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Freitag, 28. Juni 2024

Stevenson: Eine störrische Eselin und fluchende Damen


Stevenson auf einem Gemälde von John Singer Sargent, 1887
Der extrem harten Winter von 1709 ließ in den Cevennen nahezu alle Kastanienbäume erfrieren ließ sich viele Bauern für die schnell wachsenden Maulbeerbäume entscheiden. Als Robert Louis Stevenson seine „Reise mit dem Esel durch die Cevennen“ machte - so der Titel seines Buches -, wanderte er kilometerlang an Maulbeerbäumen vorbei.

Heute haben die Kastanien wieder etwas an Bedeutung gewonnen. Manche der im 17. und 18. Jahrhundert mühsam terrassierten Anbauflächen in Höhen zwischen 400 und 800 Metern werden zu neuem Leben erweckt. Selbst die Schilder, daß das Sammeln bei Strafe verboten sei, werden schon wieder häufiger.

Cevennen im Frühjahr
Einsam sind die Cevennen, ein ideales Wandergebiet, das sich der Schotte Stevenson auch aussuchte, um seinem Liebeskummer zu entfliehen. 1878 begann er seine Wanderung von Monastier nach Saint Jean. Zwei Jahre zuvor hatte der spätere Autor der „Schatzinsel“ und von „Jekyll und Hyde“ Fanny Osbourne kennen gelernt. Zunächst hatte sich Stevenson für deren achtzehnjährige Tochter interessiert, die ihm altersmäßig auch näher stand als die Mutter. Doch wie es so geht...Die verheiratete Amerikanerin war nun auf dem Weg in die Vereinigten Staaten, um sich scheiden zu lassen. So ganz glaubte Stevenson nicht daran, daß sie für ihn zurückkehren würde.

Die schöne Salomé (rechts)
Sein Frauenbild während der 14tägigen Wanderung wird geprägt von der Eselin Modestine und den scheinbar ständig fluchenden Bauers- und Wirtsfrauen.
„Meine Wirtin, die jung und hübsch war, sich wie eine Dame kleidete und das Patois wie eine Schwäche mied, wendete sich an ihr Kind im Sprachgebrauch eines betrunkenen Bauernlümmels.“

Andere könnten trotz ihrer Frömmigkeit fluchen wie Sir Toby Belch, der es darin in Shakespeares „Nacht der Könige“ schon zu einiger Meisterschaft gebracht hatte.

Stevenson hatte sich eine Eselin für die Reise ausgesucht, weil er das Pferd „unter den Tieren für eine Art feine Dame“ hielt,

„kapriziös, scheu, wählerisch beim Fressen und von zarter Gesundheit“.
Nicht bedacht hatte er dabei den starken Willen der Eselinnen oder besser deren Starrsinn. Nur mit Schlägen bekam er das Tier in den ersten Tagen voran, aber
„als würdiger Engländer ging es mir gegen den Strich, meine Hand roh gegen ein Frauenzimmer zu erheben“.
Es ging aber offensichtlich nicht anders.
Alles vom Brotbaum der Cevennen: Mehl, Sirup,
Marmelade, Mehl, Brot
„Das Geräusch meiner eigenen Hiebe machte mich ganz krank. Als ich ihr einmal ins Gesicht sah, hatte sie eine leise Ähnlichkeit mit einer Dame meiner Bekanntschaft, die mich einst mit Güte überschüttet hatte.“
Und das trug noch zur Steigerung seines eh schon schlechten Gewissens bei.

Nach 14 Tagen hatte Stevenson seine Wanderung in Saint Jean du Gard beendet, viele seltsame Menschen kennen gelernt und für ihn das Wichtigste: Fanny kam ein paar Monate später zurück – geschieden.

Die schöne Salomé können Sie, hier der Link, im Hameau Le Luziers, das gehört zu Mialet, überzeugen, daß sie eine Tour mitmachen soll;
sie ist allerdings auch kapriziös und wählerisch.

>>>> 
Viel mehr zu Stevensen, seiner Reise und dem Midi in meinem Buch "Durch den Süden Frankreichs" (700 Seiten, über 1.000 Bilder), das ich gerne signiert und portofrei zusende. Mail an manfred.hammes@web.de

So bewertet die FAZ: Eine „profunde Kulturgeschichte, glänzend formuliert, prachtvoll bebildert und vom Verlag wunderschön ausgestattet…die vielleicht fundierteste Darstellung zu diesem Thema, ganz gewiss ist es die am besten geschriebene“.

Professor Rainer Moritz, Leiter des Hamburger Literaturhauses, lobt im MDR die „hochinteressante Mischung aus Literatur, Kunst und Kulinarik“, und Martin-Maria Schwarz im HR „eine akribische Neuerkundung“. Zusammenfassend die Badische Zeitung: „Ein reiseliterarisches Meisterwerk“ und der NDR: „Ein ganz außergewöhnliches Buch!“


 

Freitag, 20. März 2020

Anduze: Mittagessen im Marktgetümmel


Wenn Sie sommers schon um zehn auf dem Donnerstags-Markt in Anduze - alle touristischen Infos gibt es hier - sind, sollte der erste Weg zum Patron des Restaurants „La Rocaille“ führen, er lehnt dann wahrscheinlich an der Eingangstür. Dieses einfache, aber meist komplett besetzte Restaurant ist eine Institution im Ort.
 
Wenn Sie viel Glück haben, nimmt er Ihre Reservierung an...
Zu der Zeit haben Sie noch die Chance einen Terrassenplatz für den Apéro um halb zwölf und das anschließende Mittagessen zu reservieren; manchmal lehnt der Patron aber Reservierungswünsche auch einfach ab. Sie sitzen mitten im Marktgetümmel, können manchmal sogar die Füße in einen der benachbarten Stände ausstrecken. HIER EIN VIDEO, das unter anderem den schnellsten Ober wahrscheinlich nicht nur in ganz Frankreich zeigt. 

Mittagessen in einer Institution
Mit dem Marktende um Punkt zwölf sollten Sie die Füße dann allerdings einziehen, weil die Marktleute den Platz für ihre Lieferwagen brauchen; aber da kommt ja auch schon der erste Gang Ihres Menus. Im Rocaille dürfen Sie nichts Großartiges erwarten - wie auch, das teuerste Menu kostet um die 10 Euro. Im Verhältnis zum Preis ist das aber mehr als ordentlich; der „rapport qualité prix“, wie die Franzosen dazu sagen, der stimmt also. Die Trip-Advisor-Bewertungen schwanken zwischen „supergenial“ und „schlechtem Kantinenessen“.

Was bekommen Sie? Erst einmal etwas Salami mit Oliven und Gurken, dann eine Paté de campagne, die Sie sich, je nach Appetit, aus der großen Terrine herausschneiden können, dann ein Kräuteromelette meist zusammen mit einer großen Schüssel grünem Salat mit Radieschen, dann ein Steak(oder Würste oder ein Hühnerschlegel) mit Pommes frites und hinterher ein Stück Camembert oder, wer das vorzieht einen Nachtisch, manchmal ist das ein hausgemachter Apfelkuchen, oft allerdings nur ein abgepacktes Eis.
Das Rocaille als Zeichnung eines Gastes und "in echt"

Alles in allem eine Erfahrung, die Sie unbedingt machen sollten, wenn Sie schon einmal donnerstags in Anduze sind. Das Risiko für zwei Personen liegt inklusive Apéro, Wein und Café bei rund 30 Euro – ist also eingehbar. Und mit dem ganzen Drumherum ist es das auch wert. Es muß ja nicht jeden Donnerstag sein.


Samstag, 14. Dezember 2019

Cevennen: Mann ist Esel und Esel ist selber schuld

Angane vom Mas Nouguier

"Sobald eine Frau aus einem Mann einen Esel gemacht hat, redet sie ihm ein, er sei ein Löwe",
formulierte Honoré de Balzac ohne je mit einer Frau und einem Esel eine Reise durch die Cevennen gemacht zu haben.
Stevensons Weg von Le Monastier bis Saint-Jean-du-Gard ist inzwischen gerade in den Frühjahrs- und Herbstmonaten alles andere als einsam. Die Strategen des touristischen Marketings haben seine Idee perfektioniert. Mehr als zehn Eselsverleihe gibt es inzwischen entlang der Strecke und die exakte Strecke kann nachgegangen werden. Wenn da nur nicht die geschliffene Prospektsprache wäre, bei die sich viele französische Tourismus-Mitarbeiter offensichtlich von Übersetzungsprogrammen beraten lassen.

Der hohe Stellenwert der geistreich-eleganten Formulierungen findet in Frankreich überall da seine Grenze, wo diese Sprache nicht mehr die Französische ist. Manchmal kann der Eindruck entstehen, die fehlerüberfrachteten Prospekte der Tourismuswerbung seien absichtlich so schlecht gemacht. Ob aus Überheblichkeit oder um damit die Eleganz im Umgang mit dem Französischen noch stärker zu unterstreichen? Mag sein. Ein Beispiel:


„Erster Esel oder erste Woche 200 Euro. Sie könne auch ihrigen Mann mit tragen. Wenn Esel verstaucht oder Mann verletzt, Rückfahrt ist 1,50 Euro für Kilometer, sei es Esel ist selber Schuld.“ 

Egal ob jetzt die Frau den Mann tragen soll und egal auch welcher Esel das Gepäck trägt. Aufpassen müssen Sie offensichtlich nur , daß sich ihr Esel nicht verletzt und sie einen einigermaßen trittsicheren Mann haben - oder umgekehrt.


Das nebenstehende Bild stammt übrigens vom Autorenmagazin MAGDA; dort steht das Bemühen um saubere Recherche, gute Texte und einen verantwortungsvollen Umgang mit den beschriebenen Wirklichkeiten im Vordergrund.

Wenn Sie sich den obigen Prospekttext von Google ins französische rückübersetzen lassen, gewinnt er auch nicht unbedingt:

"Premier âne ou première semaine 200 Euro. Vous pouvez également transporter avec leur homme. Si ânes entorse ou le retour de l'homme blessé est de 1,50 euros pour les kilomètres, il est le cul est votre faute ".
Sollte sich Ihr Mann tatsächlich verletzen, bliebe ihm noch die Möglichkeit sich den Coupe Stevenson anzusehen, ein Fußballturnier, zu dem immer auch eigens eine schottische Mannschaft nach Châteauneuf-de-Randon reist. Termine finden Sie hier.