Freitag, 22. März 2019

Châteauneuf-du-Pape: Die Qual der Wahl

Von Orange ist es nicht weit nach Châteauneuf-du-Pape; gerade mal 10 Kilometer auf der D 68 nach Süden. Rund siebzig Prozent der hier angebauten Reben sind Grenache. Wenn Sie diese Weinberge mit den knorrigen Reben und den sandigen Lehm dazwischen, versetzt mit großen Kieselsteinen, noch sehen möchten, sollten Sie die Reise bald machen. Seit ein paar Jahren schon – und inzwischen immer ernsthafter – machen sich die Weinbauern Sorgen wegen des Klimawandels.

Typisch Châteauneuf-du-Pape: Mehr Kiesel als Erde im Weinberg.
Und der Mont Ventoux wacht im Hintergrund.
Ganz so weit zum Glück, wie T.C.Boyle das in seinem Roman „Ein Freund der Erde“ beschrieben hat, sind wir noch nicht. Für das Jahr 2025 sieht Boyle den Reisanbau aus der Camargue nun an der Loire. Die Ebenen Südfrankreichs sind weitgehend zu Wüsten verkommen und Europas beste Anbaubedingungen für Wein finden sich in Norwegen - so könnte man die Geschichte fortschreiben.

Fakt ist, das die Grenache-Trauben die ansteigenden Temperaturen nicht gut vertragen. Der Reifeprozess der Trauben und die Zuckerbildung verhalten sich gegenläufig, was dazu führt, daß die Weine nicht mehr so ausrechenbar sind und an Qualität verlieren können. Letzter Ausweg: Die Grenache-Weinberge werden in Neuanpflanzungen durch Reben ersetzt, die bewiesen haben, daß sie das nordafrikanische Klima vertragen, etwa Viognier oder Alicante-Bouchet, eine Grenache-Kreuzung.

 
Erste Lese nach drei Jahren: Meist in Handarbeit und diesmal mit Laurent Cogoluègnes und Klaus Studer
Durch Châteauneuf-du-Pape zu fahren und so zu tun, als könne man das Thema Wein links liegen lassen, geht nicht. Aber wie sich dem nähern, welchen probieren? Entweder also auf gut Glück oder auf Empfehlung der Weinführer - was übrigens oft das gleiche ist -, sich der einen oder anderen Domäne zuwenden. Sie können sich auch im Office de Tourisme einen „Passeport pour la découverte“ ausstellen lassen und auf der Domaine Saint Benoît den Anfang ihrer Weinreise durch einen Ort machen, in dem alles andere nicht zu zählen scheint. Ungewöhnlich auf Saint Benoît ist, daß hier die Familien Cellier, Courtil und Jacumin 1989 ihre insgesamt sechsundzwanzig Hektar zusammengelegt haben.

 Der Weg zum Überblick über Châteauneuf              Bild Château des Fines Roches

Oder Sie lassen sich von Äußerlichkeiten beeindrucken, wie der zypressenbestandenen Auffahrt zum Château des Fines Roches, einem Vier-Sterne-Hotel, oder lassen sich himmlisch inspirieren. Dann könnten Sie engelsgleich in der Domaine de Côte de l’Ange landen und dort, eine der wenigen Ausnahmen in Châteauneuf, sich das mitgebrachte Vrac füllen lassen. Fast überall sonst legt man Wert auf die ungleich höheren Flaschenpreise; mit


Die Familie Reynaud in vierter Generation.
Sie bauen auch die Weine der Châteaux des Tours und de Fonsalette aus.
die höchsten finden sich beim Château Rayas. Da müssen Sie schon gute Gründe finden, um eine solche Flasche, selbst wenn Sie sie sich leisten möchten, auch erwerben zu dürfen. In der Regel geht die gesamte Menge an vorgemerkte Privatkunden; im Handel ist der Wein überhaupt nicht zu finden.

Das Marketing in Châteauneuf ist perfektioniert, nur den Mistral hat man nicht immer im Griff; der ist aber wichtige Voraussetzung für einen guten Jahrgang. Der Nordwind trocknet die Blätter und Trauben, verhindert so die Fäulnis und bläst sogar die Schädlinge in die Rhone.

Aber all diese Überlegungen brauchen uns gar nicht zu belasten und der Qual der Wahl dürfen Sie sich mit dem folgenden (literarischen) Vorschlag entziehen: Wir fahren zur Domaine Mathieu (0033 490 837209), die etwas außerhalb des Ortes an der Straße nach Courthézon liegt. Dort wird aus uralten Weinstöcken, sie wurden 1890 und 1892 gepflanzt, die „Cuvée du Marquis“ produziert. Namensgeber ist der Freund des Literaturnobelpreisträgers Frédéric Mistral und Mitbegründer der Félibrige Anselme Mathieu, einer der Vorfahren der heutigen Eigentümer.


Der Vin di Felibre
für knapp 40 Euro.
Bild Domaine
Oder Sie nehmen mit dem „Vin di Felibre“ eine erste Lektion in provenzalischer Sprache. In diesem Wein - benannt nach der „Félibrige“, einer Vereinigung zur Wiederbelebung der provenzalischen Sprache und Literatur - finden Sie alle dreizehn zugelassenen Sorten für einen Châteauneuf, wobei die Rebsorte Mourvèdre überwiegt. In vielen anderen Regionen wird die „nur“ eingesetzt, wenn der Wein eine besonders tiefrote Farbe bekommen soll.

André und Jérôme Mathieu werden Ihnen empfehlen diesen Wein mindestens zehn Jahre im Keller liegen zu lassen, bevor Sie ihn dann, mindestens vier Stunden vorher entkorkt, bei 16° trinken.


Eine weitere Empfehlung ist die Domaine „Le Pégau“, die ausnahmsweise mal nicht nach ihrem Besitzer benannt, sondern nach einem getöpferten kleinen Weinkrug, wie er im 14. Jahrhundert  auf den Tischen der Päpste und ihres Hofstaates stand. Innerhalb von rund 30 Jahren, gegründet wurde sie von Laurence Féraud, hat sich die Domaine einen Namen erarbeitet, der überall widerklingt: Im  Wall Street Journal wird der „Pink Pegau“ für ein „easy summer

Parkers glorreiche Magnum
drinking“ empfohlen und natürlich hat auch Mister Parker jun. seinen Tweet geschrieben: „Just glorious!“
 

2012 kam mit dem Kauf eines ehemaligen, über 40 Hektar großen Familiengutes nahe Châteauneuf, in Sorgues,  das „Château Pégau“ dazu, wie diese alte Post- und Treidelstation von Paul und Laurence Féraud getauft wurde, in der die Pferde gewechselt wurden, die die Rhôneschiffe nach Norden zogen.

Die Kopie sei das schönste Kompliment, heißt es gelegentlich resignierend, wenn man sich gegen ein solches „selbstgeschriebenes Armutszeugnis“ -  wie die „Fliegenden Blätter“ schon 1902 das Plagiat bezeichneten - nicht zur Wehr setzen kann. Auch die Weine von Pegau werden inzwischen gefälscht, unverfroren und dumm zudem, weil sich unter dem gerade geschnittenen Etikett noch der Zusatz „Merlot“ befindet, Hinweis auf genau eine der Rebsorten, die in der Appelation von Châteauneuf gerade nicht enthalten sind. Das Original von Pegau hat einen Büttenrand, nicht den faserig ausgedünnten des
echten Büttenpapiers, sondern eher den gezackten von Fotos der 1950er und 1960er Jahre. In der Flasche, den man zum Beispiel in Mexiko kaufen kann, wie ein Kunde der Domaine feststellte, ein niederklassiger Wein zu einem allerdings nicht niederen Preis.

Ob Domaine oder Château: Hier kauft man keinen Wein, dieser Wein ist eine Kapitalanlage, obwohl der „Wall-Street-Rosé“ nicht einmal 10 Euro kostet. Nicht nur wegen der offensiven, aber vom Markt akzeptierten Preisgestaltung, sondern vor allem, weil man sich gegen japanische, chinesische und amerikanische Käufer durchsetzen muß. Wie oft hat schon der Blick auf die Homepage ergeben, daß manche Weine derzeit gerade mal wieder verfügbar sind.

Mal wieder nicht zu haben: Weder für Chinesen, noch Amerikaner noch Franzosen
Zum empfehlen ist den Eigentümern die Anpassung der unprofessionellen Homepage an die Qualität der Weine. Von der unglücklich gestalteten Eintrittsseite, die vor allem B&B vermarktet, über Telefonnummern, die man nicht kopieren kann (sonst hätte ich sie hier eingefügt), bis hin zur Unübersichtlichkeit der Presseseite. Aber wenn sowieso immer alles ausverkauft ist…
 

 

Samstag, 16. März 2019

Ardèche, Sartre und Beauvoir

Für Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir beginnt die Provence auf der Höhe von Ardèche und Pont-Saint-Esprit. Die Beauvoir und Sartre, man kann sie sich als Sportler sich nicht so recht vorstellen, machten in den dreißiger Jahren eine Radtour durch Südfrankreich. Jedesmal wenn sie wieder in die Provence komme, erinnerte sich Simone de Beauvoir an „die Gründe, warum ich sie liebe“. Vom Oberlauf bis ins Rhonetal fuhren sie entlang der Ardèche.
„Einen ganzen Tag lang berauschte mich die Metamorphose der Landschaft. Das Blau des Himmels wurde lichter, der Boden trockener, der Geruch des Farns ertrank im Duft des Lavendels, die Erde nahm glühende Farben an: Ocker, rot, violett."
Und als sie von den Cevennenhöhen durch das Tal weiter hinunterrollten,
„tauchten die ersten Zypressen auf, die ersten Ölbäume, die erste Palme". 
Die erste Palme in Goudargues
Ihr ganzes Leben lang, so schrieb Simone de Beauvoir in ihrer Autobiographie „In den besten Jahren“, habe sie „die gleiche tiefe Erregung empfunden, wenn ich aus dem gebirgigen Herzen des Landes zum Mittelmeerbecken kam“.

 

Samstag, 9. März 2019

Collioure: Das Museum in der Kneipe des Monsieur Pous

Collioure: Auch heute noch eine Stadt der Maler.                   Bild tobi87 cc

Es gebe in ganz Frankreich
„keinen blaueren Himmel als den von Collioure. Ich brauche nur die Fensterläden zu öffnen und schon habe ich alle Farben des Mittelmeeres bei mir“,
begeisterte sich Matisse und übertrug diese Überschwänglichkeit auf seine Palette. Für ihn
„die perfekte Synthese von Land und Meer, ein Ort, der sich
Knallige Farben im ganzen Ort
zwischen den letzten Ausläufern der Pyrenäen und dem ultramarinblauen Mittelmeer in die Bucht schmiegt wie ein schläfrig-zufriedenes Tier, das zwischen Orangen und Oleander in der Sonne döst“.
Er wählte leidenschaftliche Töne, ein
„sonnentrunkenes Chromgelb, grelles Ziegelrot, exaltiertes Orange vor tintig dunkler Dünung“,
wie Claudia Diemar das in der NZZ beschrieb; hier der ganze Artikel.

Den Weg um Schloß und Hafen von Colliure sollte man nicht ohne einen Stopp in der Bar „Les Templiers“ beenden. Als Matisse, Derain,

Braque, Dufy - die Fauves, die Wilden, wie sie von einem Journalisten damals abwertend getauft wurden - hier noch malten, war die Kneipe von René Pous schon deshalb ihr Hauptquartier, weil der ihnen immer wieder Bilder abkaufte oder bei Liquiditätsengpässen in Zahlung nahm. Und die Liquiditätslage muß schlecht gewesen sein in jener Zeit und auch noch, als sein Sohn Jo diese Tradition fortführte.

An die zweitausend Bilder finden sich in der Bar und dem angeschlossenen Hotel. Monsieur Pous hat mir gesagt, es gäbe keine Liste der Gemälde und erst recht keinen Katalog für eine Sammlung, nach der jedes Museum sich die Finger lecken würde. So ganz habe ich das nicht geglaubt. Wer nach Vorgaben der Versicherung eine Alarmanlage stets auf dem neuesten Stand hält und von manchen Bildern nur eine Kopie hängt, der hat auch ein Verzeichnis seiner Schätze.


Und was nicht nur für Museumsrestauratoren eine ganz erstaunliche neue Erfahrung sein muß: Kneipenrauch und Salzwasserluft scheinen die Bilder auf ein ganz besonders positive Art und Weise zu konservieren. Und wenn die Kaffeemaschine dem dahinter hängenden Picasso mal etwas Dampf macht, meint Pous nur:
„Das ist schon die vierte Maschine, aber immer noch der gleiche Picasso.“




Samstag, 2. März 2019

Vom Marais de Vigueirat zum Phare de la Gacholle




Wer von Arles aus - zudem noch durstig und hungrig, weil einem die touristisch überzogenen Preise um die Arena aus der Stadt treiben -, in die Camargue fährt, dem kann an sich nichts besseres passieren, als auf der Straße nach Salin-de-Giraud in Mas Thibert dem Schild „Centre Ville“ zu folgen und später, wenn die alten Landarbeiter-Häuser weniger werden, der Beschilderung zum „Marais du Vigueirat“ zu folgen. Wenn die Straße aufhört eine regelrechte Straße zu sein, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder Sie fahren scharf rechts auf den Deich und finden, mit entsprechender Ausrüstung für ein Picknick den idealen Ort, oder, noch besser, Sie lassen sich von den sechs Kilometer langen, schlaglöchrigen Schotterpiste nicht abschrecken und fahren drauf zu.

Irgendwann können Sie den Wagen reetgedeckt unterstellen und gehen auf einen alten Hof zu. Aber stop! Gleich rechts befindet sich eine sogenannte „Buvette“, denen in Frankreich regelmäßig kulinarisch nicht zu trauen ist: Tranige Pommes und verkohlte Würste sind normalerweise die Markenzeichen. Aber diese ist völlig anders.

Die Besitzerin der Manade bereitet Ihnen einen „Assiette de dégustation“ zu, der wirklich ein Gedicht ist. Alles aus dem auch zu
besichtigendem Garten, Blattsalate, deren Namen der normale Hausmann nicht kennt, Coeur de Boeuf-Tomaten, rote Beete und Karotten in einer feinen Venaigrette, unterschiedliche Tapenade auf sonnengetrocknetem Baguette, eigener Ziegenkäse, eigene Paté de Taureaux und was man sich sonst noch so vorstellt.

Dann aber die zunächst einzige Enttäuschung: Nur Bio-Säfte, Jus de Pommes, de Pêches und was für Kinder so alles gut ist. Ein Glas Wein, nein, „on a pas le droit“ - das dürfe sie nicht ausschenken, obwohl sie ihn selbst anbaue. Aber, im Land der eleganten Umwege, lässt sich auch das zum Guten wenden.

Gegenüber im Office du Tourisme werde ihr Wein verkauft, und auch Reisbier. Dort weiß man gleich Bescheid. Ah, Sie kommen von Madame? Roten, Rosé oder Weißen von der Domaine de l’Attilon könne ich haben. Also einer leichten Sommer-Rosé. Den bekomme ich auch, aber, „on a pas le droit“ nicht gekühlt. Aber, mit einem verständnisvollen Blick, gegenüber an der Buvette könne ich mir den ja ins Eisfach legen lassen und eine Viertelstunde spazieren gehen.


Schließlich findet so dieser wahrhafte „Assiette gourmande“ noch zu seinem Glas Wein, seiner Flasche, besser gesagt. Neidvoll beäugt von einem französischen Paar, das sich diesen Umweg nicht erfragt hatte. Wir haben dann brüderlich geteilt, fast jedenfalls.


Und ehe ich das vergesse: Wunderschöne Spaziergänge oder Kutschfahrten (04.09.98.70.91) unter den Tamarisken hindurch und entlang der sich ständig ändernden Etangs mit den entsprechenden Naturbeobachtungen – über achthundert Pflanzenarten und zahlreiche Wasservögel, Schlangen und Schildkröten - kann man von hier aus machen. Elisabeth, Babette, wie sie hier genannt wird und Robert sind ein eingespieltes Team beim Öffnen der Gatter und bei der Beantwortung der zahlreichen Besucherfragen. Und danach hat jedenfalls der Rosé sicher die richtige Temperatur.



Einsamkeit pur am Phare de la Gacholle. Stundenlang können Sie
alleine durch die salzflirrende Hitze der Camargue laufen.
Der Leuchtturm von Gacholle ist nicht weit von hier, den kleinen Umweg sollten Sie machen. Ich erwähne ihn hier, weil der Tip zum
Besuch des Marais du Vigueirat von Madelaine Fourniol gekommen ist, die heute, ihrer Enkel wegen, in Dions wohnt, schräg gegenüber von der Ginguette, die übrigens auch wegen des freundlichen Service immer für ein kleines Mittagessen gut ist.
Madleine Fourniol bei der Treibholzsuche und eines der von ihr gestalteten Hotelzimmer
Der Phare de la Gacholle ist Madelaines Geburtshaus und bis zum achtzehnten Lebensjahr hat sie in dieser Einsamkeit gelebt. Jeden Morgen rund 10 Kilometer Schulweg am Strand und durch die Dünen.

Das hat sie bis heute nicht losgelassen, wie Sie unter www.canalblog.com/search/posts/fourniol sehen und lesen können.
Heute baut sie Möbel und Innendekorationen, selbst für komplette Hotels, aus meergebleichtem Treibholz, das sie einmal in der Woche, meist montags in ihrem roten Range-Rover-Pickup einsammelt. Der Besuch in ihrem Atelier in Dions lohnt sich. Manche Lampe entsteht aus einem einzigen Stück Holz; dabei werden die Leitungen wie unsichtbar im Inneren des Stammes untergebracht und selbst Spezialisten haben Schwierigkeiten, dem Weg der Fräsung zu folgen.

Samstag, 23. Februar 2019

Arles 2019: Luma und Gogh


Als dieser Stadtplan aus einem der ersten Michelin-Führer und die von van Gogh gemalte Skyline von Arles aktuell waren, hätte der Künstler noch in das „Centre d´Art Contemporain expérimental“ der Luma-Stiftung gehört.

Teilweise ist es jetzt schon eröffnet und bis 2020 sollen alle Bauarbeiten abgeschlossen sein. An Frank Gehrys Turm scheiden sich Geschmäcker und Geister, wobei daran zu denken ist, dass van Goghs Bilder zu seinen Lebzeiten auch nicht besonders anerkannt und garnicht nachgefragt waren. Manche, denen er sie aufdrängte, wie sein Arzt Doktor Rey, wußten nichts anderes damit zu tun, als die Rückseite eines Hasenstalls zu reparieren. 



Die Architektur soll die Mission der Stiftung versinnbildlichen: Ein Experimentierzentrum für zeitgenössische Kunst.Auch das „Museon Arlaten“, das von Frédéric Mistral mit seinem Geld für den Nobelpreis gestiftete Museum für provenzalische Kultur, zeigt sich in neuem Gewand und öffnet nach umfassender Renovierung im Dezember 2019. Zuvor, vom 1. Juli bis 22. September, feiert das internationale Fotografiefestival, „Les Rencontres d´Arles“, sein 50. Jubiläum.

Zum Abschluss des Festivals eröffnet auch die neue Hochschule für Fotografie. Die „Fondation Vincent Van Gogh“ stellt eine Auswahl an Originalwerken von Niko Pirosmani und Van Gogh vom 2. März bis 3. Oktober 2019 aus.


 
Sehr aktuelle van Goghs können Sie sich in China bestellen, wenn Sie "China oil painting" suchen, und wenn es sein muss schon für 20 Dollar. Die sogenannte "Museumsqualität" kostet dann 120 bis 200 Dollar und die ist, nachdem ich das getestet habe, ihren Preis wert. Fließbandproduktion von handwerklich guten Künstlern, die alle ihre Spezialisierungen haben, van Gogh, Monet, Renoir; einer malt nur Gesichter, eine nur die Hände und die Anfänger den Hintergrund. Und das ganze um Klassen besser als jeden Druck. Vergoldete Holzrahmen gibt's dazu ab 30 Dollar.


Samstag, 16. Februar 2019

Nîmes: Maison carrée, Krokodil und Daudet

Nîmes bezieht einen Großteil seiner Attraktivität aus Gegensätzen. Wer sich von der Autobahn nähert, die dominierenden Hochhausgürtel an den Hängen sieht oder sich von Arles oder aus der Camargue kommend durch die ausgelagerten, großflächigen Einkaufszentren der Ville Active hindurchgequält hat, fragt sich, warum er die Stadt nicht einfach umfahren hat.


Das "Maskottchen" der Veteranen aus Caesars Ägyptenkrieg
Manche kommen nur wegen der Krokodile hierher, nicht denen von Lacoste, sondern wegen des Wappentiers der Stadt. In Nîmes waren vor allem die Veteranen angesiedelt worden, die Caesars Ägyptenfeldzug überstanden hatten. Krokodil und Palme hatten sie sich zu ihrem Erkennungszeichen erkoren, das es bis heute geblieben ist. Selbst auf den Gullydeckeln findet es sich; oft genug werden Sie in der Stadt darüber hinweglaufen.

Blick vom Carré d'Art auf das Maison carrée
Aber eine Minute später - die dreiviertel Stunde für die Parkplatzsuche nicht eingerechnet - ist man am Maison Carrée, dreht sich um und erblickt, im Sommer hinter einer Reihe großer Töpfe mit Olivenbäumen, das Carré d‘Art. Und nach einem Altstadtbummel, vorbei an alten Stadtpalästen hinüber zur Arena, will man noch mindestens einen Tag dranhängen. Obwohl Alphonse Daudet meist in Paris lebte und schrieb, bewahrt seine Vaterstadt ihm ein intensives Andenken. Zwar gibt es in Paris ein Denkmal in den Jardins des Champs-Élysées und einen Hinweis an seinem Wohnhaus in der Rue de Bellechasse, aber damit dann auch genug.
Gefühlte hundert Schuhgeschäfte sind offen bis in den späten Abend
Ganz anders in Nîmes: Wenn Sie der Beschilderung zum günstig gleich neben dem Maison Carrée gelegenen Parkhaus P 3 folgen, verlassen Sie dieses durch den „Ausgang A. Daudet“. Schon stehen Sie auf dem Boulevard Alphonse Daudet und blicken gegenüber auf die Buchhandlung, die nach einem seiner Bücher „Aux Lettres de mon Moulin“ heißt, „Briefe aus meiner Mühle“. In den gut sortierten Regalen mit der Regionalliteratur werden selbst ausgefallene Werke aus Klein- und Selbstverlagen angeboten.

Daudets Geburtshaus findet sich ein paar Schritte vom Parkhaus entfernt, hinter den überdachten Markthallen, auf dem Boulevard Gambetta. Hier in der Nummer 20 kam Alphonse 1840 zur Welt, drei Jahre nach seinem Bruder Ernest.

„Je ne sais qu‘une chose, crier à mes enfants: Vive la vie“,
heißt es auf der Gedenktafel: Es lebe das Leben! Heute beherbergt das solide Haus, das aber offensichtlich zuletzt in den fünfziger Jahren farblich aufgefrischt wurde, Ärzte, Immobilienmakler sowie einen Schönheitssalon.Weiter mit Hans Christian Andersen und seiner Angst, lebendig begraben zu werden, geht es HIER .

Samstag, 9. Februar 2019

Aix: Eine verhängnisvolle Affaire und ein Mordversuch

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Cézanne plötzlich der Senkrechtstarter auf dem Kunstmarkt. Indirekt ausschlaggebend war posthum Zola, dessen Gemäldesammlung mit vielen Bildern Cézannes 1903 versteigert wurde. Die Geschwister Leo und Gertrude Stein gehörten zu den ersten Sammlern und beschrieben den Wechsel:
„1905 hatten die Leute vor seinen Bildern hysterische Lachanfälle bekommen. 1906 verhielten sie sich respektvoll. 1907 waren sie ehrfürchtig.“
Karr
Vor lauter Angst, daß es sich bei den nun auch steigenden Preisen um eine kurzfristige Modeerscheinung handeln würde, verkaufte Cézannes Sohn 1907 fast zweihundert Bilder seines Vaters für gerade mal gut einhunderttausend Francs. Ein paar dieser Cézannes, Dauerleihgaben der Pariser Staatlichen Museumsverwaltung, sind heute im Musée Granat zu finden.

Aix war immer schon eine Stadt der Gegensätze. Wer sich morgens auf den Spuren von Cézanne bewegt, kann sich mittags quadratisch und praktisch in der Fondation Vasarély umtun. Der Schriftsteller Marcel Pobé stellte dem maßvollen Moralisten Vauvenargues den maßlosen Revolutionsredner Mirabeau gegenüber und dem geistreichen Abbé Bremond die reizreiche Louise Colet.
Colet
An die Gedichte der reizenden Louise, einer Professorengattin und begeisterten Liebhaberin von Philosophen und Schriftstellern, erinnert man sich heute nicht mehr wegen der Auszeichnungen, die sie von der Académie Française erhielt; eher wegen der verkaufsfördernden Skandälchen, die die Lyrikerin ganz gezielt und öffentlichkeitswirksam einsetzte.

Manch heutiger Autorin hat sie so gezeigt, wie man es macht. Auf dem Entwurf zur Grabinschrift, die Maxime du Camps formulierte, hieß es dann auch sehr ehrlich, aber viele auslassend:

„Hier ruht jene,
die Victor Cousin kompromittierte,
Alfred de Musset lächerlich machte,
Gustave Flaubert verächtlich behandelte und
Alphonse Karr umzubringen versuchte.“

Die Hintergründe des Vierzeilers sind schnell erzählt. Nach einer Liebesbeziehung zum Philosophen Victor Cousin wurde Louise Colet schwanger und der Journalist und Satiriker Alphonse Karr spottete in der Zeitung, dies sei wohl die Folge einer „piqûre de cousin“ - eines Mückenstichs von Cousin.

Die Dame ist natürlich nicht Louise Colet auf Cézannes Bild "Nachmittag in Neapel,
aber so ähnlich wird sich das in der Phantasie von Karr abgespielt haben.
Louise stach mit einem Messer auf Karr ein, erfolgreich, doch zum Glück nicht so ganz. Karr jedenfalls wurde schnell wieder gesund und begleitete ihre zahlreichen Liebschaften auch weiterhin. Allerdings wird er sich ab und zu über die Narbe gestrichen haben, die ihn darin erinnerte, sich mit schriftlichen Äußerungen zurück zu halten.



Samstag, 2. Februar 2019

Wie die Strömung der Rhône für Nachschub auf dem Friedhof sorgt

Das Gräberfeld der Alyscamps: Hier wurde jeder beerdigt, der bezahlt hatte.
Heute findet man arabische und jüdische Gräber einträchtig zusammen mit denen der Christen auf dem Gräberfeld der Alyscamps, «dem vornehmsten Begräbnisplatz der Erde», wie der junge Hofmannsthal das empfand. Auf diesem Friedhof begraben zu liegen, war im Mittelalter derartig begehrt, daß viele Totentransporte von weit her kamen. Das mochte im Winter noch angehen, im Sommer trat die Verwesung jedoch so schnell ein, daß viele einen anderen, aber weniger sicheren Weg wählten.

Der Rhônebogen im Norden von Arles, an der Stelle ungefähr, von wo van Gogh seine nächtliche Stadtansicht gemalt hat, ließ fast alles


Hier an van Goghs Rhônebogen wurden die Toten angeschwemmt.
Treibgut des Flusses anstranden. Und die Menschen von Pont-Saint-Esprit, Château-Neuf, Tarascon, Aramon oder Montfrin packten ihre Toten in große Fässer, salzten sie gut ein und schickten sie voller Gottvertrauen auf die Reise nach Arles. Damit dort dann Grab und Bestattung bezahlt werden konnten, legte man den Toten ein paar Goldstücke unter die Zunge. Anfangs war das Vertrauen der Hinterbliebenen wohl gerechtfertigt.

Doch später zogen die Rhôneanlieger oberhalb der Stadt das Treibgut ans Ufer, nahmen sich die Goldstücke und ließen dann das Faß weitertreiben. Und in Arles hatte dann verständlicherweise niemand mehr ein Interesse daran, die Leichname auf eigene Kosten zu beerdigen.






Samstag, 26. Januar 2019

Der Bauunternehmer als erster Austernzüchter

 
Muschelverkauf um 1900
Seit Urzeiten bot der Etang de Thau Fischern und Muschelsuchern ein gutes Revier - hier im VIDEO. Dann wurde Wein angebaut, was die Küfer anzog. Später kamen die Zucht der Muscheln dazu und erst ab 1925 die Austern. Einem Bauunternehmer, Antoine Louis Tudesq, war der neue Reichtum für Viele zu verdanken. Entsprechend angesehen waren auch die Austernzüchter, dann kamen die Winzer und Küfer, dann die „Kaste“ der Muschelzüchter und ganz am Ende die Fischer. Sogar Hochzeiten zwischen diesen unterschiedlichen Berufen waren kaum einmal gesehen. Es war ein Verstoß gegen die Ehre, wenn ein Winzer seine Tochter mit einem „Esclot“ oder „Sabot“, wie die Fischer wegen ihrer unförmigen Holzschuhe genannt wurde, verheiratete. 

Tudesq war in Bouzigues, direkt am Etang de Thau aufgewachsen. Mehr als Hobby und schon als erfolgreicher Unternehmer erwarb er die Muschelzucht der Witwe Lafite und experimentierte mit pyramidenförmigen Stützen aus Beton, an denen er die Austern befestigte. Das klappte grundsätzlich sehr gut, allerdings hatten
Eine der frühen Pyramiden
diese auf den Grund versenkten Pyramiden den Nachteil, daß sie sich schnell zu begehrten Futterstellen für Seeigel und Seesterne entwickelten. So kam Tudesq schon im zweiten Jahr auf die Schnüre, die er an Gerüsten aufhing. Und das war der Beginn eines bis heute andauernden Erfolges. Viele konnten daran partizipieren, denn die Gemeinde vergibt bis heute immer wieder neue Lizenzen. Je nach Größe der Zucht kostet das zwischen zehn- und fünfzigtausend Euro für den Zeitraum von fünf Jahren. Nur die Schüler der See-Hochschule von Sète haben ihre eigene kostenlose Zucht.

Oben: Die ersten Hütten der Züchter auf dem See waren noch bewohnt.
Unten: Befestigungsarten für Austern. Die Fotos wurden im Musée de l'Etang de Thau gemacht.

Ein Besuch des Musée de l'Etang de Thau lohnt sich nicht nur wegen des ausgesprochen freundlichen Empfangs. Die Erläuterungen, und das ist die große Ausnahme in einem kleineren französischen
Museum, gibt es auch in deutscher Sprache.
 
Sehenswert auch für Kinder
 
Der See ist ein ziemlich fragiles Ökosystem, dessen Wasserqualität jeden Donnerstag und Montag überprüft wird; die staatlichen Prüfer nehmen dann auch Austernproben von verschiedenen Züchtern. Wenn der Verkauf, was bisher erst einmal vorgekommen ist, gestoppt wird, bedeutet dies einen Verdienstausfall für eine ganze Austerngeneration, also für zwei Jahre. Und dann gehen zwei Weihnachtsgeschäfte verloren, also jeweils der 25. und der 31. Dezember, an denen jeder halbswegs französische Franzose sein Dutzend Austern auf dem Tisch hat. Um das zu gewährleisten setzt sich Mitte September eine ausgeklügelte Organisation in Gang, eine frühe Ernte, bei der Austern von den Schnüren entfernt und bereits gesäubert werden, dann aber wieder bis zum 17. Dezember in grobmaschigen Eisensäcken im Etang versenkt werden. So kann dann innerhalb weniger Tage rund ein Viertel des Jahresumsatzes generiert werden.

Wer per VIDEO in 25 Minuten etwas mehr Informationen von Florent Tarbouriech, einem erfolgreichen Austernzüchter haben möchte, folgt einfach dem Link auf den Film von Ici7.

Samstag, 19. Januar 2019

Ludwig Harig: Kein Leben ohne "Biecher" und den Süden Frankreichs

Nur mit Büchern bleibt das Leben lebenswert. Handschrift Harigs.

Fünfundvierzig Bücher hat Ludwig Harig geschrieben und seinem Vater in einem Gedicht erklärt, warum er ohne „Biecher nit läwe“ kann. Das
Leben ohne Bücher war keines für ihn. Und erst recht nicht ein Leben, das ihn nicht dauernd wieder in den Süden Frankreichs geführt hätte; standesgemäß mit dem Firmenwagen des Vaters, einem Mercedes 170 Coupé.


Reifenpanne an der Côte. Bild: B. Harig
Impulsgeber für diesen Beitrag:
Norbert "no" Schmidt. Bild Bräuning

Die Liebe zum Süden verband ihn mit Norbert „no“ Schmidt, dem ehemaligen Zeitungsmacher von der Gießener Allgemeinen, der sich den Midi allerdings zunächst als Tramper erschloß. Wenn er mich nicht auf Ludwig Harig hingewiesen und mir auch noch gleich seinen Artikel an die Hand gegeben hätte, wäre mir Harig glatt durchgegangen. 1927, im gleichen Jahr wie Martin Walser und Günter Grass ist Harig geboren. Als Schriftsteller, Hörbuchautor und Mehrfachpreisträger war er die wichtigste Figur des saarländischen Literaturbetriebes. Im Bergmanndorf Sulzbach kam er zur Welt und hier hat er sie im Jahr 2018 auch verlassen, ohne indes ein provinzieller Autor gewesen zu sein. Längere Aufenthalte führten ihn nach Paris und Berlin, nach Texas und Großbritannien. Auf eine Geschichte Harigs weist Schmidt besonders hin: "Vor uns wölbt sich das Meer". Enthalten ist sie auf der Doppel-CD »Die Côte d’Azur von Marseille bis Menton«, einer 2014 veröffentlichten Doppel-CD der FAZ, die Sie im Web inzwischen sehr preiswert finden.

"Mein Erzählplan ist ein Lebensplan", schreibt Harig einmal in Kalahari, dem teilweise autobiografischen Roman, der 2007 erschien und dessen Untertitel "Ein wahrer Roman" lautet.

Wie sich die biografische Erfahrung in Literatur wendet, wie Distanz bei gleichzeitiger Nähe hergestellt wird, das kann man in Harigs Büchern immer wieder beobachten, so Ulrich Rüdenauer in seinem Nachruf in der ZEIT und weiter: Das Material durchläuft einen Prozess der subjektiven Objektivierung, das eigene Leben wird zu einem erdachten, es scheint wider im Text oder wird "nachgeschaffen", wie es
Peter Kurzeck einmal ausgedrückt hat. Diese

Peter Kurzeck in seinem Arbeitszimmer in Uzes.
Poetisierung der eigenen, gespiegelten Existenz fand Harig auch bei diesem seinem Vorbild wieder. Kurzeck, den es nach Uzès, in die Nähe des Pont du Gard, gezogen hatte, wo er zum unerbittlichen Archivar und Überarbeiter seines Lebens wurde.   
Als Harig 1953 an die Côte d’Azur reiste beschrieb er schon die Auswirkungen eines MAssentourismus, den es damals nun wirklich noch nicht gab. „Was hat Saint-Tropez ein schäbiges Flair angenommen! Vom Parkplatz am Frachthafen, zwischen Lagerschuppen und Einkaufsbaracken, strömt die Menge an den Staffeleien der Kitschmaler vorbei zu den Anlegestellen der Yachten.“ Und über Le


Brigitte und Ludwig Harig in Saint Tropez. Mehr unter diesem Link.

Lavandou: „Über den Bootsmasten flattern blauweißrote Wimpelchen, winden und verdrehen sich, als müssten sie sich inmitten trostlosen Cabanen- und Budengewirrs vor Lachen krümmen.“