Freitag, 17. Januar 2020

Manosque: Giono, der Homer der Provence

Ein Bankangestellter vom Crédit agricole aus dem in der Hochprovence liegenden Manosque, der, abgesehen von seiner Soldatenzeit, achtzehn Jahre zunächst treu und brav hinter dem Schalter und sich so zum
Filialdirektor hochsitzt, kauft sich in preisgünstigen Sonderausgaben die Werke von Vergil, Sophokles, Melville und Kipling, beginnt selbst zu schreiben und wird als Autor innerhalb weniger Jahre zum „Homer der Provence“.



Jean Giono war Fortschritts- und Zivilisationskritiker. Am liebsten hätte er sich wieder in die Welt seines Großvaters geflüchtet und hätte jeden weiteren Fortschritt verboten, den militärischen zu allererst.

Diese Kürzestbiographie wird natürlich Jean Giono nicht einmal ansatzweise gerecht, ebenso wenig, wie, bei aller Liebe, der von übereifrigen Lokalpatrioten gewählte Homer-Vergleich. In einem Filmportrait sagt er:



„Ich habe keine Lust, ein ganzes Leben lang den Giono zu machen“.
Giono lebte völlig zurückgezogen und ist Zeit seines Lebens fast nie aus Manosque und Umgebung herausgekommen; sieht man einmal ab von seinen Einsatzorten im Ersten Weltkrieg, einer Paris- und einer Italienreise. Die Erfahrungen als Frontsoldat prägten ihn und seine spätere radikale pazifistische Grundeinstellung, die ihn Rechten wie Linken verdächtig machte:
"Ich habe keine Seele mehr, ich habe kein Herz mehr, ich habe keinen Himmel mehr, ich habe keine Ideale mehr, ich bin nur noch Knochen, Fleisch und Waffe."
Die deutsche Übersetzung seines Romans „Regain“ durch den Dichter Ferdinand Hardekopf rückte Giono in den dreißiger Jahren fälschlich in die Nähe der deutschsprachigen Blut- und Bodendichter.


Besuchenswert Centre Jean Giono in Manosque

Als Kriegsdienstverweigerer im Zweiten Weltkrieg geriet er schnell in den Verdacht der Kollaboration mit den Deutschen und wurde mit Schreibverbot belegt - ausgerechnet vom französischen Schriftstellerverband, damals diktiert vom Kommunisten Louis Aragon. Die Regionalzeitung „Le Petit Var“, berichtet im Herbst 1939 über seine Verhaftung aufgrund „zersetzender Äußerungen“:
"Was kann uns schlimmstenfalls passieren, wenn die Deutschen Frankreich erobern? Daß wir zu Deutschen werden? Ich für meinen Teil will lieber ein lebender Deutscher sein als ein toter Franzose."  
Giono wird verhaftet und ins Fort Saint Nicolas in Marseille eingeliefert. Viele seiner Romane über das Leben und Sterben der Menschen in den kleinen Weilern der Haute Provence, die in keinem Führer mehr verzeichnet sind, waren damals bereits veröffentlicht, „Der Hügel“ oder „Der Berg der Stummen“ oder der später verfilmte „Husar auf dem Dach“.

Während des Krieges versteckte Giono später Gefolgsleute der Resistance bei sich, wie den aus dem Lager von Les Milles geflohenen Pianisten Jan Meyerowitz, und Flüchtlinge, wie die erste Frau von Max Ernst, Luise Straus; die hat ihn dann sogar noch dazu gebracht, ihren Liebhaber, einen entflohenen Soldaten, als Gärtner einzustellen. All das isolierte die Familie so sehr, daß nach dem Tode seiner Mutter nur vier Einheimische am Begräbnis teilnehmen.
eingeliefert. 


 

 

Samstag, 11. Januar 2020

Boule mit "viereckigen Kugeln": Nur in Vézénobres



Tatsächlich eckig und trotzdem Boule
Mick Jagger hat sich Ende der 1970er Jahre hier erst ein Haus gekauft und es dann schnell wieder verkauft. Es war ihm zu ruhig und die Menschen zu seltsam. Denn in Vézénobres - hier alles über Vézénobres - so heißt das Örtchen mit seinen knapp zweitausend Einwohnern, das sich einen steilen Hang emporzieht, wird „Boule carrée“ gespielt wird – Boule mit viereckigen „Kugeln“.
„Das Glück ist rund, Monsieur“, wurde dem deutschen Dichter Wolfdietrich Schnurre im Midi das Boulespiel kurz, aber in seiner ganzen Komplexität erklärt. Sicher ist nur, daß er diese Erklärung nicht in Vézénobres erhalten haben kann. Denn hier waren es die Boulespieler leid, ständig den die Hänge hinunter rollenden Kugeln nachzulaufen und entschieden sich für die Einführung des eckigen Glücks.


Viereckig, damit sie nicht den Hang hinunterrollen
Schnurre hätte diese Regeländerung vermutlich nicht gerne akzeptiert. Denn das Runde hatte nicht nur für ihn eine besondere Anziehungskraft.
„Der Mensch lebt zwischen den Kugeln. Es schwingt da eine Art archaischen Tastgefühls mit. Man merkt woran die Hände denken, wenn die Finger gedankenvoll die Rundungen abtasten. Hier werden Formen wiederentdeckt, die wahrscheinlich schon Adam erfreuten.“
Boule war, ist und bleibt Männersache. Das hängt weniger mit der „Schweinchen“ genannten kleinen Holzkugel, sondern vor allem mit Fanny zusammen. Ursprünglich war Fanny eine Zuschauerin, der der Verlierer, wenn er beim Null-zu-13 ohne jeden Punktgewinn blieb, den blanken Hintern küssen mußte. Heute ist Fanny, was manche bedauern, meist eine silberne Medaille oder eine Keramikfigur, die im Koffer neben den Kugeln Platz hat und die niemanden mehr in eine kompromittierende Situation bringt.
Eine Fanny gehört in jeden Boule-Koffer



Fanny Vollzug bei 0:13
Für Kurt Tucholsky war Boule zweierlei, erstens Männersport und zweitens Sonntagssport. Die Regeln waren ihm nicht geläufig, aber es schien für ihn das „Haupterfordernis zu sein, daß man sich dazu wie beim Kegeln die Jacke auszieht.“ Und weil es ja sonntags gespielt wird, „haben so alle weiße Hemdsärmel“. Und eines hoffte er inständig, daß das „Spiel nicht dem Sport in die Finger falle“, mit Turnieren, Preisen und Schiedsgericht. Denn sonst könne es ja kein Sonntagsspiel mehr bleiben. Dieser Wunsch erfüllte sich nicht.
Bei der Stadt-Meisterschaft in Vézénobres qualifizierten sich wie üblich die zehn besten Teams für die Weltmeisterschaft, die natürlich auch immer in Vézénobres stattfindet. Meine Frage nach ernstzunehmenden Gegnern aus anderen Ländern, wurde als derart unpassend aufgefasst, als habe ich den Nachtisch vor dem Käse haben wollen. „Was für Länder? Beim Boule carrée?“ Eine ähnliche Überheblichkeit ist nur von der NBA, der nordamerikanischen Basketball-Liga bekannt. Dort ist der Landesmeister auch immer zugleich der World-Champion.


Und HIER ETWAS ÜBER BOULE IN MARSEILLE ,diesmal mit "runden Kugeln" und 200.000 Zuschauern.
 




Samstag, 4. Januar 2020

Mont Ventoux: Petrarcas Bericht von der Erstbesteigung, die keine war

Mont Ventoux über den Wolken. Wieder eines der genialen Bilder von Steffen Lipp.

Die Besteigung des Mont Ventoux, schreibt Francesco Petrarca im 14. Jahrhundert, habe ihm viele Jahre lang im Sinn gelegen,

„habe ich doch in der hiesigen Gegend seit meiner Kindheit geweilt. Dieser Berg aber, der von allen Seiten weithin sichtbar ist, steht mir fast immer vor Augen.“
In einem seiner Briefe an den Augustinermönch Francesco Dionigi von Borgo san Sepolcro in Paris beschreibt er diese Tagestour. Von
Francesco Petrarca: Humanist, Dichter, Jurist, Diplomat                                        Bild Wiki comm
Malaucène aus machten sich Petrarca und sein Bruder über die steile, aber kürzere Nordflanke auf den Weg.

Wieso ausgerechnet mit seinem Bruder als Reisebegleiter? So ganz alleine wollte er sich allerdings nicht auf den Weg machen und sicher hätte die Besteigung schon ein oder zwei Jahre früher stattfinden können, hätte er den richtigen Begleiter gefunden.

„Als ich aber deswegen mit mir zu Rate ging, erschien mir, so merkwürdig es klingt, kaum einer meiner Freunde dazu geeignet. So selten ist selbst unter teuren Freunden jener vollkommenste Zusammenklang aller Wünsche und Gewohnheiten. Der eine war mir zu saumselig, der andere zu unermüdlich, der zu langsam, jener zu rasch, der zu schwerblütig, jener zu fröhlich, der endlich zu stumpfen Sinnes, jener gescheiter als mir lieb. Beim einen schreckte mich seine Schweigsamkeit, beim anderen sein lautes Wesen, bei einem seine Schwere und Wohlbeleibtheit, beim anderen Schmächtigkeit und Körperschwäche. Beim einen machte mich kalte Gleichgültigkeit bedenklich, bei einem anderen wieder gar zu heißes Anteilnehmen.“
Kirsch- und Pfirsischblüte unterhalb des Mont Ventoux
Kurz, man hätte Petrarca raten mögen, doch alleine zu gehen. Zu guter letzt fällt ihm noch sein Bruder ein – und der ist es dann.

Eine Abschrift der Confessiones des Augustinus war ihm geschenkt worden, eine Schrift, die Petrarca jahrzehntelang bei sich trug und die auch den Weg mitmachte auf die Spitze des Ventoux. Dort oben schlug der Wind zufällig eine ganz bestimmte Seite auf.

„Das faustfüllende Bändchen allerwinzigsten Formats, aber unbegrenzter Süße voll, öffne ich, um zu lesen was mir entgegentreten würde. Zufällig aber bot sich mir das zehnte Buch dieses Werkes dar.“
Und dann zitiert er Augustinus. „Und es gehen die Menschen, zu bestaunen die Gipfel der Berge und die ungeheuren Fluten des Meeres und die weit dahinfließenden Ströme und den Saum des Ozeans und die Kreisbahnen der Gestirne – und haben nicht acht ihrer selbst.“ Also weg von den Äußerlichkeiten empfiehlt der Kirchenlehrer, Einkehr und innere Werte, die Seele. Zornig auf sich selbst war Petrarca, daß er noch kurz zuvor genau jenen Gipfelblick genossen hatte, den Augustinus ihm jetzt wie in einem Spiegel vorhielt.
„Ich sah klar zur Rechten die Gebirge der Provinz von Lyon, zur Linken sogar den Golf von Marseille, und den, der gegen Aigues-Mortes brandet, wo doch all dies einige Tagereisen entfernt ist.“
Manchmal Schnee bis in den Mai                                                       Bild: Lipp

Viele halten Petrarca für den Erstbesteiger des Ventoux. Das war er natürlich nicht und er selbst gesteht ein, daß ihm auf den Weg nach oben ein alter Hirte entgegenkam, der diese Tour mehrmals im Monat machte, um nach seinen Schafen zu sehen.

Ganz unumstritten ist Petrarcas Autorenschaft am Brief nicht mehr; warum, das steht HIER. Gut dreißig Jahre später, als er seinen Tod herannahen fühlte, verschenkte er die Augustinus-Handschrift an seinen Glaubensbruder Ludovico Marsili und gab ihm mit auf den Weg:
„An der Gabelung Deines Lebensweges hast Du viele Führer zur Verfügung. Möge Dir doch der eine genügen, Augustinus, der Führer Deines geistlichen Hauses, von dem Du siehst, daß er in eben Deinem Alter gegen seine Irrtümer und Fehler in hochherzigem Ansturm einen siegreichen Kampf ausgefochten hat.“ 
Samuel Beckett, wenn er mit oben auf dem Ventoux gewesen wäre, hätte das sicher anders ausdrückt:

„Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf nichts Neues.”





 

 


 

Donnerstag, 26. Dezember 2019

Wanderwoche Ende September: Pont du Gard, Pic Saint Loup und Sommières

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Eine abwechslungsreiche Kultur- und Wanderwoche durch den Midi bietet Harald Hamel im Spätherbst 2020 an. Wunderschöne Wanderstrecken, anregende Kulturbeiträge und erholsame Auszeiten im „Mas de la Rivoire“ bei Sommières.


Fabienne und René Stutz sind die Gastgeber auf einem ehemaligen Weingut

Wanderhighlights: Pic Saint-Loup, Cirque de Navacelles, Saint-Guilhem-le-Désert und der Steinbruch von Junas seien hier exemplarisch genannt; natürlich darf auch ein Tag am Gardon mit dem berühmten Pont du Gard nicht fehlen.

Die Steinbrüche von Junas wurden seit der gallo-römischen Zeit
Mittagspause im Steinbruch - allerdings ohne Jazz


abgebaut. Die Blöcke, bis 20 cm dick, 50 cm lang und 30 cm tief wurden per Hand ausgehauen. Seit 1987 wurde der Steinbruch von der Association Les Carrières du Bon Temps so umgestaltet, daß er gefahrlos besucht werden kann; mit seiner besonderen Akustik ist er Veranstaltungsort für ein inzwischen renommiertes Jazz-Festival. 


An zwei Tagen wird Manfred Hammes die Gruppe begleiten und dafür sorgen, daß Literatur und Kunst zu ihrem Recht kommen. Auf gut begehbaren Strecken(3 bis 5 Stunden am Tag) mit atemberaubenden Ausblicken geht es durch die grandiose Landschaft. Etwas mehr als die normale „Bürofitness“ sollten die Teilnehmer allerdings schon mitbringen. Schließlich geht es hoch fast zur Spitze des Saint-Loup.

Gasse in Sommières
Aber es kommt selbstverständlich auch das Kulinarische nicht zu kurz: Frühstücksbuffet, Lunchpakete und fünf Abendessen im Mas de la Rivoire gehören dazu. Lassen Sie sich in der anregenden Atmosphäre des Mas verwöhnen, gerne noch im Wellnessbereich mit Massagen, Jacuzzi und Sauna. Wenn Sie besondere Wünsche haben, werden Fabienne und René Stutz, mit denen Sie auch deutsch sprechen können, alles tun, um diese zu erfüllen

Alle Einzelheiten zur Reise: Klicken Sie hier.
 





Freitag, 20. Dezember 2019

Les Baux: Die Steinbrüche des Lichts

So ungefähr sah das hier 1959 bei Cocteaus Dreharbeiten aus
Die ersten, die in den unterirdischen Kathedralen von Les Baux ihrem staubigen und gefährlichen Handwerk nachgingen, waren die Arbeiter dieser Steinbrüche, die vom 13. bis 19 Jahrhundert das Material für die Festung und die Häuser aus dem Fels hauten und sägten. Dann war es nicht mehr wirtschaftlich den Stein in diesem Val d’Enfer, dem Höllental, abzubauen. Und jedermann konnte diese bis elf Meter hohen Hallen mit ihre glatten Wänden aufsuchen und sich im Schein der hoffentlich mitgeführten Taschenlampe in die Zeit der Steinhauer zurückversetzen lassen. 1969 war ich zum erstenmal dort und habe Schritt für Schritt den Rückgang der Temperatur gespürt, von dreißig auf zwanzig und tief im Inneren später auf vielleicht zehn Grad.

Die meisten von denen, die sich heute in die securitykontrollierte Schlange am Eingang stellen, haben in den Prospekten oder im Internet gelesen, daß es sich empfiehlt eine Jacke mitzunehmen. 500.000 Besucher sehen sich die beeindruckenden Installationen und Lichtschauen über Klimt, Van Gogh und Gauguin sowie zuletzt Chagall inzwischen jährlich an.
Bei meinen beiden Besuchen im Sommer 69 war ich jeweils allein dort. Und hatte keine Ahnung davon, daß zehn Jahre zuvor Jean Cocteau hier einige Passagen seines Films "Le Testament d'Orphée" gedreht hatte. Mit Charles Aznavour, Brigitte Bardot, Yul Brynner und Pablo Picasso, um nur einige seiner Darsteller zu nennen. Demjenigen, der Cocteau diese Location vorgeschlagen hat, gebührt noch heute ein Oscar; leider habe ich nicht einmal auf der dafür spezialisierten Homepage ermitteln können, wer das war.

Wie dann Jahre später der Journalist Albert Plécy auf die Idee kam hier die Kunst alter Meister zu zeigen und wie das (siehe oben die Besucherzahlen) zu einem langwierigen Prozeß führte, erzählt Cay Rademacher in seinem Brief aus der Provence vom 29. Februar 2016. Und wo Sie schon dabei sind, lesen Sie auch noch gleich den vom 17. Mai, in dem Capitaine Roger Blanc einen neuen „brennenden“ Fall löst. Natürlich finden Sie in seinem Blog nicht die Auflösung dieses Falles. Wäre ja auch dumm. Also das Buch kaufen.
 


 
Vierzig Minuten dauert die beeindruckende Chagall-Show, die von über einhundert Beamern an die Wände geworfen wird, Kirchenfenster, die Bilder der toten Seelen und die Mosaiken beeindrucken, aber natürlich dürfen die posterbekannten, fliegenden und liegenden Liebenden nicht fehlen. Hier ein erster filmischer Eindruck . Das ganze unterlegt mit einfühlsam ausgewählter klassischer Musik.

Samstag, 14. Dezember 2019

Cevennen: Mann ist Esel und Esel ist selber schuld

Angane vom Mas Nouguier

"Sobald eine Frau aus einem Mann einen Esel gemacht hat, redet sie ihm ein, er sei ein Löwe",
formulierte Honoré de Balzac ohne je mit einer Frau und einem Esel eine Reise durch die Cevennen gemacht zu haben.
Stevensons Weg von Le Monastier bis Saint-Jean-du-Gard ist inzwischen gerade in den Frühjahrs- und Herbstmonaten alles andere als einsam. Die Strategen des touristischen Marketings haben seine Idee perfektioniert. Mehr als zehn Eselsverleihe gibt es inzwischen entlang der Strecke und die exakte Strecke kann nachgegangen werden. Wenn da nur nicht die geschliffene Prospektsprache wäre, bei die sich viele französische Tourismus-Mitarbeiter offensichtlich von Übersetzungsprogrammen beraten lassen.

Der hohe Stellenwert der geistreich-eleganten Formulierungen findet in Frankreich überall da seine Grenze, wo diese Sprache nicht mehr die Französische ist. Manchmal kann der Eindruck entstehen, die fehlerüberfrachteten Prospekte der Tourismuswerbung seien absichtlich so schlecht gemacht. Ob aus Überheblichkeit oder um damit die Eleganz im Umgang mit dem Französischen noch stärker zu unterstreichen? Mag sein. Ein Beispiel:


„Erster Esel oder erste Woche 200 Euro. Sie könne auch ihrigen Mann mit tragen. Wenn Esel verstaucht oder Mann verletzt, Rückfahrt ist 1,50 Euro für Kilometer, sei es Esel ist selber Schuld.“ 

Egal ob jetzt die Frau den Mann tragen soll und egal auch welcher Esel das Gepäck trägt. Aufpassen müssen Sie offensichtlich nur , daß sich ihr Esel nicht verletzt und sie einen einigermaßen trittsicheren Mann haben - oder umgekehrt.


Das nebenstehende Bild stammt übrigens vom Autorenmagazin MAGDA; dort steht das Bemühen um saubere Recherche, gute Texte und einen verantwortungsvollen Umgang mit den beschriebenen Wirklichkeiten im Vordergrund.

Wenn Sie sich den obigen Prospekttext von Google ins französische rückübersetzen lassen, gewinnt er auch nicht unbedingt:

"Premier âne ou première semaine 200 Euro. Vous pouvez également transporter avec leur homme. Si ânes entorse ou le retour de l'homme blessé est de 1,50 euros pour les kilomètres, il est le cul est votre faute ".
Sollte sich Ihr Mann tatsächlich verletzen, bliebe ihm noch die Möglichkeit sich den Coupe Stevenson anzusehen, ein Fußballturnier, zu dem immer auch eigens eine schottische Mannschaft nach Châteauneuf-de-Randon reist. Termine finden Sie hier.

Samstag, 7. Dezember 2019

Cassoulet: Nur echt aus Castelnaudary

Worüber können Franzosen sich am besten echauffieren: Ganz klar über Essen und Wein – wie das Beispiel Cassoulet beweist. Wie bei jedem ursprünglich preiswerten Resteessen, von der Fischsuppe über die Pizza bis zu Paella, sind die Rezepte unterschiedlich, weil natürlich überall unterschiedliche Dinge von den Vortagen übrig geblieben sind.

Beim Cassoulet kommt es zum Streit zwischen drei Städten, einer, wo es tatsächlich herstammt, nämlich Castelnaudary, und zwei Städten, die es irgendwann mal unter Gesichtspunkten des Tourismus-Marketing für sich in Anspruch genommen haben, nämlich Toulouse und Carcassonne. Ganz salomonisch schlichtete der berühmte

Carcassone hat zwar das beeindruckendere Stadtbild, aber das Cassoulet kommt aus Castelnaudary

Koch und Kochbuchautor Prosper Montagné den Streit und formulierte in seinem Buch „Le Festin Occitane“:
„Das Cassoulet ist der Gott der okkitanischen Küche. Ein Gott in drei Personen: Der Vater ist der Gott aus Castalnaudry, der Sohn aus Carcassonne und der Heilige Geist aus Toulouse.“
Wichtigste und unstrittige Bestandteile sind große weiße Bohnen - zum Beispiel die Lingotbohnen aus dem Lauragais oder die etwas länglicheren aus Tarbes - und das immer wieder darübergestreute und immer wieder untergehobene Weckmehl. In Toulouse hält man die Saucisses de Toulouse für unentbehrlich, in Carcassonne gibts eine Edelvariante, bei der Rehühner die Ente oder manchmal auch das Lamm ersetzen. Diese Variante fand erheblich Anklang in der Küchen des Adels, etwa an den Schlössern der Loire, wo man das Gericht aber umbenannte und nicht mehr an die bäuerliche Herkunft erinnert werden wollte: Estouffet oder auch Estofat aux féves hieß es dann.

Am Hafen von Castelnaudary
Anlegestelle am Hotel Le Clos Fleuri

Das erste Cassoulet wurde angeblich 1337 gekocht, als die Einwohner sich mit allen im Dorf befindlichen Resten stärkten, ehe sie die Belagerung der Engländer durchbrachen und Castelnaudary befreiten. Eine schöne Geschichte, die nur zeitlich nicht ganz passt. Denn erst gegen 1530 brachte Kolumbus die Lingot-Bohnen aus Amerika mit nach Frankreich.

Inzwischen bekommen Sie in Sète oder Narbonne sogar ein Cassoulet aux Poissons. Es soll sogar Menschen geben, die ein vegetarisches Cassoulet zubereiten, aber denen sollte man die Benutzung dieses Markennamens verbieten. Bohneneintopf ist doch auch was schönes, wenn man kein Interesse an richtigem Essen hat. Aber dann wäre Frankreich immer noch von den Engländern erobert und im Hexagone würde so gekocht wie auf der Insel.

Das Cassoulet kann zum winterlichen Hochgenuss werden, wenn man sich genügend Zeit es zuzubereiten – stundenlang. Wer es zu schnell kocht, wird merken, daß es nach dem Aufwärmen viel besser schmeckt. Auf ein paar Dinge darf man nicht verzichten. Auf die Entkeulen, eine ordentlich mit Knoblauch versetzte Schinkenlyoner, das Entenconfit mit viel frischem Thymian, Salz der Camargue, Entenschmalz und Cognac.
Wo das wohl steht ? Und was da wohl die Spezialität des Hauses ist ?

Könnten die Hinweise auf den braunen Autobahnschildern den Streit entscheiden, wäre alles längst ganz klar. Dann wäre es Castelnaudary, zwischen den beiden Wettbewerbern gelegen. Denn dort führt eines der Weg in die Hauptstadt des Cassoulet. Das Gericht hat seinen Namen von der Cassole, einem Tontopf, in dem es früher zubereitet wurde. Heute nimmt man am besten einen dieser so teuren Gusseisentöpfe etwa von Le Creuset, den sich Ihre Frau sicher längst zu Weihnachten gewünscht hat. Mein Tip: Kaufen Sie ihn! Wenn die Anschaffungskosten auf einhundert Jahre rechnen, sind es gerade mal 3 Euro im Jahr.

Frisch ist um Klassen besser

Samstag, 30. November 2019

Wieder mal in Izzo's Bar des Maraîchers


Hassan, kurz vor seinem Tod fotografiert von Norbert Schmidt
Auch nach dem Tod von Hassan, das war schon im Jahr 2009, gehört die Bar des Maraîchers zu den angesagtesten Treffpunkten des La Plaine-Viertels. Wer, animiert durch den Namen, an einen Gemüsegärtner denkt, vertut sich. Wer an eine chice In-Bar mit Tapas oder Wein denkt, ist hier ebenso verkehrt wie diejenigen, die auf Rock oder Reggae hoffen, damit man sich nicht unterhalten muß. Hier singt Brassens immer, Brel oft und Ferré manchmal; hier wird Pastis immer getrunken, Bier oft und eine Coca ausnahmsweise.

Links oben wie immer: Ferré, Brel, Brassens
Das Bild aus dem berühmten Radio-Interview der drei Chansoniers , das man heute immer noch überall nachhören oder sogar ansehen kann, hat Hassan ganz zu Anfang an die Wand gehängt. Das hängt es noch immer und führt, wenn der Rahmen leicht zur Seite bewegt wird, quasi den Nachweis, daß die Bar seitdem nicht mehr gestrichen wurde.
Ein Freund von Hassan aus jener Zeit ist Hakim Hamadouche. „Das war schon mutig damals hier diese drei singenden Dichter in den Mittelpunkt zu stellen“, erklärt er Malika Moine, eine Studentin der Marseille Street School, die gerade für ihren ersten Artikel im Nuit Magazine recherchiert. Da sie im Vorfeld ordentlich recherchiert hat, protestiert sie auch nicht gegen den Mauresque, den Hassans Nachfolger Serge ihr ungefragt hinstellt. Das ist etwas zarte Version des Pastis, bei der ein Schuß Mandellikör dazu gegeben wird.

Ein Absinth-Rezept, das die französischen Soldaten nach 1830 und der Eroberung und Kolonialisierung Algeriens aus Nordafrika mitgebracht hatten und dabei aber an etwas ganz anderes dachten. 75 Millionen Francs hatte der Feldzug gekostet. Der


Mauresque heute und die Träume der Legionäre: Jeune Mauresque et femme Kabyle
französische Staat konfiszierte deshalb den Staatsschatz, der fast das Doppelte dieser Summe betrug und schickte Hussein III. Dey, den letzten Herrscher des Osmanischen Reiches, ins Exil.

Der Berliner Islamwissenschaftler und Historiker Ulrich Haarmann hat sich auf die Spur dieses Geldes gemacht. Nur 40 Millionen kassierte der französische Staat, 60 Millionen kamen zwar bis Paris; dort verlor sich ihre Spur. Und 50 Millionen schafften es nicht einmal in die französische Hauptstadt, sondern gingen irgendwo zwischen Algier und Marseille an irgendwen.

Nach der ersten Eroberung Algiers war es vorrangig die 1831 gegründete Légion étrangère, die die von beiden Seiten mit Massakern unter Zivilisten, mit Folter und Vergewaltigungen geführten Guerillakämpfe in Nordafrika im Namen des französischen Volkes bestritten. Seit 1843 bis nach dem Zweiten Weltkrieg war die Stadt Sidi-Bel-Abbès der Hauptsitz der Fremdenlegion, der dann nach Aubagne bei Marseille verlegt wurde.

Samstag, 23. November 2019

Sanary: Die "Frauenumgebung" der Exilautoren

Mit besonderer Ehrerbietung oder Höflichkeit wenigstens wurden die Damen in Sanary von den versammelten Dichterfürsten und literarischen Kaisern nicht behandelt. Allenfalls Ironie ließ man ihnen zukommen und Ludwig Marcuse sammelte all das und war damit auch kaum besser als die von ihm unten beschriebene "Auskunftei".

Inzwischen viel lesenswertes Auto- und Biographisches über die "Frauenumgebung"

Sybille von Schoenebeck zum Beispiel, die ihre Vorliebe fürs Britische ständig vor sich hertrug.
„Der Hauptmotor der englischen Gruppe war ein Fräulein von ..., die englisch sprach, als wäre sie auf dem Campus von Oxford geboren, und so highbrow, daß sie sich selbst nur gelegentlich einmal verstand.“
Sie sei ein „großer Snob mit einem guten Herzen“ gewesen und dazu „einer beträchtlichen Portion von Unsicherheit und einer noch größeren Leibesfülle“.

Diese Unsicherheit hinderte sie allerdings nicht daran, in deutschen Flugzeugen lautstark und „mit einer Flut köstlichster englischer Redewendungen“ über die aufgehängten Hakenkreuzfahnen zu schimpfen.

Als Sybille Bedford und Biographin von Aldous Huxley fand sie sich schließlich angemessen britisch. Den neuen Familiennamen hatte ihr nach vielem Drängen Huxley besorgt – in Form eines homosexuellen Engländers in Geldnöten, der die Scheinehe einging und ihr so zur Mrs. Bedford und damit zur britischen Staatsbürgerschaft verhalf.
Vorbild für diese Scheinheirat war die Verheiratung Erika Manns mit dem englischen Dichter Wystan Auden.


Viele andere Damen wurden nicht einmal beim Namen genannt.

„Ich habe zuviele Frauen deutsch-kommunistischer Intellektueller mit eigenen Ohren gehört und die Männer saßen geduckt daneben und die Brandung der Phrasen ging über ihre Köpfe.“
Da könne keiner den Kopf hochhalten, wenn die schrillen Weiblichkeiten modulierten. Einer kam mit einer
„veilchenblauäugigen Dänin“,
ein anderer mit
„der schlanken Tochter irgendeiner Tusnelda“.
Oder das Mädchen,
„deren literarischer Ruhm darin bestand, daß Alfred Kerr ihr in verschollenen Tagen Liebesgedichte geschrieben hatte“,
Marta Feuchtwanger zu Besuch bei Huxley (Bild: Monacensia)und ein Selbstportrait der Karikaturistin
Eva Herrmann (Bild: Exilarchiv) ,die die Ölmalerei einer Allergie wegen aufgeben mußte
der Eva Herrmann, die Freundin des „Fräuleins von...“, deren Beitrag zur deutschen Literatur darin bestand, Karikaturen der Literaten zu zeichnen - das allerdings meisterhaft.
„Sie war sehr rationell und glaubte an Geister.“  

Eva Herrmann lebte mit Sybille Bedford in einem ehemaligen Bauernhof, der „Bastide Juliette“ und wer die beiden besuchen wollte, mußte schon einen langen, steilen Marsch in Kauf nehmen.

René Schickele, der den Weg auf sich genommen hatte, erinnerte sich an Sybilles Stimme „wie eine erkältete Turteltaube“ mit den Bewegungen „eines robusten, wohlerzogenen Gardeoffiziers“. Die stets zögerliche Eva habe sie mit ihren Augen dirigiert,
„Eva, die voller Fragen dasteht und kaum eine davon über die Lippen bringt“.
Und dann gab es noch die
Auskunftei, die geschiedene Frau eines bekannten deutschen Schauspielers.“
Als Beichtmutter konnte sie die Geheimnisse nicht so hüten, wie sie es sicher gewollt habe. „Mit weißen zitternden Lippen gab sie dann eine Portion Geheimnisse her.“ Und eine Minute später, eingeleitet von der rituellen Formel
„Da ich nun schon fast alles erzählt habe ... kam dann erst das Strammste zur Welt.“
 
Aber Ludwig Marcuse schätzte besonders an ihr, daß sie nie boshaft klatschte.