Donnerstag, 14. April 2016

Blauzac am Ostermontag: Ein Dorf voller Flohmarkt

Was für Richerenches und seinen Trüffelmarkt (siehe den Post HIER) der erste Samstag nach dem 15. November bedeutet, das ist in Blauzac der „Lundi de Pâques“, der Ostermontag, an dem das Dörfchen überquillt von lauter Flohmarkt-Ständen. Egal, ob Sie Samstag zuvor auf dem Markt in Uzès sind, in Alès oder Remoulins spazieren gehen oder den Pont du Gard besuchen: Wenn Sie zurückkommen klemmt der gelbe Handzettel hinter dem Scheibenwischer, der Sie nach Blauzac einlädt.
In der Regel kaum Profihändler und vergleichsweise günstige Preise: 25 Euro für ein Set Kupfertöpfe
Und offensichtlich kaum jemand, der dieser Einladung nicht folgt. Scheint die Sonne, kann es sein, daß Sie drei Kilometer außerhalb parken müssen, wenn Sie nicht den Mut haben auf der beidseitig zugeparkten Departementsstraße ins Dorf zu fahren, um dort eine Einfahrt zu blockieren. In Blauzac, und da achtet die Mairie ansatzweise streng darauf, sind Neuwaren und professionelle Händler verboten. An sich. Denn die Duellpistolen für 4.600 Euro sahen nun nicht nach einem privaten Allerweltsstand aus. Und auch den ein oder anderen Händler kenne ich von den Brocantes in Uzès oder Anduze – beide übrigens an jedem Sonntagmorgen. Kaum jemanden gibt es, der nicht beladen mit seinen Occasionen zum Auto zurückpilgert.

Bar du Progrès: Einmal im Jahr überlaufen
Manche Besucher - und zu denen zähle ich mich auch - nehmen den Weg vor allem auf sich, um sich einen der roten Plastiksessel vor der „Bar du Progrès“ zu erkämpfen, seine Herzallerliebste ins Getümmel zu schicken und dann dort das Panoptikum der Vorüberziehenden zu beobachten. Nationalitäten raten ist ein ebenso beliebtes wie meist auch einfaches Spiel, weil die meisten Besucher die Stereotypen ihres Landes perfekt spielen, vor allem die zahlreichen Engländer, die aus ihrer Hochburg Uzès angereist kommen.

Nach einem bis höchstens drei Pastis gibt’s hinterher die traditionelle Paella. Paella vom Steingutteller und den Rosé nachgegossen in den gleichen Plastikbecher, in dem schon der Pastis serviert wurde. „Für die Umwelt“, wie der junge Mann erklärt, der vom Ansturm hoffnungslos überfordert ist, andererseits auch jenen „Bon appétit“ wünscht, die sich Ihr Essen von anderswo mitgebracht haben und nicht einmal etwas zu trinken wünschen.

Wenn Sie Wert darauf legen die Getränke einigermaßen zeitgleich mit dem Essen zu bekommen, gehen Sie einfach in die Bar und tragen Ihren Rosé selbst raus. Wein oder das Bier gibt es dann mit einigem Verhandlungsgeschick sogar im Glas. Dann hätten Sie es soweit geschafft wie die Stammkunden der Bar, denn deren Getränke werden natürlich in Gläsern serviert und übrigens auch mit einem frischen für jedes neues Getränk.

Sonntag, 10. April 2016

Sanary-sur-Mer: "Hauptstadt der deutschen Literatur"


Sanary um 1930: Die Hafenpromenade aufgenommen aus dem Hotel de la Tour,
in dem  Katia und Thomas wohnten, bis sie eine standesgemäße Villa mieten konnten.
Das Städtchen Sanary-sur-Mer hat lange keinen Wert darauf gelegt, daß es in den dreißiger Jahren zur heimlichen „Hauptstadt der deutschen Literatur“ wurde. Ludwig Marcuse hat dieses Schlagwort formuliert. HIER im VIDEO geht es ab der vierzehnten Minute um Sanary und einen Spaziergang, den ich mit Gundi Rubelli zu den Häusern von Thomas Mann und Lion Feuchtwanger gemacht habe.

Zunächst war der Ort geprägt vom Gedenken an Resistance und Befreiung. Übermächtig die Marmortafel am Rathaus, die an den 23. August 1944 erinnert, als Maréchal de Lattre de Tassigny „auf seinem siegreichen Weg an den Rhein“ auch in Sanary die Wehrmacht vertrieb. Gleich nebenan die Rue Gabriel Péri, die an den Organisator des Widerstandes erinnert; er wurde 1941 von den Deutschen erschossen.

Bis 1987 dauerte es, als am Maison du Tourisme von Bürgermeister Ferdinand Bernard eine erste Gedenktafel enthüllt wurde, die eine ganze Reihe von Exilanten verzeichnet. Bernhards Vater war Österreicher, und wie viele der damals „unerwünschten Ausländer“ mußte er einige Zeit im Lager von Les Milles bei Aix-en-Provence verbringen. Mehr als nur denkbar also, daß er dort mit Feuchtwanger oder Hessel Kontakt hatte.



Die Bars "Marine" und "Nautique" waren die Treffpunkte der Autoren.
Hier eine Postkarte vom Anfang der 30er Jahre.
Sein Sohn ist nun stolz darauf, daß die rechtspopulistische Front National in Sanary nur noch ein geringes Wählerpotential hat. Als Bernard ein FN-Gemeinderatsmitglied zum „Faschisten und einer Schande für die Gemeinde“ erklärte, wurde der Prozeß gegen den Bürgermeister ausgerechnet in Toulon verhandelt, einer Hochburg der Rechten. Zu einer Strafe von damals 1 Franc wurde er mehr symbolisch verurteilt.

Zunächst im Verborgenen hat sich der Regionalhistoriker Bartélémy Rotger des Themas angenommen und später in Hervé Monjoin einen würdigen Nachfolger gefunden. Er arbeitet bei der Gemeinde und ist heute das lebendige Lexikon für alle Fragen der Exilliteratur. Eine Verabredung mit ihm im „Nautique“ kommt bei seinem Lieblingsthema auch sehr kurzfristig zustande.

Eine Sammlung der Exil-Literatur kam als Geschenk der deutschen Regierung in die Stadtbibliothek und im Theater Galli blicken nun das Ehepaar Werfel und Thomas Mann auf die Besucher. Inzwischen ist
Kurze Informationen an den
ehemaligen Wohnhäusern der
Exilanten: Hier Walter Bondy
Sanary Etappe von Bildungsreisen-Anbietern geworden, sogar amerikanischen, und das Maison du Tourisme hält ein dreisprachiges Bändchen bereit; sorgfältige Infos und Vorschläge zu Spaziergängen auf den Spuren der Literaten.

Den beginnen Sie am besten, wie es auch die Stadtführungen tun, an der Gedenktafel: „Den deutschen und österreichischen Schriftstellern mit ihren Angehörigen und Freunden, die auf der Flucht vor der Nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Sanary-sur-Mer zusammentrafen.“ Insgesamt nur 36 Namen waren lange Jahre dort verzeichnet, bis die Liste im Januar 2011, also auf den Monat genau 70 Jahre nach Hessels Tod, durch eine auf 68 Namen erweiterte Tafel ersetzt wurde.


                                       Die Gedenktafel (erstmals 1987) für die verfolgten deutschsprachigen Schriftsteller
                                       und Künstler am Hafen von Sanary: Im Jahr 2011 kamen viele Namen dazu.