Freitag, 13. Mai 2022

Werner Lichtner-Aix: Auf der Suche nach dem idealen Licht




Werner Lichtner-Aix in seinem Atelier des idealen, "sensationslosen" Lichts
Wenn Sie von Orange aus nach Sérignan-du-Comtat, fahren Sie rechts am Harmas von Jean-Henri Fabre vorbei, ein paar hundert Meter weiter sehen Sie das Hinweisschild auf das Atelier-Musée von Werner Lichtner-Aix. Das ist aber auch schon alles, was den Besucher auf dieses sehenswerte Museum hinweist. Geöffnet derzeit nur nach Voranmeldung; siehe Homepage.

Auf Nachfrage im Rathaus erklärt ein geschäftiger Herr wortgewaltig und gestenreich den Weg. Ich habe mich gerade auf einen längeren Spaziergang eingerichtet, da stehe ich auch schon vor dem Eingang. Es ist das sorgfältig restaurierte Haus auf der Rückseite des Rathauses. Eine ältere Dame sucht mit jedem der wenigen Besucher das Gespräch. Ob mir der Bürgermeister den Weg auch so kompliziert beschrieben habe?



Lichtner-Aix sah 1961 die Fauves in Paris und begeisterte sich an Rottmann, C.D.Friedrich, 
Purrmann, Turner oder Claude Lorrain.  © aller Bilder in diesem Beitrag bei Monique Lichtner-Lubcke.
Im übrigen aber hielt sie sehr viel von ihrem alten Bürgermeister. Er sei es immerhin gewesen, der Werner Lichtner-Aix nach Sérignan geholt habe. „Damals“, das war Ende der sechziger Jahre, „ hat Monsieur le Maire dem Werner die Ruine des Château zum symbolischen Preis von einem Franc überlassen.“ Zur Auflage sei allerdings gemacht worden, daß das Gemäuer innerhalb von zwei Jahren renoviert werde. Heute ist der Ortskern weitgehend in einem ordentlichen baulichen Zustand.

Die Dame im Musée-Atelier spricht den Namen des Malers mit deutscher Betonung aus. Ehe ich danach fragen kann, erzählte sie, daß sie kurz nach Kriegsende in Deutschland ihren Mann kennengelernt hat. Er war Offizier der französischen Besatzungskräfte. Lange vor Werner seien sie nach Sérignan gekommen; beide sind inzwischen gestorben. 


Monique's Kochbücher haben viel für Werner's Popularität getan.
Sie wundere sich immer, wie viele, gerade der deutschen Besucherinnen, den Namen von Monique Lichtner kennen. Und die wiederum wundern sich dann, daß deren Mann einer der bekanntesten zeitgenössischen Landschaftmaler in Frankreich war. Des Rätsels Lösung: Zwei Kochbücher, die Monique Lichtner für den Weingarten Verlag geschrieben hat und die ihr Mann mit Aquarellen aus provenzalischen Küchen, Kräutergärten und Weinbergen illustriert hat. Ansonsten sind es, neben Landschaften in Blau und Ocker, die Plätze und Häuser in den kleinen Dörfern um den Ventoux, die Lichtner-Aix inspirierten: die Bar mit den Plantanen und dem Brunnen, der Markt, das Tabakgeschäft, das Boulespiel der alten Männer.

Beispiele seiner Provence-Bilder aus dem Museum Lichtner-Aix
Das Atelierhaus - der Besuch lohnt sich - baute Lichtner nach seinen Vorstellungen vom idealen Licht. Obwohl Lichtner schon lange tot ist: Wer sein Atelierzimmer im zweiten Stock des Hauses betritt, hat das Gefühl, er habe den Raum nur gerade für ein paar Minuten verlassen.


...das Atelier gerade verlassen
Die Palette liegt noch auf dem einfachen Maltisch, eine Leinwand auf der Staffelei und an der Fensterscheibe hat er die verschiedenen Ockertöne aus seinem Sinai-Projekt, der letzten Bildserie, die er gemalt hat, ausprobiert und gemischt. Man ist versucht nachzusehen, ob er mit einem Glas Wein in der Hand drüben in der Bar du Commerce steht. Die Vergänglichkeit bringt sich schnell in Erinnerung, wenn man im Hof des Ateliers an seiner Urne vorbei geht.
Die Bar du Commerce steht inzwischen zum Verkauf, wie viele andere Häuser auch. Die Polizei ist in das ehemalige Office du Tourisme eingezogen und es gehört schon zu den besonderen Ereignissen in Städtchen, wenn der Polizist den Abfluß des Dorfbrunnens von den Platanenblättern säubert.



Donnerstag, 5. Mai 2022

Trauboths anregendes Gedankenspiel mit und um Saint-Ex

Wenn wir mal Mao- und sonstige Bibeln aller Couleur vergessen, gehört „Der kleine Prinz“ von Saint-Exupéry zu den weltweit drei meistverkauften Büchern und das mit einer Auflage von irgendwo zwischen 150 und 200 Millionen Exemplaren. Hinzu kommen weitere Romane und Geschichten aus dem Fliegermilieu, die Jörg Trauboth am Ende seiner Buches „Bonjour Saint-Ex“ kurz vorstellt.

Nicht ganz leicht war es für Saint-Exupéry gewesen, überhaupt zu den Fliegern zu gelangen, nicht nur, weil seine Eltern und seine künftige Frau wenig von dieser gefährlichen Angelegenheit hielten. Auch sein Kommandant beim Straßburger Fliegergeschwader war wenig begeistert. Wenn es denn unbedingt sein müsse, könne der Soldat zweiter Klasse ja private Flugstunden nehmen – auf eigene Kosten, versteht sich –, und wenn es mit der Lizenz klappe, auch am militärischen Flugtraining teilnehmen. Einen Fluglehrer fand Saint-Exupéry dann ausgerechnet in Robert Aéby, einem ausgemusterten Piloten der deutschen Luftwaffe.

Ob der adelige Saint-Ex nun ein flugvernarrter Literat oder ein literaturvernarrter Flieger war, wird immer wieder diskutiert und auf dem Cover eines Buches von François Suchel gut wiedergegeben. Wir indes können das Saint-Ex heute nicht mehr fragen. Das hätte aber Fabian Braun, der Protagonist der Novelle „Bonjour Saint-Ex!“, durchaus tun können.


Denn als er die letzte Flugroute des Comte Antoine Marie Jean-Baptiste Roger de Saint-Exupéry nachfliegt - was Trauboth tatsächlich getan hat-, begegnet er seinem Idol in der Luft. Die beiden tauschen sich aus, philosophieren miteinander und finden sich sympathisch. Und das, obwohl der Vater von Trauboths ‚Alter ego‘ Fabian Saint-Ex bei dessen letztem Flug abgeschossen haben will; oder vielleicht sogar hat.

Auch andere deutschen Jagdflieger brüsteten sich mit dem Abschuss. Etwa hat Horst Rippert, ZDF-Sportreporter und Bruder des Sängers Ivan Rebroff, das behauptet und hinterher bedauert. Aber dafür fehlen die Beweise, weil sämtliche Unterlagen beim Rückzug der Deutschen aus dem Mittelmeerraum verloren gingen. Fabian Braun ist eine erfundene Figur, aber, so Trauboth: „In dem Dialog mit seinem Vater habe ich auch mein Vaterverhältnis aufgearbeitet. Wie ich auch Exupérys letzten Flug tatsächlich im letzten Jahr nachgeflogen bin.“

Da ist so vieles nicht geklärt und bis heute werden zahlreiche Vermutungen angestellt. Wollte sich Saint-Ex abschießen lassen? Hat er mal wieder einen seiner Pilotenfehler begangen, die ihn schon vorher des Öfteren haben abstürzen lassen? Stimmen die Auslegungen seiner letzten Briefe, in denen viel Todessehnsucht hineininterpretiert worden ist; war es also Selbstmord? 

Einem Freund hatte er in der Nacht davor geschrieben: „Falls ich abgeschossen werden sollte, verschwinde ich, ohne das zu bedauern.“ Sogar der Bild-Zeitung war Saint-Exupéry einen Beitrag wert: „Zerbrach er am wilden Leben?“, fragt das Blatt und zählt die Selbstmord-Indizien auf: „Schwerer Alkoholiker“ und „der Literat litt unter seiner Impotenz“.

Trauboth verlässt sich auf seine jahrzehntelangen Recherchen und spekuliert entsprechend wenig. Etwa finden sich viele wörtliche Zitate aus den Briefen, die Saint-Exupéry während der Flüge an seine Mutter geschrieben hat. Besonders überzeugend gelingen die Passagen des Buches, in denen um das Fliegerische geht. Kein Wunder, denn, so Trauboth: „In diesem Projekt fühlte ich mich von Anfang an zu Hause, weil ich glaube als Pilot mit über 5000 Stunden Flugerfahrung und als Schriftsteller gute Voraussetzungen für diese Novelle zu haben.“

„Geradeaus kann man nicht sehr weit kommen“ heißt es im „kleinen Prinzen“. Andererseits in der Luft schon. Trauboth hat ein anregendes Gedankenspiel geschrieben, das mit Fakten und Fiktion jongliert, eines, das viele Fragen beantwortet und zum Glück manche offenlässt.
 

Jörg H. Trauboth: Bonjour, Saint-Ex! Ratio-Verlag, Lohmar, 2022, 17 Euro

Wer kennt sein Buch besser als der Autor selbst? Deshalb hier noch der Hinweis auf empfehlenswerte knappe 2 Minuten, die Trauboth auf Youtube eingestellt hat .

 



Freitag, 22. April 2022

Fünfhundert Jahre Protestantismus auf 30 Metern Holz

In Saint-Chaptes, irgendwo im Dreieck zwischen Nimes, Uzès und Ales ist Jean-Pierre Thein gestrandet – nach langer Suche hat er im Mas de Luc nun genug Platz für sein Atelier. Und den braucht er auch, wenn man alleine an sein insgesamt 30 Meter langes Basrelief zur Geschichte des Protestantismus denkt. 

Auf den 50 Tafeln sind fast zweihundert Personen zu sehen. Das Holz dafür, Bubinga, stammt aus Westafrika. Sieben Monate hat er daran gearbeitet und die Geschichte der Reformation geschnitzt, natürlich mit einem Schwerpunkt auf den Süden Frankreichs. 

Ausgehend von Luthers Thesen und der Erfindung der Druckkunst durch Johannes Gutenberg, der die rasante Ausbreitung des neuen Glaubens erst möglich gemacht hatte, macht Thein mit uns einen Streifzug vom Edikt von Nantes und dessen Widerruf über die Gefangenen im Tour de Constance in Aigues-Mortes (oben links) bis zu den französischen Exilanten, die vor allem auch in Preußen und der Schweiz ein gastfreundliches Exil fanden. Und natürlich die Dragonaden, die zwangsweise Einquartierung der katholischen Soldaten Ludwigs XIV. in den protestantischen Häusern der Cevennen. Jedes eroberte Dorf erhielt den dann den Namen des Tagesheiligen als zusätzlichen Namensbestandteil. So wurde aus Cazevielle dann Saint-Maurice-de-Cazevielle oder aus Gauzignan dann Saint-Césaire-de-Gauzignan.

Das Relief ist auf einer Wanderausstellung durch den protestantischen Süden Frankreichs zu sehen. Informationen beim Künstler und auf seiner Homepage: www.jeanpierrethein.fr .

Thein arbeitet aber nicht nur als Holzschnitzer, sondern auch als Sklupteur und Maler. Im Bild die etwa 150 Zentimeter hohen Figuren aus der Serie Ängste, die er aus Schwemmholz und Steinen aus den berühmten Weinbergen von Tavel hergestellt hat.



 

Mittwoch, 20. April 2022

Tod eines jungen Razeteurs

Fast zwanzig Jahre konnten die Courses camarguaises ohne tödliche Unfälle abgehalten werden. Jetzt hat es innerhalb kurzer Zeit zwei junge Männer gegeben, die ihren gefährlichen Sport mit dem Leben bezahlten, zuletzt Enzo Robert, der aus unserem Nachbardorf stammte. Er wurde noch vor Ort in Les-Saintes-Maries über einen längeren Zeitraum behandelt, dann nach MArseille geflogen, wo er nachts im Krankenhaus starb.HIER die Bilder von seiner Trauerfeier.


Enzo Robert starb mit 20 Jahren. Bild Cyril Daniel

Für die Stiere ist, selbst bei den kleinen Festen, der Tierarzt da, wie in Saint Chaptes vor zwei Jahren, als der Kampf unterbrochen wurde, als sich der Stier einen kleinen Riß unter dem Auge zuzog. Züchter und Tierarzt sahen sich die Wunde sorgfältig an und konnten dann die Raseteurs und die Zuschauer beruhigen. Raynausie von der Manade Chabalier durfte weitermachen und erwischte kurz darauf einen Raseteur mit seinem rechten Horn am Oberschenkel. Das schien nun weniger wichtig zu sein, unterbrochen wurde nicht und der Verletzte mußte bis zur Pause warten, bis der Tierarzt ihn schnell zum Menschendoktor fuhr. 

An leichtere Verletzungen haben sich Raseteure und Zuschauer gewohnt, das ist beim Fußball nicht anders als bei den Courses. Das umfängliche Regelwerk der Stierspiele dient vor allem dem Schutz der Tiere, so die maximal fünfzehn Minuten, die der Stier in der Arena verbringen darf. Die Raseteurs haben Einsätze von sechsmal 15 Minuten. Der Stier entscheidet, ob er rennt, angreift oder einfach eine Viertelstunde im Schatten verbringt, dies höchstens mit dem Risiko ausgepfiffen zu werden. Die Razeteure sind in der Trophée des AS sind Berufssportler und kennen das Risiko.

Alte und junge Spezialisten kommentieren und bewerten. Für Enzo Robert konnten sie nur noch beten - und das vergeblich.


Donnerstag, 14. April 2022

Cevennen-Whiskey: Wie anders als Camisard

Whiskey à la Midi: Camisard

Natürlich ist es überschaubar einfallsreich, wenn auch durchaus verständlich, einen Whiskey aus den Cevennen, den ersten bisher, „Camisard“ zu nennen. Antoine Restencourt hat seine Distillerie in Les-Salles-du Gardon und gerade erst mit dem Verkauf des ersten Produkts begonnen, einem „Single-Malt-Finish“. Was heisst das? Der Whiskey kommt ausschließlich aus einer Distillerie, ist also „Single“. Das Getreide des Camisard ist zu einhundert Prozent gemälzte Gerste und der Whisky musste danach noch mindestens drei Jahre im Fass reifen. Und da es zwei unterschiedliche Fasstypen sind, ist er auch gefinished, im konkreten Fall erst in normannischen Eichenfässern und dann in cevenolischen Kastanienfässer gereift. Auch das Regenwasser für die Produktion lagert die Brennerei in Fässern.

500 Flaschen zu 65 Euro hat er bisher immerhin verkaufen können, davon 300 im Weihnachtsgeschäft. Seine nächsten Whiskeys sind für das Jahr 2025 angekündigt, darunter der Camisard-Shaman, ein geräucherter Single Malt. Schon das zeigt, dass hier ein engagierter Kleinunternehmer zugange ist. Restencourt ist ehemaliger Marketing-Mann aus der Normandie, der jetzt, mit 50 Jahren, etwas komplett anderes machen wollte. Bisher hat er den Vertrieb über die kleinen Geschäfte in der Region organisiert; siehe Karte. Von daher ist es etwas schwierig diesen Whiskey zu kaufen, wenn man nicht gerade im Webshop auf www.distilleriedescamisards.fr kaufen möchte. Am besten fährt man samstags nachmittags einfach vorbei und probiert vor Ort ; eine Anmeldung wäre schön: 095 47 68 91. 

Geschmack ist wie immer Geschmachssache: Haselnuss- und Kaffeenoten sind zu schmecken und auch das Kastanienholz im Abgang.



Überschaubar viele Vertriebsstellen selbst im Gard




Dienstag, 8. März 2022

Ironie und Boshaftigkeit: Deutsch-französische Begegnungen

Rainer Ehrt und ich haben ein Buch über deutsch-französische Begegnungen gemacht, echte und erfundene.

Über Ehrts Zeichnung der Exilschriftsteller in „Café des Exilés“ haben wir uns kennengelernt. Das Bild fand Eingang in mein jüngstes Buch, den Reiseverführer „Durch den Süden Frankreichs“ mit den Schwerpunkten Literatur, Kunst und Kulinarik. „Vielleicht die fundierteste Darstellung zu diesem Thema, ganz gewiss ist es die am besten geschriebene“, urteilte die FAZ.

Ehrt studierte an der hochgelobten Hochschule für Kunst und Design Halle/Burg Giebichenstein und bezeichnet sich selbst ironisch als “Fossil der grafischen Kunst”. Mit präzisem Strich, lustvoll fabulierend und mit vielen Anspielungen legt er seine Zeichnungen an; die wurden in namhaften Medien publiziert, von der FAZ über die TIMES bis zu ZEIT und GEO, und in zahlreichen Ausstellungen weltweit gezeigt.

Im Buch begegnen sich Henri IV. und Heinrich Mann, der vor den Nationalsozialisten über Kehl ins Exil nach Frankreich floh und in Nizza zwei Romane über seinen Lieblingskönig schrieb. Oder Napoleon und Goethe: Dafür, dass er bereits 60 Jahre alt sei, habe er sich „ganz gut erhalten“, sagte der damalige Kurzzeit-Herrscher über fast ganz Europa zum Langzeit- Dichterfürsten.

Es begegnen sich weiter Brecht und Villon. Einige der genial-frechen Verse und Ideen François Villons wurden von Brecht einfach kopiert. Ohne Villon hätte es die Dreigroschenoper so nicht gegeben.

Zeichnungen und Texte ergänzen sich, weil Ehrt so zeichnet wie ich schreibe oder umgekehrt. Kein deutscher Zeichner ist denkbar ohne grandiose französische Vorbilder wie Honoré Daumier und Jean- Dominique Ingres, dem grandiosen Porträtisten einer ganzen Epoche, der es auf den Punkt brachte: "Die Zeichnung ist die Ehrlichkeit in der Kunst!" Das war auch die Devise von Tomi Ungerer, dem Ehrt mit einem Einzelportrait Reverenz erweist.

Das grossformatige Buch mit über einhundert Seiten erscheint in der Édition du Signe und kostet 20 Euro. Bestellungen bei manfred.hammes@web.de oder in einer dieser richtigen Buchhandlungen, wo es noch Menschen gibt. Gerne sende ich Ihnen ein Exemplar zu. Wenn es nicht gefällt (was bisher nicht vorgekommen ist), schicken Sie es einfach zurück.

Montag, 24. Januar 2022

Sanary-Paris-Berlin: Liebe, Hass und Magie der 30er und 40er Jahre

Zwei anregende Bücher von zwei Journalisten, die beide viel voraussetzen; sagen wir mal mindestens ein Studium in Literatur- und Kunstgeschichte, dazu Romanistik und Politik. Erst dann wird man beide Titel mit Freude entweder durchlesen (besser bei Agnès Poirier) oder wenigstens als Nachschlagewerk benutzen kann (besser bei Florian Illies). Zwei Bücher, die, wenn sie chronologisch gelesen werden sollen, in Zeiten des Hasses (1929 bis 1939) beginnen und an den Ufern der Seine enden (1940 bis 1950. 
 
Wirklich ein gutes gemischtes Doppel - und die Trikolore als Lesebändchen

Ohne die vielen Brief- und Tagebuchschreiber der 1930er- und 1940er Jahre hätten es beide Bücher nicht geben können. Das zeigt bereits ein erster Blick in die sehr unterschiedlich und bei beiden nicht besonders hilfreich aufgebauten Literaturangaben; allgemeine Bibliographie ergänt um eine speziell auf die Hauptpersonen zugeschnittene Literatur bei Illies und ein Fußnoten-Anhang bei Poirier, der zu viel Hin- und-Her-Blätterarbeit zwingt

Mehr Namedropping geht nicht. Florian Illies und Agnès Poirier führen je rund 600 Namen in den Registern ihrer Bücher an. Während bei Illies Bert Brecht und dieFamilie Mann, allen voran Klaus, die Hitparade anführen, sind es bei Poirier natürlich Beauvoir und Sartre, denen die meisten Fundstellen zugeordnet sind; und dann aber ausgerechnet noch dieser unbeirrbar libertäre und fürchterliche Arthur Koestler, der sein Leben selbst als "Zickzackleben" einstufte. Und das war eher untertrieben.

Sartre Beauvoir Brecht Klaus Mann (1944 in US-Uniform in Italien) Koestler (1937)

Der Jude aus der österreichisch-ungarischen Monarchie wurde während der Wiener Studienzeit Mitglied in einer schlagenden, jüdischen Verbindung, wandte sich dem Zionismus zu, arbeitete in einem Kibbuz, ging nach Berlin und schrieb dort für die B. Z. am Mittag, emigrierte nach Paris, gesellte sich sommers zur deutschen Exilantenkolonie in Sanary, wurde linientreuer Kommunist und ab Ende der 1930er Jahre einer der mutigsten Kritiker der KP, wie sein Buch „Sonnenfinsternis“ aus dem Jahr 1940 beweist, das erstmals die stalinistischen Schauprozesse und die Rolle des russischen Geheimdienstes im Spanischen Bürgerkrieg enttabuisierte. Im England der Nachkriegszeit wurde er dann einigermaßen heimisch. Von der Philosophie bis zu den Naturwissenschaften enzyklopädisch gebildet, stiftete er testamentarisch einen Lehrstuhl für Parapsychologie an der Universität Edinburgh, als er sich 1983 gemeinsam mit seiner Frau umbrachte.

Koestler als „impulsiv oder gestört“ zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Zu Hause schlug er im Wutanfall Möbel kurz und klein, mit Albert Camus prügelte er sich, und nach Sartre, dem er zeitweise Simone de Beauvoir ausspannte (sie hätte das anders gesehen), habe er „nur“ mit Gläsern geschmissen.

Öffentlich verteufelt hat ihn Michael Foot, einst Vorsitzender der englischen Labour Party. In der Financial Times schrieb er über Koestler: „Ich war mit ihm nicht nur politisch zerstritten. Jahre später erfuhr ich, daß Koestler versucht habe, meine Frau zu vergewaltigen.“ Weitere schwerwiegende Vorwürfe kamen hinzu, die manchmal als „erotische Eskapaden“ oder „private Entgleisungen“ verniedlicht wurden. In der Biographie von David Cesarini wird Koestler als Serienvergewaltiger geschildert, Frauen zu schlagen und zu vergewaltigen sei zu einem „Merkmal seines Verhaltens“ geworden. Von ihm hat Frau Poirier seltsamerweise ein etwas anderes Bild.

Dem Buch von Illies ist eine Unmenge von Lesearbeit vorausgegangen. Zurecht bedankt er sich bei seinen Vorarbeitern, so zum Beispiel bei Manfred Flügge für die vielen Hinweise auf Liebe und Hass in Sanary-sur-Mer, das kleine Örtchen an der französischen Mittelmeerküste, das für wenige Jahre, wie Ludwig Marcuse schrieb, zur "Hauptstadt der deutschen Literatur" geworden war. Natürlich ist Illies ein Kompilator, aber auch das will gekonnt und so kurzweilig gemacht werden, wie es ihm hier gelungen. Und wenn man an Vergil denkt, der das ja bestens beherrschte, so gut, daß man nicht mehr wußte, was denn von ihm und was von Homer war, dann ist das doch ein akzeptabler Vorläufer. Mich würde ja mal interessieren, wie das Originalmanuskript von Illies ausgesehen hat. Ob es eine xls-Tabelle war?

 
Heinrich Mann und Feuchtwanger ja, aber nicht Grosz

Natürlich dürfen bei einer solchen Mammutarbeit ein paar Ungenauigkeiten hereinrutschen. George Grosz etwa war nicht der Erste, den die Nazis ausbürgerten (S. 202). Das waren die eine Dame und die vielen Herren von hier nebenan. Grosz wurde diese Ehre erst viel später, im März 1938, zuteil und schon im November des gleichen Jahres wurde er amerikanischer Staatsbürger. Zu den ersten gehörten Heinrich Mann, Tucholsky, Kerr und Feuchtwanger.

Da fehlt auch André Gide als Moskau-Reisender (S.308). Ein angesehener französischer Schriftsteller fährt ins stalinistische Moskau, distanziert sich in seinem Reisebericht vom Kommunismus und wird zu Hause von vielen verdammt. Ein angesehener deutscher Schriftsteller reist ein Jahr später nach Moskau, verteidigt in einem Reisebericht den Kommunismus und wird zu Hause von vielen verdammt. 

Die Reisen von André Gide 1936 und Lion Feuchtwanger 1936/37 erregten hohe Aufmerksamkeit. Auf Einladung des sowjetischen Schriftstellerverbandes waren beide nach Moskau gereist. „In Moskau wurde ich so triumphal empfangen, daß es schwerfällt, nicht größenwahnsinnig zu werden“, schrieb Feuchtwanger von dort an Stefan Zweig. Es waren Staatsbesuche, wenn auch nur literarischer Art. Und natürlich waren sie von besonderer wirtschaftlicher Bedeutung für die Autoren, denn Feuchtwanger beispielsweise erhielt ein Honorar als Herausgeber der in Moskau erscheinenden Exil-Zeitschrift Das Wort. Die russischen Übersetzungen von Gide und Feuchtwanger wurden in hohen Auflagen abgerechnet; so ganz genau wußte allerdings niemand, ob sie auch verkauft wurden – ja, es war nicht einmal sicher, ob diese Stückzahlen überhaupt je gedruckt worden waren. „Ich habe in Russland schrecklich viel Geld liegen und kann dort auf Lebenszeit Kaviar essen“, schrieb Feuchtwanger in einem Brief. Später wurde ihm dieses Geld sogar auf westliche Konten überwiesen – ein Bevorzugung, die nicht einmal Thomas Mann erfuhr.

Poirier und Illies haben jedenfalls lesenswerte Spiegelbilder der 1930er und 1940er Jahre geschrieben. Nur, was haben diese vielgelesenen Autoren bewirkt? Nichts. Da sah Lion Feuchtwanger ganz realistisch, als er mit einem Abstand von Jahrzehnten seine Lebenserinnerungen schrieb. 

Da relativierte er vor allem die bedeutungsvoll politisierenden und nur sich selbst wichtig nehmenden deutschsprachigen Exilanten. Tatsächlich seien sie politisch völlig einflußlos gewesen, wurden in ihren Gastländern kaum gehört und blieben auf den Gang der Nachkriegsgeschichte ohne jede Wirkung.

Nur, wenn man in Sanary gemeinsam über die Briten herziehen konnte, bestand ein Grundkonsens „mit einem Hochmut, der eines de Gaulle würdig gewesen wäre“, formulierte es Sybille von Schoenebeck später maliziös. Dieser kleine gemeinsame Nenner wurde regelmäßig im Vorgarten des amerikanischen Schriftstellers William Buehler Seabrook überprüft und erneuert. Ihm billigte man die Narrenfreiheit zu, die Exponenten aller Lager auf sein neutrales Gelände einzuladen: „Die haute volée des deutschen Geistes mit seinen Geistinnen. Die Herren im Besten, was sie hatten, die Damen sogar mit Hütchen, aus längst verblühten Tagen.“ Dabei fiel Seabrook mit Badeschlappen, Fischerhosen und blankem Oberkörper erwartungsgemäß aus der Rolle.