Samstag, 10. März 2018

Absinth und Pastis: Angebetet und verdammt

 

Van Gogh: Dreifaches
Selbstportrait
Bild Wenisch 
Die Maler tranken und malten ihn, wie van Gogh (Bild oben)und Gauguin, die Schriftsteller tranken und beschrieben ihn und setzen ihn auch schon mal ein, wenn ihnen die Phantasie ausging oder kämpften mit ihm gegen Schreibblockaden an wie Oscar Wilde oder Charles Baudelaire, der formulierte:
"Die toten Wörter stehen auf und sind aus Stein und Bein."
Mediziner und Kirchenmänner verteufelten ihn aus jeweils ihrer berufsspezifischen Sicht. Der Absinth könne, weil er das Nervengift Thujon enthalte, Epilepsie hervorrufen und zu Erblindungen führen, vom Messebesuch abhalten und dem Glauben schaden.

Diese Verdammungen änderte sich auch nicht, als statt des Absinth längst der Pastis zum Lieblings-Apéro in Südfrankreich geworden war. Denn damit werde statt des „Vater unser“ nun ein „Notre Ricard“ gebetet.


Ricard unser,
der du bist schön kalt,
geheiligt werde deine Flasche,
dein Wille geschehe,
auf der Terrasse wie am Tresen.
Unser tägliches Glas gib uns heute,
und vergib uns unsere griesgrämigen Gesichter,
wie auch wir vergeben
den Casa*-Trinkern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Durst.

* Casanis eine preiswertere,aber gar nicht schlechte Pastis-Marke, für Ricard-Gläubige die teuflischste Versuchung, der man allerdings nicht erliegt – niemals.

Im Frühjahr 1915 wurde der Absinth verboten, was findige Brenner aus der Provence noch im gleichen Jahr durch den sogenannten „Pastiche“ ersetzten, was nichts anderes als "Nachahmung" heißt. Fenchel, Anis und Süßholz sind immer enthalten, die weitere Kräutermischung ist wohlgehütetes Geheimnis der unterschiedlichen Produzenten.

Die medizinischen Vorbehalte bestehen allerdings nicht mehr, seit ein Karlsruher Forscherteam im Journal of Agricultural an Food Chemistry allein den hohen Alkoholgehalt des Absinth von 70 und mehr Prozent für Gesundheitsschäden verantwortlich machte. Und es waren nicht immer die edelsten Stoffe, aus den das Getränk hergestellt wurde, wenn etwa Brennspiritus mit irgendwelchen Pflanzenextrakten und viel Zucker zusammengepascht wurde. In Frankreich wurde die Alkoholobergrenze für den Pastis im Jahr 1938 auf 45 Prozent festgelegt.

Wenn Sie am Nebentisch hören, wie jemand einen Mauresque, einen Perroquet oder einen Tomate bestellt, dann ist das weißer mit Mandelsirop, ein grüner mit Minz- oder roter mit Grenadinesirop gemischter Pastis.

Wenn ein ganz normaler Pastis sich beim Mischen mit Wasser milchig verfärbt - der sogenannte Louche-Effekt - ist dies übrigens Physik und nicht Chemie. Da, wo Wasser und Pastis zusammentreffen wird das Licht anders gestreut und macht das Getränk undurchsichtig.
  

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