Freitag, 6. November 2026

In Vienne ist alles schon geschehen

Vienne: Kathedrale Saint Maurice

Wenn Sie nur Ihre Ruhe brauchen und wünschen, daß sich gar nichts tut, bleiben Sie in Vienne und überprüfen die Einschätzung von Joseph Roth, der als Feuilletonkorrespondent der Frankfurter Zeitung sich dort schon 1925 langweilte: «Aus dieser Stadt gibt es nichts zu berichten. In dieser Stadt geschieht nichts mehr. Es ist alles schon geschehen.»

Sehr britisch ausgerichtet ist der Vergleich von Lawrence Durrell, für den Vienne das Bournemouth der Antike ist. «Pensionierte Diplomaten ließen sich dort nieder. Der berühmteste unter ihnen war Pontius Pilatus, der hier einen ruhigen Lebensabend verbrachte, nachdem er den Nahen Osten mit seinen lästigen und ärgerlichen Problemen und seinen törichten Agitatoren verlassen hatte. Wir gedachten seiner bei einem Glas rosigen Weins.»


Das angebliche Grabmal des Pontius Pilatus

Eine Generation später der gleiche Eindruck bei Wolfgang Koeppen, der sich nach dem Krieg mit seiner «Trilogie des Scheitern» als fast Fünfzigjähriger schnell einen Namen erschrieb und es dann, abgesehen von feuilletonistischen Reisebeschreibungen, auch dabei beließ. «Wofür aber, wenn nicht für Essen, konnte man in Vienne schon Geld ausgeben?» Koeppen war zur Mittagszeit den Bauarbeitern gefolgt, die ihn nahe dem römischen Theater in eine kleine Wirtschaft führten; mit sechshundert Francs, damals rund sechs Mark, war das Mittagsmenü ausgezeichnet. «Und ich bekam wie sie, von einem freundlichen derben Mädchen aufgetragen, das Menü: eine Leberpastete, mit Käse überbackenen Tomatenreis, gekochtes Ochsenfleisch, eine Schüssel voll grünem Salat, ein großes Stück Käse, Kirschen nach Verlangen und dazu einen halben Liter algerischen Rotwein.» 

Zumindest die Jazz- und Opernfreunde wissen, daß man heute in Vienne auch Geld für andere Dinge ausgeben kann.

Viel mehr in meinem Buch "Durch den Süden Frankreichs". 

Signiert bei manfred.hammes@web.de


 

Freitag, 23. Oktober 2026

Kongeniales Paar: Mistral und Mont Ventoux

 

Mont Ventoux                              Steigungsprofil
Wenn der Mistral durchs Rhônetal fegt: Bis zu fünfzehn Grad kälter wird es innerhalb von Minuten. Dann können Sie auch im Sommer schon mal die Pullover aus dem Koffer holen. Wer diesen schneidenden Wind nicht erlebt hat, kann ihn nicht nachempfinden. Sommers wie winters kommt er überraschend, dauert drei, sechs, manchmal neun Tage und kann die Menschen verrückt machen. Es gibt Strafprozesse, in denen Verteidiger den Mistral als Rechtfertigungsgrund bemüht haben.

Wie früher die Maler des Lichts müssen heute die Fotografen dem Sturmwind dankbar sein. «Der Mistral fegt den Himmel rein, wehte die Schwüle, die Wolken fort», freute sich Wolfgang Koeppen über sein Glück. Das ist der richtige Tag, um auf den Mont Ventoux hinaufzufahren; wichtig vor allem, daß Sie sich nicht zu nahe am Straßenrand halten und das Steuer mal ausnahmsweise wirklich mit beiden Händen. Das gilt an solchen Tagen erst recht auf den Autobahnen, wo Sie aber ständig vor den «Vents violents» gewarnt werden. In der klaren Luft des Mistral «sind die Bäume sturmgepeitscht, Felder und Sträucher wie das erregte Meer».

Bereits in der Antike war der Mistral den Menschen ein furchterregendes Naturschauspiel. Der griechische Geograph Strabon nennt ihn «Melanboreas», schwarzer Nordwind, ein Begriff, der in der Dauphiné noch bis ins 19. Jahrhundert gebräuchlich war, als er überall sonst schon Mistral hieß. Der Name leitet sich her vom lateinischen magistralis, ein Meisterwind also.

Petrarca zwischen zerrissenen Mistral-Wolken
Am 26. April 1336 stand Francesco Petrarca als Erster oben auf dem Gipfel des Ventoux – als Erster jedenfalls, der den Weg auf den Berg auch dokumentierte. «Zuerst stand ich, durch einen ungewohnten Hauch der Luft und durch die ganz freie Rundsicht bewegt, einem Betäubten gleich da.» Der Blick reicht vom Rhônetal zu den Alpen, dann zum Mittelmeer und bis hin zu den Pyrenäen.

Viel mehr in meinem Buch "Durch den Süden Frankreichs", das ich gerne signiert zusende: manfred.hammes@web.de 


 


Freitag, 9. Oktober 2026

Mit einem Bild von Vincent van Gogh den Hühnerstall repariert

Mehr als 200 Gemälde und Zeichnungen hat van Gogh während seiner Zeit in Arles und Saint-Rémy-de-Provence geschaffen. Keines befindet sich mehr in Arles. Zu Lebzeiten konnte er kaum einmal ein Bild verkaufen. Lange ging man davon aus, daß der „Rote Weinberg“ überhaupt das Einzige gewesen sei. Wie die Recherchen von Malte Lohmann für ein Buch des Nimbus Verlages ergeben haben, hat van Gogh zusätzlich sechs Zeichnungen von Den Haag im Rahmen einer Ausstellung und zwei Ölgemälde aus der Zeit in Arles selbst verkauft. Käufer war ein Trödler am Rond Point des Arènes.

Nicht einmal van Gogh hat dieses Gemälde je gesehen:Bild KI

Das eine Bild zeigt einen wandernden Scherenschleifer unter den Platanen am Boulevard des Lices und das zweite einen Landstreicher, der am Ufer eines Baches in der Nähe von Montmajour gesessen habe. Erzählt hat van Gogh das dem Ingenieur Félix Serret aus Arles. Dessen Notizen darüber gelangten 1937 in die Hände von Monsieur Garagnon, der als Englischlehrer am Gymnasium von Arles arbeitete.

Selbst diejenigen, die van Gogh porträtierte, waren meist nicht besonders stolz auf die Bilder; dies sogar dann nicht, wenn er sie ihnen schenkte. Der Arzt Félix Rey, der van Gogh in Arles behandelt hatte, nahm das Portrait immerhin mit nach Hause. Er war damals Assistenzarzt und lebte noch bei seinen Eltern. Reys Großmutter war so erbost über die Darstellung ihres Enkels, daß sie mit dem Bild ein Brett am Hühnerstall ersetzte. Das jedenfalls erzählte Pauline Rey, die Tochter des Arztes in einem Gespräch mit René Garagnon von der Association des Amis du Vieil Arles, der mir die Tonband-Aufzeichnung vorgespielt hat.

Es ist nicht nur einmal vorgekommen, daß Kunsthändler die Zeitzeugen in Arles und Saint Rémy aufsuchten, um ihnen Bilder für wenig bis gar kein Geld abzuschwatzen. Auch Félix Rey ist seinen van Gogh für mehr oder weniger Nichts losgeworden. Kurz nach 1900 kam ein Soldat des 55sten Infanterie-Regiments, er hieß Charles Camoin und war ein damals völlig unbekannter Maler, in die Praxis, um sich krankschreiben zu lassen.

Rey erzählte von dem van Gogh am Hühnerstall und bekam wenige Tage später eine Postkarte von Camoin; er wolle das Bild kaufen und fragte nach dem Preis. Zunächst wollte Rey 5 Francs verlangen, was die Großmutter für unanständig hielt; da solle er es lieber verschenken. Dann verbesserte er seinen Brief und sagte „dann male ich eben eine 3 vor die 5“. So wurde das Geschäft für 35 Francs gemacht.

Camoins Wiedergutmachung: Der Hafen von Cassis (Ausschnitt)

Bei dem tatsächlichen Wert, der damals schon über 25.000 Francs lag, bekam Camoin wohl doch ein schlechtes Gewissen und schenkte Rey ein Gemälde von sich, „Le Port de Cassis“ und die Kopie einer Ärzteszene von Rembrandt, die Rey bis zu seiner Pensionierung in seiner Praxis aufhängte. Die Hafenszene aus der Provenienz Rey wurde 2010 von Christie’s zum doppelten Schätzpreis für 307.000 Euro verkauft.

 

Noch viel mehr in meinem Buch "Durch den Süden Frankreichs". Signierte Exemplare gerne bei manfred.hammes@web.de


 

 

Freitag, 25. September 2026

Wie in Roquebrune das Architektur-Ideal einer Frau vergewaltigt wird

 

Das Haus E.1027: 1930 einsam, heute umbaut

Nicht immer haben schöne Dinge einen Anspruch auf eine ebensolche Umgebung. Das geschichtsträchtige Haus mit dem seltsamen Namen E.1027 hat die irische Architektin Eileen Gray in Roquebrune-Cap-Martin bauen lassen. Es liegt zwischen Monaco und Menton, zwar direkt am Meer, ein paar Meter allerdings nur entfernt von der Bahnlinie und den heute die Küste dominierenden Ferienwohnungen im Riviera-Plattenbaustil.

Ebenfalls in Roquebrune, aber ganz anders, in einem riesigen Gartengelände, das einst zum Jagdrevier der Familie Grimaldi aus Monaco gehörte, liegt die „Villa La Pausa“ von Coco Chanel. Vor rund einhundert Jahren und damit fast zeitgleich zu E.1027 wurde die Villa geplant und erinnert doch eher an ein Zisterzienser-Kloster. Neben Igor Stravinsky waren es vor allem die Maler, die Coco sich hierher einlud: Pablo Picasso und Salvador Dali gehörten dazu. Später war es Winston Churchill, der nach dem Zweiten Weltkrieg hier als Autor seine klösterliche Ruhe fand. Nachdem das Haus ab den 1950er Jahren jahrzehntelang in Privatbesitz war, gehört es heute wieder dem Unternehmen Chanel und kann nur mit einer entsprechenden Einladung besucht werden.

Coco und das nach ihrem Haus benannte Parfum

Auf das Haus von Gray aufmerksam gemacht hat mich der Karlsruher Architekt Rainer Schneider. Und die Aufmerksamkeit hat es verdient. Zunächst des Namens wegen: E.1027 heißt es und verknüpft die Initialen von Eileen (E) Gray (7) und ihres rumänischen Partners Jean (10) Badovici (2) mit den Ordnungszahlen des Alphabets. Ein Haus für die Empfindsamkeiten und Bedürfnisse seiner Bewohner sollte es werden, ein offenes Haus mit Rückzugsecken, ein weißes Haus, innen wie außen, nach dem ausdrücklichen Willen seiner Erbauerin – so Gray 1929. 


Eileen Gray und Jean Badovici
Nachdem Gray das Haus ihrem jüngeren Architekten-Kollegen geschenkt hatte, hatte der nichts Besseres als seinem Kumpel, dem Architekten Le Corbusier die Erlaubnis zu erteilen, die „Baracke zu verschmieren“ – so hat sich „Corbu“ tatsächlich ausgedrückt. Und genau das tat er dann auch, mit knalligen Farben und teilweise erotischen Motiven. Eine plumpe Rache für die kritische Bewertung von Le Corbusier in einer Architekturzeitschrift, in der Gray dessen Konzept der „Wohnmaschinen“ für als alles andere als menschenfreundlich charakterisiert hatte.

„Corbu“ als Nacktmaler in Grays Haus

Jahre später wurde in dem lange leerstehenden und dann von einem kroatischen Fremdenlegionär besetzten Haus der Schweizer Arzt Peter Kaegi ermordet. Ihm wird eine sehr seltsame Rolle im Zusammenhang mit dem Tod von Le Corbusier zugeschrieben, dessen Erbe er angetreten hatte. Mit Voranmeldung kann das Haus, das sich als „Maison en Bord de Mer“ inzwischen im Eigentum des französischen Staates befindet, im Rahmen offizieller Führungen besichtigt werden.

 

 

 

Viel mehr in meinem Buch "Durch den Süden Frankreichs". Gerne signiert bei manfred.hammes@web.de