Freitag, 17. Juli 2020

Die Sommer des Peter Kurzeck in Barjac und Les Saintes Maries de la Mer

Es gibt den kölschen Text von Wolfgang Niedecken über Jupp, den er in einer Kneipe am Kölner Severinstor kennenlernt:
„Jo, dä Jupp trick jraad sing Sejel huh, un er nimmpt dich met, jedenfalls meint er et, un er verzällt sich fruh. Wie jeden Daach verzälld e, wat em wo passiert ess. In singer eijene Welt, janz ob sich selvs jestellt. Oh Mann, wer kann dat schon?“ *
Kurzeck kann das - in seiner eigenen Welt, ganz auf sich selbst gestellt. Jetzt ist er endlich da, Peter Kurzecks schon zwischen 1998 und 2001 geschriebener siebter Band über „Das Alte Jahrhundert“, der die Sommer 1983 und 1984 umfasst. Schon für 2017 war er vom Verlag Stroemfeld angekündigt, bevor er jetzt bei Schöffling, und betreut vom gleichen Herausgeber/Lektorenteam, erschien.

Wer den Süden Frankreichs liebt, findet leicht unterschiedlichste Gründe das Buch von Peter Kurzeck „Der vorige Sommer und der Sommer davor“ zu kaufen. Es ist ein Werk, in dem man immer wieder versinken kann, bestens mit einer Flasche Rosé an einem heißen Augusttag mit Blick auf die Ausläufer der Cevennen.

Und dann ganz banal: Es ist ein preiswertes Buch mit seinen 656 Seiten für 16 Euro; dabei unterstelle ich einfach, daß Sie es mindestens zweimal lesen. Wer dieses Sommerbuch nur einmal liest, überliest zuviel. Denn da entsteht, anhand der x-fach überarbeiteten und dann endlich zum Druck freigegebenen Notizen des großen Romanciers, ein Bild des Midi, wie wir es vielleicht selbst schon einmal gespürt haben, es aber nicht aufschreiben oder ausdrücken konnten. Und doch kommt einem alles so bekannt vor.

Nicht jeder empfindet Spaß an einer Kurzeck-Lektüre und manche haben sich erst beim zweiten oder dritten Buch in seinen unverwechselbaren Stil eingelesen oder lassen es dann spätestens ganz. Ist ja auch viel Arbeit, wenn man die vielen Worte, die er weglässt. Dazudenken muß, hätte Kurzeck schon nicht mehr geschrieben. Querlesen gilt nicht. Ehrlich ist er ja, der Autor, wenn er seine Freundin Sibylle sagen läßt:

„Eigentlich schreibst du deine ersten Kapitel, um die Leser abzuschrecken! Das nicht, sage ich, nicht direkt. Aber sollen wissen worauf sie sich einlassen.“ 
Für wen das Sommerbuch das erste Buch des Autors ist, der fängt am besten auf Seite 99 an und hört erst mal auf Seite 343 auf. Das ist die Geschichte dieser südfranzösischen Sommerreise mit Sibylle und der gemeinsamen Tochter Carina. Das Trio trampt nach Barjac, um Jürgen und Pascale zu besuchen, die dort ein letztlich erfolgloses Restaurant aufgemacht haben, und zieht von dort weiter ans Meer, nach Les Saintes Maries de la Mer, wo sie eine Ferienwohnung gemietet haben.

Mehr als in diesem einen Satz beschrieben, passiert auf den 244 Seiten über Südfrankreich nicht und doch sind es viele und dichte Bilder, die Kurzeck in uns entwickelt. Bilder von einer vielsprachigen Vermieterin in Gummistiefeln, goldenen Käfern und glücklichen Eidechsen, immer wieder Espresso, nicht gekauften Kleidern, Möwen, Zigeunerinnen in bunten Röcken, die ihn ansehen, als gehörte er zu ihnen und immer wieder dem fehlenden Geld.
Sara: Die für die Zigeuner wichtigste der "Marien"

Kurzeck, der 2013 mit siebzig Jahren und viel zu früh - vor allem für sich selbst und sein noch abzuarbeitendes Pensum - starb, war kein Schnellschreiber. Manchmal, so gesteht er uns, brauchte eineinhalb Tage, um einen angefangenen Satz überhaupt zu Ende zu schreiben. Hier zusammengefügt ein paar Zitate von den Seiten 35, 113, 115, 213, 219, 280, 292 und 625:


„Ich muß einen Moment beschreiben, auch wenn ich zehn oder zwanzig Jahre dafür brauche. Ich schreibe auf Papierservietten, Bierdeckel, Zigarettenschachteln, Tesafilm, Packpapier, Käseschachteln aus Spanholz und Schmirgelpapier. Lesen, korrigieren, umschreiben, dann Notizen sortieren und auf bessere Zettel übertragen. Nach und nach wird aus den Zetteln ein Anfang. Lesen, ändern, dazu schreiben, bis man es kaum noch lesen kann und nächstens bald wieder abtippen muß. Manchmal muß mein Freund Jürgen mit einer Lupe meine Notizen entziffern. Jeden Abend eine neue Reinschrift.“
Wer so radikal-autobiografisch arbeitet, macht es sich selbst nicht leicht, vor allem aber denen nicht, die ihn, oft dann nur ein kurzes Stück auf dem Weg begleiten. Kurzeck-Freunde sprechen von ihm als ihrem ehemaligen Freund und auch Sibylle ist bald weg und nimmt Carina mit. Und dann antwortet Kurzeck:
„Was denkst Du, wie anstrengend es für mich ist, daß ich immer ich bin!“
Kennengelernt haben wir uns 2011 in Uzès. Mit der Bemerkung, ich sei eben noch dem Schriftsteller Peter Kurzeck begegnet, hatte ich eine Verspätung gegenüber meiner Frau ins literarisch rechte Licht rücken können. Unseren Thé à la menthe haben wir meist im «L’Oustal» getrunken. "Rund um die Uhr reicht die Zeit nie ganz aus", räsoniert der Ich-Erzähler in seinem Roman "Als Gast", und lieferte das zeitliche Argument für die Entschuldigung gleich mit.

Der in Böhmen geborene Vielfachpreisträger lebte einige Zeit als sorgfältiger Archivar der eigenen Biographie immer mal wieder auch mitten in Uzès und inventarisierte seine Umgebung; und mehr noch seine Erinnerungen. Und wenn dann die Nachmittagssonne Schattenspiele der Platanen in sein Arbeitszimmer projizierte und der Nachbar nicht gerade in einem Renovierungsanfall mit dem Bohrer neben Kurzecks Bett die Wand durchstieß, konnte er in Ruhe die zehnte Korrektur seiner getippten Texte zurechtfeilen. Ob und wann er den meiner Frau vor einigen Jahren beim «Hausacher Leselenz» im Schwarzwald versprochenen Uzès-Roman abliefern würde, hat sie mit viel Geduld und bis zu seinem Tod abgewartet. Bisher leider vergebens.

Aber vielleicht hat Günter Kämpf, der Gründer des Anabas Verlages, in der Wohnung in Uzès noch etwas gefunden? Er hatte mit seiner Frau dort die Wohnungsauflösung abgewickelt. Dann wären Rudi Deuble und Alexander Losse an der Reihe, die mit dem Sommerbuch eine bewundernswerte editorische Arbeit erbracht haben. Besser hätte Kurzeck das auch nicht hinbekommen. Nur wäre dann das Buch noch nicht erschienen.




Peter Kurzeck: Der vorige Sommer und der Sommer davor.
Das alte Jahrhundert 7. Roman. Schöffling Verlag, Frankfurt, 2019. 656 S., 32 €
Aus dem Nachlaß herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Rudi Deuble und Alexander Losse.

Einige der hier verwendeten Bilder entstammen der Kurzeck-Biografie von E. Schmied.


* Ja, der Jupp zieht gerade seine Segel hoch, und er nimmt dich mit, jedenfalls meint er es, und er erzählt sich froh. Wie jeden Tag erzählt er, was ihm wo passiert ist. In seiner eigenen Welt, ganz auf sich selbst gestellt – oh Mann, wer kann das schon?


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