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Montag, 19. Februar 2024

Maria Magdalena und Fannys nackter Hintern


Ehrenvoller Kompromiß mit Maria Magdalena

Komplikationen rief in den fünfziger Jahren der 13-zu- Null-Sieg des protestantischen Geistlichen über seinen katholischen Kollegen hervor. Den ganzen Abend wurde heftig diskutiert, wie man denn nun die Einlösung bei Fanny bewerkstelligen solle. Darf ein katholischer Pfarrer einer Frau den Hintern küssen? Was heißt dürfen, er mußte.

Die Auffassung der Egalité, also vom gleichen Recht für alle, setzte sich im Land der Revolution durch. Aber eine ganz konsequente Umsetzung wäre vielleicht nicht südfranzösisch genug gewesen. In öffentlicher Diskussion einigten sich die beiden Geistlichen darauf, daß die Ehrenschuld auch mit einem Kuß auf die Rückseite der Statue von Maria Magdalena abgeleistet sei.

Die zweite der Marien, die damals in Les-Saintes- Maries-de-la-Mer den französischen Boden betreten hatte, kam auf diese Weise zu einer im christlichen Jahreskalender nicht vorgesehenen Prozession, denn selbstverständlich fand die Zeremonie auf dem Bouleplatz statt.

Maria Magdalena von Tizian      c WikiCom
Als erste Zeugin der Auferstehung - und nicht wegen der Dämonenaustreibungen, die Jesus der Sage nach an ihr vornahm - hat die aus Magdala am See Genezareth stammende Maria in der katholischen Kirche eine ganz besondere Bedeutung. Als "Apostola apostolorum" und damit auf einer Stufe mit den Aposteln wird diese Frau genannt, die aber auch immer wieder, etwa im Philippus-Evangelium als "Gefährtin Jesu" auftaucht. Ingrid Maisch hat im Freiburger Herder Verlag ein die Thematik gut zusammenfassendes Buch darüber geschrieben: "Maria Magdalena zwischen Verachtung und Verehrung". Mal als Sünderin, mal als Prostituierte weckte sie die Phantasie der Maler. Ob zu Beginn des 16. Jahrhunderts die von Tizian, der sie als halbnackte Büßerin malte, bis hin zu Jules-Joseph Lefebvre, der sie ganz nackt in eine Grotte legte.

Ganz sittsames Boule gibt es im Beitrag der Deutschen Welle über den Petanque-Weltmeister Fernand Moraldo: HIER EIN VIDEO.























Freitag, 30. Oktober 2020

Boule mit Magneten und Erdbeermarmelade


 
Boule mit Erdbeermarmelade ist unehrenhaft...und Wasser geht garnicht
Boule-Regeln sind kompliziert, wenn man dieses einfache Spiel zu ernst nimmt. Boule-Regeln sind einfach, wie eine Kurzfassung beweist, die der Wirt der Bar du Midi – siehe Ziffern zwei, drei und vier! – formuliert und mit Reißzwecken am Fensterladen festgemacht hat:

1. Wer am nächsten dran ist hat gewonnen, es sei denn die Mitspieler kommen einvernehmlich zu einer anderen Entscheidung.

2. Pastis und Wein sind die offiziellen Wettkampfgetränke.

 
3. Wasser wird nur auf ärztliches Attest ausgegeben.

4. Getränke mitbringen ist nicht ehrenhaft!

5. Es ist ein Spiel der Ehre!


Ein höchst einsichtiges und auch für Nichtjuristen nachvollziehbares Regelwerk.

Dennoch eine Erläuterung. Ziffer 4 bezieht sich auf eine „Boule farcie“, eine Boulekugel, die genau da liegenbleibt, wo sie runterfällt, weil sie nämlich mit Quecksilber gefüllt ist. Und das ist unehrenhaft, solange nicht alle ihre „Boule farcie“ dabei haben. Die an der Bar und nach Mitternacht aufgestellte Theorie, daß eine Füllung aus Erdbeermarmelade oder Quittengelee noch wirkungsvoller sei, als die mit Quecksilber, konnte bis zur Morgendämmerung nicht widerlegt werden.

In dieser Nacht habe ich dann auch noch eine Vorlesung in der Regelkunde für sehr Fortgeschrittene erhalten. Ob ich jetzt auch noch über die Härtegrade Bescheid wissen wolle? Für die Noch-nicht-ganz-Spezialisten habe ich es notiert.

„Normalerweise liegen sie zwischen 130 und 155 Kilopond pro Quadratmillimeter gemessen nach dem Brindell-Verfahren.“

Bei der Weltmeisterschaft in Vézénobres wird ganz ernsthaft nach den 38 Paragraphen der Wettkampfordnung gespielt; mit einer Ausnahme. Die Kugeln sind weder aus Metall noch rund, sondern aus Holz und eckig. Alles andere wird korrekt berücksichtigt: Falls beim Aufschlagen eine Kugel in mehrere Teile springt, fließt deren größtes als ganze Kugel in die Wertung ein.


Wenn Sie mal garnicht mehr weiter wissen können Sie die Fédération Internationale de Boules in Macon anrufen:0033 358 195117. Oder Sie einigen sich nach Ziffer 1 des Patrons.

Jetzt können Sie sich ein Boulespiel kaufen, in den größeren Supermärkten finden Sie das überall, wobei ein Liter Pastis in der Regel deutlich billiger ist als die sechs Boule-Kugeln; aber Sie brauchen ja eh beides. Eine gute Investition sind die 2 Euro für einen Magneten am Schnürchen, der Ihnen das Bücken erspart. Und ein Beutel mit Cochonnets, den Schweinchen, wie die kleinen Zielkugeln traditionell genannt werden, lohnt ebenso. In alter Zeit und als noch alles verwertet wurde, sind diese Kugeln aus Schweineknochen hergestellt worden.

Und HIER ETWAS ÜBER BOULE IN MARSEILLE ,diesmal mit "runden Kugeln" und 200.000 Zuschauern.





 

Samstag, 11. Juli 2020

Rosé, Platanen, Lavendel und ...

Schatten weg, Gläser leer
Frischkalter Rosé im beschlagenen Glas und das Klicken der Boule-Kugeln unter lichtem Platanenschatten … das reicht doch für den Anfang. Wer schon mal an der Côte d’Azur sonnengebadet hat, war noch nicht in Südfrankreich. Aber auch nicht, wer auf dem Weg nach Spanien in irgendeinem der austauschbaren Novotel, Mercure, Ibis oder - ganz billig und einzig auf den Zweck des einmal Übernachtens ausgerichtet - Formule 1 übernachtet hat.
"Man sieht wenig von der Welt, wenn man nur die eigene Langeweile durch fremde Länder trägt“,
so der Schriftsteller Cees Nooteboom. Einen umfassenden Überblick über das Werk des Niederländers, der zwar durch Südfrankreich gereist ist, aber meist auf den Balearen lebt,  bekommen Sie im Kulturmagazin "Perlentaucher" und über diesen LINK. Mit inzwischen über achtzig Jahren ist er immer noch gut in Form und hat seine Reporter-Neugier behalten.
"Als Reporter erlebte er Weltgeschichte, als Autor teilt er mit uns den Außenseiterblick aufs Überflüssige, aufs Rauschen der Zeit und das Vorübergehende der Menschen."
Dies schrieb ihm Dirk Schümer im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ 31.7.2013) zum Geburtstag.

Wenn wir dagegen den Spuren der Literaten folgen, findet sich alles andere, was den Midi ausmacht, wie von selbst. Pastis, Boule und Bouillabaisse, Sonne, frischkalter Rosé im beschlagenen Glas und lichter Platanenschatten, Stiere, Thymian und Lavendel (HIER im VIDEO) und was einem an Assoziationen so sonst noch einfallen mag zu einer Region und einem Klima, die Kurt Tucholsky deshalb so beneidenswert fand, weil sie „den lieben Herrgott um seine Jahreszeiten betrügen“.


Alles Betrüger ?
Gelegentlich wird natürlich auch beim Boulespiel betrogen. Was Erdbeermarmelade und Quecksilber damit zu tun haben, lesen Sie in meinem Buch "Durch den Süden Frankreichs" (erschienen bei Nimbus, 700 Seiten, 1.000 Bilder, 32 €)

Samstag, 11. Januar 2020

Boule mit "viereckigen Kugeln": Nur in Vézénobres



Tatsächlich eckig und trotzdem Boule
Mick Jagger hat sich Ende der 1970er Jahre hier erst ein Haus gekauft und es dann schnell wieder verkauft. Es war ihm zu ruhig und die Menschen zu seltsam. Denn in Vézénobres - hier alles über Vézénobres - so heißt das Örtchen mit seinen knapp zweitausend Einwohnern, das sich einen steilen Hang emporzieht, wird „Boule carrée“ gespielt wird – Boule mit viereckigen „Kugeln“.
„Das Glück ist rund, Monsieur“, wurde dem deutschen Dichter Wolfdietrich Schnurre im Midi das Boulespiel kurz, aber in seiner ganzen Komplexität erklärt. Sicher ist nur, daß er diese Erklärung nicht in Vézénobres erhalten haben kann. Denn hier waren es die Boulespieler leid, ständig den die Hänge hinunter rollenden Kugeln nachzulaufen und entschieden sich für die Einführung des eckigen Glücks.


Viereckig, damit sie nicht den Hang hinunterrollen
Schnurre hätte diese Regeländerung vermutlich nicht gerne akzeptiert. Denn das Runde hatte nicht nur für ihn eine besondere Anziehungskraft.
„Der Mensch lebt zwischen den Kugeln. Es schwingt da eine Art archaischen Tastgefühls mit. Man merkt woran die Hände denken, wenn die Finger gedankenvoll die Rundungen abtasten. Hier werden Formen wiederentdeckt, die wahrscheinlich schon Adam erfreuten.“
Boule war, ist und bleibt Männersache. Das hängt weniger mit der „Schweinchen“ genannten kleinen Holzkugel, sondern vor allem mit Fanny zusammen. Ursprünglich war Fanny eine Zuschauerin, der der Verlierer, wenn er beim Null-zu-13 ohne jeden Punktgewinn blieb, den blanken Hintern küssen mußte. Heute ist Fanny, was manche bedauern, meist eine silberne Medaille oder eine Keramikfigur, die im Koffer neben den Kugeln Platz hat und die niemanden mehr in eine kompromittierende Situation bringt.
Eine Fanny gehört in jeden Boule-Koffer



Fanny Vollzug bei 0:13
Für Kurt Tucholsky war Boule zweierlei, erstens Männersport und zweitens Sonntagssport. Die Regeln waren ihm nicht geläufig, aber es schien für ihn das „Haupterfordernis zu sein, daß man sich dazu wie beim Kegeln die Jacke auszieht.“ Und weil es ja sonntags gespielt wird, „haben so alle weiße Hemdsärmel“. Und eines hoffte er inständig, daß das „Spiel nicht dem Sport in die Finger falle“, mit Turnieren, Preisen und Schiedsgericht. Denn sonst könne es ja kein Sonntagsspiel mehr bleiben. Dieser Wunsch erfüllte sich nicht.
Bei der Stadt-Meisterschaft in Vézénobres qualifizierten sich wie üblich die zehn besten Teams für die Weltmeisterschaft, die natürlich auch immer in Vézénobres stattfindet. Meine Frage nach ernstzunehmenden Gegnern aus anderen Ländern, wurde als derart unpassend aufgefasst, als habe ich den Nachtisch vor dem Käse haben wollen. „Was für Länder? Beim Boule carrée?“ Eine ähnliche Überheblichkeit ist nur von der NBA, der nordamerikanischen Basketball-Liga bekannt. Dort ist der Landesmeister auch immer zugleich der World-Champion.


Und HIER ETWAS ÜBER BOULE IN MARSEILLE ,diesmal mit "runden Kugeln" und 200.000 Zuschauern.
 




Samstag, 16. Juni 2018

Boule-Verbot für Soldaten und Nicht-Adelige

Der Filmemacher Jean-Pierre Saire, „Tosca“ hat er produziert und damit die Oper kinofähig gemacht und in „Die Rückkehr des Christophe Colon" einem kleinen Weiler bei Vézénobres ein Denkmal gesetzt, ist mein Mann für alle Fälle in Fragen der französischen Kunst und Kultur, also Boule, Wein und Austern.
Filme von Jean-Pierre Saire: Aber nicht über Boule


Er hat mich auf Rabelais hingewiesen, der schon im 16. Jahrhundert in seinem Buch Gargantua und Pantagruel Spielarten des heutigen Boule beschreibt. In Frankreich war Boule lange Zeit offiziell verboten. Für Nichtadelige und Soldaten jedenfalls, weil es die einen vom Arbeiten und die anderen vom Exerzieren abhielt. Zu Beginn des Krieges von 1870 erließ das Pariser Hauptquartier für die Nationalgarde in Marseille einen Befehl, der das Boulespiel unter Arreststrafe stellte. Weitergegeben wurde der Befehl von einem weisen Kommandanten aber nur indirekt und erst nach Beendigung des Krieges:
„Boule ab sofort wieder erlaubt“.

Hier die Links zu noch mehr Boule: Was Fannys nackter Hintern damit zu tun hat und wieso schon mal 200.000 Zuschauer dabei sind, lesen Sie HIER. Und unter den beiden folgenden Links: Daß in Marseille Boule mit runden Kugeln gespielt wir, erstaunt vielleicht weniger, dagegen schon die "eckigen Kugeln", die in Vézénobres eingesetzt werden.


Donnerstag, 14. Mai 2015

Boule in Marseille: Diesmal mit "runden" Kugeln

Boule: Ursprünglich genagelte Holzkugeln
Auf den allermeisten platanenbeschatteten Plätzen und erst recht in Vézénobres wird Boule zum Spaß gespielt und dort sogar mit "eckigen Kugeln"; wie das geht lesen Sie HIER. Ansonsten ist Boule eine ernste Angelegenheit und für manchen auch ein gutes Geschäft. In Marseille produziert das Familienunternehmen Rofritsch Boulekugeln. Da niemand das Unternehmen - "La Boule Bleu" heißt die Firma - im Gewerbegebiet La Valentine (57, Montée de Saint Menet)gefunden hat, wurde nun , mitten im Panierviertel, ein Boule-Treffpunkt eröffnet: Eine überdachte Boulebahn gibt es, auf der natürlich geraucht werden darf, zahlreiche Exponate, die sich zu einem Boule-Museum entwickeln können und natürlich die Möglichkeit Kugeln zu kaufen, in der Holzkiste oder einem Geschenkköfferchen, in dem die Flasche Pastis gleich mit dabei ist.
Museum, Geschäft und Bouleplatz in Einem
Und mit dem Pastis sind wir bei Monsieur Ricard aus Marseille, der vor mehr als 50 Jahren das inzwischen weltgrößte Boule-Turnier ins Leben rief: Mondial La Marseillaise à Pétanque. An dieser Weltmeisterschaft, immer im Juli, nehmen mehr als zehntausend Spieler teil und die Besucherzahlen lagen zuletzt über 200.000.

Testbahn im Haus                  Beide Bilder von André Simon
Hervé Rofritsch erzählt HIER IN EINEM KURZEN VIDEO etwas über die Produktion und die Geschichte seines Familienunternehmens, das er in vierter Generation fortführt.Der nicht gerade besonders französisch klingende Namen kommt aus dem Elsaß, wo Firmengründer Félix Rofritsch her stammt. Nach einer Seefahrerkarriere wollte er an sich in die Heimat zurück, doch die war ja seit 1871 von den Deutschen besetzt. Und so blieb er in Marseille, der Hafenstadt, die er oft angelaufen war. Seine Söhne Fortuné und Marcel entwickelten eine Karbon-Stahl-Legierung, die den Kugeln eine mattblaue Farbe gab. Und jeder wollte "La boule bleu", zumal schnell auch die Champions wie Lovino, Locatelli und Charly de Gémenos mit diesen Kugeln spielten und gewannen. Fernand Moraldo aus La Ciotat, ehemaliger Weltmeister, erzählt HIER ETWAS ÜBER DIE GESCHICHTE DES BOULE (Video).
Marktführer in Frankreich ist die Firma OBUT, die in Saint-Bonnet-le-Château (Route du Cros) an der Loire ein großes Boule- und Petanque-Museum betreibt.

Wenn Sie dem folgenden Link folgen, dann wissen Sie, warum Boule in Kriegszeiten für SOLDATEN UND ARBEITER VERBOTEN war.