Samstag, 13. Januar 2018

Saint-Martin-d'Ardèche: Max Ernst und die Engländerin

1937 hatten sich der arrivierte Künstler und Leonora Carrington, die zwanzigjährige Frau aus einer Millionärsfamilie, in London kennen gelernt. Von dort flohen sie nach Saint-Martin d‘Ardèche, kauften ein abgelegenes Bauernhaus und sorgten als „L‘Anglaise et le Max“ mit ihren kleiderlosen Spaziergängen durch den 300-Seelen-Ort für Gesprächsstoff. Hier einige Fotos und Bilder.


Ernst-Reliefs an der Außenwand des Hauses in Saint-Martin
Leonora hat die Zeit im Dorf - es heißt hier Saint Roc - in ihrer Geschichte "Der kleine Francis" Revue passieren lassen; veröffentlich im Suhrkamp-Sammelband "Das Haus der Angst".

Max Ernst stattete das Haus mit phantasievollen Reliefs und den Garten mit ebensolchen Fabelwesen aus. Einige der Kunstwerke wurden nach ihrem Auszug und dem überstürzten Verkauf des Hauses gestohlen; sie tauchten später teuer und als nicht vom Künstler legitimierte Bronzeabgüsse in Pariser Galerien wieder auf. Wenn man heute den steilen Weg hinaufgeht, auf den sich kaum einer der vielen Ardèche-Kanuten einmal verirrt, findet sich immer noch ein Relief von Ernst an der Straßenseite. Es stellt Loplop dar, seinen guten Geist jener Tage. Auf einer Wandstütze, aus der oben Hals, Kopf und Arme ragen, tanzt eine kleine, mit Schuppen und Federn geflügelte Figur.

Die Schweizer Journalistin Silvana Schmid hat „Loplops Geheimnis“ für Günter Kempf und seinen Anabas Verlag enthüllt. „Un peu de calme“ - etwas Ruhe, heißt das wichtigste Werk von Ernst aus jener Zeit. Bekommen hat er sie nicht. Unter der Leitung von Julotte Roche kümmerte sich in Saint-Martin die Association Max Ernst darum, den einjährigen Aufenthalt des Surrealisten weiter zu rekonstruieren.

Das hat engagiert angefangen, ist aber mittlerweile in einen „ziemlich tiefen Winterschlaf“ gefallen, wie selbst die Verantwortlichen des Office de Tourisme zugeben; es befindet sich übrigens in der Rue Max Ernst.

Was sich lohnt: Den 10-Minuten-Film im Fremdenverkehrsamt ansehen und zum Haus spazieren. Hier ein Trailer des Schamoni-Films. Der Rue du Moulin folgen und dann über die Hauptstraße - mit einer verwirrend-verschlungenen doppelten Kreisverkehrsregelung - zum Quartier Les Alliberts hinauf; ein Spaziergang von nicht mehr als einer halben Stunde, der nicht nur mit dem Blick auf die künstlichen Skulpturen belohnt wird, sondern auch mit dem auf die nicht minder beeindruckenden natürlichen Steinformationen, die die Ardèche geschaffen hat. 



Mas und Camp Saint Nicolas: Heute zerfallen. Bild rechts aus dem Jahr 1982.
Bilder Google Earth und Werner Clemens-Walter
Wenig später gehörte Max Ernst zu den Insassen der Konzentrationslager „Les Milles“ und „Camp Saint Nicolas“, das die Franzosen für unerwünschte Ausländer eingerichtet hatten. Von einer amerikanischen Rettungsorganisation unter Varian Fry betreut, konnte er in die Vereinigten Staaten fliehen.

Das „Camp Saint Nicolas“ liegt heute mitten in einem militärischen Sperrgebiet zwischen Nîmes und der Brücke Saint Nicolas. Es ist – und damit im Gegensatz zu Les Milles - bis auf die Ruinen des ehemaligen Gutshofes Saint Nicolas, vollständig zerfallen. Das Bild habe ich von Werner Clemens-Walter bekommen, der seit vielen Jahren in Blauzac lebt - siehe hier den Link zu seiner Homepage KULTURRECYCLING - und sich von dort zu Beginn der achtziger Jahre auf Spurensuche begeben hat und die Garrigue dort mit einer Genehmigung des Französischen Verteidigungsministeriums durchstreift hat. Seine nachlesenswerten Geschichten über die Fremden im Süden finden Sie HIER, können aber, besser noch, das auch als Buch bei ihm bestellen.