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Freitag, 14. Mai 2021

Eine Pestmauer quer durch die Provence

Den Spuren des Pestarztes folgen
Zwei Meter hoch und 27 km lang

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Sanitätsrat von Marseille entschloss sich zur Einführung eines dreistufigen Quarantänesystems. Nein, nicht 2021, sondern vor dreihundert Jahren. Dieses System fand bei den im Hafen einlaufenden Schiffen Anwendung. Selbst wenn es bei der Besatzung keine Anzeichen einer Erkrankung gab, wurden die Schiffe in eine mindestens 18tägige Quarantäne geschickt, durften aber an den vorgelagerten Inseln festmachen. Die Besatzungen wurden Lazarette ausserhalb der Stadt gebaut, wo sie sich in gut gelüfteten Räumen aufhalten mussten.

Trotzdem war 1720 die Pest nach Marseille gekommen und breitete sich auch in weiten Teilen der Provence aus. Sie dezimierte die provenzalische Bevölkerung - ebenso die der Stadt Marseille - um die Hälfte und verbreitete sich weiter über Europa. 

50.000 Menschen starben in Marseille an der Pest - die Hälfte der Bevölkerung. Bild von Michel Serre

Das Vaucluse, damals mehrheitlich päpstliches Territorium, ließ sofort eine Trockensteinmauer von 27 Kilometern Länge und zwei Metern Höhe um das damalige „Comtat Venaissin“ bauen, um sich vor der Seuche zu schützen und die Mobilität einzuschränken. Versehen mit Wachposten schlängelte sich diese alle andere als unüberwindliche Steinmauer über die Mont de Vaucluse von Cabrières d’Avignon via Lagnes bis nach Beaucet. Die Reste dieses Kulturerbes kann man heute auf einem Wanderweg mit Start in Lagnes auf etwa neun Kilometern, in rund dreieinhalb Stunden entdecken. Ergänzend zur Wanderung empfiehlt sich die Ausstellung „La Peste – 1720“ im „Hôtel Agar“ in Cavaillon, die von Juni bis September 2021 läuft. An die tausend Manuskripte wie Briefe, Ex-Votos und andere Zeugnisse dokumentieren die Zeit nach der Pandemie von 1721-1723.

Die Ausstellung ist dienstags bis samstags geöffnet. Es gibt nur geführte Besichtigungen auf Reservierung, zu denen Sie sich unter 0033 6 2417 2013 zum Preis von 10 Euro pro Person anmelden können.




Sonntag, 28. August 2016

Provence: Jean Giono zeigt uns die schönen Umwege


Lieber Feldwege alsTGV (wie hier) oder Autoroute
Ein hohes Verkehrsaufkommen auf der Autobahn können Sie aber auch als Chance für eine entspannte Fahrt über die Nebenstraßen aufgreifen. Jean Giono der Provenzale, der kaum einmal aus seiner Hochprovence heraus gekommen war, dafür dort aber jeden Olivenbaum und fast jeden
Stein kannte, der in all seinen Büchern für den
Frieden, die Natur und die Erdverbundenheit des Lebens in der „unfortschrittlichen“ Provence gekämpft hat, er macht uns den Umweg vor:
„Eingeschläfert von dieser Autobahn wie ein von Kreidestrichen hynotisiertes Huhn habe ich mir schließlich einen gleichwohl menschlichen Ruck gegeben und mich an einer beliebigen Abzweigung davongemacht.“


Hier erwartet uns Jean Giono...
Die genaue Lage der Straßen und Feldwege will er uns nicht verraten, braucht er aber auch gar nicht. Wir finden dies alles ebenso, wenn wir einfach in südöstlicher Richtung irgendwie in die Provence hineinfahren. Und dann durchkreuzen wir wie Giono „Felsen, Pinien, Steineichen, Ginsterkraut, Ruinen, Schlösser, Lavendelfelder, Olivenhaine, Mandelbäume, Einöden, wilde Steppen, atemberaubende Ausblicke“. Und ganz zum Schluß seines „Briefes über die provenzalischen Landschaften“ verspricht er uns: „Und an dem Punkt, da warte ich auf Sie.“

Einer hätte sich dort besonders gerne mit Jean Giono getroffen: der deutsche Romantiker Hugo von Hofmannsthal. Sicher, er machte seine Reise durch den Süden Frankreichs zu einem Zeitpunkt, kurz bevor Giono zur Welt kam. Aber die Art des Reisens und des Sehens war der von Giono sehr vertraut und man kann sogar sagen, daß sich Giono bei seinen späteren Schilderungen an die „Vorgaben“ Hofmannsthal gehalten hat. Kein „hastiges und ruheloses Reisen“. Und Landschaftsbeschreibungen sollten sein wie der „seltsame, sinnlose Reiz der Träume. Unserem Reisen fehlt das Malerische und das Theatralische, das Lächerliche und das Sentimentale“.
Auf der Hochebene von Valensole.                       Bild von Steffen Lipp
Die Hektik seiner Reise des Jahres 1892 nahm Hofmannsthal so sehr den Atem, daß er sich Postkutsche und Sänfte zurück wünschte,
„man hatte Zeit, um in Herbergen Abenteuer zu erleben und wehmütig zu werden, wenn ein toter Esel am Wege lag. Man konnte im Vorbeifahren Früchte von den Bäumen pflücken und bei offenen Fenstern in die Kammern schauen. Man hörte die Lieder, die das Volk im Sommer singt, man hörte die Brunnen rauschen und die Glocken klingen.“




Centre Jean Giono in Manosque: Hier finden Sie alles über Giono .