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Freitag, 27. März 2020

Banyuls: Die Tristesse des Emmanuel Bove


So schön Banyuls und seine Umgebung sind, so negativ und apokalyptisch hat sich Emmanuel Bove über den Ort geäußert. Der russisch-französische Schriftsteller, sein Vater hieß Bobobnikoff, wurde in Deutschland erst lange nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Übersetzungen von Peter Handke bekannt. Im Mai 1928 hat Bove es gerade mal eine einzige Stunde in Banyuls ausgehalten.
„Banyuls war einmal, so meinen zahlreiche Leute, ein kleines Paradies. Stellen Sie sich eine unendliche Moorlandschaft vor, eine trostlose Ebene, verlassene Hütten und über all dem eine Art Nebel, bestehend aus Myriaden von Mücken. Kaum habe ich den Bahnhof von Banyuls verlassen, werde ich von Gendarmen nach meinen Papieren gefragt. Ich gehe in die Stadt. Sogleich taucht unvorstellbarer Dreck auf. Und noch immer kein Baum.“

Er trifft auf eine Gruppe schwarzgekleideter, betender Frauen.

„Das Ganze ist absolut malerisch, aber auch von einer bestürzenden Tristesse. Irgendwelche Kasernen und Fabriken versperren einem den Weg dahin. Ich frage um Auskunft, bekomme keine Antwort. Fassungslos reise ich eine Stunde später wieder ab.“


Manchmal auch auf allen Vieren. Deshalb 2 Stunden für 6 Km einplanen


Port Vendres mit den Augen von Jürg Treichler.
Hier geht es zu seiner Homepage
Bove hätte diese Stunde auch besser nutzen können, als sich wieder einmal in eine depressiven Stimmung hineinzuschaukeln. Ein Marsch direkt an der Küste entlang bis nach Port Vendres hätte bleibende und positive Eindrücke hinterlassen.

Von vielen seiner Kollegen gesch
ätzt - ganz früh schon von Colette und nach dem Krieg vor allem von Beckett - bietet sich die Lektüre von Boves Romanen auch nicht gerade zur Einstimmung auf den Urlaub an. Enttäuschungen, Resignation und Darstellungen des sozialen und seelischen Elends beherrschen ihn und sein Werk.

„Ich verstehe jetzt, weshalb ich bei allem, was ich unternommen habe, gescheitert bin.“

Als Bove sich 1942 in der Gegend von Lyon und dann an der Drôme und der Ardèche aufhielt und in „Ein Mann, der wußte“ diese Zeilen schrieb, wollte kein Verleger das Buch haben. Da nützte auch die Freundschaft mit Philippe Soupault nichts, der zeitweise sein Lektor war. Geschichten über verpaßte Gelegenheiten aus dem kleinen Milieu wollte niemand lesen.
Algier zur Zeit Boves. Eine alte Postkarte aus dieser Quelle.
Und Bove wollte nicht in einem besetzten Frankreich veröffentlichen und flieht nach Nordafrika. In Algiers Vorort Bouzaréah mietet er sich ein Zimmer. Und dann hat er doch einmal Glück. Die Rue Charras hatte sich zum Zentrum des intellektuellen Exilantentums entwickelt: Die Bar „Coq-Hardi“ und noch wichtiger die Buchhandlung des jungen Verlegers Edmond Charlot. „Les Vraies Richesses“ hatte er sie nach Jean Gionos Buch „Vom wahren Reichtum“ genannt. Charlot hatte ein gutes Gespür für kommende Autoren - immerhin war er der erste, der einen Titel von Albert Camus verlegte – und dann auch Bove.

Bove nutzte seine ungewollte Freizeit zum Schachspiel mit berühmten Partnern, mit André Gide, der gerade von Tunis aus nach Algier gereist war, und mit dem Schriftsteller und Piloten Saint-Exupéry. Bove spielte gut, schlug Gide regelmäßig; die meisten anderen ließen den großen Meister allerdings lieber gewinnen.

Samstag, 24. März 2018

Françoise Frenkel: Die Flucht der Buchhändlerin von Berlin nach Nizza

Im September 1945 veröffentlichte der Genfer Verlag Jeheber ein für mich mit seinen rund zweihundert Seiten viel zu kurzes Buch der polnisch-jüdischen Buchhändlerin Françoise Frenkel, die sich den Titel aus dem Lukas-Evangelium entliehen hatte: "Nichts, um sein Haupt zu betten". Ein Bild von ihr existiert (bisher) nicht.

Erfolgreich auf deutsch, englisch, spanisch und, natürlich bei Gallimard, auf französisch
Knapp zwanzig Jahre, bis 1939 hatte die promovierte Literaturwissenschaftlerin und ausgebildete Musikerin die französische Buchhandlung in Berlin betrieben, sehr erfolgreich auch wegen der vielen Autorenbesuche und Veranstaltungen. Colette und André Gide waren dort, Philippe Soupault und Roger Martin du Gard, der Nobelpreisträger des Jahres 1937, und viele andere. Sie alle
Titelbildentwurf für die spanische Ausgabe. Bild Radiotimes
kommen nur in einer kurzen Aufzählung vor und Frenkel hätte sicher viel mehr, auch über sie, zu erzählen gehabt. Ihr nüchtern geschriebener Bericht über eine Flucht aus Berlin über Brüssel und Paris in den damals noch freien Süden nach Avignon und Nizza hat vor allem die eine Frage nicht beantwortet: Warum erwähnt sie ihren Mann, der ja auch in der Buchhandlung tätig war, nicht mit einem Wort.


Darüber wunderte sich auch der Literatur-Nobelpreisträger Patrick Modiano in einem Vorwort für den der Gallimard Verlag - deutsch bei Hanser - , als dieser fast siebzig Jahre später eine Neuauflage besorgte: „Phantom-Ehemann“. Die Originalausgabe war kurz zuvor in Nizza auf einem Trödelmarkt der Emmaus-Bruderschaft durch den Schriftsteller Michel Francesconi wiederentdeckt worden. Niemand wäre übrigens besser als Modiano für das Vorwort geeignet gewesen. Als er 2014 den Nobelpreis erhielt begründete das die Jury mit dem Satz:
„Für die Kunst des Erinnerns, mit der er die unbegreiflichsten menschlichen Schicksale wachgerufen und die Lebenswelt während der Besatzung sichtbar gemacht hat.“
 


Flucht über Avignon nach Nizza
Aus dem amtlichen Name von Françoise Frenkel geht der Name ihres Mannes Simon hervor. Raichenstein hieß er und sie Frymeta Idesa Raichenstein-Frenkel, geboren am 14.7.1889 in Piotrków. Das ergibt sich aus einer Liste von Personen, die bei Genf die Grenze zur Schweiz überschritten und dort eine Aufenthaltsgenehmigung erhielten; die Unterlagen befinden sich im Staatsarchiv Genf. Die Frage, warum Simon Raichenstein dieses Phantom bleibt, wird niemand mehr beantworten können. Sie ist 1975 gestorben. Ende 1933 hat er Berlin, versehen mit einem der sogenannten Nansen-Pässe verlassen.

Französischer Nansen-Pass. Bild von Anna Viesel aus Trier.
Fridtjof Nansen, der norwegische Kommissar des Völkerbundes fürFlüchtlingsfragen, hatte das Pass-Ersatz-Dokument Anfang der zwanziger Jahre für staatenlose Flüchtlinge eingeführt und dafür später den Friedens-Nobelpreis erhalten. Der Pass war jeweils für ein Jahr gültig und garantierte die Rückreise in jenes Mitgliedsland des Völkerbundes, in dem er ausgestellt worden war. Zu den bekanntesten Inhabern des Passes gehörten Vladimir Nabokov, Marc Chagall und Igor Strawinski.

Dieser Pass nützte Raichenstein nichts. In Frankreich kam er ins Lager Drancy und am 24. Juli 1942 nach Auschwitz, wo er kurz darauf ermordet wurde. Aber kein Wort über ihn von seiner Frau. Die gelegentlich geäußerte Vermutung, sie habe darauf verzichtet, um ihren Mann nicht zu gefährden, ist nicht stichhaltig. Schon als sie anfing, das Buch zu schreiben, war ihr Mann bereits tot und als das Buch 1945 erschien, existierte das nationalsozialistische Deutschland nicht mehr und spätestens da hatte sie sicher längst Nachricht von seinem Tod bekommen.

Pierre Bertaux
Bild: Ordre
Standesgemäß überheblich und nicht sehr fein ging der Germanist Pierre Bertaux mit Frenkel um, der sie als die
„alte Schreckschraube des Maison du Livre“
bezeichnete und sich in der Buchhandlung von
„Herrn und Frau Raichenstein, Russen, Galizier oder etwas in der Art wie bei den Totengräbern eines Beerdigungsinstitutes“
fühlte. Bertaux war Ende der zwanziger Jahre der erste Franzose, der wieder zum Studium in Berlin zugelassen wurde und wurde später einflußreich als Koordinator für die geheimdienstlichen Aktivitäten der Resistance. Er hatte auch zahlreiche Kontakte zu deutschen Exilschriftstellern.

Ganz im Gegensatz dazu schrieb der Journalist Jules Chancel in seinem 1928 erschienenen Deutschlandbuch “Zehn Jahre danach” von einem anregenden deutsch-französischen Fest in der Buchhandlung und zeichnete “ein kleines, ungemein wohlwollendes Portrait der Buchhändlerin”, wie die Berliner Literaturwissenschaftlerin Maragrete Zimmermann herausfand.

Danke an Imogen und Michael Remmert für den Hinweis auf Françoise Frenkel.




Samstag, 8. Oktober 2016

Klaus Mann besucht André Gide: Homosexualität nicht thematisiert

Als noch sehr junger Mensch, er war noch nicht einmal zwanzig Jahre alt, hat Klaus, der Sohn von Thomas Mann, die Bekanntschaft des damals schon berühmten André Gide machen können.

André Gide (Bild von Bourdil, Tunis 1934) und Klaus Mann (US-Army-Foto Italien 1944)
Ausgestattet war er mit einem Empfehlungsschreiben und guten Ratschlägen des Heidelberger Romanisten Ernst Robert Curtius: „Sie müssen etwas diplomatisch mit ihm sein, besonders zu Anfang. Vor allem fragen Sie ihn nicht nach seinen literarischen Plänen. Das ist so eine seiner Eigentümlichkeiten: Er schreibt immer nur über sich selbst und spricht nur über andere. Sowie von seinen eigenen Arbeiten die Rede ist, wird er wortkarg und verlegen.“

Eine Empfehlung bekam Klaus Mann von Curtius noch mit auf den Weg: „Und daß Sie mir nicht auf all den blöden Literatenklatsch hereinfallen, der in Paris über Gide im Umlauf ist! Wenn so eine Kaffeehausgröße daherkommt und Ihnen erzählen will, mein Freund Gide sei ein wahrer Teufel in Menschengestalt, voller Tücken und Laster - dann lachen Sie dem Kerl einfach ins Gesicht!“


Gide war eine imponierende Erscheinung. „Das Gesicht ist ausdrucksvoll und sensitiv, mit einer hohen, edel gebildeten Stirn, schmalen asketischen Lippen und seltsam mongolisch geschnittenen Augen, die unter dunkelbuschigen Brauen aufmerksam, oft beinah listig blicken“, beschreibt ihn Klaus Mann.
Kirche Saint Etienne, links das Geburtshaus von Charles Gide

In Uzès stößt man an vielen Orten auf den Namen Gide. Das Geburtshaus seines Onkels Charles steht gleich gegenüber der Ende des 20. Jahrhunderts dezent und stilgerecht renovierten Kirche Saint Etienne. Am 28. Juni 1847 wurde Charles Gide geboren; exakt einhundert Jahre später erhielt sein Neffe den Nobelpreis.

 Charles Gide

 Das Haus von Charles Gide ist ein guter Ausgangspunkt, um in die Stadt einzutauchen. Der Der Poet, Schriftsteller und Kunsthistoriker Walter Aue, der ein paar Jahre in einem Dorf nebenan wohnte, beschreibt Uzès als gewachsene Provinzstadt, in der noch, außer am Samstag, die Bewohner den Ton angeben, ein „Ort, um innezuhalten“. Umgeben von einem „literarischen Platanenkreis, der in Herzform das Innerste von Uzès umschließt“. Die Platanen, die der geschleiften Stadtbefestigung folgen, sind im Sommer ein „schattendurchtränktes, grünes Gewölbe, in dem man die Zeit vertrödelt. In Läden einkaufen geht oder einfach die Zeitung liest und seinen Pastis trinkt. Ein Idyll, das nicht trügt. Eine Atmosphäre für Neuankömmlinge, die eine solche Poetologie der Langeweile zu schätzen wissen.“ 
Der Platanenkreis um Uzès
Gides Homosexualität wurde nur selten thematisiert, wie Stefan Schmid in der „Untersuchung seiner Männlichkeit anhand von Stirb und Werde“ festgestellt hat. Der Bekanntschaft mit Oscar Wilde verdankte er es, daß er sich schließlich traute, seine Neigung etwas offener auszuleben. Als er Wilde in Paris kennenlernte, war ihm das zunächst peinlich. Zufällig wohnten beide im gleichen Hotel. An einer großen Tafel neben der Rezeption waren die Gästenamen verzeichnet. „Mechanisch begann ich sie zu lesen. Ich selbst bildete den Anfang der Liste. Dann eine Anzahl mir unbekannter Namen. Und plötzlich tat mein Herz einen Sprung: die beiden letzten Namen waren die von Oscar Wilde und Lord Alfred Douglas. In einem ersten Impuls nahm ich einen Schwamm und wischte meinen Namen weg. Dann bezahlte ich meine Rechnung und machte mich zu Fuß auf den Weg zum Bahnhof.“

Kaum dort angelangt, machte er jedoch kehrt und schrieb sich wieder im Hotel ein. „Eine Depressionskrise“, analysierte er, während der er sich selbst zuwider war. Dann schleiche „ich wie ein kranker Hund die Mauern entlang und suche mich zu verstecken“. Gide beschreibt das Getratsche der Pariser literarischen Kreise um Wilde. „Es ist erstaunlich, wie schwer es den meisten Franzosen fällt, Gefühle, die sie nicht teilen, für aufrichtig zu halten.“