Samstag, 21. Juli 2018

Ruth Landshoff-Yorck: Sie war ihr eigenes analoges Facebook

Heutzutage hätte Ruth Landshoff eine mindestens sechsstellige Zahl von Followern bei Youtube, Instagram, Twitter oder wo auch immer und hätte sich längst Entschleunigungs- oder Konzentrations-Apps installiert, um wenigstens eine halbe Stunde am Tag vor sich selbst etwas Ruhe zu haben. Die Bilder von ihr auf den roten Teppichen fände man nicht nur im Netz, sondern auch in Gala, Bunte und den zahlreichen kaum unterscheidbaren gelben Frauen-Zeitschriften. Als „Society-Girl im Berlin der Roaring Twenties“ (Süddeutsche Zeitung) oder „als eine Art androgynes IT-Girl, das die Jet-Set-Zentren Europas ansteuerte“ (Deutschlandfunk) wird sie charakterisiert.

Kein Wunder bei einer Frau, die von Kokoschka „wild und wach“ portraitiert wurde, Marlene Dietrich angeblich zur Filmrolle im „Blauen Engel“ verhalf, mit Thomas Mann Krocket spielte, mit Dali befreundet war und den Filmregisseur Murnau immerhin küsste - mehr war bei dessen Vorliebe für Naturburschen nicht drin. Als sie die Tagebücher ihres männlichen Pendants als Prominenten-Sammlerin, Harry Graf Kessler, liest, kommentiert sie:

"Von den im Index aufgeführten Personen kannte ich 315.“
Nur die von Kessler veranstalteten Einladungen fand sie langweilig:
"Vielleicht hätte der Graf Kessler einmal Hindenburg mit Josephine Baker einladen sollen."



Über und von Ruth Landshoff-Yorck

Wenn Landshoff schreibt, sogut wie wenn man über sie schreibt, ist exzessives Name-Dropping angesagt. Für Sartre organisierte sie eine Party und Cocteau schenkte sie ihr Feuerzeug. Nichts tut sie hingegen für André Gide, der ihr, während er einen "vergnügten jungen Clown" auf den Knien schaukelt, nur eine "harte flache Hand" zum Gruß reicht.

"Wenn Sie wüßten, Monsieur Gide, was ich über Sie weiß", schreibt sie in ihren Memoiren, "würden Sie mir nicht Ihr würdiges, respektheischendes Gesicht hinhalten, sondern eher ein verlegenes."
Gide soll einem ihrer Freunde Liebesbriefe geschrieben haben. Heute wäre das niemandem eine Zeile wert. Damals schon, denn der große Moralist Gide suchte seine Homosexualität lange zu verheimlichen.

Auch heute noch viel Erfolg mit der Google-Bildsuche
 Ruth Landshoff kam 1904 in Berlin zur Welt und starb 1966 in New York. Sie war die Nichte des Verlegers Samuel Fischer, der einiges für ihre ersten Karriereschritte tat. Und der Kiepenheuer-Lektor und späteren Exil-Verlegers Fritz Landshoff war ihr Cousin, den sie dann nicht mehr brauchte. Jedenfalls konnte es fast nicht ausbleiben, daß sie anfing zu schreiben. Ihr erstes Buch „Die Vielen und der Eine“, die Geschichte einer deutschen Reporterin in New York, wurde vom in Berlin neugegründeten Rowohlt-Verlag herausgegeben, in dem Franz Hessel als Lektor arbeitete. Dann unterschrieb sie einen Verlagsvertrag über sieben weitere Bücher, wobei für die „Schatzsucher von Venedig“ bereits der Vorabdruck in der „Berliner Illustrierten“ zugesichert war. Doch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten erscheint keines ihrer Bücher mehr in Deutschland, bis, ja bis der Berliner Aviva Verlag sie verdienstvollerweise wiederentdeckte.

Als sie Paul Valéry zu einem Kompliment nötigen will, sagt der nur, daß sie immerhin wie eine Dichterin aussähe. Romane waren nie ihre Stärke, Feuilletons schon. Und so wechseln auch in „Sixty to Go“ die qualitätvollen sich mit den nachlässig formulierten Passagen ab. Die Schriftstellerin Annette Kolb, die 1933 über Paris in die USA emigrierte, hatte ein gutes Gespür, als sie in der Zeitschrift „Literarische Welt“ Landshoffs Erstlingsroman rezensierte:

„Sie hat eine große und liebenswürdige Eigenschaft, sie schreibt nicht langweilig. Aber hat einen weiten Weg und wird sich gehörig entsnoben müssen.“
Als Landshoff schon selbst in die USA geflüchtet war, begegnet sie Klaus Mann in Kalifornien und überläßt ihm ein Roman-Manuskript. Seinem Tagebuch vertraut er an:
„Nicht einmal ganz schlecht; aber recht verlogen, romantisch und überflüssig“.
Nun, Klaus Mann, der ja vor allem von den Dingen überzeugt war, die er selbst verfaßte. In den USA hatte Landshoff die Feuilletons abgelegt, war politischer geworden, arbeitete für die Voice of America und schrieb dort ihr Buch über eine Widerstandsgruppe an der französischen Riviera.




„Sixty to Go“ basiert – angeblich, sei wieder hinzugefügt, da immer wieder die Phantasie mit Landshoff durchgeht - auf einer Kurzgeschichte von Josef Than, dem Autor und Filmproduzenten; auch ob das so ist, weiß niemand außer ihr. Wie so oft, wenn die Autorin Fakten einbringt, etwa auf Seite 155 über das Lager Gurs, wird es ungenau bis falsch. An sich darf man das einem Roman nicht ankreiden, aber dann wieder doch, wenn er den Eindruck eines Tatsachenberichts bewirken will, mit Hilferding, Pagnol, Gabin und anderen, die auftauchen. Man merkt sehr schnell, dass die Autorin das entbehrungsreiche und gefährliche Exil im geteilten Frankreich allenfalls vom Hörensagen kennt. Und wenn sie ihre eigenen Côte d‘Azur-Erinnerungen einbringt, beschränken die sich auf das Umfeld der Luxushotels von Negresco bis Ruhl und einen Ausflug nach Cagnes-sur-Mer.




Irgendwie erzählt sie die Geschichte von Varian Fry, dem jungen Amerikaner, den eine Hilfsorganisation nach Marseille schickte, um exilierte europäische Intellektuelle vor den Nationalsozialisten zu retten. Er hätte in seinem Buch „Auslieferung auf Verlangen“ über seine „Mannschaft“ auch das schreiben können, was Landshoff im Roman schreibt: „Es war eine merkwürdig zusammengewürfelte Gruppe. Nichts als ein Krieg hätte sie so zusammen bringen können.“ Und irgendwie erzählt sie auch die Geschichte, die Lisa Fittko in ihrem Buch „Mein Weg über die Pyrenäen“ beschreibt. Fittko und Fry sollte man lesen, um Landshoff besser zu verstehen. Deren Salon-Resistanceler sind so weit vom echten Leben entfernt, wie die Autorin es auch meist war, eine Gruppe, die den Krieg als Abenteuerspielplatz nutzt, ohne auf den gewohnten Luxus zu verzichten.

Sixty to go - noch sechzig Flüchtlinge, dann hätten sie fünfhundert zusammen, die Gruppe von vier Männern und einer Frau unterschiedlicher Herkunft in Nizza, die alle vor den Nazis geflüchtet sind und im Jahr 1941 Menschen mit gefälschten Papieren über die Pyrenäen nach Spanien bringen: die Comtesse Maria de Roseraye, die alle nur Darling nennen; Johannes Tarner, ein österreichisch-französischer Schriftsteller; Sascha, ein polnischer Bergarbeiter; Gérard, ein Schauspieler aus Paris, und Franticek, ein tschechischer Pilot. 


Hotel Ruhl - heute längst abgerissen und immer wieder mit dem Charlton verwechselt.
Eine gute Hilfe beim Verständnis des Romans und vor allem seiner Autorin bieten die Bücher von Thomas Blubacher und Diana Mantel. Das Buch des Theaterwissenschaftlers und Regisseurs Blubacher hat 367 Seiten, auf Seite 265 beginnt der Anhang; da fürchtet man eine unlesbare Dissertation, die es dann aber doch nicht ist. Der Rechercheaufwand, verbunden mit vielen Reisen und Gesprächen ist bewundernswert. Manchmal wird der Autor allerdings exakter als es dem Leser nützt, wenn etwa der Einkommensteueranteil der jüdischen Bevölkerung Berlins (4,84 Prozent) mit 30,265 Prozent angegeben wird. Und etwas mehr historische Einordnung hätte dem Buch ebenfalls besser getan, als die ausführliche Dokumentation, wer wann in welchem Haus, in welchem Stock wohnte und wer vorher darin gewohnt habe, etwa auf Seite 181. Fast meint man, die Excel-Liste der Recherche-Ergebnisse sei dann unter unbedingter chronologischer Ordnung in den Text umgesetzt worden. Ziemlich grob übergeht Blubacher, ganz im Gegensatz zur Literaturwissenschaftlerin Diana Mantel Einzelheiten zur Quellenlage. Mantel, die in München bei Professor Annette Keck mit der hier angesprochenen Arbeit über Ruth Landshoff promoviert wurde verweist auf die Bestände des Howard Gotlieb Archival Research Center in Boston. Dort wird Landshoff unter dem Namen Ruth Yorck geführt.

Noch reichlich Material im Howard Gotlieb Archival Research Center

Viel gibt es dort noch zu entdecken und vielleicht auch noch zu veröffentlichen: Manuscripts by York include novels and novellas, poetry, articles and lectures, short stories, plays, essays, and other items. Novels and novellas appear in English and/or German. Titles include The Cinderella Murders; The Life of a Dancer / Leben Einer Tanzerin; The Gardenia Girl; Storm in Italy; So Cold the Night; Hinz; Die Nacht der Schlimmen Liebe; Patric Hoolihan; Young Man Beloved; an untitled novel in German; and an untitled novel in English. Also present are manuscripts for numerous poems, in English, German, and French; many articles written for various periodicals by Yorck; several short stories; essays; translations of other authors by Yorck, including pieces by David Davidson, Ben Hecht, and Niccolo Tucci. In addition, there is manuscript material related to plays adapted by Yorck, including The Infernal Machine, by Jean Cocteau; The Doorknob, by Jan Rys, and Giulia, by Karl Voelmoeller. There are also manuscripts for plays by Yorck: Im Letzten Augenblick; Happening at the Café; and 14ième Juillet, a radio play in French. There is also manuscript material for Free World Ballad - A Cantata for Mixed Voices; a ballet titled Hait est elle Zauberdam; and a pageant entitled The Good Will Ballad. Dazu gibt es viele Fotos aus den 30er und 40er Jahren.



Ruth Landshoff-Yorck: Sixty to Go. Roman vom Widerstand an der Riviera. AvivA Verlag, Berlin, 256 Seiten, 18,90 €.


Diana Mantel: Ruth Landshoff-Yorck – Schreibende Persephone zwischen Berliner Boheme und New Yorker Underground. Analysen zum Gesamtwerk. Peter Lang Verlag, Frankfurt., 428 Seiten, 76,95 €.

Thomas Blubacher: Die vielen Leben der Ruth Landshoff-Yorck. Insel Verlag, Berlin, 367 Seiten, 22,95 €.





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