Dienstag, 1. Juni 2021

Authentische Krimis von Johanna Huda

  Eine Serie von Kriminalromanen aus dem Languedoc, die schon bei dem ersten Blick auf die Cover erhoffen lassen, dass hier

jemand schreibt, der die Region so abbildet, wie sie ist: Wellblechschuppen der Austernfischer, unrenovierte Häuser auch in der ersten Reihe am Hafen und Boote, mit denen noch gefischt wird. Und so ist es dann auch! Orte, wie sie sind und Menschen,wie sie sein könnten. Den Familiennamen ihres Protagonisten, Joseph Leroux, hat Johanna Huda auf einem Grab des Friedhofs von Marseillan entdeckt.

Nationalfarben im Hafen von Mèze. Bild Huda

Die Gegend rechts der Rhône ist inzwischen das authenthische Südfrankreich; schon längst nicht mehr die überlaufenen und überteuerten Orte der Provence und der Côte d’Azur. Die Titelbilder für die Bücher stammen übrigens, mit einer Ausnahme, von Johanna Huda selbst. Ich bin heilfroh, daß wir hier nicht von den üblichen blühenden Lavendelfeldern in die falsche Richtung geleitet werden, sondern am Étang de Thau sind, in Sète, Mèze, Balaruc und Bouzigues.

Die Bücher sind in einem, und das meine ich durchaus positiv, seltsamen Verlag erschienen: Oldib, und nicht Olbid, wie man vielleicht bei einem Verleger namens Oliver Bidlo erwarten könnte. Wenn Sie Literatur über Phantastik und Mittelerde, die Geschichte der Hofnarren oder die Einschreibung des Anderen per Tattoo suchen, sind Sie bei Bidlo richtig. Das Gesamtverzeichnis des Verlages habe ich versucht für mich irgendwie zu systematisieren – das geht aber nicht. Schön, wenn noch so ohne Spezialisierung und Zielgruppen-Marketing Bücher verlegt werden, die scheinbar alle dem Verleger Spaß gemacht haben. Also auch Krimis – und zwar richtig gute von Johanna Huda.

Blick von der Bar Le Tabou auf den Hafen von Mèze. Bild: Huda

Capitaine Joseph Leroux und seine Kollegin Catherine Rozier ermitteln in "Schatten über dem Étang de Thau" zum vierten Mal miteinander; beim ersten Mal war Leroux noch alleine. Die beiden Polizisten verbindet eine Vorliebe zu den Romanen des vor zwei Jahren gestorbenen Andrea Camillieri. Bei aller Liebe zum Commissario Montalbano – da gefallen mir Leroux und Rozier besser! Die Ermittlungen des fünften Bandes lassen Capitaine Joseph Leroux und Lieutenante Catherine Rozier eintauchen in das kriminelle Hafenmilieu von Méze. Ohne zuviel verraten zu wollen: Kaufen und lesen Sie das Buch einfach und das selbst dann, wenn Sie auf der falschen Seite der Rhône Urlaub machen. 

Beim nächsten Mal kommen Sie dann hierher, zum Beispiel auch direkt ins Château Les Sacristains, das von Margarete und Peter Plück geführt wird.

Hier erfand Johanna Huda ihren  Joseph Leroux: www.chateau-les-sacristains.fr bei Montagnac. Bilder: Château

An diesem Ort müssen einem die guten Gedanken nur so zufliegen. Die ersten, noch handschriftlichen Notizen für Band 1 hat Huda hier zu Papier gebracht und dann auch "den letzten Schliff" von Band 6 - per PC allerdings.

P.S. Zwei Dinge, die das Lektorat leicht abstellen kann, haben mir weniger gefallen, weil sie die Lesbarkeit beeinträchtigen: 1. Absätze, die sich über ganze Seiten hinziehen, zum Beispiel auf den Seiten 50, 53, 55 und vielen mehr. Die paar Seiten mehr machen die Produktionskosten und das Buch (14 Euro) nicht teurer. Und selbst für 16 Euro würde nicht ein Exemplar weniger verkauft 2. Einige richtige und wichtige erklärende Passagen zur Austernzucht, die sich aber auch in der wörtlichen Rede so lesen, als seien sie aus dem „Lehrbuch der Austernkunde“ übernommen. Beides ließe sich leicht verbessern und dann wären die Bücher für mich wirklich „rund“.

Sonntag, 30. Mai 2021

Unbedingt lesen! Rademacher's "Schweigendes Les Baux"

Roman um das Bild einer jungen Frau
Allmählich fühle ich mich, dank Cay Rademacher, richtig zuhause rund um den Étang de Berre, in Miramas-le-Vieux und Salon-de-Provence und der Ölmühle von Capitaine Roger Blanc, der ohne seine Fabienne und deren Computer- und Handy-Kenntnisse völlig aufgeschmissen wäre. Der aber auch aufgeschmissen wäre ohne die Rechtsmedizinerin Fontaine, mit der er verbotene Dinge tut, ohne die Untersuchungsrichterin Avelin, der Blanc immer noch etwas nachtrauert, aber nur solange bis er die Koch- und sonstigen Künste seiner Nachbarin Paulette entdeckt. Und dann ist da ja auch noch die Galeristin Valéria Chevilliet, der aber möglichst niemand zu nahekommen sollte. Ein verzwickter Fall, den Kommissar Blanc diesmal zu lösen hat - nicht nur der vielen Frauen wegen.

Cay Rademacher - c buechermenschen.de
Cay Rademacher legt (wieder) einen Kriminalroman vor, der einen nicht loslässt: Viel Spannung und viel südfranzösisches Flair verwoben in eine komplexe Handlung, in der sich auch die Kriminalisten immer wieder verirren. Ein Mann wird ermordet, ein Kunstdetektiv, der zwar auf der Suche nach einem an sich ziemlich unbedeutenden Bild ist, den es tatsächlich aber aus ganz anderen Gründen in die Provence gezogen hat. Eine Woche später irrt die Polizei noch immer ziemlich ahnungslos durch die Gegend. Chefermittler Blanc weiß nicht einmal zu sagen, ob er mit seinen Ermittlungen überhaupt vorangekommen ist. Auf Seite 204 ist Blanc soweit, dass er sich „hoffnungslos in einem Netz aus alten Verbrechen, seltsamen Zufällen und dunklen Familiengeheimnissen“ verstrickt hat. Gut zweihundert Seiten ist natürlich alles aufgeklärt und es bleibt Zeit für Paulette. Bis dahin müssen aber noch viele Züge auf einem komplizierten Spielfeld gemacht werden und nur langsam gelingt es Blanc, die ein oder andere Figur aus dem Spiel zu nehmen.

Rademacher baut auch Persönliches in die Geschichte ein, sein Interesse etwa an den Bildern der früh gestorbenen Malerin Adry Novoli - tatsächlich einer ehemaligen Nachbarin. Einige Bilder der Autodidaktin hat er bereits erworben und gesteht in seinem Blog: Am liebsten würde ich sie alle kaufen. https://provencebriefe.blogspot.com/2018/03/mankann-nicht-sagen-dass-sich-in-der.html Ein abgeschlossener Roman wäre doch immer wieder ein guter Zeitpunkt für eine neues Bild – oder? Dann könnte sich Rademacher jetzt das achte Bild gönnen, die er aber vielleicht auch schon längst hat. Im Internet kann man die Bilder übrigens ausgesprochen preiswert erwerben; meist kosten sie da - oder auch bei den Hôtels des Ventes - nur zwischen 80 und 350 Euro. 

Signatur meist auch auf der Rückseite

Adry Novoli's Atelier, das heute von ihrem Mann Henri betreut wird, sieht aus, als habe sie nur mal eben ihren farbverklecksten Maltisch verlassen und sei hinunter in den Garten gegangen. Ganz genau wie Werner Lichtner-Aix in seinem Musée-Atelier in Sérignan-du-Comtat; siehe auch: http://lustaufprovence.blogspot.com/2018/11/werner-lichtner-aix-auf-der-suche-nach.html Nur wäre der nicht in den Garten gegangen, sondern in die Bar.

Les Baux und die Carrières de Lumières mit ihren beeindruckenden Motiven - von denen sicher eines statt der

 

beliebigen Mandelbäume auf den Titel gehört hätte - bilden die provenzalische Kulisse für diesen Roman. Insbesondere die „Steinbrüche des Lichts“, die man wegen der beeindruckenden Gemälde-Installationen unbedingt besuchen sollte. Multimedial werden die Meisterwerke von Cézannes, Klimt oder van Gogh auf die 14 m hohen Wände und Säulen,  aber auch den Boden des Steinbruchs projiziert und mit Musikuntermalung zum Leben erweckt. Und, um zurück zur Überschrift zu kommen: Unbedingt lesen! Und für 16 € naürlich in der Buchhandlung kaufen.

 

Freitag, 21. Mai 2021

1397 Seiten Frankreich-Krimis

1.397 Seiten verteilt auf vier Kriminalromane habe ich in der vergangenen Woche gelesen. Darunter waren 858 Seiten mit großem Krimi-Genuß, 280 Seiten, die zwar nicht nach Südfrankreich gehören, mir aber gut gefallen haben und ein Buch, das mir etwas zu wenig französisches Flair hat. Als ordentlicher Kriminalist könnten Sie bereits jetzt die Rückschlüsse auf meine, natürlich sehr subjektive Hitparade ziehen, wenn Sie 351 Seiten von Liliane Fontaine, 280 Seiten von Gabriela Kasperski, 507 Seiten von Remy Eyssen und 259 Seiten von Jules Besson berücksichtigen.

Die Cover-Designs wie aus einer Hand: Frankreich-Krimis haben irgendwie blau zu sein. Blau symbolisiert Wasser und Horizont, Tiefe und Weite. Die bei Frauen und Männern weltweit beliebteste Farbe soll, so sagen die Farbpsychologen, für Zuverlässigkeit und Empathie stehen. Doch Covermacher können doch auch so kreativ sein wie Chipp Kidd oder Maurizio Ceccato (siehe www.ifixweb.it/design/ ) und  trotzdem die Wiedererkennbarkeit einer Reihe garantieren. Oder wieviel Freiheit ist da noch?
  

Jules Besson‘s Hausboot-Kommissar Keller und seine Morde im Burgund (Piper 15 €)

Lässt in Franken und Frankreich ermitteln...

Jan Beinßen, Jahrgang 1965, weiß als ehemaliger Redakteur der „Deister- und Weserzeitung“ und der „Abendzeitung“ wie man schreibt und kann als Tageszeitungsjournalist auch schnell schreiben. Inzwischen ist er im Hauptberuf stellvertretender Pressesprecher des Nürnberger Flughafen, den es 2020 coronabedingt arg gebeutelt hat. Die Fluggastzahlen sind um 75 Prozent auf den Stand von 1985 gesunken. Beinßen schreibt eine erfolgreiche Frankenkrimireihe mit dem Hobbydetektiv Paul Flemming, und als Jean Jacques Laurent eine Reihe über „Elsässer Erbschaften“. Fast vierzig Buchtitel sind auf seiner Homepage verzeichnet. 

Und daneben schickt er als Jules Besson noch einen pensionierten deutschen Kommissar per Hausboot von Carcassonne nach Dijon. Das Buch ist, für mich jedenfalls, etwas zu wenig "französisch", auch wenn immer wieder einmal eine regionale Spezialität auf dem Markt eingekauft wird. Statt in Frankreich könnte die Geschichte auch in Franken spielen, trotz des Mordes an der Erbin einer Senf-Dynastie aus Dijon. Der Krimi mit seinem nicht ganz unerwarteten Mörder ist eine leichte Urlaubslektüre. An die sympathische Ausstrahlung des Autorenfotos mit seinem Savoir-Vivre reicht er allerdings nicht ganz heran. Interessant zu wissen wäre, wo die Begleiter der Dame im Hintergrund abgeblieben sind. Oder ist sie schon - ganz allein? -beim dritten Glas Rotwein?

Liliane Fontaine’s Untersuchungsrichterin Mathilde de Boncourt und ihr Ritual des Todes (Piper 10 €)

Läßt und in den Midi eintauchen

Wie man elegant und intelligent in die Atmosphäre des Midi eintaucht, zelebriert Liliane Fontaine in ihrem neuen Buch, in dem die Untersuchungsrichterin Mathilde de Boncourt eine Serie von Todesfällen in einer Eliteschule nahe Nîmes aufklärt. Quasi nebenbei gibt es viel Kulturgeschichte nebst einer Einführung in die Courses camarguaises samt Abrivado und Bandido, das französische Eliteschulwesen und über die beiden Damen, die das Benediktinerkloster samt Fort von Villeneuve kauften und darin einen beeindruckenden italienischen Garten anlegten. Von hier hat man einen Panoramablick über das Palais des Papes in Avignon bis hin zum Mont Ventoux und den Dentelles de Montmirail (S. 152). Die Karte auf der Homepage der Autorin lässt Sie bestens eine Rundfahrt zu den Orten des Geschehens planen. Wie sehr Fontaine mit dem Midi verbandelt ist, merkt man alle paar Seiten. Zum Beispiel auch, wenn Martin, der deutsche Freund der Richterin seinen Blog am Vorbild Hilke Maunder ( https://meinfrankreich.com/ ) orientiert. So gut zu werden, wird er allerdings nicht schaffen. Ein Krimi zum Kaufen, Lesen und Nichtwiederaufhören. 

Liliane Skalecki lebt immer wieder längere Zeitnördlich von Nîmes am Fuß der Cevennen und schreibt unter ihrem Geburtsnamen Liliane Fontaine ihre Südfrankreich Krimis. Den Hauptwohnsitz hat sie in Bremen, von wo aus sie unter dem Pseudonym Lili Andersen eine Sterne-Köchin im Krabben-Milieu ermitteln lässt. Was sich mir nicht erschließt: Warum der 100 Seiten kürzere Roman von Besson bei fast gleicher Ausstattung um 50 Prozent teurer ist, als der ebenso bei Piper erschienene von Fontaine? Die Klappenbroschur erklärt das nur zum geringsten Teil.

Remy Eyssen‘s Rechtsmediziner Leon Ritter und sein verhängnisvolles Lavandou (Ullstein 11 €)

Fast selbst ein Rechtsmediziner

Auch Remy Eyssen lebt den Süden. Sylvia Lukassen hat für ihrem Blog „Das ewige Blau“ ein informatives Gespräch mit Eyssen geführt ( https://das-ewige-blau.de/mit-remy-eyssen-in-die-dunkle-provence/ ) :„Jede Flasche Wein, die ich erwähne, gibt es da auch irgendwo“.

Auch die Wahl der Locations ist kein Zufall, sie sind wiederzuerkennen, denn Eyssen selbst hatte das Gück, in Lavandou ein kleines Haus zu erben. Und sein Protagonisten-Paar, den Rechtsmediziner Ritter und die Kriminalbeamtin Morell, hat Eyssen sich in München kopiert, wo ein Leiter der Mordkommission eine Rechtsmedizinerin geheiratet hatte. Man könnte auf den Gedanken kommen, Eyssen sei selbst Rechtsmediziner mit immenser Obduktionserfahrung – so exakt beschreibt er das was sich im Keller der Klinik von Saint Sulpice am Rand von Hyères abspielt. Wenn Sie erst mal drei Bücher von Eyssen gelesen haben, könnten Sie Ritter jederzeit vertreten. Denn bis dahin sind Sie hart genug im Nehmen, auch für diesen Band, der mit einer angespülten Leiche eines Jungen beginnt, grausam misshandelt, in einem Mädchenkleid missbraucht und einem Müllsack entsorgt. Da liegt der Gedanke an das katholische Internat den Ermittlern nahe. Wieder ein in sich stimmiger Kriminalroman, der uns Isabelle Morell, deren Teenager-Tochter und Leon Ritter auch menschlich näherbringt. Dass das Cover den Hafen von Sanary zeigt, statt den von Lavandou, ist zu verschmerzen; da wird es niemanden geben, der das Buch deswegen kauft oder nicht kauft. Reizvoller ist Sanary eh.

Gabriela Kasperski’s Buchhändlerin Tereza Berger und die
bretonische Aussicht (Emons 13 €)

Dieser zweite Roman, in dem sich die Buchhändlerin Tereza Berger auf Verbrecherjagd begibt, hat mir deutlich besser gefallen als sein Vorgänger ( http://lustaufprovence.blogspot.com/2020/08/kasperskis-frauen-von-camaret.html ), denn dieses Mal stehen die Verbrechen und deren Aufklärung weit mehr im Mittelpunkt.  

Spannend und mit vielen Facetten

Es wird spannend, auch weil der Bogen von der Landung der Alliierten über die Resistance bis zur Force de Frappe gezogen wird und sogar die Protagonistin selbst als Köchin einer verdorbenen Fischsuppe in Verdacht gerät. Das Buch erfordert konzentriertes Lesen: Fast zu viele Handlungsstränge und Personen, um den leichten Überblick zu behalten. Aus den vielen Ideen hätte Kasperski statt einem leicht zwei gute Romane machen können. Bevor er anfing einen seiner Maigrets zu schreiben, hat Georges Simenon auf einem halben Blatt Papier alle Personen mit ihren Charaktereigenschaften und deren Beziehungen untereinander und dann noch die wichtigsten Locations skizziert. Wo Simenon mit A5 ausgekommen ist, würde Kasperski wahrscheinlich A3 nicht genügen.

Einige inhaltliche Unstimmigkeiten hätte das Lektorat, gibt es sowas heute überhaupt noch (?), ausmerzen müssen. Erstens ist in Deutschland wie in Frankreich ein Kriminalist kein Kriminologe oder umgekehrt. In der Schweiz ist die Abgrenzung weniger ausgeprägt ; der Studiengang Kriminalwissenschaften (Sciences Criminelles), den es nur an der Universität Lausanne gibt, ist ein gutes Beispiel dafür. Zweitens sollte, wenn eine Crémant-Flasche auf Seite 217 geöffnet wird, auf Seite 218 kein Champagner versickern. So etwas wäre, gerade in Frankreich, niemandem egal! Sorry für diese Krittelei.

Insgesamt aber eine wunderbare Strandlektüre, die man durchaus nicht nur in der Bretagne lesen sollte, sondern auch im Languedoc oder an Deck eines Hausbootes in Burgund - soweit man da nicht von den vielen Schleusen viel zu oft unterbrochen wird.

 

 

 

 

 

Freitag, 14. Mai 2021

Eine Pestmauer quer durch die Provence

Den Spuren des Pestarztes folgen
Zwei Meter hoch und 27 km lang

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Sanitätsrat von Marseille entschloss sich zur Einführung eines dreistufigen Quarantänesystems. Nein, nicht 2021, sondern vor dreihundert Jahren. Dieses System fand bei den im Hafen einlaufenden Schiffen Anwendung. Selbst wenn es bei der Besatzung keine Anzeichen einer Erkrankung gab, wurden die Schiffe in eine mindestens 18tägige Quarantäne geschickt, durften aber an den vorgelagerten Inseln festmachen. Die Besatzungen wurden Lazarette ausserhalb der Stadt gebaut, wo sie sich in gut gelüfteten Räumen aufhalten mussten.

Trotzdem war 1720 die Pest nach Marseille gekommen und breitete sich auch in weiten Teilen der Provence aus. Sie dezimierte die provenzalische Bevölkerung - ebenso die der Stadt Marseille - um die Hälfte und verbreitete sich weiter über Europa. 

50.000 Menschen starben in Marseille an der Pest - die Hälfte der Bevölkerung. Bild von Michel Serre

Das Vaucluse, damals mehrheitlich päpstliches Territorium, ließ sofort eine Trockensteinmauer von 27 Kilometern Länge und zwei Metern Höhe um das damalige „Comtat Venaissin“ bauen, um sich vor der Seuche zu schützen und die Mobilität einzuschränken. Versehen mit Wachposten schlängelte sich diese alle andere als unüberwindliche Steinmauer über die Mont de Vaucluse von Cabrières d’Avignon via Lagnes bis nach Beaucet. Die Reste dieses Kulturerbes kann man heute auf einem Wanderweg mit Start in Lagnes auf etwa neun Kilometern, in rund dreieinhalb Stunden entdecken. Ergänzend zur Wanderung empfiehlt sich die Ausstellung „La Peste – 1720“ im „Hôtel Agar“ in Cavaillon, die von Juni bis September 2021 läuft. An die tausend Manuskripte wie Briefe, Ex-Votos und andere Zeugnisse dokumentieren die Zeit nach der Pandemie von 1721-1723.

Die Ausstellung ist dienstags bis samstags geöffnet. Es gibt nur geführte Besichtigungen auf Reservierung, zu denen Sie sich unter 0033 6 2417 2013 zum Preis von 10 Euro pro Person anmelden können.




Freitag, 7. Mai 2021

Anduze: Mitarbeiten im Kloster von Cabanoule

Einsam in den Cevennen. Alle Bilder Monastère Dieu-Paix
"Cabanoule?" sagt das Navi: Das hätte es noch nie gehört. Auch ein Monastère Dieu-Paix nicht. Und doch gibt es das Kloster 4 oder 5 Kilometer von Anduze entfernt in einem kleinen Nebental auf der rechten Seite des Gardon. Wenn Sie tatsächlich hin wollen, werden Sie es schon finden, zum Beispiel über die Anfahrtsskizze der Homepage oder einfach mitten in der Kurve vor der Töpferei "Les Enfants de Boisset" links den Berg hochfahren. 

Ehemals ein Zisterzienserkloster wird es heute von zwölf Schwestern, Trappistinnen, und einem Bruder bewohnt. Genau so viele waren es 1970, bei der Gründung der Gemeinschaft - eine heilige Zahl, die nie unterschritten wurde. Die Klostergemeinschaft kaufte damals einen aufgegebenen Bergbauernhof und hat ihn selbst hergerichtet und später die Kirche erbaut.

Ehemals ein Bauernhof mit der für die Cevennen typischen Terrassierung
Neben den sozialen Engagements arbeiten die Bewohner in den klostereigenen Werkstätten, produzieren Lavendelessenz, ein riesiges Feld befindet sich hinter der erst 1998 eingeweihten und ganz schlicht ausgestatteten Kirche , oder sie rollen Kerzen - Zigarren sagen die Schwestern dazu - aus Bienenwaben oder
produzieren eine sehr kalorienhaltige Süßigkeit: die Rocamandines, kleine Marzipankugeln, die mit schwarzer oder weißer Schokolade ummantelt sind.

Im Laden erklärt Schwester Marie Christine, dass man mit dem trappistischen Schweigegebot nicht so genau nehme: "Man soll nichts
Soeur Marie Christine
übertreiben. Schließlich leben wir im 21. Jahrhundert." Sie und ihre Mitschwestern sind tatsächlich kommunikativ und aufgeschlossen - das zeigen auch die Portraits auf der Homepage. Die Preise im Klosterladen sind nicht immer nach zu vollziehen. Mal die 40 Centimes für einen Ring mit christlichen Symbolen, vergoldet 50 Centimes, mal die 14 Euro für ein kleines Glas Honig. Mit Klöstern in Frankreich, Spanien und Griechenland tauscht man die Produkte und verkauft gegenseitig - ein funktionierendes System. Die Ikonen aus dem griechischen Partnerkloster sind mit "handwerklich und handgearbeitet" gekennzeichnet. Das seinen sie auch "irgendwie", sagte Schwester Marie Christine, aber "ich glaube nicht, dass sie handgemalt sind, vielleicht handverpackt". Sonst müssten sie ja auch viel teurer sein als 50 oder 80 Euro. "Da fehlt dann eine Null oder zwei."


Ostereinkauf im Kloster
Das Kloster bietet auf Voranmeldung einige Zimmer an, für alle, die die absolute Ruhe suchen. Aber auch für die, die im Kloster mitarbeiten wollen: "Sei es ein Tag, eine Woche, ein Monat." Dieser freiwillige Dienst wird von vielen wahr genommen - auch wegen der drei Mahlzeiten am Tag und der ebenso phantasievollen wie gesunden Klosterküche. Einen kleinen Weinvorrat sollten sie aber auf dem Zimmer haben.

Freitag, 2. April 2021

Absinth und Pastis: Angebetet und verdammt

 

Van Gogh: Dreifaches
Selbstportrait
Bild Wenisch 
Die Maler tranken und malten ihn, wie van Gogh (Bild oben)und Gauguin, die Schriftsteller tranken und beschrieben ihn und setzen ihn auch schon mal ein, wenn ihnen die Phantasie ausging oder kämpften mit ihm gegen Schreibblockaden an wie Oscar Wilde oder Charles Baudelaire, der formulierte:
"Die toten Wörter stehen auf und sind aus Stein und Bein."
Mediziner und Kirchenmänner verteufelten ihn aus jeweils ihrer berufsspezifischen Sicht. Der Absinth könne, weil er das Nervengift Thujon enthalte, Epilepsie hervorrufen und zu Erblindungen führen, vom Messebesuch abhalten und dem Glauben schaden.

Diese Verdammungen änderte sich auch nicht, als statt des Absinth längst der Pastis zum Lieblings-Apéro in Südfrankreich geworden war. Denn damit werde statt des „Vater unser“ nun ein „Notre Ricard“ gebetet.


Ricard unser,
der du bist schön kalt,
geheiligt werde deine Flasche,
dein Wille geschehe,
auf der Terrasse wie am Tresen.
Unser tägliches Glas gib uns heute,
und vergib uns unsere griesgrämigen Gesichter,
wie auch wir vergeben
den Casa*-Trinkern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Durst.

* Casanis eine preiswertere,aber gar nicht schlechte Pastis-Marke, für Ricard-Gläubige die teuflischste Versuchung, der man allerdings nicht erliegt – niemals.

Im Frühjahr 1915 wurde der Absinth verboten, was findige Brenner aus der Provence noch im gleichen Jahr durch den sogenannten „Pastiche“ ersetzten, was nichts anderes als "Nachahmung" heißt. Fenchel, Anis und Süßholz sind immer enthalten, die weitere Kräutermischung ist wohlgehütetes Geheimnis der unterschiedlichen Produzenten.

Die medizinischen Vorbehalte bestehen allerdings nicht mehr, seit ein Karlsruher Forscherteam im Journal of Agricultural an Food Chemistry allein den hohen Alkoholgehalt des Absinth von 70 und mehr Prozent für Gesundheitsschäden verantwortlich machte. Und es waren nicht immer die edelsten Stoffe, aus den das Getränk hergestellt wurde, wenn etwa Brennspiritus mit irgendwelchen Pflanzenextrakten und viel Zucker zusammengepascht wurde. In Frankreich wurde die Alkoholobergrenze für den Pastis im Jahr 1938 auf 45 Prozent festgelegt.

Wenn Sie am Nebentisch hören, wie jemand einen Mauresque, einen Perroquet oder einen Tomate bestellt, dann ist das weißer mit Mandelsirop, ein grüner mit Minz- oder roter mit Grenadinesirop gemischter Pastis.

Wenn ein ganz normaler Pastis sich beim Mischen mit Wasser milchig verfärbt - der sogenannte Louche-Effekt - ist dies übrigens Physik und nicht Chemie. Da, wo Wasser und Pastis zusammentreffen wird das Licht anders gestreut und macht das Getränk undurchsichtig.
  

Freitag, 26. März 2021

Hemingway hungerte, Cézanne nicht

Mindestens Äpfel gab es in Cézannes Atelier immer... auch wenn er
manchmal so langsam malte, daß die verfaulten.
  
 
Hemingways Traum

Ernest Hemingway liebte die Bilder von Paul Cézanne und machte sich machmal auch recht ungewöhnliche Gedanken dazu. So zum Beispiel mit der Frage: Hat Cézanne beim Malen gehungert? Wohl kaum, um die Frage gleich zu beantworten. 

Im Gegensatz zu Ernest Hemingway in seiner Pariser Zeit, der dann lange Spaziergänge durch die Stadt machte, bei denen die Auslagen der Bäcker und die Gerüche aus den Restaurants seinen Magen nur noch mehr knurren ließen. Um Geld zu sparen erklärte er seiner Frau, er werde mit seinem Verleger zum Essen gehen und spazierte dann durch den Jardin de Luxembourg, weil

„man auf dem ganzen Weg von der Place de l'Observatoire bis zur Rue Vaugirard nichts Essbares sah und roch“. 
Und wenn dann noch Zeit war, sah er sich die Gemälde Cézannes nebenan im Museum an.
„Wenn ich hungrig war, lernte ich Cézanne erst richtig verstehen und wahrhaft sehen, wie er seine Landschaften machte. Ich fragte mich oft, ob er beim Malen auch hungrig gewesen war, aber ich dachte, vielleicht war er es nur, weil er das Essen vergessen hatte."

Die Frau des Kunstsammlers Osthaus machte dieses,
es ist das letzte, Foto von Cézanne.
Rechts Eva-Maria Höllerer, die Kuratorin aus Karlsruhe.
Fast jeden Tag stand er vor den Bildern Cézannes, die ihm auch helfen sollten, ausdrucksstärker zu schreiben.

„Von der Malerei von Cezanne lernte ich, daß das Schreiben einfacher, wahrer Sätze bei weitem nicht genügte, um den Stories die Dimensionen zu geben, die ich ihnen zu geben suchte. Ich lernte sehr viel von ihm, aber ich war nicht sprachgewandt genug, um es jemandem zu erklären.“