel Geduld und bis zu seinem Tod abgewartet. Bisher leider vergebens.

Aber vielleicht hat Günter Kämpf, der Gründer des Anabas Verlages, in der Wohnung in Uzès noch etwas gefunden? Er hatte mit seiner Frau dort die Wohnungsauflösung abgewickelt. Dann wären Rudi Deuble und Alexander Losse an der Reihe, die mit dem Sommerbuch eine bewundernswerte editorische Arbeit erbracht haben. Besser hätte Kurzeck das auch nicht hinbekommen. Nur wäre dann das Buch noch nicht erschienen.




Peter Kurzeck: Der vorige Sommer und der Sommer davor.
Das alte Jahrhundert 7. Roman. Schöffling Verlag, Frankfurt, 2019. 656 S., 32 €
Aus dem Nachlaß herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Rudi Deuble und Alexander Losse.

Einige der hier verwendeten Bilder entstammen der Kurzeck-Biografie von E. Schmied.


* Ja, der Jupp zieht gerade seine Segel hoch, und er nimmt dich mit, jedenfalls meint er es, und er erzählt sich froh. Wie jeden Tag erzählt er, was ihm wo passiert ist. In seiner eigenen Welt, ganz auf sich selbst gestellt – oh Mann, wer kann das schon?


Samstag, 11. Juli 2020

Rosé, Platanen, Lavendel und ...

Schatten weg, Gläser leer
Frischkalter Rosé im beschlagenen Glas und das Klicken der Boule-Kugeln unter lichtem Platanenschatten … das reicht doch für den Anfang. Wer schon mal an der Côte d’Azur sonnengebadet hat, war noch nicht in Südfrankreich. Aber auch nicht, wer auf dem Weg nach Spanien in irgendeinem der austauschbaren Novotel, Mercure, Ibis oder - ganz billig und einzig auf den Zweck des einmal Übernachtens ausgerichtet - Formule 1 übernachtet hat.
"Man sieht wenig von der Welt, wenn man nur die eigene Langeweile durch fremde Länder trägt“,
so der Schriftsteller Cees Nooteboom. Einen umfassenden Überblick über das Werk des Niederländers, der zwar durch Südfrankreich gereist ist, aber meist auf den Balearen lebt,  bekommen Sie im Kulturmagazin "Perlentaucher" und über diesen LINK. Mit inzwischen über achtzig Jahren ist er immer noch gut in Form und hat seine Reporter-Neugier behalten.
"Als Reporter erlebte er Weltgeschichte, als Autor teilt er mit uns den Außenseiterblick aufs Überflüssige, aufs Rauschen der Zeit und das Vorübergehende der Menschen."
Dies schrieb ihm Dirk Schümer im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ 31.7.2013) zum Geburtstag.

Wenn wir dagegen den Spuren der Literaten folgen, findet sich alles andere, was den Midi ausmacht, wie von selbst. Pastis, Boule und Bouillabaisse, Sonne, frischkalter Rosé im beschlagenen Glas und lichter Platanenschatten, Stiere, Thymian und Lavendel (HIER im VIDEO) und was einem an Assoziationen so sonst noch einfallen mag zu einer Region und einem Klima, die Kurt Tucholsky deshalb so beneidenswert fand, weil sie „den lieben Herrgott um seine Jahreszeiten betrügen“.


Alles Betrüger ?
Gelegentlich wird natürlich auch beim Boulespiel betrogen. Was Erdbeermarmelade und Quecksilber damit zu tun haben, lesen Sie in meinem Buch "Durch den Süden Frankreichs" (erschienen bei Nimbus, 700 Seiten, 1.000 Bilder, 32 €)

Sonntag, 5. Juli 2020

Orange: Das Tor zur römischen Provence


Einfahrt nach Orange: Früher drunterher, heute drumrum
Der Schriftsteller Wolfgang Koeppen (1906-1996) betritt die Provence in Orange und durch den römischen Triumphbogen, was man zu seiner Zeit noch mit dem Auto, heute nur noch zu Fuß machen kann:
„Die schönste und zugleich die abweisendste Pforte zum Süden, zur lateinischen Welt.“
Dieser Eindruck entsteht durch das alles andere als golden geschnittene, mit je rund zweiundzwanzig Metern fast gleiche Verhältnis der Höhe zur Breite. „Hier schwimmt der mittelmeerisch gewandte Touristenstrom um ein Riff. Das alte Tor, das sich selbst genügt, wird schnell fotografiert.“


Kampfszenen heute restauriert
Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts fuhren die Postkutschen unter dem Triumphbogen hindurch und die Reisenden konnten sich die steinernen Bildgeschichten im Vorbeifahren ansehen. Heute kann selbst ein Spezialist in römischer Kunstgeschichte aus den umweltgeschädigten Steinen kaum mehr etwas ablesen.

Auf alte Fotos oder Beschreibungen muß man zurückgreifen. Dann sieht man Szenen aus den Kriegen gegen die Gallier oder den Sieg gegen die Flotte des griechischen Massalia (Marseille), das zwar römischer Bundesgenosse war, es aber nicht mit Caesar sondern Pompejus hielt. Achten Sie einmal darauf, wie oft die römischen Bauwerke von den Baumeistern des Mittelalters kopiert worden sind.

 
Die Struktur des Triumphbogens von Orange können Sie in der Camargue an der romanischen Portalwand von Saint Gilles wiederfinden: das Hauptportal und die beiden Nebenportale. Die Bühnenwand aus Orange findet in der Abteikirche des Heiligen Ägidius in Saint-Gilles (Camargue) ihre Entsprechung in den Wandflächen zwischen den Portalen: auch hier die Nischen mit den Statuen und für die vorgesetzten Säulen bediente man sich meist umfunktionierter Originale. Daß die mittelalterlichen Bildhauer ihre Werke lateinisch signierten, versteht sich von selbst: „Brunus me fecit“ steht in Saint Gilles an den Aposteln Matthäus und Bartholomäus.

Und dann beschreibt Koeppen weiter, wie es in Orange in den fünfziger Jahren aussah, das Verschlafene eines schattigen Innenhofes mit einem Maulbeerbaum

„und einem kleinen Restaurant, vom Fremdenverkehr ganz unberührt“. Orange träumt wie die Katze auf dem buntgedeckten Tisch, wie der dicke Stadtpolizist unter der Trikolore vor der Gendarmeriestation."
Weniger verträumt ist Orange während der Opernfestspiele, die bereits 1869 als „Chorégies“ gegründet wurden und somit das älteste französiche Festival sind; HIER im VIDEO eine Aufführung von Zorbas Tanz von Theodorakis. Seit jeher finden sie im römischen Theater statt, sehr renommiert inzwischen, aber das war es dann auch schon mit diesem Städtchen. Die Eintrittspreise können inzwischen 250 Euro bei aufwendigen Opern wie Turandot oder La Bohème übersteigen, Mozarts Requiem gibt es für die Hälfte und für 10 Euro die Studententickets. Alle Informationen über die Stadt und das Festival, auch mit der Möglichkeit Tickets zu reservieren finden Sie HIER.
Orange: Theaterwand außen, innen und mit einem Detail der römischen Marmorverkleidung

In Ruhe, am besten beim abendlichen Bummel und dann während einer Aufführung, sollten Sie sich die Theaterbühnenwand von innen und außen ansehen. Vielleicht geht es Ihnen dann so wie Ludwig XIV., der sie als schönste Mauer seines Königreiches bezeichnete. Wird der „Barbier von Sevilla“ gegeben, werden Sie selbst in den obersten Reihen über eine perfekte Akustik und darüber staunen, wie laut das Papierchen knistert, das Rosine und der Barbier als angeblichen Wäschezettel unter dem Tisch hervorzaubern. Ansonsten aber viel Verdi mit manchmal über zweihundert Personen auf der Bühne, was man sich aber bei einer über sechzig Meter langen Bühne durchaus leisten kann. Kammeroper wirkt da eher verloren. Die Inszenierungen können von bis zu siebentausend Besuchern verfolgt werden. In römischer Zeit hatte das Theater noch dreitausend Plätze mehr.

Das Festival kommt trotz aufwändiger Produktionen bis zu 1,5 Millionen Euro mit sehr wenig öffentlicher Unterstützung aus; nur 15 Prozent schießt der Staat zu. Diese vom Veranstalter immer wieder stolz zitierte Zahl relativiert sich allerdings, wenn man die zahlreichen staatseigenen Hauptsponsoren mit einbezieht: Von Air France bis SNCF und anderen.

Auch Alexandre Dumas beschrieb das antike Theater von Orange: „Welch erstaunliches Volk waren doch die Römer, die die Natur bezwangen wie einen Volksstamm, und das nicht nur für ihre Bedürfnisse, sondern auch für ihre Vergnügungen. Ein Berg war genau da, wo sie sich vorstellten, daß ein Theater entstehen sollte. Und sie erbauten dessen Bühnenwand am Fuße dieses Berges, um dessen mächtige Brust sie im Halbkreis Stufen legten, die sie für zehntausend Zuschauer aus den breiten Bergesflanken hieben.“ Diese Dimensionen waren für die damaligen Aufführungen auch erforderlich, denn zu römischer Zeit hatte die Stadt deutlich mehr Einwohner als heute.

Alles was Orange ausmacht: Stadteingang und Theater
Dumas, den unter seinem richtigen Namen Alexandre Davy de La Pailleterie heute kaum jemand mehr als den Verfasser von „Les trois mousquétaires“ identifizieren würde, liebte die Reisen in den Süden. In Marseille werden wir ihm und seinem „Grafen von Monte Christo“ wiederbegegnen. Beide Bücher hat er 1844 und 1845 schnell hintereinander geschrieben; im gleichen Jahr erschienen sie jeweils noch in deutscher Sprache. Und zahlreiche andere Veröfffentlichungen folgten in kürzester Zeit.

Seine Produktivität vervielfachte Dumas durch eine Reihe angestellter Schreiberlinge, die ihm die Forsetzungen seiner Romane zunächst für die Feuilletons der Tageszeitungen verfaßten, ehe der Meister selbst für die Buchfassung dann letzte Hand anlegte. Sogar sein Sohn verspottete ihn:
„Alle Welt hat Dumas gelesen. Aber niemand hat den ganzen Dumas gelesen - nicht einmal er selber.“ 



Freitag, 26. Juni 2020

Verwunschen: Psalmody

Die Hüter von Psalmody
 Das ist mal ein verwunschener Ort: Psalmody, in der tiefsten Camargue gelegen. Heute ragt von dem ehemaligen Kloster nur noch eine Mauer empor, die, wie das gesamte Klostergelände zu einem privat geführten Gutshof gehört. Der Weg dorthin ist meist von einem vier Meter hohen Eisentor verschlossen. Man könnte zwar leicht über eine Wiese zu den Überresten des Klosters gelangen, sollte das aber nur tun, wenn man sich wirklich den Umgang mit drei oder vier freilaufenden und etwas lebhaften Schäferhunden zutraut, die gerne schon einmal mit einer Handtasche oder einem Hosenbein spielen. Manchmal setzen die sich einfach so vor die Autotür, daß man schon zweimal überlegt, ob man aussteigen soll. Selbst wer sich mit Erlaubnis des Eigentümers, den Sie gerne auch russisch oder englisch ansprechen können, auf dem Gelände bewegt, sollte dies vorsichtig tun. Denn die alten Mauerreste, die jahrzehntelang von einem multidisziplinären Team amerikanischer Wissenschaftler unter Leitung des Kunsthistorikers Whitney S. Stoddard (gestorben 2003) freigelegt


Klosteranlage etwa 1960 und 2020. Ober rechts: Der Kunsthistoriker W.S. Stoddard
und erforscht wurden, sind inzwischen fest in der Hand von Vipern. Manchmal ist aber auch nur eine Smaragdeidechse, die da unter den nächsten Stein huscht. Eine Länge von über 70 Metern zeugt von der Bedeutung und Finanzkraft des Klosters. Die Ausmaße lassen sich auf der alten Postkarte gut  erkennen.

1966 hatte Stoddard sein Standardwerk zur mittelalterlichen französischen Kunstgeschichte veröffentlicht: Monastery and Cathedral in France. Später kam dann noch das lesenswerte Werk über die Fassade von Saint Gilles dazu: The Facade of Saint-Gilles-du-Gard: Its Influence on French Sculpture. 


Die Fassade von Saint Gilles, teilrestauriert im Juni 2020
Psalmody war einst ein mächtiges Benediktinerkloster, dessen Chronik auf die insgesamt 24 größeren Gebäude verweist, die die Mönche errichtet hatten. Selbst der französische König Ludwig IX., der nach zahlreichen Kriegen den etwas unpassenden Zusatz „der Heilige“ erhielt, mußte sich beim Abt von Psalmody um ein Stück Land bemühen, weil er seinen geplanten Kreuzzug von Königsland aus beginnen und nicht auf das Eigentum von Vasallen angewiesen sein wollte. So verkaufte ihm der Abt das, was wir heute als Aigues-Mortes kennen, samt dem Zugangsweg, der damals noch unter dem Tour de Carbonnière herführte. Der liegt zwar ganz nahe bei Aigues-Mortes, gehört aber zur Gemeinde Saint-Laurent-d'Aigouze.
 


Wunderschöne, aber schattenlose Spaziergänge durch die Camargue
Der Kreuzzug Ludwigs IX. kam überhaupt nur zustande, weil er während einer Malaria-Erkrankung ein entsprechendes Gelöbnis für den Fall seiner Gesundung abgegeben hatte. Die „bewaffnete Pilgerfahrt“, wie auch dieser Kreuzzug beschönigend genannt wurden, scheiterte bereits in Ägypten.
Geschäftstüchtig waren die Mönche nicht nur gegenüber ihrem König, dem sie diese paar Hektar Salzsümpfe und das damals ärmliche Fischerdorf teuer verkauften. Vor allem den Salzhandel hatte das Kloster fest in der Hand, belieferte aber auch Montpellier, Nîmes und Arles mit frischem Fisch aus dem Mittelmeer und den brackigen Kanälen ringsum.


Liliane Fontaine läßt ihre Untersuchungsrichterin im Kriminalroman „Die Tote vom Pont du Gard hier ermitteln. Die ideale Gegend, um eine Leiche verschwinden zu lassen. Zuvor sollte man sich aber ordentlich stärken, im Garten des Restaurants Tour Carbonnière.