Freitag, 5. März 2021

Uzès: Der Buchhändler, der seine Bücher ungern verkauft

Christian Feller: Immer eine gute Geschichte auf Lager...
nur Bücher gibt der Buchhändler ungerne her
In Uzes, hinter dem Tour Fenestrelle und der Promenade Racine, in der Rue Julien, finden Sie, in einem Innenhof versteckt, die Buchhandlung von Christian Feller. Der ist allerdings mehr Büchersammler als Buchhändler, was nur heißen soll, daß er sich ungern von seinen Schätzen trennt. In manchen Fällen muß man schon ein besonderes und gut begründetes Interesse an einem bestimmten Titel nachweisen, damit er ihn dann widerstrebend aus dem Regal oder seinem in der Nähe gelegenen Privathaus holt.
Dieses Haus ist nicht nur mit dem ältesten Eingangsportal in Uzès ausgestattet, sondern hat - natürlich und wie es sich für Feller gehört – auch eine literaturhistorisch interessante Vergangenheit.

Jean-Jacques Brousson, dem Sekretär des Literaturnobelpreisträgers Anatole France, hat es gehört. Allerdings hätte es der sich von seinem Gehalt nicht leisten können. Was er denn bisher verdiene, fragte France den gerade zwanzigjährigen Studenten Brousson. Und als der mit „Nichts“ antwortete, war ihm die Stelle sicher. Anatole France großzügig:
"Dann zahle ich Ihnen das Doppelte." 
Diese, ob verbürgt oder nicht, jedenfalls gute Geschichte berichtet Christian Feller in dem Film, den ich mit Jean-Jacques Schaettel und Antoine Chosson, der ein Purist des Dokumentarfilms ist, über die Literaten in Südfrankreich gemacht habe. Unter dem vorhergehenden Link finden Sie einige meiner Gesprächspartner.

Irgendwo hier im Hinterhofgewirr
befindet sich die Buchhandlung
Nur wenige Tage nach dem Tod von Anatole France, der für Frankreich ein Jahrhundertereignis war, erschien Boussons Buch „Anatole France in Pantoffeln“, das nach kürzester Zeit hoch sechsstellig verkauft war und in viele Sprachen übersetzt wurde. Damit hatte Bousson weit mehr verdient, als ihm France für die zehn Jahre ihrer Zusammenarbeit je gezahlt hätte. Von diesem Honorar hat sich Bousson dann seinen Traum eines herrschaftlichen Hauses in der Altstadt von Uzèz erfüllt und mit der ein oder anderen Antiquität, die France ihm als Honorarersatz gelegentlich überließ, ausgestattet.

Freitag, 26. Februar 2021

Martignargues: Nur 1704 mal in den Geschichtsbüchern


Die "chinesische Mauer" von Martignargues
 
Man kann es aus dem Weltraum nicht sehen, aber das dennoch bedeutendste Bauwerk von Martignargues ist eine gut drei Meter hohe und einen Meter breite Mauer oberhalb des Friedhofs. Sie umschließt auf rund zweihundert Metern Länge den Weinberg des Monsieur Cadounqué, der die Mauer zwischen 1850 und 1895 aus den auf seinem Acker gesammelten Steinen errichtete. Gemeinsam mit seiner Frau wurde er hier zwischen zwei Zypressen beerdigt. „Jetzt kannst Du ausruhen und Deine Mauer bewachen,“ sagte der Ortsgeistliche bei der Beerdigung.
Martignargues und Vezenobres               Bild links: Mairie
Martignargues ist ein französisches Dorf im Gard zwischen Vézenobres und Mas Nouguier, malerisch gelegen auf einem Hügel über dem Tal der Droude, aber zehnmal können Sie durchfahren, ohne einem Menschen zu begegnen. Und anderen Autos begegnen Sie nur an den Tagen, an dem die Grundschüler, im Wechsel mit den anderen kleinen Örtchen ringsum, hier ihren Unterricht bekommen und von den Mamas abgeholt werden. Wenn eine von ihnen zu früh da ist, kann sie nur warten.

Nur das Schild hängt noch.
Der Ort hat kein Café mehr, Rosalie Polge hat ihres vor Jahren schon dichtgemacht, und auch der Tabakladen von Monsieur Reynaud und die kleine Lebensmittelhandlung von Anna Légal sind längst Geschichte. Und das, obwohl sich in den letzten fünfzig Jahren die Einwohnerzahl verdreifacht hat: Von 150 auf rund 450.

Warum die Einwohner von Martignargues „Engländer“ genannt werden: „Lous Inglès" ? Das geht zurück auf den Hundertjährigen Krieg, als der Ort versehentlich von den Engländern eingenommen wurde, die die Kapelle und die sie umgebenden Privathäuser mit einer Festung verwechselten. Manchen von Ihnen gefiel es hier so gut, daß sie über Generationen blieben ; der Blick ins Einwohnerverzeichnis belegt das noch heute : Born, Butcher oder Roche.




Der Zweite Weltkrieg hat im Ort selbst nicht stattgefunden ; das Dorf wurde nie von der deutschen Wehrmacht besetzt. Anders war das während der Religionskriege zu Beginn des 18. Jahrhundert, als die Truppen Ludwigs XIV. versuchten, die protestantischen Kamisarden wieder auf den rechten, also katholischen Weg zu bringen. Eine der großen Schlachten dieses von beiden Seiten grausam geführten Krieges hat unterhalb des Ortes stattgefunden, die Bataille de Martignargues, an die noch heute ein Gedenkstein erinnert.


Gedenkstein zwischen Martignargues und
der Ölmühle von Roger Paradis
Mehr als 500 Soldaten des Königs, die unter der Führung des noch während der Schlacht geflohenen Marquis de la Jonquière standen, wurden getötet. Dem standen nur drei getötete und zwölf verletzte Kamisarden gegenüber. Deren Anführer Jean Cavalier war vier Wochen später der große Verlierer, als er bei Nages, in der Nähe von Nîmes, vernichtend geschlagen wurde. Dazu erreichte ihn die Nachricht, daß den Königstruppen sein wichtigtigstes Nachschublager, das sich in einer auch heute noch zu besichtigenden Grotte oberhalb von Euzet befand, verraten worden war. Cavalier legt die Waffen nieder und geht nach Genf, wo der Herzog von Savoyen sich die Dienste des taktisch versierten Kämpfers sichert. Er kämpft im Spanischen Erbfolgekrieg auf portugiesisch-britischer Seite und wird schließlich rentenberechtigter Gouverneur der Insel Jersey.
Wer das mit Zeit und in französischer Sprache etwas ausführlicher nachlesen will, dem sei die sechsbändige, großformatige Arbeit von Henri Bosc „La guerre des Cevennes“ empfohlen, die zwischen 1985 und 1993 erschienen ist. So um die vierhundert Euro kostet das Werk antiquarisch, wobei sie aufpassen sollten, daß Sie dafür auch eines der numerierten Exemplare (bis Nr. 1300) erhalten. Immer mal wieder rutscht sonst auch ein fotokopierter Band dazwischen; allerdings sind Sie dann schon mit 80 Euro für die sechs Bände dabei.

Freitag, 19. Februar 2021

Alliierte Landung am Mittelmeer: Churchill liest deutsche Exilliteratur

Landung der Alliierten in Südfrankreich

 

Mitte August 1944 landeten die ersten amerikanischen, britischen und französischen Truppen in Südfrankreich (Unternehmen "Dragoon"). Zwischen Cannes und Toulon gingen insgesamt 180.000 Soldaten an Land, ohne auf nennenswerten deutschen Widerstand zu stoßen.

Aufnahme des Navy Fotografen McNeill vom 15.8.1944 auf der Kimberley
Zu denen, die nur zu gerne gleich dabei gewesen wären, gehörte Winston Churchill. Doch da ging es ihm in Südfrankreich nicht anders als in der Normandie. Er wurde auf den Zerstörer „Kimberley“ verbannt, der zehn Meilen vor der Küste lag und von dem aus die Landungsboote durch Geschützrauch und Morgennebel kaum zu sehen waren. Sein Fernglas übergab er dann auch schnell dem amerikanischen General Sommervelland. Und dann gab er seinem Mißvergnügen ausgerechnet mit der Lektüre des Buches einer deutschsprachigen Autorin Ausdruck. „Menschen im Hotel“ soll er während der Landung in einem Stück durchgelesen haben.

Vicki Baum, sie hatte das Buch 1929 geschrieben, war in Wien in eine jüdische Beamtenfamilie geboren worden, wurde am Konservatorium zur Musikerin ausgebildet und später eine der erfolgreichsten Autorinnen in der Weimarer Republik.

"Ich bin eine erstklassige Schriftstellerin zweiter Güte",
 
entschuldigte sie ihre auflagenstarken (bis 500.000 Exemplare) Herz-Schmerz-Romane wie "Liebe und Tod auf Bali" oder eben "Menschen im Hotel".

Vicki Baum    Bild:Wiki cc
In seiner Serie Klassiker der Weltliteratur fasste der Bayerische Rundfunk den Roman wie folgt zusammen: "In einem Berliner Luxushotel begegnen wir einer russischen Tänzerin, deren Attraktivität bereits geschwunden ist. Es gibt einen von Morphium abhängigen Arzt, einen Baron, der seinen Unterhalt mit waghalsigen Einbrüchen bestreitet, einen vor dem geschäftlichen Zusammenbruch stehenden Fabrikdirektor und dessen todkranken Buchhalter und eine Sekretärin, die ihr Herz eher leichtfertig verschenkt."

Im Jahr vor der Machtergreifung gehörte Baum zu den ersten Exilanten. „Menschen im Hotel“ wurde nur ein paar Jahre später als „Grand Hotel“ mit Greta Garbo verfilmt; einen „Oscar“ gab es als bester Film des Jahres 1932. 

Doch weiter mit dem 15.August 1944: Dieses ganze Landungsmanöver war Churchill von Anfang an gegen den Strich gegangen. Statt in Südfrankreich zu landen und sich mit den Invasionstruppen der Normandie zu vereinigen, hätte er bevorzugt, in Kroatien zu landen und den russischen Vormarsch im Osten zu stoppen. Jacques Robichon hat das in seinem Buch „Le Debarquement en Provence“ detailgenau beschrieben.

Freitag, 12. Februar 2021

Lourmarin: Camus, Fußball und die Luberon-Bouillabaisse

Camus, wie man ihn fast nicht kennt

 

Lourmarin ist nicht nur als letzter Wohnsitz des Schriftstellers Albert Camus von Bedeutung . Raoul Dautry, erst  Eisenbahn-Manager, dann Minister und ab 1945 Bürgermeistern des Dorfes, in dem die Familie schon lange ein Ferienhaus besaß, hat vorgemacht, wie ein totes Städtchen aus seinem Dornröschenschlaf geweckt werden kann. Zu Beginn des Krieges war Dautry Rüstungsminister, nach der Landung der Alliierten in der Normandie wurde er von de Gaulle zum Minister für Wiederaufbau berufen. Lourmarin hat davon ordentlich profitiert. 

Ebenso wichtig für die Entwicklung des Dorfes war Robert-Laurent Vibert, ein Industrieller aus Lyon, der  schon lange vor Dautry das halbzerfallene Schloss sozusagen zum „Steinbruchspreis“ gekauft und in eine Kulturstiftung umgewandelt hatte. Empfänge und Hochzeiten werden im Ballsaal oder auf der Terrasse ausgerichtet,

 

auf die man vom Haus und der Terrasse Albert Camus‘ einen guten Blick hat; das sind vielleicht mal gerade dreihundert Meter und vorbei an der erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf dem freien Feld erbauten evangelischen Kirche.

Churchill, wie man ihn ebenfalls fast nicht kennt, als Maler einer Ansicht von Lourmarin mit Blick auf das Haus von Camus.  Bild Luberon Tourisme.

 

Wenn man auf der Dorfseite an der Nummer 23 der Rue Camus vorbeigeht, erblickt man eine völlig unscheinbare Fassade. Das passte irgendwie zu dem in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsenen Camus, obwohl der ein Jahr zuvor gewonnene Nobelpreis ihn in die Lage versetzt hatte, praktisch jedes provenzalische Anwesen zu kaufen. Aber wohl nur hier, auf dieser Terrasse konnte er seinen autobiographischen Roman „Le Premier Homme“ beginnen und die ersten einhundert Seiten schreiben. Seine Tochter sah das in einem ARTE-Interview so: „Dieses Buch war eine Befreiung für ihn. Er sagte: Das bin ich!“

Das unscheinbare Grab von Albert Camus 

Hier in Lourmarin, in diesem unscheinbaren Häuschen fühlte er sich wohl, freundete sich mit dem Dorfschmied César Renaud an, dem er liebend gerne zuhörte, wenn der seine humanistisch-philosophisch angehauchten Geschichten erzählte, besuchte die Cafés und gehörte zu den engagierten Unterstützern der örtlichen Fußballmannschaft. Das waren die Eintrittskarten ins Dorfleben, die Camus dazu gehören ließen. Es waren denn auch Mitglieder der Mannschaft, die seinen Sarg hinaus zum Friedhof trugen.

Wenn Sie es sich tagsüber verdient haben, was Sie selbst entscheiden, könnten Sie sich mit einer „Luberon-Bouillabaisse“ verwöhnen lassen, die im „La Fenière“ aus getrüffelten Kartoffeln, grünem Spargel und Wachteleiern gezaubert wird. Oder für die Freunde des kreativen Nachtischs ein Stück Kürbiskuchen, das in eine bittere Orangen-Schokoladensauce gebettet wurde – letzteres allerdings im „Le Moulin“, wobei mir klar ist, daß es nicht so einfach ist, ein Menü in zwei Restaurants zu genießen.

Beide Hotels mit ihren absolut ruhigen Zimmer gehören zur Kette der Romantik-Hotels; und in beiden sind Sie wunderbar aufgehoben. Eine Spur eher ginge ich, wegen des großen Pools, der sich direkt vor den Zimmern wie eine überdimensionierte private Badewanne herzieht, ins „La Fenière“.




Freitag, 5. Februar 2021

Mit der Künstlerin Susanne Pohlmann nach Aix und Marseille

  

Natürlich das Licht! Das liest man immer wieder in Briefen und den Biographien über die Künstler, die sich den Süden Frankreichs als Atelier ausgesucht haben: Von van Gogh über Purrmann, Matisse, Räderscheidt bis Derain und vielen weiteren. Wer das nachempfinden will, könnte das mit Gleichgesinnten und unter Anleitung der Berliner Künstlerin und Pädagogin Susanne Pohlmann tun. „Mir ist wichtig, daß meine Gäste sich auch der Freude und der Lust zum Experimentieren öffnen,“  sagt sie. 

In der Nähe von Aix und von Cézanne‘s Berg hat sie ihr Haus, von dem aus sie in sehr kleinen Gruppen ihre Malreisen durch den Midi organisiert. Aber auch auf der Terrasse oder im großen Garten kann gemalt werden. In diesem Jahr, wenn Covid und Confinement mitspielen, sollen diese Möglichkeiten eigene Bildwelten zu entdecken vom 8. bis 15. Mai und vom 18. bis 25. September stattfinden. Verschiedene Maltechniken mit Acryl- und Aquarellfarben, sowie Kreiden können ausprobiert werden. Pohlmann nimmt sich auch die Zeit für individuelle Anleitungen und Anregungen gegeben.

Das Angebot (bei eigener Anreise) umfasst alle Übernachtungen im eigenen Appartement, die Mahlzeiten mit französischer Küche und Wein, (Frühstück, 5 Abendessen, 2 Mittagessen), Malkurs, Grundausstattung Malmaterial, alle Transfers, sowie Kultur- und Naturprogramm. Natürlich geht es nach Marseille und in die Calanques oder auch nach Lourmarin, das Dorf in dem Albert Camus seine Liebe für den Süden entdeckte und wo er seine großartige Autobiographie „Der erste Mensch“ schrieb. 

Susanne Pohlmann mit einem ihrer großformatigen Meer-Bilder

Das ausführliche Programm mit den Preisen sendet Ihnen Susanne Pohlmann gerne zu: su-pohlmann@web.de oder www.malerei-reisen.de .

    

Freitag, 29. Januar 2021

Domaine Royal de Jarras bei Aigues-Mortes

Rund 1.000 Fußballfelder voller Wein und damit das größte europäische Weingut

 Da von einer Domaine zu sprechen ist sicher untertrieben. 1883 begann es mit Listel, heute ist die Domaine Royal de Jarras, der größte europäische Weinbaubetrieb; wobei die Marke Listel weitergeführt wird. Wer die rund zehn Kilometer von Aigues-Mortes nach Le Grau fährt hat sie auf der linken Seite auf einer Fläche von rund 800 Hektar, von denen 430 Hektar mit Reben 

Rebflächen als Winterweide für die Schafe. Bild Midi libre

bepflanzt sind. Der Rest ist Teil eines Naturschutzgebietes, aus dem im Winter die Schafe zum Grasen auf die Domaine kommen.   

Sandwein

Die Einzelflächen auf dem Sandboden sind mindestens 10 Hektar groß, einzelnen Rebreihen verlaufen über drei Kilometer. Zehn Millionen Liter Sable de Camargue in IGP-Qualität  werden darauf insgesamt produziert.

Zum Teil sind es ganz besondere Weine, die hier produziert werden, denn aufgrund des immer wieder überschwemmten und so salzgetränkten Sandboden haben hier französische Reben die Reblausplage überstanden, sind also bis heute ungepfropft. Die Rebnamen, darunter der Grenache Gris und der Franc de Pied, sind sonstwo fast schon vergessen. 

Der daraus ausgebaute Tête de Cuvée wird auf einigen Parzellen nachts gelesen, langsam gepresst und temperaturkontrolliert gegärt. Mittels Feinhefe und biologischem Säureabbau erhält der Wein eine besondere Fülle. Ein „mythischer Cuvée“ sagt Alban Béchard, ein geborener Aigues-Mortais, der noch einmal vierzig Jahre alt war, als er die Verantwortung für die Domaine übernahm.

Château La Gordonne: 350 ha Côtes de Provence

Die Domaine, wie viele andere inzwischen auch, so das Château La Gordonne in der Provence, gehört zum Konzern Vranken-Pommery.






 

 

 


Samstag, 23. Januar 2021

Johanna Schopenhauer: Vergebliche Suche nach der Reinlichkeit des Südens

Das ist nun wirklich mal ein durchgezogener roter Faden. Johanna Schopenhauer, die 1766 geborene Tochter aus einer groß- und bildungsbürgerlichen Danziger Handelsfamilie und vom Vater gegen
Klementine des 18. Jahrhunderts
ihren Willen an einen noch reicheren Handelsherren verheiratet, war, nicht nur in Südfrankreich, immer auf der Suche nach sauberen Gassen, Plätzen und Hotels und hat das in ihren damals hochgeschätzten Reiseveröffentlichungen, etwa den "Promenaden unter südlicher Sonne" auch penibel dokumentiert.

In Montauban, im „Hotel des Ambassadeurs“, nahm Johanna Schopenhauer Anstoß an der Möblierung. Vorhänge, Stühle und das Bettgestell sahen aus, als stammten sie aus einem in der Französischen Revolution zerstörten und ausgeraubten Schloß. Auch ekelte sie sich vor der fleckigen Bettwäsche.
„Die Flecken waren vielleicht Blut der in diesen Betten Ermordeten.“
In Toulouse war alles noch viel schlimmer:
„Der dem Lande eigene Haß gegen alle Ordnung und Reinlichkeit scheint in dieser Stadt aufs höchste gestiegen.“
Auch Carcassonne fand ihre Gnade nicht:
“Des so notwendigen Schattens wegen baute man hier die Häuser so nahe einander gegenüber, aber die Luft wird dadurch dumpf, drückend und der gänzliche Mangel der Reinlichkeit umso empfindlicher.“
Und auch nicht Montpellier:
Place de la Comédie
„Da wir bisher auf fast allen Flaschen mit wohlriechendem Wasser immer Montpellier gelesen hatten, so glaubten wir in unserer Einfalt, die ganze Stadt müsse wie der Laden eines Parfümeurs riechen. Wir fanden aber leider hiervon das Gegenteil. Von der hier herrschenden Unreinlichkeit ist es unmöglich, sich einen Begriff zu machen; das Auge wird ebenso beleidigt als die Nase.“ 
Ähnlich wenig gefielen ihr Avignon und Aix-en-Provence, jedenfalls abseits der stattlichen Bürgerhäuser und Brunnen auf dem Cours.
Stolpern über Cézanne
„Der übrige Teil von Aix ist winkelig und dunkel, und die darin vorherrschende Unreinlichkeit übersteigt allen Glauben. Die ganze Stadt hat etwas unordentliches, wir möchten sagen Unheimliches.“
Einmal immerhin hatte sie Glück. Im Gasthaus „A la Belle Suédoise“ in Saint Cannat. Trotz des verblichenen Wirtshausschildes ließ Johanna Schopenhauer anhalten.
„Wir stiegen aus, und auch das Innere des Hauses war zwar ärmlich, aber von einer Reinlichkeit, die wir in diesem Lande zu finden längst nicht mehr erwarteten.“
Die „schöne Schwedin“ stammte aus Stralsund – einst Schwedisch-Pommern - , hatte sich im Siebenjährigen Krieg in einen französischen Soldaten verliebt. Sie war ihm bis hierher, in die Nähe von Aix-en-Provence, gefolgt und freute sich, mit weit über achtzig Jahren inzwischen, wieder einmal deutsch sprechen zu können.

Und dann stieß sie gegen Ende ihrer Reise auf eine besonders saubere Stadt - ausgerechnet Marseille.
„Diese Reinlichkeit fiel uns besonders auf, und die schöne zierliche Stadt, in welcher sogar die Fenster zuweilen gewaschen werden, gefiel uns umso besser, je länger wir die Freude entbehrt hatten, alles um uns her sauber zu sehen.“ 
Grund dafür waren die Steinplatten auf den Bürgersteigen und die zahlreichen schmalen Rinnen, durch die im Hochsommer noch das Wasser strömte. Selbst Damen in weißen Schuhen könnten hier zu Fuß gehen. Eine Polizei, die streng auf Einhaltung der Sauberkeits-Vorschriften achte und die nächtliche Straßenbeleuchtung taten ein übriges.
 

Freitag, 15. Januar 2021

Die Provence im Februar 1956: Über ein Meter Schnee und minus 35 Grad

Platanenallee an der Côte d'Azur

Das einzig Gute an diesem Winter 1956, erinnert sich unser Nachbar René, sei es gewesen, daß die Wintergemüse nicht verfault seien, nachdem man sie im Dezember oder Januar aus dem Potager geholt habe. Kein Wunder, daß dieser Februar 1956 sich im Gedächtnis festgebrannt hat: Rund 90 Prozent der Olivenbäume waren so erfroren, daß man sie später im Jahr nur noch herausreißen konnte. Einige wenige haben in windgeschützten Ecken überlebt.

Der Januar war ungewöhnlich mild gewesen, dann am 2. Februar fiel die Temperatur innerhalb weniger Stunden von plus 15 auf minus 10 Grad. Zwei Tage später war der Midi unter einer dicken Schneedecke von teilweise 80 Zentimetern und die Temperaturen sanken weiter, erst auf minus18, dann auf minus 25 Grad. In einzelnen Gegenden der Hochprovence und der Cevennen sei das Thermometer nachts auf minus 35 Grad gefallen.

Nun werden ja in der Erinnerung, zumal der Südfranzosen, die Dinge immer etwas anders und vielleicht auch ins Unglaubhafte gesteigert. Wir denken nur an die Sardine, die die Hafeneinfahrt von Marseille versperrte oder die Abenteuer des Tartarin von Tarascon. Aber extrem kalt war es sicher. Als ich René frage, was ihm am stärksten im Gedächtnis geblieben sei, von diesem Winter, zögert er nicht: „Wir hatten etwa fünfzehn Hühner und zwei Hähne. Eines nachts war so kalt, daß dem einen Hahn der Kamm abgefroren ist, einfach runtergefallen ist der.“ Und sein Vater wollte ihm den Kamm als besondere Delikatesse zu essen geben. „Den kannst Du auch roh essen.“

Soweit die Füße tragen, diesmal aber nicht in der Sowjetunion, sondern der Provence.

Noch glaubwürdiger ist es, daß in den Häusern über Wochen kein fließendes Wasser gab, kein Wunder bei Tageshöchst-temperaturen von minus 10 Grad. Die Schulen waren zu. Die Bäcker konnten aus ihrem tiefgefrorenen Mehl keine Baguettes backen. Wer sich nicht selbst verpflegen konnte, geriet in Schwierigkeiten und war auf die Hilfe der Nachbarn angewiesen. Zentralheizungen waren damals auf dem Land ohnehin die Ausnahme, also blieben die Holzöfen als einzige Wärmequelle. Nicht nur die Hühner wurden ins Haus gelassen, auch die Katzen, Hunde und Kaninchen. Wer sich mit Rüben, Spinat oder dem tiefgefrorenen Lauch zu helfen wußte, hatte es gut.

Der Gemeinderat, der am 26. Februar in öffentlicher Sitzung unter Bürgermeister Rousset tagte, forderte, daß die Landwirte von der Steuer des Jahres befreit werden sollten und daß die Zinsen für die Darlehen, die der Crédit Agricole diesen Katastrophenopfern gewährt hatte, vom Staat bezahlt werden sollten.

Die Bilder im Beitrag stammen von Louis Lauvergnat und La Provence d’antan.Jacques Barbieaux hat einen lesenswerten Roman über diesen Winter geschrieben.






 

Mittwoch, 16. Dezember 2020

Provence-pur: Den Midi in den Schwarzwald geholt

„Kannst Du uns nochmal von dem tollen Olivenöl mitbringen? Und den Wein von dieser Domaine…wie hieß sie noch gleich?“ Wer kennt das nicht, wenn man viel in Südfrankreich unterwegs ist. Und auf der Rückfahrt ist der Kofferraum voll von den vielen Dingen, die man den Freunden mitbringt. Irgendwann, genauer gesagt im Jahr 2002 hat Heidi Schwanhäuser daraus einen kleinen, aber feinen Online-Versand  entwickelt. Was man ihrem Namen nicht anmerkt: Sie ist Halbfranzösin, geboren in Blois an der Loire, in dessen Schloss hoch über der Stadt sich insgesamt siebzehn französische Königinnen und Könige aufgehalten haben.

Aber es brauchte erst eines Deutschen, ihres Mannes Peter, der in ihr die Liebe zur Provence entfachte. Mindestens einmal im Jahr sind die beiden im Midi unterwegs und besuchen von Suzette aus, einem kleinen Dorf in der Nähe von Beaumes-de-Venise ihre Lieferanten. Wobei Lieferant das falsche Wort ist, die meisten sind zu Freunden geworden ihre Winzer, Imker, Nougatiers, Tapenadiers und Seifenmacherinnen. Alle Produkte werden vor Ort ausgesucht, verkostet oder ausprobiert und von Sankt Georgen im Schwarzwald aus verschickt.


Und sogar die deutsch-französische Freundschaft wird hier in ein Vesperpräsent verpackt: Eine Flasche Côtes du Rhône von der Domaine de Verquière zusammen mit gerauchten Bratwürsten und natürlich Schwarzwälder Schinken. Verquière in Sablet, heute kümmert sich Thibaut Chamfort um die Domaine, ist bereits seit vier Generationen im Familienbesitz. Seine Großvater Louis hat wesentlich mitgeholfen, daß 1974 die Appellation Côtes du Rhône Villages eingeführt werden konnte.

Zu den weiteren Produkten von Provence-pur gehören Lavendel- und Rosmarinhonig, Nougat und Tapenaden sowie Aleppo-Seifen für Allergiker oder zertifizierte Bio-Seifen. Seit einigen Jahren wird in der Provence Eselsmilch zur Veredelung von Seifen wiederentdeckt. Eselsmilch gleicht in ihrer Zusammensetzung der menschlichen Muttermilch und wurde jahrhundertelang in Waisenhäusern statt der Muttermilch verabreicht. Heute wird sie meist kosmetisch eingesetzt; sie soll besonders hautverträglich sein und besitzt eine außergewöhnliche Kombination von Vitamin A, E und Omega-3- und -6-Fettsäuren. 

Die Tugenden der Eselsmilch sind seit der Antike bekannt, man denke nur an die regelmäßigen Bäder von Cleopatra. Das wäre heute kaum zu realisieren, denn eine Eselin gibt bei täglich drei Melkgängen maximal zwei Liter Milch und das auch nur in Anwesenheit ihres Jungen.

Wie wäre es denn zu Weihnachten oder dem Geburtstag mit einem Duo aus Eselsmilch und Lotusblüten für Ihre Cleopatra zuhause? Heidi Schwanhäuser schickt Ihnen das gerne.

Freitag, 11. Dezember 2020

Barbegal: Die römische Mühlen

Irgendwie führen alle Wege, in dem Fall zwar nicht nach Rom, sondern nach Barbegal und zu den beeindruckenden Ruinen eines wasserbetriebenen römischen Mühlenkomplexes. Von Arles aus im

Eine über 20 Kilometer lange Wasserleitung speiste neben den Mühlen auch Arles

Stadtteil Pont de Crau schräg links abbiegen in die Route de Barbegal, von Fontvielle aus nehmen Sie die Route des Moulins, die das Örtchen in exakt südlicher Richtung verlässt, und biegen nach ein paar Kilometern in die Route de Acqueduc ab. Wenn Sie von Arles aus fahren hat das den Vorteil, daß Sie am Schloss von Barbegal vorbeikommen, wo Sie nicht nur stilvoll heiraten können, sondern wo man gerne auch einen kleinen Empfang mit Ihren zweihundert engsten Freunden organisiert. In Zeiten von Facebook-Freundschaften wird das Château aber wahrscheinlich viel zu klein sein.

Château Barbegal im Zweiten Weltkrieg

Dieses Château war während des Zweiten Weltkrieges kurz, von 1943 bis zur Landung der Allierten an der Côte d’Azur, das Hauptquartier der 338sten deutschen Infanterie-Division. Aufgabe dieser Truppen war der Schutz der Mittelmeerküste von Sète über Montélimar und die Camargue bis kurz vor Marseille, genau gesagt bis zum Cap de la Vièrge östlich von Carry-le-Rouet. Hier befand sich zu jener Zeit eine zerfallende Kapelle, auf deren Türsturz man heute noch die Jahreszahl 1753 lesen kann. Der vielbesuchte Ort mit einer sitzenden stillenden Madonna Aussicht ist mittlerweile renoviert.

Die Reste der Mühlen-Fundamente sehen eher unscheinbar aus

Das Château hatte während der deutschen Besatzungszeit einen Kommandanten, der, zumindest vom Namen her, bestens in diese feudale Umgebung passte: René de l'Homme de Courbière hieß der Generalleutnant, der die Division am 10. Januar 1944 von Josef Folttmann übernahm. Courbière war ein Enkel von Guillaume René de l’Homme, Seigneur de Courbière, der einer alteingesessenen protestantischen Adelsfamilie der Dauphiné entstammte, die im 17. Jahrhundert nach Preußen ausgewandert war. Sein Großvater hatte es bis zum preußischen Generalfeldmarschall gebracht und eine Reihe von damals den Offizieren verbotene Duelle überlebt.

Noch im August 1943 hatten erstmals amerikanische B-17-Bombergeschwader in Südfrankreich angegriffen, zunächst die Flughäfen von Istres und Salon de Provence. Am 24. November wurde Bomben auf die Hafenanlagen von Toulon geworfen und vor allem waren es Zivilisten, die umkamen. 450 toten Franzosen standen 50 getötete deutsche Soldaten gegenüber. Ein paar Monate später konnte von ernsthafter deutscher Verteidigung schon nicht mehr die Rede sein. Die Resistance berichtete den Alliierten von Panzerattrappen aus Holz, die um das Schloß von Barbegal herum aufgestellt waren, und die es letzten Endes davor retteten, bombardiert zu werden. Als sich Courbière entschloß, mit seiner Division abzuziehen ging es durch das Rhônetal nach Norden und dann über Belfort ins Elsaß.


Teilweise noch gut erhalten: Die Wasserleitung

Ein industrieller römischer Mühlenkomplex

Von der Terrasse des Schlosses hat man bereits den Blick auf den Hang mit der römischen Wasserleitung und den Ruinen der Mühlen. Wichtig ist der Plural, denn dies ist ein ganz besonderer Ort. Obwohl wir normalerweise mit der englische Tuchproduktion in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts den Beginn der Industrialisierung verbinden, gab es hier bereits einen großen Industriekomplex im 3. Jahrhundert. Die Römer hatten hier einen genialen industriellen Mühlen-Komplex installiert. Insgesamt sechzehn Wasser-Mühlen waren in einer Doppelreihe hintereinandergeschaltet.

Dem Entdecker der Anlage, Fernand Benoit, wurde oberhalb der Mühlen eine Gedenktafel errichtet. Ende der 1930er Jahre fanden hier erstmals archäologische Ausgrabungen und Untersuchungen statt. Wieder einmal bestätigt sich an dieser Stelle: Man sieht nur, was man weiss. Denn die meisten, der allerdings immer noch wenigen Besucher dieses mehr als zwanzig Kilometer langen Doppel-Aquädukts gehen nur die letzten dreihundert Meter entlang der Wasserleitung und vor bis zu dem ziemlich steil abfallenden scheinbaren Ende, werfen noch einen Blick ins Tal und gehen wieder zurück zum Auto. Dabei wird es hier erst interessant.

Der Verlauf der Wasserleitung. Bild A. Chenet

Der berühmte "Knick". Zahlreiche weitere Bilder von Walter Kuhl finden Sie hier.

Hier und unten die doppelte Anlage der Mühlen. Bild: Danke an Walter Kuhl.

Die Rekonstruktion der Anlage durch Professor Cees Passchier von der Uni Mainz. Danke für das Bild!


 

Vier Tonnen Getreide wurden täglich verarbeitet

Die Wasserleitung teilt sich nämlich an dieser Stelle in eine, die in einem rechten Winkel nach Arles führt und in eine, die die Mühlen antrieb. Diese hintereinandergeschalteten Mühlen aus dem zweiten oder dritten Jahrhundert, so Professor Cees Passchier vom Institut für Geowissenschaften der Universität Mainz, der mir auch die Schemazeichnung der Anlage zur Verfügung stellte, hatten eine beachtliche Kapazität. Mehr als vier Tonnen Getreide konnten hier jeden Tag verarbeitet werden. Was mit dem Mehl geschah, ist unklar. Für die Versorgung von Arles alleine, wäre die Menge viel zu groß gewesen. So wird vermutet, daß aus diesem Mehl auch Schiffszwieback für die römischen Kriegsschiffe produziert wurden, die in Arles und Fos anlegten.

Vom Frühsommer bis zum Herbst stand die Anlage still. Dann versiegten regelmäßig die beiden Quellen von Mollégès und Paradou, die die Leitungen speisten. Dieses technologische Meisterwerk ist sicher einer der am meisten unterschätzten Orte in der Provence.