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Samstag, 23. Januar 2021

Johanna Schopenhauer: Vergebliche Suche nach der Reinlichkeit des Südens

Das ist nun wirklich mal ein durchgezogener roter Faden. Johanna Schopenhauer, die 1766 geborene Tochter aus einer groß- und bildungsbürgerlichen Danziger Handelsfamilie und vom Vater gegen
Klementine des 18. Jahrhunderts
ihren Willen an einen noch reicheren Handelsherren verheiratet, war, nicht nur in Südfrankreich, immer auf der Suche nach sauberen Gassen, Plätzen und Hotels und hat das in ihren damals hochgeschätzten Reiseveröffentlichungen, etwa den "Promenaden unter südlicher Sonne" auch penibel dokumentiert.

In Montauban, im „Hotel des Ambassadeurs“, nahm Johanna Schopenhauer Anstoß an der Möblierung. Vorhänge, Stühle und das Bettgestell sahen aus, als stammten sie aus einem in der Französischen Revolution zerstörten und ausgeraubten Schloß. Auch ekelte sie sich vor der fleckigen Bettwäsche.
„Die Flecken waren vielleicht Blut der in diesen Betten Ermordeten.“
In Toulouse war alles noch viel schlimmer:
„Der dem Lande eigene Haß gegen alle Ordnung und Reinlichkeit scheint in dieser Stadt aufs höchste gestiegen.“
Auch Carcassonne fand ihre Gnade nicht:
“Des so notwendigen Schattens wegen baute man hier die Häuser so nahe einander gegenüber, aber die Luft wird dadurch dumpf, drückend und der gänzliche Mangel der Reinlichkeit umso empfindlicher.“
Und auch nicht Montpellier:
Place de la Comédie
„Da wir bisher auf fast allen Flaschen mit wohlriechendem Wasser immer Montpellier gelesen hatten, so glaubten wir in unserer Einfalt, die ganze Stadt müsse wie der Laden eines Parfümeurs riechen. Wir fanden aber leider hiervon das Gegenteil. Von der hier herrschenden Unreinlichkeit ist es unmöglich, sich einen Begriff zu machen; das Auge wird ebenso beleidigt als die Nase.“ 
Ähnlich wenig gefielen ihr Avignon und Aix-en-Provence, jedenfalls abseits der stattlichen Bürgerhäuser und Brunnen auf dem Cours.
Stolpern über Cézanne
„Der übrige Teil von Aix ist winkelig und dunkel, und die darin vorherrschende Unreinlichkeit übersteigt allen Glauben. Die ganze Stadt hat etwas unordentliches, wir möchten sagen Unheimliches.“
Einmal immerhin hatte sie Glück. Im Gasthaus „A la Belle Suédoise“ in Saint Cannat. Trotz des verblichenen Wirtshausschildes ließ Johanna Schopenhauer anhalten.
„Wir stiegen aus, und auch das Innere des Hauses war zwar ärmlich, aber von einer Reinlichkeit, die wir in diesem Lande zu finden längst nicht mehr erwarteten.“
Die „schöne Schwedin“ stammte aus Stralsund – einst Schwedisch-Pommern - , hatte sich im Siebenjährigen Krieg in einen französischen Soldaten verliebt. Sie war ihm bis hierher, in die Nähe von Aix-en-Provence, gefolgt und freute sich, mit weit über achtzig Jahren inzwischen, wieder einmal deutsch sprechen zu können.

Und dann stieß sie gegen Ende ihrer Reise auf eine besonders saubere Stadt - ausgerechnet Marseille.
„Diese Reinlichkeit fiel uns besonders auf, und die schöne zierliche Stadt, in welcher sogar die Fenster zuweilen gewaschen werden, gefiel uns umso besser, je länger wir die Freude entbehrt hatten, alles um uns her sauber zu sehen.“ 
Grund dafür waren die Steinplatten auf den Bürgersteigen und die zahlreichen schmalen Rinnen, durch die im Hochsommer noch das Wasser strömte. Selbst Damen in weißen Schuhen könnten hier zu Fuß gehen. Eine Polizei, die streng auf Einhaltung der Sauberkeits-Vorschriften achte und die nächtliche Straßenbeleuchtung taten ein übriges.
 

Samstag, 9. November 2019

Aix-en-Provence: Verführung und Verbrechen in alten Stadtpalästen

Immer beeindruckend - von Westen wie von Osten: Montagne Sainte Victoire.              Bilder Dominik Fehringer
Wer Aix besuchen will, hat es sehr einfach: Er fährt einfach auf Cézannes Bergkette, die Montagne de Sainte Victoire, zu und parkt sein Auto in der Nähe des Cours Mirabeau. Südlich dieser Allee
kommen Sie an einer ganzen Reihe alter Stadtpaläste und Brunnen vorbei. Gleich neben dem Museum etwa am Hôtel de Villeneuve d‘Ansouis und dem Hôtel de Boisgelin, nach ein paar Schritten an der Fontaine des Quatre Dauphins des Bildhauers Jean-Claude Rambot. Tagelang könnte könnte man den Erinnerungen dieser Stadtpaläste zuhören und sich mit den Schicksalen ihrer Bewohner beschäftigen.
Cours Mirabeau      Bild Georges Seguin cc
Im Hôtel des Princes am Cours Mirabeau beispielsweise
„wohnten nacheinander der Sultan von Maissour, Tippou Sahib geheißen, darauf Bonaparte nach seiner Rückkehr von Ägypten; im Abstand von zwanzig Jahren folgte Papst Pius VII. und endlich 1840 die Ex-Königin Christina von Spanien, nach welcher der Infant Don Charlos kommen sollte“.
Weiter unten, im Hôtel der Familie Cariollis wurde Madelaine, die Tochter des Gerichtspräsidenten geboren, die in jungen Jahren zur Witwe geworden war und die den Schriftsteller François de Malherbe heiratet. Dem Herzog Henri von Angoulême, der Gouverneur der Provence geworden war, folgte der Jurist Malherbe nach Aix. Erst spät, nach Angoulêmes Tod, wurde Malherbe geadelt und fand einen Mäzen in Heinrich IV. und dessen zweiter Frau, Maria de Medici.

Im Hôtel de Perrin wohnte der Verleger der Briefe der Madame de Sévigné und gleich nebenan der Fastenprediger Honoré Gaillard, von dem beeindruckt, die Marquise immer wieder in ihren Briefen berichtet.

In der parallel zum Cours Mirabeau laufenden Rue de Mazarine lebte Emilie de Covet-Marignane, eine reiche Erbin, auf die der Graf Mirabeau aus genau diesem Grund eine Auge geworfen hatte. Daß Emilie verlobt war, hinderte ihn nicht, sich um die Dame zu bemühen. Schon damals war allerdings sein Ruf so ruiniert, daß er nicht einmal zum Vater vorgelassen wurde.


Er fing dann eine Affaire mit einem der Dienstmädchen des Hauses an, kam so an die Schlüssel und stand eines schönen Morgens in Socken und Nachthemd auf dem Balkon des Schlafzimmers der jungen Dame – mal heißt es auch, er habe seinen Auftritt in Unterhosen und mit offenem Hemdkragen zelebriert. Das ist nun letztlich wirklich nicht
Stadtpaläste in Aix                                   Bilder Office de Tourisme
entscheidend; so oder so kam es zu einem Menschenauflauf, erst recht, als Mirabeau in allen Einzelheiten davon zu erzählen begann, wie ihn die vergangene Nacht mit Emilie beglückt habe. Daß die nicht einmal im Haus gewesen war, tat nichts zur Sache. Die Verlobung wurde gelöst und, eine Frage der Ehre, der Graf zum neuen Hochzeiter. Der Schwiegervater aber hielt die Finanzen beisammen, es gab kein Geld für das Paar und als die Schulden hoch genug waren, ließ Covet den Grafen ins Château d’If, die Gefängnisinsel vor Marseille, werfen.

Später dann in Aix in einem aufsehenerregenden Prozeß, der den zahlreichen Zuschauern aller Stände die ganze rhetorische Kraft Mirabeaus vorführte, die Scheidung. Alfred Schirokauer hat das in einem biographischen Roman nachempfunden.



Les deux Garcons                                                                      Bild Wiki cc
Beschließen können Sie den Rundgang in der Mejanes-Bibliothek oder im Spiegelkabinett des Café Les Deux Garcons, das ganz einfach davon lebt, daß jeder Besucher nicht nur glaubt, einmal dort gewesen sein zu müssen, sondern tatsächlich hingeht. Die steif gestärkten, blütenweißen Schürzen und Hemden der Ober bezahlen Sie natürlich ebenso mit wie deren schwarze Westen und korrekt gebundene Fliegen. 

Samstag, 9. Februar 2019

Aix: Eine verhängnisvolle Affaire und ein Mordversuch

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Cézanne plötzlich der Senkrechtstarter auf dem Kunstmarkt. Indirekt ausschlaggebend war posthum Zola, dessen Gemäldesammlung mit vielen Bildern Cézannes 1903 versteigert wurde. Die Geschwister Leo und Gertrude Stein gehörten zu den ersten Sammlern und beschrieben den Wechsel:
„1905 hatten die Leute vor seinen Bildern hysterische Lachanfälle bekommen. 1906 verhielten sie sich respektvoll. 1907 waren sie ehrfürchtig.“
Karr
Vor lauter Angst, daß es sich bei den nun auch steigenden Preisen um eine kurzfristige Modeerscheinung handeln würde, verkaufte Cézannes Sohn 1907 fast zweihundert Bilder seines Vaters für gerade mal gut einhunderttausend Francs. Ein paar dieser Cézannes, Dauerleihgaben der Pariser Staatlichen Museumsverwaltung, sind heute im Musée Granat zu finden.

Aix war immer schon eine Stadt der Gegensätze. Wer sich morgens auf den Spuren von Cézanne bewegt, kann sich mittags quadratisch und praktisch in der Fondation Vasarély umtun. Der Schriftsteller Marcel Pobé stellte dem maßvollen Moralisten Vauvenargues den maßlosen Revolutionsredner Mirabeau gegenüber und dem geistreichen Abbé Bremond die reizreiche Louise Colet.
Colet
An die Gedichte der reizenden Louise, einer Professorengattin und begeisterten Liebhaberin von Philosophen und Schriftstellern, erinnert man sich heute nicht mehr wegen der Auszeichnungen, die sie von der Académie Française erhielt; eher wegen der verkaufsfördernden Skandälchen, die die Lyrikerin ganz gezielt und öffentlichkeitswirksam einsetzte.

Manch heutiger Autorin hat sie so gezeigt, wie man es macht. Auf dem Entwurf zur Grabinschrift, die Maxime du Camps formulierte, hieß es dann auch sehr ehrlich, aber viele auslassend:

„Hier ruht jene,
die Victor Cousin kompromittierte,
Alfred de Musset lächerlich machte,
Gustave Flaubert verächtlich behandelte und
Alphonse Karr umzubringen versuchte.“

Die Hintergründe des Vierzeilers sind schnell erzählt. Nach einer Liebesbeziehung zum Philosophen Victor Cousin wurde Louise Colet schwanger und der Journalist und Satiriker Alphonse Karr spottete in der Zeitung, dies sei wohl die Folge einer „piqûre de cousin“ - eines Mückenstichs von Cousin.

Die Dame ist natürlich nicht Louise Colet auf Cézannes Bild "Nachmittag in Neapel,
aber so ähnlich wird sich das in der Phantasie von Karr abgespielt haben.
Louise stach mit einem Messer auf Karr ein, erfolgreich, doch zum Glück nicht so ganz. Karr jedenfalls wurde schnell wieder gesund und begleitete ihre zahlreichen Liebschaften auch weiterhin. Allerdings wird er sich ab und zu über die Narbe gestrichen haben, die ihn darin erinnerte, sich mit schriftlichen Äußerungen zurück zu halten.



Sonntag, 25. Dezember 2016

Kurt Tucholsky: Der aufgehörte Deutsche

Kurt Tucholsky hat nach 1924 viel Zeit in Frankreich verbracht, bevor er sein endgültiges Exil in Schweden fand. Man kann ihn aber
nicht den besonders engagierten Exilliteraten zurechnen. Zu früh hat ihn seine spitze Feder verlassen. "Worte sind Waffen" hatte er einmal formuliert, das aber dann vergessen wollen.

Dennoch blieb Deutschland die Heimat, um die er sich sorgte. Schon früh und immer wieder warnte er vor Hitler. Erich Kästner formulierte das so:

„Er wollte mit der Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten.“
Pyrenäental bei Rialp
Über den Südwesten Frankreichs hat Tucholsky „Ein Pyrenäenbuch“ geschrieben – auch heute noch lesenswert als Reisenachbereitung.

"Der erste Eindruck der Dörfer und der ganz kleinen Städte in den Pyrenäen ist: tot. Das macht, die Leute halten die Fenster mit Holzläden geschlossen, die mitunter aus zwei groben Planken bestehen, der Fliegen wegen, des Lichts wegen, damit die Luft auf den Plätzen frisch bleibt ... ich weiß nicht...

Unter den abendlichen Bäumen warte ich das Menü ab. Ich weiß schon, was da aus den offenen Fenstern herausschmurgelt: eine Suppe mit welchem Brot, ein Scheibchen Wurst als hors und ein Scheibchen Sardelle als d'oeuvres, gebratene Fische, Rindfleisch, Huhn, meist beides nacheinander; wenn man dann dem Ersticken nahe ist, eine kräftige Schüssel Gemüse, und ein bißchen Käschen, Obstchen, Nachspeischen und Kaffeechen. Dazu, wenns schief geht, rauchende Salpetersäure; sonst einen angenehmen Landwein."


Tucholskys französischer Presseausweis, 1928.     c DLA
1925 besuchte er Aix-en-Provence. Mitten im Winter erlebte er den Frühling und schrieb seine Zeitungskolumnen in der Farbsprache van Goghs. 



„Die meisten Bäume waren kahl, aber mit einem hellen grünlichen Schimmer um die Spitzen. Der Himmel war weißlichblau, es spritzte nur so vor Licht.“
Damals konnte Tucholsky noch kämpferisch, kritisch und ironisch sein. Ein paar Jahre später bezeichnete er sich in Briefen, unter anderem an seinen Freund Walter Hasenclever, als
„aufgehörten Deutschen und aufgehörten Dichter“.

Tucholsky (li) und Hasenclever. Beide begingen Selbstmord.                 c DLA

Hasenclever gehörte mit zu den zahlreichen deutschen Exilanten, die als unerwünschte Ausländer ins Sammellager Les Milles in der Nähe von Aix-en-Provence gebracht worden waren.

An Carl von Ossietzky schrieb Tucholsky reichlich deprimiert, daß er gerade ihm ja kaum sagen müsse, „daß unsere Welt in Deutschland zu existieren aufgehört hat. Und daher werde ich erst einmal das Maul halten. Gegen einen Ozean pfeift man nicht an.“ Auch den zahlreichen Bitten, sich doch wenigstens in den Publikationen der Exilpresse zu beteiligen und hier Flagge zu zeigen, kam er nicht nach.

Gegenüber Mary Gerold glaubte er fast sich rechtfertigen zu müssen.
"Ich habe über das, was da geschehen ist, nicht eine Zeile veröffentlicht - auf alle Bitten hin nicht. Es geht mich nichts mehr an. Es ist nicht Feigheit - was dazu schon gehört, in diesen Käseblättern zu schreiben. Aber ich bin au dessus de la mêlée, es geht mich nichts mehr an. Ich bin damit fertig.“


Viel mehr über "Tucho" im  DLA in Marbach, aus dem auch die Bilder dieses Beitrags stammen.