Samstag, 2. Mai 2015

Egal ob nach Arles, Aix-en-Provence oder Saint Rémy: Warum überall Platanen stehen

Platanen: Geschwindigkeitserhöhend von Napoleon gepflanzt
Um die Fahrt in den Süden zu beschleunigen, können Sie immer mal wieder ein paar Kilometer auf der oft vierspurig ausgebauten N 7 fahren. Bevor sie zur Route Nationale wurde, hieß sie ganz einfach die „Straße No. 7“; so schon 1910 bei Jean Giono, dem großen provenzalischen Erzähler und Lyriker. Von der Hochebene von Albion konnte er „in nebliger Ferne, jenseits der Abhänge des Ventoux, funkelnde Fetzen der Rhone und das Bett der berühmten Straße No. 7“ sehen.


Schattiger Marsch und schattige Fahrt: Ein heute eher seltener Anblick
Die Spaliere majestätischer Platanen, die früher alle wichtigen Straßen säumten, findet man heute nur noch selten. Napoleon hatte sie anpflanzen lassen, um seine Truppen bei dann wenigstens beschatteten Gewaltmärschen schneller verlegen zu können.

Den Straßenverbreiterungen sind sie zum Opfer gefallen. „Um bei ihrem Bau möglichst geringen Schaden anzurichten, haben die Ingenieure nur eine Seite der schönen Platanenreihen am Straßenrand gefällt, mit dem Ergebnis, daß eine traurige entweihte Landschaft übrig blieb“, beklagte Lawrence Durrell schon Ende der fünfziger Jahre.

Freitag, 1. Mai 2015

Petrarca auf dem Mont Ventoux?



Der Mistral  schafft einen wolkenlosen Himmel            Bild Steffen Lipp
Am 26. April 1336 stand Francesco Petrarca als Erster oben auf dem Gipfel des Mont Ventoux – als Erster jedenfalls, der den Weg auf den Berg auch dokumentierte: In einem Brief an der Augustinermönch Francesco Dionigi.
„Den höchsten Berg dieser Gegend, den man nicht unverdient Ventosus, den Windigen nennt, habe ich am heutigen Tage bestiegen".
Und weiter seine Eindrücke vom Gipfel:
"Zuerst stand ich, durch einen ungewohnten Hauch der Luft und durch die ganz freie Rundsicht bewegt, einem Betäubten gleich da.“
Steffen Lipps Blick vom Mont Ventoux in Richtung Alpen

Sein Blick, der Mistral hatte die Sicht klar gewischt, ging vom Rhonetal zu den Alpen, dann zum Mittelmeer und bis hin zu den Pyrenäen.

Die gesamte Beschreibung seines Aufstiegs finden Sie in deutscher Übersetzung HIER .

Die beiden Fragen indes bleiben: War er wirklich oben? Und hat er wirklich diesen Brief geschrieben? "Beides nein", sagt Rainer Schmitz in seinem Buch "Was geschah mit Schillers Schädel". Der Brief sei erst siebzehn Jahre nach dem vorgegebenen Datum verfaßt worden. Und da war der Empfänger schon zehn Jahre tot. Den Brief hält Schmitz für eine Fälschung. Er imitiere
"eigentlich nur einen Bericht des Livius über die Besteigung des Berges Hämus durch König Philipp von Macedonien."
Auf diese Quelle verweist auch der Brief selbst. 

Bereits in der Antike war der Mistral den Menschen ein furchterregendes Naturschauspiel. Der griechische Geograph Strabon nennt ihn „Melanboreas“, schwarzer Nordwind, ein Begriff, der in der Dauphiné noch im 19. Jahrhundert gebräuchlich war, als er überall sonst schon Mistral hieß. Der Name leitet sich her vom lateinischen magistralis, ein Meisterwind also. Wer einen mehrere Tagen andauernden Mistral nicht erlebt hat, darf nicht für sich in Anspruch nehmen den Midi zu kennen.

Nach Norden haben die alten Häuser dickere Mauern und allenfalls eine kleine Fensteröffnung zeigt sich an der ganzen Hauswand. Wolf von Niebelschütz ist in seiner Beschreibung der Provence aufgefallen, daß dies auch für Kirchen galt.

„Die Kirchen haben nach Norden auch kein Fenster, nach Westen kein Portal, stämmig und klein sind die Türme, und auf den Feldern zieht man zehn Meter hohe Palisaden aus Zypressen, die eng beieinanderstehen, und ihre Lücken bindet man mit Bambusgeflechten aus, und doch kommt es vor, daß der Mistral sie aushebt mit all ihren Wurzeln." 
Für die außerordentliche Gewalt dieses „Chefs unter den Winden“ sammelte der englische Reiseautor Archibald Lyall drastische Beispiele.
Der Mistral hat schon Eisenbahnzüge zum Stehen gebracht und sogar einmal einen Zug ohne Lokomotive das Gleis entlang von Arles nach Port Saint Louis geschoben. 1875 kam er mit solcher Gewalt herab, daß er die Brücke zwischen Beaucaire und Tarascon hinwegriß.“
 Was der Mistral mit van Gogh gemacht hat, lesen Sie HIER.

Sonntag, 26. April 2015

Mont Ventoux: Tom Simpson stirbt am Berg

Die meistfotografierte Ansicht auf dem Weg zum Gipfel des Mont Ventoux ist seit 1967 ein weißer Gedenkstein, an dem Sie, kurz vor dem Gipfel vorbeifahren. Als Autofahrer jedenfalls. Jeder Radfahrer steigt an dieser Stelle ab, um ein kurzes Gedenken an Tom Simpson einzulegen und um einen persönlichen Gegenstand abzulegen, einen Handschuh, die ausgediente Sonnenbrille oder eine leere Wasserflasche.

Stilles Gedenken und Rastplatz zugleich
Hier ist der Radrennfahrer Simpson gestorben.
"No mountain to high, daddy",
haben seine Kinder auf den Gedenkstein gravieren lassen.

Seine letzten Meter sehen Sie HIER IM VIDEO , die Ausgabe des Guardian vom 14. Juli KÖNNEN SIE HIER NACHLESEN .

Ob sich tatsächlich nur Wasser im Simpsons Trinkflaschen befunden hatte, ist fast nebensächlich. In seinem Körper befand sich neben dem Cognac, der den gegen seine Magenbeschwerden getrunken hatte, jedenfalls zu wenig Wasser. Er dehydrierte. Das hing auch mit dem damaligen Reglement zusammen, das den Fahrern nur gestattete vier Halbliterflaschen mitzuführen.

An einem Freitag, einem 13., ist der erste englische Träger des Gelben Trikots auf der Tour-Etappe von Marseille nach Carpentras hier gestorben, an einer Überdosis von Amphetaminen; inzwischen wird das Doping ja besser beherrscht. Zahlreiche Sportjournalisten hatten die erste offizielle Diagnose übernommen: Hitzschlag. Als dann aber, nach den ersten Wiederbelebungsversuchen durch den Tour-Arzt Pierre Dumas noch vor Ort, Simpson ins Krankenhaus nach Avignon geflogen worden war und man die Leiche anschließend nicht zur Beerdigung freigab, war spätestens dann auch in der Öffentlichkeit klar, daß die Radheroen und die Tour ihre Unschuld verloren hatten.

Am nächsten Tag durfte Simpsons Teamkollege Barry Hoban, der später auch dessen Witwe heiratete, die Etappe nach Sète gewinnen. Nur noch selten ist der Ventoux Bergankunft einer Tour-Etappe. Das hängt ganz einfach damit zusammen, daß dort oben neben der Wetterstation nur noch der Kiosk von Madame Brusset ist und deswegen die großen Sponsorbeträge eines Wintersportzentrums wie Alpe d’Huez hier fehlen. Aber bei der einhundertsten Ausgabe der Tour durfte natürlich der „Kotzbrocken“, wie die Rennfahrer den Mont Ventoux nennen, nicht fehlen.


Wer von Malaucène aus als Nichtprofi auf den Berg startet, kann sich am Abend zuvor seine Kohlehydrate im Restaurant "Mon Ventoux" zuführen. Draußen neben der Speisekarte hängt ein Foto von Eddy Merckx, der darauf nicht gerade so aussieht, als könnte man ihm mit einem 13-Euro-Nudelmenue eine besondere Freude machen. Jedes Jahr kostet der Berg ein paar, in der Regel untrainierte Leben. Mancher schafft es wenigstens noch per Helicopter nach Avignon.

Wie man  sein Leben auf der Abfahrt von Mont Ventoux riskiert - und das bei Gegenverkehr und ganz ohne Doping - SEHEN SIE HIER . Nach rund sieben Minuten will der Fahrer mit seinem Rennrad eine Geschwindigkeit von 131,8 km/h erreicht haben.