Samstag, 15. Februar 2020

Klös-Kunst aus Trascouvieux



 
Nicht weit von seinem geschätzten Max Ernst hat der deutsche Maler und Druckgrafiker Bodo Klös ein Atelier, in Trascouvieux, ein paar Häuser,die zu Laval-Saint-Romain gehören. Nach sieben Kilometern kann er in den Garten des ehemaligen Ernst-Hauses sehen. Klös hat sich insbesondere der Radierung verschrieben und ist mit der „edition noir“ seiner Frau Birgit immer wieder auf den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt vertreten.

Mehrfach konnten Sie seine Bilder auch in der Galerie „La Quincaillerie“ von Florian Besset in Barjac sehen. Norbert Schmidt, langjähriger Redakteur der Gießener Allgemeinen, kennt Klös gut und hat ihm immer wieder Raum gegeben.
Er erzählt auch, wie das Ehepaar Klös Besucher in Barjac immer wieder in die Straße führen, in der die Kurzeck-Freunde Pascale und Jürgen erst mit ihren Restaurant und dann ihrer Liaison scheiterten. Klös habe etwas von Kurzeck, sagt Schmidt. „Er sammelt Details, notiert Sinnliches, das die Seele erfreuen kann.“ Der Künstler plädiere für „Alltäglichkeiten als Glücksentfacher“.
Die ganze Geschichte gibt es auf der Homepage der "Edition Noir", von der auch die Bilder stammen: Schmidt, Norbert: Bodo Klös und dem Loplop auf der Spur.


Samstag, 8. Februar 2020

Lesenswert: Der Marseille/Calanques-Wanderführer von Uli Frings

Der Mann kennt sich aus! Wer mehr als zwei Tage in Marseille verbringen möchte, kommt ohne den Reiseführer von Uli Frings nicht aus. Selbst wer mit dem Wandern, Stadtwandern schon gar, nichts am Hut hat, der stößt hier auf eine überwältigende Menge an guten Tipps
 

und Hintergrundinformationen. Aber nennen wir das Stadtwandern doch lieber Bummeln oder Flanieren – dann hört es sich nicht gleich so muskelkaterisch an.

Sie können das Buch auch so benutzen: Sie gehen los am Alten Hafen und lassen sich treiben. Und immer, wenn es Sie für einen Café oder eine Menthe à l’eau oder ein Verre de Rosé in eine Bar zieht, lesen Sie nach, was Sie vielleicht verpasst haben. Dann zurück dahin und wieder treiben lassen. Um den Puls der Stadt zu spüren ist dies eine gute Art der Annäherung.

Wer es systematischer liebt: Mein Rat wäre es mit der Tour 3 (S. 50) zu beginnen, die Quai du Port beginnt und Sie durch das Panier-Viertel führt – für die 6 Kilometer mit 85 Höhenmetern setzt Frings ohne die Besichtigungen zweieinhalb Stunden an. Nur dürfen Sie die

morgendliche Tour dann nicht nach zweihundert Metern unterbrechen und in den ersten Stock des Hotel Bellevue hinauf- und dann auf den Balkon hinausgehen. Von dort hat man für mich einen der schönsten Ausblicke auf den Hafen - auf die Forts und auf Notre-Dame de la Garde - und das bei einem ausgezeichneten Café und frischen Croissants. Etwas später, kommen Sie an der Bar des Treize Coins vorbei, in der Jean Claude Izzo gelegentlich schrieb – aber nicht an
 
 
 
seiner Marseille-Trilogie S. 128), dem zweiten Buch über Marseille, das ich vorbehaltlos empfehle. In einer Pause können Sie dort nach nachzählen, ob der Platz wirklich dreizehn Ecken hat. Wenn Sie dort zu einem ausgedehnten Apéro mit zwei, drei Pastis hängenbleiben, könnte es auch 15 Ecken werden.

Für alle Wanderungen gibt Frings zahlreiche Pausentips, die fast
alle unterschreibe. Nur in Les Goudes muss unbedingt in der nächsten Auflage noch die Grand Bar des Goudes (direkt am Hafen) von Didier Tani dazu. Der Patron, der ohne Maskenbildner jederzeit als Seeräuber im Fluch der Karibik mitwirken könnte, ist Verfechter einer authentischen Bouillabaisse ohne Languste und sonstigem Schnickschnack. Er kocht die so, wie er von seinem Vater gelernt hat. Ein kurzes Video gibt es hier.

Ein wichtiger und richtiger Hinweis bezieht sich zum Beispiel auf die kulturellen Stadtrundgänge (S. 64), die von Carina Curta und Pia Leydolt-Fuchs als CaP.Cult organisiert werden. Und auch ein paar Lesestücke sind im Buch: Ein lesenswerter Gastbeitrag (S. 34) von Oberwanderer Manuel Andrack, der sich so seine Gedanken macht, was einem eine Wanderung entlang von Ölraffinerien und Müllkippen geben kann. Und ein Interview mit Ulrich Fuchs, dem deutschen Programmchef der Kulturhauptstadt Marseille-Aix 2013, der über die Quartiers Nord, die Bandenkriminalität und darüber spricht, warum der soziale und ökonomische Fortschritt in Marseille eine Schnecke ist.

Da kann man nur in die Calanques flüchten, in die uns Frings mit ausgesprochen guten Fotos führt. Hier empfehle ich nicht die an Wochenende schon manchmal überlaufenen östlichen Fjorde, sondern die westlichen Küstenwege von L’Estaque nach Carry-le-Rouet. Alles Wege, die Sie ohne schlechtes ökologisches Gewissen machen können, denn Frings, sagt uns auch, wie wir mit Bus und Bahn schnell an unsere Ausgangspunkte kommen. Selbst passionierte Pkw-Benutzer sollten dem ausnahmsweise folgen, weil dann das Auto nicht aufgebrochen werden kann.
 
Die von Uli Frings angebotenen Reisen können Sie sich unter www.ardechereisen.de ansehen. Da gibt's dann auch richtig viele Infos über die Wanderungen, während ich mich, so kommt mir's vor, doch eher auf die Bars und Restaurants konzentriere.
 

„Marseille, Calanques, Côte Bleue – Wander- und Reiseführer mit den schönsten Stadt- und Küstenwanderungen Marseilles“. 2019, 142 Seiten, 14,80 €.  Zu beziehen über den Autor ulifrings@gmx.de , der das Buch klimaneutral und im Eigenverlag produziert hat.
 

Donnerstag, 30. Januar 2020

Anselm Kiefer’s Barjac: Die "Türme der sieben Himmelspaläste"

 

Barjac verfügt über enge Gassen, histo­rische Bauten aus der Renaissance und schat­tige Plätze, auf denen immerzu Boule gespielt wird. Er unter­scheidet sich wenig von anderen, ebenso idyllischen Städtchen in der Provence, gäbe es in seinem Umkreis nicht einen phan­tas­tischen Erin­nerungs­ort, den der weltweit be­rühmte Künstler und Maler deutscher Mythen Anselm Kiefer zwischen 1993 und 2008 ge­schaffen hat.

Fragt man in Barjac, in der Metzgerei oder der Apotheke am Markt, nach Anselm Kiefers Atelier und Wohnhaus, erhält man kaum eine hilfreiche Antwort. Genaueres weiß nie­mand, fast scheint es so, als wolle man über diesen deutschen Dunkelmann nicht reden. Nach längerer Suche und einigen Irr­wegen stehen wir endlich doch, zwei, drei Kilo­meter von Barjac entfernt, vor Kie­fers erhöhtem Freiluftate­lier und Privat­museum „La Ribaute“, einer ehemaligen Seiden­fabrik; ein 35 Hektar großes Gelände, von Feldern und Weinbergen umgeben und für niemanden zugäng­lich. Der Künstler selbst hat den Ort bereits 2008 Richtung Paris verlassen.




Rathausbrunnen in Barjac                    Bild ccWiki

Wir stehen also vor einem breiten Tor aus rostigem Eisen. Fernes Hunde­gebell, kein Mensch zu sehen. Ein Telefon ist neben dem Tor auf­gestellt, doch die angezeigte Nummer bleibt tot. Schon einmal, im Jahr 2010, habe ich die Suche eben hier auf­gegeben, doch in diesem Sep­tember gehe ich um das Gelände herum, das von hohen Zäunen, die vor­geben, elek­trisch geladen zu sein, dichten Hecken und Kameras gesichert ist wie ein geheimes For­schungs­labor. Zu diesem Eindruck tragen auch die gewal­tigen Hangars und Bunker bei, die man ab und an hinter den Büschen zu erkennen glaubt.

Schließlich übersteige ich ein kamera­über­wachtes Seiten­tor, bewaffne mich mit einem Knüppel, um mich der eventuell auf­tauchenden Hunde zu
 
Türme der Himmelspaläste von Michael Buselmeier fotografiert.
Nur gut zu sehen, wenn man über den Zaun klettert.

erwehren, und mache mich auf in Kiefers geheim­nis­volle Stadt, die er „Türme der Sieben Himmels­paläste“ getauft hat. Als der Künstler Anfang der 90er Jahre hier ankam, fand er eine Tundra-Landschaft und ein paar Gebäude in ruinö­sem Zustand vor. Mit der Planier­raupe wurden Straßen und Wege angelegt, die alten Häuser restauriert, und neue Bauten aus Glas und Beton, weit über drei­ßig, ent­standen. Das Areal ist von einem weit­läufigen Tunnel­system durch­zogen, das die ver­schie­denen Gebäu­de verbindet. Es gibt magi­sche Räume unter der Erde und wind­schiefe Türme, die zum Himmel hin offen sind. Einer der Gänge endet an einem riesigen Amphi­theater mit einer Krypta - eine fremdartige Geister­stadt aus Archi­tektur, Instal­lation, Malerei und der süd­lichen Land­schaft, von Leere und Stille über­formt.
 
Es ist ein kleines Abenteuer, das ich hier erlebe. Der Weg führt mich zunächst an einem großen Hangar vorbei, in dem Baufahrzeuge, Bagger und Kräne bereit stehen. Und schon habe ich auch die aus groben Beton­teilen gefertigten und schief aufge­schichteten babylonischen Türme im Blick. Sie wirken wie riesige Karten­häuser, die im nächs­ten Moment ein­stür­zen könnten; ver­wirrende, halbreale Gebilde. Wie einem Traum ent­sprungen, stehen sie einsam und schutzlos im Wind, einer steht sogar im Wasser. Zwi­schen den Türmen liegen Beton­teile verstreut, vielleicht Trümmer gesprengter Bauten, die das Vorwärtskommen erschweren, Fragmente, etwa ein gestrandetes Boot, Treppen, die ins Nichts führen. Aus einem der Türme ragen Sonnen­blumen aus Aluminium hervor. Eine eindrucks­voll gebors­tene Kunst-Landschaft.

Doch Trümmer, sagt man, waren häufig der Ausgangspunkt von etwas Neuem. Sie sind, meint Kiefer im Gespräch mit Klaus Dermutz (erschienen im Suhrkamp Verlag, 2010), „an sich Zukunft. Weil alles, was ist, vergeht.“ Und er zitiert Jesaia:
„Über euren Städten wird Gras wachsen.“
Auch im ver­lassenen „La Ribaute“ wuchert das Unkraut, und vielleicht sollte man es auch gewähren lassen, bis alles Men­schen­werk wieder in die gleich­gültige Natur zurück­ge­nommen ist. Dieses be­gehbare Kunst#-reich am Fuß der Cevennen, all die Türme, Häuser, Grotten, Bunker und die kilo­meter­langen unter­irdischen Gänge sind ja keine Spie­lerei, sondern heiliger Ernst, ein modernes Labyrinth, ent­standen aus meta­physischer Not und bedrän­genden(Kriegs-)Erfahrungen, die hier in radikale Bil­der umge­setzt wurden.

Beim Weitergehen bemerke ich drei mächtige Glashäuser, in der Sonne blitzend. Sie dienten wohl der Aufstellung von Kiefers in Barjac entstandenen Werken: Instal­lationen, Re­gale mit Bleibüchern, Gemälde und Materialbilder größten Formats. Es gab auch eine reich bestückte Bibliothek, aus der sich der besonders an philo­sophischen und theologischen Fragen in­teres­sierte Künst­ler bediente. Als ich mich den Gewächs­häusern zuwende, heult ein schwerer Motor auf, die Stille zerreißend, es ist ein grüner Bull­dozer, der sich mir nähert. Man hat mich entdeckt. Der Wachmann steigt herab und brüllt mich an, zeigt auf die all­gegen­wär­tigen Kameras und droht mit der Po­lizei, ich schreie zurück, behaupte, ein Bekannter von Kiefer zu sein, doch alles nützt nichts, und ich muss wieder zurück über den Zaun klettern.

So habe ich manches nicht gesehen und doch einen Eindruck gewonnen von diesem grandiosen und hochfahrenden „Gesamt­kunstwerk“ (durchaus im Sinn Richard Wagners, dessen Musikdramen Kiefer bewun­dert). Was aber soll mit den „Türmen der Sieben Himmels­paläste“ fortan geschehen?

Kiefer hat sein Werk ver­lassen und wird nicht mehr zurückkehren, scheint aber noch im Besitz des Geländes zu sein. Im Gespräch mit Klaus Dermutz sagt er:
„Vielleicht kommt jemand nach Barjac, der das dann zu Ende führt.“
Doch die wenigen Besucher, die der ver­borgenen Anlage wegen von weit her anreisen, stehen vor geschlossenen Toren, und niemand erklärt ihnen, warum das so sein muss. Und die Ein­wohner von Barjac haben keine Ahnung, was für ein Schatz sich auf ihrer Gemarkung befindet.

Im Internet ist zu lesen, dass Kiefer im Jahr 2011 vorgeschwebt hat, diesen poetischen Ort der Trümmer den Staaten Frankreich und Deutschland zu schenken, um daraus eine Stif­tung zu machen - für Süd­frankreich und beson­ders Barjac eine ein­malige Chance. Auch die Guggenheim-Stiftung soll ein vages Interesse an „La Ribaute“ gezeigt haben. Mehr ist nicht zu erfahren. Und geschehen ist jedenfalls nichts.

Viel­leicht wäre es am besten, die Zäune niederzureißen, die Überwachungs­kameras abzu­bauen und das Gelände sich selbst, der wuchernden Natur und den Kunstfreunden zu überlassen, die aus aller Welt nach Barjac pilgern würden, um sich die unter- und über­irdischen Himmels­paläste zu er­wandern.
 




















 

Freitag, 24. Januar 2020

Peter Mayle und Lawrence Durrell: Zuviel Lesernähe

Eis hat Durrell auf seinem Lieblingsplatz beim "Glacier" seltenst gegessen

Lawrence Durrell war so populär, daß seine Bewunderer nicht nur täglich das Grundstück belagerten, sondern sogar in sein Haus in Sommières eindrangen, um „ihrem Larry“ leibhaftig zu begegnen.


Peter Mayle im Lubéron und Lawrence Durrell in Sommières
konnten sich vor ihren Landsleuten kaum retten. Bild Wiki cc

Ähnlich erging es eine Generation später Peter Mayle im Luberon. Wer die Lage seines Hauses so beschreibt, wie Mayle das getan hat, exakter als jede Postanschrift, darf sich über Lesernähe nicht wundern. Sie würden das Haus auch leicht finden:

Unterhalb der Landstraße, die Menerbes mit Bonnieux verbindet, am Ende eines nicht asphaltierten Weges, Kirschbäume auf der einen Seite, Weinreben auf der anderen, liegt ein zweihundert Jahre alter Bauernhof aus Natursteinen, dessen Grundstück an den Luberon-Nationalpark grenzt.
Fast zehn Prozent aller Provence-Urlauber sollen ab 1990 nur aufgrund der Werke von Peter Mayle nach Südfrankreich gereist sein, schrieb eine britische Tageszeitung. Manche tun es sogar noch nach seinem Tod. Und von den Engländern werden es neunundneunzig Prozent gewesen sein.

Das restliche Prozent ist Ford Madox Ford zu verdanken - Sohn eines Musikkritikers der „Times“ und Enkel eines westfälischen Verlegers -, der seinen Namen Ford Hermann Hütter aufgab, als während des Ersten Weltkriegs die Stimmung in England immer stärker anti-deutsch wurde. Einige seiner Romane, die in Zusammenarbeit mit Joseph Conrad erschienen, hat der Eichborn Verlag zu Beginn des 21. Jahrhunderts veröffentlicht.

Nach seinem Buch „New York ist nicht Amerika“ und mehreren Paris-Aufenthalten war ihm klar, daß auch Paris nicht Frankreich war, sondern viel eher die Provence. Die Liebe zum Süden hatte er von seinem Vater geerbt, der sogar provenzalische Gedichte verfasst und seinem Sohn nichts anderes die Grundzüge der Sprache und des Schachspiels beigebracht hatte.

Ford passte auch noch aus einem anderen Grund gut nach Südfrankreich, denn sein Umgang mit der Wahrheit läßt an Tartarin oder einen Fischer aus Marseille denken, wie Julien Barnes das beschrieben hat.

„Für Tatsachen hatte er vor allem Verachtung übrig, während er umgekehrt an die absolute Akkuratheit von Eindrücken glaubte. Pound vertraute Hemingway einmal an, dass Ford ‚nur lügt, wenn er sehr müde ist’. Sollte das aber seine Richtigkeit gehabt haben, muß Ford sehr oft sehr müde gewesen sein.“
Ihm wurde zudem nachgesagt, ein „furchterregender Trinker“ gewesen zu sein, eine der Gemeinsamkeiten mit Lawrence Durrell. Als dessen Haus nach seinem Tode verkauft wurde, mußte die neue Eigentümerin rund 6.000 Weinflaschen entsorgen, die Durrell im Pool versenkt hatte.

Freitag, 17. Januar 2020

Manosque: Giono, der Homer der Provence

Ein Bankangestellter vom Crédit agricole aus dem in der Hochprovence liegenden Manosque, der, abgesehen von seiner Soldatenzeit, achtzehn Jahre zunächst treu und brav hinter dem Schalter und sich so zum
Filialdirektor hochsitzt, kauft sich in preisgünstigen Sonderausgaben die Werke von Vergil, Sophokles, Melville und Kipling, beginnt selbst zu schreiben und wird als Autor innerhalb weniger Jahre zum „Homer der Provence“.



Jean Giono war Fortschritts- und Zivilisationskritiker. Am liebsten hätte er sich wieder in die Welt seines Großvaters geflüchtet und hätte jeden weiteren Fortschritt verboten, den militärischen zu allererst.

Diese Kürzestbiographie wird natürlich Jean Giono nicht einmal ansatzweise gerecht, ebenso wenig, wie, bei aller Liebe, der von übereifrigen Lokalpatrioten gewählte Homer-Vergleich. In einem Filmportrait sagt er:



„Ich habe keine Lust, ein ganzes Leben lang den Giono zu machen“.
Giono lebte völlig zurückgezogen und ist Zeit seines Lebens fast nie aus Manosque und Umgebung herausgekommen; sieht man einmal ab von seinen Einsatzorten im Ersten Weltkrieg, einer Paris- und einer Italienreise. Die Erfahrungen als Frontsoldat prägten ihn und seine spätere radikale pazifistische Grundeinstellung, die ihn Rechten wie Linken verdächtig machte:
"Ich habe keine Seele mehr, ich habe kein Herz mehr, ich habe keinen Himmel mehr, ich habe keine Ideale mehr, ich bin nur noch Knochen, Fleisch und Waffe."
Die deutsche Übersetzung seines Romans „Regain“ durch den Dichter Ferdinand Hardekopf rückte Giono in den dreißiger Jahren fälschlich in die Nähe der deutschsprachigen Blut- und Bodendichter.


Besuchenswert Centre Jean Giono in Manosque

Als Kriegsdienstverweigerer im Zweiten Weltkrieg geriet er schnell in den Verdacht der Kollaboration mit den Deutschen und wurde mit Schreibverbot belegt - ausgerechnet vom französischen Schriftstellerverband, damals diktiert vom Kommunisten Louis Aragon. Die Regionalzeitung „Le Petit Var“, berichtet im Herbst 1939 über seine Verhaftung aufgrund „zersetzender Äußerungen“:
"Was kann uns schlimmstenfalls passieren, wenn die Deutschen Frankreich erobern? Daß wir zu Deutschen werden? Ich für meinen Teil will lieber ein lebender Deutscher sein als ein toter Franzose."  
Giono wird verhaftet und ins Fort Saint Nicolas in Marseille eingeliefert. Viele seiner Romane über das Leben und Sterben der Menschen in den kleinen Weilern der Haute Provence, die in keinem Führer mehr verzeichnet sind, waren damals bereits veröffentlicht, „Der Hügel“ oder „Der Berg der Stummen“ oder der später verfilmte „Husar auf dem Dach“.

Während des Krieges versteckte Giono später Gefolgsleute der Resistance bei sich, wie den aus dem Lager von Les Milles geflohenen Pianisten Jan Meyerowitz, und Flüchtlinge, wie die erste Frau von Max Ernst, Luise Straus; die hat ihn dann sogar noch dazu gebracht, ihren Liebhaber, einen entflohenen Soldaten, als Gärtner einzustellen. All das isolierte die Familie so sehr, daß nach dem Tode seiner Mutter nur vier Einheimische am Begräbnis teilnehmen.
eingeliefert. 


 

 

Samstag, 11. Januar 2020

Boule mit "viereckigen Kugeln": Nur in Vézénobres



Tatsächlich eckig und trotzdem Boule
Mick Jagger hat sich Ende der 1970er Jahre hier erst ein Haus gekauft und es dann schnell wieder verkauft. Es war ihm zu ruhig und die Menschen zu seltsam. Denn in Vézénobres - hier alles über Vézénobres - so heißt das Örtchen mit seinen knapp zweitausend Einwohnern, das sich einen steilen Hang emporzieht, wird „Boule carrée“ gespielt wird – Boule mit viereckigen „Kugeln“.
„Das Glück ist rund, Monsieur“, wurde dem deutschen Dichter Wolfdietrich Schnurre im Midi das Boulespiel kurz, aber in seiner ganzen Komplexität erklärt. Sicher ist nur, daß er diese Erklärung nicht in Vézénobres erhalten haben kann. Denn hier waren es die Boulespieler leid, ständig den die Hänge hinunter rollenden Kugeln nachzulaufen und entschieden sich für die Einführung des eckigen Glücks.


Viereckig, damit sie nicht den Hang hinunterrollen
Schnurre hätte diese Regeländerung vermutlich nicht gerne akzeptiert. Denn das Runde hatte nicht nur für ihn eine besondere Anziehungskraft.
„Der Mensch lebt zwischen den Kugeln. Es schwingt da eine Art archaischen Tastgefühls mit. Man merkt woran die Hände denken, wenn die Finger gedankenvoll die Rundungen abtasten. Hier werden Formen wiederentdeckt, die wahrscheinlich schon Adam erfreuten.“
Boule war, ist und bleibt Männersache. Das hängt weniger mit der „Schweinchen“ genannten kleinen Holzkugel, sondern vor allem mit Fanny zusammen. Ursprünglich war Fanny eine Zuschauerin, der der Verlierer, wenn er beim Null-zu-13 ohne jeden Punktgewinn blieb, den blanken Hintern küssen mußte. Heute ist Fanny, was manche bedauern, meist eine silberne Medaille oder eine Keramikfigur, die im Koffer neben den Kugeln Platz hat und die niemanden mehr in eine kompromittierende Situation bringt.
Eine Fanny gehört in jeden Boule-Koffer



Fanny Vollzug bei 0:13
Für Kurt Tucholsky war Boule zweierlei, erstens Männersport und zweitens Sonntagssport. Die Regeln waren ihm nicht geläufig, aber es schien für ihn das „Haupterfordernis zu sein, daß man sich dazu wie beim Kegeln die Jacke auszieht.“ Und weil es ja sonntags gespielt wird, „haben so alle weiße Hemdsärmel“. Und eines hoffte er inständig, daß das „Spiel nicht dem Sport in die Finger falle“, mit Turnieren, Preisen und Schiedsgericht. Denn sonst könne es ja kein Sonntagsspiel mehr bleiben. Dieser Wunsch erfüllte sich nicht.
Bei der Stadt-Meisterschaft in Vézénobres qualifizierten sich wie üblich die zehn besten Teams für die Weltmeisterschaft, die natürlich auch immer in Vézénobres stattfindet. Meine Frage nach ernstzunehmenden Gegnern aus anderen Ländern, wurde als derart unpassend aufgefasst, als habe ich den Nachtisch vor dem Käse haben wollen. „Was für Länder? Beim Boule carrée?“ Eine ähnliche Überheblichkeit ist nur von der NBA, der nordamerikanischen Basketball-Liga bekannt. Dort ist der Landesmeister auch immer zugleich der World-Champion.


Und HIER ETWAS ÜBER BOULE IN MARSEILLE ,diesmal mit "runden Kugeln" und 200.000 Zuschauern.
 




Samstag, 4. Januar 2020

Mont Ventoux: Petrarcas Bericht von der Erstbesteigung, die keine war

Mont Ventoux über den Wolken. Wieder eines der genialen Bilder von Steffen Lipp.

Die Besteigung des Mont Ventoux, schreibt Francesco Petrarca im 14. Jahrhundert, habe ihm viele Jahre lang im Sinn gelegen,

„habe ich doch in der hiesigen Gegend seit meiner Kindheit geweilt. Dieser Berg aber, der von allen Seiten weithin sichtbar ist, steht mir fast immer vor Augen.“
In einem seiner Briefe an den Augustinermönch Francesco Dionigi von Borgo san Sepolcro in Paris beschreibt er diese Tagestour. Von
Francesco Petrarca: Humanist, Dichter, Jurist, Diplomat                                        Bild Wiki comm
Malaucène aus machten sich Petrarca und sein Bruder über die steile, aber kürzere Nordflanke auf den Weg.

Wieso ausgerechnet mit seinem Bruder als Reisebegleiter? So ganz alleine wollte er sich allerdings nicht auf den Weg machen und sicher hätte die Besteigung schon ein oder zwei Jahre früher stattfinden können, hätte er den richtigen Begleiter gefunden.

„Als ich aber deswegen mit mir zu Rate ging, erschien mir, so merkwürdig es klingt, kaum einer meiner Freunde dazu geeignet. So selten ist selbst unter teuren Freunden jener vollkommenste Zusammenklang aller Wünsche und Gewohnheiten. Der eine war mir zu saumselig, der andere zu unermüdlich, der zu langsam, jener zu rasch, der zu schwerblütig, jener zu fröhlich, der endlich zu stumpfen Sinnes, jener gescheiter als mir lieb. Beim einen schreckte mich seine Schweigsamkeit, beim anderen sein lautes Wesen, bei einem seine Schwere und Wohlbeleibtheit, beim anderen Schmächtigkeit und Körperschwäche. Beim einen machte mich kalte Gleichgültigkeit bedenklich, bei einem anderen wieder gar zu heißes Anteilnehmen.“
Kirsch- und Pfirsischblüte unterhalb des Mont Ventoux
Kurz, man hätte Petrarca raten mögen, doch alleine zu gehen. Zu guter letzt fällt ihm noch sein Bruder ein – und der ist es dann.

Eine Abschrift der Confessiones des Augustinus war ihm geschenkt worden, eine Schrift, die Petrarca jahrzehntelang bei sich trug und die auch den Weg mitmachte auf die Spitze des Ventoux. Dort oben schlug der Wind zufällig eine ganz bestimmte Seite auf.

„Das faustfüllende Bändchen allerwinzigsten Formats, aber unbegrenzter Süße voll, öffne ich, um zu lesen was mir entgegentreten würde. Zufällig aber bot sich mir das zehnte Buch dieses Werkes dar.“
Und dann zitiert er Augustinus. „Und es gehen die Menschen, zu bestaunen die Gipfel der Berge und die ungeheuren Fluten des Meeres und die weit dahinfließenden Ströme und den Saum des Ozeans und die Kreisbahnen der Gestirne – und haben nicht acht ihrer selbst.“ Also weg von den Äußerlichkeiten empfiehlt der Kirchenlehrer, Einkehr und innere Werte, die Seele. Zornig auf sich selbst war Petrarca, daß er noch kurz zuvor genau jenen Gipfelblick genossen hatte, den Augustinus ihm jetzt wie in einem Spiegel vorhielt.
„Ich sah klar zur Rechten die Gebirge der Provinz von Lyon, zur Linken sogar den Golf von Marseille, und den, der gegen Aigues-Mortes brandet, wo doch all dies einige Tagereisen entfernt ist.“
Manchmal Schnee bis in den Mai                                                       Bild: Lipp

Viele halten Petrarca für den Erstbesteiger des Ventoux. Das war er natürlich nicht und er selbst gesteht ein, daß ihm auf den Weg nach oben ein alter Hirte entgegenkam, der diese Tour mehrmals im Monat machte, um nach seinen Schafen zu sehen.

Ganz unumstritten ist Petrarcas Autorenschaft am Brief nicht mehr; warum, das steht HIER. Gut dreißig Jahre später, als er seinen Tod herannahen fühlte, verschenkte er die Augustinus-Handschrift an seinen Glaubensbruder Ludovico Marsili und gab ihm mit auf den Weg:
„An der Gabelung Deines Lebensweges hast Du viele Führer zur Verfügung. Möge Dir doch der eine genügen, Augustinus, der Führer Deines geistlichen Hauses, von dem Du siehst, daß er in eben Deinem Alter gegen seine Irrtümer und Fehler in hochherzigem Ansturm einen siegreichen Kampf ausgefochten hat.“ 
Samuel Beckett, wenn er mit oben auf dem Ventoux gewesen wäre, hätte das sicher anders ausdrückt:

„Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf nichts Neues.”





 

 


 

Donnerstag, 26. Dezember 2019

Wanderwoche Ende September: Pont du Gard, Pic Saint Loup und Sommières

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Eine abwechslungsreiche Kultur- und Wanderwoche durch den Midi bietet Harald Hamel im Spätherbst 2020 an. Wunderschöne Wanderstrecken, anregende Kulturbeiträge und erholsame Auszeiten im „Mas de la Rivoire“ bei Sommières.


Fabienne und René Stutz sind die Gastgeber auf einem ehemaligen Weingut

Wanderhighlights: Pic Saint-Loup, Cirque de Navacelles, Saint-Guilhem-le-Désert und der Steinbruch von Junas seien hier exemplarisch genannt; natürlich darf auch ein Tag am Gardon mit dem berühmten Pont du Gard nicht fehlen.

Die Steinbrüche von Junas wurden seit der gallo-römischen Zeit
Mittagspause im Steinbruch - allerdings ohne Jazz


abgebaut. Die Blöcke, bis 20 cm dick, 50 cm lang und 30 cm tief wurden per Hand ausgehauen. Seit 1987 wurde der Steinbruch von der Association Les Carrières du Bon Temps so umgestaltet, daß er gefahrlos besucht werden kann; mit seiner besonderen Akustik ist er Veranstaltungsort für ein inzwischen renommiertes Jazz-Festival. 


An zwei Tagen wird Manfred Hammes die Gruppe begleiten und dafür sorgen, daß Literatur und Kunst zu ihrem Recht kommen. Auf gut begehbaren Strecken(3 bis 5 Stunden am Tag) mit atemberaubenden Ausblicken geht es durch die grandiose Landschaft. Etwas mehr als die normale „Bürofitness“ sollten die Teilnehmer allerdings schon mitbringen. Schließlich geht es hoch fast zur Spitze des Saint-Loup.

Gasse in Sommières
Aber es kommt selbstverständlich auch das Kulinarische nicht zu kurz: Frühstücksbuffet, Lunchpakete und fünf Abendessen im Mas de la Rivoire gehören dazu. Lassen Sie sich in der anregenden Atmosphäre des Mas verwöhnen, gerne noch im Wellnessbereich mit Massagen, Jacuzzi und Sauna. Wenn Sie besondere Wünsche haben, werden Fabienne und René Stutz, mit denen Sie auch deutsch sprechen können, alles tun, um diese zu erfüllen

Alle Einzelheiten zur Reise: Klicken Sie hier.