Samstag, 30. Dezember 2017

George Sand: Weit mehr als Männergeschichten

Eigentlich hieß sie Amantine Aurore Lucile Dupin de Francueil. Als Journalistin beim Figaro wählte sie mit J. Sand ein Pseudonym, das sie später beibehielt.

„Eine Milchkuh mit schönem Stil"
wurde sie von Nietzsche beleidigt - den man allenfalls verstehen kann, sollte er dabei das wenig schmeichelhafte Bild vor Augen gehabt haben, das Eugène Delacroix von ihr gemalt hatte. Da hatte sie sich gerade die Haare abgeschnitten und ihrem Liebhaber Alfred de Musset geschickt. Als de Musset auf einer gemeinsamen Reise nach Venedig schwer erkrankte, verliebte sich Sand in dessen Arzt, mit dem sie nach Paris zurückkehrte.

George Sand 1838.          Bild Wiki cc
Auf dem nebenstehenden Bild von Auguste Charpentier aus dem Jahr 1838 sieht sie so aus, wie sie sich gerne sah.

Neben unbekannten Ärzten sammelte sie vorrangig bekannte Autoren und Komponisten. Mit Chopin war sie in Mallorca unterwegs, mit anderen wie Liszt, Balzac, Flaubert, Dumas und Turgenjew anderswo.

Selbst de Musset bewunderte eher ihre Produktivität als ihre literarischen Qualitäten.

„Ich habe den ganzen Tag gearbeitet. Am Abend hatte ich zehn Verse gemacht und eine Flasche Schnaps getrunken; sie hatte einen Liter Milch getrunken und ein halbes Buch geschrieben.“
Damit kam Sand ungefähr auf den Tagesausstoß ihres Vornamensvetters Georges Simenon. Nur trank der keine Milch dazu, sondern, wenn er es bekam, belgisches Bier und dazu ein paar härtere Sachen. In seiner Pariser Wohnung hatte er sich Mitte der zwanziger Jahre eine Bar einbauen lassen, an der er und seine vielen Gäste regelmäßig einschliefen.

„Um vier Uhr früh kam meine Köchin“,
erzählte er in einem Interview des französischen Fernsehens.
„Sie tippte mir auf die Schulter. ‚Es ist Zeit‘. Ich setzte mich in eine Ecke an meine Maschine und schrieb vierzig Seiten eines Groschenromans. Wenn die anderen aufstanden, um zu frühstücken, hatte ich mein Tagewerk schon fertig.“
Die Vielschreiberin Sand - 180 Bücher und 15000 überlieferte Briefe - hat in den südfranzösischen Cevennen nur Verwunderung ausgelöst, wie Robert Louis Stevenson erzählt.
„Die Bauern, die über keine Literatur verfügten und niemals von Lokalkolorit gehört hatten“,
verstanden nicht, warum sich Sand angeregt mit einem zurückgebliebenen Kind unterhielt. Sie schlossen daraus, daß die Autorin selbst eine einfache Frau sein müsse. Auch ihre oft bewunderte Schönheit kam in den Cevennen nicht an.
„Die bekannteste Herzensbrecherin ihrer Zeit übte auf die Schweinehirten des Velay eine besonders geringe Anziehungskraft aus.“

Freitag, 29. Dezember 2017

Uzès: Die ungewöhnliche Domaine de Malaigue

Kann man einen Wein auch „sozial“ nennen, so wie das Vincent Damourette neulich in einem Beitrag für den Midi Libre getan hat?
Nachdem ich die Domaine besucht habe, muß ich sagen: Er hat recht. Als 1998 die Erträge der Domaine nicht ausreichten, hat François Reboul – mit dem Bäcker-Dichter aus Nîmes hat seine Familie nichts zu tun -, der das Weingut gerade in dritter Generation übernommen hatte, die Löhne seiner Arbeiter komplett ausbezahlt, sich selber aber nichts.


Allerdings ist das nur einmal vorgekommen, denn schon ein Jahr später war die Umwandlung zum Bio-Betrieb erfolgreich abgeschlossen und die vielen neuen Kunden akzeptieren seitdem auch die etwas höheren Preise.
 
„Den Preiskampf nach unten habe viele Winzer und vor allem Kooperativen inzwischen verloren. Den Wein im Bib abzufüllen oder im Vrac zu verkaufen, sagen wir mal für acht bis zehn Euro für die fünf Liter reicht nicht aus. Auch nicht, ihn tankzugweise und noch billiger an die großen Handelsketten zu verkaufen, schafft kein Auskommen,“
sagt Reboul. Und tatsächlich geht es vielen, die den Wein nur an-, aber nicht ausbauen, nicht besonders gut. Und das natürlich gerade in extrem trockenen Jahren, wie 2017, als die Quantität – und nur die zählt für die meisten – dreißig bis vierzig Prozent unter dem Vorjahr lag.

Hinzu kommt, das viele Winzer ihre Trauben im System der Fermage pflegen und ernten. Dabei verpachten Grundeigentümer ihre Weinberge, wobei sie dem Pächter lediglich einen Minimalbetrag von 500 bis 700 Euro je Hektar garantieren. Dafür gibt der Pächter seine Arbeitskraft, setzt seine Traktoren und die Erntemaschine ein, bezahlt Dünger und Spritzmittel und übernimmt die Ablieferung der Trauben in der Kooperative. Trockene Jahre werden so zum Risiko des Pächters. Erst wenn bestimmte Hektar-Gewichte deutlich überschritten werden, also über acht Tonnen liegen, fängt es an sich für den Pächter zu lohnen. Die hohen Werte von 15 oder manchmal über 16% bringen dem Pächter keine höheren Erträge.

Mein Favorit: Der Rosé                                          Bilder OT Uzès
Entsprechend nehmen die Brachflächen zu. Denn immerhin rund 6.000 Euro bekommt der Eigentümer für einen über sieben Jahre stillgelegten Weinberg. Südfranzösische Winzer ärgern sich hinter vorgehaltener Hand über die Kollegen aus Süditalien, wo die stillgelegten Weinberge schnell wieder bewirtschaftet werden und so also doppelt kassiert wird. Die italienischen Satelliten machen scheinbar die Augen zu, wo die französischen gleich einen Strafbefehl frei Haus liefern.

Freitag, 22. Dezember 2017

La Roque-sur-Pernes : On parle allemand

Übernachten mit Überblick im Château von La Roque
La Roque ist auch heute nichts als ein kleines Felsennest in der Nähe von Carpentras. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges war das Dorf mit seinen verwilderten Weinbergen und Olivenhainen, wie andere auch, fast ausgestorben. Angeblich habe es hier noch zwanzig Männer, der Jüngste gut über siebzig, und fünf Hunde gegeben. Zehn Jahre später waren die Felder bestellt, neues Land gerodet und zahlreiche junge Familien hatten für eine Wiederbelebung gesorgt. Nur die Sprache hatte sich geändert. Aus dem harten Französisch der Provenzalen war ein breites, osteuropäisch angehauchtes und mit schwäbischen Worten versetztes Deutsch geworden. Sieht man auf die Briefkästen, soweit überhaupt vorhanden, stehen da Namen wie Willer, Hockl oder Landmann.

In einem Beitrag für die ZEIT vom September 1974 beschrieb Charlotte Ujlaky, wie plötzlich aus einer Tür eine kräftige Männerstimme rief:


     „Nix to. Ihr pleipt.“

Und dann die einer Frau:
"Jetzt esse rm mol a gudes Hinglpoprikasch un trnoch kumme tr Willi un tie Mireille zum Kaffee."
Und dann wurde im Türrahmen eine alte Frau mit strengem schwarzem Kopftuch und langem schwarzem Rock sichtbar. Hier ein kurzes zeitgenössisches Video, das den Sprachton wiedergibt. Und wie heute auch oft bei Flüchtlingen: Die Kinder müssen für die Eltern übersetzen.
 

Wer da zum Hühnchen-Paprika-Gulasch rief, war eine Frau aus dem Banat, der Gegend, die heute im Dreieck von Rumänien, Serbien und Ungarn liegt. Im September 1944, nach dem Frontwechsel der Rumänen, hatten sich von dort viele Deutschstämmige auf der Flucht vor der der Roten Armee auf den Weg nach Westen gemacht. Im Winter blieben die meisten in Niederösterreich hängen, obwohl sie ursprünglich aus Lothringen und dem Elsaß stammten und nicht ganz richtig als „Banater Schwaben“ genannt wurden.

Johann Lamesfeld, Landwirt aus dem Banat, rumänischer Finanzminister und später Deutschlehrer in Avignon, schrieb um Hilfe an den französischen Premierminister Robert Schumann. Der antwortete:

„Ich habe ihren Brief erhalten. Ich als Lothringer kenne die Geschichte der Banater, und ich werde dafür sorgen, dass sie – meine Banater Landsleute – eine neue Heimat in Frankreich finden.“
Und so zogen die Banater ab November 1948 in Kehl über den Rhein. Viele fanden wieder Arbeit in den Gruben in Lothringen, aber zahlreiche Familien zog es in das verlassene La Roque-sur-Pernes in der Provence.

Zu der Zeit schrieb Edouard Delebecque, der Bürgermeister gerade den Nachruf auf La Roque:

„Un village qui séteint“ (Ein Dorf verlischt).
Als das Büchlein tatsächlich 1951 erschien, war diese Geschichte überholt und das Dorf zu neuem Leben erwacht. Innerhalb weniger Jahre hatte sich die bewirtschaftete landwirtschaftliche Fläche von 50 auf knapp eintausend Hektar vervielfacht.




Triptychon von Lorin in der Ortskirche

Wer heute hierherfährt, sollte das Dorf mit seinen inzwischen 450 Einwohnern zu Fuß erkunden und im Maison de l’Histoire locale anfangen, dem kleinen Heimatmuseum in der Rue du Portail haut. Regelmäßige Öffnungszeiten gibt es nicht, aber wenn Sie Leila auf dem Handy anrufen (0033.613.18.79), dann wird es schon klappen mit der Besichtigung.

Danach vielleicht in die kleine Pfarrkirche; dort hängt ein großformatiges Bild von Marie-Louise Lorin, das die Geschichte der Banatais unter dem Schutz der Gottesmutter darstellt. Danke an Peter-Dietmar Leber für das Foto und hier seine Geschichte der Banater Schwaben sowie an Klaus Heinrichs, der diesen Beitrag über La Roque angeregt hat. Sehr luxuriös können Sie im Schloss (Bild oben)übernachten. Chantal und Jean Tomasino haben das Gebäude über vier Jahre hinweg renoviert und im Laufe der Zeit über 500 Tonnen Schutt und alte Baumaterialien bewegt. Auf der Homepage können Sie detailliert die Geschichte des Gebäudes nachlesen, wie die Grafen von Toulouse ihre Besitzungen an der Rhone an den französischen König und den Papst verlieren.

Sie können aber, sehr authentisch, auch in einem stilvoll renovierten Gutshof aus dem 18. Jahrhundert übernachten, der gerade mal 2 Kilometer vom Dorf entfernt liegt. Auch das Restaurant der „Domaine de la Grange Neuve“ ist empfehlenswert. Da haben Sie dann Provence pur.

 




Samstag, 16. Dezember 2017

Stéphane Hessel: EMPÖRT EUCH !


1948, mit einunddreißig Jahren, hatte er drei Konzentrationslager, eines in Frankreich und zwei in Deutschland, überlebt. Frankreich, dessen Staatsbürger der gebürtige Berliner noch nicht einmal zehn Jahre lang war, schickte ihn als Diplomat zur UNO, wo er mithalf, die Charta der Menschenrechte der Vereinten Nationen zu formulieren; die Artikel konnte Stéphane Hessel noch sechzig Jahre später auswendig hersagen.

Mit über neunzig Jahren wird er unerwartet Bestsellerautor. Im Oktober 2010 verlegte Sylvie Crossmann eine 32seitiges Heftchen mit dem Titel „Empört Euch“ in einer Auflage von mutigen 8.000 Exemplaren in ihren Kleinverlag in Montpellier. Vier Monate später war fast die Million erreicht und die Rechte weltweit verkauft. Stéphane Hessel hatte rund zehn Jahre nach dem Erscheinen seiner weitgehend unbeachtet gebliebenen Memoiren „Tanz mit dem Jahrhundert“ den Nerv der Zeit getroffen.
"Das Grundmotiv der Resistance war die Empörung. Wir Veteranen rufen die jungen Generationen dazu auf, das Erbe der Resistance und ihre Ideale lebendig zu erhalten und weiterzugeben.“ 
Die größte Herausforderung sieht Hessel im immer weiter wachsenden Abstand zwischen arm und reich, global wie auch auf die einzelnen Staaten bezogen.
„Aber wie kann heute das Geld fehlen, da doch die Produktion seit der Befreiung beträchtlich gewachsen ist, während Europa damals in Trümmern lag“,
 
fragt er und liefert die Antwort gleich mit.
„Das ist nur möglich, weil die von der Resistance bekämpfte Macht des Geldes niemals so groß, so anmaßend und egoistisch war wie heute und bis in die höchsten Ränge des Staates hinein über eigene Diener verfügt.“ 
Hier, im Café de Lyon von Sanary, traf sich eine kleine
Trauergemeinde nach der
Beerdigung von Franz Hessel
Hessel weiß, wovon er spricht. Als kurz nach der Entlassung aus dem Lager von Les Milles sein Vater Franz Hessel in Sanary-sur-Mer stirbt, wird Stéphane Mitglied der Resistance. Lissabon, den Weg dorthin kennt er aus der Arbeit mit Varian Fry, und London, wo er de Gaulle kennenlernt, sind seine ersten Stationen. Ab März 1944 besteht seine heikle Aufgabe darin, die Kommunikation zwischen und zu den Widerstandsgruppen neu und sicher zu installieren.

Im Juli wird er in Paris verraten, geht der Gestapo in eine Falle. Er überlebt Buchenwald und Mittelbau-Dora, weil der mit Aufsehertätigkeiten beauftragte Mithäftling Arthur Dietzsch ihm im Oktober vor der Hinrichtung die Identität eines bereits an Typhus gestorbenen Lageerinsassen zukommen läßt, der dann als Stéphane Hessel verbrannt wird. Hessel ist nun Michel Boitel, kann im April 1945 bei der Evakuierung des Lagers fliehen, kämpft noch einige Tage mit amerikanische Truppen und findet sich Ende 1945 als Diplomat in französischen Diensten.

Stéphane Hessel starb 2013 im Alter von 95 Jahren. Das Portrait Stéphane Hessel stammt aus wiki cc.


 

Samstag, 9. Dezember 2017

Marseille: Albert Hirschmann ist Beamish, der Strahlemann

Eine den Nationalsozialisten ganz wichtige Klausel im Waffenstillstandsabkommen mit Frankreich sah die Auslieferung aller von der deutschen Regierung benannten Personen vor. Und die Deutschen hatten lange Listen.

Mit Hilfe unter anderem von Thomas Mann, Hermann Kesten und Hans Sahl ergänzte auch Varian Fry seine Listen der Personen, die zu retten waren.
Mit seiner Truppe machte er sich in Marseille vom Hotel Splendide (Bilder Fry Archiv)aus tatkräftig an die Arbeit. Dieses Hotel, in der Nähe des Bahnhofs Saint Charles gelegen, entwickelte sich langsam zum Zentrum der Unterstützung von Flüchtlingen. Vor Fry hatte bereits Frank Bohn hier Quartier bezogen; Bohn kümmerte sich im Auftrag der American Federation of Labour vor allem um gefährdete Gewerkschaftsmitglieder.

Frys wichtigster Mitarbeiter war ein völlig mittelloser Berliner,

„sehr intelligent, und immer gutmütig und fröhlich. Ich nannte ihn Beamish (Strahlemann), wegen seiner schelmischen Augen und seines ewigen Schmollmundes, der sich in Sekundenschnelle in ein breites Grinsen verwandeln konnte.“


Trotz aller scheinbaren Unbeschwertheit nahm er seine Aufgabe im Komitee ernster als andere. Einmal verglich er seine Aufgabe mit der Pflicht des Soldaten die verwundeten Kameraden nicht auf dem Schlechtfeld zurückzulassen.
„Er muß sie retten, auch wenn es das eigene Leben kostet. Einige werden trotzdem umkommen. Einige werden ihr Leben lang Krüppel bleiben. Aber rausholen muß man sie alle. Zumindest muß man es versuchen.“
Und so beschaffte er Geld und Papiere, manchmal falsche, und hielt die Kontakte zur Polizei wie zur Unterwelt, um an die Aufenthaltsorte der Exilanten heran zu kommen.Und wenn es dann gelungen war, die gefährdeten Exilanten über Spanien oder Nordafrika in die USA zu bringen, erwartete die dort ein ziemlicher Kulturschock, wie die Anzeigen in den
 
 
deutschsprachigen amerikanischen Zeitungen beweisen: Vom „Witz-Kontest“ über „Reizende Girls“ bis zu John Kolischer, dem „KOMIKER der Komiker, der Millionen zum Lachen brachte“. Die Shows im Revuetheater „Old Europe“, die helfen sollten, das alte Europa zu verdrängen oder zu vergessen.

Nach seiner Flucht aus Deutschland studierte Beamish an der Ecole des Hautes Etudes Commerciales in Paris, später in London an der

School of Economics und promovierte in Triest. Und nachdem er Marseille verlassen mußte, konnte man Albert Hirschman(n), wie er richtig hieß,als Professor in Harvard, Yale und Princeton (Bild in seinem Büro dort)wiederfinden. Hirschmann hatte im Spanienkrieg auf seiten der Republikaner gekämpft, dann für die französische Armee, von wo er einen Entlassungsschein als „Albert Hermant“ besaß. Das war nur eines von seinen
„zu vielen guten falschen Papieren“.
Eine Geburtsurkunde aus Philadelphia hatte er noch, ein Soldbuch und die Mitgliedskarte eines von ihm gegründeten Automobilclubs mit dem surrealistischen Titel „Club der Clublosen“. Eines Tages müsse er ja verhaftet werden, meinte er, das sei ja
„fast wie bei einem Verbrecher, der zu viele unterschiedliche Alibis hat“.






 

Samstag, 2. Dezember 2017

Port Bou: Walter Benjamin - gerade gerettet - begeht Selbstmord

 
Um ihre Zusammenarbeit auf eine rechtlich sichere Grundlage zu stellen, schlossen das Deutsche Reich und die Vichy-Regierung einen Auslieferungsvertrag. Wen die Gestapo haben wollte, den mußten die Franzosen ausliefern. Diese Regelung veranlaßte den 48jährigen Walter Benjamin, sich mit einer Überdosis Morphium umzubringen; und
das nur Stunden, nachdem er von der österreichischen Widerstandskämpferin Lisa Fittko über die Pyrenäen nach Spanien, und damit in Sicherheit, gekommen war. Lisa Fittko und ihr späterer Mann Hans arbeiteten mit Varian Fry's Emergency Rescue Committee bei der Fluchthilfe zusammen.

Benjamin war einer der drei Flüchtlinge, die Lisa Fittko bei ihrer allerersten Tour über die Berge nach Spanien mitnahm; neben Benjamin noch Henny Gurland und deren 16jährigen Sohn José.
„Ich habe Benjamin nicht rübergenommen, weil er der große berühmte Philosoph war. Ich kannte ihn, und er war einer von denen, die heraus mußten aus dem halb besetzten Frankreich.“
In ihren Erinnerungen hat Fittko das plastisch aufgezeichnet.

Mit dem „alten Benjamin“, wie Fittko ihn nannte, hatte sie gleich einen der eigenwilligsten Kandidaten. Umständlich, kurzatmig langsam, obwohl er inzwischen aufgehört hatte zu rauchen, nicht
bereit, auch nur einen Meter umzukehren - aber immer überaus betont höflich. „Gnädige Frau“ begann er, als er Lisa in Port Vendres in einer kleinen Dachwohnung aufsuchte,
„gnädige Frau, entschuldigen Sie bitte die Störung. Hoffentlich komme ich nicht ungelegen. Ihr Herr Gemahl sagte, Sie würden mich über die Grenze nach Spanien bringen.“ 
Die "gnädige Frau machte sich später immer wieder über Benjamins „spanisches Hofzeremoniell“ lustig.

Über einen Gewerkschafter im Hafen von Port Vendres hatte Lisa Fittko Kontakt zu Monsieur Azéma, den Bürgermeister von Banyuls, bekommen.

Bessere Unterstützung hätte Lisa Fittko nicht finden können. Azéma hatte Fittko dann in einem stundenlangen Gespräch alle Einzelheiten eines Fluchtweges eingebläut, der nach einem steilen Anstieg weit weg von der Küste einen Bogen nach Port Bou in Spanien machte. Inzwischen heißt der Weg „Chemin Walter Benjamin“; vom Fittko-Denkmal führt er in fünf bis sechs mühsamen Wanderstunden nach Port Bou.

Der Weg führte oft durch die Entwässerungsgräben
Sie solle sich anpassen, riet ihr der Bürgermeister, morgens mit den Weinbauern den Weg aus Banyuls hochgehen, Espadrilles tragen, möglichst kein Gepäck mitnehmen und „surtout pas de rucksack“, für die Zöllner ein untrügliches Kennzeichen deutscher Flüchtlinge. Walter Benjamin trug zwar keinen Rucksack, dafür aber eine schwere Aktentasche.
„Diese Aktentasche ist mir das Allerwichtigste. Ich darf sie nicht verlieren. Das Manuskript muß gerettet werden. Es ist wichtiger als meine eigene Person.“
Das Manuskript ist bis heute verschwunden.

Nach dem unbemerkten Grenzübertritt kletterten die Flüchtlinge nach Port Bou hinunter. Im damaligen Hôtel de Francia fanden die Flüchtlinge Quartier. Plötzlich sollten sie nun aber ein französisches Ausreisevisum vorlegen. Als sich weitere Schwierigkeiten mit der Anerkennung der Papiere abzeichneten, hat Benjamin, wie sich Henny Gurland erinnert, eine Überdosis Morphium, die er schon seit langem bei sich trug, eingenomme. Er hat sie auch gebeten, alle ihn kompromittierenden Briefe und Schriften zu vernichten.



Heute erinnert ein Denkmal von Dani Karavan an diesen überflüssigen frühen Tod.


 

Samstag, 25. November 2017

Zwei Languedoc-Kriminalromane von Silke Ziegler: 1000 Seiten Strandlektüre

Das kleine Städtchen Argèles-sur-Mer, bei Perpignan kurz vor der spanischen Grenze gelegen, hat heute im Sommer meist mehr als sechzigtausend und im Winter knapp zehntausend Einwohner. Hier ist die Welt in Ordnung, scheint es, solange jedenfalls, bis man zu den Argèles-Krimis von Silke Ziegler greift.

Die vielen Gäste am Strand sind gewollt - heute jedenfalls. 1939 war das anders.Das Ende des spanischen Bürgerkrieges hatte allein 400.000 Flüchtlinge - mehr als doppelt so viele, wie das Departement Pyrénées-Orientales damals Einwohner besaß – in die Gegend kommen lassen. Der französische Premierminister Édouard Daladier hatte die Grenzen geöffnet und gehofft, daß man es irgendwie schaffen könne, die Flüchtlinge unterzubringen und zu versorgen. Weit gefehlt: Mehr als 75.000 Menschen wurden am Strand von Argèles hinter Stacheldrahtverhauen untergebracht und nur so notdürftig versorgt, daß viele von ihnen starben.


Ein Deutscher, der auf Seite der Republikaner im Bürgerkrieg gegen Franco gekämpft hatte, beschreibt das in seinen Erinnerungen aus dem Jahr 1941: „Wir kamen in zusammengefallenen Hütten an, halb verhungert und durchnässt, der Regen tropfte durch die undichten Holzdecke. Die Strohmatten waren nass und voller Fliegen. Wasser wurde aus zwei Meter tiefen Löchern geschöpft. 30 Männer starben in zwei Monaten. Erst als Typhus nachgewiesen wurde, wurden die Toiletten verbessert. Die französische Lagerleitung rechtfertigte ihre Untätigkeit mit der Niederlage Frankreichs und der allgemeinen Knappheit. Immerhin gab es ausreichend Früchte und Gemüse zu essen.“  Norbert Flörken hat das dokumentiert.

Blick vom Tour de Madeloc auf die Cote Vermeille
Für die meisten Besucher von Argèles-sur-Mer ist der kilometerlange Sandstrand von Argèles-Plage das Ziel. Dabei hat das Städtchen und vor allem die Umgebung einiges zu bieten. Zum Beispiel  den Tour de Madeloc, den einen weiten Rundblick auf die Cote Vermeille bietet, die sehenswerte Kirche Saint-Laurent-du-Mont im Wald von Valmy ein paar Kilometer südlich der Stadt und dort auch den Strand von Le Racou. Hier gibt es die kleinen Strandhäuser, die nicht von den Hochhaus-Bausünden erdrückt werden und in denen man sich wie auf einem Schiff fühlt. Die Restaurants sind nicht ausschließlich auf touristische Einmalbesucher ausgerichtet, sondern achten auf ein ordentliches Verhältnis zwischen Preis und Leistung. Das gilt etwa für das „La Table au Coin“ gerade für Fisch und Meeresfrüchte oder „La Casa Loca“ für katalanische Küche. Außerdem beginnt hier trifft die Felsenküste, die beim Tauchen und Schnorcheln eine ganz andere Abwechslung bietet. Und: Sie sind nur eine kleinen Spaziergang von Collioure entfernt, der Malerstadt des Fauvismus mit ihrer beeindruckenden Wehrkirche (auch auf dem Titel von „Im Schatten des Sommers“), die ins Meer hinaus gebaut wurde.

Der Strand von Argèles: Tatort im Roman und Internierungslager
 Das alles findet in den (trotzdem lesenswerten) Kriminalromanen von Silke Ziegler für mich viel zu wenig statt, um gleich mit meinem kritischen Punkt zu beginnen. Mit „Im Schatten des Sommers“ hat sie im Dortmunder Grafit-Verlag einen Newcomer-Erfolg gefeiert und sich mit „Im Angesicht der Wahrheit“ schon eine beachtliche Stammleserschaft erschrieben. Und das, obwohl sie auf das Lokalkolorit Südfrankreichs gerade im ersten Band weitgehend verzichtet. Beide Bücher Zieglers (Jahrgang 1975) leben von einer durchdachten Konstruktion und vor allem von den Dialogen. Sie sind in Argèles-sur Mer angesiedelt, könnten aber genauso gut in der Eifel spielen. Dort hat Jacques Berndorf (Jahrgang 1936) vorgemacht, wie man Menschen und eine Landschaft in einem Krimi verwebt.
Ohne zuviel zu verraten, worum geht’s in den beiden Büchern?
Im Angesicht der Wahrheit: Estelle hat in Argèles die kleine Pension ihrer Großmutter geerbt. Aus dem Ort ist sie kurz nach ihrem Schulabschluss nach einem traumatischen Erlebnis weggegangen. Und nun werden ihre ehemaligen Klassenkameraden einer nach dem anderen umgebracht. Ob Estelle die Mörderin ist? Schnell wird klar, daß sie es nicht ist, aber die Auflösung und die Motive des Täters sind spannend herausgearbeitet.
Im Schatten des Sommers: Vor zwanzig Jahren sind die Eltern von Sophia in einen Supermarkt gegangen und nie wieder aufgetaucht. Jetzt findet die Polizei eine neue Spur. Ein Mann, Unfallopfer, hat ein Foto dabei: Die Frau darauf ist Sophias Mutter. Und Kommissar Nicolas Rousseau verhält sich anfangs nicht so, daß Sophia Vertrauen in die Polizeiarbeit fassen kann. Eine Mischung zwischen Krimi und Romanze mit Horror-Passagen.
Wenn Sie die beiden Bände mit in den Urlaub nehmen, sind Sie und vor allem Ihre Frau mit zusammen 1.000 Seiten gut versorgt. Aber Vorsicht bei der Lektüre am Strand: Nach mehr als 100 Seiten, und die werden es leicht, wenn man sich erst einmal eingelesen hat, droht ein ordentlicher Sonnenbrand.

Samstag, 18. November 2017

Kesten und Heinrich Mann: Gleichgesinnte


Von New York aus organisierte Kesten, tatkräftig
unterstützt von seiner Frau Toni die Flucht
zahlreicher Exilautoren, Musiker, Maler und
Wissenschaftler. Bild: Nimbus Verlag aus der
Kesten-Biographie von Albert M. Debrunner.
Den Ort, an dem Hermann Kesten im Januar 1900 zur Welt kam, werde ich mir nie merken können. Also nur für Sie: Als er noch zu Galizien gehörte, hieß er Podwoloczyska, heute, zur Ukraine gehörig, heißt er Pidvolochysk. So wichtig ist es aber auch nicht, denn Kesten selbst hätte sich immer eher als Berliner, Pariser, Römer oder sogar New Yorker gesehen. Nach dem Tod des Vaters, der einer Verwundung gegen Ende des Ersten Weltkriegs erlag, studierte Kesten Juristerei und Ökonomie, was er ebensowenig abschloß, wie die späteren Studien der Philosophie und Geschichte und auch die Dissertation über Heinrich Mann, in die er anfangs soviel Zeit und Willen gesteckt hatte, blieb unvollendet.
Immer wieder kreuzten sich die Wege von Kesten und Heinrich Mann, aber auch die mit vielen anderen späteren Exilanten. In München arbeitete er gemeinsam an dem Theaterstück „Bourgeois bleibt Bourgeois“, das Ernst Toller und Walter Hasenclever nach Manns „Bourgeois Gentilhomme“ geschrieben hatten. Die Texte der Chansons stammten von Kesten, die Musik von Friedrich Holländer.

Toller (li) und Hasenclever. Bild: Uni Düsseldorf
Später bemühte sich Kesten um Manuskripte von Mann, aber der, sehr arriviert schon, kam nicht einmal mehr selbst zur anberaumten Besprechung. Er schickte einen
„Herrn Dunin, der wie ein armenischer Waffenhändler oder wie ein Gastwirt aus Marseille aussah und davon lebte, daß er als der literarische Agent von Heinrich Mann auftrat“.
Die letzte Begegnung vor dem Wiedersehen in Südfrankreich fand Anfang 1933 unter konspirativen Umständen in Berlin statt -
„eine makaber komische Zusammenkunft“
nannte Kesten das Treffen, an dem neben Mann auch Johannes R. Becher, Leonhard Frank und Ernst Gläser teilnahmen. Brecht war auch da, gab sich kämpferisch, wollte Aufrufe und Theaterstücke gegen Hitler verfassen. Die kommunistische Partei, die Rote Hilfe oder die Gewerkschaft müsse ihm allerdings eine Leibwache stellen,
„vier oder fünf faustfeste, schußbereite“
Kerle. Drei Tage später waren die ersten aus der Runde im Exil.

Als Kesten, während er sich in Nizza aufhielt, die Nachricht vom Einmarsch der deutschen Truppen in der Tschechoslowakei erfuhr, schrieb er einem Freund:
"Manchmal meine ich, man sollte nicht mehr schreiben, sondern schreien oder sich völlig in die verzauberte Stille abgelegener Zeiten flüchten. Es ist ein Spott und ein Jammer, dass unser Leben von den dümmsten und brutalsten Bestien unserer Epoche ausgefüllt und geformt wird. Wir führen das Leben von Bettlern und haben die Sorgen von Ministern und Feldmarschällen. Was für ein dummer Scherz!"

Samstag, 11. November 2017

Sanary: Für das FBI so eine Art Kiautschou

Als Ludwig Marcuse (Bild: Monacensia) in den Vereinigten Staaten eingebürgert werden sollte, wurde er, wie andere auch, von den US-Diensten ausgefragt:
„Please tell us something about the German colony Sanary.“
Den Amerikanern mußte Sanary so etwas sein wie Togo oder Deutsch- Ostafrika oder das chinesische Pachtgebiet Kiautschou, Kolonialgebiet jedenfalls. Es kostete Marcuse einiges an historischer Nachhilfearbeit und Überzeugungskraft,
„für die freundlich-neugierigen Investigatoren klarzustellen, daß wir Deutsche selbst in Hitlers bester Zeit Sanary nicht zu jener ‚Kolonie‘ des Vaterlands gemacht hatten“.  
Auf der Briefmarke zum 100sten Geburtstag
fehlte der "Geheimreport"
Wesentlich detaillierter hatte sich Carl Zuckmayer für die Amerikaner ans Werk gemacht. Sein "Geheimreport" verzeichnet rund 150 Portraits von Kulturschaffenden, natürlich Theater- und Filmschauspielern, vielen Journalisten und Literaten bis hin zu Kabarettisten.

Der Autor des „Hauptmann von Köpenick“ erhielt größtes Lob von seinen Auftraggebern:
„Ihre Arbeit ist so gut. Wenn Sie nicht schon berühmt wären, könnten Sie es damit werden“,
schrieb ihm Emmy Rado, seine Führungsoffizierin vom Office of Strategic Services. Und ähnlich bewerteten es fast sechzig Jahre später auch die deutschsprachigen Feuilletons. Dabei hatte Zuckmayer in Einzelfällen einen ziemlichen Spagat unternehmen müssen, schrieb auch über Kollegen, die er viel zu wenig kannte und bewegte sich, mit dem Versuch allen gerecht zu werden, trotzdem entlang der Grenze zur Denunziation. Da mußte er seine ehemaligen Kollegen klassifizieren und schuf die Widerstrebend-Zuverlässigen, die Nutznießer, den verhuschten Selbstsüchtigen, den geldgierigen, bekennenden Feigling und zu allerletzt „die Kreaturen“, wie er die „Nazipublizisten“ verachtungsvoll bezeichnete. Filmleute in erster Linie - wie Hans Albers, Gustaf Gründgens, Heinz Rühmann, Theo Lingen -, aber auch Autoren wie Benn, Ernst Jünger, Kästner oder Edschmid. Hilfreich kommentiert ist das Buch erst 2002 in Deutschland erschienen.

Samstag, 4. November 2017

Racine: Ein Leben ohne Butter ist nicht vorstellbar

Als Racine in Uzes lebte, begann er mit seiner Schwester Marie, mit Nicolas Vitart, dem Abbé Le Vasseur und La Fontaine eine lebhafte Korrespondenz, die bis August 1662 andauert. Alles andere als
In Uzes noch unbekannt und dünn,
zehn Jahre später erfolgreich
mit Doppelkinn
theologische Themen stehen im Mittelpunkt. Daß er den Dialekt des Südens nur schwer verstehe, erfahren wir, daß das gute Leben auf dem Lande auch das Dichten erschwere und daß die Auswahl der Restaurants schon damals beträchtlich gewesen sein muß:

„Uzès, Stadt der guten Küchen, wo zwanzig Speisewirte zu leben fänden, aber ein einziger Buchhändler verhungern müßte.“
Dieses Zitat, das immer wieder Racine zugeschrieben wird, stammte tatsächlich von einem namentlich unbekannten Reisenden, der es in einem Restaurant auf die Tischdecke schrieb. Das jedenfalls haben die Recherchen des in Uzès geborenen Lokaljournalisten Jacques Roux ergeben.
 
Der ehemalige Basketballnationalspieler war war jahrelang für "L’Equipe" tätig, bevor er sich zur Mitarbeit an Regionalzeitungen wie „La Provence“ und „Midi Libre“ entschloß. Wenn Sie einmal jemanden brauchen, der aber auch wirklich alles und jeden kennt und immer noch eine Anekdote dazu, dann rufen Sie ihn einfach an und wenn Sie eine gute Geschichte haben, erst recht (09.77.93.27.01).

Ausführlich berichtet Racine auch, wie er sich hat überreden lassen eine Olive vom Baum zu probieren und dann über diesen gallebitteren Geschmack schimpfte, den er 
Paradiesisches Öl


„noch vier Stunden später in meinem Mund hatte“.
Daraufhin konnte er sich auch nicht mehr vorstellen, daß mit Olivenöl gekocht werde könne; aber die Köchin des Onkel weigerte sich, für ihn ein Ratatouille mit Butter zuzubereiten. Aber schon wenig später hatte er mit den Olivenbäumen Freundschaft geschlossen:
„Im Gard gibt es die besten Oliven der Welt“.
Und hätte, wenn es das Olivenöl von Roger Paradis schon damals gegeben hätten, sicher an genau dieses gedacht, das heute auch neben dem Weinkeller von Bourdic verkauft wird.

Vielen Touristen ist Racine zunächst nur in Verbindung mit einem Wein aus der Kooperative 
Les Collines du Bourdic ein Begriff. Die Cuvée Racine gibt es inzwischen als Roten, Weißen und Rosé,letzterer ein leichter und fruchtiger Sommerwein aus Syrah und Grenache. 
„Alle Leidenschaften sind hier besonders ausgeprägt oder gar übermäßig“,
wirbt die Kooperative mit einem Zitat aus Racines Briefen und freut sich über einen gut funktionierenden Marketing-Gag, der viele ausländische Besucher in die Räume der Winzergenossenschaft führt und dort zusätzliche Umsätze aus dem Verkauf von Honig, Gänseleber oder bemühten Ölbildern lokaler Maler generiert.



Samstag, 28. Oktober 2017

Sanary: Die "Frauenumgebung" der Exilautoren

Mit besonderer Ehrerbietung oder Höflichkeit wenigstens wurden die Damen in Sanary von den versammelten Dichterfürsten und literarischen Kaisern nicht behandelt. Allenfalls Ironie ließ man ihnen zukommen und Ludwig Marcuse sammelte all das und war damit auch kaum besser als die von ihm unten beschriebene "Auskunftei".

Inzwischen viel lesenswertes Auto- und Biographisches über die "Frauenumgebung"

Sybille von Schoenebeck zum Beispiel, die ihre Vorliebe fürs Britische ständig vor sich hertrug.
„Der Hauptmotor der englischen Gruppe war ein Fräulein von ..., die englisch sprach, als wäre sie auf dem Campus von Oxford geboren, und so highbrow, daß sie sich selbst nur gelegentlich einmal verstand.“
Sie sei ein „großer Snob mit einem guten Herzen“ gewesen und dazu „einer beträchtlichen Portion von Unsicherheit und einer noch größeren Leibesfülle“.

Diese Unsicherheit hinderte sie allerdings nicht daran, in deutschen Flugzeugen lautstark und „mit einer Flut köstlichster englischer Redewendungen“ über die aufgehängten Hakenkreuzfahnen zu schimpfen.

Als Sybille Bedford und Biographin von Aldous Huxley fand sie sich schließlich angemessen britisch. Den neuen Familiennamen hatte ihr nach vielem Drängen Huxley besorgt – in Form eines homosexuellen Engländers in Geldnöten, der die Scheinehe einging und ihr so zur Mrs. Bedford und damit zur britischen Staatsbürgerschaft verhalf.
Vorbild für diese Scheinheirat war die Verheiratung Erika Manns mit dem englischen Dichter Wystan Auden.


Viele andere Damen wurden nicht einmal beim Namen genannt.
„Ich habe zuviele Frauen deutsch-kommunistischer Intellektueller mit eigenen Ohren gehört und die Männer saßen geduckt daneben und die Brandung der Phrasen ging über ihre Köpfe.“
Da könne keiner den Kopf hochhalten, wenn die schrillen Weiblichkeiten modulierten. Einer kam mit einer
„veilchenblauäugigen Dänin“,
ein anderer mit
„der schlanken Tochter irgendeiner Tusnelda“.
Oder das Mädchen,
„deren literarischer Ruhm darin bestand, daß Alfred Kerr ihr in verschollenen Tagen Liebesgedichte geschrieben hatte“,
Marta Feuchtwanger zu Besuch bei Huxley (Bild: Monacensia)und ein Selbstportrait der Karikaturistin
Eva Herrmann (Bild: Exilarchiv) ,die die Ölmalerei einer Allergie wegen aufgeben mußte
der Eva Herrmann, die Freundin des „Fräuleins von...“, deren Beitrag zur deutschen Literatur darin bestand, Karikaturen der Literaten zu zeichnen - das allerdings meisterhaft.
„Sie war sehr rationell und glaubte an Geister.“  

Eva Herrmann lebte mit Sybille Bedford in einem ehemaligen Bauernhof, der „Bastide Juliette“ und wer die beiden besuchen wollte, mußte schon einen langen, steilen Marsch in Kauf nehmen.

René Schickele, der den Weg auf sich genommen hatte, erinnerte sich an Sybilles Stimme „wie eine erkältete Turteltaube“ mit den Bewegungen „eines robusten, wohlerzogenen Gardeoffiziers“. Die stets zögerliche Eva habe sie mit ihren Augen dirigiert,
„Eva, die voller Fragen dasteht und kaum eine davon über die Lippen bringt“.
Und dann gab es noch die
Auskunftei, die geschiedene Frau eines bekannten deutschen Schauspielers.“
Als Beichtmutter konnte sie die Geheimnisse nicht so hüten, wie sie es sicher gewollt habe. „Mit weißen zitternden Lippen gab sie dann eine Portion Geheimnisse her.“ Und eine Minute später, eingeleitet von der rituellen Formel
„Da ich nun schon fast alles erzählt habe ... kam dann erst das Strammste zur Welt.“
 
Aber Ludwig Marcuse schätzte besonders an ihr, daß sie nie boshaft klatschte.

Samstag, 21. Oktober 2017

Ernst Moritz Arndt: Auswirkungen der französischen Revolution in Marseille

Ernst Moritz Arndt,1769 auf Rügen geboren und sein leblang auf der Seite der Freiheit kämpfender Abgeordneter, Hochschullehrer und politischer Schriftsteller, mußte nach dem Sieg Napoleons über Preußen ins Exil nach Schweden flüchten, weil er sich zu aktiv gegen die französische Besetzung engagiert hatte. 

Als Arndt zehn Jahre nach der Revolution im Rahmen einer Bildungsreise Marseille besuchte, war er den Freiheitsgedanken der Revolutionäre noch sehr nah. Und dennoch war er schockiert vom
Rathaus von Marseille: Französische Revolution und
die Zerstörungen der Wehrmacht überstanden
Zustand der Stadt.
Unter den sehenswerten Gebäuden waren lediglich das Rathaus und die Börse der Zerstörungswut entgangen.

„Von anderen öffentlichen Gebäuden und Werken läßt sich nun nichts mehr sagen. Die Kirchen sind entweiht und ihre Zierraten und Kunstwerke verschleppt, ja selbst die Gräber hat man aufgewühlt.“
Schiffe lägen „entmastet und entleert“ da und

„fast an allen Türen und Fensterläden liest man: à vendre und à louer. Wie sollen auch die Menschen bleiben, wenn ihnen alle Mittel zu leben abgeschnitten sind, wenn die Schiffahrt liegt und die Revolutionssense die ersten Häuser niedergemäht hat.“ 

Wer heute sich bewundernd über den Hafen äußere, bekomme nur zu hören:
„Vor der Revolution, oh vor der Revolution, da war Marseille noch etwas. Jetzt sind wir arm und haben über ein Drittel unserer Menschen verloren.“
Ernst Moritz Arndt Bild: Wiki cc
Ihren Namen immerhin hatte die Stadt behalten, obschon sie nach dem Willen der Revolutionsführer nur noch „Stadt ohne Namen“ heißen sollte. Denn Marseille war lange alles andere als revolutionäre Stadt, sie war Hafen- und Handelsstadt und wollte das auch bleiben, so sehr, daß die Stadtoberen sogar englische Truppen gegen die Revolution zu Hilfe riefen. Die allerdings landeten in Toulon und wurden aufgerieben, bevor sie Marseille erreichten.

Wer Arndts Reisebeschreibungen liest, der kann sich kaum vorstellen, daß seine weltanschaulichen Schriften ihn mal als Demokraten ausweisen, mal als antisemitischen Demagogen und mal als deutsch-nationalen Franzosenhasser.
„Wenn ich sage, ich hasse den französischen Leichtsinn, ich verschmähe die französische Zierlichkeit, mir mißfällt die französische Geschwätzigkeit und Flatterhaftigkeit, so spreche ich vielleicht einen Mangel aus, aber einen Mangel, der mir mit meinem ganzen Volke gemein ist.“  
Und das nur wenige Jahre nach einer begeistert beschriebenen Reise durch Frankreich, nach angenehmen Tagen in Marseille, dem „reizenden Erdfleck“, nach „frohen und elyseischen Tagen im Paradies Frankreichs“ und „den feinen Blumenmädchen“ auf dem Markt, die er alle Morgen eine halbes Stündchen beobachtete und sich „königlich dabei ergötzte“.

Samstag, 14. Oktober 2017

Brecht, Feuchtwanger, Mann: Nebensächliches und Nonsinniges

Nicht allen Exilanten in Sanary und den umliegenden Badeorten waren der Alkohol und die immer wieder gleichen Gespräche in kaum einmal wechselnden Besetzungen in den Bars am Hafen genug. Als Bertolt Brecht für ein paar Tage bei Marta und Lion Feuchtwanger wohnte, stand sein Urteil schnell fest:
„Hier am Mittelmeer ist es langweilig. Heinrich Mann imitiert Victor Hugo und träumt von einer zweiten Weimarer Republik.“
Feuchtwanger und Brecht fiel immer wieder etwas ein, um der Langeweile zu entfliehen. Und wenn sie das Kommunistische Manifest in Gedichtform brachten. Solche Fingerübungen schienen Brecht zu liegen. Als er kurz nach der Hochzeit mit Helene Weigel am Strand von Le Lavandou stand, dichtete er nonsinnig:

„Hier standen die alten Mauren
Und schauten aufs Meer hinaus

Und sagten, nun kann’s nicht mehr lange dauern
Und dann ist’s mit uns aus.


Bar de la Marine: Einer der ständigen
Treffpunkte der deutschen Exilautoren
Und damit hatten die Mauren recht,
Denn mit ihnen ist’s jetzt aus

Und da, wo sie standen, steht jetzt der Brecht
Und schaut aufs Meer hinaus.“

Auch wenn man die Tagebücher von Thomas Mann liest, ist nicht alles „zauberergemäß“, wiederholen sich die Nebensächlichkeiten, wie überhaupt die Mückenplage, der Wind, die Wassertemperatur und das Schicksal der Möbel aus der Münchener Villa die beherrschenden Themen seines Sommers in Sanary waren. Für Klaus und Erika Mann dagegen war Sanary der erklärte Treffpunkt der „pariserisch-berlinisch-schwabingerischen Malerwelt“ sowie der angelsächsichen Bohème.

Und erst recht hoch ging es her, wenn dann Jules Pascin, „der Abgott von Montparnasse“ auftauchte, wie üblich „leicht schwankend, die Zigarette zwischen den genusssüchtigen Lippen, den Hut schief über den melancholisch-lasziven Augen, umgeben von ein paar Damen, die auch nicht mehr nüchtern“ waren. Anfang des Jahrhunderts hatte Pascin in München mit Purrmann, Slevogt und Kandinsky mit expressionistischem Überschwang die bayerische Gasthausgemütlichkeit durcheinander gebracht. Später in Paris wusste man, wenn man dem Comic von Joann Sfar Glauben schenken will, immer, wo man Pascin finden konnte:

"Entweder in seinem Atelier oder einem Bordell."

Samstag, 7. Oktober 2017

Johanna Schopenhauer: Vergebliche Suche nach der Reinlichkeit des Südens

Das ist nun wirklich mal ein durchgezogener roter Faden. Johanna Schopenhauer, die 1766 geborene Tochter aus einer groß- und bildungsbürgerlichen Danziger Handelsfamilie und vom Vater gegen
Klementine des 18. Jahrhunderts
ihren Willen an einen noch reicheren Handelsherren verheiratet, war, nicht nur in Südfrankreich, immer auf der Suche nach sauberen Gassen, Plätzen und Hotels und hat das in ihren damals hochgeschätzten Reiseveröffentlichungen, etwa den "Promenaden unter südlicher Sonne" auch penibel dokumentiert.

In Montauban, im „Hotel des Ambassadeurs“, nahm Johanna Schopenhauer Anstoß an der Möblierung. Vorhänge, Stühle und das Bettgestell sahen aus, als stammten sie aus einem in der Französischen Revolution zerstörten und ausgeraubten Schloß. Auch ekelte sie sich vor der fleckigen Bettwäsche.
„Die Flecken waren vielleicht Blut der in diesen Betten Ermordeten.“
In Toulouse war alles noch viel schlimmer:
„Der dem Lande eigene Haß gegen alle Ordnung und Reinlichkeit scheint in dieser Stadt aufs höchste gestiegen.“
Auch Carcassonne fand ihre Gnade nicht:
“Des so notwendigen Schattens wegen baute man hier die Häuser so nahe einander gegenüber, aber die Luft wird dadurch dumpf, drückend und der gänzliche Mangel der Reinlichkeit umso empfindlicher.“
Und auch nicht Montpellier:
Place de la Comédie
„Da wir bisher auf fast allen Flaschen mit wohlriechendem Wasser immer Montpellier gelesen hatten, so glaubten wir in unserer Einfalt, die ganze Stadt müsse wie der Laden eines Parfümeurs riechen. Wir fanden aber leider hiervon das Gegenteil. Von der hier herrschenden Unreinlichkeit ist es unmöglich, sich einen Begriff zu machen; das Auge wird ebenso beleidigt als die Nase.“ 
Ähnlich wenig gefielen ihr Avignon und Aix-en-Provence, jedenfalls abseits der stattlichen Bürgerhäuser und Brunnen auf dem Cours.
Stolpern über Cézanne
„Der übrige Teil von Aix ist winkelig und dunkel, und die darin vorherrschende Unreinlichkeit übersteigt allen Glauben. Die ganze Stadt hat etwas unordentliches, wir möchten sagen Unheimliches.“
Einmal immerhin hatte sie Glück. Im Gasthaus „A la Belle Suédoise“ in Saint Cannat. Trotz des verblichenen Wirtshausschildes ließ Johanna Schopenhauer anhalten.
„Wir stiegen aus, und auch das Innere des Hauses war zwar ärmlich, aber von einer Reinlichkeit, die wir in diesem Lande zu finden längst nicht mehr erwarteten.“
Die „schöne Schwedin“ stammte aus Stralsund – einst Schwedisch-Pommern - , hatte sich im Siebenjährigen Krieg in einen französischen Soldaten verliebt. Sie war ihm bis hierher, in die Nähe von Aix-en-Provence, gefolgt und freute sich, mit weit über achtzig Jahren inzwischen, wieder einmal deutsch sprechen zu können.

Und dann stieß sie gegen Ende ihrer Reise auf eine besonders saubere Stadt - ausgerechnet Marseille.
„Diese Reinlichkeit fiel uns besonders auf, und die schöne zierliche Stadt, in welcher sogar die Fenster zuweilen gewaschen werden, gefiel uns umso besser, je länger wir die Freude entbehrt hatten, alles um uns her sauber zu sehen.“ 
Grund dafür waren die Steinplatten auf den Bürgersteigen und die zahlreichen schmalen Rinnen, durch die im Hochsommer noch das Wasser strömte. Selbst Damen in weißen Schuhen könnten hier zu Fuß gehen. Eine Polizei, die streng auf Einhaltung der Sauberkeits-Vorschriften achte und die nächtliche Straßenbeleuchtung taten ein übriges.