Sonntag, 26. Juni 2016

Arles: Die Schönheit der Frauen

Für viele der Grund
für die Reise nach Arles.
Bild Mark J. Sebastian
Wer im 19. Jahrhundert nach Arles fuhr, tat dies oft ausschließlich wegen der sprichwörtlichen Schönheit der Frauen aus Arles. Nicht nur deshalb und völlig unabhängig voneinander, waren auch die beiden Abiturienten Gustave Flaubert und Hugo von Hofmannsthal nach Arles gekommen; jeweils die Eltern hatten die Reise ermöglicht. Hofmannsthal war schwärmend schwer beeindruckt von der „feierlichen römischen Schönheit, von den Kameenprofilen und dem königlichen Gang und den königlichen Gebärden“. Flaubert äußerte sich enttäuscht, daß er nur so wenige dieser schönen Geschöpfe gesehen habe und machte deshalb, fünf Jahre älter, einen zweiten Besuch. „Die Schönheiten scheinen mir in größerer Anzahl vorhanden zu sein, als bei meinem ersten Besuch.“ Mit ihren auflagenstarken Texten haben Frédéric Mistral und Alphonse Daudet dieses seit Generationen funktionierendes Marketingkonzept unterstützt. Hier eine Bildreihe. 

Und nachfolgend noch einige der beeindruckenden Fotos von Roger-Christian Linsolas. Merci à Mark et Roger-Christian.


Der amerikanische Romancier Henry James hielt nicht viel von der Stadt Arles und wollte schnell wieder weg, aber „wenn es dennoch ein reizvoller Ort ist, so kann ich den Grund dafür nur sehr schwer angeben. In gewissem Maße sind die geradnasigen Arlesiennes dafür verantwortlich“ - und übergangslos weiter - „ansonsten dürfte es an den Ruinen der Arena und des Theaters liegen“. Wenn man sich seine Aufzeichnungen genauer ansieht, fällt auf, daß eine der längeren Passagen über Arles, wie könnte es anders sein, einer Frau gewidmet ist.

Schon von Mistral besungen: Die Arlésiennes
Nämlich der Besitzerin des Kaffeehauses auf dem Place des Hommes; der Platz hatte damals diesen Namen, weil sich hier frühmorgens die Guts- und Mühlenbesitzer ihre Tagelöhner aussuchten. Place du Forum heißt er heute und aus dem Hôtel du Nord ist das Nord-Pinus geworden.

„Der Grund für die Erquickung des Abends war, daß hinter der Theke auf ihrem Thron eine prächtige, reife Arlésienne saß, welche zu betrachten ein seltenes Privileg war.“
Venus aus dem Antikenmuseum in Arles
Es gebe keine Regel des guten Benehmens oder Moral, so rückversichert sich James selbst, „derzufolge es unanständig wäre, in einem Kaffeehaus die Augen auf die dame de comtoir zu heften.“ Die Dame gehöre, das liege in der Natur der Dinge, „zur consommation“. Folglich war es freigestellt,

„ohne Einschränung die stattlichste Person zu bewundern, die ich je auf ein Fünf-Franc-Stück habe herausgeben sehen. Sie war eine große, ruhige Frau, die die vierzig schon beträchtlich überschritten hatte, von ausgesprochen femininem Typus, und dennoch wunderbar kräftig und robust. Sie hatte die Würde einer römischen Kaiserin, und sie ging mit den Kupfermünzen um, als wäre der Kopf Cäsars darauf geprägt.“
Schwer beeindruckt also offensichtlich der Amerikaner, der während der nachfolgenden Beschreibung des Theaters von Arles plötzlich selbstironisch feststellen muß, daß sie ihn ein wenig abgelenkt habe,
„die bewunderungswürdige Austeilerin von Zuckerstückchen“.