Samstag, 15. Oktober 2016

Font Ségugne: Die Gründung der Félibrige

Von 1880 an veränderte sich die Sprachsituation in Südfrankreich erheblich: 1881 wurde die allgemeine Schulpflicht eingeführt. Im Unterricht und auf dem Schulgelände wurde ausschließlich das Französische zugelassen und per Prügelstrafe durchgesetzt; die als Patois degradierten Regionalsprachen blieben strikt untersagt. So war der Gebrauch des Okzitanischen allein dem Privatleben vorbehalten. Die Generation allerdings, die diese diskriminierende Schulzeit erlebt hatte, wollte ihren Kindern oftmals die Spötteleien von Lehrern und Mitschülern ersparen, gab ihre Sprache nicht weiter und redete auch zu Hause Französisch.

Diese Entwicklung war vorauszusehen, aber bei weitem nicht allen recht. Auf halbem Weg zwischen Avignon und L'Isle-sur-la-Sorgue


Hier müssen Sie schon selbst herfahren. Streetview-geschützt (siehe untere
Bildhälfte) liegt dasSchloß in einem wunderschönen Park.  Bild Patrick Le Thorois
befindet sich das kleine Örtchen Châteauneuf-de-Gadagne. Im dortigen Schloß Font Ségugne, auf dem Landgut der Familie Giéra, trafen sich bereits am 21. Mai 1854 sieben überzeugte Provenzalen: Frédéric Mistral, Joseph Roumanille, Théodore Aubanel, Jean Brunet, Rémy Marcellin, Anselme Mathieu und schließlich Paul Giéra als Gastgeber.

1854: Überzeugte Provenzalen im Garten des Château
Die Renaissance der provenzalischen Kultur und Sprache hatten sie sich auf die Fahnen geschrieben. In der Folge gab begeisternde Auftritte etwa von Mistral in der Arena von Arles, es gab Auftrieb durch den Nobelpreis des Jahres 1904.

In der Laudatio der Kommission hieß es, Mistral habe den Preis verdient „in Bezug auf die frische Ursprünglichkeit, das Geistreiche und Künstlerische in seiner Dichtung, die Natur und Volksleben seiner Heimat getreu widerspiegelt, sowie auf seine bedeutungsvolle Wirksamkeit als provençalischer Philologe“.

Doch die Außenwirkung blieb bescheiden. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Mehr Aufmerksamkeit als Wirkung. Die Félibrige konnte dem Okzitanischen nur sehr beschränkt den Rang einer Literatursprache verleihen. Interne Eifersüchteleien behinderten die Arbeit. So wurde von Mistral und Roumanille ein Wörterbuch mit grammatikalischen Regeln erstellt, das sich allein auf den Dialekt der unteren Rhone bezog und damit für andere okzitanische Mundarten nicht brauchbar war.


Frédéric Mistral in Arles. Ausschnitt einer Postkarte aus dem Jahr 1900
Im ersten Statut der Félibrige, das erst acht Jahre nach der Gründung formuliert wurde, war man sich über Raum und Aufgabe noch einig. Man wolle „der Provence ihre Sprache, ihre Farbe, ihre Freiheit auf Wohlstand, ihre nationale Ehre und ihren hohen Rang intellektuellen Geistes“ bewahren. Und das im ganzen „Süden von Frankreich ganz und gar“. Der Gedanke auch einer politischen Autonomie wurden sehr schnell fallen gelassen.
Statue der Mirèio in Les Saintes Maries
Mistrals „Mirèio“ wurde 1859 in Avignon erstmals gedruckt, nicht bei Aubanel, sondern bei Seguin in der Rue de la Bouquerie. Ausgerechnet der Lyriker Hugo von Hofmannsthal konnte mit dem berühmten provenzalischen Versepos, das wesentlich zur Verleihung des Nobelpreises an Mistral herangezogen worden war, überhaupt nichts anzufangen. Für ihn ein
„Idyll in preziösen künstlichen Strophen, ein viel zu langes Gedicht, in dem die wunderschönen Dinge der Vergangenheit steif und tot herumstehen, wie in einem ungemütlichen Provinzmuseum“.