Samstag, 16. Februar 2019

Nîmes: Maison carrée, Krokodil und Daudet

Nîmes bezieht einen Großteil seiner Attraktivität aus Gegensätzen. Wer sich von der Autobahn nähert, die dominierenden Hochhausgürtel an den Hängen sieht oder sich von Arles oder aus der Camargue kommend durch die ausgelagerten, großflächigen Einkaufszentren der Ville Active hindurchgequält hat, fragt sich, warum er die Stadt nicht einfach umfahren hat.


Das "Maskottchen" der Veteranen aus Caesars Ägyptenkrieg
Manche kommen nur wegen der Krokodile hierher, nicht denen von Lacoste, sondern wegen des Wappentiers der Stadt. In Nîmes waren vor allem die Veteranen angesiedelt worden, die Caesars Ägyptenfeldzug überstanden hatten. Krokodil und Palme hatten sie sich zu ihrem Erkennungszeichen erkoren, das es bis heute geblieben ist. Selbst auf den Gullydeckeln findet es sich; oft genug werden Sie in der Stadt darüber hinweglaufen.

Blick vom Carré d'Art auf das Maison carrée
Aber eine Minute später - die dreiviertel Stunde für die Parkplatzsuche nicht eingerechnet - ist man am Maison Carrée, dreht sich um und erblickt, im Sommer hinter einer Reihe großer Töpfe mit Olivenbäumen, das Carré d‘Art. Und nach einem Altstadtbummel, vorbei an alten Stadtpalästen hinüber zur Arena, will man noch mindestens einen Tag dranhängen. Obwohl Alphonse Daudet meist in Paris lebte und schrieb, bewahrt seine Vaterstadt ihm ein intensives Andenken. Zwar gibt es in Paris ein Denkmal in den Jardins des Champs-Élysées und einen Hinweis an seinem Wohnhaus in der Rue de Bellechasse, aber damit dann auch genug.
Gefühlte hundert Schuhgeschäfte sind offen bis in den späten Abend
Ganz anders in Nîmes: Wenn Sie der Beschilderung zum günstig gleich neben dem Maison Carrée gelegenen Parkhaus P 3 folgen, verlassen Sie dieses durch den „Ausgang A. Daudet“. Schon stehen Sie auf dem Boulevard Alphonse Daudet und blicken gegenüber auf die Buchhandlung, die nach einem seiner Bücher „Aux Lettres de mon Moulin“ heißt, „Briefe aus meiner Mühle“. In den gut sortierten Regalen mit der Regionalliteratur werden selbst ausgefallene Werke aus Klein- und Selbstverlagen angeboten.

Daudets Geburtshaus findet sich ein paar Schritte vom Parkhaus entfernt, hinter den überdachten Markthallen, auf dem Boulevard Gambetta. Hier in der Nummer 20 kam Alphonse 1840 zur Welt, drei Jahre nach seinem Bruder Ernest.

„Je ne sais qu‘une chose, crier à mes enfants: Vive la vie“,
heißt es auf der Gedenktafel: Es lebe das Leben! Heute beherbergt das solide Haus, das aber offensichtlich zuletzt in den fünfziger Jahren farblich aufgefrischt wurde, Ärzte, Immobilienmakler sowie einen Schönheitssalon.Weiter mit Hans Christian Andersen und seiner Angst, lebendig begraben zu werden, geht es HIER .

Samstag, 9. Februar 2019

Aix: Eine verhängnisvolle Affaire und ein Mordversuch

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Cézanne plötzlich der Senkrechtstarter auf dem Kunstmarkt. Indirekt ausschlaggebend war posthum Zola, dessen Gemäldesammlung mit vielen Bildern Cézannes 1903 versteigert wurde. Die Geschwister Leo und Gertrude Stein gehörten zu den ersten Sammlern und beschrieben den Wechsel:
„1905 hatten die Leute vor seinen Bildern hysterische Lachanfälle bekommen. 1906 verhielten sie sich respektvoll. 1907 waren sie ehrfürchtig.“
Karr
Vor lauter Angst, daß es sich bei den nun auch steigenden Preisen um eine kurzfristige Modeerscheinung handeln würde, verkaufte Cézannes Sohn 1907 fast zweihundert Bilder seines Vaters für gerade mal gut einhunderttausend Francs. Ein paar dieser Cézannes, Dauerleihgaben der Pariser Staatlichen Museumsverwaltung, sind heute im Musée Granat zu finden.

Aix war immer schon eine Stadt der Gegensätze. Wer sich morgens auf den Spuren von Cézanne bewegt, kann sich mittags quadratisch und praktisch in der Fondation Vasarély umtun. Der Schriftsteller Marcel Pobé stellte dem maßvollen Moralisten Vauvenargues den maßlosen Revolutionsredner Mirabeau gegenüber und dem geistreichen Abbé Bremond die reizreiche Louise Colet.
Colet
An die Gedichte der reizenden Louise, einer Professorengattin und begeisterten Liebhaberin von Philosophen und Schriftstellern, erinnert man sich heute nicht mehr wegen der Auszeichnungen, die sie von der Académie Française erhielt; eher wegen der verkaufsfördernden Skandälchen, die die Lyrikerin ganz gezielt und öffentlichkeitswirksam einsetzte.

Manch heutiger Autorin hat sie so gezeigt, wie man es macht. Auf dem Entwurf zur Grabinschrift, die Maxime du Camps formulierte, hieß es dann auch sehr ehrlich, aber viele auslassend:

„Hier ruht jene,
die Victor Cousin kompromittierte,
Alfred de Musset lächerlich machte,
Gustave Flaubert verächtlich behandelte und
Alphonse Karr umzubringen versuchte.“

Die Hintergründe des Vierzeilers sind schnell erzählt. Nach einer Liebesbeziehung zum Philosophen Victor Cousin wurde Louise Colet schwanger und der Journalist und Satiriker Alphonse Karr spottete in der Zeitung, dies sei wohl die Folge einer „piqûre de cousin“ - eines Mückenstichs von Cousin.

Die Dame ist natürlich nicht Louise Colet auf Cézannes Bild "Nachmittag in Neapel,
aber so ähnlich wird sich das in der Phantasie von Karr abgespielt haben.
Louise stach mit einem Messer auf Karr ein, erfolgreich, doch zum Glück nicht so ganz. Karr jedenfalls wurde schnell wieder gesund und begleitete ihre zahlreichen Liebschaften auch weiterhin. Allerdings wird er sich ab und zu über die Narbe gestrichen haben, die ihn darin erinnerte, sich mit schriftlichen Äußerungen zurück zu halten.



Samstag, 2. Februar 2019

Wie die Strömung der Rhône für Nachschub auf dem Friedhof sorgt

Das Gräberfeld der Alyscamps: Hier wurde jeder beerdigt, der bezahlt hatte.
Heute findet man arabische und jüdische Gräber einträchtig zusammen mit denen der Christen auf dem Gräberfeld der Alyscamps, «dem vornehmsten Begräbnisplatz der Erde», wie der junge Hofmannsthal das empfand. Auf diesem Friedhof begraben zu liegen, war im Mittelalter derartig begehrt, daß viele Totentransporte von weit her kamen. Das mochte im Winter noch angehen, im Sommer trat die Verwesung jedoch so schnell ein, daß viele einen anderen, aber weniger sicheren Weg wählten.

Der Rhônebogen im Norden von Arles, an der Stelle ungefähr, von wo van Gogh seine nächtliche Stadtansicht gemalt hat, ließ fast alles


Hier an van Goghs Rhônebogen wurden die Toten angeschwemmt.
Treibgut des Flusses anstranden. Und die Menschen von Pont-Saint-Esprit, Château-Neuf, Tarascon, Aramon oder Montfrin packten ihre Toten in große Fässer, salzten sie gut ein und schickten sie voller Gottvertrauen auf die Reise nach Arles. Damit dort dann Grab und Bestattung bezahlt werden konnten, legte man den Toten ein paar Goldstücke unter die Zunge. Anfangs war das Vertrauen der Hinterbliebenen wohl gerechtfertigt.

Doch später zogen die Rhôneanlieger oberhalb der Stadt das Treibgut ans Ufer, nahmen sich die Goldstücke und ließen dann das Faß weitertreiben. Und in Arles hatte dann verständlicherweise niemand mehr ein Interesse daran, die Leichname auf eigene Kosten zu beerdigen.






Samstag, 26. Januar 2019

Der Bauunternehmer als erster Austernzüchter

 
Muschelverkauf um 1900
Seit Urzeiten bot der Etang de Thau Fischern und Muschelsuchern ein gutes Revier - hier im VIDEO. Dann wurde Wein angebaut, was die Küfer anzog. Später kamen die Zucht der Muscheln dazu und erst ab 1925 die Austern. Einem Bauunternehmer, Antoine Louis Tudesq, war der neue Reichtum für Viele zu verdanken. Entsprechend angesehen waren auch die Austernzüchter, dann kamen die Winzer und Küfer, dann die „Kaste“ der Muschelzüchter und ganz am Ende die Fischer. Sogar Hochzeiten zwischen diesen unterschiedlichen Berufen waren kaum einmal gesehen. Es war ein Verstoß gegen die Ehre, wenn ein Winzer seine Tochter mit einem „Esclot“ oder „Sabot“, wie die Fischer wegen ihrer unförmigen Holzschuhe genannt wurde, verheiratete. 

Tudesq war in Bouzigues, direkt am Etang de Thau aufgewachsen. Mehr als Hobby und schon als erfolgreicher Unternehmer erwarb er die Muschelzucht der Witwe Lafite und experimentierte mit pyramidenförmigen Stützen aus Beton, an denen er die Austern befestigte. Das klappte grundsätzlich sehr gut, allerdings hatten
Eine der frühen Pyramiden
diese auf den Grund versenkten Pyramiden den Nachteil, daß sie sich schnell zu begehrten Futterstellen für Seeigel und Seesterne entwickelten. So kam Tudesq schon im zweiten Jahr auf die Schnüre, die er an Gerüsten aufhing. Und das war der Beginn eines bis heute andauernden Erfolges. Viele konnten daran partizipieren, denn die Gemeinde vergibt bis heute immer wieder neue Lizenzen. Je nach Größe der Zucht kostet das zwischen zehn- und fünfzigtausend Euro für den Zeitraum von fünf Jahren. Nur die Schüler der See-Hochschule von Sète haben ihre eigene kostenlose Zucht.

Oben: Die ersten Hütten der Züchter auf dem See waren noch bewohnt.
Unten: Befestigungsarten für Austern. Die Fotos wurden im Musée de l'Etang de Thau gemacht.

Ein Besuch des Musée de l'Etang de Thau lohnt sich nicht nur wegen des ausgesprochen freundlichen Empfangs. Die Erläuterungen, und das ist die große Ausnahme in einem kleineren französischen
Museum, gibt es auch in deutscher Sprache.
 
Sehenswert auch für Kinder
 
Der See ist ein ziemlich fragiles Ökosystem, dessen Wasserqualität jeden Donnerstag und Montag überprüft wird; die staatlichen Prüfer nehmen dann auch Austernproben von verschiedenen Züchtern. Wenn der Verkauf, was bisher erst einmal vorgekommen ist, gestoppt wird, bedeutet dies einen Verdienstausfall für eine ganze Austerngeneration, also für zwei Jahre. Und dann gehen zwei Weihnachtsgeschäfte verloren, also jeweils der 25. und der 31. Dezember, an denen jeder halbswegs französische Franzose sein Dutzend Austern auf dem Tisch hat. Um das zu gewährleisten setzt sich Mitte September eine ausgeklügelte Organisation in Gang, eine frühe Ernte, bei der Austern von den Schnüren entfernt und bereits gesäubert werden, dann aber wieder bis zum 17. Dezember in grobmaschigen Eisensäcken im Etang versenkt werden. So kann dann innerhalb weniger Tage rund ein Viertel des Jahresumsatzes generiert werden.

Wer per VIDEO in 25 Minuten etwas mehr Informationen von Florent Tarbouriech, einem erfolgreichen Austernzüchter haben möchte, folgt einfach dem Link auf den Film von Ici7.

Samstag, 19. Januar 2019

Ludwig Harig: Kein Leben ohne "Biecher" und den Süden Frankreichs

Nur mit Büchern bleibt das Leben lebenswert. Handschrift Harigs.

Fünfundvierzig Bücher hat Ludwig Harig geschrieben und seinem Vater in einem Gedicht erklärt, warum er ohne „Biecher nit läwe“ kann. Das
Leben ohne Bücher war keines für ihn. Und erst recht nicht ein Leben, das ihn nicht dauernd wieder in den Süden Frankreichs geführt hätte; standesgemäß mit dem Firmenwagen des Vaters, einem Mercedes 170 Coupé.


Reifenpanne an der Côte. Bild: B. Harig
Impulsgeber für diesen Beitrag:
Norbert "no" Schmidt. Bild Bräuning

Die Liebe zum Süden verband ihn mit Norbert „no“ Schmidt, dem ehemaligen Zeitungsmacher von der Gießener Allgemeinen, der sich den Midi allerdings zunächst als Tramper erschloß. Wenn er mich nicht auf Ludwig Harig hingewiesen und mir auch noch gleich seinen Artikel an die Hand gegeben hätte, wäre mir Harig glatt durchgegangen. 1927, im gleichen Jahr wie Martin Walser und Günter Grass ist Harig geboren. Als Schriftsteller, Hörbuchautor und Mehrfachpreisträger war er die wichtigste Figur des saarländischen Literaturbetriebes. Im Bergmanndorf Sulzbach kam er zur Welt und hier hat er sie im Jahr 2018 auch verlassen, ohne indes ein provinzieller Autor gewesen zu sein. Längere Aufenthalte führten ihn nach Paris und Berlin, nach Texas und Großbritannien. Auf eine Geschichte Harigs weist Schmidt besonders hin: "Vor uns wölbt sich das Meer". Enthalten ist sie auf der Doppel-CD »Die Côte d’Azur von Marseille bis Menton«, einer 2014 veröffentlichten Doppel-CD der FAZ, die Sie im Web inzwischen sehr preiswert finden.

"Mein Erzählplan ist ein Lebensplan", schreibt Harig einmal in Kalahari, dem teilweise autobiografischen Roman, der 2007 erschien und dessen Untertitel "Ein wahrer Roman" lautet.

Wie sich die biografische Erfahrung in Literatur wendet, wie Distanz bei gleichzeitiger Nähe hergestellt wird, das kann man in Harigs Büchern immer wieder beobachten, so Ulrich Rüdenauer in seinem Nachruf in der ZEIT und weiter: Das Material durchläuft einen Prozess der subjektiven Objektivierung, das eigene Leben wird zu einem erdachten, es scheint wider im Text oder wird "nachgeschaffen", wie es
Peter Kurzeck einmal ausgedrückt hat. Diese

Peter Kurzeck in seinem Arbeitszimmer in Uzes.
Poetisierung der eigenen, gespiegelten Existenz fand Harig auch bei diesem seinem Vorbild wieder. Kurzeck, den es nach Uzès, in die Nähe des Pont du Gard, gezogen hatte, wo er zum unerbittlichen Archivar und Überarbeiter seines Lebens wurde.   
Als Harig 1953 an die Côte d’Azur reiste beschrieb er schon die Auswirkungen eines MAssentourismus, den es damals nun wirklich noch nicht gab. „Was hat Saint-Tropez ein schäbiges Flair angenommen! Vom Parkplatz am Frachthafen, zwischen Lagerschuppen und Einkaufsbaracken, strömt die Menge an den Staffeleien der Kitschmaler vorbei zu den Anlegestellen der Yachten.“ Und über Le


Brigitte und Ludwig Harig in Saint Tropez. Mehr unter diesem Link.

Lavandou: „Über den Bootsmasten flattern blauweißrote Wimpelchen, winden und verdrehen sich, als müssten sie sich inmitten trostlosen Cabanen- und Budengewirrs vor Lachen krümmen.“

Samstag, 12. Januar 2019

Das Kloster Solan: Glaube mit Marketing

Das Kloster von Solan muß man erst einmal finden. Für einen Geographen wäre die Lagebeschreibung ganz leicht. Innerhalb der
Dafür, daß er "bio" ist, gelingt hier ein fast göttlicher Wein
östlichen Vorberge der Cevennen liegt das Kloster auf dem nördlichen Hang des kleinen Flüsschens Tave – das übrigens auch Tavel seinen Namen leiht. Für Nicht-Geographen heißt es an der Mairie umdrehen und kurz vor dem Ortsende, da wo die vielen Briefkästen stehen, rechts hinunter fahren. Und dann, auch wenn Ihnen wegen der Beschaffenheit des durchgehend befestigten, aber immer wieder aufgebrochenen Weges Bedenken kommen, solange darauf bleiben, bis sie dort sind.

Ganze Busse mit Architektur-Studenten besuchen Solan wegen des neu gebauten Weinkellers, ein Gebäude, das seinen Reiz au dem Gegensatz 
Auch von weitem (siehe Bild oben) eine Einheit
zwischen der alten Klosteranlage, einem ehemaligen Gutshof, und der hypermodernen Industriearchitektur bezieht; die wiederum ist erbaut aus den gleichen Muschelkalkquadern wie der Pont du Gard. Etwas weniger euphorisch und so wie unsere Nachbarin sich ausdrückte, ist der Bau

„fast so schön abweisend wie das Gefängnis von Sète“.
Mére Hypandia strahlt, wenn sie die Geschichte erzählt, wie es gelang, mit Hilfe eines Maklers, die alten Gbäude zu erwerben. Seit 1991 wurde das Kloster Stück um Stück
Mère Hypandia
restauriert und erweitert. Das Geld für Kloster und Weingut war wundersam irgendwie da – „de façon miraculeuse“, wie Gründer Père Placide Deseille das formuliert. Postalisch gehört das Monastère de Solan zu La Bastide d’Engras, was aber im ländlichen Frankreich gar nichts heißt. Wenn Sie in den Ort hineinfahren, sehen Sie linker Hand von einem kleinen Platz aus, auf dem auch die Mairie steht, die Bastide. Die paar Schritte hinauf lohnen sich. Vom Kloster aber keine Spur und fast hat man den Eindruck, die wenigen Einwohner wären alle in die Häuser geflüchtet, um die Adresse ihres Weinlieferanten nicht bekannt geben zu müssen. 
 
Die Bewohner des Klosters von Solan haben sich auf einem alten Gutshof niedergelassen, der einmal Kirchengut von Pont-Saint-Esprit war. Früher katholisch also, heute orthodox. Schwestern und Brüder arbeiten gemeinsam im Kloster. Biodynamischer Anbauregeln bestimmen die Arbeit im Weinberg. Die rund fünfzig Hektoliter, die hier produziert werden, sind schnell ausverkauft. Manchmal glaube ich, allein schon wegen der phantasievoll gestalteten Etiketten und der Bezeichnungen für die Weine. Wer vermutet schon einen Rosé mit dem immerhin auch weltlich auszulegenden Titel
„Mein Geliebter hatte einen Weinberg“
als Klosterprodukt. 
 
Marketing spielt also eine Rolle, Zeit nicht. Bei der Lese, per Hand versteht sich, werden mit größter Sorgfalt auch einzelne faule
Trauben entfernt. So kann es drei, fünf oder auch schon mal zehn Minuten dauern, bis die Trauben eines einzigen Weinstocks vorsichtig in die Holzkisten gebettet werden. Auch experimentierfreudig sind die Klosterdamen. Manche Rotweine wurden zu Apéroweinen ausgebaut und es wurden auch schon einmal Pinienknospen, junge Mandeln oder Ingwerstreifen zugesetzt.
 
 

Samstag, 5. Januar 2019

Cannes und Nizza: Das Negresco und andere Hotelpaläste

Lord Brougham: Ihm hat Cannes viel zu verdanken
Heute fahren viele Menschen nur deshalb nach Cannes, um Autos zu filmen, wobei man für einen gewöhnlichen Bugatti schon garnicht mehr das Handy zückt: Da sollte es dann schon ein Pagani Huayra oder ein DMC Aventador Roadster sein oder ein Octane oder ein Novitec - HIER im VIDEO.
  
Cannes, das "kleine englische Dorf, wie Lawrence Durrell den Ort bezeichnete, war Mitte des 19. Jahrhunderts "entdeckt" worden. In Croix-des-Gardes, dem ältesten Wohnviertel der Stadt, hatte der britische Schriftsteller und Rechtsanwalt Lord Brougham ein Urlaubsschloß gebaut, um seiner kränkelnden Tochter Eleonore eine sonnige und gesunde Umgebung bieten zu können.

Ein weiterer englischer Adeliger wurde kurz darauf der erste Immobilien-Spekulant an der Côte d'Azur. Sir Thomas Woolfield kam vier Jahre nach Brougham und kaufte für billiges Geld mehrere Hektar Land in der Umgegend, das parzelliert, bebaut und weiterverkauft wurde.

Dreißig Paläste hat er innerhalb von ein paar Jahren ans sonnenhungrige Publikum gebracht. Seine „Villa Viktoria“, roter Backstein im englischen Stil des 15. Jahrhunderts dominiert noch heute den Boulevard du Midi, westlich des alten Hafens. Zuletzt übergab er das Geschäft seinem Gärtner John Taylor, dessen Familie das Unternehmen bis heute fortführt. Die Büros finden sich an der Croisette.


Der Comic, der die Geschichte des Carlton erzählt, ist nicht mehr lieferbar.
Mit etwas Charme und einer guten Geschichte bekommen Sie noch ein Exemplar an der Rezeption.
 
Im alten Cannes, bevor Brougham das Örtchen zur Stadt machte, gab es die palmenbestandene Promenade ebensowenig wie die Hotel-Paläste „Majestic“, „Carlton“ oder „Martinez“ oder in Nizza das „Negresco“, die bis heute die Bilder der beiden Städte, nicht nur an den Uferpromenaden prägen. Ein liebenswertes, kleines und persönlich geführtes Hotel in Nizza finden Sie HIER. 

Wer in Cannes einmal ein einfaches und reelles Restaurant sucht, geht in die Rue de Meynadier ins "Bons Enfants" oder ins Farigoule und liest HIER vorher nach.


Das „Negresco“ trägt bis heute den Namen seines Gründers, den des Rumänen Henry Negresco. Bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahr, arbeitete er in der Wirtschaft seines Vaters in Bukarest, ehe er als Kellner, später Koch in zahlreichen europäischen Küchen arbeitete, schließlich nach Monte Carlo kam und später in Nizza Küchenchef des „Casino Municipal“ wurde.

Den Traum vom eigenen Hotel verwirklichte er mit dem Geld des Automobilunternehmers Alexandre Darracq. Zur Eröffnung im Jahr 1912 waren sieben Regierungsoberhäupter anwesend und natürlich Gustave Eiffel, der die Stahlkonstruktion der Kuppel entworfen hatte und freimütig erzählte, daß die Brust einer seiner vielen Geliebten ihm da als Modell gedient hatte; nur von welcher, das wisse er nicht mehr ganz genau. Ganze zwei Jahre dauerte die ganze Herrlichkeit, das Hotel wurde im Weltkrieg zum Militärhospital umfunktioniert. Negresco war ruiniert und starb zwei Jahre nach Kriegsende in Paris.

Alles über die Côte und noch
mehr über Nizza finden Sie
in Jens Rostecks
Gebrauchsanweisung.
Wer das „Negresco“ an der Promenade des Anglais in Nizza oder das „Carlton“ an der Croisette in Cannes heute betritt, kann kaum mehr nachfühlen, wie es Zelda und F. Scott Fitzgerald ging, als sie erstmals das „Hôtel de Paris“ in Monte Carlo besuchten.
„Um uns herum wieselten Hotelangestellte, sie brachten uns Billetts und Genehmigungen, Stadtpläne, Landkarten, insgesamt fast so etwas wie eine ganz neue Identität.“
Auch wenn, wie schon beim Negreso, die Inneneinrichtung teurer war als der gesamte Bau, so werden die Personalkosten heute ganz anders kalkuliert; von fünf Bediensteten pro Gast ist bei weitem nicht mehr
Blick vom Splendid in Cannes auf den Yachthafen                                     Bild Hotel
die Rede. Wenn der Literaturkritiker Fritz Joachim Raddatz, der mal Cheflektor bei Rowohlt war und seine Bücher über Heine und Rilke in Nizza geschrieben hat, auf seinem Beobachtungsposten im Negresco saß, blieb für ihn nur
„ein Gipfel an zirkushaft dekorierter Geschmacklosigkeit, wobei die russischen Milliardäre ihre gleich-blonden, gleich-langbeinigen Mädchen bei AVIS offenbar gleich mitbestellen“.
Aber solange Menschen wie ein britischer Schlagersänger namens John
„ein eigenes Zimmer für seine 300 Brillen“
bestellt, müsse uns um den Fortbestand des Hauses nicht bange sein.
Auch die weiteren üblichen Verdächtigen aus den Bereichen Kino und Musik haben hier genächtigt: Beatles, Mick Jagger und die Garbo -
nur um die Spanne anzudeuten.