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Freitag, 5. Juli 2024

Von Anduze zur Moulin de Corbès

 
Markt immer donnerstags
Anduze lebt in der Vergangenheit, nicht von ihr. Eine Vergangenheit, die das Städtchen durch den einträglichen Tuch- und Seidenhandel glanzvoll und reich gemacht hatte. Einen kleinen Eindruck davon bekommt auf dem Place Couverte, dem teilweise überdachten Marktplatz, auf dem seit dem 17. Jahrhundert ein aufwändig gestalteter Ziehbrunnen mit bunten Dachziegeln steht. Am besten fahren Sie donnerstags, also am Markttag, hin. Der Markt wird auch noch von vielen Selbstvermarktern (Producteurs) beschickt; im Herbst finden Sie hier die frischesten Esskastanien und Steinpilze.
 
Die alte Mühle von Corbès im Gardontal.
Das Örtchen selbst, ein paar Häuser nur, liegt auf der Höhe. Der Weg dorthin lohnt sich.
  
In eine andere Welt tauchen Sie in, wenn Sie Anduze auf der rechten Gardonseite in Richtung Corbès verlassen. Nach sechs, sieben Kilometern geht es vor einer Linkskurve steil bergab. Unten fahren Sie auf einer etwas abenteuerlichen Brücke über den Gardon und können, wenn es nicht gerade ein hochsommerlicher Badetag ist, meist gleich rechts parken. Hinter sich sehen Sie dann die alte Papiermühle, die Moulin de Corbès mit dem immer noch funktionstüchtigen hölzernen Wasserrad. Wenn Sie ein paar Schritte dem Gardonlauf folgen - allerdings sollten Sie schon hinter das Stauwehr gehen -, finden Sie ruhige und idyllischste Plätze zum Baden und für ein Picknick.

Heute nutzlos, aber noch in Betrieb

Vorsorglich haben Sie sich ja auf dem Markt mit allem notwendigen eingedeckt: Baguette, Rosé (der im Fluß schön kühl bleibt), Tomaten, eine Wildschweinsalami, etwas Ziegenkäse. Zwei Gläser, bloß keine Plastikbecher!, und ein Laguiole-Messer (alles über das berühmte Messer hier), ganz wichtig eines mit Korkenzieher, haben Sie ja hoffentlich ohnehin immer im Auto. Wenn Sie zu den Männern gehören, die ihre Taschenmesser immer verlieren oder irgendwo liegenlassen, kaufen Sie sich gleich zwei oder drei im Zeitschriftenladen, da wo Sie dann in die Altstadt hochgehen.

Wenn Sie nur so, also ohne Picknick und Messer, unterwegs sind, bleibt die Empfehlung für das Restaurant "La Rocaille" direkt auf dem Marktplatz;hier ein 2-Minuten-VIDEO über den schnellsten Ober der Welt
. Ob es dann danach noch zu einer auch noch so kleinen Wanderung kommt, wage ich allerdings zu bezweifeln.

Bleiben noch die bis zu Vasen zu erwähnen, die ein Töpfer namens Boisset im 16. Jahrhundert auf dem Markt in Beaucaire sah; allerdings gelang es ihm nicht, die Medici-Vase eins zu eins zu kopieren. So entstanden die Boisset-Vasen, die noch heute in Anduze hergestellt werden. Ludwig XIV. hat die Boisset-Originale, die immer wieder als Fälschungen angeboten werden, in zahlreichen Orangerien und Zitronengärten seiner Schlösser aufstellen lassen.

 

 

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Viel mehr Anduze und den Cevennen in meinem Buch "Durch den Süden Frankreichs" (700 Seiten, über 1.000 Bilder), das ich gerne signiert und portofrei zusende. Mail an manfred.hammes@web.de

So bewertet die FAZ: Eine „profunde Kulturgeschichte, glänzend formuliert, prachtvoll bebildert und vom Verlag wunderschön ausgestattet…die vielleicht fundierteste Darstellung zu diesem Thema, ganz gewiss ist es die am besten geschriebene“.

Professor Rainer Moritz, Leiter des Hamburger Literaturhauses, lobt im MDR die „hochinteressante Mischung aus Literatur, Kunst und Kulinarik“, und Martin-Maria Schwarz im HR „eine akribische Neuerkundung“. Zusammenfassend die Badische Zeitung: „Ein reiseliterarisches Meisterwerk“ und der NDR: „Ein ganz außergewöhnliches Buch!“

 

Freitag, 7. Mai 2021

Anduze: Mitarbeiten im Kloster von Cabanoule

Einsam in den Cevennen. Alle Bilder Monastère Dieu-Paix
"Cabanoule?" sagt das Navi: Das hätte es noch nie gehört. Auch ein Monastère Dieu-Paix nicht. Und doch gibt es das Kloster 4 oder 5 Kilometer von Anduze entfernt in einem kleinen Nebental auf der rechten Seite des Gardon. Wenn Sie tatsächlich hin wollen, werden Sie es schon finden, zum Beispiel über die Anfahrtsskizze der Homepage oder einfach mitten in der Kurve vor der Töpferei "Les Enfants de Boisset" links den Berg hochfahren. 

Ehemals ein Zisterzienserkloster wird es heute von zwölf Schwestern, Trappistinnen, und einem Bruder bewohnt. Genau so viele waren es 1970, bei der Gründung der Gemeinschaft - eine heilige Zahl, die nie unterschritten wurde. Die Klostergemeinschaft kaufte damals einen aufgegebenen Bergbauernhof und hat ihn selbst hergerichtet und später die Kirche erbaut.

Ehemals ein Bauernhof mit der für die Cevennen typischen Terrassierung
Neben den sozialen Engagements arbeiten die Bewohner in den klostereigenen Werkstätten, produzieren Lavendelessenz, ein riesiges Feld befindet sich hinter der erst 1998 eingeweihten und ganz schlicht ausgestatteten Kirche , oder sie rollen Kerzen - Zigarren sagen die Schwestern dazu - aus Bienenwaben oder
produzieren eine sehr kalorienhaltige Süßigkeit: die Rocamandines, kleine Marzipankugeln, die mit schwarzer oder weißer Schokolade ummantelt sind.

Im Laden erklärt Schwester Marie Christine, dass man mit dem trappistischen Schweigegebot nicht so genau nehme: "Man soll nichts
Soeur Marie Christine
übertreiben. Schließlich leben wir im 21. Jahrhundert." Sie und ihre Mitschwestern sind tatsächlich kommunikativ und aufgeschlossen - das zeigen auch die Portraits auf der Homepage. Die Preise im Klosterladen sind nicht immer nach zu vollziehen. Mal die 40 Centimes für einen Ring mit christlichen Symbolen, vergoldet 50 Centimes, mal die 14 Euro für ein kleines Glas Honig. Mit Klöstern in Frankreich, Spanien und Griechenland tauscht man die Produkte und verkauft gegenseitig - ein funktionierendes System. Die Ikonen aus dem griechischen Partnerkloster sind mit "handwerklich und handgearbeitet" gekennzeichnet. Das seinen sie auch "irgendwie", sagte Schwester Marie Christine, aber "ich glaube nicht, dass sie handgemalt sind, vielleicht handverpackt". Sonst müssten sie ja auch viel teurer sein als 50 oder 80 Euro. "Da fehlt dann eine Null oder zwei."


Ostereinkauf im Kloster
Das Kloster bietet auf Voranmeldung einige Zimmer an, für alle, die die absolute Ruhe suchen. Aber auch für die, die im Kloster mitarbeiten wollen: "Sei es ein Tag, eine Woche, ein Monat." Dieser freiwillige Dienst wird von vielen wahr genommen - auch wegen der drei Mahlzeiten am Tag und der ebenso phantasievollen wie gesunden Klosterküche. Einen kleinen Weinvorrat sollten sie aber auf dem Zimmer haben.

Freitag, 29. Juni 2018

Anduze: Vasen nicht nur für den 14ten Ludwig

Die Form ist geblieben seit dem 18. Jahrhundert, die Farben sind vielfältig geworden
Zahlreiche große Töpfereien vor, in und um Anduze – das geht schon, wenn aus Vézénobres kommen, in La Madeleine los und mit Le Chêne Vert weiter – warten auf Sie.

Wenn Sie kaufen wollen, dann aber bitte erst auf der linken Gardonseite zwei Kilometer in Richtung von Saint-Jean-du Gard fahren. In einer Rechtskurve sehen Sie auf der linken Seite die Töpferei Les Enfants de Boisset ( route de Saint-Jean-du-Gard, 0033 466 618086 www.poterie-anduze.fr ). Das sind nicht zwar die Ur-Ur-Ur-Enkel von Boisset, aber doch eine der traditionellen Töpfereien, in denen ich bisher Made in China oder Fabriqué en Maroc oder die Vasen, die gepreßt und nicht auf der Scheibe gedreht werden, kaum gefunden habe.

Ihre Frau wird Sie dann allerdings zurückdirigieren zur Poterie de la Madeleine nach Lézan (Route de Nîmes, 0033 466 616344 www.poterie.com ), wo auch noch vor Ort produziert wird und die Auswahl deutlich größer und die Präsentation wesentlich marketingorientierter ist. Das hängt auch damit zusammen, daß sich Filialen auch in Saint-Tropez, Béziers und Montpellier finden; Immerhin haben Sie jetzt einmal einen Preisvergleich.

Die Vasen, die Ludwig XIV. sich für die Ausstattung der Orangerien von Versailles hat kommen lassen, waren alle 1,05 Meter hoch; eine solche Vase bekommen Sie als Ausschußware bei La Madeleine für 120 bis 250 Euro, was immer noch ein ordentlicher Preis für ein nicht einwandfreies Produkt ist. In gutem Zustand kosten sie dann 800 Euro oder etwas mehr; pro Vase packen Sie sich rund 140 Kilogramm zusätzlich ins Auto. Die angesprochene Fehlerhaftigkeit bei allen Töpfereien beschränkt sich auf Glasurfehler, die die Vasen so oft mit dem Anschein von Gebrauchsspuren versehen. Unsere Erfahrung ist, daß sie dennoch winterfest sind – jedenfalls für das, was man in Südfrankreich so Winter nennt. Neben den tatsächlich fehlerhaften finden sich die Vasen, die der Töpfer in mühsamer Handarbeit „auf alt“ gemacht hat – fragen Sie nach „patine ancienne“ oder „vieilli tradition flammé“.


Wenn Sie sich auf einen der Antiquitätenhändler verlassen wollen, der Ihnen noch eine der Vasen Ludwigs XIV. ganz hinten aus dem Lager und nur für den echten Kenner verkaufen will, können das tun und die Geschichte dann Ihren Freunden weiter erzählen; glaubwürdiger wird sie dadurch nicht.
 
Franck Becker
So viele alte Vasen, wie in Anduze und Umgebung verkauft worden sind, kann der König gar nicht besessen haben.

Wenn Sie sich durchringen könnten, an La Madelaine vorbeizufahren, kommen Sie wenige Kilometer weiter, in Cardet, auf der rechten Straßenseite an die Töpferei von Franck Becker, der seine sämtlichen Vasen noch auf der Scheibe dreht und HIER UND IM FILM erklärt, warum "winterhart" ein dehnbarer Begriff ist und die gepreßten Vasen leichter kaputt gehen.

 

Samstag, 20. Mai 2017

Anduze: Liebesbriefe und Reklamationen an EDF

Die Cevennen und ihre vorgelagerten Ebenen sind eine Region mit einer überproportionalen Quote von Menschen, die französisch kaum bis sehr schlecht sprechen und manchmal gar nicht schreiben - nicht zuletzt die vielen Nordafrikaner aber auch spanische Einwanderer, oft ehemalige Erntehelfer, die hier geblieben sind.

In Anduze findet deshalb Françoise Poupart als „Ecrivain public“, als öffentliche Schreiberin, ihr Auskommen. Manchmal muß man nicht einmal ihr Büro aufsuchen, sondern trifft sie auf dem Markt. „La Plume de Françoise“ heißt ihr kleines Unternehmen, in dem sie Briefe an France Telecom oder die Gas- und Elektrizitätswerke ebenso schreibt wie einen Liebesbrief oder den kondolierenden.

Daneben auch Familien- und Firmengeschichten oder in wohlgesetzten Worten, wie man sich von ihr oder ihm trennt.

Samstag, 8. April 2017

Bambousseraie bei Anduze: Kleines Asien im Midi

Auch roter und schwarzer Bambus in der Bambousseraie bei Anduze
In den Bambusgärten von Prafrance bei Anduze herrscht das Mikroklima wie man es eher aus den subtropischen Gegenden Kleinasiens oder Südamerikas kennt. Bei Filmaufnahmen, wie zum Beispiel für Clouzots „Lohn der Angst“ aus dem Jahr 1952, mußten die Bambuswälder als südamerikanische Kulisse für Yves Montand, der aus Marseille stammt, und Peter Van Eyck herhalten.

Bestimmte Sorten wachsen bis zu 1 Meter pro Tag
Der Name des rund fünfunddreißig Hektar großen ehemaligen Landgutes hat eine zum Leidwesen der Eigentümer heute nicht mehr gültige Bedeutung. Prafrance bedeutete einmal steuerfrei. Eugéne Mazel, ein reicher Gewürzhändler und Botaniker, hatte das Gut Mitte des 19. Jahrhunderts gekauft, um sich sein Asien in Südfrankreich zu verwirklichen. Das gelang in der Anfangsphase auch, doch dann führten die immensen Kosten für Personal und die künstliche Bewässerung zu seinem Ruin.

Seit 1902 ist es nun die Familie Nègre- Crouzet, die die Parkanlagen führt, jährlich weiter ausbaut und ein gewinnbringendes Unternehmen daraus gemacht hat. Nicht nur der Berliner Zoo ist guter Kunde in Prafrance; von hier kommen die Bambusschößlinge für die Pandas in zahlreichen Zoologischen Gärten. Zwei bis vier Stunden sollten Sie für die Besichtigung der Wassergärten, der Koi-Teiche, des Labyrinths und des Teehauses einplanen. Nur niemals an einem Sommersonntag nach zehn Uhr hierher kommen. Es sei denn, Sie wollen die dann mindestens dreißigminütige Wartezeit vor der Kasse mit der Lektüre des ausgesprochen gut übersetzten deutschen Führers verbringen.

Eine verwunschene Wasser- und Urwaldlandschaft
Dem Reiz am Ausgang eine kleine Bambuspflanze im Topf mitzunehmen, sollten Sie widerstehen. Es sei denn, Sie hätten vor, in Ihrem Garten einen jahrelangen Kampf gegen einen späteren Bambusdschungel zu führen. Einen Kampf, den Sie mit Ihrem normalen Gartenwerkzeug zudem ziemlich sicher verlieren. Aber viele Landschaftsgärtner freuen sich über den Auftrag Ihren Garten mit Bagger und Radlader umzupflügen, um die meterlangen Wurzeln zu entfernen.