Samstag, 21. Mai 2016

Manosque: Giono, der Homer der Provence

Ein Bankangestellter vom Crédit agricole aus dem in der Hochprovence liegenden Manosque, der, abgesehen von seiner Soldatenzeit, achtzehn Jahre zunächst treu und brav hinter dem Schalter und sich so zum
Filialdirektor hochsitzt, kauft sich in preisgünstigen Sonderausgaben die Werke von Vergil, Sophokles, Melville und Kipling, beginnt selbst zu schreiben und wird als Autor innerhalb weniger Jahre zum „Homer der Provence“.



Jean Giono war Fortschritts- und Zivilisationskritiker. Am liebsten hätte er sich wieder in die Welt seines Großvaters geflüchtet und hätte jeden weiteren Fortschritt verboten, den militärischen zu allererst.

Diese Kürzestbiographie wird natürlich Jean Giono nicht einmal ansatzweise gerecht, ebenso wenig, wie, bei aller Liebe, der von übereifrigen Lokalpatrioten gewählte Homer-Vergleich. In einem Filmportrait sagt er:



„Ich habe keine Lust, ein ganzes Leben lang den Giono zu machen“.
Giono lebte völlig zurückgezogen und ist Zeit seines Lebens fast nie aus Manosque und Umgebung herausgekommen; sieht man einmal ab von seinen Einsatzorten im Ersten Weltkrieg, einer Paris- und einer Italienreise. Die Erfahrungen als Frontsoldat prägten ihn und seine spätere radikale pazifistische Grundeinstellung, die ihn Rechten wie Linken verdächtig machte:
"Ich habe keine Seele mehr, ich habe kein Herz mehr, ich habe keinen Himmel mehr, ich habe keine Ideale mehr, ich bin nur noch Knochen, Fleisch und Waffe."
Die deutsche Übersetzung seines Romans „Regain“ durch den Dichter Ferdinand Hardekopf rückte Giono in den dreißiger Jahren fälschlich in die Nähe der deutschsprachigen Blut- und Bodendichter.


Besuchenswert Centre Jean Giono in Manosque

Als Kriegsdienstverweigerer im Zweiten Weltkrieg geriet er schnell in den Verdacht der Kollaboration mit den Deutschen und wurde mit Schreibverbot belegt - ausgerechnet vom französischen Schriftstellerverband, damals diktiert vom Kommunisten Louis Aragon. Die Regionalzeitung „Le Petit Var“, berichtet im Herbst 1939 über seine Verhaftung aufgrund „zersetzender Äußerungen“:
"Was kann uns schlimmstenfalls passieren, wenn die Deutschen Frankreich erobern? Daß wir zu Deutschen werden? Ich für meinen Teil will lieber ein lebender Deutscher sein als ein toter Franzose."  
Giono wird verhaftet und ins Fort Saint Nicolas in Marseille eingeliefert. Viele seiner Romane über das Leben und Sterben der Menschen in den kleinen Weilern der Haute Provence, die in keinem Führer mehr verzeichnet sind, waren damals bereits veröffentlicht, „Der Hügel“ oder „Der Berg der Stummen“ oder der später verfilmte „Husar auf dem Dach“.

Während des Krieges versteckte Giono später Gefolgsleute der Resistance bei sich, wie den aus dem Lager von Les Milles geflohenen Pianisten Jan Meyerowitz, und Flüchtlinge, wie die erste Frau von Max Ernst, Luise Straus; die hat ihn dann sogar noch dazu gebracht, ihren Liebhaber, einen entflohenen Soldaten, als Gärtner einzustellen. All das isolierte die Familie so sehr, daß nach dem Tode seiner Mutter nur vier Einheimische am Begräbnis teilnehmen.
eingeliefert. 


 

 

Sonntag, 15. Mai 2016

Tucholsky: Viel Spott über Saint Tropez

Kurt Tucholsky auf Briefmarken der DDR-Post und der Deutschen Bundespost
Vergleiche mit der Heimat waren vielgeübtes Stilmittel  von Literaten.  Robert Louis Stevenson hielt die Cevennen im Prinzip für eine schottische Landschaft, "nur nicht so großartig". Für den Märchendichter Hans Christian Andersen waren Nîmes und das Languedoc im großen und ganzen "sehr dänisch". Und Kurt Tucholsky spottete über die Werbeplakate von Saint-Tropez: 
„Die Stadt steht auf allen Karten als Winterkurort aufgemalt. Bei aller Liebe - dann aber schon lieber Neuruppin.“
Statt Neuruppin könne es aber auch Eberswalde sein. „Nur ist es an der Riviera um eine Kleinigkeit teurer, dafür ist aber das Essen in Eberswalde besser.“ Und je schlechter das Essen im Süden Frankreichs, „desto lieblicher der Maître d‘Hôtel“.

Wenn es in Eberswalde eine dünne Suppe, bejahrten Fisch und ein bejammernswertes Huhn gäbe, würde die Bedienung einem vor lauter Scham keine Speisekarte reichen. An der Riviera sei sie fein gedruckt und man lese dann in Gold etwas von



Dieser letzte Plural sei eine Übertreibung. Und Tucholsky wünschte sich vom lieben Gott den Mut, nur ein einziges Mal den Oberkellner mit der Gabel in den Bauch zu pieken, wenn der sich mit der Standardfrage wie über ihn „wie einen Kranken beugt: Ob es mir denn schmecke und ob es mir munde“.

Kurz und gut: Wer hierher fahre, mache „krampfhaft ein vergnügtes Gesicht“ und wage es nicht sich einzugestehen, „daß es an hundert andern Küsten schöner, weiter, kräftiger und naturhafter ist“.

Überall habe er das Gefühl in einer Filmkulisse zu stehen: „Kein Mensch glaubt daran, die einheimischen Komparsen nicht, die Fremden eigentlich auch nicht.“ Und ansonsten stünden verirrte, unglückliche Palmen herum und blühten afrikanisch und unentwegt vor sich hin, weil sie sich nicht mit den anderen Bäumen unterhalten könnten. Und auch in den Hotelhallen „Palmen und vielhundertjährige Engländerinnen“ über deren „Herumwirtschaften“ er sich wunderte: „Wer arbeitet eigentlich in England für all diese Frauen?“


„Die Riviera liegt da und sieht aus.“
Mehr brachte Tucholsky trotz aller Liebe zu Frankreich und seines Engagements für den deutsch-französischen Ausgleich über die Riviera nicht zusammen. „Der kleine dicke Berliner“, wie ihn Erich Kästner in seiner „Begegnung mit Tucho“ charakterisierte, der mit seiner
Tucholskys Presseausweis 1928                                 Bild cc Wiki
Schreibmaschine eine Katastrophe verhindern wollte, hielt sich 1924 und 1928 im Rahmen von Reportagereisen in Südfrankreich auf und schimpfte:
„Dort, wo freie Plätze und Sanatorien für arbeitende Menschen stehen sollten, liegen Privatbesitzungen, die Gott im Zorn geschaffen hat.“
Zum Beispiel das Hotel Regina in Nizza.                    Bild Stadtarchiv Marseille
Tucholsky hätte sich, was Saint-Tropez angeht, eine Generation später gut mit Wolfgang Koeppen verstanden.
„Ein Fischernest, in das ein Goldregen fiel. Noch sind die Häuser festungsartig, dickwandig, natürlich-sonnenfeindlich, aber selbst das kleinste, kühlste Loch ist für mehr als den Erlös vermietet, den der Jahresfischfang eines Bootes einbringt. Man geht barfuß und in Lumpen und läßt durch die Löcher des Hemdes die Eitelkeit schimmern. Rudimente des Verstandes stammen von Sartre oder vom reichen Vater. Infantilismus ist Trumpf.“