Samstag, 22. September 2018

Bouillabaisse in Marseille - Les Goudes


Eine Fischsuppe in Marseille. Einmal sollten Sie sich die Bouillabaisse, die überall zwischen 50 und 60 Euro kostet, gönnen. Dann sollte es aber auch eine sehr gute sein.
Bouillabaisse-Kochen für meine Dokumentarfilme
mit Nicolas Pinchinot und Antoine Chosson
 Für mich gibt es genau zwei Orte, an denen ich sie vorbehaltlos empfehlen kann: 1. Bei Didier Tani in der „Grand Bar des Goudes“ in Les Goudes bei Marseille (dazu das folgende einminütige VIDEO ) und 2. bei Christophe Perrier im "Saint Pierre" in Le-Grau-du-Roi. In beiden Restaurants habe ich den Köchen vom Anlanden der Fische über die stundenlange Zubereitung der Bouillon bis zum Einlegen der Edelfische über die Schulter geschaut und natürlich probiert.

Bouillabaisse bei Didier am Hafen von Les Goudes.
Authentischer kann die Umgebung nicht sein
Für beide Restaurants ist das filmisch auch ausführlich  dokumentiert. Sie können sich das das hier für Les Goudes und hier für Le-Grau-du-Roi ansehen; das dauert allerdings je 45 Minuten und umfasst viele weitere Themen.

Manche Restaurants um den Alten Hafen von Marseille weisen auf die Charta der Bouillabaisse hin; das heißt aber zunächst nicht mehr, als daß diese Charta auch draußen hängt. Oft können Sie reinfallen, wobei man es selbst erst merkt, wenn man den Vergleich hat, es also zu spät ist. Sehr gut ist sie im Restaurant „Miramar“, gleich zu Beginn des Quai du Port.


Ebenfalls sehr gut wird die Bouillabaisse in dem alten Traditionsrestaurant von Maurice Brun geköchelt; es befindet sich ziemlich genau gegenüber des „Miramar“ am Quai de Rive Neuve. Wenn Sie hier einen Tisch reservieren, sollten Sie das für die erste Etage tun, von wo Sie einen schönen Blick über den Hafen hinweg auf das Panier-Viertel haben. Nur die Sünden der ersten Häuserzeile, die nach der Sprengung der alten Gebäude durch die deutsche Wehrmacht dort erstellt wurden, sollten Sie übersehen. Wenigstens das Rathaus und ein paar weitere Gebäude wurden verschont..

Wenn Sie die Bouillabaisse in einer Umgebung suchen, in der sie zuhause ist, dann fahren Sie auf der Corniche immer weiter nach Osten, im Prinzip solange es geht und solange „Les Goudes“ auf den Wegweisern steht. Gönnen Sie sich das Vergnügen nicht direkt vor das Restaurant, die „Grand Bar des Goudes“, zu fahren, denn so etwas wie Parkplätze gibt es dort ohnehin nicht. Stattdessen fahren Sie ein paar hundert Meter bis in die Calanque von Callelongue, wo dann jede Straße aufhört, Sie aber vor der Ansammlung alter Fischerhütten leicht und so sicher parken, wie das in Marseille eben geht. So kommen Sie in den Genuß eines viertelstündigen Spaziergangs direkt an den Klippen entlang.


Wenn Sie aus dem Spaziergang eine Wanderung machen möchten, gehen Sie einfach nach Osten weiter und sind dann, wenn alles glatt geht und Sie genug zu trinken dabei haben, in fünf oder sechs Stunden in Cassis. Die Strecke führt entlang der schönsten Calanques. Vielleicht sehen Sie sich aber die Tour erst einmal vom Wasser an - HIER im VIDEO - und entscheiden dann, ob diese Strapaze das richtige für Sie ist.


Hier wartete die deutsche Wehrmacht auf die Landung der Alliierten im Mittelmeer. Heute teure Ferienhäuser.

Eine Besonderheit auf dem Weg nach Les Goudes sind die alten deutschen Bunkeranlagen aus dem zweiten Weltkrieg. Erst sollten sie gesprengt werden, was ziemlich mißlang - zu stabil gebaut. Dann kam die Stadt Marseille auf die Idee, sie zu verkaufen und löste einen regelrechten Run aus. Für wenig Geld konnte man in den siebziger Jahren einen Bunker kaufen, fensterlos zwar, aber immerhin mit einer bewohnbaren Grundfläche von 108 Quadratmetern und oft mit direktem Meerzugang oder unverbaubarer Sicht. Aus manchen wurden komfortable Ferienhäuser oder sie wurden, etwa zu einem Restaurant, umfunktioniert. Die Wände speichern die Wärme so gut, daß im Winter nicht geheizt werden muß. Verkauft werden Sie heute nicht mehr, nur vererbt.


In der Küche von Didier Tani in Les Goudes. Acht Sorten Fisch aber niemals eine Languste.
Das Bild rechts (und die beiden unten) stammt von Didiers Vater, einem Fischer, der seine Bouillabaisse immer am Strand kochte.
Auch Didier Tani, der Patron der „Grand Bar des Goudes“, - jetzt sind wir endlich da - hat sein Restaurant geerbt. Sein Vater hat sein ganzes Leben als Fischer gearbeitet und das Restaurant liegt direkt am Hafen über den Booten. Didier hat festgestellt, daß mit einer ehrlichen und hochqualitativen Bouillabaisse mehr Geld zu verdienen ist, als mit dem mühsamen Fang der Felsenfische für die Bouillon und dem der Edelfische für die Beilage. Ausschließlich mit Fischen, die noch aus dem Mittelmeer kommen und ohne jeden Firlefanz wird die Suppe hier gekocht.

Ursprünglich war es eine Suppe, die sich die Fischer morgens während der Rückkehr in den Hafen schnell selbst kochten und dazu natürlich vor allem die Fische nahmen, die sie erfahrungsgemäß später nicht mehr so gut verkaufen konnten. So wird auch schnell klar, daß die Languste sicher nicht hineingehört. „Das wird trotzdem ab und zu am Alten Hafen gemacht. Man bekommt von dem Geschmack einer Languste nichts mit, aber der Wirt nimmt zehn Euro mehr.“
  
An sich ein langgeübter Trick zur Umsatzsteigerung. In den fünfziger Jahren stellte der Schriftsteller Wolfgang Koeppen fest: Oft erwarte man in Marseille „nur den Strom geldausgebender Touristen, denen man die Bouillabaisse vorsetzt, in der ein einsames Langustenbein schamrot den Preis von 1000 Francs zu rechtfertigen versucht“.

Jeden Morgen liefern die Kollegen, die mit ihren Booten gegen zwei Uhr morgens rausfahren, ihren Fang bei Didier Tani ab. Das können ruhig ordentliche Mengen sein, denn bis zu einhundertmal kommt das Fischgericht täglich aus der Küche.

 
Erinnerungen an Didier Tani's Vater                    Bilder: Tani
Voller Stolz hat Didier zahlreiche Fotos seines Vaters im Restaurant aufgehängt. Sogar Thunfische und Wale hat dieser hier in der Nähe gefangen. Als sein Vater, zunächst an zwei Tagen in der Woche mit dem Restaurant anfing, gab es eine Besonderheit. Statt die Bouillabaisse zu salzen legte er kurz vor dem Servieren einen handgroßen Kieselstein in jeden Teller, über den hinweg die Suppe aufgetan wurde. Die Steine hatte der Vater entlang des Spülsaums gesammelt, wo sie mit einem Meersalzüberzug versehen worden waren. Das wäre heute nicht einmal mehr in Frankreich erlaubt; statt dessen wird mit Fleur de Sel aus der Camargue gesalzen. Didier erzählt solche Geschichten, als hätte er sie vorher bei Alphonse Daudet gelesen.

Noch mehr auf der Homepage des Restaurants: HIER der Link.

Samstag, 15. September 2018

Boule mit "viereckigen Kugeln": Nur in Vézénobres



Tatsächlich eckig und trotzdem Boule
Mick Jagger hat sich Ende der 1970er Jahre hier erst ein Haus gekauft und es dann schnell wieder verkauft. Es war ihm zu ruhig und die Menschen zu seltsam. Denn in Vézénobres - hier alles über Vézénobres - so heißt das Örtchen mit seinen knapp zweitausend Einwohnern, das sich einen steilen Hang emporzieht, wird „Boule carrée“ gespielt wird – Boule mit viereckigen „Kugeln“.
„Das Glück ist rund, Monsieur“, wurde dem deutschen Dichter Wolfdietrich Schnurre im Midi das Boulespiel kurz, aber in seiner ganzen Komplexität erklärt. Sicher ist nur, daß er diese Erklärung nicht in Vézénobres erhalten haben kann. Denn hier waren es die Boulespieler leid, ständig den die Hänge hinunter rollenden Kugeln nachzulaufen und entschieden sich für die Einführung des eckigen Glücks.


Viereckig, damit sie nicht den Hang hinunterrollen
Schnurre hätte diese Regeländerung vermutlich nicht gerne akzeptiert. Denn das Runde hatte nicht nur für ihn eine besondere Anziehungskraft.
„Der Mensch lebt zwischen den Kugeln. Es schwingt da eine Art archaischen Tastgefühls mit. Man merkt woran die Hände denken, wenn die Finger gedankenvoll die Rundungen abtasten. Hier werden Formen wiederentdeckt, die wahrscheinlich schon Adam erfreuten.“
Boule war, ist und bleibt Männersache. Das hängt weniger mit der „Schweinchen“ genannten kleinen Holzkugel, sondern vor allem mit Fanny zusammen. Ursprünglich war Fanny eine Zuschauerin, der der Verlierer, wenn er beim Null-zu-13 ohne jeden Punktgewinn blieb, den blanken Hintern küssen mußte. Heute ist Fanny, was manche bedauern, meist eine silberne Medaille oder eine Keramikfigur, die im Koffer neben den Kugeln Platz hat und die niemanden mehr in eine kompromittierende Situation bringt.
Eine Fanny gehört in jeden Boule-Koffer



Fanny Vollzug bei 0:13
Für Kurt Tucholsky war Boule zweierlei, erstens Männersport und zweitens Sonntagssport. Die Regeln waren ihm nicht geläufig, aber es schien für ihn das „Haupterfordernis zu sein, daß man sich dazu wie beim Kegeln die Jacke auszieht.“ Und weil es ja sonntags gespielt wird, „haben so alle weiße Hemdsärmel“. Und eines hoffte er inständig, daß das „Spiel nicht dem Sport in die Finger falle“, mit Turnieren, Preisen und Schiedsgericht. Denn sonst könne es ja kein Sonntagsspiel mehr bleiben. Dieser Wunsch erfüllte sich nicht.
Bei der Stadt-Meisterschaft in Vézénobres qualifizierten sich wie üblich die zehn besten Teams für die Weltmeisterschaft, die natürlich auch immer in Vézénobres stattfindet. Meine Frage nach ernstzunehmenden Gegnern aus anderen Ländern, wurde als derart unpassend aufgefasst, als habe ich den Nachtisch vor dem Käse haben wollen. „Was für Länder? Beim Boule carrée?“ Eine ähnliche Überheblichkeit ist nur von der NBA, der nordamerikanischen Basketball-Liga bekannt. Dort ist der Landesmeister auch immer zugleich der World-Champion.

Was der nackte Hintern von Fanny mit Maria Magdalena zu tun hat, LESEN UND SEHEN SIE HIER.
Und HIER ETWAS ÜBER BOULE IN MARSEILLE ,diesmal mit "runden Kugeln" und 200.000 Zuschauern.
 




Samstag, 8. September 2018

Tarascon, Tartarin und die Hasenjagd und das Nr.1-Restaurant in Beaucaire

"Der Flinke" - dreidimensional
(siehe die Schatten der Ohren) in Tartarins Haus
An einem Sonntag muß Gustave Flaubert Tarascon besucht haben und fand keine Menschenseele vor; sie „gleicht einer Stadt, deren sämtliche Einwohner ausgewandert sind.“ Kein Wunder, denn Sonntag für Sonntag, so beschreibt das Alphonse Daudet in seinem "Tartarin", sonntags greife ganz Tarascon zu den Waffen, „verläßt, den Rucksack auf dem Rücken, die Stadt und begibt sich, das Gewehr auf den Schultern, mit kläffender Meute, Frettchen, Trompeten und Jagdhörnern ins Gelände. Das ist ein herrlicher Anblick - leider fehlt das Wild, es fehlt vollständig.“

Der letzte verbliebene Hase wurde mit dem Beinamen „Der Flinke“ geadelt und unter Naturschutz gestellt. Und dann, was machen diese Heerscharen von Jägern? „Lieber Gott, sie ziehen zwei oder drei Meilen aufs Land hinaus, bilden kleine Gruppen zu fünft oder sechst und strecken sich friedlich im Schatten eines Brunnens, einer alten Mauer oder eines Olivenbaums aus, ziehen aus ihren Jagdtaschen ein schönes Stück geschmortes Rindfleisch, rohe Zwiebeln, Würstchen und eine Büchse Anchovis hervor und beginnen endlos zu frühstücken. Dieses Frühstück begießen sie dann mit einem süffigen Rhônewein, der zum Lachen und Singen anregt.“

Tartarin, in afrikanischer Ausrüstung, auf Hasenjagd vor Tarascon. Postkarte von ca 1930.

Wenn dann dem Wein die Ehre getan ist, begibt man sich auf die Jagd. Und für Daudet und Tartarin heißt das: „Jeder der Herren packt seine Mütze, schleudert sie mit aller Kraft in die Luft und schießt nach ihr mit Fünfer-, Sechser- oder Zweierschrot. Wer die meisten Treffer in seiner Mütze erzielt, wird zum Jagdkönig ausgerufen und kehrt am Abend, die durchlöcherte Mütze auf dem Gewehr, im Triumph mit Hundegebell und Fanfarengeschmetter nach Tarascon zurück.“ Bei allem Schwindel hat der Schwindel aber seine Grenzen: „Es gibt sogar Hutmacher, die den Ungeschickten die Mützen schon durchschossen und zerfetzt verkaufen, aber man weiß nur vom Apotheker, daß er so etwas kauft. Das gilt als unehrenhaft.“

Wenn Sie jetzt drei Stunden, eine Minute und 56 Sekunden Zeit haben: HIER können Sie den kompletten Text hören.

Henry James besuchte Tarascon für gerade mal drei Stunden und „in erster Linie aus Liebe zu Alphonse Daudet“, der gerade eine Neuauflage seines Tartarin auf den Weg gebracht hatte. Ansonsten war er von der Stadt enttäuscht.

 
Sicher, da sei das Schloß, aber besonders auffallend sei eigentlich nur die „lebhafte Schläfrigkeit“ des Ortes, eine andauernde Sieste, bei der sich ein Septembernachmittag bis in den Oktober hinziehe.

Hauseingang von Tartarin
Am Maison de Tartarin fährt man leicht vorbei, weil es völlig untartaringemäß, da unauffällig, am Boulevard Itam liegt. Einzelne Räume, zum Beispiel das Kaminzimmer mit den vergifteten Pfeilen und der Garten, wurden entsprechend den Schilderungen Daudets angelegt.

Der Garten geht allerdings hinaus auf eine Umgebung, wo selbst hochgewachsene Palmen die schon von Wolfgang Koeppen beklagten Betonhäuser nicht verstecken. „Kalt, nüchtern, häßlich und unsagbar trostlos“ fand er Tarascon und befindet sich damit im Widerspruch zu Joseph Roth: „Eine helle, kleine, freundliche, gutmütige, ein bißchen kümmerliche Stadt, ein bißchen komische Stadt. Ihre angesehenen Bürger träumen noch heute von Löwenjagden.“


Zu Mittagessen einmal über die Brücke:
Nach Beaucaire zu Cécile
Wer auf den Spuren von Tartarin hungrig geworden ist, der fährt über die Brücke nach Beaucaire und geht zu "Cécile", deren Restaurant und Lebensmittelgeschäft an einem stillen Platz mit hohen Platanen gleich an der Stadtmauer (Place de la République) liegt.
Fast keine Auswahl, aber ein täglich frisches Menue und ordentlichen Wein zu einem Preis, der unterhalb dessen liegt, was Sie für ein Picknick ausgeben werden. Völlig unscheinbar, aber völlig zu recht von den Trip-Advisor-Bewertern als Nr.1  von sechsunddreißig Restaurants in Beaucaire eingestuft.

Samstag, 1. September 2018

Nîmes: Der Märchendichter und seine "dänische Provence"



Hans Christian Andersen im Jahr 1869.
Foto von Thora Hallager
Ähnlich wie der Pont du Gard wird auch Nîmes von fast all seinen schreibenden Besuchern enthusiastisch gesehen. So auch vom dänischen Märchendichter Hans Christian Andersen (1805-1875):

„Durch die Provence, die mir ganz dänisch aussah, erreichte ich Nîmes, wo die Größe des prächtigen römischen Theaters mich auf einmal nach Italien zurückversetzte. Das sogenannte Viereckige Haus steht noch in seiner ganzen Pracht, wie der Theseustempel bei Athen; Rom hat nichts so Wohlerhaltenes.“ 
 Der römische Süden brachte Andersen wenigstens zeitweise auf andere Gedanken. Ständig waren seine Ängste gegenwärtig, echte wie vermeintliche, die vor Hunden, vor dem Feuer und vor allem die, lebendig begraben zu werden. Das neun Meter lange Seil, das er in Hotelzimmern vorsorglich ans Fenster legte, kann im Museum in Kopenhagen besichtigt werden. „Ich bin nur scheintot“, soll er nicht nur auf Reisen immer einen Zettel auf den Nachttisch gelegt haben.



Eines hatte der Mann, den die meisten von uns nur als Märchendichter kennen, mit Thomas Mann gemein: Die ausdauernde Unbarmherzigkeit, mit der er Tagebuch führte und jede Alltäglichkeit für notierenswert hielt, was nicht so schlimm gewesen wäre, aber auch für veröffentlichungswert hielt. Obwohl es dazu natürlich auch eines Verlegers bedurfte. Mit der gleichen Hartnäckigkeit, mit der Mann das Vorhandensein oder die Abwesenheit von Stechmücken notierte, schrieb Andersen mit bereits siebenundzwanzig Jahren eine erste Autobiographie, in der er seine ganzen eingebildeten Krankheiten und Unpäßlichkeiten auflistete.

Wenn man sich selbst nur ausreichend wichtig nähme, dann sei man auf dem Weg ein Kunstwerk zu werden, hatte Thomas Mann notiert. Diese These hätte Andersen blind unterschrieben.

 

Samstag, 25. August 2018

Von Anduze zur Moulin de Corbès

 
Markt immer donnerstags
Anduze lebt in der Vergangenheit, nicht von ihr. Eine Vergangenheit, die das Städtchen durch den einträglichen Tuch- und Seidenhandel glanzvoll und reich gemacht hatte. Einen kleinen Eindruck davon bekommt auf dem Place Couverte, dem teilweise überdachten Marktplatz, auf dem seit dem 17. Jahrhundert ein aufwändig gestalteter Ziehbrunnen mit bunten Dachziegeln steht. Am besten fahren Sie donnerstags, also am Markttag, hin. Der Markt wird auch noch von vielen Selbstvermarktern (Producteurs) beschickt; im Herbst finden Sie hier die frischesten Esskastanien und Steinpilze.
 
Die alte Mühle von Corbès im Gardontal.
Das Örtchen selbst, ein paar Häuser nur, liegt auf der Höhe. Der Weg dorthin lohnt sich.
In eine andere Welt tauchen Sie in, wenn Sie Anduze auf der rechten Gardonseite in Richtung Corbès verlassen. Nach sechs, sieben Kilometern geht es vor einer Linkskurve steil bergab. Unten fahren Sie auf einer etwas abenteuerlichen Brücke über den Gardon und können, wenn es nicht gerade ein hochsommerlicher Badetag ist, meist gleich rechts parken. Hinter sich sehen Sie dann die alte Papiermühle, die Moulin de Corbès mit dem immer noch funktionstüchtigen hölzernen Wasserrad. Wenn Sie ein paar Schritte dem Gardonlauf folgen - allerdings sollten Sie schon hinter das Stauwehr gehen -, finden Sie ruhige und idyllischste Plätze zum Baden und für ein Picknick.

Heute nutzlos, aber noch in Betrieb
Vorsorglich haben Sie sich ja auf dem Markt mit allem notwendigen eingedeckt: Baguette, Rosé (der im Fluß schön kühl bleibt), Tomaten, eine Wildschweinsalami, etwas Ziegenkäse. Zwei Gläser, bloß keine Plastikbecher!, und ein Laguiole-Messer (alles über das berühmte Messer hier), ganz wichtig eines mit Korkenzieher, haben Sie ja hoffentlich ohnehin immer im Auto. Wenn Sie zu den Männern gehören, die ihre Taschenmesser immer verlieren oder irgendwo liegenlassen, kaufen Sie sich gleich zwei oder drei im Zeitschriftenladen, da wo Sie dann in die Altstadt hochgehen.

Wenn Sie nur so, also ohne Picknick und Messer, unterwegs sind, bleibt die Empfehlung für das Restaurant "La Rocaille" direkt auf dem Marktplatz;hier ein 2-Minuten-VIDEO über den schnellsten Ober der Welt
. Ob es dann danach noch zu einer auch noch so kleinen Wanderung kommt, wage ich allerdings zu bezweifeln.

Bleiben noch die bis zu Vasen zu erwähnen, die ein Töpfer namens Boisset im 16. Jahrhundert auf dem Markt in Beaucaire sah; allerdings gelang es ihm nicht, die Medici-Vase eins zu eins zu kopieren. So entstanden die Boisset-Vasen, die noch heute in Anduze hergestellt werden. Ludwig XIV. hat die Boisset-Originale, die immer wieder als Fälschungen angeboten werden, in zahlreichen Orangerien und Zitronengärten seiner Schlösser aufstellen lassen.

 
Wie Franck Becker aus Cardet, ganz in der Nähe von Anduze, wenn Sie Richtung Vézénobres fahren, seine Vasen herstellt, Stück für Stück auf der Töpferscheibe gedreht, und deshalb winterfest, LESEN UND SEHEN SIE IM VIDEO HIER .
 

Sonntag, 19. August 2018

Magali Nieradka: Exil unter Palmen


Das sind schon gute Voraussetzungen für dieses Buch: Nicht nur der provenzalische Vorname Magali, sondern vor allem die Tatsache, daß die Autorin jahrelang an der Côte d’Azur lebte und forschte und daß sie dort Gelegenheit fand, etwa mit dem Neffen Lion Feuchtwangers zu sprechen oder mit Camille Bondy, die mit ihrem Mann Walter fotografierend und malend zu den wichtigsten Zeugen der Geschichte der deutschen Literatur in Sanary-sur-Mer gehörte. Ludwig Marcuse machte aus dem unbedeutenden und daher für viele der Exilanten noch bezahlbaren Ort auch gleich die „Hauptstadt der deutschen Literatur. Nicht ganz zu Unrecht, wenn man sich die Liste der Autoren und Maler auf der Gedenkplakette am Hafen ansieht.

Uferpromenade in den 1930er Jahren und die erweiterte Gedenktafel von 2011

Wenn man das Buch, ohne die Autorin zu kennen, in die Hand nimmt, könnten einem schon Bedenken kommen: Eine Verfasserin aus dem akademischen Lehrbetrieb, ein umfangreiches Register, eine

Auswahlbibliographie mit Primär- und Sekundärliteratur sowie knapp 150 Fußnoten…und trotzdem kann man es einfach so und mit Freude lesen. Bei aller inhaltlichen Substanz ein Buch, das Ihnen im Sommerurlaub an der Côte oder in der Provence so gefallen wird, daß Sie nun plötzlich nicht anders können als nach Sanary zu fahren, um dort den Spuren der Maler und Schriftsteller zu folgen, die sich vor allem in den 1930er Jahren hier aufgehalten haben.

Wer konnte, der floh, vor allem in die Vereinigten Staaten, viele mit Hilfe des Teams von Varian Fry, der rund zweitausend Menschen vor der Inhaftierung durch die französische Polizei oder die Gestapo bewahrte. Vor allem in Los Angeles haben sich „die üblichen Verdächtigen“ – von Lion Feuchtwanger über die Manns bis zu Bert Brecht – dann wieder getroffen. Für Feuchtwanger Anlaß genug, dort ein „gigantisches Sanary“ zu sehen.

Wenig bekannt aus Sanary ist die Geschichte des deutschen Soldaten Oswald Hartmann. Obwohl Sanary durch die Nähe zu Toulon in dem von den deutschen Besatzungstruppen erwarteten Landungsgebiet der Alliierten lag, blieb die Stadt weitgehend unzerstört. Zu verdanken hatte sie das Oswald Hartmann, einem Leutnant der Wehrmacht, der im Januar 1944 von der russischen Front ans Mittelmeer verlegt wurde. Hier organisierte er die Verminung von Hafen und Altstadt. Als die Sprengung angeordnet wurde, hat er dann die Verbindung zwischen dem Sprengzünder und den Minen durchtrennt. Hartmann blieb sogar nach dem Krieg in Sanary und half als Leiter eines zivilen Räumkommandos über zwei Jahre hinweg den engen Teppich von über 90.000 Minen wieder zu entfernen.


Nieradka-Steiner mit ihren
Kollegen Azuélos und Wallace im
Galli Theater in Sanary
Das erinnert an einen anderen Befehlsverweigerer, Dietrich von Choltitz, der als Stadtkommandant von Paris die Zerstörung vereitelte. "Paris darf nicht oder nur als Trümmerfeld in die Hand des Feindes fallen", so lautete der letzte Satz des Führerbefehls vom 23. August 1944, exakt dem Tag der Befreiung Sanarys. Die dreihundert deutschen Soldaten, die sich an diesem Tag noch in der Stadt befanden, ergaben sich. Dreißig Jahre später, da gab es längst eine Städtepartnerschaft mit Bad Säckingen wurde Hartmann „als erster Mann der Versöhnung“, wie Bürgermeister Bernhard es formulierte, mit der Ehrenmedaille der Stadt geehrt.

Magali Nieradka-Steiner: Exil unter Palmen. Theiss/WBG, Darmstadt 2018.

 

Samstag, 4. August 2018

Sète: Hai-Angriff im Hafen

Delphine und Haie waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Mittelmeer so zahlreich, daß sie sogar in den größeren Häfen, zum Beispiel in Sète, zu beobachten waren. Johanna Schopenhauer (1766-1838) - die Goethe-Vertraute

Blick vom Friedhof (mit dem Grab von Paul Valéry) auf den Hafen von Séte. Johanna und Adele Schopenhauer auf einem Gemälde von Caroline Bardua
und Mutter des Philosophen Arthur - war während Ihrer Reise durch Südfrankreich sogar von einem Haiangriff erzählt worden.

„Vor mehreren Jahren badete ein englischer Matrose in dem stillen, klaren Wasser, da gewahrten seine Kameraden wie ein großer Hai dicht unter ihm dahergeschwommen kam. Sie warfen ihm ein Seil zu. Schon war der Unglückliche über das Wasser gehoben, da sprang das Ungeheuer hoch aus der Flut, schnappte nach ihm und die Rettung des Lebens war mit dem Verlust eines Beines erkauft.“
Das Mittelmeer gehört auch heute noch zu den allerdings seltenen Jagdrevieren des Weißen Hai, wie sich auf den Karten von „Shark Protect“ ersehen läßt. Zwischen dem Besuch Johanna Schopenhauers im Jahr 1804 und heute hat es
„siebenunddreißig verbriefte Weißhai-Angriffe auf Menschen gegeben, wovon siebzehn tödlich endeten“.
Der letzte dokumentierte Angriff stammt aus dem Jahr 1984.


Weiße Haie: Kaum einmal im Mittemeer  Bild: B. Inalglory, WikiComm
Heute werden noch knapp fünfzig Haiarten im Mittelmeer gezählt, davon rund ein Drittel mit Längen über drei Meter und so auch für Badende gefährlich. Da mag man die statistische Wahrscheinlichkeit als sehr gering errechnen. Aber fragen Sie doch mal den englischen Matrosen.

Samstag, 28. Juli 2018

Grignan: Marquise de Sévigné

Geistreiche Briefeschreiberin des 17. Jahrhundert
Jeder hat so seinen Punkt auf der Fahrt in den Süden, an dem er sagt, jetzt sei er „da“. Für mich ist es das Hinweisschild zum Château Grignan, auf dem die Schreibfeder der Marquise de Sévigné auf deren mehrere hundert überlieferte Briefe verweist. Wer diese Briefe liest, befindet sich mitten in einer Aphorismensammlung. „Tout ce que j’aimerais faire est illégal, immoral ou fait grossir“ schrieb sie am 18. April 1696. Überlegen Sie einmal, von wem alles sie dieses geflügelte Wort, schon wie gerade aus einem guten Gedanken entwickelt, gehört oder gelesen haben:

„Alles worauf ich Lust habe ist nicht erlaubt, unmoralisch oder macht dick.“
Fast niemand mehr bringt es mit der Urheberin in Verbindung. Die ganze Geschichte des Château Grignan und der übrigen Schlösser der Drôme finden Sie HIER.

Grignan: Nahtloser Übergang Schloß, Dorf, Friedhof

 
Eindrucksvoll, aber alles andere als historisch korrekt ist das Schloß im 19. Jahrhundert renoviert worden und inzwischen auch mit einer „Reliquie“ der Madame de Sévigné versehen. Zwei Knöchelchen aus der Hand mit der sie all die Briefe schrieb? Der Schloßführer spricht das Fragezeichen so wenig fragend, daß man seine Geschichte fast glauben muß.

Marie de Rabutin-Chantal, wie die Marquise de Sévigné ursprünglich hieß, schrieb diese Briefe - die den Geist des 17. Jahrhunderts authentisch und geistvoll spiegeln - meist aus Paris, der Normandie oder Burgund an ihre Tochter Françoise-Marguerite.


Gerade 19 Jahre alt geworden, hatte diese den Comte de Grignan geheiratet. Die Mutter kam oft nach Südfrankreich zu Besuch, vor allem nach dem Tode ihres Mannes, der, "glücklicherweise" wie sie sagte, in einem Duell getötet worden war; er hatte sich aber nicht für seine Frau, sondern für eine seiner vielen Geliebten duelliert. So konnte er nicht auch noch den Rest ihres Vermögens durchbringen. Zu ihren Briefpartnern gehörten die Berühmtheiten der Zeit, die ihr Urteil schätzten.

Nur einmal hat sich wirklich getäuscht, als sie dem jungen Racine, der gerade anfing berühmt zu werden keine Zukunft gab: Voltaire erinnert sich an einen Ausspruch der Marquise von Sévigné:
„Racine passera comme le café.“
Racine blieb und die von ihr kritisierte Unsitte des Kaffeetrinkens auch.

In Grignan gibt es noch ein kleines, privates Atelier-Musée du Livre et de la Typographie, eine Werkstatt, in der sich Philippe Devoghel ganz zuhause fühlt. Sein Name klingt seltsam im Midi. Ursprünglich stammt Devoghel aus Dünkirchen, lange hat er in Paris gearbeitet. Ob Schulklassen, Künstler oder Drucker – jedem kann er auf seinen alten Linotype-Maschinen die Feinheiten des Bleisatzes beibringen oder aber auch Gravuren oder Holz- und Linolschnitte. Ein Besuch, der sich lohnt. Sie finden es auf dem Platz Saint Louis, rufen aber wegen der Öffnungszeiten sicherheitshalber an (0033 475 465716).

Samstag, 21. Juli 2018

Ruth Landshoff-Yorck: Sie war ihr eigenes analoges Facebook

Heutzutage hätte Ruth Landshoff eine mindestens sechsstellige Zahl von Followern bei Youtube, Instagram, Twitter oder wo auch immer und hätte sich längst Entschleunigungs- oder Konzentrations-Apps installiert, um wenigstens eine halbe Stunde am Tag vor sich selbst etwas Ruhe zu haben. Die Bilder von ihr auf den roten Teppichen fände man nicht nur im Netz, sondern auch in Gala, Bunte und den zahlreichen kaum unterscheidbaren gelben Frauen-Zeitschriften. Als „Society-Girl im Berlin der Roaring Twenties“ (Süddeutsche Zeitung) oder „als eine Art androgynes IT-Girl, das die Jet-Set-Zentren Europas ansteuerte“ (Deutschlandfunk) wird sie charakterisiert.

Kein Wunder bei einer Frau, die von Kokoschka „wild und wach“ portraitiert wurde, Marlene Dietrich angeblich zur Filmrolle im „Blauen Engel“ verhalf, mit Thomas Mann Krocket spielte, mit Dali befreundet war und den Filmregisseur Murnau immerhin küsste - mehr war bei dessen Vorliebe für Naturburschen nicht drin. Als sie die Tagebücher ihres männlichen Pendants als Prominenten-Sammlerin, Harry Graf Kessler, liest, kommentiert sie:

"Von den im Index aufgeführten Personen kannte ich 315.“
Nur die von Kessler veranstalteten Einladungen fand sie langweilig:
"Vielleicht hätte der Graf Kessler einmal Hindenburg mit Josephine Baker einladen sollen."



Über und von Ruth Landshoff-Yorck

Wenn Landshoff schreibt, sogut wie wenn man über sie schreibt, ist exzessives Name-Dropping angesagt. Für Sartre organisierte sie eine Party und Cocteau schenkte sie ihr Feuerzeug. Nichts tut sie hingegen für André Gide, der ihr, während er einen "vergnügten jungen Clown" auf den Knien schaukelt, nur eine "harte flache Hand" zum Gruß reicht.

"Wenn Sie wüßten, Monsieur Gide, was ich über Sie weiß", schreibt sie in ihren Memoiren, "würden Sie mir nicht Ihr würdiges, respektheischendes Gesicht hinhalten, sondern eher ein verlegenes."
Gide soll einem ihrer Freunde Liebesbriefe geschrieben haben. Heute wäre das niemandem eine Zeile wert. Damals schon, denn der große Moralist Gide suchte seine Homosexualität lange zu verheimlichen.

Auch heute noch viel Erfolg mit der Google-Bildsuche
 Ruth Landshoff kam 1904 in Berlin zur Welt und starb 1966 in New York. Sie war die Nichte des Verlegers Samuel Fischer, der einiges für ihre ersten Karriereschritte tat. Und der Kiepenheuer-Lektor und späteren Exil-Verlegers Fritz Landshoff war ihr Cousin, den sie dann nicht mehr brauchte. Jedenfalls konnte es fast nicht ausbleiben, daß sie anfing zu schreiben. Ihr erstes Buch „Die Vielen und der Eine“, die Geschichte einer deutschen Reporterin in New York, wurde vom in Berlin neugegründeten Rowohlt-Verlag herausgegeben, in dem Franz Hessel als Lektor arbeitete. Dann unterschrieb sie einen Verlagsvertrag über sieben weitere Bücher, wobei für die „Schatzsucher von Venedig“ bereits der Vorabdruck in der „Berliner Illustrierten“ zugesichert war. Doch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten erscheint keines ihrer Bücher mehr in Deutschland, bis, ja bis der Berliner Aviva Verlag sie verdienstvollerweise wiederentdeckte.

Als sie Paul Valéry zu einem Kompliment nötigen will, sagt der nur, daß sie immerhin wie eine Dichterin aussähe. Romane waren nie ihre Stärke, Feuilletons schon. Und so wechseln auch in „Sixty to Go“ die qualitätvollen sich mit den nachlässig formulierten Passagen ab. Die Schriftstellerin Annette Kolb, die 1933 über Paris in die USA emigrierte, hatte ein gutes Gespür, als sie in der Zeitschrift „Literarische Welt“ Landshoffs Erstlingsroman rezensierte:

„Sie hat eine große und liebenswürdige Eigenschaft, sie schreibt nicht langweilig. Aber hat einen weiten Weg und wird sich gehörig entsnoben müssen.“
Als Landshoff schon selbst in die USA geflüchtet war, begegnet sie Klaus Mann in Kalifornien und überläßt ihm ein Roman-Manuskript. Seinem Tagebuch vertraut er an:
„Nicht einmal ganz schlecht; aber recht verlogen, romantisch und überflüssig“.
Nun, Klaus Mann, der ja vor allem von den Dingen überzeugt war, die er selbst verfaßte. In den USA hatte Landshoff die Feuilletons abgelegt, war politischer geworden, arbeitete für die Voice of America und schrieb dort ihr Buch über eine Widerstandsgruppe an der französischen Riviera.




„Sixty to Go“ basiert – angeblich, sei wieder hinzugefügt, da immer wieder die Phantasie mit Landshoff durchgeht - auf einer Kurzgeschichte von Josef Than, dem Autor und Filmproduzenten; auch ob das so ist, weiß niemand außer ihr. Wie so oft, wenn die Autorin Fakten einbringt, etwa auf Seite 155 über das Lager Gurs, wird es ungenau bis falsch. An sich darf man das einem Roman nicht ankreiden, aber dann wieder doch, wenn er den Eindruck eines Tatsachenberichts bewirken will, mit Hilferding, Pagnol, Gabin und anderen, die auftauchen. Man merkt sehr schnell, dass die Autorin das entbehrungsreiche und gefährliche Exil im geteilten Frankreich allenfalls vom Hörensagen kennt. Und wenn sie ihre eigenen Côte d‘Azur-Erinnerungen einbringt, beschränken die sich auf das Umfeld der Luxushotels von Negresco bis Ruhl und einen Ausflug nach Cagnes-sur-Mer.




Irgendwie erzählt sie die Geschichte von Varian Fry, dem jungen Amerikaner, den eine Hilfsorganisation nach Marseille schickte, um exilierte europäische Intellektuelle vor den Nationalsozialisten zu retten. Er hätte in seinem Buch „Auslieferung auf Verlangen“ über seine „Mannschaft“ auch das schreiben können, was Landshoff im Roman schreibt: „Es war eine merkwürdig zusammengewürfelte Gruppe. Nichts als ein Krieg hätte sie so zusammen bringen können.“ Und irgendwie erzählt sie auch die Geschichte, die Lisa Fittko in ihrem Buch „Mein Weg über die Pyrenäen“ beschreibt. Fittko und Fry sollte man lesen, um Landshoff besser zu verstehen. Deren Salon-Resistanceler sind so weit vom echten Leben entfernt, wie die Autorin es auch meist war, eine Gruppe, die den Krieg als Abenteuerspielplatz nutzt, ohne auf den gewohnten Luxus zu verzichten.

Sixty to go - noch sechzig Flüchtlinge, dann hätten sie fünfhundert zusammen, die Gruppe von vier Männern und einer Frau unterschiedlicher Herkunft in Nizza, die alle vor den Nazis geflüchtet sind und im Jahr 1941 Menschen mit gefälschten Papieren über die Pyrenäen nach Spanien bringen: die Comtesse Maria de Roseraye, die alle nur Darling nennen; Johannes Tarner, ein österreichisch-französischer Schriftsteller; Sascha, ein polnischer Bergarbeiter; Gérard, ein Schauspieler aus Paris, und Franticek, ein tschechischer Pilot. 


Hotel Ruhl - heute längst abgerissen und immer wieder mit dem Charlton verwechselt.
Eine gute Hilfe beim Verständnis des Romans und vor allem seiner Autorin bieten die Bücher von Thomas Blubacher und Diana Mantel. Das Buch des Theaterwissenschaftlers und Regisseurs Blubacher hat 367 Seiten, auf Seite 265 beginnt der Anhang; da fürchtet man eine unlesbare Dissertation, die es dann aber doch nicht ist. Der Rechercheaufwand, verbunden mit vielen Reisen und Gesprächen ist bewundernswert. Manchmal wird der Autor allerdings exakter als es dem Leser nützt, wenn etwa der Einkommensteueranteil der jüdischen Bevölkerung Berlins (4,84 Prozent) mit 30,265 Prozent angegeben wird. Und etwas mehr historische Einordnung hätte dem Buch ebenfalls besser getan, als die ausführliche Dokumentation, wer wann in welchem Haus, in welchem Stock wohnte und wer vorher darin gewohnt habe, etwa auf Seite 181. Fast meint man, die Excel-Liste der Recherche-Ergebnisse sei dann unter unbedingter chronologischer Ordnung in den Text umgesetzt worden. Ziemlich grob übergeht Blubacher, ganz im Gegensatz zur Literaturwissenschaftlerin Diana Mantel Einzelheiten zur Quellenlage. Mantel, die in München bei Professor Annette Keck mit der hier angesprochenen Arbeit über Ruth Landshoff promoviert wurde verweist auf die Bestände des Howard Gotlieb Archival Research Center in Boston. Dort wird Landshoff unter dem Namen Ruth Yorck geführt.

Noch reichlich Material im Howard Gotlieb Archival Research Center

Viel gibt es dort noch zu entdecken und vielleicht auch noch zu veröffentlichen: Manuscripts by York include novels and novellas, poetry, articles and lectures, short stories, plays, essays, and other items. Novels and novellas appear in English and/or German. Titles include The Cinderella Murders; The Life of a Dancer / Leben Einer Tanzerin; The Gardenia Girl; Storm in Italy; So Cold the Night; Hinz; Die Nacht der Schlimmen Liebe; Patric Hoolihan; Young Man Beloved; an untitled novel in German; and an untitled novel in English. Also present are manuscripts for numerous poems, in English, German, and French; many articles written for various periodicals by Yorck; several short stories; essays; translations of other authors by Yorck, including pieces by David Davidson, Ben Hecht, and Niccolo Tucci. In addition, there is manuscript material related to plays adapted by Yorck, including The Infernal Machine, by Jean Cocteau; The Doorknob, by Jan Rys, and Giulia, by Karl Voelmoeller. There are also manuscripts for plays by Yorck: Im Letzten Augenblick; Happening at the Café; and 14ième Juillet, a radio play in French. There is also manuscript material for Free World Ballad - A Cantata for Mixed Voices; a ballet titled Hait est elle Zauberdam; and a pageant entitled The Good Will Ballad. Dazu gibt es viele Fotos aus den 30er und 40er Jahren.



Ruth Landshoff-Yorck: Sixty to Go. Roman vom Widerstand an der Riviera. AvivA Verlag, Berlin, 256 Seiten, 18,90 €.


Diana Mantel: Ruth Landshoff-Yorck – Schreibende Persephone zwischen Berliner Boheme und New Yorker Underground. Analysen zum Gesamtwerk. Peter Lang Verlag, Frankfurt., 428 Seiten, 76,95 €.

Thomas Blubacher: Die vielen Leben der Ruth Landshoff-Yorck. Insel Verlag, Berlin, 367 Seiten, 22,95 €.





Samstag, 14. Juli 2018

In Sanary und Vence. René Schickele: Deutsch-Franzose par exellence

Sein Herz trug die Liebe und Weisheit zweier Völker.
Inschrift am Schickele-Wohnhaus in Badenweiler.
Schickele     Bild Monacensia
Der „echte“ Midi beginnt für manchen schon im oberen Rhônetal, etwa auf der Höhe von Valence. So für den Schriftsteller René Schickele (1883-1940), den deutschen Franzosen oder französichen Deutschen, der als einer der ersten die Nationalsozialisten an der Macht sah.

Als Sohn einer französischen Mutter und eines deutschen Vaters kam er in Obernai zur Welt, das damals Oberehnheim hieß. Er starb in Südfrankreich, in Vence, und seine sterblichen Überreste wurden später, so wie er sich das gewünscht hatte, auf dem Lipberger Friedhof in Badenweiler beigesetzt.

Grab auf dem Lipberger Friedhof
Als Herausgeber der pazifistischen und expressionistischen Zeitschrift „Weiße Blätter“ seit 1914 war ihm nach dem Krieg insbesondere die Verständigung zwischen Franzosen und Deutschen ein besonderes Anliegen. Schon früh erregte er den Verdacht der rechten Bewegungen, die dann im Nationalsozialismus mündeten. Seine Frühdiagnose des späteren Terrors hatte er schon anhand der gegen ihn gerichteten Beiträge in NS-Medien ablesen können: „Elsässer Jude, Vaterlandsverräter und Pazifist“ hieß es da.

In Zabern und Straßburg war er aufs Gymnasium gegangen, unter anderem in Paris und München hatte er studiert. Schon 1932, mit der Lebenserfahrung eines fast Fünfzigjährigen, zog er nach Sanary-sur-Mer, zwischen Marseille und Toulon gelegen, und schrieb an seine Freundin Annette Kolb:

„Ich möchte, ich könnte ewig hinter dem Vorhang bleiben, der in der Linie von Valence dieses elementare Sonnenland vom Reich der Nibelungen abschließt.“
Schickele, Kolb und Thomas Mann              Bild Monacensia
In Sanary gehörte er zu den ersten Intellektuellen und bewegte zahlreiche Schriftsteller sich ebenfalls in diesem gesegneten Fleckchen niederzulassen: Thomas Mann, Lion Feuchtwanger, Franz Werfel und andere trafen sich hier im Midi.
Kaum daß der Krieg begonnen hatte, starb er in Vence, im Hinterland von Nizza. Es lohne sich nicht mehr zu leben, „wenn der Ungeist siegt“, schrieb er in seinem letzten Brief an Thomas Mann.

Direkt nach dem Krieg schrieb Kasimir Edschmid, mit dem Schickele oft in Badenweiler, aber auch in Südfrankreich, zusammengesessen hatte, in einem vorausschauenden Beitrag für die ZEIT (1946, Nr. 15):

„Schickele hatte es nicht leicht, denn er versuchte, das zu leben, was einst noch utopisch schien, was aber in einer fernen Zukunft Wirklichkeit werden wird, wenn einmal das, was man früher auf der einen Seite den französischen, auf der anderen Seite den deutschen Menschen nannte, in einer höheren Einheit aufgegangen sein wird."
Viel mehr über Schickele, Mann und die anderen in Sanary-sur-Mer lesen Sie später. Hier ein kleiner EINDRUCK VOM MARKT IN SANARY .