Posts mit dem Label Marseille werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Marseille werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 2. August 2024

Bouillabaisse in Marseille - Les Goudes


Eine Fischsuppe in Marseille. Einmal sollten Sie sich die Bouillabaisse, die überall zwischen 50 und 60 Euro kostet, gönnen. Dann sollte es aber auch eine sehr gute sein.
Bouillabaisse-Kochen für meine Dokumentarfilme
mit Nicolas Pinchinot und Antoine Chosson
Für mich gibt es genau zwei Orte, an denen ich sie vorbehaltlos empfehlen kann: 1. Bei Didier Tani in der „Grand Bar des Goudes“ in Les Goudes bei Marseille (dazu das folgende einminütige VIDEO ) und 2. bei Christophe Perrier im "Saint Pierre" in Le-Grau-du-Roi. In beiden Restaurants habe ich den Köchen vom Anlanden der Fische über die stundenlange Zubereitung der Bouillon bis zum Einlegen der Edelfische über die Schulter geschaut und natürlich probiert.

Bouillabaisse bei Didier am Hafen von Les Goudes.
Authentischer kann die Umgebung nicht sein
Für beide Restaurants ist das filmisch auch ausführlich  dokumentiert. Sie können sich das das hier für Les Goudes und hier für Le-Grau-du-Roi ansehen; das dauert allerdings je 45 Minuten und umfasst viele weitere Themen.

Manche Restaurants um den Alten Hafen von Marseille weisen auf die Charta der Bouillabaisse hin; das heißt aber zunächst nicht mehr, als daß diese Charta auch draußen hängt. Oft können Sie reinfallen, wobei man es selbst erst merkt, wenn man den Vergleich hat, es also zu spät ist. Sehr gut ist sie im Restaurant „Miramar“, gleich zu Beginn des Quai du Port.


Ebenfalls sehr gut wird die Bouillabaisse in dem alten Traditionsrestaurant von Maurice Brun geköchelt; es befindet sich ziemlich genau gegenüber des „Miramar“ am Quai de Rive Neuve. Wenn Sie hier einen Tisch reservieren, sollten Sie das für die erste Etage tun, von wo Sie einen schönen Blick über den Hafen hinweg auf das Panier-Viertel haben. Nur die Sünden der ersten Häuserzeile, die nach der Sprengung der alten Gebäude durch die deutsche Wehrmacht dort erstellt wurden, sollten Sie übersehen. Wenigstens das Rathaus und ein paar weitere Gebäude wurden verschont..

Wenn Sie die Bouillabaisse in einer Umgebung suchen, in der sie zuhause ist, dann fahren Sie auf der Corniche immer weiter nach Osten, im Prinzip solange es geht und solange „Les Goudes“ auf den Wegweisern steht. Gönnen Sie sich das Vergnügen nicht direkt vor das Restaurant, die „Grand Bar des Goudes“, zu fahren, denn so etwas wie Parkplätze gibt es dort ohnehin nicht. Stattdessen fahren Sie ein paar hundert Meter bis in die Calanque von Callelongue, wo dann jede Straße aufhört, Sie aber vor der Ansammlung alter Fischerhütten leicht und so sicher parken, wie das in Marseille eben geht. So kommen Sie in den Genuß eines viertelstündigen Spaziergangs direkt an den Klippen entlang.


Wenn Sie aus dem Spaziergang eine Wanderung machen möchten, gehen Sie einfach nach Osten weiter und sind dann, wenn alles glatt geht und Sie genug zu trinken dabei haben, in fünf oder sechs Stunden in Cassis. Die Strecke führt entlang der schönsten Calanques. Vielleicht sehen Sie sich aber die Tour erst einmal vom Wasser an - HIER im VIDEO - und entscheiden dann, ob diese Strapaze das richtige für Sie ist.


Hier wartete die deutsche Wehrmacht auf die Landung der Alliierten im Mittelmeer. Heute teure Ferienhäuser.

Eine Besonderheit auf dem Weg nach Les Goudes sind die alten deutschen Bunkeranlagen aus dem zweiten Weltkrieg. Erst sollten sie gesprengt werden, was ziemlich mißlang - zu stabil gebaut. Dann kam die Stadt Marseille auf die Idee, sie zu verkaufen und löste einen regelrechten Run aus. Für wenig Geld konnte man in den siebziger Jahren einen Bunker kaufen, fensterlos zwar, aber immerhin mit einer bewohnbaren Grundfläche von 108 Quadratmetern und oft mit direktem Meerzugang oder unverbaubarer Sicht. Aus manchen wurden komfortable Ferienhäuser oder sie wurden, etwa zu einem Restaurant, umfunktioniert. Die Wände speichern die Wärme so gut, daß im Winter nicht geheizt werden muß. Verkauft werden Sie heute nicht mehr, nur vererbt.


In der Küche von Didier Tani in Les Goudes. Acht Sorten Fisch aber niemals eine Languste.
Das Bild rechts (und die beiden unten) stammt von Didiers Vater, einem Fischer, der seine Bouillabaisse immer am Strand kochte.
Auch Didier Tani, der Patron der „Grand Bar des Goudes“, - jetzt sind wir endlich da - hat sein Restaurant geerbt. Sein Vater hat sein ganzes Leben als Fischer gearbeitet und das Restaurant liegt direkt am Hafen über den Booten. Didier hat festgestellt, daß mit einer ehrlichen und hochqualitativen Bouillabaisse mehr Geld zu verdienen ist, als mit dem mühsamen Fang der Felsenfische für die Bouillon und dem der Edelfische für die Beilage. Ausschließlich mit Fischen, die noch aus dem Mittelmeer kommen und ohne jeden Firlefanz wird die Suppe hier gekocht.

Ursprünglich war es eine Suppe, die sich die Fischer morgens während der Rückkehr in den Hafen schnell selbst kochten und dazu natürlich vor allem die Fische nahmen, die sie erfahrungsgemäß später nicht mehr so gut verkaufen konnten. So wird auch schnell klar, daß die Languste sicher nicht hineingehört. „Das wird trotzdem ab und zu am Alten Hafen gemacht. Man bekommt von dem Geschmack einer Languste nichts mit, aber der Wirt nimmt zehn Euro mehr.“
  
An sich ein langgeübter Trick zur Umsatzsteigerung. In den fünfziger Jahren stellte der Schriftsteller Wolfgang Koeppen fest: Oft erwarte man in Marseille „nur den Strom geldausgebender Touristen, denen man die Bouillabaisse vorsetzt, in der ein einsames Langustenbein schamrot den Preis von 1000 Francs zu rechtfertigen versucht“.

Jeden Morgen liefern die Kollegen, die mit ihren Booten gegen zwei Uhr morgens rausfahren, ihren Fang bei Didier Tani ab. Das können ruhig ordentliche Mengen sein, denn bis zu einhundertmal kommt das Fischgericht täglich aus der Küche.

 
Erinnerungen an Didier Tani's Vater                    Bilder: Tani
Voller Stolz hat Didier zahlreiche Fotos seines Vaters im Restaurant aufgehängt. Sogar Thunfische und Wale hat dieser hier in der Nähe gefangen. Als sein Vater, zunächst an zwei Tagen in der Woche mit dem Restaurant anfing, gab es eine Besonderheit. Statt die Bouillabaisse zu salzen legte er kurz vor dem Servieren einen handgroßen Kieselstein in jeden Teller, über den hinweg die Suppe aufgetan wurde. Die Steine hatte der Vater entlang des Spülsaums gesammelt, wo sie mit einem Meersalzüberzug versehen worden waren. Das wäre heute nicht einmal mehr in Frankreich erlaubt; statt dessen wird mit Fleur de Sel aus der Camargue gesalzen. Didier erzählt solche Geschichten, als hätte er sie vorher bei Alphonse Daudet gelesen.

>>>> 
Viel mehr zu Marselle, seine gefährlichen wie den kulinarischen Seiten in meinem Buch "Durch den Süden Frankreichs" (700 Seiten, über 1.000 Bilder), das ich gerne signiert und portofrei zusende. Mail an manfred.hammes@web.de

So bewertet die FAZ: Eine „profunde Kulturgeschichte, glänzend formuliert, prachtvoll bebildert und vom Verlag wunderschön ausgestattet…die vielleicht fundierteste Darstellung zu diesem Thema, ganz gewiss ist es die am besten geschriebene“.

Professor Rainer Moritz, Leiter des Hamburger Literaturhauses, lobt im MDR die „hochinteressante Mischung aus Literatur, Kunst und Kulinarik“, und Martin-Maria Schwarz im HR „eine akribische Neuerkundung“. Zusammenfassend die Badische Zeitung: „Ein reiseliterarisches Meisterwerk“ und der NDR: „Ein ganz außergewöhnliches Buch!“

Freitag, 1. Juli 2022

Besonders frisch: Fische mit Glasaugen

Solange der Fischreiher noch auf einen Diebstahl aus ist, ist alles frisch.

Bei den allermeisten Restaurants in Küstennähe müssen wir uns keine Sorgen darum machen, ob die Fische, die auf den Teller kommen, tatsächlich frisch sind; meist werden sie morgens am Hafen, sei es in Sète, in Grau-du-Roi, Marseille oder Antibes angelandet. Wenn man an Markttagen etwas weiter ins Landesinnere kommt, dann gilt es schon eher aufzupassen. Die Hausfrauen wissen Bescheid und suchen nach dem Fisch mit dem „klaren Blick“. In einem der ersten Bücher über „Die Provenzalische Küche“, Jean-Baptiste Reboul hat es geschrieben und schon Frédéric Mistral hielt es in seiner Küche für unentbehrlich. Genauer gesagt hielt er es unentbehrlich für seine Mutter, denn er war alles andere als ein Küchenmann.

Frisch auch immer am Quai des Belges in Marseille
„Gewölbt, klar und sprühend“, so beschreibt Reboul die Augen der Fische, die er selbst kaufen würde. „Eingesunkene, trübe und verschleierte“ Augen verwiesen auf einen „poisson avancé“, mit dem man vielleicht noch seiner Katze eine Freude machen könne oder den Ratten im Dorf. Die klaren Augen waren für den Kochbuchautor so wichtig, weil dieses Merkmal von den Händlern am wenigsten zu beeinflussen sei. Natürlich besprühten diese den Fisch mit Wasser, legen ihn, wenn es gut kommt, auf Eis und geißeln ihn mit Bünden frisch ausgerissener Zitronenmelisse; schon sei der Geruch sei übertüncht.

Ernst Jünger hat einen kreativen Trick des Fischers Riccardo aus Antibes beschrieben. Für Jünger, 1895 in Heidelberg geboren und unter anderem Student der Zoologie, war es beruhigend zu wissen, daß Riccardo seinen Trick nur bei den Feriengästen aus Paris zum Einsatz brachte. Seinen unverkäuflichen Fischen, deren Augen am zweiten Tag weiß und nachmittags milchig wurden, drückte er die Augen aus, setzte ihnen Glasaugen ein und verkaufte sie an die Feriengäste. Etwas aufwendig war nur, dass er jeweils anbieten mußte, die Fische zu liefern und in der Küche der Gäste auch gleich auszunehmen. So nahm er ihnen „beim Ausweiden auch die Augen zu fernerer Verwendung wieder fort. Dessen rühmte er sich beim Wein als einer verdienstvollen Tat und wie ein Mann, der sein Licht nicht unter den Scheffel stellt.“ 

Woraus wir immerhin lernen, daß auch die Augen der Fische wachsam betrachtet, am besten erfühlt werden sollten.

Freitag, 18. Juni 2021

Yvan Audouard: Alles andere als bierernst

Yvan Audouard.                     Bild LeMouching
Sein Geburtsort hätte überall sein können auf der Welt, in jeder französischen Kolonie oder in jeder Konfliktregion, in der französische Soldaten 1914 zum Einsatz kamen; sein Vater war beim Militär damals, die Mutter zog mit und so wurde es denn Saigon. Die bibliophile Mutter schuf den Gegenpol zu den Interessen des Vaters. Aufgewachsen in diesem Spagat, war vielleicht gerade das ausschlaggebend für Yvan Audouard's Berufswahl zum Journalisten und Schriftsteller. Dreißig Jahre lang arbeitete Audouard für die wöchentlich erscheinende satirische Zeitschrift „Le Canard Echaîné“.

Die Eltern, beide im Süden geboren, er in Avignon, sie in Marseille, hatten das Glück, bald wieder in das geliebte Südfrankreich zurückzukehren. Nach 1917 lebten sie in Marseille in der Rue de Spinelli, die im bürgerlichen Viertel Saint Mauront liegt.


Zu den gut verkauften Buch-Veröffentlichungen Audouards gehörten ab Mitte der 60er Jahre Kriminalromane, die aber überhaupt nichts mit den harten Geschichten des Jean-Claude Izzo aus der Mitte der 90er Jahre zu tun haben. Wo Izzo die korruptive Gemengelage zwischen Front National, Mafia, Politik und Polizei in den Mittelpunkt stellt, ist es bei Audouard der tugendhafte Polizist Antoine Le Vertueux, der die Tugend auch gleich in seinem Namen führt. Also auch das gab es seinerzeit noch in Marseille. Und rumgekommen ist der Kommissar auch, von Tahiti bis New York. 1969 erschien dann bei Desch eine deutsche Ausgabe.

Wo andere Verlage eine Série noir auf den Weg brachten, was es bei ihm, ganz im Sinne des Canard Enchaîné eine Série blonde. Den Verlag Gallimard, der seit 1945 fast dreitausend Bände in der Série noire veröffentlichte, wird das nicht besonders berührt haben. Und auch Marcel Duhamel, der die Reihe mehr als dreißig Jahre verlegerisch betreute, wird die Série blonde eher als Kompliment aufgefaßt haben.

Natürlich nahm er auch seinen Schriftstellerkollegen Marcel Pagnol, ebenfalls (fast) aus Marseille, auf den Arm. Wo dieser mit dem später verfilmten „La Gloire de mon Père“ den Ruhm seines Vaters beschrieb, war es für Audouard „Le Sabre de mon Père“, also der Säbel seines Vaters, in dem er seine Kindheit in Marseille und die Ausflüge in die Camargue beschrieb.

Wenn Sie sich eine Freude machen wollen, versuchen Sie mal sein Buch „La Provence – De village en village“ antiquarisch zu erwerben. Gute Exemplare des 2001 bei Ouest-France in Rennes erschienenen Bandes gibt es für um die zehn Euro. Vor allem die Aquarelle von Pierre Pellet werden Sie in Ihren letzten Urlaub zurück versetzen.

Freitag, 14. Mai 2021

Eine Pestmauer quer durch die Provence

Den Spuren des Pestarztes folgen
Zwei Meter hoch und 27 km lang

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Sanitätsrat von Marseille entschloss sich zur Einführung eines dreistufigen Quarantänesystems. Nein, nicht 2021, sondern vor dreihundert Jahren. Dieses System fand bei den im Hafen einlaufenden Schiffen Anwendung. Selbst wenn es bei der Besatzung keine Anzeichen einer Erkrankung gab, wurden die Schiffe in eine mindestens 18tägige Quarantäne geschickt, durften aber an den vorgelagerten Inseln festmachen. Die Besatzungen wurden Lazarette ausserhalb der Stadt gebaut, wo sie sich in gut gelüfteten Räumen aufhalten mussten.

Trotzdem war 1720 die Pest nach Marseille gekommen und breitete sich auch in weiten Teilen der Provence aus. Sie dezimierte die provenzalische Bevölkerung - ebenso die der Stadt Marseille - um die Hälfte und verbreitete sich weiter über Europa. 

50.000 Menschen starben in Marseille an der Pest - die Hälfte der Bevölkerung. Bild von Michel Serre

Das Vaucluse, damals mehrheitlich päpstliches Territorium, ließ sofort eine Trockensteinmauer von 27 Kilometern Länge und zwei Metern Höhe um das damalige „Comtat Venaissin“ bauen, um sich vor der Seuche zu schützen und die Mobilität einzuschränken. Versehen mit Wachposten schlängelte sich diese alle andere als unüberwindliche Steinmauer über die Mont de Vaucluse von Cabrières d’Avignon via Lagnes bis nach Beaucet. Die Reste dieses Kulturerbes kann man heute auf einem Wanderweg mit Start in Lagnes auf etwa neun Kilometern, in rund dreieinhalb Stunden entdecken. Ergänzend zur Wanderung empfiehlt sich die Ausstellung „La Peste – 1720“ im „Hôtel Agar“ in Cavaillon, die von Juni bis September 2021 läuft. An die tausend Manuskripte wie Briefe, Ex-Votos und andere Zeugnisse dokumentieren die Zeit nach der Pandemie von 1721-1723.

Die Ausstellung ist dienstags bis samstags geöffnet. Es gibt nur geführte Besichtigungen auf Reservierung, zu denen Sie sich unter 0033 6 2417 2013 zum Preis von 10 Euro pro Person anmelden können.




Samstag, 23. Januar 2021

Johanna Schopenhauer: Vergebliche Suche nach der Reinlichkeit des Südens

Das ist nun wirklich mal ein durchgezogener roter Faden. Johanna Schopenhauer, die 1766 geborene Tochter aus einer groß- und bildungsbürgerlichen Danziger Handelsfamilie und vom Vater gegen
Klementine des 18. Jahrhunderts
ihren Willen an einen noch reicheren Handelsherren verheiratet, war, nicht nur in Südfrankreich, immer auf der Suche nach sauberen Gassen, Plätzen und Hotels und hat das in ihren damals hochgeschätzten Reiseveröffentlichungen, etwa den "Promenaden unter südlicher Sonne" auch penibel dokumentiert.

In Montauban, im „Hotel des Ambassadeurs“, nahm Johanna Schopenhauer Anstoß an der Möblierung. Vorhänge, Stühle und das Bettgestell sahen aus, als stammten sie aus einem in der Französischen Revolution zerstörten und ausgeraubten Schloß. Auch ekelte sie sich vor der fleckigen Bettwäsche.
„Die Flecken waren vielleicht Blut der in diesen Betten Ermordeten.“
In Toulouse war alles noch viel schlimmer:
„Der dem Lande eigene Haß gegen alle Ordnung und Reinlichkeit scheint in dieser Stadt aufs höchste gestiegen.“
Auch Carcassonne fand ihre Gnade nicht:
“Des so notwendigen Schattens wegen baute man hier die Häuser so nahe einander gegenüber, aber die Luft wird dadurch dumpf, drückend und der gänzliche Mangel der Reinlichkeit umso empfindlicher.“
Und auch nicht Montpellier:
Place de la Comédie
„Da wir bisher auf fast allen Flaschen mit wohlriechendem Wasser immer Montpellier gelesen hatten, so glaubten wir in unserer Einfalt, die ganze Stadt müsse wie der Laden eines Parfümeurs riechen. Wir fanden aber leider hiervon das Gegenteil. Von der hier herrschenden Unreinlichkeit ist es unmöglich, sich einen Begriff zu machen; das Auge wird ebenso beleidigt als die Nase.“ 
Ähnlich wenig gefielen ihr Avignon und Aix-en-Provence, jedenfalls abseits der stattlichen Bürgerhäuser und Brunnen auf dem Cours.
Stolpern über Cézanne
„Der übrige Teil von Aix ist winkelig und dunkel, und die darin vorherrschende Unreinlichkeit übersteigt allen Glauben. Die ganze Stadt hat etwas unordentliches, wir möchten sagen Unheimliches.“
Einmal immerhin hatte sie Glück. Im Gasthaus „A la Belle Suédoise“ in Saint Cannat. Trotz des verblichenen Wirtshausschildes ließ Johanna Schopenhauer anhalten.
„Wir stiegen aus, und auch das Innere des Hauses war zwar ärmlich, aber von einer Reinlichkeit, die wir in diesem Lande zu finden längst nicht mehr erwarteten.“
Die „schöne Schwedin“ stammte aus Stralsund – einst Schwedisch-Pommern - , hatte sich im Siebenjährigen Krieg in einen französischen Soldaten verliebt. Sie war ihm bis hierher, in die Nähe von Aix-en-Provence, gefolgt und freute sich, mit weit über achtzig Jahren inzwischen, wieder einmal deutsch sprechen zu können.

Und dann stieß sie gegen Ende ihrer Reise auf eine besonders saubere Stadt - ausgerechnet Marseille.
„Diese Reinlichkeit fiel uns besonders auf, und die schöne zierliche Stadt, in welcher sogar die Fenster zuweilen gewaschen werden, gefiel uns umso besser, je länger wir die Freude entbehrt hatten, alles um uns her sauber zu sehen.“ 
Grund dafür waren die Steinplatten auf den Bürgersteigen und die zahlreichen schmalen Rinnen, durch die im Hochsommer noch das Wasser strömte. Selbst Damen in weißen Schuhen könnten hier zu Fuß gehen. Eine Polizei, die streng auf Einhaltung der Sauberkeits-Vorschriften achte und die nächtliche Straßenbeleuchtung taten ein übriges.
 

Samstag, 8. Februar 2020

Lesenswert: Der Marseille/Calanques-Wanderführer von Uli Frings

Der Mann kennt sich aus! Wer mehr als zwei Tage in Marseille verbringen möchte, kommt ohne den Reiseführer von Uli Frings nicht aus. Selbst wer mit dem Wandern, Stadtwandern schon gar, nichts am Hut hat, der stößt hier auf eine überwältigende Menge an guten Tipps
 

und Hintergrundinformationen. Aber nennen wir das Stadtwandern doch lieber Bummeln oder Flanieren – dann hört es sich nicht gleich so muskelkaterisch an.

Sie können das Buch auch so benutzen: Sie gehen los am Alten Hafen und lassen sich treiben. Und immer, wenn es Sie für einen Café oder eine Menthe à l’eau oder ein Verre de Rosé in eine Bar zieht, lesen Sie nach, was Sie vielleicht verpasst haben. Dann zurück dahin und wieder treiben lassen. Um den Puls der Stadt zu spüren ist dies eine gute Art der Annäherung.

Wer es systematischer liebt: Mein Rat wäre es mit der Tour 3 (S. 50) zu beginnen, die Quai du Port beginnt und Sie durch das Panier-Viertel führt – für die 6 Kilometer mit 85 Höhenmetern setzt Frings ohne die Besichtigungen zweieinhalb Stunden an. Nur dürfen Sie die

morgendliche Tour dann nicht nach zweihundert Metern unterbrechen und in den ersten Stock des Hotel Bellevue hinauf- und dann auf den Balkon hinausgehen. Von dort hat man für mich einen der schönsten Ausblicke auf den Hafen - auf die Forts und auf Notre-Dame de la Garde - und das bei einem ausgezeichneten Café und frischen Croissants. Etwas später, kommen Sie an der Bar des Treize Coins vorbei, in der Jean Claude Izzo gelegentlich schrieb – aber nicht an
 
 
 
seiner Marseille-Trilogie S. 128), dem zweiten Buch über Marseille, das ich vorbehaltlos empfehle. In einer Pause können Sie dort nach nachzählen, ob der Platz wirklich dreizehn Ecken hat. Wenn Sie dort zu einem ausgedehnten Apéro mit zwei, drei Pastis hängenbleiben, könnte es auch 15 Ecken werden.

Für alle Wanderungen gibt Frings zahlreiche Pausentips, die fast
alle unterschreibe. Nur in Les Goudes muss unbedingt in der nächsten Auflage noch die Grand Bar des Goudes (direkt am Hafen) von Didier Tani dazu. Der Patron, der ohne Maskenbildner jederzeit als Seeräuber im Fluch der Karibik mitwirken könnte, ist Verfechter einer authentischen Bouillabaisse ohne Languste und sonstigem Schnickschnack. Er kocht die so, wie er von seinem Vater gelernt hat. Ein kurzes Video gibt es hier.

Ein wichtiger und richtiger Hinweis bezieht sich zum Beispiel auf die kulturellen Stadtrundgänge (S. 64), die von Carina Curta und Pia Leydolt-Fuchs als CaP.Cult organisiert werden. Und auch ein paar Lesestücke sind im Buch: Ein lesenswerter Gastbeitrag (S. 34) von Oberwanderer Manuel Andrack, der sich so seine Gedanken macht, was einem eine Wanderung entlang von Ölraffinerien und Müllkippen geben kann. Und ein Interview mit Ulrich Fuchs, dem deutschen Programmchef der Kulturhauptstadt Marseille-Aix 2013, der über die Quartiers Nord, die Bandenkriminalität und darüber spricht, warum der soziale und ökonomische Fortschritt in Marseille eine Schnecke ist.

Da kann man nur in die Calanques flüchten, in die uns Frings mit ausgesprochen guten Fotos führt. Hier empfehle ich nicht die an Wochenende schon manchmal überlaufenen östlichen Fjorde, sondern die westlichen Küstenwege von L’Estaque nach Carry-le-Rouet. Alles Wege, die Sie ohne schlechtes ökologisches Gewissen machen können, denn Frings, sagt uns auch, wie wir mit Bus und Bahn schnell an unsere Ausgangspunkte kommen. Selbst passionierte Pkw-Benutzer sollten dem ausnahmsweise folgen, weil dann das Auto nicht aufgebrochen werden kann.
 
Die von Uli Frings angebotenen Reisen können Sie sich unter www.ardechereisen.de ansehen. Da gibt's dann auch richtig viele Infos über die Wanderungen, während ich mich, so kommt mir's vor, doch eher auf die Bars und Restaurants konzentriere.
 

„Marseille, Calanques, Côte Bleue – Wander- und Reiseführer mit den schönsten Stadt- und Küstenwanderungen Marseilles“. 2019, 142 Seiten, 14,80 €.  Zu beziehen über den Autor ulifrings@gmx.de , der das Buch klimaneutral und im Eigenverlag produziert hat.
 

Samstag, 28. September 2019

Zinedine Zidane und Mick Jagger in Nebenrollen

Zidane auf seiner berühmten Wand und Jagger auf
einem T-Shirt. Bilder von Yannis Bautrait und Reckon 
Mick Jagger und seine Band-Kollegen waren natürlich mehrfach in Südfrankreich, so im Sommer 1971, als sie in der Nähe von Antibes jeder eine eigene Villa bewohnten. Im Keller des Hauses von Keith Ricards hatten sie ein provisorisches Studio eingerichtet, komponierten und probten, wenn es die Drogenlage hergab. Bill Wyman hatte Heimweh, wollte nach Hause, sehnte sich nach englischem Essen und englischer Milch. Und Mick Taylor, erst kurz dabei für Brian Jones - dessen Tod (ertrunken oder ermordet?) bis heute nicht geklärt ist - genoß sein Leben als Rockstar. Die BBC hat eine Dokumentation über dieses Jahr gedreht: Stones in Exile. Es sei tatsächlich schon etwas wild gewesen damals, gestand Jagger (inzwischen Sir Mick) rund vierzig Jahre später der britischen Zeitung "The Telegraph" ein.
"Damals waren wir jung, gutaussehend und dumm. Heute sind wir nur noch dumm." 
Vézénobres: Ein Gordes ohne Touristen, aber 
kein Umfeld für Mick Jagger
Wem Gordes und Bonnieux gefallen, der kann sich in Vézénobres ansehen, wie die beiden vertouristeten Hochburgen ohne den ganzen Rummel ausgesehen haben müssen; Mick Jagger hat sich jedenfalls 1978 hier niedergelassen - in der Rue Basse gleich hinter dem Schloß - und ist vor dieser Ruhe und Abgeschiedenheit kurz darauf wieder geflohen. In manchen Straßen ist das romanische Stadtbild noch mit ganzen Häuserzeilen erhalten und, wie auch der restliche Stadtkern, mit alten Materialien sorgfältig renoviert.
Zidane: Made in Marseille und hier auf der Treppe des
Adidas-Shops auf der Canebière mit seinem Konterfei. Bild Merci à Adidas

Sicher kennen Sie das Bild (siehe oben) der berühmstesten und meistphotographiertesten Mauer von Marseille direkt an der Küstenstraße in Richtung Osten, genau da wo die Corniche Kennedy über den Place Paul Ricard führt. Zidane war jahrelang als fünfzehn Meter hohes Portrait darauf zu sehen, Adidas hat es bezahlt und beschriftet ist die Wand auf englisch: „Made in Marseille“.

Ziadane ist in einer jener verufenen Hochhauswüsten von Marseille aufgewachsen, die Polizei, Sozialarbeiter und Stadtverwaltung gerne vergessen, La Castellane, und die noch am ehesten als Problemviertel in die Romane von Jean Claude Izzo gehört. Als „Yazid“ war Zidane hier in jungen Jahren bekannt, erst später bekam er den Spitznamen „Zizou“. 


Auch heute geht nichts ohne die "10". Bild LCM/Calicot
"Und Zinedine?" läßt Leila Sebbar in Ihrem Buch Mes Algéries en France Zidanes Mutter erzählen.
"Wie sollte ich wissen, daß mein Sohn überall auf der Welt Zidane genannt und ebenso bekannt sein würde wie de Gaulle. Als er klein war habe ich zu seinem Vater gesagt. Den ganzen Tag hat er nur Fußball im Kopf. Das ist wirklich nicht genug. Wie will er denn mal Geld verdienen?"
_____________________________________________________________________________

Viel mehr zu Marseille, Vézénobres und dem Midi in meinem Buch "Durch den Süden Frankreichs" (700 Seiten, über 1.000 Bilder), das ich gerne signiert und portofrei zusende.

So bewertet die FAZ: Eine „profunde Kulturgeschichte, glänzend formuliert, prachtvoll bebildert und vom Verlag wunderschön ausgestattet…die vielleicht fundierteste Darstellung zu diesem Thema, ganz gewiss ist es die am besten geschriebene“.

Professor Rainer Moritz, Leiter des Hamburger Literaturhauses, lobt im MDR die „hochinteressante Mischung aus Literatur, Kunst und Kulinarik“, und Martin-Maria Schwarz im HR „eine akribische Neuerkundung“. Zusammenfassend die Badische Zeitung: „Ein reiseliterarisches Meisterwerk“ und der NDR: „Ein ganz außergewöhnliches Buch!“



Freitag, 31. Mai 2019

Ankunft in Marseille: Simone de Beauvoir

Simone de Beauvoir festgehalten von Thierry Ehrmann cc
Marseille löst Gefühle aus, wird geliebt oder verachtet oder läßt einen kalt. Liebe auf den ersten Blick war es für Simone de Beauvoir.

Sie kam im September 1937 als junge Lehrerin in die Stadt, stand auf der großen Treppe am Bahnhof Saint Charles, hatte kein Zimmer, kannte keinen Menschen, wußte nicht wo ihre Schule war - und dennoch:
„Liebe auf den ersten Blick. Ich turnte über Kopfsteinpflaster, ich streifte durch die Gäßchen, ich atmete den Geruch von Teer und Seeigeln im alten Hafen, ich mischte mich unter die Menge auf den Canebière. Ich liebte die ratternden Straßenbahnen, an denen Menschentrauben hingen und die Namen der Fahrziele: La Madraque, Mazargue, Les Chartreux, Le Roucas blanc.“
Bahnhof Saint Charles: Kurz geradeaus und dann nach rechts auf die Canebière

Über dem Restaurant „L’Amirauté“ fand sie schließlich ein Zimmer „mit einem annehmbaren Pensionspreis“ und unternahm, bei gerade mal vierzehn Stunden Unterricht in der Woche, lange Wanderungen durch die Umgebung, am Hafen entlang und in die Marseille umgebenden Fjorde, die Calanques.

Segeldampfer am Alten Hafen von Marseille


„Ich ging die wasser- und windgepeitschte Mole entlang und sah den Fischern zu. Ich irrte in der Trostlosigkeit der Docks umher und ich streifte durch die Viertel, wo sonnenverbrannte Männer alte Schuhe und Lumpen kauften und verkauften.“