Freitag, 25. Juni 2021

Marignane, Berre, Istres, Saint-Chamas: Einmal um den Etang de Berre

Wahrscheinlich kennen Sie den Etang de Berre, hier im kurzen Video, vom darüber hinwegfliegen kurz vor der Landung in Marignane, dem Flughafen von Marseille, oder noch imposanter, wenn er nach dem Start nur ein paar Meter unter Ihnen liegt oder Sie blicken auf ihn hinab, wenn Sie auf der A7, der Autoroute du Soleil, von Avignon kommend über Salon-de-Provence in Richtung L’Estaque und Marseille fahren. Oder Sie erkennen ihn am Geruch der Raffinerieen, der auch ins geschlossene Auto kriecht.

Aber kennen? Das wäre selbst für fast jeden, der sagt, er kenne sich im Süden Frankreichs aus, zuviel gesagt. Er müßte dann vom Plage de Jai erzählen können, auf dem meterhoch die Muscheln liegen und was mit den Löwen auf dem Pont Flavien auf sich hat oder wie er vom Port de la Pointe in Berre gegen die Abendsonne in Richtung des Oppidum du Castellan geblickt hat… Also kennen doch eher nicht!
 
Port de la Pointe in Berre   
Gleich am Ortsausgang von Istres, kurz bevor Sie auf die D 16 fahren, empfehle ich einen Stop an einer Aussichtsplattform, die von einer Gruppe Behinderter gebaut worden ist. Sie bietet ein Panorama über den gesamten See bis hin zu den Hügelketten des Luberon, zu denen von L’Estaque und Cézannes Berg. Nur an den Standpunkt und die Blickrichtung muß man sich etwas gewöhnen, weil der Norden nicht oben ist, sondern in südwestlicher Richtung liegt.

Der Norden im Südwesten

Antoine Patefozz hat in „Vent Sud“ geschrieben, den Étang de Berre könne man, wenn man nur weit genug davon entfernt sei, mit einem kleinen Teich vergleichen, um den herum sich eine Schafherde versammelt habe. Nur daß dieser Teich gut 150 Quadratkilometer groß ist daß es sich bei den Schäfchen um die Tanks der Petrochemie von Shell, Ineos, Exxon und Total handelt.

 
Die "Schafherde" des Monsieur Patefozz

Marignane, Berre und Istres sind, neben dem benachbarten Fos, nicht nur das Zentrum der französischen Petrochemie, sondern auch das der Luftfahrtindustrie. Der Flughafen von Istres-le-Tubé besitzt mehr als doppelte der Fläche der Stadt und mit über 5 Kilometern Länge die längste Landebahn in Europa. Die NASA hatte sie für Space-Shuttle Landungen reserviert. Eurocopter, Thales und der Motorenhersteller Snecma sind die führenden Unternehmen des hier angesiedelten Luft- und Raumfahrtclusters.


Hier sind auch die empfehlenswerten Krimis von Cay Rademacher angesiedelt.



Einen Tag (HIER im VIDEO)sollten Sie für den Étang de Berre Zeit nehmen und damit eine Reise durch die römische Geschichte und die negativen Auswirkungen von Industrialisierung und Zersiedlung bis zu den Oasen eines Brackwassermoores machen. Die mit durchschnittlich 8 Metern geringe Tiefe des Sees, des größten übrigens in Frankreich, bringt es mit sich, dass Sie auch Anfang November noch gut dort baden können – bei Temperaturen, wie die Nordsee sie nicht einmal im Sommer erreicht. Ein Bad im Étang war nicht immer empfehlenswert, wie im VIDEO von Stevan Jobert zu sehen: Über Jahrzehnte, genau 37 Jahre war der Fischfang verboten, ebenso wie das Sammeln von Muscheln. Und unterhalb von fünf Metern gab es keine Leben mehr. Das hat sich erfreulicherweise gebessert, allerdings viel Wasser schlucken sollten Sie beim Schwimmen auch heute noch nicht.

Étang de Berre römisch: Pont Flavien in einem Lavendelfeld südlich von Saint-Chamas

Ein paar schöne Kilometer durch einen Pinienwald hinter Istres kommen Sie zum Hafen von Saint-Chamas. Es lohnt nicht aussteigen, denn gut einen Kilometer weiter, im Quartier Veiranne, geht es rechts rein in eine ungeteerte Einfahrt. Dort sieht es in etwa so aus wie vor einer Autowerkstatt, die Ihnen bei Bedarf auch einen Wagen mit einer frisch eingefrästen Motornummer verkauft. Ihren Wagen können Sie ohne Sorge dort abstellen, auch wenn dies neben einem der aufgebockten Autos mit teilweise fehlenden Rädern sein sollte. Genau da sind Sie richtig.


Ein „aufgehängter“ Brochette de Fruits de Mer und Gambas, die sich so nennen dürfen,
aus der Küche des La Digue in Saint-Chamas

 
Ganz vorne am Wasser liegt des Restaurant „La Digue“ und wenn Sie Glück haben oder entsprechend reserviert, bekommen Sie einen Tisch direkt am Wasser. Spätestens der zweite Pastis tröstet Sie an den ausgebuchten Sonntagen über die etwas langen Wartezeiten hinweg. Ansonsten genießen Sie die Sonne oder werfen den Blick hinüber nach Miramas-le-Vieux, ein sehenswertes Örtchen oben am Hang, in das Sie mit dem Auto nicht hineinfahren dürfen. Gute Voraussetzungen also für einen anschließenden Verdauungsspaziergang.

Am besten versuchen Sie immer möglichst nahe am Wasser zu fahren.
Ein verbummelter Tag mit vielen Eindrücken.

Vom Mas La Suzanne immer nach Westen, wie auf dem linken Bild (wobei Allrad eine Hilfe ist) oder hinter Saint-Chamas rechts auf die D 21b fahren und nach zweihundert Metern wieder rechts in die Sackgasse. Hier hat es ein paar schöne stille Plätze. Bleiben Sie also bis zum Mondaufgang hier und stoßen mit jemandem, der es Wert ist, mit Champagner (in Gläsern aber bitte!) auf den Vollmond an. Alles andere in dieser Nacht bleibt dann Ihnen überlassen.







 

Samstag, 19. Juni 2021

Heineke’s Fälschung à la Provence

Vauvenargues: Picassos Wirk- und Grabstätte

Mit Picasso und seinem Schloss Vauvenargues, Cézanne und seinem Berg und der Provence überhaupt hat sich Andreas Heineke gleich drei südfranzösische Zugpferde vor seinen Roman gespannt, der dadurch mit seiner pfiffig konstruierten Handlung, glaubwürdigem Lokalkolorit und gut gezeichneten Protagonisten ordentlich Fahrt aufnimmt. Da sind ein verliebter Kommissar und seine nicht nur in ihn verliebte Kollegin, da sind auch exzentrische Galeristen und unschuldig verurteilte Fälscher…viele Motive also für gleich mehrere Morde. Und auch die Aktualität, von den Anschlägen in Paris bis zum Brand im legendären Restaurant „Les deux Garçons“ in Aix vom November 2019, kommt nicht zu kurz. Bis heute ist 

Am Tag danach Bild aixcentric

übrigens nicht geklärt, warum die Videoüberwachung, die jahrelang bestens funktionierte, kurz vor der Bandstiftung (?) ihren Geist aufgab. Nicht ungewöhnlich, dass die Spuren, wenn man „La Provence“ glauben will, wieder mal nach Marseille führen.

Aber zurück zur Kunst, zur echten und gefälschten - auch das ist eine -, die beide eine entscheidende Rolle spielen im Buch. Das ist ein weites und schwieriges Feld, denn in der Juristendenke kann ein „falsches“ Bild „echt“ sein und auch 


Original oder Fälschung? Jedenfalls hat es jemand gemalt, der nicht mit Cézanne signiert hat.

die „Fälschung“ ein „Original“. Als Gauguin nach Arles kam, um Vincent van Gogh zu besuchen, zeigte der ihm die unsignierte Kopie eines Bildes von Jean François Millet. Auf die Frage, ob es ein Original sei, antwortete Vincent voller Überzeugung: „Natürlich, ich habe es ja selbst gemalt!“

Egal ob Jacqueline oder Dora, ob sitzend oder liegend, angezogen oder nackt, seine Frauen hat Picasso alle irgendwann mit einer Katze gemalt. Das Dora Maar-Bild wurde zuletzt für 95 Millionen Dollar an einen Politiker aus Georgien verkauft, was zeigt, daß Kunst gelegentlich auch was mit Geld, viel Geld, zu tun hat. Um den Zusammenhang geht es auch in „Fälschung à la Provence“. Aber die Spuren führen bei dem Thema auch in die Schweiz, genauer gesagt ins Genfer Zollfreilager, das die wohl größte Sammlung aller echten Picasso uns Cézanne enthält. Warum? Weil die Fälschungen alle entweder in Museen hängen. Oder nach China verkauft wurden, wo es inzwischen mehr echte Picasso gibt, als der ja überaus fleißige Maler je produziert hat.

Ein spannend und elegant geschriebener Kriminalroman (Emons, 12 €), den ich ungern aus der Hand gelegt habe. Erst  als meine Frau mich mit einer Bouillabaisse (mit Conger, wie es sich gehört) gelockt hat, ist mir dies gelungen. Zum Weiterlesen übrigens noch diese Empfehlung: Demeures de l'esprit.

PS. Irreführend und einfallslos, wie bei so vielen Südfrankreich-Krimis, mal wieder der Titel, den ich deshalb auch nicht abbilde: Ein Lavendelfeld. Toll! Da hat sich ja wirklich jemand Gedanken gemacht, wahrscheinlich sogar 15 Sekunden lang und ohne das Buch vorher wenigstens quer zu lesen. Da hätte es doch Picassos Schloss gegeben, ein Motiv aus Aix oder Lourmarin, eine Gemälde von Ralf Rainer Odenwald, dem Heinecke ja immerhin das Buch gewidmet hat, oder zur Not eines von Picasso oder Cézannes Kartenspieler.

Atelier von Ralf Rainer Odenwald: Reichlich Anregungen für ein gutes Cover

Freitag, 18. Juni 2021

Yvan Audouard: Alles andere als bierernst

Yvan Audouard.                     Bild LeMouching
Sein Geburtsort hätte überall sein können auf der Welt, in jeder französischen Kolonie oder in jeder Konfliktregion, in der französische Soldaten 1914 zum Einsatz kamen; sein Vater war beim Militär damals, die Mutter zog mit und so wurde es denn Saigon. Die bibliophile Mutter schuf den Gegenpol zu den Interessen des Vaters. Aufgewachsen in diesem Spagat, war vielleicht gerade das ausschlaggebend für Yvan Audouard's Berufswahl zum Journalisten und Schriftsteller. Dreißig Jahre lang arbeitete Audouard für die wöchentlich erscheinende satirische Zeitschrift „Le Canard Echaîné“.

Die Eltern, beide im Süden geboren, er in Avignon, sie in Marseille, hatten das Glück, bald wieder in das geliebte Südfrankreich zurückzukehren. Nach 1917 lebten sie in Marseille in der Rue de Spinelli, die im bürgerlichen Viertel Saint Mauront liegt.


Zu den gut verkauften Buch-Veröffentlichungen Audouards gehörten ab Mitte der 60er Jahre Kriminalromane, die aber überhaupt nichts mit den harten Geschichten des Jean-Claude Izzo aus der Mitte der 90er Jahre zu tun haben. Wo Izzo die korruptive Gemengelage zwischen Front National, Mafia, Politik und Polizei in den Mittelpunkt stellt, ist es bei Audouard der tugendhafte Polizist Antoine Le Vertueux, der die Tugend auch gleich in seinem Namen führt. Also auch das gab es seinerzeit noch in Marseille. Und rumgekommen ist der Kommissar auch, von Tahiti bis New York. 1969 erschien dann bei Desch eine deutsche Ausgabe.

Wo andere Verlage eine Série noir auf den Weg brachten, was es bei ihm, ganz im Sinne des Canard Enchaîné eine Série blonde. Den Verlag Gallimard, der seit 1945 fast dreitausend Bände in der Série noire veröffentlichte, wird das nicht besonders berührt haben. Und auch Marcel Duhamel, der die Reihe mehr als dreißig Jahre verlegerisch betreute, wird die Série blonde eher als Kompliment aufgefaßt haben.

Natürlich nahm er auch seinen Schriftstellerkollegen Marcel Pagnol, ebenfalls (fast) aus Marseille, auf den Arm. Wo dieser mit dem später verfilmten „La Gloire de mon Père“ den Ruhm seines Vaters beschrieb, war es für Audouard „Le Sabre de mon Père“, also der Säbel seines Vaters, in dem er seine Kindheit in Marseille und die Ausflüge in die Camargue beschrieb.

Wenn Sie sich eine Freude machen wollen, versuchen Sie mal sein Buch „La Provence – De village en village“ antiquarisch zu erwerben. Gute Exemplare des 2001 bei Ouest-France in Rennes erschienenen Bandes gibt es für um die zehn Euro. Vor allem die Aquarelle von Pierre Pellet werden Sie in Ihren letzten Urlaub zurück versetzen.

Freitag, 11. Juni 2021

Maillane: Eine Pilgerreise zu Frédéric Mistral

 
Plakat aus dem Jahr 2004 zur Feier der einhundertsten
Wiederkehr der Nobelpreis-Verleihung
Frédéric Mistral, 1830 geboren, hatte sich nicht mehr als die Wiederbelebung und den Erhalt der provenzalischen Sprache vorgenommen hier im VIDEO eine Hommage in provenzalischer Sprache. Sein Geburtshaus in Maillane ist der inzwischen
Der Mas du Juge: Leichter zu finden
als es hier den Anschein hat
anspruchsvoll renovierte Mas du Juge an der Straße nach Saint-Rémy-de Provence. In dem riesengroßen Haus können Sie bei Annie Vulpian eine Ferienwohnung mieten oder mit zweihundert Gästen ihren Geburtstag feiern.

In Maillane ist Mistral auch gestorben, dort schrieb er mit dem Versepos „Mirèio“ sein erstes und erfolgreichstes Stück und dort können wir uns ihm in seinem späteren Wohnhaus, das nach seinem Tode 1914 weitestgehend unverändert blieb, indiskret nähern. Heute ist das Mistral-Museum
Grab Mistrals
darin untergebracht. Wesentlich ist das dem provenzalischen Schriftsteller Charles Galtier zu verdanken, der dem Museum fast dreißig Jahre als Konservator diente. Man betritt das Museum von der Gartenseite her, da, wo sich die von Archard geschaffene Mistral-Statue befindet.

Mit der provenzalischen „Dichterei“, die für ihn etwas „meistersängerlich Pedantenhaftes“ hatte, konnte Hugo von Hoffmansthal, der französische Philologie studiert und darin auch promoviert worden war, nichts
anfangen:
„Ihr berühmtestes Werk ist die Mirèio des Mistral, ein Idyll in preziösen künstlichen Strophen. Am Ende dieses viel zu langen Gedichts stehen die wunderschönen Dinge der Vergangenheit steif und tot herum, wie in einem  ungemütlichen Provinzmuseum."



„Die Sonne macht mich singen“, hat sich Mistral sein Motto erwählt und das über der Tür in den Stein hauen lassen, auf provenzalisch natürlich „Lou soulèu me fai canta“.




Das Arbeitszimmer des Nobelpreisträgers kann man heute noch
so besuchen, wie Daudet es nachfolgend beschreibt.

„Das gelbkarierte Sofa, die zwei Strohsessel, die Venus von Arles auf dem Kamin, das Bild des Dichters von Hébert, seine Photographie von Etienne Carjat und in einer Ecke am Fenster der Schreibtisch, ein armseliger kleiner Schreibtisch, wie für einen Steuereinnehmer.“

Das Haus ist von einem kleinen, botanischen wäre zu viel gesagt, Garten mit all jenen provenzalischen Pflanzen umgeben, die in Mistrals Dichtungen eine Rolle gespielt haben. Maulbeere, Olivenbaum, Pinie, Linde und Feige. Jedem der Bäume ist ein Sinnspruch oder ein kleines Gedicht zugeordnet. Dem Mandelbaum zum Beispiel der gute Ratschlag des jungen Kastanienbaumes, er solle es nicht machen wie die Feige, die, zu früh blühend, sich irrt:

Fagués pas coume l‘amelie
Dignié la jouino castelano.
Ane pès flouri trop lèu s‘engano!

Drei Stunden Fußweg sind es von Fontvielle nach Maillane – oder 
Berühmte Postkarte: Der Sonntagsbesuch
von Alphonse Daudet beiFrédéric Mistral
Malhana auf provenzalisch -, wo Frédéric Mistral wohnte, den Daudet eines sonntags unangemeldet aufsuchte. Daudet hatte das Glück, daß er gerade am Kirchweihfest nach Maillane kam und war so zu Mittag Gast im Haus. Mistrals Mutter, hochbetagt, tischte ein ganz besonderes Menue auf: „Zickelbraten, Gebirgskäse, Weinkonfitüre, Feigen, Muskatellertrauben, das Ganze bespült mit dem guten Päpstewein“. Sie selbst aß in der Küche, weil sie kein Wort verstand, wenn französisch statt provenzalisch gesprochen wurde.

Dieses Menue nun werden Sie in Maillane kaum bekommen, aber wenn Sie Ihren Wagen am Place Mistral parken, haben Sie die Auswahl zwischen einigen Bars und Restaurants. In Maillane, so der Eindruck, hat sich seit einhundert Jahren kaum etwas geändert, der Ort ist zeitlos, was andererseits aber auch heißt, daß Sie leicht einen Parkplatz finden.

 

Freitag, 4. Juni 2021

Saint-Martin-d'Ardèche: Max Ernst und die Engländerin

1937 hatten sich der arrivierte Künstler und Leonora Carrington, die zwanzigjährige Frau aus einer Millionärsfamilie, in London kennen gelernt. Von dort flohen sie nach Saint-Martin d‘Ardèche, kauften ein abgelegenes Bauernhaus und sorgten als „L‘Anglaise et le Max“ mit ihren kleiderlosen Spaziergängen durch den 300-Seelen-Ort für Gesprächsstoff. Hier einige Fotos und Bilder.


Ernst-Reliefs an der Außenwand des Hauses in Saint-Martin
Leonora hat die Zeit im Dorf - es heißt hier Saint Roc - in ihrer Geschichte "Der kleine Francis" Revue passieren lassen; veröffentlich im Suhrkamp-Sammelband "Das Haus der Angst".

Max Ernst stattete das Haus mit phantasievollen Reliefs und den Garten mit ebensolchen Fabelwesen aus. Einige der Kunstwerke wurden nach ihrem Auszug und dem überstürzten Verkauf des Hauses gestohlen; sie tauchten später teuer und als nicht vom Künstler legitimierte Bronzeabgüsse in Pariser Galerien wieder auf. Wenn man heute den steilen Weg hinaufgeht, auf den sich kaum einer der vielen Ardèche-Kanuten einmal verirrt, findet sich immer noch ein Relief von Ernst an der Straßenseite. Es stellt Loplop dar, seinen guten Geist jener Tage. Auf einer Wandstütze, aus der oben Hals, Kopf und Arme ragen, tanzt eine kleine, mit Schuppen und Federn geflügelte Figur.

Die Schweizer Journalistin Silvana Schmid hat „Loplops Geheimnis“ für Günter Kempf und seinen Anabas Verlag enthüllt. „Un peu de calme“ - etwas Ruhe, heißt das wichtigste Werk von Ernst aus jener Zeit. Bekommen hat er sie nicht. Unter der Leitung von Julotte Roche kümmerte sich in Saint-Martin die Association Max Ernst darum, den einjährigen Aufenthalt des Surrealisten weiter zu rekonstruieren.

Das hat engagiert angefangen, ist aber mittlerweile in einen „ziemlich tiefen Winterschlaf“ gefallen, wie selbst die Verantwortlichen des Office de Tourisme zugeben; es befindet sich übrigens in der Rue Max Ernst.

Was sich lohnt: Den 10-Minuten-Film im Fremdenverkehrsamt ansehen und zum Haus spazieren. Hier ein Trailer des Schamoni-Films. Der Rue du Moulin folgen und dann über die Hauptstraße - mit einer verwirrend-verschlungenen doppelten Kreisverkehrsregelung - zum Quartier Les Alliberts hinauf; ein Spaziergang von nicht mehr als einer halben Stunde, der nicht nur mit dem Blick auf die künstlichen Skulpturen belohnt wird, sondern auch mit dem auf die nicht minder beeindruckenden natürlichen Steinformationen, die die Ardèche geschaffen hat. 



Mas und Camp Saint Nicolas: Heute zerfallen. Bild rechts aus dem Jahr 1982.
Bilder Google Earth und Werner Clemens-Walter
Wenig später gehörte Max Ernst zu den Insassen der Konzentrationslager „Les Milles“ und „Camp Saint Nicolas“, das die Franzosen für unerwünschte Ausländer eingerichtet hatten. Von einer amerikanischen Rettungsorganisation unter Varian Fry betreut, konnte er in die Vereinigten Staaten fliehen.

Das „Camp Saint Nicolas“ liegt heute mitten in einem militärischen Sperrgebiet zwischen Nîmes und der Brücke Saint Nicolas. Es ist – und damit im Gegensatz zu Les Milles - bis auf die Ruinen des ehemaligen Gutshofes Saint Nicolas, vollständig zerfallen. Das Bild habe ich von Werner Clemens-Walter bekommen, der viele Jahren in Blauzac lebte - und sich von dort zu Beginn der achtziger Jahre auf Spurensuche begeben und die Garrigue dort mit einer Genehmigung des Französischen Verteidigungsministeriums durchstreift hat.

Dienstag, 1. Juni 2021

Authentische Krimis von Johanna Huda

  Eine Serie von Kriminalromanen aus dem Languedoc, die schon bei dem ersten Blick auf die Cover erhoffen lassen, dass hier

jemand schreibt, der die Region so abbildet, wie sie ist: Wellblechschuppen der Austernfischer, unrenovierte Häuser auch in der ersten Reihe am Hafen und Boote, mit denen noch gefischt wird. Und so ist es dann auch! Orte, wie sie sind und Menschen,wie sie sein könnten. Den Familiennamen ihres Protagonisten, Joseph Leroux, hat Johanna Huda auf einem Grab des Friedhofs von Marseillan entdeckt.

Nationalfarben im Hafen von Mèze. Bild Huda

Die Gegend rechts der Rhône ist inzwischen das authenthische Südfrankreich; schon längst nicht mehr die überlaufenen und überteuerten Orte der Provence und der Côte d’Azur. Die Titelbilder für die Bücher stammen übrigens, mit einer Ausnahme, von Johanna Huda selbst. Ich bin heilfroh, daß wir hier nicht von den üblichen blühenden Lavendelfeldern in die falsche Richtung geleitet werden, sondern am Étang de Thau sind, in Sète, Mèze, Balaruc und Bouzigues.

Die Bücher sind in einem, und das meine ich durchaus positiv, seltsamen Verlag erschienen: Oldib, und nicht Olbid, wie man vielleicht bei einem Verleger namens Oliver Bidlo erwarten könnte. Wenn Sie Literatur über Phantastik und Mittelerde, die Geschichte der Hofnarren oder die Einschreibung des Anderen per Tattoo suchen, sind Sie bei Bidlo richtig. Das Gesamtverzeichnis des Verlages habe ich versucht für mich irgendwie zu systematisieren – das geht aber nicht. Schön, wenn noch so ohne Spezialisierung und Zielgruppen-Marketing Bücher verlegt werden, die scheinbar alle dem Verleger Spaß gemacht haben. Also auch Krimis – und zwar richtig gute von Johanna Huda.

Blick von der Bar Le Tabou auf den Hafen von Mèze. Bild: Huda

Capitaine Joseph Leroux und seine Kollegin Catherine Rozier ermitteln in "Schatten über dem Étang de Thau" zum vierten Mal miteinander; beim ersten Mal war Leroux noch alleine. Die beiden Polizisten verbindet eine Vorliebe zu den Romanen des vor zwei Jahren gestorbenen Andrea Camillieri. Bei aller Liebe zum Commissario Montalbano – da gefallen mir Leroux und Rozier besser! Die Ermittlungen des fünften Bandes lassen Capitaine Joseph Leroux und Lieutenante Catherine Rozier eintauchen in das kriminelle Hafenmilieu von Méze. Ohne zuviel verraten zu wollen: Kaufen und lesen Sie das Buch einfach und das selbst dann, wenn Sie auf der falschen Seite der Rhône Urlaub machen. 

Beim nächsten Mal kommen Sie dann hierher, zum Beispiel auch direkt ins Château Les Sacristains, das von Margarete und Peter Plück geführt wird.

Hier erfand Johanna Huda ihren  Joseph Leroux: www.chateau-les-sacristains.fr bei Montagnac. Bilder: Château

An diesem Ort müssen einem die guten Gedanken nur so zufliegen. Die ersten, noch handschriftlichen Notizen für Band 1 hat Huda hier zu Papier gebracht und dann auch "den letzten Schliff" von Band 6 - per PC allerdings.

P.S. Zwei Dinge, die das Lektorat leicht abstellen kann, haben mir weniger gefallen, weil sie die Lesbarkeit beeinträchtigen: 1. Absätze, die sich über ganze Seiten hinziehen, zum Beispiel auf den Seiten 50, 53, 55 und vielen mehr. Die paar Seiten mehr machen die Produktionskosten und das Buch (14 Euro) nicht teurer. Und selbst für 16 Euro würde nicht ein Exemplar weniger verkauft 2. Einige richtige und wichtige erklärende Passagen zur Austernzucht, die sich aber auch in der wörtlichen Rede so lesen, als seien sie aus dem „Lehrbuch der Austernkunde“ übernommen. Beides ließe sich leicht verbessern und dann wären die Bücher für mich wirklich „rund“.

Sonntag, 30. Mai 2021

Unbedingt lesen! Rademacher's "Schweigendes Les Baux"

Roman um das Bild einer jungen Frau
Allmählich fühle ich mich, dank Cay Rademacher, richtig zuhause rund um den Étang de Berre, in Miramas-le-Vieux und Salon-de-Provence und der Ölmühle von Capitaine Roger Blanc, der ohne seine Fabienne und deren Computer- und Handy-Kenntnisse völlig aufgeschmissen wäre. Der aber auch aufgeschmissen wäre ohne die Rechtsmedizinerin Fontaine, mit der er verbotene Dinge tut, ohne die Untersuchungsrichterin Avelin, der Blanc immer noch etwas nachtrauert, aber nur solange bis er die Koch- und sonstigen Künste seiner Nachbarin Paulette entdeckt. Und dann ist da ja auch noch die Galeristin Valéria Chevilliet, der aber möglichst niemand zu nahekommen sollte. Ein verzwickter Fall, den Kommissar Blanc diesmal zu lösen hat - nicht nur der vielen Frauen wegen.

Cay Rademacher - c buechermenschen.de
Cay Rademacher legt (wieder) einen Kriminalroman vor, der einen nicht loslässt: Viel Spannung und viel südfranzösisches Flair verwoben in eine komplexe Handlung, in der sich auch die Kriminalisten immer wieder verirren. Ein Mann wird ermordet, ein Kunstdetektiv, der zwar auf der Suche nach einem an sich ziemlich unbedeutenden Bild ist, den es tatsächlich aber aus ganz anderen Gründen in die Provence gezogen hat. Eine Woche später irrt die Polizei noch immer ziemlich ahnungslos durch die Gegend. Chefermittler Blanc weiß nicht einmal zu sagen, ob er mit seinen Ermittlungen überhaupt vorangekommen ist. Auf Seite 204 ist Blanc soweit, dass er sich „hoffnungslos in einem Netz aus alten Verbrechen, seltsamen Zufällen und dunklen Familiengeheimnissen“ verstrickt hat. Gut zweihundert Seiten ist natürlich alles aufgeklärt und es bleibt Zeit für Paulette. Bis dahin müssen aber noch viele Züge auf einem komplizierten Spielfeld gemacht werden und nur langsam gelingt es Blanc, die ein oder andere Figur aus dem Spiel zu nehmen.

Rademacher baut auch Persönliches in die Geschichte ein, sein Interesse etwa an den Bildern der früh gestorbenen Malerin Adry Novoli - tatsächlich einer ehemaligen Nachbarin. Einige Bilder der Autodidaktin hat er bereits erworben und gesteht in seinem Blog: Am liebsten würde ich sie alle kaufen. https://provencebriefe.blogspot.com/2018/03/mankann-nicht-sagen-dass-sich-in-der.html Ein abgeschlossener Roman wäre doch immer wieder ein guter Zeitpunkt für eine neues Bild – oder? Dann könnte sich Rademacher jetzt das achte Bild gönnen, die er aber vielleicht auch schon längst hat. Im Internet kann man die Bilder übrigens ausgesprochen preiswert erwerben; meist kosten sie da - oder auch bei den Hôtels des Ventes - nur zwischen 80 und 350 Euro. 

Signatur meist auch auf der Rückseite

Adry Novoli's Atelier, das heute von ihrem Mann Henri betreut wird, sieht aus, als habe sie nur mal eben ihren farbverklecksten Maltisch verlassen und sei hinunter in den Garten gegangen. Ganz genau wie Werner Lichtner-Aix in seinem Musée-Atelier in Sérignan-du-Comtat; siehe auch: http://lustaufprovence.blogspot.com/2018/11/werner-lichtner-aix-auf-der-suche-nach.html Nur wäre der nicht in den Garten gegangen, sondern in die Bar.

Les Baux und die Carrières de Lumières mit ihren beeindruckenden Motiven - von denen sicher eines statt der

 

beliebigen Mandelbäume auf den Titel gehört hätte - bilden die provenzalische Kulisse für diesen Roman. Insbesondere die „Steinbrüche des Lichts“, die man wegen der beeindruckenden Gemälde-Installationen unbedingt besuchen sollte. Multimedial werden die Meisterwerke von Cézannes, Klimt oder van Gogh auf die 14 m hohen Wände und Säulen,  aber auch den Boden des Steinbruchs projiziert und mit Musikuntermalung zum Leben erweckt. Und, um zurück zur Überschrift zu kommen: Unbedingt lesen! Und für 16 € naürlich in der Buchhandlung kaufen.

 

Freitag, 28. Mai 2021

George Sand: Weit mehr als Männergeschichten

Eigentlich hieß sie Amantine Aurore Lucile Dupin de Francueil. Als Journalistin beim Figaro wählte sie mit J. Sand ein Pseudonym, das sie später beibehielt.

„Eine Milchkuh mit schönem Stil"
wurde sie von Nietzsche beleidigt - den man allenfalls verstehen kann, sollte er dabei das wenig schmeichelhafte Bild vor Augen gehabt haben, das Eugène Delacroix von ihr gemalt hatte. Da hatte sie sich gerade die Haare abgeschnitten und ihrem Liebhaber Alfred de Musset geschickt. Als de Musset auf einer gemeinsamen Reise nach Venedig schwer erkrankte, verliebte sich Sand in dessen Arzt, mit dem sie nach Paris zurückkehrte.

George Sand 1838.          Bild Wiki cc
Auf dem nebenstehenden Bild von Auguste Charpentier aus dem Jahr 1838 sieht sie so aus, wie sie sich gerne sah.

Neben unbekannten Ärzten sammelte sie vorrangig bekannte Autoren und Komponisten. Mit Chopin war sie in Mallorca unterwegs, mit anderen wie Liszt, Balzac, Flaubert, Dumas und Turgenjew anderswo.

Selbst de Musset bewunderte eher ihre Produktivität als ihre literarischen Qualitäten.

„Ich habe den ganzen Tag gearbeitet. Am Abend hatte ich zehn Verse gemacht und eine Flasche Schnaps getrunken; sie hatte einen Liter Milch getrunken und ein halbes Buch geschrieben.“
Damit kam Sand ungefähr auf den Tagesausstoß ihres Vornamensvetters Georges Simenon. Nur trank der keine Milch dazu, sondern, wenn er es bekam, belgisches Bier und dazu ein paar härtere Sachen. In seiner Pariser Wohnung hatte er sich Mitte der zwanziger Jahre eine Bar einbauen lassen, an der er und seine vielen Gäste regelmäßig einschliefen.

„Um vier Uhr früh kam meine Köchin“,
erzählte er in einem Interview des französischen Fernsehens.
„Sie tippte mir auf die Schulter. ‚Es ist Zeit‘. Ich setzte mich in eine Ecke an meine Maschine und schrieb vierzig Seiten eines Groschenromans. Wenn die anderen aufstanden, um zu frühstücken, hatte ich mein Tagewerk schon fertig.“
Die Vielschreiberin Sand - 180 Bücher und 15000 überlieferte Briefe - hat in den südfranzösischen Cevennen nur Verwunderung ausgelöst, wie Robert Louis Stevenson erzählt.
„Die Bauern, die über keine Literatur verfügten und niemals von Lokalkolorit gehört hatten“,
verstanden nicht, warum sich Sand angeregt mit einem zurückgebliebenen Kind unterhielt. Sie schlossen daraus, daß die Autorin selbst eine einfache Frau sein müsse. Auch ihre oft bewunderte Schönheit kam in den Cevennen nicht an.
„Die bekannteste Herzensbrecherin ihrer Zeit übte auf die Schweinehirten des Velay eine besonders geringe Anziehungskraft aus.“