Samstag, 4. April 2020

Font Ségugne: Die Gründung der Félibrige

Von 1880 an veränderte sich die Sprachsituation in Südfrankreich erheblich: 1881 wurde die allgemeine Schulpflicht eingeführt. Im Unterricht und auf dem Schulgelände wurde ausschließlich das Französische zugelassen und per Prügelstrafe durchgesetzt; die als Patois degradierten Regionalsprachen blieben strikt untersagt. So war der Gebrauch des Okzitanischen allein dem Privatleben vorbehalten. Die Generation allerdings, die diese diskriminierende Schulzeit erlebt hatte, wollte ihren Kindern oftmals die Spötteleien von Lehrern und Mitschülern ersparen, gab ihre Sprache nicht weiter und redete auch zu Hause Französisch.

Diese Entwicklung war vorauszusehen, aber bei weitem nicht allen recht. Auf halbem Weg zwischen Avignon und L'Isle-sur-la-Sorgue


Hier müssen Sie schon selbst herfahren. Streetview-geschützt (siehe untere
Bildhälfte) liegt dasSchloß in einem wunderschönen Park.  Bild Patrick Le Thorois
befindet sich das kleine Örtchen Châteauneuf-de-Gadagne. Im dortigen Schloß Font Ségugne, auf dem Landgut der Familie Giéra, trafen sich bereits am 21. Mai 1854 sieben überzeugte Provenzalen: Frédéric Mistral, Joseph Roumanille, Théodore Aubanel, Jean Brunet, Rémy Marcellin, Anselme Mathieu und schließlich Paul Giéra als Gastgeber.

1854: Überzeugte Provenzalen im Garten des Château
Die Renaissance der provenzalischen Kultur und Sprache hatten sie sich auf die Fahnen geschrieben. In der Folge gab begeisternde Auftritte etwa von Mistral in der Arena von Arles, es gab Auftrieb durch den Nobelpreis des Jahres 1904.

In der Laudatio der Kommission hieß es, Mistral habe den Preis verdient „in Bezug auf die frische Ursprünglichkeit, das Geistreiche und Künstlerische in seiner Dichtung, die Natur und Volksleben seiner Heimat getreu widerspiegelt, sowie auf seine bedeutungsvolle Wirksamkeit als provençalischer Philologe“.

Doch die Außenwirkung blieb bescheiden. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Mehr Aufmerksamkeit als Wirkung. Die Félibrige konnte dem Okzitanischen nur sehr beschränkt den Rang einer Literatursprache verleihen. Interne Eifersüchteleien behinderten die Arbeit. So wurde von Mistral und Roumanille ein Wörterbuch mit grammatikalischen Regeln erstellt, das sich allein auf den Dialekt der unteren Rhone bezog und damit für andere okzitanische Mundarten nicht brauchbar war.


Frédéric Mistral in Arles. Ausschnitt einer Postkarte aus dem Jahr 1900
Im ersten Statut der Félibrige, das erst acht Jahre nach der Gründung formuliert wurde, war man sich über Raum und Aufgabe noch einig. Man wolle „der Provence ihre Sprache, ihre Farbe, ihre Freiheit auf Wohlstand, ihre nationale Ehre und ihren hohen Rang intellektuellen Geistes“ bewahren. Und das im ganzen „Süden von Frankreich ganz und gar“. Der Gedanke auch einer politischen Autonomie wurden sehr schnell fallen gelassen.
Statue der Mirèio in Les Saintes Maries
Mistrals „Mirèio“ wurde 1859 in Avignon erstmals gedruckt, nicht bei Aubanel, sondern bei Seguin in der Rue de la Bouquerie. Ausgerechnet der Lyriker Hugo von Hofmannsthal konnte mit dem berühmten provenzalischen Versepos, das wesentlich zur Verleihung des Nobelpreises an Mistral herangezogen worden war, überhaupt nichts anzufangen. Für ihn ein
„Idyll in preziösen künstlichen Strophen, ein viel zu langes Gedicht, in dem die wunderschönen Dinge der Vergangenheit steif und tot herumstehen, wie in einem ungemütlichen Provinzmuseum“.

Freitag, 27. März 2020

Banyuls: Die Tristesse des Emmanuel Bove


So schön Banyuls und seine Umgebung sind, so negativ und apokalyptisch hat sich Emmanuel Bove über den Ort geäußert. Der russisch-französische Schriftsteller, sein Vater hieß Bobobnikoff, wurde in Deutschland erst lange nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Übersetzungen von Peter Handke bekannt. Im Mai 1928 hat Bove es gerade mal eine einzige Stunde in Banyuls ausgehalten.
„Banyuls war einmal, so meinen zahlreiche Leute, ein kleines Paradies. Stellen Sie sich eine unendliche Moorlandschaft vor, eine trostlose Ebene, verlassene Hütten und über all dem eine Art Nebel, bestehend aus Myriaden von Mücken. Kaum habe ich den Bahnhof von Banyuls verlassen, werde ich von Gendarmen nach meinen Papieren gefragt. Ich gehe in die Stadt. Sogleich taucht unvorstellbarer Dreck auf. Und noch immer kein Baum.“

Er trifft auf eine Gruppe schwarzgekleideter, betender Frauen.

„Das Ganze ist absolut malerisch, aber auch von einer bestürzenden Tristesse. Irgendwelche Kasernen und Fabriken versperren einem den Weg dahin. Ich frage um Auskunft, bekomme keine Antwort. Fassungslos reise ich eine Stunde später wieder ab.“


Manchmal auch auf allen Vieren. Deshalb 2 Stunden für 6 Km einplanen


Port Vendres mit den Augen von Jürg Treichler.
Hier geht es zu seiner Homepage
Bove hätte diese Stunde auch besser nutzen können, als sich wieder einmal in eine depressiven Stimmung hineinzuschaukeln. Ein Marsch direkt an der Küste entlang bis nach Port Vendres hätte bleibende und positive Eindrücke hinterlassen.

Von vielen seiner Kollegen gesch
ätzt - ganz früh schon von Colette und nach dem Krieg vor allem von Beckett - bietet sich die Lektüre von Boves Romanen auch nicht gerade zur Einstimmung auf den Urlaub an. Enttäuschungen, Resignation und Darstellungen des sozialen und seelischen Elends beherrschen ihn und sein Werk.

„Ich verstehe jetzt, weshalb ich bei allem, was ich unternommen habe, gescheitert bin.“

Als Bove sich 1942 in der Gegend von Lyon und dann an der Drôme und der Ardèche aufhielt und in „Ein Mann, der wußte“ diese Zeilen schrieb, wollte kein Verleger das Buch haben. Da nützte auch die Freundschaft mit Philippe Soupault nichts, der zeitweise sein Lektor war. Geschichten über verpaßte Gelegenheiten aus dem kleinen Milieu wollte niemand lesen.
Algier zur Zeit Boves. Eine alte Postkarte aus dieser Quelle.
Und Bove wollte nicht in einem besetzten Frankreich veröffentlichen und flieht nach Nordafrika. In Algiers Vorort Bouzaréah mietet er sich ein Zimmer. Und dann hat er doch einmal Glück. Die Rue Charras hatte sich zum Zentrum des intellektuellen Exilantentums entwickelt: Die Bar „Coq-Hardi“ und noch wichtiger die Buchhandlung des jungen Verlegers Edmond Charlot. „Les Vraies Richesses“ hatte er sie nach Jean Gionos Buch „Vom wahren Reichtum“ genannt. Charlot hatte ein gutes Gespür für kommende Autoren - immerhin war er der erste, der einen Titel von Albert Camus verlegte – und dann auch Bove.

Bove nutzte seine ungewollte Freizeit zum Schachspiel mit berühmten Partnern, mit André Gide, der gerade von Tunis aus nach Algier gereist war, und mit dem Schriftsteller und Piloten Saint-Exupéry. Bove spielte gut, schlug Gide regelmäßig; die meisten anderen ließen den großen Meister allerdings lieber gewinnen.

Freitag, 20. März 2020

Anduze: Mittagessen im Marktgetümmel


Wenn Sie sommers schon um zehn auf dem Donnerstags-Markt in Anduze - alle touristischen Infos gibt es hier - sind, sollte der erste Weg zum Patron des Restaurants „La Rocaille“ führen, er lehnt dann wahrscheinlich an der Eingangstür. Dieses einfache, aber meist komplett besetzte Restaurant ist eine Institution im Ort.
 
Wenn Sie viel Glück haben, nimmt er Ihre Reservierung an...
Zu der Zeit haben Sie noch die Chance einen Terrassenplatz für den Apéro um halb zwölf und das anschließende Mittagessen zu reservieren; manchmal lehnt der Patron aber Reservierungswünsche auch einfach ab. Sie sitzen mitten im Marktgetümmel, können manchmal sogar die Füße in einen der benachbarten Stände ausstrecken. HIER EIN VIDEO, das unter anderem den schnellsten Ober wahrscheinlich nicht nur in ganz Frankreich zeigt. 

Mittagessen in einer Institution
Mit dem Marktende um Punkt zwölf sollten Sie die Füße dann allerdings einziehen, weil die Marktleute den Platz für ihre Lieferwagen brauchen; aber da kommt ja auch schon der erste Gang Ihres Menus. Im Rocaille dürfen Sie nichts Großartiges erwarten - wie auch, das teuerste Menu kostet um die 10 Euro. Im Verhältnis zum Preis ist das aber mehr als ordentlich; der „rapport qualité prix“, wie die Franzosen dazu sagen, der stimmt also. Die Trip-Advisor-Bewertungen schwanken zwischen „supergenial“ und „schlechtem Kantinenessen“.

Was bekommen Sie? Erst einmal etwas Salami mit Oliven und Gurken, dann eine Paté de campagne, die Sie sich, je nach Appetit, aus der großen Terrine herausschneiden können, dann ein Kräuteromelette meist zusammen mit einer großen Schüssel grünem Salat mit Radieschen, dann ein Steak(oder Würste oder ein Hühnerschlegel) mit Pommes frites und hinterher ein Stück Camembert oder, wer das vorzieht einen Nachtisch, manchmal ist das ein hausgemachter Apfelkuchen, oft allerdings nur ein abgepacktes Eis.
Das Rocaille als Zeichnung eines Gastes und "in echt"

Alles in allem eine Erfahrung, die Sie unbedingt machen sollten, wenn Sie schon einmal donnerstags in Anduze sind. Das Risiko für zwei Personen liegt inklusive Apéro, Wein und Café bei rund 30 Euro – ist also eingehbar. Und mit dem ganzen Drumherum ist es das auch wert. Es muß ja nicht jeden Donnerstag sein.


Samstag, 14. März 2020

Tucholsky: Viel Spott über Saint Tropez

Kurt Tucholsky auf Briefmarken der DDR-Post und der Deutschen Bundespost
Vergleiche mit der Heimat waren vielgeübtes Stilmittel  von Literaten.  Robert Louis Stevenson hielt die Cevennen im Prinzip für eine schottische Landschaft, "nur nicht so großartig". Für den Märchendichter Hans Christian Andersen waren Nîmes und das Languedoc im großen und ganzen "sehr dänisch". Und Kurt Tucholsky spottete über die Werbeplakate von Saint-Tropez: 
„Die Stadt steht auf allen Karten als Winterkurort aufgemalt. Bei aller Liebe - dann aber schon lieber Neuruppin.“
Statt Neuruppin könne es aber auch Eberswalde sein. „Nur ist es an der Riviera um eine Kleinigkeit teurer, dafür ist aber das Essen in Eberswalde besser.“ Und je schlechter das Essen im Süden Frankreichs, „desto lieblicher der Maître d‘Hôtel“.

Wenn es in Eberswalde eine dünne Suppe, bejahrten Fisch und ein bejammernswertes Huhn gäbe, würde die Bedienung einem vor lauter Scham keine Speisekarte reichen. An der Riviera sei sie fein gedruckt und man lese dann in Gold etwas von



Dieser letzte Plural sei eine Übertreibung. Und Tucholsky wünschte sich vom lieben Gott den Mut, nur ein einziges Mal den Oberkellner mit der Gabel in den Bauch zu pieken, wenn der sich mit der Standardfrage wie über ihn „wie einen Kranken beugt: Ob es mir denn schmecke und ob es mir munde“.

Kurz und gut: Wer hierher fahre, mache „krampfhaft ein vergnügtes Gesicht“ und wage es nicht sich einzugestehen, „daß es an hundert andern Küsten schöner, weiter, kräftiger und naturhafter ist“.

Überall habe er das Gefühl in einer Filmkulisse zu stehen: „Kein Mensch glaubt daran, die einheimischen Komparsen nicht, die Fremden eigentlich auch nicht.“ Und ansonsten stünden verirrte, unglückliche Palmen herum und blühten afrikanisch und unentwegt vor sich hin, weil sie sich nicht mit den anderen Bäumen unterhalten könnten. Und auch in den Hotelhallen „Palmen und vielhundertjährige Engländerinnen“ über deren „Herumwirtschaften“ er sich wunderte: „Wer arbeitet eigentlich in England für all diese Frauen?“


„Die Riviera liegt da und sieht aus.“
Mehr brachte Tucholsky trotz aller Liebe zu Frankreich und seines Engagements für den deutsch-französischen Ausgleich über die Riviera nicht zusammen. „Der kleine dicke Berliner“, wie ihn Erich Kästner in seiner „Begegnung mit Tucho“ charakterisierte, der mit seiner
Tucholskys Presseausweis 1928                                 Bild cc Wiki
Schreibmaschine eine Katastrophe verhindern wollte, hielt sich 1924 und 1928 im Rahmen von Reportagereisen in Südfrankreich auf und schimpfte:

„Dort, wo freie Plätze und Sanatorien für arbeitende Menschen stehen sollten, liegen Privatbesitzungen, die Gott im Zorn geschaffen hat.“
Zum Beispiel das Hotel Regina in Nizza.                    Bild Stadtarchiv Marseille
Tucholsky hätte sich, was Saint-Tropez angeht, eine Generation später gut mit Wolfgang Koeppen verstanden.

„Ein Fischernest, in das ein Goldregen fiel. Noch sind die Häuser festungsartig, dickwandig, natürlich-sonnenfeindlich, aber selbst das kleinste, kühlste Loch ist für mehr als den Erlös vermietet, den der Jahresfischfang eines Bootes einbringt. Man geht barfuß und in Lumpen und läßt durch die Löcher des Hemdes die Eitelkeit schimmern. Rudimente des Verstandes stammen von Sartre oder vom reichen Vater. Infantilismus ist Trumpf.“

Samstag, 7. März 2020

Aubagne: Auf den Spuren von Marcel Pagnol

Die Wasser der Hügel: Ugolin und Papet                                     Bild rbb-online
Fangen wir mal sehr persönlich an: Mit meinem Lieblingszitat von Marcel Pagnol. In seinem Buch „Die Wasser der Hügel“ hat das der kluge Papet seinem Neffen Ugolin das Leben einmal so erklärt:

„Es gibt drei Arten sich zu ruinieren: Die Weiber, das Spiel und die Landwirtschaft.“
 
Marcel Pagnol   Bild cc wiki 
Das möge jetzt jeder für sich bewerten.

Nur zufällig, weil der Vater dort als Lehrer tätig war, ist Pagnol in Aubagne, nordöstlich von Marseille zur Welt gekommen und nicht, wie alle seine Geschwister, in Marseille selbst. Für Klaus und Erika Mann, als sie Anfang der 30er durch Südfrankreich reisten und ihr oberflächliches „Büchelchen von der Riviera“ schrieben, sind die damals neuen und bis da nur in französischer Sprache erschienenen Stücke Pagnols noch kein Begriff. So ist für sie Aubagne nur „ein Vorort, in dem es nichts zu sehen gibt.“


Heute hat Aubagne sich vielseitig auf Pagnol eingestellt, hat sein Geburtshaus zugänglich gemacht, in einer Santon-Sammlung „Die kleine Welt des Marcel Pagnol“ Szenen aus seinem Leben und den Filmen nachgestellt und einen Wanderweg auf seinen Spuren eingerichtet. Es lohnt sich, das sorgsam restaurierte Geburtshaus zu besuchen. Die Pagnol-Spezialisten dort informieren Sie kenntnisreich und engagiert.

Beginnen Sie mit dem Film über Pagnol; der verschafft eine gute Basis für den anschließenden Rundgang, der die Familiengeschichte der Pagnols und Marcels filmische Arbeit in den Mittelpunkt stellt. Die Räume sind liebevoll, bis hin zur scheinbar gerade abgelegten Brille, ausgestattet, allerdings nicht immer ganz authentisch, was
Die (nachgebaute) Küche in der Bastide Neuve
die Einrichtung des Geburtshauses betrifft. So stammt die Küche beispielsweise aus der Bastide Neuve, dem immer wieder gemieteten Ferienhaus der Pagnols in den Bergen hinter der Stadt.

Das Maison de Tourisme bietet in den Sommermonaten einen „Circuit Pagnol spécial été“ an, der in knapp vier Stunden „ganz Pagnol“ zusammenfaßt. Das schließt auch den Besuch der Quelle von Manon ein, die „Tabac-Alimentation“ von Schpountz in Eoures und die „Bar zu den Vier Jahreszeiten“. Größere Strecken legt man im klimatisierten Bus zurück.

Nicht nur deshalb bietet sich diese Führung an, sondern vor allem auch, weil sie so an die in den Sommermonaten wegen der Waldbrandgefahr öffentlich nicht zugänglichen Plätze gelangen. Ab Mitte September, und selbst dann nur an den Tagen ohne Mistral, können Sie sich aber auch selbst auf eine Suche machen, die Sie nach Stunden und vielen vergeblichen Wegen die Werbebotschaft der Dumont-Reiseführer bestätigen läßt: Man sieht nur, was man weiß. Falls Sie sich verirren, HIER das VIDEO dazu.

Oder, wie der Berliner Flaneur Franz Hessel das schon siebzig Jahre vorher formulierte:
„Nur was uns anschaut, sehen wir.“
Mit dem teilweise sehr ungenauen Faltblatt aus dem Office de Tourisme, werden Sie beim ersten Anlauf die Grotte von Manon ebenso übersehen wie die von Grosibou, die Hundequelle, den Brombeerbrunnen und das Schloß von Buzine kurz hinter dem Industriegebiet.

Samstag, 29. Februar 2020

Racine: Ein Leben ohne Butter ist nicht vorstellbar

Als Racine in Uzes lebte, begann er mit seiner Schwester Marie, mit Nicolas Vitart, dem Abbé Le Vasseur und La Fontaine eine lebhafte Korrespondenz, die bis August 1662 andauert. Alles andere als
In Uzes noch unbekannt und dünn,
zehn Jahre später erfolgreich
mit Doppelkinn
theologische Themen stehen im Mittelpunkt. Daß er den Dialekt des Südens nur schwer verstehe, erfahren wir, daß das gute Leben auf dem Lande auch das Dichten erschwere und daß die Auswahl der Restaurants schon damals beträchtlich gewesen sein muß:

„Uzès, Stadt der guten Küchen, wo zwanzig Speisewirte zu leben fänden, aber ein einziger Buchhändler verhungern müßte.“
Dieses Zitat, das immer wieder Racine zugeschrieben wird, stammte tatsächlich von einem namentlich unbekannten Reisenden, der es in einem Restaurant auf die Tischdecke schrieb. Das jedenfalls haben die Recherchen des in Uzès geborenen Lokaljournalisten Jacques Roux ergeben.
 
Der ehemalige Basketballnationalspieler war war jahrelang für "L’Equipe" tätig, bevor er sich zur Mitarbeit an Regionalzeitungen wie „La Provence“ und „Midi Libre“ entschloß. Wenn Sie einmal jemanden brauchen, der aber auch wirklich alles und jeden kennt und immer noch eine Anekdote dazu, dann rufen Sie ihn einfach an und wenn Sie eine gute Geschichte haben, erst recht (09.77.93.27.01).

Ausführlich berichtet Racine auch, wie er sich hat überreden lassen eine Olive vom Baum zu probieren und dann über diesen gallebitteren Geschmack schimpfte, den er 
Paradiesisches Öl


„noch vier Stunden später in meinem Mund hatte“.
Daraufhin konnte er sich auch nicht mehr vorstellen, daß mit Olivenöl gekocht werde könne; aber die Köchin des Onkel weigerte sich, für ihn ein Ratatouille mit Butter zuzubereiten. Aber schon wenig später hatte er mit den Olivenbäumen Freundschaft geschlossen:
„Im Gard gibt es die besten Oliven der Welt“.
Und hätte, wenn es das Olivenöl von Roger Paradis schon damals gegeben hätten, sicher an genau dieses gedacht, das heute auch neben dem Weinkeller von Bourdic verkauft wird.

Vielen Touristen ist Racine zunächst nur in Verbindung mit einem Wein aus der Kooperative 
Les Collines du Bourdic ein Begriff. Die Cuvée Racine gibt es inzwischen als Roten, Weißen und Rosé,letzterer ein leichter und fruchtiger Sommerwein aus Syrah und Grenache. 
„Alle Leidenschaften sind hier besonders ausgeprägt oder gar übermäßig“,
wirbt die Kooperative mit einem Zitat aus Racines Briefen und freut sich über einen gut funktionierenden Marketing-Gag, der viele ausländische Besucher in die Räume der Winzergenossenschaft führt und dort zusätzliche Umsätze aus dem Verkauf von Honig, Gänseleber oder bemühten Ölbildern lokaler Maler generiert.



Samstag, 22. Februar 2020

Sanilhac: Die Einsiedelei des Veredemus und die Grotte de la Baume

Pilgerziel seit mehr als eintausend Jahren: Grotte und Kapelle von Saint Vérédème

Wer wirklich sehen will, wie ein Einsiedler im achten Jahrhundert in den Schluchten des Gardon gelebt hat, der braucht heute vor allem eines: Eine Taschenlampe. Denn ohne haben Sie den Weg - je nach Kondition 
immerhin zwischen zwei und drei Stunden - umsonst gemacht; die mehr als 150 Meter tief in den Fels gehende Grotte liegt nach gut zwanzig Metern vollständig im Dunkeln. Veredemus hat sie zwar genutzt, aber nicht gegraben. Schon in der Altsteinzeit war sie bewohnt und lange später auch noch, wie Keramikfunde beweisen, die sich im Museum in Nîmes befinden.

Ordentliche Schuhe für die teilweise in den Fels gehauene Steigungen und mindestens ein Liter Wasser sollten ebenfalls zur Ausrüstung gehören. Kurz vor der Grotte befindet sich die einfache Kapelle, die Vérédème errichtete und die zu den ältesten christlichen Gebäuden des Languedoc gehört.

Mit viel Freude und viel Wissen:
Pauline Bernard, mit Schlüsselgewalt, und Cyril Soustelle
Natürlich kann man die Wanderung auf eigene Faust unternehmen und folgt dann einfach den gelben Kennzeichnungen. Wenn man aber das Glück hat mit Pauline Bernard und Cyril Soustelle unterwegs zu sein, wird es ein ganz besonderer Tag. Sie ist die Conservatrice der Reserve Naturelle Gorges du Gardon, er, im Dorf geboren, arbeitet dort als Ranger; beide haben auf jede Frage ein Antwort und kennen jeden, dem wir unterwegs begegnen.

Wir beginnen die Tour mit einem kurzen Rundgang durch Sanilhac. Schon sind zwei Stunden vorbei, denn da ein längeres Schwätzchen, hier ein kurzer Händedruck, dort drei Küsse links, rechts, links und dann noch kurz zum Bäcker zum Einkaufen der Marschverpflegung und natürlich viele Informationen über heutige und ehemalige Bewohner. Alle haben Zeit.

Literarisch hat der Ort immerhin Albert Roux zu bieten, einen Felibre Sanilhacois, der Landwirt war und Dichter in okzitanischer Sprache wurde.


Ein wenig roch Albert Roux immer nach Petroleum
Seinen langen Bart hat er sich gegen die kleinen Kribbeltierchen alle zwei Tage mit Petroleum eingerieben, was darauf hindeutet, daß er kaum verheiratet gewesen sein kann. Also hatte er viel Zeit, lange Spaziergänge zu machen, dem Dorf die Flurnamen zu geben, die bis heute gelten und sich auch noch archäologisch zu betätigen.

Ein paar Schritte weiter kommen wir am Schloß vorbei. Es soll verkauft werden, wie andere Häuser im Ort auch. Die Nähe zu Uzès hat die Preise ins Astronomische wachsen lassen. Und kaum einer der Engländer oder Schweizer, die hier gekauft haben, weiß, daß sich einige der aus bröseligem Sandstein gebauten Häuser langsam regelrecht auflösen. Sie wundern sich, daß in den Gewölben im Erdgeschoß jeden Morgen der Boden gefegt werden muß und daß Fenstersimse einfach abbrechen. Ein Spaziergang mit Cyril hätte vorher Klarheit geschaffen.

Pauline Bernard hat die Schlüssel dabei. So kommen wir in die Kirche des Heiligen Laurent, dessen Statue links neben dem Altar steht.
Veredemus (re) und Laurent in der Saint-Laurent-Kirche in Sanilhac
Gleichberechtigt gegenüber steht Saint Vérédème, - Veredemus, wie er bei uns heißt - in einer nicht ganz zeitgemäßen Franziskanerkutte und einem Totenschädel in der rechten Hand.

Um das Jahr 700 ist er aus Griechenland nach Südfrankreich gekommen, die Rhone und den Gardon hinauf gefahren und in Sanilhac an Land gegangen. Er war vielbesuchter Einsiedler und hatte in kurzer Zeit, auch durch Wunderheilungen, einen Ruf erlangt, daß er zum Bischof von Avignon ernannt wurde. Aber auch in dieser Funktion hat er sich immer wieder längere Auszeiten in seiner Grotte de la Baume genommen.

Fast eintausendzweihundert Jahre haben die Bewohner der Region mit ihm gelebt und ihn in einer jährlichen Prozession zu seiner Grotte um Regen angefleht. Seit 1962 tun sie das nicht mehr. Die zu trockenen Jahre mehren sich; natürlich nicht deswegen, aber so ein Jahr wie 2017 ohne Regen seit März, Waldbränden und einer um ein Drittel geringeren Traubenernte und entsprechenden Verdienstausfällen möchte hier niemand wieder haben. Im Dorf spricht man schon davon, die Fürbitten an Veredemus wieder aufleben zu lassen. Auch die Schafhirten der Crau verehrten Vérédème als ihren Schutzheiligen.Dort regnet es noch weniger.

La Baume gibt es gleich zweimal in Sanilhac, natürlich Grotte, die wir gerade besucht haben, dann aber auch das gleichnamige Restaurant. Der Besuch von beiden ist empfehlenswert.



Allerdings ist die Reihenfolge der Besuche vorgegeben. Wer gegen elf Uhr dreißig einen Blick auf das Tagesmenue wirft und dann zu dem Schluß kommt, die halbe Stunde bis Mittag könne doch gut mit einem Apéro überbrückt werden, der hat schon verloren.

Man sitzt unter Olivenbäumen, an der Lavendelhecke und blickt über die Weinberge zum Mont Ventoux. Mehr Provence geht nicht. Und wenn nach dem Essen die Flasche Wein noch nicht ausgetrunken ist, ist man geneigt, den Nachmittag hier ausklingen zu lassen. Oder man ist besonders willensstark. So jemanden hat der Chef de Cuisine, eine besonders stattliche Koch-Erscheinung, aber noch nicht kennen gelernt. Und wir wollten seinen Erfahrungsschatz nicht widerlegen.

Stoff für nachmittägliche Gespräche gibt es zuhauf. Warum wir wieder die letzten im Restaurant sind und warum der Schmetterling die Sahnesoße des wunderbar rosé geratenen Bratens bevorzugt, statt der Sahne des Nachtischs und warum die Katze auf dem Nachbartisch nur herüber schaut, aber nicht bettelnd um unsere Beine streicht. Wenn das erst einmal alles geklärt ist, bliebe immer noch Zeit genug, die Wanderung nicht anzutreten.

Die Straße übrigens, die nicht weit von Sanilhac ins Gardontal führt, mag älteren Kinobesuchern bekannt vorkommen. Hier fuhr 1952 Yves Montand den mit Sprengstoff beladenen Lastwagen in „Lohn der Angst“.

Samstag, 15. Februar 2020

Klös-Kunst aus Trascouvieux



 
Nicht weit von seinem geschätzten Max Ernst hat der deutsche Maler und Druckgrafiker Bodo Klös ein Atelier, in Trascouvieux, ein paar Häuser,die zu Laval-Saint-Romain gehören. Nach sieben Kilometern kann er in den Garten des ehemaligen Ernst-Hauses sehen. Klös hat sich insbesondere der Radierung verschrieben und ist mit der „edition noir“ seiner Frau Birgit immer wieder auf den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt vertreten.

Mehrfach konnten Sie seine Bilder auch in der Galerie „La Quincaillerie“ von Florian Besset in Barjac sehen. Norbert Schmidt, langjähriger Redakteur der Gießener Allgemeinen, kennt Klös gut und hat ihm immer wieder Raum gegeben.
Er erzählt auch, wie das Ehepaar Klös Besucher in Barjac immer wieder in die Straße führen, in der die Kurzeck-Freunde Pascale und Jürgen erst mit ihren Restaurant und dann ihrer Liaison scheiterten. Klös habe etwas von Kurzeck, sagt Schmidt. „Er sammelt Details, notiert Sinnliches, das die Seele erfreuen kann.“ Der Künstler plädiere für „Alltäglichkeiten als Glücksentfacher“.
Die ganze Geschichte gibt es auf der Homepage der "Edition Noir", von der auch die Bilder stammen: Schmidt, Norbert: Bodo Klös und dem Loplop auf der Spur.


Samstag, 8. Februar 2020

Lesenswert: Der Marseille/Calanques-Wanderführer von Uli Frings

Der Mann kennt sich aus! Wer mehr als zwei Tage in Marseille verbringen möchte, kommt ohne den Reiseführer von Uli Frings nicht aus. Selbst wer mit dem Wandern, Stadtwandern schon gar, nichts am Hut hat, der stößt hier auf eine überwältigende Menge an guten Tipps
 

und Hintergrundinformationen. Aber nennen wir das Stadtwandern doch lieber Bummeln oder Flanieren – dann hört es sich nicht gleich so muskelkaterisch an.

Sie können das Buch auch so benutzen: Sie gehen los am Alten Hafen und lassen sich treiben. Und immer, wenn es Sie für einen Café oder eine Menthe à l’eau oder ein Verre de Rosé in eine Bar zieht, lesen Sie nach, was Sie vielleicht verpasst haben. Dann zurück dahin und wieder treiben lassen. Um den Puls der Stadt zu spüren ist dies eine gute Art der Annäherung.

Wer es systematischer liebt: Mein Rat wäre es mit der Tour 3 (S. 50) zu beginnen, die Quai du Port beginnt und Sie durch das Panier-Viertel führt – für die 6 Kilometer mit 85 Höhenmetern setzt Frings ohne die Besichtigungen zweieinhalb Stunden an. Nur dürfen Sie die

morgendliche Tour dann nicht nach zweihundert Metern unterbrechen und in den ersten Stock des Hotel Bellevue hinauf- und dann auf den Balkon hinausgehen. Von dort hat man für mich einen der schönsten Ausblicke auf den Hafen - auf die Forts und auf Notre-Dame de la Garde - und das bei einem ausgezeichneten Café und frischen Croissants. Etwas später, kommen Sie an der Bar des Treize Coins vorbei, in der Jean Claude Izzo gelegentlich schrieb – aber nicht an
 
 
 
seiner Marseille-Trilogie S. 128), dem zweiten Buch über Marseille, das ich vorbehaltlos empfehle. In einer Pause können Sie dort nach nachzählen, ob der Platz wirklich dreizehn Ecken hat. Wenn Sie dort zu einem ausgedehnten Apéro mit zwei, drei Pastis hängenbleiben, könnte es auch 15 Ecken werden.

Für alle Wanderungen gibt Frings zahlreiche Pausentips, die fast
alle unterschreibe. Nur in Les Goudes muss unbedingt in der nächsten Auflage noch die Grand Bar des Goudes (direkt am Hafen) von Didier Tani dazu. Der Patron, der ohne Maskenbildner jederzeit als Seeräuber im Fluch der Karibik mitwirken könnte, ist Verfechter einer authentischen Bouillabaisse ohne Languste und sonstigem Schnickschnack. Er kocht die so, wie er von seinem Vater gelernt hat. Ein kurzes Video gibt es hier.

Ein wichtiger und richtiger Hinweis bezieht sich zum Beispiel auf die kulturellen Stadtrundgänge (S. 64), die von Carina Curta und Pia Leydolt-Fuchs als CaP.Cult organisiert werden. Und auch ein paar Lesestücke sind im Buch: Ein lesenswerter Gastbeitrag (S. 34) von Oberwanderer Manuel Andrack, der sich so seine Gedanken macht, was einem eine Wanderung entlang von Ölraffinerien und Müllkippen geben kann. Und ein Interview mit Ulrich Fuchs, dem deutschen Programmchef der Kulturhauptstadt Marseille-Aix 2013, der über die Quartiers Nord, die Bandenkriminalität und darüber spricht, warum der soziale und ökonomische Fortschritt in Marseille eine Schnecke ist.

Da kann man nur in die Calanques flüchten, in die uns Frings mit ausgesprochen guten Fotos führt. Hier empfehle ich nicht die an Wochenende schon manchmal überlaufenen östlichen Fjorde, sondern die westlichen Küstenwege von L’Estaque nach Carry-le-Rouet. Alles Wege, die Sie ohne schlechtes ökologisches Gewissen machen können, denn Frings, sagt uns auch, wie wir mit Bus und Bahn schnell an unsere Ausgangspunkte kommen. Selbst passionierte Pkw-Benutzer sollten dem ausnahmsweise folgen, weil dann das Auto nicht aufgebrochen werden kann.
 
Die von Uli Frings angebotenen Reisen können Sie sich unter www.ardechereisen.de ansehen. Da gibt's dann auch richtig viele Infos über die Wanderungen, während ich mich, so kommt mir's vor, doch eher auf die Bars und Restaurants konzentriere.
 

„Marseille, Calanques, Côte Bleue – Wander- und Reiseführer mit den schönsten Stadt- und Küstenwanderungen Marseilles“. 2019, 142 Seiten, 14,80 €.  Zu beziehen über den Autor ulifrings@gmx.de , der das Buch klimaneutral und im Eigenverlag produziert hat.
 

Donnerstag, 30. Januar 2020

Anselm Kiefer’s Barjac: Die "Türme der sieben Himmelspaläste"

 

Barjac verfügt über enge Gassen, histo­rische Bauten aus der Renaissance und schat­tige Plätze, auf denen immerzu Boule gespielt wird. Er unter­scheidet sich wenig von anderen, ebenso idyllischen Städtchen in der Provence, gäbe es in seinem Umkreis nicht einen phan­tas­tischen Erin­nerungs­ort, den der weltweit be­rühmte Künstler und Maler deutscher Mythen Anselm Kiefer zwischen 1993 und 2008 ge­schaffen hat.

Fragt man in Barjac, in der Metzgerei oder der Apotheke am Markt, nach Anselm Kiefers Atelier und Wohnhaus, erhält man kaum eine hilfreiche Antwort. Genaueres weiß nie­mand, fast scheint es so, als wolle man über diesen deutschen Dunkelmann nicht reden. Nach längerer Suche und einigen Irr­wegen stehen wir endlich doch, zwei, drei Kilo­meter von Barjac entfernt, vor Kie­fers erhöhtem Freiluftate­lier und Privat­museum „La Ribaute“, einer ehemaligen Seiden­fabrik; ein 35 Hektar großes Gelände, von Feldern und Weinbergen umgeben und für niemanden zugäng­lich. Der Künstler selbst hat den Ort bereits 2008 Richtung Paris verlassen.




Rathausbrunnen in Barjac                    Bild ccWiki

Wir stehen also vor einem breiten Tor aus rostigem Eisen. Fernes Hunde­gebell, kein Mensch zu sehen. Ein Telefon ist neben dem Tor auf­gestellt, doch die angezeigte Nummer bleibt tot. Schon einmal, im Jahr 2010, habe ich die Suche eben hier auf­gegeben, doch in diesem Sep­tember gehe ich um das Gelände herum, das von hohen Zäunen, die vor­geben, elek­trisch geladen zu sein, dichten Hecken und Kameras gesichert ist wie ein geheimes For­schungs­labor. Zu diesem Eindruck tragen auch die gewal­tigen Hangars und Bunker bei, die man ab und an hinter den Büschen zu erkennen glaubt.

Schließlich übersteige ich ein kamera­über­wachtes Seiten­tor, bewaffne mich mit einem Knüppel, um mich der eventuell auf­tauchenden Hunde zu
 
Türme der Himmelspaläste von Michael Buselmeier fotografiert.
Nur gut zu sehen, wenn man über den Zaun klettert.

erwehren, und mache mich auf in Kiefers geheim­nis­volle Stadt, die er „Türme der Sieben Himmels­paläste“ getauft hat. Als der Künstler Anfang der 90er Jahre hier ankam, fand er eine Tundra-Landschaft und ein paar Gebäude in ruinö­sem Zustand vor. Mit der Planier­raupe wurden Straßen und Wege angelegt, die alten Häuser restauriert, und neue Bauten aus Glas und Beton, weit über drei­ßig, ent­standen. Das Areal ist von einem weit­läufigen Tunnel­system durch­zogen, das die ver­schie­denen Gebäu­de verbindet. Es gibt magi­sche Räume unter der Erde und wind­schiefe Türme, die zum Himmel hin offen sind. Einer der Gänge endet an einem riesigen Amphi­theater mit einer Krypta - eine fremdartige Geister­stadt aus Archi­tektur, Instal­lation, Malerei und der süd­lichen Land­schaft, von Leere und Stille über­formt.
 
Es ist ein kleines Abenteuer, das ich hier erlebe. Der Weg führt mich zunächst an einem großen Hangar vorbei, in dem Baufahrzeuge, Bagger und Kräne bereit stehen. Und schon habe ich auch die aus groben Beton­teilen gefertigten und schief aufge­schichteten babylonischen Türme im Blick. Sie wirken wie riesige Karten­häuser, die im nächs­ten Moment ein­stür­zen könnten; ver­wirrende, halbreale Gebilde. Wie einem Traum ent­sprungen, stehen sie einsam und schutzlos im Wind, einer steht sogar im Wasser. Zwi­schen den Türmen liegen Beton­teile verstreut, vielleicht Trümmer gesprengter Bauten, die das Vorwärtskommen erschweren, Fragmente, etwa ein gestrandetes Boot, Treppen, die ins Nichts führen. Aus einem der Türme ragen Sonnen­blumen aus Aluminium hervor. Eine eindrucks­voll gebors­tene Kunst-Landschaft.

Doch Trümmer, sagt man, waren häufig der Ausgangspunkt von etwas Neuem. Sie sind, meint Kiefer im Gespräch mit Klaus Dermutz (erschienen im Suhrkamp Verlag, 2010), „an sich Zukunft. Weil alles, was ist, vergeht.“ Und er zitiert Jesaia:
„Über euren Städten wird Gras wachsen.“
Auch im ver­lassenen „La Ribaute“ wuchert das Unkraut, und vielleicht sollte man es auch gewähren lassen, bis alles Men­schen­werk wieder in die gleich­gültige Natur zurück­ge­nommen ist. Dieses be­gehbare Kunst#-reich am Fuß der Cevennen, all die Türme, Häuser, Grotten, Bunker und die kilo­meter­langen unter­irdischen Gänge sind ja keine Spie­lerei, sondern heiliger Ernst, ein modernes Labyrinth, ent­standen aus meta­physischer Not und bedrän­genden(Kriegs-)Erfahrungen, die hier in radikale Bil­der umge­setzt wurden.

Beim Weitergehen bemerke ich drei mächtige Glashäuser, in der Sonne blitzend. Sie dienten wohl der Aufstellung von Kiefers in Barjac entstandenen Werken: Instal­lationen, Re­gale mit Bleibüchern, Gemälde und Materialbilder größten Formats. Es gab auch eine reich bestückte Bibliothek, aus der sich der besonders an philo­sophischen und theologischen Fragen in­teres­sierte Künst­ler bediente. Als ich mich den Gewächs­häusern zuwende, heult ein schwerer Motor auf, die Stille zerreißend, es ist ein grüner Bull­dozer, der sich mir nähert. Man hat mich entdeckt. Der Wachmann steigt herab und brüllt mich an, zeigt auf die all­gegen­wär­tigen Kameras und droht mit der Po­lizei, ich schreie zurück, behaupte, ein Bekannter von Kiefer zu sein, doch alles nützt nichts, und ich muss wieder zurück über den Zaun klettern.

So habe ich manches nicht gesehen und doch einen Eindruck gewonnen von diesem grandiosen und hochfahrenden „Gesamt­kunstwerk“ (durchaus im Sinn Richard Wagners, dessen Musikdramen Kiefer bewun­dert). Was aber soll mit den „Türmen der Sieben Himmels­paläste“ fortan geschehen?

Kiefer hat sein Werk ver­lassen und wird nicht mehr zurückkehren, scheint aber noch im Besitz des Geländes zu sein. Im Gespräch mit Klaus Dermutz sagt er:
„Vielleicht kommt jemand nach Barjac, der das dann zu Ende führt.“
Doch die wenigen Besucher, die der ver­borgenen Anlage wegen von weit her anreisen, stehen vor geschlossenen Toren, und niemand erklärt ihnen, warum das so sein muss. Und die Ein­wohner von Barjac haben keine Ahnung, was für ein Schatz sich auf ihrer Gemarkung befindet.

Im Internet ist zu lesen, dass Kiefer im Jahr 2011 vorgeschwebt hat, diesen poetischen Ort der Trümmer den Staaten Frankreich und Deutschland zu schenken, um daraus eine Stif­tung zu machen - für Süd­frankreich und beson­ders Barjac eine ein­malige Chance. Auch die Guggenheim-Stiftung soll ein vages Interesse an „La Ribaute“ gezeigt haben. Mehr ist nicht zu erfahren. Und geschehen ist jedenfalls nichts.

Viel­leicht wäre es am besten, die Zäune niederzureißen, die Überwachungs­kameras abzu­bauen und das Gelände sich selbst, der wuchernden Natur und den Kunstfreunden zu überlassen, die aus aller Welt nach Barjac pilgern würden, um sich die unter- und über­irdischen Himmels­paläste zu er­wandern.