Freitag, 15. Januar 2021

Die Provence im Februar 1956: Über ein Meter Schnee und minus 35 Grad

Platanenallee an der Côte d'Azur

Das einzig Gute an diesem Winter 1956, erinnert sich unser Nachbar René, sei es gewesen, daß die Wintergemüse nicht verfault seien, nachdem man sie im Dezember oder Januar aus dem Potager geholt habe. Kein Wunder, daß dieser Februar 1956 sich im Gedächtnis festgebrannt hat: Rund 90 Prozent der Olivenbäume waren so erfroren, daß man sie später im Jahr nur noch herausreißen konnte. Einige wenige haben in windgeschützten Ecken überlebt.

Der Januar war ungewöhnlich mild gewesen, dann am 2. Februar fiel die Temperatur innerhalb weniger Stunden von plus 15 auf minus 10 Grad. Zwei Tage später war der Midi unter einer dicken Schneedecke von teilweise 80 Zentimetern und die Temperaturen sanken weiter, erst auf minus18, dann auf minus 25 Grad. In einzelnen Gegenden der Hochprovence und der Cevennen sei das Thermometer nachts auf minus 35 Grad gefallen.

Nun werden ja in der Erinnerung, zumal der Südfranzosen, die Dinge immer etwas anders und vielleicht auch ins Unglaubhafte gesteigert. Wir denken nur an die Sardine, die die Hafeneinfahrt von Marseille versperrte oder die Abenteuer des Tartarin von Tarascon. Aber extrem kalt war es sicher. Als ich René frage, was ihm am stärksten im Gedächtnis geblieben sei, von diesem Winter, zögert er nicht: „Wir hatten etwa fünfzehn Hühner und zwei Hähne. Eines nachts war so kalt, daß dem einen Hahn der Kamm abgefroren ist, einfach runtergefallen ist der.“ Und sein Vater wollte ihm den Kamm als besondere Delikatesse zu essen geben. „Den kannst Du auch roh essen.“

Soweit die Füße tragen, diesmal aber nicht in der Sowjetunion, sondern der Provence.

Noch glaubwürdiger ist es, daß in den Häusern über Wochen kein fließendes Wasser gab, kein Wunder bei Tageshöchst-temperaturen von minus 10 Grad. Die Schulen waren zu. Die Bäcker konnten aus ihrem tiefgefrorenen Mehl keine Baguettes backen. Wer sich nicht selbst verpflegen konnte, geriet in Schwierigkeiten und war auf die Hilfe der Nachbarn angewiesen. Zentralheizungen waren damals auf dem Land ohnehin die Ausnahme, also blieben die Holzöfen als einzige Wärmequelle. Nicht nur die Hühner wurden ins Haus gelassen, auch die Katzen, Hunde und Kaninchen. Wer sich mit Rüben, Spinat oder dem tiefgefrorenen Lauch zu helfen wußte, hatte es gut.

Der Gemeinderat, der am 26. Februar in öffentlicher Sitzung unter Bürgermeister Rousset tagte, forderte, daß die Landwirte von der Steuer des Jahres befreit werden sollten und daß die Zinsen für die Darlehen, die der Crédit Agricole diesen Katastrophenopfern gewährt hatte, vom Staat bezahlt werden sollten.

Die Bilder im Beitrag stammen von Louis Lauvergnat und La Provence d’antan.Jacques Barbieaux hat einen lesenswerten Roman über diesen Winter geschrieben.






 

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