Samstag, 11. November 2017

Sanary: Für das FBI so eine Art Kiautschou

Als Ludwig Marcuse (Bild: Monacensia) in den Vereinigten Staaten eingebürgert werden sollte, wurde er, wie andere auch, von den US-Diensten ausgefragt:
„Please tell us something about the German colony Sanary.“
Den Amerikanern mußte Sanary so etwas sein wie Togo oder Deutsch- Ostafrika oder das chinesische Pachtgebiet Kiautschou, Kolonialgebiet jedenfalls. Es kostete Marcuse einiges an historischer Nachhilfearbeit und Überzeugungskraft,
„für die freundlich-neugierigen Investigatoren klarzustellen, daß wir Deutsche selbst in Hitlers bester Zeit Sanary nicht zu jener ‚Kolonie‘ des Vaterlands gemacht hatten“.  
Auf der Briefmarke zum 100sten Geburtstag
fehlte der "Geheimreport"
Wesentlich detaillierter hatte sich Carl Zuckmayer für die Amerikaner ans Werk gemacht. Sein "Geheimreport" verzeichnet rund 150 Portraits von Kulturschaffenden, natürlich Theater- und Filmschauspielern, vielen Journalisten und Literaten bis hin zu Kabarettisten.

Der Autor des „Hauptmann von Köpenick“ erhielt größtes Lob von seinen Auftraggebern:
„Ihre Arbeit ist so gut. Wenn Sie nicht schon berühmt wären, könnten Sie es damit werden“,
schrieb ihm Emmy Rado, seine Führungsoffizierin vom Office of Strategic Services. Und ähnlich bewerteten es fast sechzig Jahre später auch die deutschsprachigen Feuilletons. Dabei hatte Zuckmayer in Einzelfällen einen ziemlichen Spagat unternehmen müssen, schrieb auch über Kollegen, die er viel zu wenig kannte und bewegte sich, mit dem Versuch allen gerecht zu werden, trotzdem entlang der Grenze zur Denunziation. Da mußte er seine ehemaligen Kollegen klassifizieren und schuf die Widerstrebend-Zuverlässigen, die Nutznießer, den verhuschten Selbstsüchtigen, den geldgierigen, bekennenden Feigling und zu allerletzt „die Kreaturen“, wie er die „Nazipublizisten“ verachtungsvoll bezeichnete. Filmleute in erster Linie - wie Hans Albers, Gustaf Gründgens, Heinz Rühmann, Theo Lingen -, aber auch Autoren wie Benn, Ernst Jünger, Kästner oder Edschmid. Hilfreich kommentiert ist das Buch erst 2002 in Deutschland erschienen.

Samstag, 21. Oktober 2017

Ernst Moritz Arndt: Auswirkungen der französischen Revolution in Marseille

Ernst Moritz Arndt,1769 auf Rügen geboren und sein leblang auf der Seite der Freiheit kämpfender Abgeordneter, Hochschullehrer und politischer Schriftsteller, mußte nach dem Sieg Napoleons über Preußen ins Exil nach Schweden flüchten, weil er sich zu aktiv gegen die französische Besetzung engagiert hatte. 

Als Arndt zehn Jahre nach der Revolution im Rahmen einer Bildungsreise Marseille besuchte, war er den Freiheitsgedanken der Revolutionäre noch sehr nah. Und dennoch war er schockiert vom
Rathaus von Marseille: Französische Revolution und
die Zerstörungen der Wehrmacht überstanden
Zustand der Stadt.
Unter den sehenswerten Gebäuden waren lediglich das Rathaus und die Börse der Zerstörungswut entgangen.

„Von anderen öffentlichen Gebäuden und Werken läßt sich nun nichts mehr sagen. Die Kirchen sind entweiht und ihre Zierraten und Kunstwerke verschleppt, ja selbst die Gräber hat man aufgewühlt.“
Schiffe lägen „entmastet und entleert“ da und

„fast an allen Türen und Fensterläden liest man: à vendre und à louer. Wie sollen auch die Menschen bleiben, wenn ihnen alle Mittel zu leben abgeschnitten sind, wenn die Schiffahrt liegt und die Revolutionssense die ersten Häuser niedergemäht hat.“ 

Wer heute sich bewundernd über den Hafen äußere, bekomme nur zu hören:
„Vor der Revolution, oh vor der Revolution, da war Marseille noch etwas. Jetzt sind wir arm und haben über ein Drittel unserer Menschen verloren.“
Ernst Moritz Arndt Bild: Wiki cc
Ihren Namen immerhin hatte die Stadt behalten, obschon sie nach dem Willen der Revolutionsführer nur noch „Stadt ohne Namen“ heißen sollte. Denn Marseille war lange alles andere als revolutionäre Stadt, sie war Hafen- und Handelsstadt und wollte das auch bleiben, so sehr, daß die Stadtoberen sogar englische Truppen gegen die Revolution zu Hilfe riefen. Die allerdings landeten in Toulon und wurden aufgerieben, bevor sie Marseille erreichten.

Wer Arndts Reisebeschreibungen liest, der kann sich kaum vorstellen, daß seine weltanschaulichen Schriften ihn mal als Demokraten ausweisen, mal als antisemitischen Demagogen und mal als deutsch-nationalen Franzosenhasser.
„Wenn ich sage, ich hasse den französischen Leichtsinn, ich verschmähe die französische Zierlichkeit, mir mißfällt die französische Geschwätzigkeit und Flatterhaftigkeit, so spreche ich vielleicht einen Mangel aus, aber einen Mangel, der mir mit meinem ganzen Volke gemein ist.“  
Und das nur wenige Jahre nach einer begeistert beschriebenen Reise durch Frankreich, nach angenehmen Tagen in Marseille, dem „reizenden Erdfleck“, nach „frohen und elyseischen Tagen im Paradies Frankreichs“ und „den feinen Blumenmädchen“ auf dem Markt, die er alle Morgen eine halbes Stündchen beobachtete und sich „königlich dabei ergötzte“.

Samstag, 14. Oktober 2017

Brecht, Feuchtwanger, Mann: Nebensächliches und Nonsinniges

Nicht allen Exilanten in Sanary und den umliegenden Badeorten waren der Alkohol und die immer wieder gleichen Gespräche in kaum einmal wechselnden Besetzungen in den Bars am Hafen genug. Als Bertolt Brecht für ein paar Tage bei Marta und Lion Feuchtwanger wohnte, stand sein Urteil schnell fest:
„Hier am Mittelmeer ist es langweilig. Heinrich Mann imitiert Victor Hugo und träumt von einer zweiten Weimarer Republik.“
Feuchtwanger und Brecht fiel immer wieder etwas ein, um der Langeweile zu entfliehen. Und wenn sie das Kommunistische Manifest in Gedichtform brachten. Solche Fingerübungen schienen Brecht zu liegen. Als er kurz nach der Hochzeit mit Helene Weigel am Strand von Le Lavandou stand, dichtete er nonsinnig:

„Hier standen die alten Mauren
Und schauten aufs Meer hinaus

Und sagten, nun kann’s nicht mehr lange dauern
Und dann ist’s mit uns aus.


Bar de la Marine: Einer der ständigen
Treffpunkte der deutschen Exilautoren
Und damit hatten die Mauren recht,
Denn mit ihnen ist’s jetzt aus

Und da, wo sie standen, steht jetzt der Brecht
Und schaut aufs Meer hinaus.“

Auch wenn man die Tagebücher von Thomas Mann liest, ist nicht alles „zauberergemäß“, wiederholen sich die Nebensächlichkeiten, wie überhaupt die Mückenplage, der Wind, die Wassertemperatur und das Schicksal der Möbel aus der Münchener Villa die beherrschenden Themen seines Sommers in Sanary waren. Für Klaus und Erika Mann dagegen war Sanary der erklärte Treffpunkt der „pariserisch-berlinisch-schwabingerischen Malerwelt“ sowie der angelsächsichen Bohème.

Und erst recht hoch ging es her, wenn dann Jules Pascin, „der Abgott von Montparnasse“ auftauchte, wie üblich „leicht schwankend, die Zigarette zwischen den genusssüchtigen Lippen, den Hut schief über den melancholisch-lasziven Augen, umgeben von ein paar Damen, die auch nicht mehr nüchtern“ waren. Anfang des Jahrhunderts hatte Pascin in München mit Purrmann, Slevogt und Kandinsky mit expressionistischem Überschwang die bayerische Gasthausgemütlichkeit durcheinander gebracht. Später in Paris wusste man, wenn man dem Comic von Joann Sfar Glauben schenken will, immer, wo man Pascin finden konnte:

"Entweder in seinem Atelier oder einem Bordell."

Samstag, 7. Oktober 2017

Schloss und "griechischer Tempel" zwischen Pont du Gard und Uzès

Verwunschener Ort ein paar Meter neben der Straße
Die Platanen stehen nur noch auf einer Seite der Straße zwischen Remoulins und Uzès und das leider auf der falschen, nämlich der nach Norden gerichteten, spenden also dann, wenn sie es sollten, keinen Schatten. Manch einem huscht auf dieser Straße auf der Höhe von Argilliers ein romanisches Portal mit einigen so gar nicht dazu passenden Säulen durch den Rückspiegel. Wenn Sie das Gespür durchzuckt, hier etwas versäumen, dann fahren Sie gerade die nächste Straße rechts nach Argilliers rein, am Friedhof vorbei und dann rechts in den Chemin du Baron de Castille hinein.

Der Asphalt hört nach ein paar Metern auf und soweit es nicht gerade geregnet hat, bereitet der Fußweg durch die Weinberge keine Probleme. Plötzlich sehen Sie linker Hand eine halbkreisförmige gut erhaltene Kolonnade; der zweite Halbkreis ist den Zeitläuften zum Opfer gefallen, die Sockel sind teilweise noch zu erkennen. Andere sind, wie die umgestürzten Säulen auch, vom Efeu umwuchert.


Das Château de Castille in Uzes
Als der Baron de Castille sich kurz vor der Französischen Revolution dieses Schlößchen erbaute und dabei der zeitgängigen Italien-Sehnsucht nachgab, konnte er noch nicht ahnen, daß ihm dieses Refugium nur kurz vergönnt sein würde. Als Gabriel Joseph de Froment d’Argilliers kam er 1747 in Uzès zur Welt. Mit seiner Hochzeit mit Hermine Aline Dorothée de Rohan heiratete er später klug in eine der einflußreichsten Familien Frankreichs. Etwas mehr über die Geschichte der Familie finden Sie MIT DIESEM LINK . Das noch heute nach ihm benannte Stadtpalais in Uzès zeigt seine Vorliebe für Säulenvorbauten ebenso wie der Pavillon Racine auf der Rückseite des heutigen Gerichtsgebäudes und früherem Bischofssitz.

Das Schloß von Argilliers befindet sich heute in einem ordentlichen Zustand, was wesentlich zwei englischen Kunsthistorikern, darunter dem exzentrischen Douglas Cooper zu verdanken ist. Er hatte es Mitte der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts erworben und stilgerecht restauriert. Seine Einwohnerzahl hat der Ort seit jener Zeit vervierfacht, von 50 auf 200. Zu besichtigen ist das Schloß selbst nicht, es sei denn, Sie möchten es kaufen; unten mehr. Aber schon der Garten, der Säulengang und der auf der anderen Straßenseite hinter einer nur nach vorne abschirmenden Mauer befindliche Friedhof mit einem Tempel, der eine kurzbeinige Akropolis assoziiert, versetzen uns in eine ganz andere Zeit.

Die Liebe zur Antike auf dem Friedhof des Château d'Agilliers



2016 wurde das Schloss von Sotheby's Immobilien zum Verkauf angeboten. Die 8,9 Millionen Euro, die es inklusive der großformatigen Picasso-Fresken kosten sollte, waren sicher nicht überzogen. Noch weitere Wandgemälde aus der Sammlung Coopers sind im Schloss vorhanden. Die 560 Quadratmeter Wohnfläche und den zwei Hektar großen Park gibt es zur Kunst dazu. Und viel wilde Geschichten von und über Cooper, von denen sich einige schon in Wikipedia finden. Viel mehr aber in John Richardson Buch The Sorcerer's Apprentice: Picasso, Provence and Douglas Cooper, das 1999 bei University of Chicago Press erschienen ist. Wie er viel Geld gewonnen und verloren hat, als französischer Spion in England verhaftet wurde und sich mit Picasso über den Verkauf des Schlosses stritt; hergegeben hat er es damals nicht.

Freitag, 29. September 2017

Sanary: Thomas Mann und Lion Feuchtwanger als "Clan-Chefs"


Zwei „Haupt-Clans“ hat es in Sanary-sur-Mer, dem Örtchen, das für ein paar Jahre die "Hauptstadt der deutschen Literatur" geworden war, wie Ludwig Marcuse sich in seinem Buch "Mein zwanzigstes Jahrhundert" erinnerte, gegeben.
„Der eine, die Haute Culture, drehte sich um Thomas Mann, um den Zauberer, wie seine Kinder ihn nannten. Der andere wurde von Lion Feuchtwanger beherrscht. Komischerweise waren es kommunistische Neigungen und oder finanzieller Erfolg, die Feuchtwanger und seine Satelliten zusammenhielten.“
Nicht feindlich, viel schlimmer, gönnerhaft und überheblich ging es
Ziemlich beste Feinde: Feuchtwanger und Thomas Mann
zwischen den Lagern Feuchtwanger und Mann zu. Während Mann und Feuchtwanger später in Hollywood , wie Hermann Kesten meinte, „gut Freund“ miteinander waren, war dies in Sanary noch anders. Den
„kleinen Meister“
nannte Thomas Mann seinen Kollegen herablassend. Eleganten Abstand zu seinem Bruder fanden Heinrich Mann und seine Frau Nelly Kröger. Heinrich hätte den auch viel besser in den Kreis von Brecht und Feuchtwanger gehört und sicher wäre er kreativ dabei gewesen, als die beiden das "Kommunistische Manifest" in einer einzigen Nacht in Gedichtform brachten.
 Und nur, wenn man gemeinsam über die Briten herzog, bestand ein Grundkonsens zwischen den Gruppen, und das
„mit einem Hochmut, der eines de Gaulle würdig gewesen wäre“.
Dieser kleine gemeinsame Nenner wurde regelmäßig im Vorgarten des Amerikaners Seabrook überprüft und erneuert. Nur ihm gelang es, sie alle auf sein neutrales Gelände einzuladen:
Die haute volée des deutschen Geistes mit seinen Geistinnen. Die Herren im Besten, was sie hatten, die Damen sogar mit Hütchen, aus längst verblühten Tagen.“
Nur Seabrook fiel mit Badeschlappen, alten Fischerhosen und blankem Oberkörper erwartungsgemäß aus der Rolle.

Im Alter hatte sich die anerkennende Abneigung zwischen Thomas Mann und Feuchtwanger gelegt und war respektvollen Seitenhieben gewichen. Sogar noch in der Festschrift zu Feuchtwangers 70stem Geburtstag stellte Mann nicht den Schriftsteller in den Vordergrund.
„Ein Lebenskünstler, behaglich in der Arbeitsamkeit“, wisse der „Lion seinem harten Fleiß überall die angenehmsten Bedingungen zu sichern“.


 

Samstag, 16. September 2017

Marseille: Pilgerrefugium in der Rue du Refuge

Wer heute in Marseille ankommt hat die Wahl zwischen einer kostenlosen Übernachtungsmöglichkeit oder einer, die gut eintausend Euro kosten kann. Jacky Halter ist Fotograf und lebt in der Rue du Refuge im Panier-Viertel, im Herzen Marseilles also, in einem der alten Häuser, die von der deutschen Wehrmacht nicht weggesprengt wurden. 


Die kostenlose Pilgersuppe des Jacky Halter...
Papst Johannes XXIII. hat ihn für eine wirklich einzigartige Initiative ausgezeichnet. Jeder Pilger auf dem Jakobsweg darf in seinem Haus übernachten - kostenlos - und bekommt eine spezielle Pilgermahlzeit serviert: Die Soupe à l’ail, eine ausgesprochen kräftige Knoblauchsuppe, von der man auch am nächsten Tag noch etwas hat - „Die reinigt den Magen“ - und hinterher die Plat des Pélerins, bestehend aus Ei, Speck und Kartoffeln. Dazu gibt es einen frischen Rosé oder manchmal auch ein Hoegarden-Weissbier, wenn etwas zuviel Knoblauch in der Suppe war.
Nur Bier hilft gegen den Knoblauch, keine Milch
Wem das zu rustkal ist, der kann direkt vor dem Haus im „Ossety“ essen, einem sehr einfachen und sehr guten russischen Restaurant, dem zu wünschen ist, daß es sich noch lange hält. Spezialität sind Tontöpfchen mit Lamm- oder Hühnerfleisch und allerhand frischem Gemüse; ebenso gut die gefüllten Pfannkuchen und dazu ein eiskaltes russisches Flaschenbier.

Wo bei Halter die kostenlose Pilgermahlzeit dazu gehört, ist dies bei Gérald Passédat nicht der Fall. In seinem sternebekrönten Restaurant „Le Petit Nice-Passédat“ stehen Fischgerichte im Vordergrund, von der Galinette und dem Chapon bis zu seinem berühmten Loup Lucie.


Nicht ganz kostenlos bei Passedat...Bild Wiki cc TouN

Wenn Sie einmal ausprobieren wollen, wie ein „Sterne-Pain-Bagnat“ schmeckt, so eine Art französischer kalter Hamburger, dann können Sie das im Restaurant des „MUCEM“ machen, dem 2013 eröffneten Museum der Mittelmeerkulturen, in dem der Koch ein weiteres Standbein hat. Immerhin das erste nationale Museum Frankreichs, das nicht in Paris errichtet wurde.

Sonntag, 10. September 2017

Saint-Césaire-de-Gauzignan: Die Domaine des Luces und einige Parallelen zum Château d’Yquem

Wenn ein Winzer die Holzfässer des Château d’Yquem kauft und seine Weine – und gerade auch die Roten, die es bei Yquem ja garnicht gibt – darin lagert, dann spricht das für seinen Ehrgeiz oder es ist nur ein Marketing-Gag. Michael Bourrassol und seine Frau Séverine (Facebook: https://www.facebook.com/severinebourrassol/) haben mit Marketing bisher sehr wenig am Hut, sind also ehrgeizig und haben das schon im ersten Jahr des Bestehens der Domaine des Luces mit hervorragenden Weinen untermauert.

Yquem ist eine französische Aktiengesellschaft mit einem Kapital von 224.640 Euro. Wohl etwas mehr, vermute ich,  haben Michael und Sévrine in die Domaine investiert.Einen ziemlichen
Unterschied gibt es noch bei den Verkaufspreisen: 7 Euro kostet der derzeit teuerste Wein der Domaine des Luces, über 100.000 Euro wurden kürzlich für einen Yquem des Jahres 1787 gezahlt – für die Flasche, nur damit keine Zweifel aufkommen. Dafür hätte der amerikanische Käufer über 14.000 Flaschen bei Michael Bourrassol bekommen und damit ein Mehrfaches von dessen Produktion des ersten Jahres aufkaufen können.

Ganz billige Yquem hat übrigens Lidl vor einigen Jahren angeboten: Den 2011er für 349 Euro und den 1998er als halbe Flasche für 99 Euro. So preiswert ginge das heute nicht mehr.
Mich würde einmal interessieren, welche Ratschläge Sandrine Garbay, die Kellermeisterin von Yquem, die ihren Abschluß am renommierten Institut d’Oenologie de Bordeaux gemacht hat und ‚nebenbei‘ promovierte Biologin ist, den Beiden in Saint-Césaire geben würde. Eingeladen haben sie sie noch nicht.

Vielleicht würde sie auch sagen, daß es da garnicht mehr soviel zu verbessern gibt. Das wäre nicht nur für Michael Bourrassol ein Kompliment, sondern auch für seinen Oenologen Nicolas Berger, der auch die renommierte Domaine Saint-Firmin in Uzès berät. Immer am Donnerstag und Sonntag
fährt er die halbe Stunde raus nach Saint-Césaire. Derzeit ist man dabei die Produktion auf Bio umzustellen. Herbizide werden nicht mehr eingesetzt, statt dessen Rasen- und Mohnblumensamen ausgesät. Die Einzelheiten, auch zur Bodenbearbeitung, erzählt Ihnen Michael gerne.
Die Bourrassols haben ihren ersten Weine schöne Namen gegeben, deren Geschichten dazu man gut behält. Storytelling nennen das dann die Marketingstrategen, eine Kunst, die übrigens auch die Gestalter der Homepage von Iquem perfekt beherrschen; sie nennen das Anekdoten, in denen man etwa erfährt wie der japanische Kaiser plötzlich seine Vorliebe für die Süßweine aus Sauternes entdeckte. Wesentlich bodenständiger und familiärer geht das in Saint-Césaire zu. Daß die „Caprice de Lilou“ die Späße und Launen der kleinen Tochter Lilou wiedergeben, darauf hätte man noch kommen können. Nicht aber auf die Auflösung der „Balade d‘ amoureux“. Diese verliebten Spaziergänge machen die Eltern  der Winzer noch immer mindestens an fast jedem Wochenende. Nur hinter die Geschichte der
„Influence“, meines Lieblingsweines bin ich nicht gekommen. Wer hat hier wen beeinflußt?  Oder ist es der gute Einfluß, den die vier Rebsorten der Cuvée aufeinander haben? Syrah, Grenche, Petit verdot und Carignan sind perfekt aufeinander abgestimmt. Bei Lilou sind es übrigens Viognier und Roussane, eine Rebsorte, die vor allem im Rhônetal angebaut wird; deren Säure gibt dem eher pfirsischfruchtigen Viognier den richtigen Pfiff.

Für eine Weinprobe rufen Sie einfach an : 0033 611 39 44 84. Gegenüber der stillgelegten Kooperative geht’s die schmale Straße runter bis zum Ende und dann auf dem unbefestigten Weg noch ein paar Meter bis zum Weinkeller. Und am besten nehmen Sie auch gleich ein paar Kisten Wein mit, solange die Preise noch nicht auf Yquem-Niveau sind.




Samstag, 2. September 2017

Banyuls: Die selbstverständliche Fluchthilfe von Lisa und Hans Fittko

Der äußerste Süden Frankreichs war wichtige Durchgangsstation für viele Flüchtlinge, die im Zweiten Weltkrieg über Frankreich nach Spanien und weiter nach Portugal fliehen wollten.

Vielen halfen Flüchtlingsorganisationen wie das das „Emergency Rescue Committee“ unter der Leitung des amerikanischen Journalisten Varian Fry, der von Marseille aus arbeitete. Über ihn gibt Dokumentarfime und Ausstellungen, Straßen sind nach ihm benannt und ein vielbeachtetes Buch hat er geschrieben: „Auslieferung auf Verlangen“, in dem er die Rettung vieler europäischer Interlektueller schildert. Und dennoch ist er weitgehend unbekannt gebliebe.

Ebenso kann auch mit den Namen von Hans und Lisa Fittko kaum jemand etwas anfangen. Und das trotz Lisas Büchern „Mein Weg über die Pyrenäen“ und „Solidarität unerwünscht", trotz des daraus entstandenen Theaterstücks von Christoph Hein und trotz zahlreicher Film- und Radio-Dokumentationen. Erst 1985, zwanzig Jahre vor ihrem Tod hat sie mit dem Schreiben angefangen.

Teilweise auf allen Vieren suchten die Flüchtlinge den Weg über die spanische Grenze.
Auch mit guter Kondition eine anstrengende Tour - oft bei schattenlosen 35 Grad. Bis zu dreimal in
der Woche waren die Fittkos unterwegs.
Fry hat übrigens immer ein wenig den Anschein erweckt, als seien die beiden Teil seiner Organisation, Lisa Fittko dagegen legte Wert auf die Unabhängigkeit ihrer Hilfsaktionen. Bei aller Unterstützung des „Emergency Rescue Committee“ war die Distanz zwischen Fry und den Fittkos noch größer geworden, als aufgrund eines sprachlichen Mißverständnisses Fry den Eindruck gewann und auch kommunizierte, die beiden arbeiteten nur als Schleuser gegen Bezahlung; das war nicht der Fall.

Erst im Jahr 2001 wurde in Banyuls-sur-Mer eine schwer zu entziffernde
Gedenktafel enthüllt, die diese Arbeit im Verborgenen würdigte:

„Es war das Selbstverständliche.
Dem Andenken
von Lisa und Hans Fittko
und den vielen anderen.
Von September 1940 bis April 1941
führten sie - selbst bedroht -
Verfolgte des Nazi-Regimes über
die Pyrenäen.
Ihre tapfere Tat rettete
vielen Menschen das Leben.“

Heute beginnt dort, weit ab von allen Orten, an die ein Tourist in Banyuls je von alleine kommt, der „Boulevard des Evadés de France“, der Weg der Flüchtlinge in die steilen Weinberge.

Wie Heinrich Mann gerettet wurde und warum Walter Benjamin nach dem Weg über die Pyrenäen Selbstmord beging, ein einem weiteren Blogbeitrag.

Samstag, 26. August 2017

Hermann Kesten: Schriftsteller, Flüchtling und Lebensretter

Wenn wer Ende der 1920er Jahre in eine Buchhandlung ging und nach einem Werk von Erich Kästner fragte, kam es meist zur Gegenfrage: „Sie meinen doch sicher Hermann Kesten.“             

Bis 1933 war Kesten in Deutschland nicht nur als Autor, sondern vor allem als Programmleiter des Berliner Kiepenheuer Verlages eine der meinungsbildenden Persönlichkeiten der Literaturszene: Heinrich Mann, Anna Seghers und Bert Brecht gehörten zu den von ihm geförderten Autoren. Nach seiner Flucht vor den Nationalsozialisten, die ihn über Frankreich in die Vereinigten Staaten führte, entwickelte er sich zur der zentralen Figur der Exilliteratur. Neben seiner Tätigkeit als Lektor veröffentlichte er zahlreiche Artikel in der Weltbühne, der Frankfurter Zeitung und dem Berliner Tageblatt. Als „Literator“ bezeichnete ihn ob seiner Lektorenmacht und seiner vielen Verbindungen im Kulturbetrieb später Marcel Reich-Ranicki.
Toni und Hermann Kesten in New York 1943.
Auch Kestens Frau war komplett in die
Rettungsaktivitäten zahlreicher Exilautoren
vor dem Zugriff der Nationalsozialisten
eingebunden.
Vor allem aber organisierte Kesten über ein US-Hilfskomitee, das auch von Thomas Mann und Stefan Zweig unterstützt wurde, die Flucht vieler Autoren, beschaffte Visa, Geld und finanzierte manchmal auch gefälschte Papiere. 1974 erinnerte er sich:
„Ich besitze Hunderte Briefe berühmter europäischer Maler, Musiker, Professoren, Philosophen, Bildhauer und Autoren, die in ganz Amerika keinen andern wussten, der ihnen helfen konnte, ihr Leben zu retten, als mich.“
Ein solcher Satz war keine überzogene Eitelkeit, denn zu den von ihm geretteten Personen gehörten etwa Lion Feuchtwanger, Marc Chagall, Alfred Döblin und Franz Werfel.

Als hätte er seine spätere Rolle vorausgeahnt: In seinem Abituraufsatz aus dem Jahr 1919 beschäftigte sich Kesten bereits mit der Frage
"Wie kann der Dichter seinem Volke in Zeiten der Drangsal und Erniedrigung nützen?“
Schon gut zehn Jahre später war Kestens Einfluss derartig, dass Bert Brecht mit ihm allen Ernstes die Vereinbarung treffen wollte, „wechselseitig nur noch Lobendes übereinander zu sagen.“

Keine Werbung, sondern eine Notwendigkeit in Ihrer Bibliothek:
Die Kesten Biographie von Albert M. Debrunner

Heute kann mit den Namen Hermann Kesten fast niemand mehr etwas anfangen. Da sollte die kürzlich im kleinen Schweizer Nimbus-Verlag erschienene – und, kaum glaublich, erste (!) - Kesten-Biographie helfen, das zu ändern. Zwanzig Jahre hat deren Autor, der promovierte Germanist und Philosoph Albert M. Debrunner** in Archiven geforscht, Gespräche mit Zeitzeugen geführt und so zahlreiche bisher nicht bekannte Dokumente, Briefe und Familienfotos ans Licht geholt.

Nicht so ganz einfach ist das gewesen, über einen Menschen zu schreiben, wenn 1933 zahlreiche Quellen von den Nationalsozialisten vernichtet wurden, später bei Fluchten und Umzügen verloren gingen oder sogar von seiner Frau aus Angst vor den US-Geheimdiensten vorsorglich verbrannt wurden. 1940 musste Kesten seine Unterlagen vor den Nazis in einem Pariser Hotel und im Amsterdamer Exilverlag Allert de Lange zurück lassen. Ende der 1960er Jahre wurden dann Briefe und Manuskripte aus dem New Yorker Leo Baeck Institut, das sich mit der Erforschung und Dokumentation des deutschsprachigen Judentums beschäftigt, gestohlen.

In der Biographie Debrunners steht jener Hermann Kesten, der Beichtvater und Verleger, gutes und schlechtes Gewissen sowie Geld- und Ratgeber „seiner“ Autoren war, über dem Schriftsteller Kesten. Geldsorgen, Depression, Hunger, Langeweile und Angst waren die täglichen Begleiter vieler der von ihm betreuten und oft mit ihm befreundeten Schriftsteller, aber er konnte nicht immer helfen. "Wir verloren unser Volk und unsere Leser, unsere Verlage, Zeitungen, Theater, Wohnungen, Bankkonten, Pässe, Papiere, unsere Manuskripte oder Freunde, unsere Identität und viele von uns ihr Leben.“

Trotzdem gab es auch glückliche Wochen und Monate. 1934, im ersten Jahr seines Exils, bewohnte Kesten in Nizza gemeinsam mit Joseph Roth und Heinrich Mann ein Haus an der Ecke Petite Rue de la Californie und der Promenade des Anglais. Ein wahrhaft produktives Haus: Während Kesten im ersten Stock an „Ferdinand und Isabella“ arbeitete, schrieb Roth im zweiten an „Die hundert Tage“ und Mann im dritten an „Henri Quatre“; drei sehr unterschiedlich angelegte historische Romane entstanden von Etage zu Etage.
1933 in Sanary mit vielen Autorenkontakten 
und ein Jahr später in Nizza mit Heinrich Mann und Joseph Roth im gleichen Haus

Da passten die drei sehr unterschiedlichen Frauen, mit denen sie hier lebten. Manns Freundin Nelly Kroeger,
„blond, üppig und weinselig“,
erzählte grotesk-gewagte und
„manchmal schon zu deutliche Geschichten aus ihrer Mädchenzeit am Kurfürstendamm, berlinerisch ausgezogene, sozusagen splitternackte Geschichten, die mehr nach rotem Wein schmeckten als nach Nachtigallenzungen."
 
Kestens Mutter, die zweite Frau im Dichterhaus, moralisierte und zitierte die deutschen Klassiker und wenn Roths Freundin Andrea Manga Bell, regelmäßig mit leichter Verspätung ins Eckrestaurant kam, war dies jedes Mal ein perfekt inszenierter Auftritt. „Die Frau eines afrikanischen Königs war die Tochter eines Kubaners und einer blonden Hamburgerin“, wie sich Kesten in „Meine Freunde die Poeten“ erinnerte.

Für Heinrich und Thomas Mann, Alfred Döblin, Stefan Zweig, Friedrich Torberg oder Hans Magnus Enzensberger gehörte er zu den großen Romanciers des 20sten Jahrhunderts. Insgesamt rund zwanzig Romane und Biographien hat er geschrieben und wurde mit seinem Erstling „Josef sucht die Freiheit“ zu einem Hauptvertreter einer ganzen Literaturgattung, der „Neuen Sachlichkeit“. 

Debrunner schreibt seine wissenschaftlich abgesicherte Forschungsarbeit so journalistisch leicht, dass die Lektüre Spaß macht. Allerdings macht es auch kein Hehl aus der Tatsache, dass er ein großer Fan von Kesten ist. Aber so ging und geht es fast allen, die in die Umlaufbahn Hermann Kesten gezogen werden.

Und Kesten heute? Als ich kürzlich in einer Buchhandlung nach einem Werk von Kesten fragte, wurde mir zu „Emil und die Detektive“ geraten, ersatzweise („Ist es für eine Mädchen?“) zu „Das doppelte Lottchen“.
 

** Albert M. Debrunner, Jahrgang 1964, promovierte mit einer Arbeit über den Schweizer Aufklärer Johann Jakob Bodmer und arbeitet als Gymnasiallehrer in Basel. Von 2006 bis 2014 war er Präsident der Allgemeinen Lesegesellschaft Basel. Er publizierte eine Reihe von Büchern, etwa über René Schickeles Schweizer Jahre oder „Literarische Spaziergänge durch Basel“. Und was Kesten gefallen hat: Debrunner ist im Arbeitszimmer seines Vaters, zwischen tausenden von Büchern, zur Welt gekommen. In den neunziger Jahren hat er Hermann Kesten in persönlichen Begegnungen befragen können.
 
Von den Büchern, die Hermann Kesten geschrieben hat, war lange Zeit kein einziges lieferbar; seit 2014 immerhin wieder die „Dichter im Café“. Kestens Werke wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Neben Thomas Mann und Lion Feuchtwanger gehört er zu dem meist gelesenen deutschen Autoren in den USA.
 
„Zu Hause im 20. Jahrhundert: Hermann Kesten“, Nimbus Verlag, CH-Wädenswil, 2017, 448 Seiten mit zahlreichen Bildern, 36 €, ISBN 978-3-03850-032-2. Also gleich auf in die Buchhandlungen!





 

Samstag, 19. August 2017

Thierry Vezon und andere beim Festival in Uzès: Die Bilder der Camargue

Der Weg in die Unendlichkeit zwischen zwei Salzwasserlagunen
Fotoredaktionen - auch der deutsche Titel "NATURFOTO" - kommen an Thierry Vezon nicht vorbei, wenn es um Bilder der Tiere und Landschaften im Süden Frankreichs geht. Von Pinterest bis Facebook ist er in allen wichtigen sozialen Netzwerken unterwegs. Vor allem Pferde, Stiere, Flamingos und die Salinen haben es ihm angetan.
Natürlich auch in Farbe, hier aber in schwarzweiss: Pferde und Flamingos von Thierry Vezon

Vezon übernimmt Patenschaften wichtiger Festivals und ist Jury-Mitglied des renommierten Wettbewerbs "The Wildlife Photographer of the Year", der vom Naturhistorischen Museum in London und der BBC organisiert wird. Und quasi nebenbei Autor oder besser gesagt Fotograf einer ganzen Reihe von Büchern.

Thierry Vezon mit einem 
Ultraleichtflugzeug von Stephen Gänßler
Fotografieren braucht manchmal Mut und Thiery Vezon hat ihn. Seit mehreren Jahren ist er mit einem Kollegen immer wieder in einem dieser Geräte unterwegs, von denen man vor allem dann hört, wenn sie mal wieder runtergefallen sind: Eine Ultraleichtflugzeug, also einem Drachenflieger mit Motor. Über den Salinen von Aigues-Mortes oder Salin de Giraud fotografiert Vezon Gemälde, die ihm das Wasser, das Salz, Algen, Halobakterien und Salinenkrebse gezeichnet haben.

Beim „Festival photo des AZIMutés“ in Uzes, das in diesem Jahr zum drittenmal stattfand, habe ich ihn gerade getroffen und danke für seine Zustimmung die Bilder dieses Beitrags veröffentlichen zu dürfen. Blättern Sie einfach einmal auf seiner HOMEPAGE.

Das Festival insgesamt besticht mit einer abwechslungsreichen
Wartende Menschen von Alain Dauty
Auswahl der eingeladenen Fotografen, wobei mir neben Vezon, und das ist ja immer subjektiv, die Bilder des Autodidakten Alain Dauty (Les territoires de l'attente/ Wartebilder, kurz gesagt) und Simplimage, einfühlsame Portraits, die in der Galerie von Marie Palazzo ausgestellt wurden, am besten gefallen haben. Das Buch mit den 90 Portraits können Sie über den vorhergehenden Link kaufen.


Die Rencontres von Uzes sind noch nicht die von Arles, aber mit Hilfe vieler freiwilliger Engagierter eine besuchenswerte Alternative mit vielen Fotografen "zum Anfassen". Das gilt für die Ausstellungen wie für das von Jahr zu Jahr umfangreichere Vortragsprogramm.

Wenn wer mit dem Rollstuhl unterwegs ist, für den bleibt Uzes ein holpriges und manchmal unzugängliches Pflaster, wie hier auf der Rückseite der Mairie.