Freitag, 20. Mai 2022

Barbegal: Die römische Mühlen

Irgendwie führen alle Wege, in dem Fall zwar nicht nach Rom, sondern nach Barbegal und zu den beeindruckenden Ruinen eines wasserbetriebenen römischen Mühlenkomplexes. Von Arles aus im

Eine über 20 Kilometer lange Wasserleitung speiste neben den Mühlen auch Arles

Stadtteil Pont de Crau schräg links abbiegen in die Route de Barbegal, von Fontvielle aus nehmen Sie die Route des Moulins, die das Örtchen in exakt südlicher Richtung verlässt, und biegen nach ein paar Kilometern in die Route de Acqueduc ab. Wenn Sie von Arles aus fahren hat das den Vorteil, daß Sie am Schloss von Barbegal vorbeikommen, wo Sie nicht nur stilvoll heiraten können, sondern wo man gerne auch einen kleinen Empfang mit Ihren zweihundert engsten Freunden organisiert. In Zeiten von Facebook-Freundschaften wird das Château aber wahrscheinlich viel zu klein sein.

Château Barbegal im Zweiten Weltkrieg

Dieses Château war während des Zweiten Weltkrieges kurz, von 1943 bis zur Landung der Allierten an der Côte d’Azur, das Hauptquartier der 338sten deutschen Infanterie-Division. Aufgabe dieser Truppen war der Schutz der Mittelmeerküste von Sète über Montélimar und die Camargue bis kurz vor Marseille, genau gesagt bis zum Cap de la Vièrge östlich von Carry-le-Rouet. Hier befand sich zu jener Zeit eine zerfallende Kapelle, auf deren Türsturz man heute noch die Jahreszahl 1753 lesen kann. Der vielbesuchte Ort mit einer sitzenden stillenden Madonna Aussicht ist mittlerweile renoviert.

Die Reste der Mühlen-Fundamente sehen eher unscheinbar aus

Das Château hatte während der deutschen Besatzungszeit einen Kommandanten, der, zumindest vom Namen her, bestens in diese feudale Umgebung passte: René de l'Homme de Courbière hieß der Generalleutnant, der die Division am 10. Januar 1944 von Josef Folttmann übernahm. Courbière war ein Enkel von Guillaume René de l’Homme, Seigneur de Courbière, der einer alteingesessenen protestantischen Adelsfamilie der Dauphiné entstammte, die im 17. Jahrhundert nach Preußen ausgewandert war. Sein Großvater hatte es bis zum preußischen Generalfeldmarschall gebracht und eine Reihe von damals den Offizieren verbotene Duelle überlebt.

Noch im August 1943 hatten erstmals amerikanische B-17-Bombergeschwader in Südfrankreich angegriffen, zunächst die Flughäfen von Istres und Salon de Provence. Am 24. November wurde Bomben auf die Hafenanlagen von Toulon geworfen und vor allem waren es Zivilisten, die umkamen. 450 toten Franzosen standen 50 getötete deutsche Soldaten gegenüber. Ein paar Monate später konnte von ernsthafter deutscher Verteidigung schon nicht mehr die Rede sein. Die Resistance berichtete den Alliierten von Panzerattrappen aus Holz, die um das Schloß von Barbegal herum aufgestellt waren, und die es letzten Endes davor retteten, bombardiert zu werden. Als sich Courbière entschloß, mit seiner Division abzuziehen ging es durch das Rhônetal nach Norden und dann über Belfort ins Elsaß.


Teilweise noch gut erhalten: Die Wasserleitung

Ein industrieller römischer Mühlenkomplex

Von der Terrasse des Schlosses hat man bereits den Blick auf den Hang mit der römischen Wasserleitung und den Ruinen der Mühlen. Wichtig ist der Plural, denn dies ist ein ganz besonderer Ort. Obwohl wir normalerweise mit der englische Tuchproduktion in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts den Beginn der Industrialisierung verbinden, gab es hier bereits einen großen Industriekomplex im 3. Jahrhundert. Die Römer hatten hier einen genialen industriellen Mühlen-Komplex installiert. Insgesamt sechzehn Wasser-Mühlen waren in einer Doppelreihe hintereinandergeschaltet.

Dem Entdecker der Anlage, Fernand Benoit, wurde oberhalb der Mühlen eine Gedenktafel errichtet. Ende der 1930er Jahre fanden hier erstmals archäologische Ausgrabungen und Untersuchungen statt. Wieder einmal bestätigt sich an dieser Stelle: Man sieht nur, was man weiss. Denn die meisten, der allerdings immer noch wenigen Besucher dieses mehr als zwanzig Kilometer langen Doppel-Aquädukts gehen nur die letzten dreihundert Meter entlang der Wasserleitung und vor bis zu dem ziemlich steil abfallenden scheinbaren Ende, werfen noch einen Blick ins Tal und gehen wieder zurück zum Auto. Dabei wird es hier erst interessant.

Der Verlauf der Wasserleitung. Bild A. Chenet

Der berühmte "Knick". Zahlreiche weitere Bilder von Walter Kuhl finden Sie hier.

Hier und unten die doppelte Anlage der Mühlen. Bild: Danke an Walter Kuhl.

Die Rekonstruktion der Anlage durch Professor Cees Passchier von der Uni Mainz. Danke für das Bild!


 

Vier Tonnen Getreide wurden täglich verarbeitet

Die Wasserleitung teilt sich nämlich an dieser Stelle in eine, die in einem rechten Winkel nach Arles führt und in eine, die die Mühlen antrieb. Diese hintereinandergeschalteten Mühlen aus dem zweiten oder dritten Jahrhundert, so Professor Cees Passchier vom Institut für Geowissenschaften der Universität Mainz, der mir auch die Schemazeichnung der Anlage zur Verfügung stellte, hatten eine beachtliche Kapazität. Mehr als vier Tonnen Getreide konnten hier jeden Tag verarbeitet werden. Was mit dem Mehl geschah, ist unklar. Für die Versorgung von Arles alleine, wäre die Menge viel zu groß gewesen. So wird vermutet, daß aus diesem Mehl auch Schiffszwieback für die römischen Kriegsschiffe produziert wurden, die in Arles und Fos anlegten.

Vom Frühsommer bis zum Herbst stand die Anlage still. Dann versiegten regelmäßig die beiden Quellen von Mollégès und Paradou, die die Leitungen speisten. Dieses technologische Meisterwerk ist sicher einer der am meisten unterschätzten Orte in der Provence.

Freitag, 13. Mai 2022

Werner Lichtner-Aix: Auf der Suche nach dem idealen Licht




Werner Lichtner-Aix in seinem Atelier des idealen, "sensationslosen" Lichts
Wenn Sie von Orange aus nach Sérignan-du-Comtat, fahren Sie rechts am Harmas von Jean-Henri Fabre vorbei, ein paar hundert Meter weiter sehen Sie das Hinweisschild auf das Atelier-Musée von Werner Lichtner-Aix. Das ist aber auch schon alles, was den Besucher auf dieses sehenswerte Museum hinweist. Geöffnet derzeit nur nach Voranmeldung; siehe Homepage.

Auf Nachfrage im Rathaus erklärt ein geschäftiger Herr wortgewaltig und gestenreich den Weg. Ich habe mich gerade auf einen längeren Spaziergang eingerichtet, da stehe ich auch schon vor dem Eingang. Es ist das sorgfältig restaurierte Haus auf der Rückseite des Rathauses. Eine ältere Dame sucht mit jedem der wenigen Besucher das Gespräch. Ob mir der Bürgermeister den Weg auch so kompliziert beschrieben habe?



Lichtner-Aix sah 1961 die Fauves in Paris und begeisterte sich an Rottmann, C.D.Friedrich, 
Purrmann, Turner oder Claude Lorrain.  © aller Bilder in diesem Beitrag bei Monique Lichtner-Lubcke.
Im übrigen aber hielt sie sehr viel von ihrem alten Bürgermeister. Er sei es immerhin gewesen, der Werner Lichtner-Aix nach Sérignan geholt habe. „Damals“, das war Ende der sechziger Jahre, „ hat Monsieur le Maire dem Werner die Ruine des Château zum symbolischen Preis von einem Franc überlassen.“ Zur Auflage sei allerdings gemacht worden, daß das Gemäuer innerhalb von zwei Jahren renoviert werde. Heute ist der Ortskern weitgehend in einem ordentlichen baulichen Zustand.

Die Dame im Musée-Atelier spricht den Namen des Malers mit deutscher Betonung aus. Ehe ich danach fragen kann, erzählte sie, daß sie kurz nach Kriegsende in Deutschland ihren Mann kennengelernt hat. Er war Offizier der französischen Besatzungskräfte. Lange vor Werner seien sie nach Sérignan gekommen; beide sind inzwischen gestorben. 


Monique's Kochbücher haben viel für Werner's Popularität getan.
Sie wundere sich immer, wie viele, gerade der deutschen Besucherinnen, den Namen von Monique Lichtner kennen. Und die wiederum wundern sich dann, daß deren Mann einer der bekanntesten zeitgenössischen Landschaftmaler in Frankreich war. Des Rätsels Lösung: Zwei Kochbücher, die Monique Lichtner für den Weingarten Verlag geschrieben hat und die ihr Mann mit Aquarellen aus provenzalischen Küchen, Kräutergärten und Weinbergen illustriert hat. Ansonsten sind es, neben Landschaften in Blau und Ocker, die Plätze und Häuser in den kleinen Dörfern um den Ventoux, die Lichtner-Aix inspirierten: die Bar mit den Plantanen und dem Brunnen, der Markt, das Tabakgeschäft, das Boulespiel der alten Männer.

Beispiele seiner Provence-Bilder aus dem Museum Lichtner-Aix
Das Atelierhaus - der Besuch lohnt sich - baute Lichtner nach seinen Vorstellungen vom idealen Licht. Obwohl Lichtner schon lange tot ist: Wer sein Atelierzimmer im zweiten Stock des Hauses betritt, hat das Gefühl, er habe den Raum nur gerade für ein paar Minuten verlassen.


...das Atelier gerade verlassen
Die Palette liegt noch auf dem einfachen Maltisch, eine Leinwand auf der Staffelei und an der Fensterscheibe hat er die verschiedenen Ockertöne aus seinem Sinai-Projekt, der letzten Bildserie, die er gemalt hat, ausprobiert und gemischt. Man ist versucht nachzusehen, ob er mit einem Glas Wein in der Hand drüben in der Bar du Commerce steht. Die Vergänglichkeit bringt sich schnell in Erinnerung, wenn man im Hof des Ateliers an seiner Urne vorbei geht.
Die Bar du Commerce steht inzwischen zum Verkauf, wie viele andere Häuser auch. Die Polizei ist in das ehemalige Office du Tourisme eingezogen und es gehört schon zu den besonderen Ereignissen in Städtchen, wenn der Polizist den Abfluß des Dorfbrunnens von den Platanenblättern säubert.



Donnerstag, 5. Mai 2022

Trauboths anregendes Gedankenspiel mit und um Saint-Ex

Wenn wir mal Mao- und sonstige Bibeln aller Couleur vergessen, gehört „Der kleine Prinz“ von Saint-Exupéry zu den weltweit drei meistverkauften Büchern und das mit einer Auflage von irgendwo zwischen 150 und 200 Millionen Exemplaren. Hinzu kommen weitere Romane und Geschichten aus dem Fliegermilieu, die Jörg Trauboth am Ende seiner Buches „Bonjour Saint-Ex“ kurz vorstellt.

Nicht ganz leicht war es für Saint-Exupéry gewesen, überhaupt zu den Fliegern zu gelangen, nicht nur, weil seine Eltern und seine künftige Frau wenig von dieser gefährlichen Angelegenheit hielten. Auch sein Kommandant beim Straßburger Fliegergeschwader war wenig begeistert. Wenn es denn unbedingt sein müsse, könne der Soldat zweiter Klasse ja private Flugstunden nehmen – auf eigene Kosten, versteht sich –, und wenn es mit der Lizenz klappe, auch am militärischen Flugtraining teilnehmen. Einen Fluglehrer fand Saint-Exupéry dann ausgerechnet in Robert Aéby, einem ausgemusterten Piloten der deutschen Luftwaffe.

Ob der adelige Saint-Ex nun ein flugvernarrter Literat oder ein literaturvernarrter Flieger war, wird immer wieder diskutiert und auf dem Cover eines Buches von François Suchel gut wiedergegeben. Wir indes können das Saint-Ex heute nicht mehr fragen. Das hätte aber Fabian Braun, der Protagonist der Novelle „Bonjour Saint-Ex!“, durchaus tun können.


Denn als er die letzte Flugroute des Comte Antoine Marie Jean-Baptiste Roger de Saint-Exupéry nachfliegt - was Trauboth tatsächlich getan hat-, begegnet er seinem Idol in der Luft. Die beiden tauschen sich aus, philosophieren miteinander und finden sich sympathisch. Und das, obwohl der Vater von Trauboths ‚Alter ego‘ Fabian Saint-Ex bei dessen letztem Flug abgeschossen haben will; oder vielleicht sogar hat.

Auch andere deutschen Jagdflieger brüsteten sich mit dem Abschuss. Etwa hat Horst Rippert, ZDF-Sportreporter und Bruder des Sängers Ivan Rebroff, das behauptet und hinterher bedauert. Aber dafür fehlen die Beweise, weil sämtliche Unterlagen beim Rückzug der Deutschen aus dem Mittelmeerraum verloren gingen. Fabian Braun ist eine erfundene Figur, aber, so Trauboth: „In dem Dialog mit seinem Vater habe ich auch mein Vaterverhältnis aufgearbeitet. Wie ich auch Exupérys letzten Flug tatsächlich im letzten Jahr nachgeflogen bin.“

Da ist so vieles nicht geklärt und bis heute werden zahlreiche Vermutungen angestellt. Wollte sich Saint-Ex abschießen lassen? Hat er mal wieder einen seiner Pilotenfehler begangen, die ihn schon vorher des Öfteren haben abstürzen lassen? Stimmen die Auslegungen seiner letzten Briefe, in denen viel Todessehnsucht hineininterpretiert worden ist; war es also Selbstmord? 

Einem Freund hatte er in der Nacht davor geschrieben: „Falls ich abgeschossen werden sollte, verschwinde ich, ohne das zu bedauern.“ Sogar der Bild-Zeitung war Saint-Exupéry einen Beitrag wert: „Zerbrach er am wilden Leben?“, fragt das Blatt und zählt die Selbstmord-Indizien auf: „Schwerer Alkoholiker“ und „der Literat litt unter seiner Impotenz“.

Trauboth verlässt sich auf seine jahrzehntelangen Recherchen und spekuliert entsprechend wenig. Etwa finden sich viele wörtliche Zitate aus den Briefen, die Saint-Exupéry während der Flüge an seine Mutter geschrieben hat. Besonders überzeugend gelingen die Passagen des Buches, in denen um das Fliegerische geht. Kein Wunder, denn, so Trauboth: „In diesem Projekt fühlte ich mich von Anfang an zu Hause, weil ich glaube als Pilot mit über 5000 Stunden Flugerfahrung und als Schriftsteller gute Voraussetzungen für diese Novelle zu haben.“

„Geradeaus kann man nicht sehr weit kommen“ heißt es im „kleinen Prinzen“. Andererseits in der Luft schon. Trauboth hat ein anregendes Gedankenspiel geschrieben, das mit Fakten und Fiktion jongliert, eines, das viele Fragen beantwortet und zum Glück manche offenlässt.
 

Jörg H. Trauboth: Bonjour, Saint-Ex! Ratio-Verlag, Lohmar, 2022, 17 Euro

Wer kennt sein Buch besser als der Autor selbst? Deshalb hier noch der Hinweis auf empfehlenswerte knappe 2 Minuten, die Trauboth auf Youtube eingestellt hat .

 



Freitag, 22. April 2022

Fünfhundert Jahre Protestantismus auf 30 Metern Holz

In Saint-Chaptes, irgendwo im Dreieck zwischen Nimes, Uzès und Ales ist Jean-Pierre Thein gestrandet – nach langer Suche hat er im Mas de Luc nun genug Platz für sein Atelier. Und den braucht er auch, wenn man alleine an sein insgesamt 30 Meter langes Basrelief zur Geschichte des Protestantismus denkt. 

Auf den 50 Tafeln sind fast zweihundert Personen zu sehen. Das Holz dafür, Bubinga, stammt aus Westafrika. Sieben Monate hat er daran gearbeitet und die Geschichte der Reformation geschnitzt, natürlich mit einem Schwerpunkt auf den Süden Frankreichs. 

Ausgehend von Luthers Thesen und der Erfindung der Druckkunst durch Johannes Gutenberg, der die rasante Ausbreitung des neuen Glaubens erst möglich gemacht hatte, macht Thein mit uns einen Streifzug vom Edikt von Nantes und dessen Widerruf über die Gefangenen im Tour de Constance in Aigues-Mortes (oben links) bis zu den französischen Exilanten, die vor allem auch in Preußen und der Schweiz ein gastfreundliches Exil fanden. Und natürlich die Dragonaden, die zwangsweise Einquartierung der katholischen Soldaten Ludwigs XIV. in den protestantischen Häusern der Cevennen. Jedes eroberte Dorf erhielt den dann den Namen des Tagesheiligen als zusätzlichen Namensbestandteil. So wurde aus Cazevielle dann Saint-Maurice-de-Cazevielle oder aus Gauzignan dann Saint-Césaire-de-Gauzignan.

Das Relief ist auf einer Wanderausstellung durch den protestantischen Süden Frankreichs zu sehen. Informationen beim Künstler und auf seiner Homepage: www.jeanpierrethein.fr .

Thein arbeitet aber nicht nur als Holzschnitzer, sondern auch als Sklupteur und Maler. Im Bild die etwa 150 Zentimeter hohen Figuren aus der Serie Ängste, die er aus Schwemmholz und Steinen aus den berühmten Weinbergen von Tavel hergestellt hat.



 

Mittwoch, 20. April 2022

Tod eines jungen Razeteurs

Fast zwanzig Jahre konnten die Courses camarguaises ohne tödliche Unfälle abgehalten werden. Jetzt hat es innerhalb kurzer Zeit zwei junge Männer gegeben, die ihren gefährlichen Sport mit dem Leben bezahlten, zuletzt Enzo Robert, der aus unserem Nachbardorf stammte. Er wurde noch vor Ort in Les-Saintes-Maries über einen längeren Zeitraum behandelt, dann nach MArseille geflogen, wo er nachts im Krankenhaus starb.HIER die Bilder von seiner Trauerfeier.


Enzo Robert starb mit 20 Jahren. Bild Cyril Daniel

Für die Stiere ist, selbst bei den kleinen Festen, der Tierarzt da, wie in Saint Chaptes vor zwei Jahren, als der Kampf unterbrochen wurde, als sich der Stier einen kleinen Riß unter dem Auge zuzog. Züchter und Tierarzt sahen sich die Wunde sorgfältig an und konnten dann die Raseteurs und die Zuschauer beruhigen. Raynausie von der Manade Chabalier durfte weitermachen und erwischte kurz darauf einen Raseteur mit seinem rechten Horn am Oberschenkel. Das schien nun weniger wichtig zu sein, unterbrochen wurde nicht und der Verletzte mußte bis zur Pause warten, bis der Tierarzt ihn schnell zum Menschendoktor fuhr. 

An leichtere Verletzungen haben sich Raseteure und Zuschauer gewohnt, das ist beim Fußball nicht anders als bei den Courses. Das umfängliche Regelwerk der Stierspiele dient vor allem dem Schutz der Tiere, so die maximal fünfzehn Minuten, die der Stier in der Arena verbringen darf. Die Raseteurs haben Einsätze von sechsmal 15 Minuten. Der Stier entscheidet, ob er rennt, angreift oder einfach eine Viertelstunde im Schatten verbringt, dies höchstens mit dem Risiko ausgepfiffen zu werden. Die Razeteure sind in der Trophée des AS sind Berufssportler und kennen das Risiko.

Alte und junge Spezialisten kommentieren und bewerten. Für Enzo Robert konnten sie nur noch beten - und das vergeblich.


Donnerstag, 14. April 2022

Cevennen-Whiskey: Wie anders als Camisard

Whiskey à la Midi: Camisard

Natürlich ist es überschaubar einfallsreich, wenn auch durchaus verständlich, einen Whiskey aus den Cevennen, den ersten bisher, „Camisard“ zu nennen. Antoine Restencourt hat seine Distillerie in Les-Salles-du Gardon und gerade erst mit dem Verkauf des ersten Produkts begonnen, einem „Single-Malt-Finish“. Was heisst das? Der Whiskey kommt ausschließlich aus einer Distillerie, ist also „Single“. Das Getreide des Camisard ist zu einhundert Prozent gemälzte Gerste und der Whisky musste danach noch mindestens drei Jahre im Fass reifen. Und da es zwei unterschiedliche Fasstypen sind, ist er auch gefinished, im konkreten Fall erst in normannischen Eichenfässern und dann in cevenolischen Kastanienfässer gereift. Auch das Regenwasser für die Produktion lagert die Brennerei in Fässern.

500 Flaschen zu 65 Euro hat er bisher immerhin verkaufen können, davon 300 im Weihnachtsgeschäft. Seine nächsten Whiskeys sind für das Jahr 2025 angekündigt, darunter der Camisard-Shaman, ein geräucherter Single Malt. Schon das zeigt, dass hier ein engagierter Kleinunternehmer zugange ist. Restencourt ist ehemaliger Marketing-Mann aus der Normandie, der jetzt, mit 50 Jahren, etwas komplett anderes machen wollte. Bisher hat er den Vertrieb über die kleinen Geschäfte in der Region organisiert; siehe Karte. Von daher ist es etwas schwierig diesen Whiskey zu kaufen, wenn man nicht gerade im Webshop auf www.distilleriedescamisards.fr kaufen möchte. Am besten fährt man samstags nachmittags einfach vorbei und probiert vor Ort ; eine Anmeldung wäre schön: 095 47 68 91. 

Geschmack ist wie immer Geschmachssache: Haselnuss- und Kaffeenoten sind zu schmecken und auch das Kastanienholz im Abgang.



Überschaubar viele Vertriebsstellen selbst im Gard




Dienstag, 8. März 2022

Ironie und Boshaftigkeit: Deutsch-französische Begegnungen

Rainer Ehrt und ich haben ein Buch über deutsch-französische Begegnungen gemacht, echte und erfundene.

Über Ehrts Zeichnung der Exilschriftsteller in „Café des Exilés“ haben wir uns kennengelernt. Das Bild fand Eingang in mein jüngstes Buch, den Reiseverführer „Durch den Süden Frankreichs“ mit den Schwerpunkten Literatur, Kunst und Kulinarik. „Vielleicht die fundierteste Darstellung zu diesem Thema, ganz gewiss ist es die am besten geschriebene“, urteilte die FAZ.

Ehrt studierte an der hochgelobten Hochschule für Kunst und Design Halle/Burg Giebichenstein und bezeichnet sich selbst ironisch als “Fossil der grafischen Kunst”. Mit präzisem Strich, lustvoll fabulierend und mit vielen Anspielungen legt er seine Zeichnungen an; die wurden in namhaften Medien publiziert, von der FAZ über die TIMES bis zu ZEIT und GEO, und in zahlreichen Ausstellungen weltweit gezeigt.

Im Buch begegnen sich Henri IV. und Heinrich Mann, der vor den Nationalsozialisten über Kehl ins Exil nach Frankreich floh und in Nizza zwei Romane über seinen Lieblingskönig schrieb. Oder Napoleon und Goethe: Dafür, dass er bereits 60 Jahre alt sei, habe er sich „ganz gut erhalten“, sagte der damalige Kurzzeit-Herrscher über fast ganz Europa zum Langzeit- Dichterfürsten.

Es begegnen sich weiter Brecht und Villon. Einige der genial-frechen Verse und Ideen François Villons wurden von Brecht einfach kopiert. Ohne Villon hätte es die Dreigroschenoper so nicht gegeben.

Zeichnungen und Texte ergänzen sich, weil Ehrt so zeichnet wie ich schreibe oder umgekehrt. Kein deutscher Zeichner ist denkbar ohne grandiose französische Vorbilder wie Honoré Daumier und Jean- Dominique Ingres, dem grandiosen Porträtisten einer ganzen Epoche, der es auf den Punkt brachte: "Die Zeichnung ist die Ehrlichkeit in der Kunst!" Das war auch die Devise von Tomi Ungerer, dem Ehrt mit einem Einzelportrait Reverenz erweist.

Das grossformatige Buch mit über einhundert Seiten erscheint in der Édition du Signe und kostet 20 Euro. Bestellungen bei manfred.hammes@web.de oder in einer dieser richtigen Buchhandlungen, wo es noch Menschen gibt. Gerne sende ich Ihnen ein Exemplar zu. Wenn es nicht gefällt (was bisher nicht vorgekommen ist), schicken Sie es einfach zurück.

Montag, 24. Januar 2022

Sanary-Paris-Berlin: Liebe, Hass und Magie der 30er und 40er Jahre

Zwei anregende Bücher von zwei Journalisten, die beide viel voraussetzen; sagen wir mal mindestens ein Studium in Literatur- und Kunstgeschichte, dazu Romanistik und Politik. Erst dann wird man beide Titel mit Freude entweder durchlesen (besser bei Agnès Poirier) oder wenigstens als Nachschlagewerk benutzen kann (besser bei Florian Illies). Zwei Bücher, die, wenn sie chronologisch gelesen werden sollen, in Zeiten des Hasses (1929 bis 1939) beginnen und an den Ufern der Seine enden (1940 bis 1950. 
 
Wirklich ein gutes gemischtes Doppel - und die Trikolore als Lesebändchen

Ohne die vielen Brief- und Tagebuchschreiber der 1930er- und 1940er Jahre hätten es beide Bücher nicht geben können. Das zeigt bereits ein erster Blick in die sehr unterschiedlich und bei beiden nicht besonders hilfreich aufgebauten Literaturangaben; allgemeine Bibliographie ergänt um eine speziell auf die Hauptpersonen zugeschnittene Literatur bei Illies und ein Fußnoten-Anhang bei Poirier, der zu viel Hin- und-Her-Blätterarbeit zwingt

Mehr Namedropping geht nicht. Florian Illies und Agnès Poirier führen je rund 600 Namen in den Registern ihrer Bücher an. Während bei Illies Bert Brecht und dieFamilie Mann, allen voran Klaus, die Hitparade anführen, sind es bei Poirier natürlich Beauvoir und Sartre, denen die meisten Fundstellen zugeordnet sind; und dann aber ausgerechnet noch dieser unbeirrbar libertäre und fürchterliche Arthur Koestler, der sein Leben selbst als "Zickzackleben" einstufte. Und das war eher untertrieben.

Sartre Beauvoir Brecht Klaus Mann (1944 in US-Uniform in Italien) Koestler (1937)

Der Jude aus der österreichisch-ungarischen Monarchie wurde während der Wiener Studienzeit Mitglied in einer schlagenden, jüdischen Verbindung, wandte sich dem Zionismus zu, arbeitete in einem Kibbuz, ging nach Berlin und schrieb dort für die B. Z. am Mittag, emigrierte nach Paris, gesellte sich sommers zur deutschen Exilantenkolonie in Sanary, wurde linientreuer Kommunist und ab Ende der 1930er Jahre einer der mutigsten Kritiker der KP, wie sein Buch „Sonnenfinsternis“ aus dem Jahr 1940 beweist, das erstmals die stalinistischen Schauprozesse und die Rolle des russischen Geheimdienstes im Spanischen Bürgerkrieg enttabuisierte. Im England der Nachkriegszeit wurde er dann einigermaßen heimisch. Von der Philosophie bis zu den Naturwissenschaften enzyklopädisch gebildet, stiftete er testamentarisch einen Lehrstuhl für Parapsychologie an der Universität Edinburgh, als er sich 1983 gemeinsam mit seiner Frau umbrachte.

Koestler als „impulsiv oder gestört“ zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Zu Hause schlug er im Wutanfall Möbel kurz und klein, mit Albert Camus prügelte er sich, und nach Sartre, dem er zeitweise Simone de Beauvoir ausspannte (sie hätte das anders gesehen), habe er „nur“ mit Gläsern geschmissen.

Öffentlich verteufelt hat ihn Michael Foot, einst Vorsitzender der englischen Labour Party. In der Financial Times schrieb er über Koestler: „Ich war mit ihm nicht nur politisch zerstritten. Jahre später erfuhr ich, daß Koestler versucht habe, meine Frau zu vergewaltigen.“ Weitere schwerwiegende Vorwürfe kamen hinzu, die manchmal als „erotische Eskapaden“ oder „private Entgleisungen“ verniedlicht wurden. In der Biographie von David Cesarini wird Koestler als Serienvergewaltiger geschildert, Frauen zu schlagen und zu vergewaltigen sei zu einem „Merkmal seines Verhaltens“ geworden. Von ihm hat Frau Poirier seltsamerweise ein etwas anderes Bild.

Dem Buch von Illies ist eine Unmenge von Lesearbeit vorausgegangen. Zurecht bedankt er sich bei seinen Vorarbeitern, so zum Beispiel bei Manfred Flügge für die vielen Hinweise auf Liebe und Hass in Sanary-sur-Mer, das kleine Örtchen an der französischen Mittelmeerküste, das für wenige Jahre, wie Ludwig Marcuse schrieb, zur "Hauptstadt der deutschen Literatur" geworden war. Natürlich ist Illies ein Kompilator, aber auch das will gekonnt und so kurzweilig gemacht werden, wie es ihm hier gelungen. Und wenn man an Vergil denkt, der das ja bestens beherrschte, so gut, daß man nicht mehr wußte, was denn von ihm und was von Homer war, dann ist das doch ein akzeptabler Vorläufer. Mich würde ja mal interessieren, wie das Originalmanuskript von Illies ausgesehen hat. Ob es eine xls-Tabelle war?

 
Heinrich Mann und Feuchtwanger ja, aber nicht Grosz

Natürlich dürfen bei einer solchen Mammutarbeit ein paar Ungenauigkeiten hereinrutschen. George Grosz etwa war nicht der Erste, den die Nazis ausbürgerten (S. 202). Das waren die eine Dame und die vielen Herren von hier nebenan. Grosz wurde diese Ehre erst viel später, im März 1938, zuteil und schon im November des gleichen Jahres wurde er amerikanischer Staatsbürger. Zu den ersten gehörten Heinrich Mann, Tucholsky, Kerr und Feuchtwanger.

Da fehlt auch André Gide als Moskau-Reisender (S.308). Ein angesehener französischer Schriftsteller fährt ins stalinistische Moskau, distanziert sich in seinem Reisebericht vom Kommunismus und wird zu Hause von vielen verdammt. Ein angesehener deutscher Schriftsteller reist ein Jahr später nach Moskau, verteidigt in einem Reisebericht den Kommunismus und wird zu Hause von vielen verdammt. 

Die Reisen von André Gide 1936 und Lion Feuchtwanger 1936/37 erregten hohe Aufmerksamkeit. Auf Einladung des sowjetischen Schriftstellerverbandes waren beide nach Moskau gereist. „In Moskau wurde ich so triumphal empfangen, daß es schwerfällt, nicht größenwahnsinnig zu werden“, schrieb Feuchtwanger von dort an Stefan Zweig. Es waren Staatsbesuche, wenn auch nur literarischer Art. Und natürlich waren sie von besonderer wirtschaftlicher Bedeutung für die Autoren, denn Feuchtwanger beispielsweise erhielt ein Honorar als Herausgeber der in Moskau erscheinenden Exil-Zeitschrift Das Wort. Die russischen Übersetzungen von Gide und Feuchtwanger wurden in hohen Auflagen abgerechnet; so ganz genau wußte allerdings niemand, ob sie auch verkauft wurden – ja, es war nicht einmal sicher, ob diese Stückzahlen überhaupt je gedruckt worden waren. „Ich habe in Russland schrecklich viel Geld liegen und kann dort auf Lebenszeit Kaviar essen“, schrieb Feuchtwanger in einem Brief. Später wurde ihm dieses Geld sogar auf westliche Konten überwiesen – ein Bevorzugung, die nicht einmal Thomas Mann erfuhr.

Poirier und Illies haben jedenfalls lesenswerte Spiegelbilder der 1930er und 1940er Jahre geschrieben. Nur, was haben diese vielgelesenen Autoren bewirkt? Nichts. Da sah Lion Feuchtwanger ganz realistisch, als er mit einem Abstand von Jahrzehnten seine Lebenserinnerungen schrieb. 

Da relativierte er vor allem die bedeutungsvoll politisierenden und nur sich selbst wichtig nehmenden deutschsprachigen Exilanten. Tatsächlich seien sie politisch völlig einflußlos gewesen, wurden in ihren Gastländern kaum gehört und blieben auf den Gang der Nachkriegsgeschichte ohne jede Wirkung.

Nur, wenn man in Sanary gemeinsam über die Briten herziehen konnte, bestand ein Grundkonsens „mit einem Hochmut, der eines de Gaulle würdig gewesen wäre“, formulierte es Sybille von Schoenebeck später maliziös. Dieser kleine gemeinsame Nenner wurde regelmäßig im Vorgarten des amerikanischen Schriftstellers William Buehler Seabrook überprüft und erneuert. Ihm billigte man die Narrenfreiheit zu, die Exponenten aller Lager auf sein neutrales Gelände einzuladen: „Die haute volée des deutschen Geistes mit seinen Geistinnen. Die Herren im Besten, was sie hatten, die Damen sogar mit Hütchen, aus längst verblühten Tagen.“ Dabei fiel Seabrook mit Badeschlappen, Fischerhosen und blankem Oberkörper erwartungsgemäß aus der Rolle.

 

Mittwoch, 10. November 2021

Juan-les-Pins und Hachmeisters Geschichte des "Hotel Provençal"

Habe ich mit Hachmeisters Hotel Provençal nun, wie der Untertitel suggeriert „Eine Geschichte der Côte d’Azur“ lesen können? Nein, und „Die Geschichte der Côte“ erst recht nicht. Dafür aber „Die Geschichte des Hotel Provençal“ in Juan-les-Pins, einem einstigen Luxushotel, das vor 

Die SNCF-Plakate wurden oft von namhaften Künstlern gestaltet

allem in den 1930er und 1940er Jahren zum Treffpunkt mehr der Reichen, manchmal aber auch der Schönen geworden war, von Churchill und Man Rey über Lilian Harvey, die Juan-les-Pins 1968 starb, samt ihrem Willy Fritsch bis zu Gary Cooper, dem Cowboy, der hier das Tauchen lernte, und Charles Chaplin. Letzterer gönnte sich im Provençal zwei Monate Pause, nachdem die Dreharbeiten zu „Lichter der Großstadt“ beendet waren. 

Juan-les-Pins: Schon früh überlaufen

Wie fast in allen mondän gewordenen Orten an der Côte ist man als Autor immer in Gefahr in einem überschwappendem Namedropping den Überblick zu verlieren oder den Leser zu überfordern. Man mag es mir glauben oder nicht. Ich habe zufällig die Seite 173 als allererste überhaupt aufgeschlagen und finde da:

Al Jarreau
Alexandre Barache
Aretha Franklin
Boma Estène
Carla Bruni
Charles Mingus
Chuck Berry
Dizzie Gillespie
Dorothy Burns
Ella Fitzgerald
Elvis Presley
Eric Dolphy
Frank Jay Gould
Herbie Hancock
Keith Jarrett
Louis Armstrong
Marianne Estène-Chauvin
Miles Davis
Nina Simone
Ray Charles
Rosetta Tharpe
Santana
Stevie Wonder und
Sting.

Also 24 Namen in 36 Zeilen. Später habe ich aber dann auch Seiten gefunden, auf denen nur fünf oder sechs Namen verzeichnet waren. Aber lassen wir die Krittelei...

Von 1927 bis 1976, also 49 Jahre wurde das Provençal als Hotel betrieben; fast ebenso lange ist es inzwischen auf dem Weg alles Irdischen, dem Zerfall. Ein Wächter mit seinem Dobermann machte noch lange seine Runden durch das 250-Zimmer-Haus. Später wurde das Haus zur größten Hotelruine der Welt, ein lost place, der wie eine zwischen den Pinien gestrandete „Titanic“ oberhalb des kleinen Städtchens am Mittelmeer lag.

Inzwischen eine von den Pinien gnädig verdeckte Ruine
 




Hachmeister hat seine Spurensuche gut recherchiert und spannend geschrieben. Aus vielen Puzzleteilchen entwickelt sich ein Kaleidoskop aus Luxus, Literatur, Film, Architektur, Tourismus und Bauwahn. 

Es lohnt übrigens nicht nur das Buch zu lesen, sondern sich zunächst einen ersten Überblick mit der für das ZDF und ARTE erstellten TV-Doku auf YouTube (Teil 1 unter https://www.youtube.com/watch?v=DlSxcuB_ydY) zu verschaffen, die Lutz Hachmeister vor etwas mehr als zwanzig Jahren gedreht hat. 

Dem Buch wünsche ich eine schnelle zweite Auflage, damit es auch per Register erschlossen wird und zudem dann auch die sinnvollen Anmerkungen in den Text eingebunden werden.

Lutz Hachmeister: Hôtel Provençal. 239 S., München, C. Bertelsmann 2021, 22€

Mittwoch, 29. September 2021

Macht Lust zum Nachkochen

RotGelbGrün: Die aktuelle deutsche Tomatensuppe

An sich war ich ziemlich skeptisch, als ich mir das Buch von Melissa Clark bestellte, also scheinbar einer Engländerin oder Amerikanerin, die über die französische Küche schreibt, aber dann doch irgendwie englisch als „Dinner auf Französisch“ oder „Dinner in French“, wie das Original heißt. Und das Ganze „optimiert und praktisch, und angereichert mit einer Dosis Brooklyn-Energie als Frischekick für die butterreiche Haute Cuisine“. Oh je. 

Also, wenigstens ist sie Amerikanerin und nicht britisch, von denen schon Landsmann Peter Mayle wußte, daß sie ihre Tiere zweimal töten, einmal beim Schlachten und dann bei dem, was sie „Kochen“ nennen. Und immerhin hat sich Clark über gastronomische Dinge schon früh Gedanken gemacht. Ihre Abschlußarbeit am College schrieb sie über die Bedeutung des Essens in Cervantes‘ Don Quichotte. Und danach gab es die jährlichen Reisen mit den Eltern durch den Süden Frankreichs: „Erst irrten wir herum und dann gab es Mittagessen“ beschrieb sie als Kind diese Urlaube, die sie aber doch erheblich beeinflußten. Und heute: „Wenn wir nicht am Herd stehen, planen wir die nächste Mahlzeit“, erzählt sie von sich und ihrem Mann, der ebenfalls Kochbücher schreibt, zum Beispiel speziell für Kinder, die gemeinsam kochen möchten. 

Was ist eine Dosis Brooklyn-Energie. Ich habe dann meine persönliche Sterne-Köchin gefragt, aber die wußte auch nicht, ob und wo man das kaufen kann und sagte nur: „Butter weglassen ist keine Lösung.“Als sie mir dann das Buch wegnahm und nach dem ersten Durchblättern („gar nicht schlecht die Bilder“) damit begann Lesezeichen bei den Rezepten einzulegen einzulegen, war meine Skepsis schon fast verflogen.
 

Spargeltarte mit Ziegenkäse und, wer's mag, Estragon

Einige Gerichte sind interessant abgewandelt, wie der Brie im Filoteig mit scharfem Honig und Anchovis, sonst die klassische Version der Pizza, wie sie im Étienne in Marseille jahrelang als fast einziges Gericht auf der Karte stand. Die klassische Fischsuppe mit Croutons und Rouille verwandelt sich bei Clark in eine wegen der wenigen Fischanteile preiswerte Bouillabaisse mit Miesmuscheln. Wenn’s dann abschließend die Champagnersuppe mit Fleur-de-Sel-Baisers und Minze gibt, ist das doch ordentliches und wenig aufwändiges Menue für einen Dienstag-Mittag. Zahlreiche andere Gerichte wecken ebenfalls die Lust am Nachkochen.

Die ausdrucksstarken Bilder von Laura Edwards sind immer dann besonders gut, wenn es keine reinen Food-Fotos sind. Mein Lieblingsbild finden Sie in diesem Beitrag und im Buch auf Seite 341 und damit auf der letzten Seite.

Warum der Verlag schreibt, das Buch habe 376 Seiten hat sich mir nicht ganz erschlossen. An sich ist es so gut, daß ich mir weitere 35 Seiten gerne angesehen hätte. Das Buch erscheint im Oktober 2021 im Narayana-Verlag, den Sie vielleicht kennen, wenn Sie Heilpraktiker sind oder homöopatisch angehaucht, und kostet 30 Euro.