Freitag, 2. April 2021

Absinth und Pastis: Angebetet und verdammt

 

Van Gogh: Dreifaches
Selbstportrait
Bild Wenisch 
Die Maler tranken und malten ihn, wie van Gogh (Bild oben)und Gauguin, die Schriftsteller tranken und beschrieben ihn und setzen ihn auch schon mal ein, wenn ihnen die Phantasie ausging oder kämpften mit ihm gegen Schreibblockaden an wie Oscar Wilde oder Charles Baudelaire, der formulierte:
"Die toten Wörter stehen auf und sind aus Stein und Bein."
Mediziner und Kirchenmänner verteufelten ihn aus jeweils ihrer berufsspezifischen Sicht. Der Absinth könne, weil er das Nervengift Thujon enthalte, Epilepsie hervorrufen und zu Erblindungen führen, vom Messebesuch abhalten und dem Glauben schaden.

Diese Verdammungen änderte sich auch nicht, als statt des Absinth längst der Pastis zum Lieblings-Apéro in Südfrankreich geworden war. Denn damit werde statt des „Vater unser“ nun ein „Notre Ricard“ gebetet.


Ricard unser,
der du bist schön kalt,
geheiligt werde deine Flasche,
dein Wille geschehe,
auf der Terrasse wie am Tresen.
Unser tägliches Glas gib uns heute,
und vergib uns unsere griesgrämigen Gesichter,
wie auch wir vergeben
den Casa*-Trinkern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Durst.

* Casanis eine preiswertere,aber gar nicht schlechte Pastis-Marke, für Ricard-Gläubige die teuflischste Versuchung, der man allerdings nicht erliegt – niemals.

Im Frühjahr 1915 wurde der Absinth verboten, was findige Brenner aus der Provence noch im gleichen Jahr durch den sogenannten „Pastiche“ ersetzten, was nichts anderes als "Nachahmung" heißt. Fenchel, Anis und Süßholz sind immer enthalten, die weitere Kräutermischung ist wohlgehütetes Geheimnis der unterschiedlichen Produzenten.

Die medizinischen Vorbehalte bestehen allerdings nicht mehr, seit ein Karlsruher Forscherteam im Journal of Agricultural an Food Chemistry allein den hohen Alkoholgehalt des Absinth von 70 und mehr Prozent für Gesundheitsschäden verantwortlich machte. Und es waren nicht immer die edelsten Stoffe, aus den das Getränk hergestellt wurde, wenn etwa Brennspiritus mit irgendwelchen Pflanzenextrakten und viel Zucker zusammengepascht wurde. In Frankreich wurde die Alkoholobergrenze für den Pastis im Jahr 1938 auf 45 Prozent festgelegt.

Wenn Sie am Nebentisch hören, wie jemand einen Mauresque, einen Perroquet oder einen Tomate bestellt, dann ist das weißer mit Mandelsirop, ein grüner mit Minz- oder roter mit Grenadinesirop gemischter Pastis.

Wenn ein ganz normaler Pastis sich beim Mischen mit Wasser milchig verfärbt - der sogenannte Louche-Effekt - ist dies übrigens Physik und nicht Chemie. Da, wo Wasser und Pastis zusammentreffen wird das Licht anders gestreut und macht das Getränk undurchsichtig.
  

Freitag, 26. März 2021

Hemingway hungerte, Cézanne nicht

Mindestens Äpfel gab es in Cézannes Atelier immer... auch wenn er
manchmal so langsam malte, daß die verfaulten.
  
 
Hemingways Traum

Ernest Hemingway liebte die Bilder von Paul Cézanne und machte sich machmal auch recht ungewöhnliche Gedanken dazu. So zum Beispiel mit der Frage: Hat Cézanne beim Malen gehungert? Wohl kaum, um die Frage gleich zu beantworten. 

Im Gegensatz zu Ernest Hemingway in seiner Pariser Zeit, der dann lange Spaziergänge durch die Stadt machte, bei denen die Auslagen der Bäcker und die Gerüche aus den Restaurants seinen Magen nur noch mehr knurren ließen. Um Geld zu sparen erklärte er seiner Frau, er werde mit seinem Verleger zum Essen gehen und spazierte dann durch den Jardin de Luxembourg, weil

„man auf dem ganzen Weg von der Place de l'Observatoire bis zur Rue Vaugirard nichts Essbares sah und roch“. 
Und wenn dann noch Zeit war, sah er sich die Gemälde Cézannes nebenan im Museum an.
„Wenn ich hungrig war, lernte ich Cézanne erst richtig verstehen und wahrhaft sehen, wie er seine Landschaften machte. Ich fragte mich oft, ob er beim Malen auch hungrig gewesen war, aber ich dachte, vielleicht war er es nur, weil er das Essen vergessen hatte."

Die Frau des Kunstsammlers Osthaus machte dieses,
es ist das letzte, Foto von Cézanne.
Rechts Eva-Maria Höllerer, die Kuratorin aus Karlsruhe.
Fast jeden Tag stand er vor den Bildern Cézannes, die ihm auch helfen sollten, ausdrucksstärker zu schreiben.

„Von der Malerei von Cezanne lernte ich, daß das Schreiben einfacher, wahrer Sätze bei weitem nicht genügte, um den Stories die Dimensionen zu geben, die ich ihnen zu geben suchte. Ich lernte sehr viel von ihm, aber ich war nicht sprachgewandt genug, um es jemandem zu erklären.“


Freitag, 19. März 2021

Uzès: Die ungewöhnliche Domaine de Malaigue

Kann man einen Wein auch „sozial“ nennen, so wie das Vincent Damourette vor einiger Zeit in einem Beitrag für den Midi Libre getan hat?
Nachdem ich die Domaine besucht habe, muß ich sagen: Er hat recht. Als 1998 die Erträge der Domaine nicht ausreichten, hat François Reboul – mit dem Bäcker-Dichter aus Nîmes hat seine Familie nichts zu tun -, der das Weingut gerade in dritter Generation übernommen hatte, die Löhne seiner Arbeiter komplett ausbezahlt, sich selber aber nichts.


Allerdings ist das nur einmal vorgekommen, denn schon ein Jahr später war die Umwandlung zum Bio-Betrieb erfolgreich abgeschlossen und die vielen neuen Kunden akzeptieren seitdem auch die etwas höheren Preise.
 
„Den Preiskampf nach unten habe viele Winzer und vor allem Kooperativen inzwischen verloren. Den Wein im Bib abzufüllen oder im Vrac zu verkaufen, sagen wir mal für acht bis zehn Euro für die fünf Liter reicht nicht aus. Auch nicht, ihn tankzugweise und noch billiger an die großen Handelsketten zu verkaufen, schafft kein Auskommen,“
sagt Reboul. Und tatsächlich geht es vielen, die den Wein nur an-, aber nicht ausbauen, nicht besonders gut. Und das natürlich gerade in extrem trockenen Jahren, wie 2017, als die Quantität – und nur die zählt für die meisten – dreißig bis vierzig Prozent unter dem Vorjahr lag.

Hinzu kommt, das viele Winzer ihre Trauben im System der Fermage pflegen und ernten. Dabei verpachten Grundeigentümer ihre Weinberge, wobei sie dem Pächter lediglich einen Minimalbetrag von 500 bis 700 Euro je Hektar garantieren. Dafür gibt der Pächter seine Arbeitskraft, setzt seine Traktoren und die Erntemaschine ein, bezahlt Dünger und Spritzmittel und übernimmt die Ablieferung der Trauben in der Kooperative. Trockene Jahre werden so zum Risiko des Pächters. Erst wenn bestimmte Hektar-Gewichte deutlich überschritten werden, also über acht Tonnen liegen, fängt es an sich für den Pächter zu lohnen. Die hohen Werte von 15 oder manchmal über 16% bringen dem Pächter keine höheren Erträge.

        Mein Favorit: Der Rosé                                          Bilder OT Uzès
Entsprechend nehmen die Brachflächen zu. Denn immerhin rund 6.000 Euro bekommt der Eigentümer für einen über sieben Jahre stillgelegten Weinberg. Südfranzösische Winzer ärgern sich hinter vorgehaltener Hand über die Kollegen aus Süditalien, wo die stillgelegten Weinberge schnell wieder bewirtschaftet werden und so also doppelt kassiert wird. Die italienischen Satelliten machen scheinbar die Augen zu, wo die französischen gleich einen Strafbefehl frei Haus liefern.

Donnerstag, 11. März 2021

Remy Eyssen: Leon, Isabelle und ihre Sadisten

Der Ullstein Verlag hat mir dankenswerter Weise gleich drei Titel von Remy Eyssen als Besprechungsexemplare zukommen lassen. Ich habe von „Tödlicher Lavendel“, „Dunkles Lavandou“ und „Mörderisches Lavandou“ jeweils gleich mal fünf, sechs Seiten angelesen und beschlossen: Das kann ja nur ein Verriß werden. Immer dieser gleiche Einstieg mit irgendwelchen sadistischen Psychopathen, die Mädchen und Frauen entführen, hier mal einen Fuß bei lebendigem Leib absägen, da mal die Augen ausstechen. Oder im Rahmen von satanischen Ritualen eine Hexenprobe mit dem Stich ins Muttermal nachempfunden. Und dazu passend ist sich der Rechtsmediziner Leon Ritter plötzlich nicht mehr sicher, warum das Herz noch zuckt, das von einer Schiffsschraube ebenso wie die anderen Organe freigelegt wurde, und das er aus dem Kühlfach holt?

Keine Bücher also, die man zum Apéro und kurz vor dem Mittagessen lesen sollte. Und abends auch nicht, wenn man die Angewohnheit hat schlecht zu träumen. Ich jedenfalls war geneigt, den guten alten de Sade rauszuholen und die 120 Tage von Sodom wieder mal zu lesen. Nur: Der aber war ja mit seinen sadistischen Ausschweifungen auf Schloss Saumane allenfalls ein Anfänger, Kinderprogramm sozusagen, gegenüber der Phantasie des Autors Eyssen. 

Dann aber habe ich, wie’s sich gehört alle drei Bücher zu Ende gelesen und konnte bei keinem mit der Lektüre vorher aufhören. Das ist mir auch noch nicht passiert: Daß ich bei einem Krimi-Autor insgeheim Abbitte leisten muß. Also kein Verriß, sondern das Warten auf einen hoffentlich ebenso spannenden siebenten Band der Reihe, der am 3. Mai 2021 erscheint.

Dem Autor merkt man sein voriges Leben als Drehbuchautor von Serien an: Für SOKO München, Ein Fall für zwei, die Rosenheim Cops oder die Küstenwache. Auch die Ritter-Krimis tragen ihre Ansätze zu den irgendwann sicher folgenden Drehbüchern schon in sich: 87 Kurzkapitel verteilt auf 495 Seiten in "Dunkles Lavandou" geben den späteren Filmschnitt schon vor. Gelegentlich war Eyssen auch als Schauspieler unterwegs, so als der Mann im Brillengeschäft, in „Die Nacht mit Chandler“, den damals Hans Noever unter anderem mit der Schweizer Schauspielerin Agnes Dünneisen gemacht hat. Lange her; das muß 1979 gewesen sein, weil unser ältester Sohn nicht lange vor oder nach diesem Film zur Welt kam.

An sich bietet Le Lavandou keine guten Voraussetzungen für eine Krimi-Serie. Denn schon vor rund zwanzig Jahren war der Friedhof des 6000-Einwohner-Städtchens so überfüllt, daß der damalige Bürgermeister ein „Sterbeverbot“ aussprach. Mit dieser Anordnung wollte der eine Gerichtsentscheidung aus Nizza karikieren, die den Ausbau des Friedhofs in Richtung des Mittelmeeres verboten hatte. Und trotzdem erzählt Remy Eyssen ausgerechnet die Geschichte eines Serienmörders.

Port Cros und beinahe ein romantisches Wochenende für den Rechtmediziner und seine Polizistin


Keine gute Voraussetzung auch für das entspannte Wochenende, das sich der deutsche Rechtsmediziner Ritter mit seiner Freundin Isabelle Morell gönnen wollte. Dabei hätten im Hotel „Le Manoir“ auf der Insel Port Cros, direkt gegenüber von Le Lavandou, die besten Voraussetzungen vorgelegen. Die späte Überfahrt auf die Insel, das kleine heimelige Hotel mit dem alten Garten und seinen verschwiegenen Sitzecken und ein fast immer ausgebuchtes Hotel, das trotz allem Tourismus sorgfältig zubereitete Menüs serviert. Aber dann schlägt der Mörder wieder zu und nach der ersten von an sich drei vorgesehenen Nächten und zudem ohne Frühstück müssen die Beiden - sie ist stellvertretende Polizeichefin in Le Lavandou – zurück. Man merkt genau, wenn Eyssen eine seiner Figuren mag oder nicht. Den Leiter des Polizeireviers jedenfalls nicht. Indes, so inkompetent ist kein französischer Polizist...

Entgegen dem, was Eyssen in Interviews zu berichten weiss, kommt das Lokalkolorit bis auf Markt, Café und Boules zu kurz. Da könnte er doch seinen deutschen Rechtmediziner mal auf die Spur setzen: Zum Beispiel auf die von Thomas Mann, dessen südfranzösisches Exil in Le Lavandou begann. Der Nobelpreisträger fand sich mit Familie und Freunden im Hotel "Les Roches fleuries" ein. 

1934: Speiseterrasse des "Roches fleuries" mit Blick über die Bucht   
Spannende und tragische Geschichten um Reinhardt und Dr. Julius Munk 

Dies Hotel - Mann bezeichnete es als Meeresschloß - hat noch bis vor kurzem existiert. Inzwischen ist es abgerissen und durch einen nichtssagenden Neubau ersetzt. Der französische Investor wußte nicht einmal, wer Thomas Mann war. Der Romancier hatte in Le Lavandou Teile seines Josephsromans geschrieben. Ihm gefiel es so gut dort, daß er bleiben und sich ein Haus kaufen wollte, das er jedoch nicht bekam. Also machte seine Frau Katia nicht weit von hier, in Sanary-sur-Mer Quartier. Er trauerte per Tagebuch: "Es war malerischer und griechischer in Le Lavandou".

Auch die Geschichte des Dichter Emil Reinhardt wäre erzählenswert, weil sie die Verbindungen zur Resistance schafft. Oder die von Bert Brecht, der mit Ritter (und Eyssen) eine Vorliebe für Tage im Café hatte, bei Brecht das Cafe du Centre, das heute immer noch am Place Reyer existiert. Immerhin hat der Ullstein Verlag in den 1920er Jahren Bücher von Mann und Brecht veröffentlicht. Wenn ich jetzt allerdings auch noch Walter Hasenclever sowie Kurt und Helen Wolff vorschlage, dann wird es vielleicht zu exil-literarisch.

Also kaufen Sie einmal den einen oder anderen Band aus der Reihe, für Rechtsmediziners sind die Bücher sicher sogar als Fachliteratur absetzbar. Elf Auflagen von „Tödlicher Lavendel“ in fünf Jahren zeigen ja, daß Sie mit Ihrer Wahl nicht ganz alleine sind. 

Links Le Lavandou? und rechts ein ziemlich ähnliches Sanary

Band 7 werde ich mir auf alle Fälle kaufen. Nur ärgert mich jetzt schon das Titelbild aus Sanary, für das der Autor aber sicher nichts kann. Auch Thomas Mann wäre mit dem Bild nicht zufrieden; von daher befinde ich mich doch in guter Gesellschaft.

 










Freitag, 5. März 2021

Uzès: Der Buchhändler, der seine Bücher ungern verkauft

Christian Feller: Immer eine gute Geschichte auf Lager...
nur Bücher gibt der Buchhändler ungerne her
In Uzes, hinter dem Tour Fenestrelle und der Promenade Racine, in der Rue Julien, finden Sie, in einem Innenhof versteckt, die Buchhandlung von Christian Feller. Der ist allerdings mehr Büchersammler als Buchhändler, was nur heißen soll, daß er sich ungern von seinen Schätzen trennt. In manchen Fällen muß man schon ein besonderes und gut begründetes Interesse an einem bestimmten Titel nachweisen, damit er ihn dann widerstrebend aus dem Regal oder seinem in der Nähe gelegenen Privathaus holt.
Dieses Haus ist nicht nur mit dem ältesten Eingangsportal in Uzès ausgestattet, sondern hat - natürlich und wie es sich für Feller gehört – auch eine literaturhistorisch interessante Vergangenheit.

Jean-Jacques Brousson, dem Sekretär des Literaturnobelpreisträgers Anatole France, hat es gehört. Allerdings hätte es der sich von seinem Gehalt nicht leisten können. Was er denn bisher verdiene, fragte France den gerade zwanzigjährigen Studenten Brousson. Und als der mit „Nichts“ antwortete, war ihm die Stelle sicher. Anatole France großzügig:
"Dann zahle ich Ihnen das Doppelte." 
Diese, ob verbürgt oder nicht, jedenfalls gute Geschichte berichtet Christian Feller in dem Film, den ich mit Jean-Jacques Schaettel und Antoine Chosson, der ein Purist des Dokumentarfilms ist, über die Literaten in Südfrankreich gemacht habe. Unter dem vorhergehenden Link finden Sie einige meiner Gesprächspartner.

Irgendwo hier im Hinterhofgewirr
befindet sich die Buchhandlung
Nur wenige Tage nach dem Tod von Anatole France, der für Frankreich ein Jahrhundertereignis war, erschien Boussons Buch „Anatole France in Pantoffeln“, das nach kürzester Zeit hoch sechsstellig verkauft war und in viele Sprachen übersetzt wurde. Damit hatte Bousson weit mehr verdient, als ihm France für die zehn Jahre ihrer Zusammenarbeit je gezahlt hätte. Von diesem Honorar hat sich Bousson dann seinen Traum eines herrschaftlichen Hauses in der Altstadt von Uzèz erfüllt und mit der ein oder anderen Antiquität, die France ihm als Honorarersatz gelegentlich überließ, ausgestattet.

Freitag, 26. Februar 2021

Martignargues: Nur 1704 mal in den Geschichtsbüchern


Die "chinesische Mauer" von Martignargues
 
Man kann es aus dem Weltraum nicht sehen, aber das dennoch bedeutendste Bauwerk von Martignargues ist eine gut drei Meter hohe und einen Meter breite Mauer oberhalb des Friedhofs. Sie umschließt auf rund zweihundert Metern Länge den Weinberg des Monsieur Cadounqué, der die Mauer zwischen 1850 und 1895 aus den auf seinem Acker gesammelten Steinen errichtete. Gemeinsam mit seiner Frau wurde er hier zwischen zwei Zypressen beerdigt. „Jetzt kannst Du ausruhen und Deine Mauer bewachen,“ sagte der Ortsgeistliche bei der Beerdigung.
Martignargues und Vezenobres               Bild links: Mairie
Martignargues ist ein französisches Dorf im Gard zwischen Vézenobres und Mas Nouguier, malerisch gelegen auf einem Hügel über dem Tal der Droude, aber zehnmal können Sie durchfahren, ohne einem Menschen zu begegnen. Und anderen Autos begegnen Sie nur an den Tagen, an dem die Grundschüler, im Wechsel mit den anderen kleinen Örtchen ringsum, hier ihren Unterricht bekommen und von den Mamas abgeholt werden. Wenn eine von ihnen zu früh da ist, kann sie nur warten.

Nur das Schild hängt noch.
Der Ort hat kein Café mehr, Rosalie Polge hat ihres vor Jahren schon dichtgemacht, und auch der Tabakladen von Monsieur Reynaud und die kleine Lebensmittelhandlung von Anna Légal sind längst Geschichte. Und das, obwohl sich in den letzten fünfzig Jahren die Einwohnerzahl verdreifacht hat: Von 150 auf rund 450.

Warum die Einwohner von Martignargues „Engländer“ genannt werden: „Lous Inglès" ? Das geht zurück auf den Hundertjährigen Krieg, als der Ort versehentlich von den Engländern eingenommen wurde, die die Kapelle und die sie umgebenden Privathäuser mit einer Festung verwechselten. Manchen von Ihnen gefiel es hier so gut, daß sie über Generationen blieben ; der Blick ins Einwohnerverzeichnis belegt das noch heute : Born, Butcher oder Roche.




Der Zweite Weltkrieg hat im Ort selbst nicht stattgefunden ; das Dorf wurde nie von der deutschen Wehrmacht besetzt. Anders war das während der Religionskriege zu Beginn des 18. Jahrhundert, als die Truppen Ludwigs XIV. versuchten, die protestantischen Kamisarden wieder auf den rechten, also katholischen Weg zu bringen. Eine der großen Schlachten dieses von beiden Seiten grausam geführten Krieges hat unterhalb des Ortes stattgefunden, die Bataille de Martignargues, an die noch heute ein Gedenkstein erinnert.


Gedenkstein zwischen Martignargues und
der Ölmühle von Roger Paradis
Mehr als 500 Soldaten des Königs, die unter der Führung des noch während der Schlacht geflohenen Marquis de la Jonquière standen, wurden getötet. Dem standen nur drei getötete und zwölf verletzte Kamisarden gegenüber. Deren Anführer Jean Cavalier war vier Wochen später der große Verlierer, als er bei Nages, in der Nähe von Nîmes, vernichtend geschlagen wurde. Dazu erreichte ihn die Nachricht, daß den Königstruppen sein wichtigtigstes Nachschublager, das sich in einer auch heute noch zu besichtigenden Grotte oberhalb von Euzet befand, verraten worden war. Cavalier legt die Waffen nieder und geht nach Genf, wo der Herzog von Savoyen sich die Dienste des taktisch versierten Kämpfers sichert. Er kämpft im Spanischen Erbfolgekrieg auf portugiesisch-britischer Seite und wird schließlich rentenberechtigter Gouverneur der Insel Jersey.
Wer das mit Zeit und in französischer Sprache etwas ausführlicher nachlesen will, dem sei die sechsbändige, großformatige Arbeit von Henri Bosc „La guerre des Cevennes“ empfohlen, die zwischen 1985 und 1993 erschienen ist. So um die vierhundert Euro kostet das Werk antiquarisch, wobei sie aufpassen sollten, daß Sie dafür auch eines der numerierten Exemplare (bis Nr. 1300) erhalten. Immer mal wieder rutscht sonst auch ein fotokopierter Band dazwischen; allerdings sind Sie dann schon mit 80 Euro für die sechs Bände dabei.

Freitag, 19. Februar 2021

Alliierte Landung am Mittelmeer: Churchill liest deutsche Exilliteratur

Landung der Alliierten in Südfrankreich

 

Mitte August 1944 landeten die ersten amerikanischen, britischen und französischen Truppen in Südfrankreich (Unternehmen "Dragoon"). Zwischen Cannes und Toulon gingen insgesamt 180.000 Soldaten an Land, ohne auf nennenswerten deutschen Widerstand zu stoßen.

Aufnahme des Navy Fotografen McNeill vom 15.8.1944 auf der Kimberley
Zu denen, die nur zu gerne gleich dabei gewesen wären, gehörte Winston Churchill. Doch da ging es ihm in Südfrankreich nicht anders als in der Normandie. Er wurde auf den Zerstörer „Kimberley“ verbannt, der zehn Meilen vor der Küste lag und von dem aus die Landungsboote durch Geschützrauch und Morgennebel kaum zu sehen waren. Sein Fernglas übergab er dann auch schnell dem amerikanischen General Sommervelland. Und dann gab er seinem Mißvergnügen ausgerechnet mit der Lektüre des Buches einer deutschsprachigen Autorin Ausdruck. „Menschen im Hotel“ soll er während der Landung in einem Stück durchgelesen haben.

Vicki Baum, sie hatte das Buch 1929 geschrieben, war in Wien in eine jüdische Beamtenfamilie geboren worden, wurde am Konservatorium zur Musikerin ausgebildet und später eine der erfolgreichsten Autorinnen in der Weimarer Republik.

"Ich bin eine erstklassige Schriftstellerin zweiter Güte",
 
entschuldigte sie ihre auflagenstarken (bis 500.000 Exemplare) Herz-Schmerz-Romane wie "Liebe und Tod auf Bali" oder eben "Menschen im Hotel".

Vicki Baum    Bild:Wiki cc
In seiner Serie Klassiker der Weltliteratur fasste der Bayerische Rundfunk den Roman wie folgt zusammen: "In einem Berliner Luxushotel begegnen wir einer russischen Tänzerin, deren Attraktivität bereits geschwunden ist. Es gibt einen von Morphium abhängigen Arzt, einen Baron, der seinen Unterhalt mit waghalsigen Einbrüchen bestreitet, einen vor dem geschäftlichen Zusammenbruch stehenden Fabrikdirektor und dessen todkranken Buchhalter und eine Sekretärin, die ihr Herz eher leichtfertig verschenkt."

Im Jahr vor der Machtergreifung gehörte Baum zu den ersten Exilanten. „Menschen im Hotel“ wurde nur ein paar Jahre später als „Grand Hotel“ mit Greta Garbo verfilmt; einen „Oscar“ gab es als bester Film des Jahres 1932. 

Doch weiter mit dem 15.August 1944: Dieses ganze Landungsmanöver war Churchill von Anfang an gegen den Strich gegangen. Statt in Südfrankreich zu landen und sich mit den Invasionstruppen der Normandie zu vereinigen, hätte er bevorzugt, in Kroatien zu landen und den russischen Vormarsch im Osten zu stoppen. Jacques Robichon hat das in seinem Buch „Le Debarquement en Provence“ detailgenau beschrieben.

Freitag, 12. Februar 2021

Lourmarin: Camus, Fußball und die Luberon-Bouillabaisse

Camus, wie man ihn fast nicht kennt

 

Lourmarin ist nicht nur als letzter Wohnsitz des Schriftstellers Albert Camus von Bedeutung . Raoul Dautry, erst  Eisenbahn-Manager, dann Minister und ab 1945 Bürgermeistern des Dorfes, in dem die Familie schon lange ein Ferienhaus besaß, hat vorgemacht, wie ein totes Städtchen aus seinem Dornröschenschlaf geweckt werden kann. Zu Beginn des Krieges war Dautry Rüstungsminister, nach der Landung der Alliierten in der Normandie wurde er von de Gaulle zum Minister für Wiederaufbau berufen. Lourmarin hat davon ordentlich profitiert. 

Ebenso wichtig für die Entwicklung des Dorfes war Robert-Laurent Vibert, ein Industrieller aus Lyon, der  schon lange vor Dautry das halbzerfallene Schloss sozusagen zum „Steinbruchspreis“ gekauft und in eine Kulturstiftung umgewandelt hatte. Empfänge und Hochzeiten werden im Ballsaal oder auf der Terrasse ausgerichtet,

 

auf die man vom Haus und der Terrasse Albert Camus‘ einen guten Blick hat; das sind vielleicht mal gerade dreihundert Meter und vorbei an der erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf dem freien Feld erbauten evangelischen Kirche.

Churchill, wie man ihn ebenfalls fast nicht kennt, als Maler einer Ansicht von Lourmarin mit Blick auf das Haus von Camus.  Bild Luberon Tourisme.

 

Wenn man auf der Dorfseite an der Nummer 23 der Rue Camus vorbeigeht, erblickt man eine völlig unscheinbare Fassade. Das passte irgendwie zu dem in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsenen Camus, obwohl der ein Jahr zuvor gewonnene Nobelpreis ihn in die Lage versetzt hatte, praktisch jedes provenzalische Anwesen zu kaufen. Aber wohl nur hier, auf dieser Terrasse konnte er seinen autobiographischen Roman „Le Premier Homme“ beginnen und die ersten einhundert Seiten schreiben. Seine Tochter sah das in einem ARTE-Interview so: „Dieses Buch war eine Befreiung für ihn. Er sagte: Das bin ich!“

Das unscheinbare Grab von Albert Camus 

Hier in Lourmarin, in diesem unscheinbaren Häuschen fühlte er sich wohl, freundete sich mit dem Dorfschmied César Renaud an, dem er liebend gerne zuhörte, wenn der seine humanistisch-philosophisch angehauchten Geschichten erzählte, besuchte die Cafés und gehörte zu den engagierten Unterstützern der örtlichen Fußballmannschaft. Das waren die Eintrittskarten ins Dorfleben, die Camus dazu gehören ließen. Es waren denn auch Mitglieder der Mannschaft, die seinen Sarg hinaus zum Friedhof trugen.

Wenn Sie es sich tagsüber verdient haben, was Sie selbst entscheiden, könnten Sie sich mit einer „Luberon-Bouillabaisse“ verwöhnen lassen, die im „La Fenière“ aus getrüffelten Kartoffeln, grünem Spargel und Wachteleiern gezaubert wird. Oder für die Freunde des kreativen Nachtischs ein Stück Kürbiskuchen, das in eine bittere Orangen-Schokoladensauce gebettet wurde – letzteres allerdings im „Le Moulin“, wobei mir klar ist, daß es nicht so einfach ist, ein Menü in zwei Restaurants zu genießen.

Beide Hotels mit ihren absolut ruhigen Zimmer gehören zur Kette der Romantik-Hotels; und in beiden sind Sie wunderbar aufgehoben. Eine Spur eher ginge ich, wegen des großen Pools, der sich direkt vor den Zimmern wie eine überdimensionierte private Badewanne herzieht, ins „La Fenière“.




Freitag, 5. Februar 2021

Mit der Künstlerin Susanne Pohlmann nach Aix und Marseille

  

Natürlich das Licht! Das liest man immer wieder in Briefen und den Biographien über die Künstler, die sich den Süden Frankreichs als Atelier ausgesucht haben: Von van Gogh über Purrmann, Matisse, Räderscheidt bis Derain und vielen weiteren. Wer das nachempfinden will, könnte das mit Gleichgesinnten und unter Anleitung der Berliner Künstlerin und Pädagogin Susanne Pohlmann tun. „Mir ist wichtig, daß meine Gäste sich auch der Freude und der Lust zum Experimentieren öffnen,“  sagt sie. 

In der Nähe von Aix und von Cézanne‘s Berg hat sie ihr Haus, von dem aus sie in sehr kleinen Gruppen ihre Malreisen durch den Midi organisiert. Aber auch auf der Terrasse oder im großen Garten kann gemalt werden. In diesem Jahr, wenn Covid und Confinement mitspielen, sollen diese Möglichkeiten eigene Bildwelten zu entdecken vom 8. bis 15. Mai und vom 18. bis 25. September stattfinden. Verschiedene Maltechniken mit Acryl- und Aquarellfarben, sowie Kreiden können ausprobiert werden. Pohlmann nimmt sich auch die Zeit für individuelle Anleitungen und Anregungen gegeben.

Das Angebot (bei eigener Anreise) umfasst alle Übernachtungen im eigenen Appartement, die Mahlzeiten mit französischer Küche und Wein, (Frühstück, 5 Abendessen, 2 Mittagessen), Malkurs, Grundausstattung Malmaterial, alle Transfers, sowie Kultur- und Naturprogramm. Natürlich geht es nach Marseille und in die Calanques oder auch nach Lourmarin, das Dorf in dem Albert Camus seine Liebe für den Süden entdeckte und wo er seine großartige Autobiographie „Der erste Mensch“ schrieb. 

Susanne Pohlmann mit einem ihrer großformatigen Meer-Bilder

Das ausführliche Programm mit den Preisen sendet Ihnen Susanne Pohlmann gerne zu: su-pohlmann@web.de oder www.malerei-reisen.de .

    

Freitag, 29. Januar 2021

Domaine Royal de Jarras bei Aigues-Mortes

Rund 1.000 Fußballfelder voller Wein und damit das größte europäische Weingut

 Da von einer Domaine zu sprechen ist sicher untertrieben. 1883 begann es mit Listel, heute ist die Domaine Royal de Jarras, der größte europäische Weinbaubetrieb; wobei die Marke Listel weitergeführt wird. Wer die rund zehn Kilometer von Aigues-Mortes nach Le Grau fährt hat sie auf der linken Seite auf einer Fläche von rund 800 Hektar, von denen 430 Hektar mit Reben 

Rebflächen als Winterweide für die Schafe. Bild Midi libre

bepflanzt sind. Der Rest ist Teil eines Naturschutzgebietes, aus dem im Winter die Schafe zum Grasen auf die Domaine kommen.   

Sandwein

Die Einzelflächen auf dem Sandboden sind mindestens 10 Hektar groß, einzelnen Rebreihen verlaufen über drei Kilometer. Zehn Millionen Liter Sable de Camargue in IGP-Qualität  werden darauf insgesamt produziert.

Zum Teil sind es ganz besondere Weine, die hier produziert werden, denn aufgrund des immer wieder überschwemmten und so salzgetränkten Sandboden haben hier französische Reben die Reblausplage überstanden, sind also bis heute ungepfropft. Die Rebnamen, darunter der Grenache Gris und der Franc de Pied, sind sonstwo fast schon vergessen. 

Der daraus ausgebaute Tête de Cuvée wird auf einigen Parzellen nachts gelesen, langsam gepresst und temperaturkontrolliert gegärt. Mittels Feinhefe und biologischem Säureabbau erhält der Wein eine besondere Fülle. Ein „mythischer Cuvée“ sagt Alban Béchard, ein geborener Aigues-Mortais, der noch einmal vierzig Jahre alt war, als er die Verantwortung für die Domaine übernahm.

Château La Gordonne: 350 ha Côtes de Provence

Die Domaine, wie viele andere inzwischen auch, so das Château La Gordonne in der Provence, gehört zum Konzern Vranken-Pommery.