Wenn mich heute jemand fragen würde, wo Uwe Wittstock die
Zeit zwischen dem 14. Mai 1940 und dem 2. November 1941 verbracht hat, würde
ich sagen: In Marseille – anders kann es gar nicht gewesen sein. So nah dran
ist er mit seinem Buch „Marseille 1940“ an den deutschsprachigen Literaten, die
ab 1933 vor den Nationalsozialisten nach Frankreich geflohen waren. Am 14. Mai 1940
hören wir gemeinsam mit Lion Feuchtwanger in seinem Haus in Sanary-sur-Mer die
Abendnachrichten.Am 2.
November 1941 kehren wir mit Varian Fry in die USA zurück.
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ExilantentreffpunktVieux Port
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Nach der Kapitulation Frankreichs und dem Vormarsch
der Wehrmacht in den Süden, trafen sich Autoren wie Heinrich Mann, Walter
Hasenclever, Lion Feuchtwanger oder Franz Werfel, um nur einmal vier der
Namhaftesten zu nennen, in französischen Sammellagern wie Les Milles bei
Aix-en-Provence und Saint Nicolas bei Nimes oder in Marseille; die Stadt hatte den letzten freien
Hafen, der eine Ausreise etwa über Nordafrika und Portugal in die Vereinigten
Staaten erlaubte. Oder man mußte per Bahn an die spanische Grenze fahren, auf
alten Schmugglerwegen über die Pyrenäenausläufer klettern und hoffen, daß man
nicht kontrolliert oder die Ausweisdokumente aberkannt wurden.
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Varian Fry: Nach Rückkehr in die USA vergessen
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Zum Glück war Varian Fry, ein junger amerikanischer
Journalist, nach Marseille gereist und baute das Emergency Rescue Committee auf.
Vor allem um die Rettung von Künstlern und Schriftstellern sollte er sich
kümmern gehen. Mit Namenslisten, Briefen und 3000 Dollar in der Tasche war er
angereist, um Exilanten die Ausreise zu ermöglichen. „Ich verließ Amerika, die
Taschen vollgestopft mit den Listen der Namen von Männern und Frauen, die ich
retten mußte.“ Um sie nicht beim französischen Zoll in Gefahr zu bringen, hatte
Fry sich die Namenslisten um den Unterschenkel geklebt. Und reichlich optimistisch
hoffte er, seine „Arbeit innerhalb eines Monats erledigt zu haben“.
Folgerichtig hatte er lediglich vier Wochen Urlaub beantragt und auch bereits
das Rückflugticket gebucht. Ein Jahr später war die Arbeit noch bei weitem
nicht getan.
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Blick von Frys Arbeitszimmer im Hotel Splendide auf die Treppe des Bahnhofs Saint Charles
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Fry, anfangs in unbekümmerter Naivität, verstand es, sich
schnell ein Netzwerk aufzubauen und es für seine Schutzbefohlenen nutzbar zu
machen. Die Palette seiner unterschiedlich vertrauenswürdigen Kontaktpersonen
umfasste das Spektrum vom katholischen Priester und dem Chef einer
Schmugglerbande über antifaschistische oder bestechliche Polizei- und
Zollbeamte bis hin zu Mitarbeitern der Konsulate und der Résistance.
Auf Seite 325 beginnt mit dem Kapitel „Was danach
geschah“ der Teil des Buches, mit dem Sie Ihre Lektüre beginnen sollten, weil
hier die Hauptpersonen biografisch eingeordnet werden. Im Text selbst wird
manchmal zuviel vorausgesetzt, wobei das bei der Vielzahl der Namen fast
verständlich wird. Für mehr Informationen sei der Blick auf die Homepage des
Exil-Archivs empfohlen. In den dort bisher gesammelten 46,3 Millionen Text-,
Bild- und Ton-Dokumenten kann man sich allerdings wunderbar verlieren.
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Lisa und Hans Fittko: Unentbehrliche Fluchthelfer auf der Pyrenäenroute
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Mit „Marseille 1940“ passiert das nicht und man ist und
bleibt mittendrin. Das Buch gewinnt seine Authentizität durch die Vielzahl der
wörtlich zitierten Quellen. Es wird selbst zu einem Tagebuch, an dem die
unterschiedlichsten Personen mitgeschrieben haben. Eine deutsche Kommunistin
wie Anna Seghers, eine amerikanische Erbin wie Peggy Guggenheim, der Surrealist
André Breton und der Zeichner und Passfälscher Bil Spira. Wenn dazu auch noch
die französischen Quellen ausgewertet worden wären, hätte das Buch allerdings
mindestens 700 Seiten dick werden müssen.
Von mir nur ganz einfach die Empfehlung sich das Buch unbedingt
zu kaufen, damit Sie das wichtigste Buch dieses Jahres – und es ist für mich nicht
zu früh, dies jetzt zu schreiben - Ihr Eigen nennen können.