Samstag, 8. September 2018

Tarascon, Tartarin und die Hasenjagd und das Nr.1-Restaurant in Beaucaire

"Der Flinke" - dreidimensional
(siehe die Schatten der Ohren) in Tartarins Haus
An einem Sonntag muß Gustave Flaubert Tarascon besucht haben und fand keine Menschenseele vor; sie „gleicht einer Stadt, deren sämtliche Einwohner ausgewandert sind.“ Kein Wunder, denn Sonntag für Sonntag, so beschreibt das Alphonse Daudet in seinem "Tartarin", sonntags greife ganz Tarascon zu den Waffen, „verläßt, den Rucksack auf dem Rücken, die Stadt und begibt sich, das Gewehr auf den Schultern, mit kläffender Meute, Frettchen, Trompeten und Jagdhörnern ins Gelände. Das ist ein herrlicher Anblick - leider fehlt das Wild, es fehlt vollständig.“

Der letzte verbliebene Hase wurde mit dem Beinamen „Der Flinke“ geadelt und unter Naturschutz gestellt. Und dann, was machen diese Heerscharen von Jägern? „Lieber Gott, sie ziehen zwei oder drei Meilen aufs Land hinaus, bilden kleine Gruppen zu fünft oder sechst und strecken sich friedlich im Schatten eines Brunnens, einer alten Mauer oder eines Olivenbaums aus, ziehen aus ihren Jagdtaschen ein schönes Stück geschmortes Rindfleisch, rohe Zwiebeln, Würstchen und eine Büchse Anchovis hervor und beginnen endlos zu frühstücken. Dieses Frühstück begießen sie dann mit einem süffigen Rhônewein, der zum Lachen und Singen anregt.“

Tartarin, in afrikanischer Ausrüstung, auf Hasenjagd vor Tarascon. Postkarte von ca 1930.

Wenn dann dem Wein die Ehre getan ist, begibt man sich auf die Jagd. Und für Daudet und Tartarin heißt das: „Jeder der Herren packt seine Mütze, schleudert sie mit aller Kraft in die Luft und schießt nach ihr mit Fünfer-, Sechser- oder Zweierschrot. Wer die meisten Treffer in seiner Mütze erzielt, wird zum Jagdkönig ausgerufen und kehrt am Abend, die durchlöcherte Mütze auf dem Gewehr, im Triumph mit Hundegebell und Fanfarengeschmetter nach Tarascon zurück.“ Bei allem Schwindel hat der Schwindel aber seine Grenzen: „Es gibt sogar Hutmacher, die den Ungeschickten die Mützen schon durchschossen und zerfetzt verkaufen, aber man weiß nur vom Apotheker, daß er so etwas kauft. Das gilt als unehrenhaft.“

Wenn Sie jetzt drei Stunden, eine Minute und 56 Sekunden Zeit haben: HIER können Sie den kompletten Text hören.

Henry James besuchte Tarascon für gerade mal drei Stunden und „in erster Linie aus Liebe zu Alphonse Daudet“, der gerade eine Neuauflage seines Tartarin auf den Weg gebracht hatte. Ansonsten war er von der Stadt enttäuscht.

 
Sicher, da sei das Schloß, aber besonders auffallend sei eigentlich nur die „lebhafte Schläfrigkeit“ des Ortes, eine andauernde Sieste, bei der sich ein Septembernachmittag bis in den Oktober hinziehe.

Hauseingang von Tartarin
Am Maison de Tartarin fährt man leicht vorbei, weil es völlig untartaringemäß, da unauffällig, am Boulevard Itam liegt. Einzelne Räume, zum Beispiel das Kaminzimmer mit den vergifteten Pfeilen und der Garten, wurden entsprechend den Schilderungen Daudets angelegt.

Der Garten geht allerdings hinaus auf eine Umgebung, wo selbst hochgewachsene Palmen die schon von Wolfgang Koeppen beklagten Betonhäuser nicht verstecken. „Kalt, nüchtern, häßlich und unsagbar trostlos“ fand er Tarascon und befindet sich damit im Widerspruch zu Joseph Roth: „Eine helle, kleine, freundliche, gutmütige, ein bißchen kümmerliche Stadt, ein bißchen komische Stadt. Ihre angesehenen Bürger träumen noch heute von Löwenjagden.“


Zu Mittagessen einmal über die Brücke:
Nach Beaucaire zu Cécile
Wer auf den Spuren von Tartarin hungrig geworden ist, der fährt über die Brücke nach Beaucaire und geht zu "Cécile", deren Restaurant und Lebensmittelgeschäft an einem stillen Platz mit hohen Platanen gleich an der Stadtmauer (Place de la République) liegt.
Fast keine Auswahl, aber ein täglich frisches Menue und ordentlichen Wein zu einem Preis, der unterhalb dessen liegt, was Sie für ein Picknick ausgeben werden. Völlig unscheinbar, aber völlig zu recht von den Trip-Advisor-Bewertern als Nr.1  von sechsunddreißig Restaurants in Beaucaire eingestuft.

Samstag, 1. September 2018

Nîmes: Der Märchendichter und seine "dänische Provence"



Hans Christian Andersen im Jahr 1869.
Foto von Thora Hallager
Ähnlich wie der Pont du Gard wird auch Nîmes von fast all seinen schreibenden Besuchern enthusiastisch gesehen. So auch vom dänischen Märchendichter Hans Christian Andersen (1805-1875):

„Durch die Provence, die mir ganz dänisch aussah, erreichte ich Nîmes, wo die Größe des prächtigen römischen Theaters mich auf einmal nach Italien zurückversetzte. Das sogenannte Viereckige Haus steht noch in seiner ganzen Pracht, wie der Theseustempel bei Athen; Rom hat nichts so Wohlerhaltenes.“ 
 Der römische Süden brachte Andersen wenigstens zeitweise auf andere Gedanken. Ständig waren seine Ängste gegenwärtig, echte wie vermeintliche, die vor Hunden, vor dem Feuer und vor allem die, lebendig begraben zu werden. Das neun Meter lange Seil, das er in Hotelzimmern vorsorglich ans Fenster legte, kann im Museum in Kopenhagen besichtigt werden. „Ich bin nur scheintot“, soll er nicht nur auf Reisen immer einen Zettel auf den Nachttisch gelegt haben.



Eines hatte der Mann, den die meisten von uns nur als Märchendichter kennen, mit Thomas Mann gemein: Die ausdauernde Unbarmherzigkeit, mit der er Tagebuch führte und jede Alltäglichkeit für notierenswert hielt, was nicht so schlimm gewesen wäre, aber auch für veröffentlichungswert hielt. Obwohl es dazu natürlich auch eines Verlegers bedurfte. Mit der gleichen Hartnäckigkeit, mit der Mann das Vorhandensein oder die Abwesenheit von Stechmücken notierte, schrieb Andersen mit bereits siebenundzwanzig Jahren eine erste Autobiographie, in der er seine ganzen eingebildeten Krankheiten und Unpäßlichkeiten auflistete.

Wenn man sich selbst nur ausreichend wichtig nähme, dann sei man auf dem Weg ein Kunstwerk zu werden, hatte Thomas Mann notiert. Diese These hätte Andersen blind unterschrieben.

 

Sonntag, 19. August 2018

Magali Nieradka: Exil unter Palmen


Das sind schon gute Voraussetzungen für dieses Buch: Nicht nur der provenzalische Vorname Magali, sondern vor allem die Tatsache, daß die Autorin jahrelang an der Côte d’Azur lebte und forschte und daß sie dort Gelegenheit fand, etwa mit dem Neffen Lion Feuchtwangers zu sprechen oder mit Camille Bondy, die mit ihrem Mann Walter fotografierend und malend zu den wichtigsten Zeugen der Geschichte der deutschen Literatur in Sanary-sur-Mer gehörte. Ludwig Marcuse machte aus dem unbedeutenden und daher für viele der Exilanten noch bezahlbaren Ort auch gleich die „Hauptstadt der deutschen Literatur. Nicht ganz zu Unrecht, wenn man sich die Liste der Autoren und Maler auf der Gedenkplakette am Hafen ansieht.

Uferpromenade in den 1930er Jahren und die erweiterte Gedenktafel von 2011

Wenn man das Buch, ohne die Autorin zu kennen, in die Hand nimmt, könnten einem schon Bedenken kommen: Eine Verfasserin aus dem akademischen Lehrbetrieb, ein umfangreiches Register, eine

Auswahlbibliographie mit Primär- und Sekundärliteratur sowie knapp 150 Fußnoten…und trotzdem kann man es einfach so und mit Freude lesen. Bei aller inhaltlichen Substanz ein Buch, das Ihnen im Sommerurlaub an der Côte oder in der Provence so gefallen wird, daß Sie nun plötzlich nicht anders können als nach Sanary zu fahren, um dort den Spuren der Maler und Schriftsteller zu folgen, die sich vor allem in den 1930er Jahren hier aufgehalten haben.

Wer konnte, der floh, vor allem in die Vereinigten Staaten, viele mit Hilfe des Teams von Varian Fry, der rund zweitausend Menschen vor der Inhaftierung durch die französische Polizei oder die Gestapo bewahrte. Vor allem in Los Angeles haben sich „die üblichen Verdächtigen“ – von Lion Feuchtwanger über die Manns bis zu Bert Brecht – dann wieder getroffen. Für Feuchtwanger Anlaß genug, dort ein „gigantisches Sanary“ zu sehen.

Wenig bekannt aus Sanary ist die Geschichte des deutschen Soldaten Oswald Hartmann. Obwohl Sanary durch die Nähe zu Toulon in dem von den deutschen Besatzungstruppen erwarteten Landungsgebiet der Alliierten lag, blieb die Stadt weitgehend unzerstört. Zu verdanken hatte sie das Oswald Hartmann, einem Leutnant der Wehrmacht, der im Januar 1944 von der russischen Front ans Mittelmeer verlegt wurde. Hier organisierte er die Verminung von Hafen und Altstadt. Als die Sprengung angeordnet wurde, hat er dann die Verbindung zwischen dem Sprengzünder und den Minen durchtrennt. Hartmann blieb sogar nach dem Krieg in Sanary und half als Leiter eines zivilen Räumkommandos über zwei Jahre hinweg den engen Teppich von über 90.000 Minen wieder zu entfernen.


Nieradka-Steiner mit ihren
Kollegen Azuélos und Wallace im
Galli Theater in Sanary
Das erinnert an einen anderen Befehlsverweigerer, Dietrich von Choltitz, der als Stadtkommandant von Paris die Zerstörung vereitelte. "Paris darf nicht oder nur als Trümmerfeld in die Hand des Feindes fallen", so lautete der letzte Satz des Führerbefehls vom 23. August 1944, exakt dem Tag der Befreiung Sanarys. Die dreihundert deutschen Soldaten, die sich an diesem Tag noch in der Stadt befanden, ergaben sich. Dreißig Jahre später, da gab es längst eine Städtepartnerschaft mit Bad Säckingen wurde Hartmann „als erster Mann der Versöhnung“, wie Bürgermeister Bernhard es formulierte, mit der Ehrenmedaille der Stadt geehrt.

Magali Nieradka-Steiner: Exil unter Palmen. Theiss/WBG, Darmstadt 2018.

 

Samstag, 4. August 2018

Sète: Hai-Angriff im Hafen

Delphine und Haie waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Mittelmeer so zahlreich, daß sie sogar in den größeren Häfen, zum Beispiel in Sète, zu beobachten waren. Johanna Schopenhauer (1766-1838) - die Goethe-Vertraute

Blick vom Friedhof (mit dem Grab von Paul Valéry) auf den Hafen von Séte. Johanna und Adele Schopenhauer auf einem Gemälde von Caroline Bardua
und Mutter des Philosophen Arthur - war während Ihrer Reise durch Südfrankreich sogar von einem Haiangriff erzählt worden.

„Vor mehreren Jahren badete ein englischer Matrose in dem stillen, klaren Wasser, da gewahrten seine Kameraden wie ein großer Hai dicht unter ihm dahergeschwommen kam. Sie warfen ihm ein Seil zu. Schon war der Unglückliche über das Wasser gehoben, da sprang das Ungeheuer hoch aus der Flut, schnappte nach ihm und die Rettung des Lebens war mit dem Verlust eines Beines erkauft.“
Das Mittelmeer gehört auch heute noch zu den allerdings seltenen Jagdrevieren des Weißen Hai, wie sich auf den Karten von „Shark Protect“ ersehen läßt. Zwischen dem Besuch Johanna Schopenhauers im Jahr 1804 und heute hat es
„siebenunddreißig verbriefte Weißhai-Angriffe auf Menschen gegeben, wovon siebzehn tödlich endeten“.
Der letzte dokumentierte Angriff stammt aus dem Jahr 1984.


Weiße Haie: Kaum einmal im Mittemeer  Bild: B. Inalglory, WikiComm
Heute werden noch knapp fünfzig Haiarten im Mittelmeer gezählt, davon rund ein Drittel mit Längen über drei Meter und so auch für Badende gefährlich. Da mag man die statistische Wahrscheinlichkeit als sehr gering errechnen. Aber fragen Sie doch mal den englischen Matrosen.

Samstag, 28. Juli 2018

Grignan: Marquise de Sévigné

Geistreiche Briefeschreiberin des 17. Jahrhundert
Jeder hat so seinen Punkt auf der Fahrt in den Süden, an dem er sagt, jetzt sei er „da“. Für mich ist es das Hinweisschild zum Château Grignan, auf dem die Schreibfeder der Marquise de Sévigné auf deren mehrere hundert überlieferte Briefe verweist. Wer diese Briefe liest, befindet sich mitten in einer Aphorismensammlung. „Tout ce que j’aimerais faire est illégal, immoral ou fait grossir“ schrieb sie am 18. April 1696. Überlegen Sie einmal, von wem alles sie dieses geflügelte Wort, schon wie gerade aus einem guten Gedanken entwickelt, gehört oder gelesen haben:

„Alles worauf ich Lust habe ist nicht erlaubt, unmoralisch oder macht dick.“
Fast niemand mehr bringt es mit der Urheberin in Verbindung. Die ganze Geschichte des Château Grignan und der übrigen Schlösser der Drôme finden Sie HIER.

Grignan: Nahtloser Übergang Schloß, Dorf, Friedhof

 
Eindrucksvoll, aber alles andere als historisch korrekt ist das Schloß im 19. Jahrhundert renoviert worden und inzwischen auch mit einer „Reliquie“ der Madame de Sévigné versehen. Zwei Knöchelchen aus der Hand mit der sie all die Briefe schrieb? Der Schloßführer spricht das Fragezeichen so wenig fragend, daß man seine Geschichte fast glauben muß.

Marie de Rabutin-Chantal, wie die Marquise de Sévigné ursprünglich hieß, schrieb diese Briefe - die den Geist des 17. Jahrhunderts authentisch und geistvoll spiegeln - meist aus Paris, der Normandie oder Burgund an ihre Tochter Françoise-Marguerite.


Gerade 19 Jahre alt geworden, hatte diese den Comte de Grignan geheiratet. Die Mutter kam oft nach Südfrankreich zu Besuch, vor allem nach dem Tode ihres Mannes, der, "glücklicherweise" wie sie sagte, in einem Duell getötet worden war; er hatte sich aber nicht für seine Frau, sondern für eine seiner vielen Geliebten duelliert. So konnte er nicht auch noch den Rest ihres Vermögens durchbringen. Zu ihren Briefpartnern gehörten die Berühmtheiten der Zeit, die ihr Urteil schätzten.

Nur einmal hat sich wirklich getäuscht, als sie dem jungen Racine, der gerade anfing berühmt zu werden keine Zukunft gab: Voltaire erinnert sich an einen Ausspruch der Marquise von Sévigné:
„Racine passera comme le café.“
Racine blieb und die von ihr kritisierte Unsitte des Kaffeetrinkens auch.

In Grignan gibt es noch ein kleines, privates Atelier-Musée du Livre et de la Typographie, eine Werkstatt, in der sich Philippe Devoghel ganz zuhause fühlt. Sein Name klingt seltsam im Midi. Ursprünglich stammt Devoghel aus Dünkirchen, lange hat er in Paris gearbeitet. Ob Schulklassen, Künstler oder Drucker – jedem kann er auf seinen alten Linotype-Maschinen die Feinheiten des Bleisatzes beibringen oder aber auch Gravuren oder Holz- und Linolschnitte. Ein Besuch, der sich lohnt. Sie finden es auf dem Platz Saint Louis, rufen aber wegen der Öffnungszeiten sicherheitshalber an (0033 475 465716).

Samstag, 21. Juli 2018

Ruth Landshoff-Yorck: Sie war ihr eigenes analoges Facebook

Heutzutage hätte Ruth Landshoff eine mindestens sechsstellige Zahl von Followern bei Youtube, Instagram, Twitter oder wo auch immer und hätte sich längst Entschleunigungs- oder Konzentrations-Apps installiert, um wenigstens eine halbe Stunde am Tag vor sich selbst etwas Ruhe zu haben. Die Bilder von ihr auf den roten Teppichen fände man nicht nur im Netz, sondern auch in Gala, Bunte und den zahlreichen kaum unterscheidbaren gelben Frauen-Zeitschriften. Als „Society-Girl im Berlin der Roaring Twenties“ (Süddeutsche Zeitung) oder „als eine Art androgynes IT-Girl, das die Jet-Set-Zentren Europas ansteuerte“ (Deutschlandfunk) wird sie charakterisiert.

Kein Wunder bei einer Frau, die von Kokoschka „wild und wach“ portraitiert wurde, Marlene Dietrich angeblich zur Filmrolle im „Blauen Engel“ verhalf, mit Thomas Mann Krocket spielte, mit Dali befreundet war und den Filmregisseur Murnau immerhin küsste - mehr war bei dessen Vorliebe für Naturburschen nicht drin. Als sie die Tagebücher ihres männlichen Pendants als Prominenten-Sammlerin, Harry Graf Kessler, liest, kommentiert sie:

"Von den im Index aufgeführten Personen kannte ich 315.“
Nur die von Kessler veranstalteten Einladungen fand sie langweilig:
"Vielleicht hätte der Graf Kessler einmal Hindenburg mit Josephine Baker einladen sollen."



Über und von Ruth Landshoff-Yorck

Wenn Landshoff schreibt, sogut wie wenn man über sie schreibt, ist exzessives Name-Dropping angesagt. Für Sartre organisierte sie eine Party und Cocteau schenkte sie ihr Feuerzeug. Nichts tut sie hingegen für André Gide, der ihr, während er einen "vergnügten jungen Clown" auf den Knien schaukelt, nur eine "harte flache Hand" zum Gruß reicht.

"Wenn Sie wüßten, Monsieur Gide, was ich über Sie weiß", schreibt sie in ihren Memoiren, "würden Sie mir nicht Ihr würdiges, respektheischendes Gesicht hinhalten, sondern eher ein verlegenes."
Gide soll einem ihrer Freunde Liebesbriefe geschrieben haben. Heute wäre das niemandem eine Zeile wert. Damals schon, denn der große Moralist Gide suchte seine Homosexualität lange zu verheimlichen.

Auch heute noch viel Erfolg mit der Google-Bildsuche
 Ruth Landshoff kam 1904 in Berlin zur Welt und starb 1966 in New York. Sie war die Nichte des Verlegers Samuel Fischer, der einiges für ihre ersten Karriereschritte tat. Und der Kiepenheuer-Lektor und späteren Exil-Verlegers Fritz Landshoff war ihr Cousin, den sie dann nicht mehr brauchte. Jedenfalls konnte es fast nicht ausbleiben, daß sie anfing zu schreiben. Ihr erstes Buch „Die Vielen und der Eine“, die Geschichte einer deutschen Reporterin in New York, wurde vom in Berlin neugegründeten Rowohlt-Verlag herausgegeben, in dem Franz Hessel als Lektor arbeitete. Dann unterschrieb sie einen Verlagsvertrag über sieben weitere Bücher, wobei für die „Schatzsucher von Venedig“ bereits der Vorabdruck in der „Berliner Illustrierten“ zugesichert war. Doch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten erscheint keines ihrer Bücher mehr in Deutschland, bis, ja bis der Berliner Aviva Verlag sie verdienstvollerweise wiederentdeckte.

Als sie Paul Valéry zu einem Kompliment nötigen will, sagt der nur, daß sie immerhin wie eine Dichterin aussähe. Romane waren nie ihre Stärke, Feuilletons schon. Und so wechseln auch in „Sixty to Go“ die qualitätvollen sich mit den nachlässig formulierten Passagen ab. Die Schriftstellerin Annette Kolb, die 1933 über Paris in die USA emigrierte, hatte ein gutes Gespür, als sie in der Zeitschrift „Literarische Welt“ Landshoffs Erstlingsroman rezensierte:

„Sie hat eine große und liebenswürdige Eigenschaft, sie schreibt nicht langweilig. Aber hat einen weiten Weg und wird sich gehörig entsnoben müssen.“
Als Landshoff schon selbst in die USA geflüchtet war, begegnet sie Klaus Mann in Kalifornien und überläßt ihm ein Roman-Manuskript. Seinem Tagebuch vertraut er an:
„Nicht einmal ganz schlecht; aber recht verlogen, romantisch und überflüssig“.
Nun, Klaus Mann, der ja vor allem von den Dingen überzeugt war, die er selbst verfaßte. In den USA hatte Landshoff die Feuilletons abgelegt, war politischer geworden, arbeitete für die Voice of America und schrieb dort ihr Buch über eine Widerstandsgruppe an der französischen Riviera.




„Sixty to Go“ basiert – angeblich, sei wieder hinzugefügt, da immer wieder die Phantasie mit Landshoff durchgeht - auf einer Kurzgeschichte von Josef Than, dem Autor und Filmproduzenten; auch ob das so ist, weiß niemand außer ihr. Wie so oft, wenn die Autorin Fakten einbringt, etwa auf Seite 155 über das Lager Gurs, wird es ungenau bis falsch. An sich darf man das einem Roman nicht ankreiden, aber dann wieder doch, wenn er den Eindruck eines Tatsachenberichts bewirken will, mit Hilferding, Pagnol, Gabin und anderen, die auftauchen. Man merkt sehr schnell, dass die Autorin das entbehrungsreiche und gefährliche Exil im geteilten Frankreich allenfalls vom Hörensagen kennt. Und wenn sie ihre eigenen Côte d‘Azur-Erinnerungen einbringt, beschränken die sich auf das Umfeld der Luxushotels von Negresco bis Ruhl und einen Ausflug nach Cagnes-sur-Mer.




Irgendwie erzählt sie die Geschichte von Varian Fry, dem jungen Amerikaner, den eine Hilfsorganisation nach Marseille schickte, um exilierte europäische Intellektuelle vor den Nationalsozialisten zu retten. Er hätte in seinem Buch „Auslieferung auf Verlangen“ über seine „Mannschaft“ auch das schreiben können, was Landshoff im Roman schreibt: „Es war eine merkwürdig zusammengewürfelte Gruppe. Nichts als ein Krieg hätte sie so zusammen bringen können.“ Und irgendwie erzählt sie auch die Geschichte, die Lisa Fittko in ihrem Buch „Mein Weg über die Pyrenäen“ beschreibt. Fittko und Fry sollte man lesen, um Landshoff besser zu verstehen. Deren Salon-Resistanceler sind so weit vom echten Leben entfernt, wie die Autorin es auch meist war, eine Gruppe, die den Krieg als Abenteuerspielplatz nutzt, ohne auf den gewohnten Luxus zu verzichten.

Sixty to go - noch sechzig Flüchtlinge, dann hätten sie fünfhundert zusammen, die Gruppe von vier Männern und einer Frau unterschiedlicher Herkunft in Nizza, die alle vor den Nazis geflüchtet sind und im Jahr 1941 Menschen mit gefälschten Papieren über die Pyrenäen nach Spanien bringen: die Comtesse Maria de Roseraye, die alle nur Darling nennen; Johannes Tarner, ein österreichisch-französischer Schriftsteller; Sascha, ein polnischer Bergarbeiter; Gérard, ein Schauspieler aus Paris, und Franticek, ein tschechischer Pilot. 


Hotel Ruhl - heute längst abgerissen und immer wieder mit dem Charlton verwechselt.
Eine gute Hilfe beim Verständnis des Romans und vor allem seiner Autorin bieten die Bücher von Thomas Blubacher und Diana Mantel. Das Buch des Theaterwissenschaftlers und Regisseurs Blubacher hat 367 Seiten, auf Seite 265 beginnt der Anhang; da fürchtet man eine unlesbare Dissertation, die es dann aber doch nicht ist. Der Rechercheaufwand, verbunden mit vielen Reisen und Gesprächen ist bewundernswert. Manchmal wird der Autor allerdings exakter als es dem Leser nützt, wenn etwa der Einkommensteueranteil der jüdischen Bevölkerung Berlins (4,84 Prozent) mit 30,265 Prozent angegeben wird. Und etwas mehr historische Einordnung hätte dem Buch ebenfalls besser getan, als die ausführliche Dokumentation, wer wann in welchem Haus, in welchem Stock wohnte und wer vorher darin gewohnt habe, etwa auf Seite 181. Fast meint man, die Excel-Liste der Recherche-Ergebnisse sei dann unter unbedingter chronologischer Ordnung in den Text umgesetzt worden. Ziemlich grob übergeht Blubacher, ganz im Gegensatz zur Literaturwissenschaftlerin Diana Mantel Einzelheiten zur Quellenlage. Mantel, die in München bei Professor Annette Keck mit der hier angesprochenen Arbeit über Ruth Landshoff promoviert wurde verweist auf die Bestände des Howard Gotlieb Archival Research Center in Boston. Dort wird Landshoff unter dem Namen Ruth Yorck geführt.

Noch reichlich Material im Howard Gotlieb Archival Research Center

Viel gibt es dort noch zu entdecken und vielleicht auch noch zu veröffentlichen: Manuscripts by York include novels and novellas, poetry, articles and lectures, short stories, plays, essays, and other items. Novels and novellas appear in English and/or German. Titles include The Cinderella Murders; The Life of a Dancer / Leben Einer Tanzerin; The Gardenia Girl; Storm in Italy; So Cold the Night; Hinz; Die Nacht der Schlimmen Liebe; Patric Hoolihan; Young Man Beloved; an untitled novel in German; and an untitled novel in English. Also present are manuscripts for numerous poems, in English, German, and French; many articles written for various periodicals by Yorck; several short stories; essays; translations of other authors by Yorck, including pieces by David Davidson, Ben Hecht, and Niccolo Tucci. In addition, there is manuscript material related to plays adapted by Yorck, including The Infernal Machine, by Jean Cocteau; The Doorknob, by Jan Rys, and Giulia, by Karl Voelmoeller. There are also manuscripts for plays by Yorck: Im Letzten Augenblick; Happening at the Café; and 14ième Juillet, a radio play in French. There is also manuscript material for Free World Ballad - A Cantata for Mixed Voices; a ballet titled Hait est elle Zauberdam; and a pageant entitled The Good Will Ballad. Dazu gibt es viele Fotos aus den 30er und 40er Jahren.



Ruth Landshoff-Yorck: Sixty to Go. Roman vom Widerstand an der Riviera. AvivA Verlag, Berlin, 256 Seiten, 18,90 €.


Diana Mantel: Ruth Landshoff-Yorck – Schreibende Persephone zwischen Berliner Boheme und New Yorker Underground. Analysen zum Gesamtwerk. Peter Lang Verlag, Frankfurt., 428 Seiten, 76,95 €.

Thomas Blubacher: Die vielen Leben der Ruth Landshoff-Yorck. Insel Verlag, Berlin, 367 Seiten, 22,95 €.





Samstag, 14. Juli 2018

In Sanary und Vence. René Schickele: Deutsch-Franzose par exellence

Sein Herz trug die Liebe und Weisheit zweier Völker.
Inschrift am Schickele-Wohnhaus in Badenweiler.
Schickele     Bild Monacensia
Der „echte“ Midi beginnt für manchen schon im oberen Rhônetal, etwa auf der Höhe von Valence. So für den Schriftsteller René Schickele (1883-1940), den deutschen Franzosen oder französichen Deutschen, der als einer der ersten die Nationalsozialisten an der Macht sah.

Als Sohn einer französischen Mutter und eines deutschen Vaters kam er in Obernai zur Welt, das damals Oberehnheim hieß. Er starb in Südfrankreich, in Vence, und seine sterblichen Überreste wurden später, so wie er sich das gewünscht hatte, auf dem Lipberger Friedhof in Badenweiler beigesetzt.

Grab auf dem Lipberger Friedhof
Als Herausgeber der pazifistischen und expressionistischen Zeitschrift „Weiße Blätter“ seit 1914 war ihm nach dem Krieg insbesondere die Verständigung zwischen Franzosen und Deutschen ein besonderes Anliegen. Schon früh erregte er den Verdacht der rechten Bewegungen, die dann im Nationalsozialismus mündeten. Seine Frühdiagnose des späteren Terrors hatte er schon anhand der gegen ihn gerichteten Beiträge in NS-Medien ablesen können: „Elsässer Jude, Vaterlandsverräter und Pazifist“ hieß es da.

In Zabern und Straßburg war er aufs Gymnasium gegangen, unter anderem in Paris und München hatte er studiert. Schon 1932, mit der Lebenserfahrung eines fast Fünfzigjährigen, zog er nach Sanary-sur-Mer, zwischen Marseille und Toulon gelegen, und schrieb an seine Freundin Annette Kolb:

„Ich möchte, ich könnte ewig hinter dem Vorhang bleiben, der in der Linie von Valence dieses elementare Sonnenland vom Reich der Nibelungen abschließt.“
Schickele, Kolb und Thomas Mann              Bild Monacensia
In Sanary gehörte er zu den ersten Intellektuellen und bewegte zahlreiche Schriftsteller sich ebenfalls in diesem gesegneten Fleckchen niederzulassen: Thomas Mann, Lion Feuchtwanger, Franz Werfel und andere trafen sich hier im Midi.
Kaum daß der Krieg begonnen hatte, starb er in Vence, im Hinterland von Nizza. Es lohne sich nicht mehr zu leben, „wenn der Ungeist siegt“, schrieb er in seinem letzten Brief an Thomas Mann.

Direkt nach dem Krieg schrieb Kasimir Edschmid, mit dem Schickele oft in Badenweiler, aber auch in Südfrankreich, zusammengesessen hatte, in einem vorausschauenden Beitrag für die ZEIT (1946, Nr. 15):

„Schickele hatte es nicht leicht, denn er versuchte, das zu leben, was einst noch utopisch schien, was aber in einer fernen Zukunft Wirklichkeit werden wird, wenn einmal das, was man früher auf der einen Seite den französischen, auf der anderen Seite den deutschen Menschen nannte, in einer höheren Einheit aufgegangen sein wird."
Viel mehr über Schickele, Mann und die anderen in Sanary-sur-Mer lesen Sie später. Hier ein kleiner EINDRUCK VOM MARKT IN SANARY .


Samstag, 7. Juli 2018

Mont Ventoux, der Berg, und Steffen Lipp, sein Fotograf

Für den Insektenforscher Jean-Henri Fabre war, wie er sich ausdrückte, ein „Spaziergang auf den Ventoux“ nichts besonderes. Mehr als zwanzigmal hat er den Weg gemacht, je nach Wetter in zehn bis zwölf Stunden. Ihn interessierten vor allem die 
Ganz früher Julimorgen auf dem Berg der Provence        Bild Steffen Lipp 

unterschiedlichen Klimazonen und die dort lebenden Pflanzen und Tiere. Daß der Berg auf ihn manchmal bedrohlich wirkte, können wir aber selbst der Beschreibung des Naturwissenschaftlers entnehmen.
„Frische Matten, fröhliche Bächlein, mit Moos bewachsene Steine, der Schatten hundertjährigeer Bäume – kurz all jene Dinge, die einem Berg etwas liebliches verleihen, sind hier vollkommen unbekannt. An ihrer Stelle haben wir eine nicht enden wollende Decke von Kalksplittern, die beinahe metallisch klirrend unter den Füßen wegrutschen. Rieselnder Steinschlag, das sind die Wasserfälle des Mont Ventoux.“
Von überall her ist der Berg zu sehen,
hier hinter den Ockerfelsen von Roussillon...      Bild Steffen Lipp


Von Malaucène aus, das geht in sechs Stunden, ist auch Steffen Lipp oft hochgegangen, zu jeder Jahreszeit und auf allen Wegen. Der Fotograf und Autor ist mit seinen ausgefeilten Licht-Schatten-Bildern der Ventoux- und Provence-Fotograf schlechthin – und hat mir dankenswerterweise auch die Fotos für diesen Beitrag zur Verfügung gestellt.

...hier von Châteauneuf aus...von den Dentelles de Montmirail...und von Le Pin.

Mit Gabrielle hat er eine resolute Ur-Schwäbin, Rahmenkünstlerin und Philosophin an seiner Seite, die nebenbei auch noch genial kocht. Die provenzalischen oder mal fischgefüllten Maultaschen mit einer Sauce aus Bambussprossen und einem Gewürz, das es angeblich nur in Lüdenscheid zu kaufen gibt, sind bei den Freunden geschätzt.

Der ostdeutsche Dichter Günther Kunert hat Lipps Lieblingszeilen über den Berg geschrieben:

„Wind wehte stark. Von hier sah man weit durch den Raum und erst jenseits der fernen und weißen Kuppen, erst hinter der lustvollen Krümmung der Erde fiel mein Blick ermattet vor ihren Füssen zur Boden.“
HIER geht es weiter mit dem „Club der Verrückten“ vom Mont Ventoux, die alle sehr stolz darauf sind, diesem Club anzugehören.

Voraussetzung ist nur "etwas" Kondition.

Und natürlich ein Fahrrad in einem etwas besseren Zustand als dieses nebenan.


Freitag, 29. Juni 2018

Anduze: Vasen nicht nur für den 14ten Ludwig

Die Form ist geblieben seit dem 18. Jahrhundert, die Farben sind vielfältig geworden
Zahlreiche große Töpfereien vor, in und um Anduze – das geht schon, wenn aus Vézénobres kommen, in La Madeleine los und mit Le Chêne Vert weiter – warten auf Sie.

Wenn Sie kaufen wollen, dann aber bitte erst auf der linken Gardonseite zwei Kilometer in Richtung von Saint-Jean-du Gard fahren. In einer Rechtskurve sehen Sie auf der linken Seite die Töpferei Les Enfants de Boisset ( route de Saint-Jean-du-Gard, 0033 466 618086 www.poterie-anduze.fr ). Das sind nicht zwar die Ur-Ur-Ur-Enkel von Boisset, aber doch eine der traditionellen Töpfereien, in denen ich bisher Made in China oder Fabriqué en Maroc oder die Vasen, die gepreßt und nicht auf der Scheibe gedreht werden, kaum gefunden habe.

Ihre Frau wird Sie dann allerdings zurückdirigieren zur Poterie de la Madeleine nach Lézan (Route de Nîmes, 0033 466 616344 www.poterie.com ), wo auch noch vor Ort produziert wird und die Auswahl deutlich größer und die Präsentation wesentlich marketingorientierter ist. Das hängt auch damit zusammen, daß sich Filialen auch in Saint-Tropez, Béziers und Montpellier finden; Immerhin haben Sie jetzt einmal einen Preisvergleich.

Die Vasen, die Ludwig XIV. sich für die Ausstattung der Orangerien von Versailles hat kommen lassen, waren alle 1,05 Meter hoch; eine solche Vase bekommen Sie als Ausschußware bei La Madeleine für 120 bis 250 Euro, was immer noch ein ordentlicher Preis für ein nicht einwandfreies Produkt ist. In gutem Zustand kosten sie dann 800 Euro oder etwas mehr; pro Vase packen Sie sich rund 140 Kilogramm zusätzlich ins Auto. Die angesprochene Fehlerhaftigkeit bei allen Töpfereien beschränkt sich auf Glasurfehler, die die Vasen so oft mit dem Anschein von Gebrauchsspuren versehen. Unsere Erfahrung ist, daß sie dennoch winterfest sind – jedenfalls für das, was man in Südfrankreich so Winter nennt. Neben den tatsächlich fehlerhaften finden sich die Vasen, die der Töpfer in mühsamer Handarbeit „auf alt“ gemacht hat – fragen Sie nach „patine ancienne“ oder „vieilli tradition flammé“.


Wenn Sie sich auf einen der Antiquitätenhändler verlassen wollen, der Ihnen noch eine der Vasen Ludwigs XIV. ganz hinten aus dem Lager und nur für den echten Kenner verkaufen will, können das tun und die Geschichte dann Ihren Freunden weiter erzählen; glaubwürdiger wird sie dadurch nicht.
 
Franck Becker
So viele alte Vasen, wie in Anduze und Umgebung verkauft worden sind, kann der König gar nicht besessen haben.

Wenn Sie sich durchringen könnten, an La Madelaine vorbeizufahren, kommen Sie wenige Kilometer weiter, in Cardet, auf der rechten Straßenseite an die Töpferei von Franck Becker, der seine sämtlichen Vasen noch auf der Scheibe dreht und HIER UND IM FILM erklärt, warum "winterhart" ein dehnbarer Begriff ist und die gepreßten Vasen leichter kaputt gehen.

 

Montag, 25. Juni 2018

Mont Ventoux: Der Club der Verrückten und der Mas des Vignes

Bald achttausend Mitglieder hat der „Club der Verrückten“ weltweit, sogar zweihundertfünfzig Deutsche schmücken sich mit der Mitgliedschaft. Die meisten Mitglieder des „Club des Cinglés du Mont Ventoux“ kommen natürlich aus Frankreich. Mitglied kann nur werden, wer an einem Tag alle drei existierenden Strecken auf den Mont Ventoux hinauf gefahren ist. Das ist schon hart, weniger wegen der Gesamtstrecke von 137 Kilometern, sondern wegen der 4.400 Höhenmeter, die dabei geklettert werden.

Wenn Sie sich anmelden möchten, vielleicht eine der rund vierhundert Frauen werden wollen, die das bisher geschafft haben, dann geht das bei Florence Girard und die Mailadresse UNTEN AUF DIESER HOMEPAGE. Hier finden Sie, auch auf deutsch alle Statistiken rund um diesen seltsamen Club und auch die Abbildungen der Medaillen.


Mit dem Auto hochzufahren ist natürlich außerhalb der Regeln.
Postkarte aus dem Jahr 1911. Hier der Italiener Tangazzi auf Lancia.
Von den drei Strecken auf den Gipfel ist diejenige, die bei Bedoin auf knapp 300 Metern startet, die spektakulärste. Nach gut 21 Kilometern hat man sein Ziel in 1909 Metern Höhe erreicht.

Geschafft...aber noch keine Mitglieder

Wer von Malaucène aus startet, spart sich rund 300 Höhenmeter. Wenn Sie allerdings ein Mountainbike benutzen, gehört es zum Reglement, dass Sie die Forststraßen benutzen und sich am Abend erst nach gut 6.000 Höhenmetern in den Club aufnehmen lassen können. Die Kontrollen werden streng durchgeführt, Jugendliche unter 18 Jahren müssen ein ärztliches Attest vorweisen.

Und so sieht das abgestempelte Dokument dann aus, wenn man es geschafft hat.
Foto von Franz Utz, der seit 2015 Mitglied im Club ist.


Nur einer lächelt über diese Strapaze. Das ist Jean Pascal Roux, der am Fuß des Berges lebt, in Bedoin. Mit Mitte vierzig hat er einmal 24 Stunden auf dem Rad verbracht und ist elfmal den Mont Ventoux rauf und wieder runter gefahren. Ohne Doping, wie er betont. Einmal habe ich mich auch auf die Tour gemacht. Ganz professionell hatte ich mir für die Abfahrt sogar zwei Tageszeitungen, den „Midi libre“ und „Le Provencal“ gekauft. Unter das T-Shirt hatte ich sie stecken wollen, um den kalten Wind bei der Abfahrt abzuwehren.

Wie auch immer, in aller Ruhe habe ich die Zeitungen eine halbe Stunde später weitgehend ungeschwitzt lesen können. Denn nach 5,4 Kilometern bin ich in der berühmten Saint-Estève-Kurve von der schattigen Terrasse des "Mas des Vignes" so sehr angezogen worden,



daß ich dort auch noch den Sonnenuntergang bewundert habe. Damit diese Entscheidung nachvollziehbar wird: Als Vorspeise gab es Saint Jacques Dorées mit einem Kirchererbsen-Zitronen-Hummus und als
Hauptgericht Joues de Cochon (Schweinebacken), geschmort in einem
Die Kunstwerke des Yann de Coëtlogon am besten auf der Terrasse genießen.              Bilder Mas des Vignes

der kräftigen Roten vom Ventoux, mit einer Polenta Crémeuse und frischen Pfifferlingen.

Peinlich war nun nicht, dass ich recht sportlich gekleidet dort saß, sondern dass der Chef, Yann de Coëtlogon, beim Dessert - wen’s interessiert Tartelette aux Pêches Blanche en Crème d’Amandes mit einem Sorbet aus Weinbergpfirsischen - rauskam und mir gratulierte. Denn viele belohnen sich für den bestandenen Aufstieg mit einem Menü im Mas des Vignes. Ich habe mich dann bedankt und im übrigen so getan, als hätte ich ihn nicht verstanden.

Und gelesen habe ich hinterher Ralf Nestmeyers Roman „Die Toten vom Mont Ventoux“, unter denen sich aber zum Glück nur ein Radfahrer befindet. Nestmeyer zeigt hier, daß er nicht nur Reisejournalismus kann, sondern auch Krimi, wobei der Historiker immer mal wieder durchblitzt, wenn es um die Ursprünge der okzitanischen Sprache geht, und der Journalist, wenn es um die Reglements des comptes in Marseille geht. Manchmal setzt er etwas zuviel voraus, wenn er plötzlich Fabio Montale erwähnt und Izzo zwei Seiten vorher.  An sich hätte der Ventoux ja auch aufs Titelbild gehört. Für die nächste Auflage, für die ich die Daumen drücke, sollte es dann ein Foto von Steffen Lipp sein - von wem sonst: oder setze ich da zuviel voraus? Wie viele der besseren Kriminalromane übrigens auch bei Emons erschienen.



Von einem tragischen Aufstieg auf den Mont Ventoux - er endete mit dem Tod - erzähle ich HIER.