Samstag, 14. Januar 2017

Anselm Kiefer’s Barjac: Die "Türme der sieben Himmelspaläste"

 
Barjac verfügt über enge Gassen, histo­rische Bauten aus der Renaissance und schat­tige Plätze, auf denen immerzu Boule gespielt wird. Er unter­scheidet sich wenig von anderen, ebenso idyllischen Städtchen in der Provence, gäbe es in seinem Umkreis nicht einen phan­tas­tischen Erin­nerungs­ort, den der weltweit be­rühmte Künstler und Maler deutscher Mythen Anselm Kiefer zwischen 1993 und 2008 ge­schaffen hat.

Fragt man in Barjac, in der Metzgerei oder der Apotheke am Markt, nach Anselm Kiefers Atelier und Wohnhaus, erhält man kaum eine hilfreiche Antwort. Genaueres weiß nie­mand, fast scheint es so, als wolle man über diesen deutschen Dunkelmann nicht reden. Nach längerer Suche und einigen Irr­wegen stehen wir endlich doch, zwei, drei Kilo­meter von Barjac entfernt, vor Kie­fers erhöhtem Freiluftate­lier und Privat­museum „La Ribaute“, einer ehemaligen Seiden­fabrik; ein 35 Hektar großes Gelände, von Feldern und Weinbergen umgeben und für niemanden zugäng­lich. Der Künstler selbst hat den Ort bereits 2008 Richtung Paris verlassen.




Rathausbrunnen in Barjac                    Bild ccWiki

Wir stehen also vor einem breiten Tor aus rostigem Eisen. Fernes Hunde­gebell, kein Mensch zu sehen. Ein Telefon ist neben dem Tor auf­gestellt, doch die angezeigte Nummer bleibt tot. Schon einmal, im Jahr 2010, habe ich die Suche eben hier auf­gegeben, doch in diesem Sep­tember gehe ich um das Gelände herum, das von hohen Zäunen, die vor­geben, elek­trisch geladen zu sein, dichten Hecken und Kameras gesichert ist wie ein geheimes For­schungs­labor. Zu diesem Eindruck tragen auch die gewal­tigen Hangars und Bunker bei, die man ab und an hinter den Büschen zu erkennen glaubt.

Schließlich übersteige ich ein kamera­über­wachtes Seiten­tor, bewaffne mich mit einem Knüppel, um mich der eventuell auf­tauchenden Hunde zu
 
Türme der Himmelspaläste von Michael Buselmeier fotografiert.
Nur gut zu sehen, wenn man über den Zaun klettert.

erwehren, und mache mich auf in Kiefers geheim­nis­volle Stadt, die er „Türme der Sieben Himmels­paläste“ getauft hat. Als der Künstler Anfang der 90er Jahre hier ankam, fand er eine Tundra-Landschaft und ein paar Gebäude in ruinö­sem Zustand vor. Mit der Planier­raupe wurden Straßen und Wege angelegt, die alten Häuser restauriert, und neue Bauten aus Glas und Beton, weit über drei­ßig, ent­standen. Das Areal ist von einem weit­läufigen Tunnel­system durch­zogen, das die ver­schie­denen Gebäu­de verbindet. Es gibt magi­sche Räume unter der Erde und wind­schiefe Türme, die zum Himmel hin offen sind. Einer der Gänge endet an einem riesigen Amphi­theater mit einer Krypta - eine fremdartige Geister­stadt aus Archi­tektur, Instal­lation, Malerei und der süd­lichen Land­schaft, von Leere und Stille über­formt.
 
Es ist ein kleines Abenteuer, das ich hier erlebe. Der Weg führt mich zunächst an einem großen Hangar vorbei, in dem Baufahrzeuge, Bagger und Kräne bereit stehen. Und schon habe ich auch die aus groben Beton­teilen gefertigten und schief aufge­schichteten babylonischen Türme im Blick. Sie wirken wie riesige Karten­häuser, die im nächs­ten Moment ein­stür­zen könnten; ver­wirrende, halbreale Gebilde. Wie einem Traum ent­sprungen, stehen sie einsam und schutzlos im Wind, einer steht sogar im Wasser. Zwi­schen den Türmen liegen Beton­teile verstreut, vielleicht Trümmer gesprengter Bauten, die das Vorwärtskommen erschweren, Fragmente, etwa ein gestrandetes Boot, Treppen, die ins Nichts führen. Aus einem der Türme ragen Sonnen­blumen aus Aluminium hervor. Eine eindrucks­voll gebors­tene Kunst-Landschaft.

Doch Trümmer, sagt man, waren häufig der Ausgangspunkt von etwas Neuem. Sie sind, meint Kiefer im Gespräch mit Klaus Dermutz (erschienen im Suhrkamp Verlag, 2010), „an sich Zukunft. Weil alles, was ist, vergeht.“ Und er zitiert Jesaia:
„Über euren Städten wird Gras wachsen.“
Auch im ver­lassenen „La Ribaute“ wuchert das Unkraut, und vielleicht sollte man es auch gewähren lassen, bis alles Men­schen­werk wieder in die gleich­gültige Natur zurück­ge­nommen ist. Dieses be­gehbare Kunst#-reich am Fuß der Cevennen, all die Türme, Häuser, Grotten, Bunker und die kilo­meter­langen unter­irdischen Gänge sind ja keine Spie­lerei, sondern heiliger Ernst, ein modernes Labyrinth, ent­standen aus meta­physischer Not und bedrän­genden(Kriegs-)Erfahrungen, die hier in radikale Bil­der umge­setzt wurden.

Beim Weitergehen bemerke ich drei mächtige Glashäuser, in der Sonne blitzend. Sie dienten wohl der Aufstellung von Kiefers in Barjac entstandenen Werken: Instal­lationen, Re­gale mit Bleibüchern, Gemälde und Materialbilder größten Formats. Es gab auch eine reich bestückte Bibliothek, aus der sich der besonders an philo­sophischen und theologischen Fragen in­teres­sierte Künst­ler bediente. Als ich mich den Gewächs­häusern zuwende, heult ein schwerer Motor auf, die Stille zerreißend, es ist ein grüner Bull­dozer, der sich mir nähert. Man hat mich entdeckt. Der Wachmann steigt herab und brüllt mich an, zeigt auf die all­gegen­wär­tigen Kameras und droht mit der Po­lizei, ich schreie zurück, behaupte, ein Bekannter von Kiefer zu sein, doch alles nützt nichts, und ich muss wieder zurück über den Zaun klettern.

So habe ich manches nicht gesehen und doch einen Eindruck gewonnen von diesem grandiosen und hochfahrenden „Gesamt­kunstwerk“ (durchaus im Sinn Richard Wagners, dessen Musikdramen Kiefer bewun­dert). Was aber soll mit den „Türmen der Sieben Himmels­paläste“ fortan geschehen?

Kiefer hat sein Werk ver­lassen und wird nicht mehr zurückkehren, scheint aber noch im Besitz des Geländes zu sein. Im Gespräch mit Klaus Dermutz sagt er:
„Vielleicht kommt jemand nach Barjac, der das dann zu Ende führt.“
Doch die wenigen Besucher, die der ver­borgenen Anlage wegen von weit her anreisen, stehen vor geschlossenen Toren, und niemand erklärt ihnen, warum das so sein muss. Und die Ein­wohner von Barjac haben keine Ahnung, was für ein Schatz sich auf ihrer Gemarkung befindet.

Im Internet ist zu lesen, dass Kiefer im Jahr 2011 vorgeschwebt hat, diesen poetischen Ort der Trümmer den Staaten Frankreich und Deutschland zu schenken, um daraus eine Stif­tung zu machen - für Süd­frankreich und beson­ders Barjac eine ein­malige Chance. Auch die Guggenheim-Stiftung soll ein vages Interesse an „La Ribaute“ gezeigt haben. Mehr ist nicht zu erfahren. Und geschehen ist jedenfalls nichts.

Viel­leicht wäre es am besten, die Zäune niederzureißen, die Überwachungs­kameras abzu­bauen und das Gelände sich selbst, der wuchernden Natur und den Kunstfreunden zu überlassen, die aus aller Welt nach Barjac pilgern würden, um sich die unter- und über­irdischen Himmels­paläste zu er­wandern.
 




















 

Sonntag, 8. Januar 2017

Collioure: Immer noch Post für den toten Dichter Antonio Machado

Das Grab Antonio Machados mit dem Briefkasten hinten rechts
und der republikanischen Flagge. Bild Marc Meurrens Wiki cc.
Ein Rätsel bleibt weiter ungelöst. Auf dem alten Friedhof von Collioure befindet sich das Grab des spanischen Lyrikers Antonio Machado, der kurz vor dem Ende des spanischen Bürgerkrieges gemeinsam mit seiner Mutter über die verschneiten Pyrenäen nach Frankreich geflohen war. Kurz darauf und nur drei Tage vor dem Tod seiner Mutter starb er in aller Einsamkeit, die auch das zentrale Thema seines Werkes war. Sein Erstlingswerk aus dem Jahr 1903 war bereits mit dem Titel Soledades, Einsamkeiten, überschrieben. Machado schrieb reduzierte Gedichte, etwa über das Spiel der Kinder auf dem Dorfplatz:

„Die Kinder sangen harmlose Lieder
von einem vorbeiziehenden Etwas,
das niemals am Ziel ist.
Wirr die Geschichte,
klar nur das Lied.“


„Nach der Wahrheit gibt es nichts Schöneres als die Phantasie“, schrieb er einma. Im katalanischen Bewußtsein ist er als Dichter, Philosoph und Lehrer verwurzelt. In der viele Jahre später, 1970 erst, gehaltenen Totenrede von Ambrosi Carrion, hier der ganze Text, zitiert dieser die letzten Worte, die Machado seinem Lehrer Francisco Giner de los Rios mit auf den Weg gab: „Und zu einem anderen, reineren Licht brach der Bruder der Morgendämmerung auf.“

Auf dem Grab, wie zufällig abgestellt, aber fest installiert befindet sich ein Briefkasten, in den immer noch Post seiner zahlreichen Verehrer hineingeworfen wird. Was es damit auf sich hat und ob die Post vielleicht sogar von höherer Stelle beantwortet wird, das können selbst die Dauergäste des Friedhofs nicht beantworten. Das Grab Machados schmückt auch heute noch eine verschlissene, wie achtlos über den Grabstein gelegte, aber alle paar Jahre erneuerte Fahne der spanischen Republik.