Samstag, 27. August 2016

Uzès: Die Bilder von Viva Blévis und John Townsend

Wenn Sie kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, sagen wir 1950, in Kairo von der Saiyidna-el-Husain-Moschee in den Basar Khan-El-Khalili gegangen wären und sich im größten Souk Nordafrikas verloren hätten, dann hätten Sie einem zierlichen kleinen Mädchen begegnen und so Viva Blévis nach dem Weg fragen können.
(Lieblings)Bild ohne Titel
Die Künstlerin, die heute in Uzès lebt, arbeitet und ausstellt, wurde 1942 in Kairo geboren. Vielleicht wären Sie aber auch Nagib Mahfus über den Weg gelaufen, einem jungen Mann, der damals keinen Gedanken daran verschwendete, einmal Literatur-Nobelpreisträger zu werden. Alles wichtige über ihn wie immer bei Perlentaucher

Dieser Bazar war ursprünglich ein Karawanenhof vom Ende des vierzehnten Jahrhundert, benannt nach dem Emir Dschaharek el-Khalili, seinem Erbauer.

Während Viva nach Paris ging und an der Sorbonne studierte, blieb Mahfus seinem Viertel bis zu seinem Tod im Jahr 2006 (auch literarisch) treu.

Erst in den 1980er Jahren hat Viva Blévis mit der Malerei angefangen und schon schnell in Paris ihre ständigen Ausstellungen gehabt, so etwa zehn Jahre lang im Comptoir du Désert im elften Arrondissement (Popincourt).
Mit dem Jahrtausendwechsel zog es sie nach Uzès im Departement Gard.

Kleines Format (25x15) "Unter den Wolken" von Blévis

Der Ölmalerei ist sie auch hier treu geblieben…und eine zierliche Dame ist sie immer noch, nur etwas älter. Viele, die ihr 
Viva Blévis, wie sie mein
Lieblingsbild malt
Sommeratelier im touristenüberströmten Uzès besuchen, bemerkt sie gar nicht; so konzentriert ist sie bei der Arbeit. Mit wenigen Farben, die sie braucht. Und die sie mit Pinsel, Spachtel, Schwämmen und Lappen bearbeitet, mal auf Holz, meist aber auf Leinwand oder Ölkarton. Oft werden sie zuletzt mit terpentinfreiem Antikwachs überzogen und ganz oder teilweise glänzend gerieben. Abstrakte, nuancenreiche Gemälde entstehen so, die den Betrachter zum Dialog auffordern.

„Mit den Bildern spreche ich ein wenig über mich und meinen Platz in der Welt und natürlich soll der Betrachter auch seine Perspektive einbringen.“
Deshalb ist Viva Bévis auch davon abgekommen ihre Bilder, wie noch vor einigen Jahren, zu betiteln. Meinem Eindruck, daß ihre Palette
Doch eine leichte Gegenständlichkeit
in jüngster Zeit minimal farbiger geworden sei , wider-spricht sie, und auch, daß sie etwas gegenständlicher malt.

„Ich male nicht dekorativ oder ‚hübsch‘. Eher abstrakt und mit feinen Übergängen im Hell-Dunkel-Bereich. Aber wenn ich mit einem Bild anfange, weiß ich oft noch nicht, wohin es mich führen wird und wie später das Resultat aussieht.“
Sie freut sich über einen Kontakt per Homepage oder Mail. Oder ganz direkt in der Rue Masbourguet Nummer 18. Und das Gespräch mit ihr lohnt, wenn sie erst einmal von ihrer Arbeit aufblickt.

So ziemlich das Gegenteil der introvertierten Viva Blévis ist der Engländer John Townsend, der ebenfalls gerade in Uzès (Galerie des Capuzines, gleich neben der Tourist-Info) seine Seestücke ausstellt. Er könnte auch als erfolgreicher Kontakter in einer Werbeagentur arbeiten. Allerdings gibt auch er seinen Bildern keine Titel mehr:

"Das schränkt potentielle Käufer zu sehr in ihrer Phantasie ein. Wenn jemand in einem Bild von Cape Cod oder vom Genfer See lieber die schottische Küste oder die Camargue sieht, dann soll er das tun dürfen. Das ist wie beim Wein. Den soll man nicht totinterpretieren, sondern er soll schmecken."

Ausbruch des Feuers von Blévis und das rote Segel von Townsend
In Goudargues, Aix-en-Provence, Nîmes oder Lussan hingen seine Arbeiten zuletzt. Wenn Sie im Web suchen geben Sie ‚artist‘ und ‚france‘ und keinesfalls ‚nottingham‘ zum Namen dazu, sonst landen Sie bei einem britischen Kinderbuchautor oder Physiker oder bei einem amerikanischen Naturforscher oder Politiker, die übrigens alle längst gestorben sind. Townsend gilt als Maler der übergangslosen Horizonte, wo Wellen und Wolken sich begegnen und man nicht weiß, wo das eine anfängt und das andere aufhört.

Da hat er viel gemeinsam mit Viva Blévis, obwohl es eben bei ihm Wasser und Himmel sind und nicht einfach abstrakte Verwischungen.

„Ich male keine Landscapes sondern Sandscapes,“
Townsend: Maler und Komponist
sagt Townsend und tatsächlich sind viele seiner Untergründe aus Sand, gemischt mit Pigmenten, etwa dem Mineralpigment Ultramarin und den lokalen Ockerfarben. Wenn Townsend nicht malt, komponiert der Manfred Mann-Fan. Schon Ende der 1960er Jahre hat es ihn nach Südfrankreich gezogen, nach Cavillargues und er ärgert sich, daß der englische Akzent immer noch zu hören sei. Cavillargues ein 800-Seelen Dorf, in das Sie auf halbem Weg zwischen Uzès und Bagnols abbiegen müssen. Townsend erreichen Sie über 0033 613 24 00 50 oder seine Homepage.

Sollte er nicht zuhause sein, hätte sich die Fahrt doch gelohnt, wenn Sie im „Chez Ma Mère“  (Route de la Cave) zu Mittag essen. Weitere Arbeiten können Sie dann bei einem Apéro unter ArtWeb ansehen.

Mehr Kunst aus Uzes finden Sie HIER. Zum Beispiel die von Iva Tesorio und Jörg Teichler.

Und natürlich über Oliver Bevan HIER.


 

Freitag, 26. August 2016

Ribaute-les-Tavernes: Jacqueline Pagnol ist in Paris geboren

Sie war die erste „Manon des Sources“, für sie hatte Marcel Pagnol das Stück geschrieben: Jacqueline Bouvier, die im August 2016 in Paris gestorben ist. Dort ist sie im Oktober 1920 auch zur Welt gekommen, obwohl die meisten Biographen (auch in Wikipedia) immer noch Ribaute-les-Tavernes im Departement Gard als Geburtsort bezeichnen. Sie selbst


hat das schon 1955 in einem Interview mit dem „Midi Libre“, der dortigen regionalen Tageszeitung, klargestellt:

„Ich bin in Paris geboren, wo mein Vater, der aus Tavernes stammte, bei der Post arbeitete. Viele schöne Sommer habe ich in Tavernes verbracht. Vom Herzen her bin ich eine Tavernoise.“
Seit 1945 war sie mit Pagnol verheiratet und kam immer wieder in den Gard zurück, zuletzt bei der Einweihung der Dorfschule, die, wie damals 400 andere Schulen in Frankreich auch, den Namen ihres Mannes trägt.

Als „Manons Rache“ lief der Film in Deutschland und ist dort vor allem in der neueren Fassung von 1986 mit Emmanuelle Béart als Manon Cadoret und Yves Montand in der Rolle César Soubeyran, genannt Papet, bekannt geworden.

Marcel Pagnol hatte die Dorfgeschichte um zugeschüttete Quellen, verfeindete Familien und das unterschiedliche Leben von Stadtmenschen und Landbevölkerung, an sich unüblicherweise, erst auf Basis des Drehbuchs zum lesenswerten Roman umgeschrieben: „Die Wasser der Hügel“ umfaßt die Geschichten von Jean de Florette und Manon des Sources.

Die ganze Geschichte habe sich tatsächlich so oder ähnlich getragen und sei ihm von einem alten Mann aus der Nähe von Aubagne erzählt
Einer dieser Herren, entweder aus Crespin oder aus Bastides Blanches, muß Pagnol die ganze Geschichte erzählt haben
worden, so Pagnol. Was, wie so vieles bei ihm, möglich ist oder auch nicht.

 

Les Baux: Die Steinbrüche des Lichts

So ungefähr sah das hier 1959 bei Cocteaus Dreharbeiten aus
Die ersten, die in den unterirdischen Kathedralen von Les Baux ihrem staubigen und gefährlichen Handwerk nachgingen, waren die Arbeiter dieser Steinbrüche, die vom 13. bis 19 Jahrhundert das Material für die Festung und die Häuser aus dem Fels hauten und sägten. Dann war es nicht mehr wirtschaftlich den Stein in diesem Val d’Enfer, dem Höllental, abzubauen. Und jedermann konnte diese bis elf Meter hohen Hallen mit ihre glatten Wänden aufsuchen und sich im Schein der hoffentlich mitgeführten Taschenlampe in die Zeit der Steinhauer zurückversetzen lassen. 1969 war ich zum erstenmal dort und habe Schritt für Schritt den Rückgang der Temperatur gespürt, von dreißig auf zwanzig und tief im Inneren später auf vielleicht zehn Grad.

Die meisten von denen, die sich heute in die securitykontrollierte Schlange am Eingang stellen, haben in den Prospekten oder im Internet gelesen, daß es sich empfiehlt eine Jacke mitzunehmen. 500.000 Besucher sehen sich die beeindruckenden Installationen und Lichtschauen über Klimt, Van Gogh und Gauguin sowie zuletzt Chagall inzwischen jährlich an.
Bei meinen beiden Besuchen im Sommer 69 war ich jeweils allein dort. Und hatte keine Ahnung davon, daß zehn Jahre zuvor Jean Cocteau hier einige Passagen seines Films "Le Testament d'Orphée" gedreht hatte. Mit Charles Aznavour, Brigitte Bardot, Yul Brynner und Pablo Picasso, um nur einige seiner Darsteller zu nennen. Demjenigen, der Cocteau diese Location vorgeschlagen hat, gebührt noch heute ein Oscar; leider habe ich nicht einmal auf der dafür spezialisierten Homepage ermitteln können, wer das war.

Wie dann Jahre später der Journalist Albert Plécy auf die Idee kam hier die Kunst alter Meister zu zeigen und wie das (siehe oben die Besucherzahlen) zu einem langwierigen Prozeß führte, erzählt Cay Rademacher in seinem Brief aus der Provence vom 29. Februar 2016. Und wo Sie schon dabei sind, lesen Sie auch noch gleich den vom 17. Mai, in dem Capitaine Roger Blanc einen neuen „brennenden“ Fall löst. Natürlich finden Sie in seinem Blog nicht die Auflösung dieses Falles. Wäre ja auch dumm. Also das Buch kaufen.
 


 
Vierzig Minuten dauert die beeindruckende Chagall-Show, die von über einhundert Beamern an die Wände geworfen wird, Kirchenfenster, die Bilder der toten Seelen und die Mosaiken beeindrucken, aber natürlich dürfen die posterbekannten, fliegenden und liegenden Liebenden nicht fehlen. Hier ein erster filmischer Eindruck . Das ganze unterlegt mit einfühlsam ausgewählter klassischer Musik.