Samstag, 14. Juli 2018

In Sanary und Vence. René Schickele: Deutsch-Franzose par exellence

Sein Herz trug die Liebe und Weisheit zweier Völker.
Inschrift am Schickele-Wohnhaus in Badenweiler.
Schickele     Bild Monacensia
Der „echte“ Midi beginnt für manchen schon im oberen Rhônetal, etwa auf der Höhe von Valence. So für den Schriftsteller René Schickele (1883-1940), den deutschen Franzosen oder französichen Deutschen, der als einer der ersten die Nationalsozialisten an der Macht sah.

Als Sohn einer französischen Mutter und eines deutschen Vaters kam er in Obernai zur Welt, das damals Oberehnheim hieß. Er starb in Südfrankreich, in Vence, und seine sterblichen Überreste wurden später, so wie er sich das gewünscht hatte, auf dem Lipberger Friedhof in Badenweiler beigesetzt.

Grab auf dem Lipberger Friedhof
Als Herausgeber der pazifistischen und expressionistischen Zeitschrift „Weiße Blätter“ seit 1914 war ihm nach dem Krieg insbesondere die Verständigung zwischen Franzosen und Deutschen ein besonderes Anliegen. Schon früh erregte er den Verdacht der rechten Bewegungen, die dann im Nationalsozialismus mündeten. Seine Frühdiagnose des späteren Terrors hatte er schon anhand der gegen ihn gerichteten Beiträge in NS-Medien ablesen können: „Elsässer Jude, Vaterlandsverräter und Pazifist“ hieß es da.

In Zabern und Straßburg war er aufs Gymnasium gegangen, unter anderem in Paris und München hatte er studiert. Schon 1932, mit der Lebenserfahrung eines fast Fünfzigjährigen, zog er nach Sanary-sur-Mer, zwischen Marseille und Toulon gelegen, und schrieb an seine Freundin Annette Kolb:

„Ich möchte, ich könnte ewig hinter dem Vorhang bleiben, der in der Linie von Valence dieses elementare Sonnenland vom Reich der Nibelungen abschließt.“
Schickele, Kolb und Thomas Mann              Bild Monacensia
In Sanary gehörte er zu den ersten Intellektuellen und bewegte zahlreiche Schriftsteller sich ebenfalls in diesem gesegneten Fleckchen niederzulassen: Thomas Mann, Lion Feuchtwanger, Franz Werfel und andere trafen sich hier im Midi.
Kaum daß der Krieg begonnen hatte, starb er in Vence, im Hinterland von Nizza. Es lohne sich nicht mehr zu leben, „wenn der Ungeist siegt“, schrieb er in seinem letzten Brief an Thomas Mann.

Direkt nach dem Krieg schrieb Kasimir Edschmid, mit dem Schickele oft in Badenweiler, aber auch in Südfrankreich, zusammengesessen hatte, in einem vorausschauenden Beitrag für die ZEIT (1946, Nr. 15):

„Schickele hatte es nicht leicht, denn er versuchte, das zu leben, was einst noch utopisch schien, was aber in einer fernen Zukunft Wirklichkeit werden wird, wenn einmal das, was man früher auf der einen Seite den französischen, auf der anderen Seite den deutschen Menschen nannte, in einer höheren Einheit aufgegangen sein wird."
Viel mehr über Schickele, Mann und die anderen in Sanary-sur-Mer lesen Sie später. Hier ein kleiner EINDRUCK VOM MARKT IN SANARY .


Samstag, 7. Juli 2018

Mont Ventoux, der Berg, und Steffen Lipp, sein Fotograf

Für den Insektenforscher Jean-Henri Fabre war, wie er sich ausdrückte, ein „Spaziergang auf den Ventoux“ nichts besonderes. Mehr als zwanzigmal hat er den Weg gemacht, je nach Wetter in zehn bis zwölf Stunden. Ihn interessierten vor allem die 
Ganz früher Julimorgen auf dem Berg der Provence        Bild Steffen Lipp 

unterschiedlichen Klimazonen und die dort lebenden Pflanzen und Tiere. Daß der Berg auf ihn manchmal bedrohlich wirkte, können wir aber selbst der Beschreibung des Naturwissenschaftlers entnehmen.
„Frische Matten, fröhliche Bächlein, mit Moos bewachsene Steine, der Schatten hundertjährigeer Bäume – kurz all jene Dinge, die einem Berg etwas liebliches verleihen, sind hier vollkommen unbekannt. An ihrer Stelle haben wir eine nicht enden wollende Decke von Kalksplittern, die beinahe metallisch klirrend unter den Füßen wegrutschen. Rieselnder Steinschlag, das sind die Wasserfälle des Mont Ventoux.“
Von überall her ist der Berg zu sehen,
hier hinter den Ockerfelsen von Roussillon...      Bild Steffen Lipp


Von Malaucène aus, das geht in sechs Stunden, ist auch Steffen Lipp oft hochgegangen, zu jeder Jahreszeit und auf allen Wegen. Der Fotograf und Autor ist mit seinen ausgefeilten Licht-Schatten-Bildern der Ventoux- und Provence-Fotograf schlechthin – und hat mir dankenswerterweise auch die Fotos für diesen Beitrag zur Verfügung gestellt.

...hier von Châteauneuf aus...von den Dentelles de Montmirail...und von Le Pin.

Mit Gabrielle hat er eine resolute Ur-Schwäbin, Rahmenkünstlerin und Philosophin an seiner Seite, die nebenbei auch noch genial kocht. Die provenzalischen oder mal fischgefüllten Maultaschen mit einer Sauce aus Bambussprossen und einem Gewürz, das es angeblich nur in Lüdenscheid zu kaufen gibt, sind bei den Freunden geschätzt.

Der ostdeutsche Dichter Günther Kunert hat Lipps Lieblingszeilen über den Berg geschrieben:

„Wind wehte stark. Von hier sah man weit durch den Raum und erst jenseits der fernen und weißen Kuppen, erst hinter der lustvollen Krümmung der Erde fiel mein Blick ermattet vor ihren Füssen zur Boden.“
HIER geht es weiter mit dem „Club der Verrückten“ vom Mont Ventoux, die alle sehr stolz darauf sind, diesem Club anzugehören.

Voraussetzung ist nur "etwas" Kondition.

Und natürlich ein Fahrrad in einem etwas besseren Zustand als dieses nebenan.


Freitag, 29. Juni 2018

Anduze: Vasen nicht nur für den 14ten Ludwig

Die Form ist geblieben seit dem 18. Jahrhundert, die Farben sind vielfältig geworden
Zahlreiche große Töpfereien vor, in und um Anduze – das geht schon, wenn aus Vézénobres kommen, in La Madeleine los und mit Le Chêne Vert weiter – warten auf Sie.

Wenn Sie kaufen wollen, dann aber bitte erst auf der linken Gardonseite zwei Kilometer in Richtung von Saint-Jean-du Gard fahren. In einer Rechtskurve sehen Sie auf der linken Seite die Töpferei Les Enfants de Boisset ( route de Saint-Jean-du-Gard, 0033 466 618086 www.poterie-anduze.fr ). Das sind nicht zwar die Ur-Ur-Ur-Enkel von Boisset, aber doch eine der traditionellen Töpfereien, in denen ich bisher Made in China oder Fabriqué en Maroc oder die Vasen, die gepreßt und nicht auf der Scheibe gedreht werden, kaum gefunden habe.

Ihre Frau wird Sie dann allerdings zurückdirigieren zur Poterie de la Madeleine nach Lézan (Route de Nîmes, 0033 466 616344 www.poterie.com ), wo auch noch vor Ort produziert wird und die Auswahl deutlich größer und die Präsentation wesentlich marketingorientierter ist. Das hängt auch damit zusammen, daß sich Filialen auch in Saint-Tropez, Béziers und Montpellier finden; Immerhin haben Sie jetzt einmal einen Preisvergleich.

Die Vasen, die Ludwig XIV. sich für die Ausstattung der Orangerien von Versailles hat kommen lassen, waren alle 1,05 Meter hoch; eine solche Vase bekommen Sie als Ausschußware bei La Madeleine für 120 bis 250 Euro, was immer noch ein ordentlicher Preis für ein nicht einwandfreies Produkt ist. In gutem Zustand kosten sie dann 800 Euro oder etwas mehr; pro Vase packen Sie sich rund 140 Kilogramm zusätzlich ins Auto. Die angesprochene Fehlerhaftigkeit bei allen Töpfereien beschränkt sich auf Glasurfehler, die die Vasen so oft mit dem Anschein von Gebrauchsspuren versehen. Unsere Erfahrung ist, daß sie dennoch winterfest sind – jedenfalls für das, was man in Südfrankreich so Winter nennt. Neben den tatsächlich fehlerhaften finden sich die Vasen, die der Töpfer in mühsamer Handarbeit „auf alt“ gemacht hat – fragen Sie nach „patine ancienne“ oder „vieilli tradition flammé“.


Wenn Sie sich auf einen der Antiquitätenhändler verlassen wollen, der Ihnen noch eine der Vasen Ludwigs XIV. ganz hinten aus dem Lager und nur für den echten Kenner verkaufen will, können das tun und die Geschichte dann Ihren Freunden weiter erzählen; glaubwürdiger wird sie dadurch nicht.
 
Franck Becker
So viele alte Vasen, wie in Anduze und Umgebung verkauft worden sind, kann der König gar nicht besessen haben.

Wenn Sie sich durchringen könnten, an La Madelaine vorbeizufahren, kommen Sie wenige Kilometer weiter, in Cardet, auf der rechten Straßenseite an die Töpferei von Franck Becker, der seine sämtlichen Vasen noch auf der Scheibe dreht und HIER UND IM FILM erklärt, warum "winterhart" ein dehnbarer Begriff ist und die gepreßten Vasen leichter kaputt gehen.

 

Montag, 25. Juni 2018

Mont Ventoux: Der Club der Verrückten und der Mas des Vignes

Bald achttausend Mitglieder hat der „Club der Verrückten“ weltweit, sogar zweihundertfünfzig Deutsche schmücken sich mit der Mitgliedschaft. Die meisten Mitglieder des „Club des Cinglés du Mont Ventoux“ kommen natürlich aus Frankreich. Mitglied kann nur werden, wer an einem Tag alle drei existierenden Strecken auf den Mont Ventoux hinauf gefahren ist. Das ist schon hart, weniger wegen der Gesamtstrecke von 137 Kilometern, sondern wegen der 4.400 Höhenmeter, die dabei geklettert werden.

Wenn Sie sich anmelden möchten, vielleicht eine der rund vierhundert Frauen werden wollen, die das bisher geschafft haben, dann geht das bei Florence Girard und die Mailadresse UNTEN AUF DIESER HOMEPAGE. Hier finden Sie, auch auf deutsch alle Statistiken rund um diesen seltsamen Club und auch die Abbildungen der Medaillen.


Mit dem Auto hochzufahren ist natürlich außerhalb der Regeln.
Postkarte aus dem Jahr 1911. Hier der Italiener Tangazzi auf Lancia.
Von den drei Strecken auf den Gipfel ist diejenige, die bei Bedoin auf knapp 300 Metern startet, die spektakulärste. Nach gut 21 Kilometern hat man sein Ziel in 1909 Metern Höhe erreicht.

Geschafft...aber noch keine Mitglieder

Wer von Malaucène aus startet, spart sich rund 300 Höhenmeter. Wenn Sie allerdings ein Mountainbike benutzen, gehört es zum Reglement, dass Sie die Forststraßen benutzen und sich am Abend erst nach gut 6.000 Höhenmetern in den Club aufnehmen lassen können. Die Kontrollen werden streng durchgeführt, Jugendliche unter 18 Jahren müssen ein ärztliches Attest vorweisen.

Und so sieht das abgestempelte Dokument dann aus, wenn man es geschafft hat.
Foto von Franz Utz, der seit 2015 Mitglied im Club ist.


Nur einer lächelt über diese Strapaze. Das ist Jean Pascal Roux, der am Fuß des Berges lebt, in Bedoin. Mit Mitte vierzig hat er einmal 24 Stunden auf dem Rad verbracht und ist elfmal den Mont Ventoux rauf und wieder runter gefahren. Ohne Doping, wie er betont. Einmal habe ich mich auch auf die Tour gemacht. Ganz professionell hatte ich mir für die Abfahrt sogar zwei Tageszeitungen, den „Midi libre“ und „Le Provencal“ gekauft. Unter das T-Shirt hatte ich sie stecken wollen, um den kalten Wind bei der Abfahrt abzuwehren.

Wie auch immer, in aller Ruhe habe ich die Zeitungen eine halbe Stunde später weitgehend ungeschwitzt lesen können. Denn nach 5,4 Kilometern bin ich in der berühmten Saint-Estève-Kurve von der schattigen Terrasse des "Mas des Vignes" so sehr angezogen worden,



daß ich dort auch noch den Sonnenuntergang bewundert habe. Damit diese Entscheidung nachvollziehbar wird: Als Vorspeise gab es Saint Jacques Dorées mit einem Kirchererbsen-Zitronen-Hummus und als
Hauptgericht Joues de Cochon (Schweinebacken), geschmort in einem
Die Kunstwerke des Yann de Coëtlogon am besten auf der Terrasse genießen.              Bilder Mas des Vignes

der kräftigen Roten vom Ventoux, mit einer Polenta Crémeuse und frischen Pfifferlingen.

Peinlich war nun nicht, dass ich recht sportlich gekleidet dort saß, sondern dass der Chef, Yann de Coëtlogon, beim Dessert - wen’s interessiert Tartelette aux Pêches Blanche en Crème d’Amandes mit einem Sorbet aus Weinbergpfirsischen - rauskam und mir gratulierte. Denn viele belohnen sich für den bestandenen Aufstieg mit einem Menü im Mas des Vignes. Ich habe mich dann bedankt und im übrigen so getan, als hätte ich ihn nicht verstanden.

Und gelesen habe ich hinterher Ralf Nestmeyers Roman „Die Toten vom Mont Ventoux“, unter denen sich aber zum Glück nur ein Radfahrer befindet. Nestmeyer zeigt hier, daß er nicht nur Reisejournalismus kann, sondern auch Krimi, wobei der Historiker immer mal wieder durchblitzt, wenn es um die Ursprünge der okzitanischen Sprache geht, und der Journalist, wenn es um die Reglements des comptes in Marseille geht. Manchmal setzt er etwas zuviel voraus, wenn er plötzlich Fabio Montale erwähnt und Izzo zwei Seiten vorher.  An sich hätte der Ventoux ja auch aufs Titelbild gehört. Für die nächste Auflage, für die ich die Daumen drücke, sollte es dann ein Foto von Steffen Lipp sein - von wem sonst: oder setze ich da zuviel voraus? Wie viele der besseren Kriminalromane übrigens auch bei Emons erschienen.



Von einem tragischen Aufstieg auf den Mont Ventoux - er endete mit dem Tod - erzähle ich HIER.

Samstag, 23. Juni 2018

Maria Magdalena und Fannys nackter Hintern


Ehrenvoller Kompromiß mit Maria Magdalena

Komplikationen rief in den fünfziger Jahren der 13-zu- Null-Sieg des protestantischen Geistlichen über seinen katholischen Kollegen hervor. Den ganzen Abend wurde heftig diskutiert, wie man denn nun die Einlösung bei Fanny bewerkstelligen solle. Darf ein katholischer Pfarrer einer Frau den Hintern küssen? Was heißt dürfen, er mußte.

Die Auffassung der Egalité, also vom gleichen Recht für alle, setzte sich im Land der Revolution durch. Aber eine ganz konsequente Umsetzung wäre vielleicht nicht südfranzösisch genug gewesen. In öffentlicher Diskussion einigten sich die beiden Geistlichen darauf, daß die Ehrenschuld auch mit einem Kuß auf die Rückseite der Statue von Maria Magdalena abgeleistet sei.

Die zweite der Marien, die damals in Les-Saintes- Maries-de-la-Mer den französischen Boden betreten hatte, kam auf diese Weise zu einer im christlichen Jahreskalender nicht vorgesehenen Prozession, denn selbstverständlich fand die Zeremonie auf dem Bouleplatz statt.

Maria Magdalena von Tizian      c WikiCom
Als erste Zeugin der Auferstehung - und nicht wegen der Dämonenaustreibungen, die Jesus der Sage nach an ihr vornahm - hat die aus Magdala am See Genezareth stammende Maria in der katholischen Kirche eine ganz besondere Bedeutung. Als "Apostola apostolorum" und damit auf einer Stufe mit den Aposteln wird diese Frau genannt, die aber auch immer wieder, etwa im Philippus-Evangelium als "Gefährtin Jesu" auftaucht. Ingrid Maisch hat im Freiburger Herder Verlag ein die Thematik gut zusammenfassendes Buch darüber geschrieben: "Maria Magdalena zwischen Verachtung und Verehrung". Mal als Sünderin, mal als Prostituierte weckte sie die Phantasie der Maler. Ob zu Beginn des 16. Jahrhunderts die von Tizian, der sie als halbnackte Büßerin malte, bis hin zu Jules-Joseph Lefebvre, der sie ganz nackt in eine Grotte legte.

Ganz sittsames Boule gibt es im Beitrag der Deutschen Welle über den Petanque-Weltmeister Fernand Moraldo: HIER EIN VIDEO.

Wie die Boule-Kugeln hergestellt werden lesen und sehen Sie HIER.





















Samstag, 16. Juni 2018

Boule-Verbot für Soldaten und Nicht-Adelige

Der Filmemacher Jean-Pierre Saire, „Tosca“ hat er produziert und damit die Oper kinofähig gemacht und in „Die Rückkehr des Christophe Colon" einem kleinen Weiler bei Vézénobres ein Denkmal gesetzt, ist mein Mann für alle Fälle in Fragen der französischen Kunst und Kultur, also Boule, Wein und Austern.
Filme von Jean-Pierre Saire: Aber nicht über Boule


Er hat mich auf Rabelais hingewiesen, der schon im 16. Jahrhundert in seinem Buch Gargantua und Pantagruel Spielarten des heutigen Boule beschreibt. In Frankreich war Boule lange Zeit offiziell verboten. Für Nichtadelige und Soldaten jedenfalls, weil es die einen vom Arbeiten und die anderen vom Exerzieren abhielt. Zu Beginn des Krieges von 1870 erließ das Pariser Hauptquartier für die Nationalgarde in Marseille einen Befehl, der das Boulespiel unter Arreststrafe stellte. Weitergegeben wurde der Befehl von einem weisen Kommandanten aber nur indirekt und erst nach Beendigung des Krieges:
„Boule ab sofort wieder erlaubt“.

Hier die Links zu noch mehr Boule: Was Fannys nackter Hintern damit zu tun hat und wieso schon mal 200.000 Zuschauer dabei sind, lesen Sie HIER. Und unter den beiden folgenden Links: Daß in Marseille Boule mit runden Kugeln gespielt wir, erstaunt vielleicht weniger, dagegen schon die "eckigen Kugeln", die in Vézénobres eingesetzt werden.


Samstag, 9. Juni 2018

Hemingway hungerte, Cézanne nicht

Mindestens Äpfel gab es in Cézannes Atelier immer... auch wenn er
manchmal so langsam malte, daß die verfaulten.
Ernest Hemingway liebte die Bilder von Paul Cézanne und machte sich machmal auch recht ungewöhnliche Gedanken dazu. So zum Beispiel mit der Frage: Hat Cézanne beim Malen gehungert? Wohl kaum, um die Frage gleich zu beantworten.

Hemingways Traum
Im Gegensatz zu Ernest Hemingway in seiner Pariser Zeit, der dann lange Spaziergänge durch die Stadt machte, bei denen die Auslagen der Bäcker und die Gerüche aus den Restaurants seinen Magen nur noch mehr knurren ließen. Um Geld zu sparen erklärte er seiner Frau, er werde mit seinem Verleger zum Essen gehen und spazierte dann durch den Jardin de Luxembourg, weil
„man auf dem ganzen Weg von der Place de l'Observatoire bis zur Rue Vaugirard nichts Essbares sah und roch“. 
Und wenn dann noch Zeit war, sah er sich die Gemälde Cézannes nebenan im Museum an.
„Wenn ich hungrig war, lernte ich Cézanne erst richtig verstehen und wahrhaft sehen, wie er seine Landschaften machte. Ich fragte mich oft, ob er beim Malen auch hungrig gewesen war, aber ich dachte, vielleicht war er es nur, weil er das Essen vergessen hatte."

Die Frau des Kunstsammlers Osthaus machte dieses,
es ist das letzte, Foto von Cézanne.
Rechts Eva-Maria Höllerer, die Kuratorin aus Karlsruhe.
Fast jeden Tag stand er vor den Bildern Cézannes, die ihm auch helfen sollten, ausdrucksstärker zu schreiben.

„Von der Malerei von Cezanne lernte ich, daß das Schreiben einfacher, wahrer Sätze bei weitem nicht genügte, um den Stories die Dimensionen zu geben, die ich ihnen zu geben suchte. Ich lernte sehr viel von ihm, aber ich war nicht sprachgewandt genug, um es jemandem zu erklären.“


Marignane, Berre, Istres, Saint-Chamas: Einmal um den Etang de Berre

Wahrscheinlich kennen Sie den Etang de Berre, hier im kurzen Video, vom darüber hinwegfliegen kurz vor der Landung in Marignane, dem Flughafen von Marseille, oder noch imposanter, wenn er nach dem Start nur ein paar Meter unter Ihnen liegt oder Sie blicken auf ihn hinab, wenn Sie auf der A7, der Autoroute du Soleil, von Avignon kommend über Salon-de-Provence in Richtung L’Estaque und Marseille fahren. Oder Sie erkennen ihn am Geruch der Raffinerieen, der auch ins geschlossene Auto kriecht.

Aber kennen? Das wäre selbst für fast jeden, der sagt, er kenne sich im Süden Frankreichs aus, zuviel gesagt. Er müßte dann vom Plage de Jai erzählen können, auf dem meterhoch die Muscheln liegen und was mit den Löwen auf dem Pont Flavien auf sich hat oder wie er vom Port de la Pointe in Berre gegen die Abendsonne in Richtung des Oppidum du Castellan geblickt hat… Also kennen doch eher nicht!
 
Port de la Pointe in Berre
Gleich am Ortsausgang von Istres, kurz bevor Sie auf die D 16 fahren, empfehle ich einen Stop an einer Aussichtsplattform, die von einer Gruppe Behinderter gebaut worden ist. Sie bietet ein Panorama über den gesamten See bis hin zu den Hügelketten des Luberon, zu denen von L’Estaque und Cézannes Berg. Nur an den Standpunkt und die Blickrichtung muß man sich etwas gewöhnen, weil der Norden nicht oben ist, sondern in südwestlicher Richtung liegt.

Der Norden im Südwesten

Antoine Patefozz hat in „Vent Sud“ geschrieben, den Étang de Berre könne man, wenn man nur weit genug davon entfernt sei, mit einem kleinen Teich vergleichen, um den herum sich eine Schafherde versammelt habe. Nur daß dieser Teich gut 150 Quadratkilometer groß ist daß es sich bei den Schäfchen um die Tanks der Petrochemie von Shell, Ineos, Exxon und Total handelt.

 
Die "Schafherde" des Monsieur Patefozz

Marignane, Berre und Istres sind, neben dem benachbarten Fos, nicht nur das Zentrum der französischen Petrochemie, sondern auch das der Luftfahrtindustrie. Der Flughafen von Istres-le-Tubé besitzt mehr als doppelte der Fläche der Stadt und mit über 5 Kilometern Länge die längste Landebahn in Europa. Die NASA hatte sie für Space-Shuttle Landungen reserviert. Eurocopter, Thales und der Motorenhersteller Snecma sind die führenden Unternehmen des hier angesiedelten Luft- und Raumfahrtclusters.





Einen Tag (HIER im VIDEO)sollten Sie für den Étang de Berre Zeit nehmen und damit eine Reise durch die römische Geschichte und die negativen Auswirkungen von Industrialisierung und Zersiedlung bis zu den Oasen eines Brackwassermoores machen. Die mit durchschnittlich 8 Metern geringe Tiefe des Sees, des größten übrigens in Frankreich, bringt es mit sich, dass Sie auch Anfang November noch gut dort baden können – bei Temperaturen, wie die Nordsee sie nicht einmal im Sommer erreicht. Ein Bad im Étang war nicht immer empfehlenswert, wie im VIDEO von Stevan Jobert zu sehen: Über Jahrzehnte, genau 37 Jahre war der Fischfang verboten, ebenso wie das Sammeln von Muscheln. Und unterhalb von fünf Metern gab es keine Leben mehr. Das hat sich erfreulicherweise gebessert, allerdings viel Wasser schlucken sollten Sie beim Schwimmen auch heute noch nicht.

Étang de Berre römisch: Pont Flavien in einem Lavendelfeld südlich von Saint-Chamas

Ein paar schöne Kilometer durch einen Pinienwald hinter Istres kommen Sie zum Hafen von Saint-Chamas. Es lohnt nicht aussteigen, denn gut einen Kilometer weiter, im Quartier Veiranne, geht es rechts rein in eine ungeteerte Einfahrt. Dort sieht es in etwa so aus wie vor einer Autowerkstatt, die Ihnen bei Bedarf auch einen Wagen mit einer frisch eingefrästen Motornummer verkauft. Ihren Wagen können Sie ohne Sorge dort abstellen, auch wenn dies neben einem der aufgebockten Autos mit teilweise fehlenden Rädern sein sollte. Genau da sind Sie richtig.


Ein „aufgehängter“ Brochette de Fruits de Mer und Gambas, die sich so nennen dürfen,
aus der Küche des La Digue in Saint-Chamas

 
Ganz vorne am Wasser liegt des Restaurant „La Digue“ und wenn Sie Glück haben oder entsprechend reserviert, bekommen Sie einen Tisch direkt am Wasser. Spätestens der zweite Pastis tröstet Sie an den ausgebuchten Sonntagen über die etwas langen Wartezeiten hinweg. Ansonsten genießen Sie die Sonne oder werfen den Blick hinüber nach Miramas-le-Vieux, ein sehenswertes Örtchen oben am Hang, in das Sie mit dem Auto nicht hineinfahren dürfen. Gute Voraussetzungen also für einen anschließenden Verdauungsspaziergang.

Am besten versuchen Sie immer möglichst nahe am Wasser zu fahren.
Ein verbummelter Tag mit vielen Eindrücken.

Vom Mas La Suzanne immer nach Westen, wie auf dem linken Bild (wobei Allrad eine Hilfe ist) oder hinter Saint-Chamas rechts auf die D 21b fahren und nach zweihundert Metern wieder rechts in die Sackgasse. Hier hat es ein paar schöne stille Plätze. Bleiben Sie also bis zum Mondaufgang hier und stoßen mit jemandem, der es Wert ist, mit Champagner (in Gläsern aber bitte!) auf den Vollmond an. Alles andere in dieser Nacht bleibt dann Ihnen überlassen.


Sind Sie alleine, empfehle ich den Krimi "Mörderischer Mistral" von Cay Rademacher. Sein Kommissar Roger Blanc wurde auch gerade von seiner Frau verlassen und er aus Paris in den Midi strafversetzt, nach Saint-Chamas, wo er eine Affaire mit der Untersuchungsrichterin hat, der Frau des Mannes, der ihn in die Verbannung geschickt hat. Sein erster Toter wird mit einer Kalaschnikow erschossen, die man in Marseille ja günstig bekommt. Tausend Euro für eine saubere, "500 für eine miese".

 

Rademacher kennt die Gegend wie seine Westentasche, er lebt mit seiner Familie in Salon-de-Provence, in jener Ölmühle aus dem 18. Jahrhundert übrigens, in die er auch seinen Kommissar - "mon capitaine", sagt die Untersuchungsrichtern - einziehen läßt. Seinen Blog finden Sie HIER. Irreführend sind allerdings die vom Dumont Verlag ausgesuchten Titelbilder aus der Hochprovence. Soviel Lavendel gibt es weder in Saint-Chamas noch in Saint-Gilles. Aber das hat zum Glück nichts mit der Qualität der Bücher zu tun.





 

Samstag, 2. Juni 2018

Les Baux: Rummelplatz ohne Parkplatz

Wer's mag soll hinfahren. Ein sommerlicher Rummelplatz mit Parkplatznot und Geschiebe durch die engen Gassen. Nach Les Baux fährt man im Winter, wenn Sie also nicht gleich angerempelt werden, wenn Sie für ein paar Sekunden die Fassaden der Renaissance-Palais, etwa die des Hotel de Manville oder die des Hotel de Porcelets, betrachten wollen.

Vorgemacht hat uns das Kurt Tucholsky, der Anfang Dezember 1924 hier war und seinen Beitrag „Tote Stadt und lebende Steine“ als Paul Panter für die Vossischen Zeitung schrieb. Von Paradou aus, nordöstlich von Arles gelegen, war er eine Stunde in die Alpilles - „die Älpchen“- gewandert, kam

„durch ein stilles, weltverlorenes Tal mit wenigen Häusern. Der Blick geht aufwärts und trifft auf ein Wunder. Hier liegt, im Stein, eine tote Stadt. Das ist Les Baux.“
Viertausend Menschen lebten hier bis ins 17. Jahrhundert um die als uneinnehmbar geltende Festung, bis Richelieu sie belagern und
Les Baux-de-Provence von Westen gesehen.                             Bild Wiki cc
schleifen ließ. Heute hat Les Baux-de-Provence gerade mal vierhundert Einwohner, dafür oft aber mehr als viertausend Tagesbesucher. Auch Tucholsky fiel auf:
„Es leben Menschen da. ‚Wir sind sechzig’, sagt ein Mann, ‚sechzig - aber wir nehmen Jahr für Jahr ab.’ Nein hier ist nichts los.“
Nur ein alter Schäfer trieb seine Herde durch das fast verlassene und weitgehend zerfallene Dörfchen.
Kurt Tucholsky begegnete noch den Schafen auf
der Hauptstraße von Les Baux
Fünfzig Jahre später charakterisierte Hermann Schreiber die Felsenfeste als ein „Monster-Capri, das nur dafür da zu sein scheint, möglichst viele Touristen an möglichst viele Läden, Boutiquen, Ateliers und Stände heranzubringen“. Und weiter in Rage:
„Auf den Stufen der ehrwürdigen Eglise Saint Vicent drängt sich der gutsituierte Pöbel so, wie man in Grau-du-Roi und La Grande Motte aus dem Meer stieg, nämlich in Badeanzügen. Ein paar verschwitzte Germanen in Shorts machen das Bild nicht besser."
 
Ob den Herren von Baou oder de Balcio, wie sie ursprünglich hießen, die Lage des Ortes zu Kopfe gestiegen war, mit einer Mischung aus Anmaßung und Sinn für Storytelling führten sie ihren Stamm auf Balthasar zurück, einen der Heiligen Drei Könige. Auf dem Grabmal Raymonds des Baux findet sich die Inschrift: „Der ruhmreichen Familie Les Baux, von der berichtet wird, sie habe ihren Anfang bei den alten Königen Armeniens genommen, welchen sich, von einem Stern geleitet, der Erlöser der Welt offenbaret hat.“ So fand auch der Stern von Bethlehem ins Wappen.
 

Balthasar und der
Stern von Bethlehem
Ebenso pathetisch wie historisch falsch richtete Mistral seine Verse an ein „Geschlecht von Adlern - niemals untertan“ (Raco d‘eigloun, jamai vassalo). Denn immer wieder ist Les Baux zerstört worden oder der Adler abgestürzt, um im Bild des Dichters zu bleiben. Von Ludwig XIII., weil sich die Herren von Baux dem Aufstand seines Bruders Gaston d‘Orleans gegen Richelieu angeschlossen hatten. Oder auch rund einhundert Jahre zuvor, als man wieder einmal auf der falschen Seite stand, diesmal auf der der Reformation.

Samstag, 26. Mai 2018

Resistance-Literatur: "Das Schweigen des Meeres"

Melvilles Film ist sehenswert. Hier der Trailer.                                                             Bild Pinterest
So gut wie nicht jeder Deutsche ein Kriegsverbrecher, so wenig war jeder Franzose in der Resistance. Auch in Frankreich gab es Faschisten, von denen sich mehrere tausend sogar der SS anschlossen und in der Division Charlemagne an der Ostfront und in den letzten Kriegstagen in Berlin am Anhalter Bahnhof und vor dem Reichssicherheitshauptamt kämpften. Zu der Einheit gehörten auch Deutsche Soldaten, so der spätere Konstanzer Literaturwissenschaftler Hans Robert Jauß, mit seinem Spezialgebiet der mittelalterlichen und modernen Literatur Frankreichs. Er berichtet auch von Kriegsverbrechen dieser Division.

Die französische Widerstandsbewegung darf man sich, gerade zu Beginn, nicht als straff organisierte Bewegung vorstellen. Und auch gegen Kriegsende gab es immer noch viele Untergruppierungen und völlig selbstständig agierende Einheiten. Da gab es die Untergrundzeitungen Liberation, Franc-Tireur und Combat, da waren Gruppen wie die Front National von Pierre Villo, das Comité d’Action Socialiste von Pierre Brossolette, die Armée Secrète unter Charles Delestraint und viele andere, von denen die Résistance der Fer der französischen Eisenbahner eine besonders wichtige Funktion erfüllten. Und dann gab es natürlich noch die Exil-Patrioten im Umfeld des noch 1940 weitgehend unbekannten Charles de Gaulle; sein erster Aufruf zum Widerstand, den die BBC verbreitete, blieb weitgehend wirkungslos. Erst drei Jahre später konnte Jean Moulin – Deckname „Max“ oder „Le Maquis“ die unterschiedlichen Bewegungen, die sich in Einzelfällen sogar bei der Gestapo denunziert hatten, koordinieren.
Neben den zahlreichen Sabotageakten war die Literatur der Resistance ein wesentlicher Faktor, der das Zusammengehörigkeitsgefühl der Franzosen bestärkte. Eine der einflußreichsten Veröffentlichungen war die Novelle „Le Silence de la Mer“, die der ehemalige Karikaturist Jean Marcel Bruller unter dem Namen Vercors in der von ihm mitbegründeten „Editions de Minuit“ veröffentlichte; gedruckt wurde das Fünfzig-Seiten-Büchlein allerdings in Genf. Den Namen Vercors hatte sich Bruller nach einem wichtigen Rückzugsgebiet der Resistance in der Nähe von Grenoble gewählt. Dort war es zu brutalen Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht gekommen. Die Tageszeitung „Le Monde“ zählt das Buch zu den wichtigsten einhundert Büchern des 20. Jahrhundert.

Der Offizier Werner von Ebrennac wird bei einem Schreiner und dessen Nichte einquartiert, die mit dem anständigen und an französischer Kultur interessierten Deutschen als Zeichen ihres Widerstandes kein Wort sprechen. Ebrennac kann sich sogar eine deutsch-französische Freundschaft vorstellen. Damit steht er jedoch auch bei seinen Kameraden ziemlich allein. Erst als er sich zum Kampfeinsatz an die Ostfront meldet und das Haus verläßt, spricht die Nichte ihr einziges Wort:


„Adieu!“
Heute ist die Wirkung des Buches schwer nach zu vollziehen. Oft wurde es wegen seines Ansatzes der Völkerverständigung André Gide zugeschrieben. Der russische Schriftsteller und Journalist Ilja Ehrenburg charakterisierte es als ein
„Werk zur Provokation, das bestimmt von einem Nazi geschrieben wurde, um der Manipulation der öffentlichen Meinung unter Führung der Gestapo dienlich zu sein“.
Der Untergrundverlag „Editions de Minuit“ veröffentlichte daneben sehr früh schon Werke der späteren Nobelpreisträger Samuel Beckett und Claude Simon. Die frühe Verfilmung von Melville ist sehenswerter als die späteren Versuche.