Samstag, 26. Mai 2018

Resistance-Literatur: "Das Schweigen des Meeres"

Melvilles Film ist sehenswert. Hier der Trailer.                                                             Bild Pinterest
So gut wie nicht jeder Deutsche ein Kriegsverbrecher, so wenig war jeder Franzose in der Resistance. Auch in Frankreich gab es Faschisten, von denen sich mehrere tausend sogar der SS anschlossen und in der Division Charlemagne an der Ostfront und in den letzten Kriegstagen in Berlin am Anhalter Bahnhof und vor dem Reichssicherheitshauptamt kämpften. Zu der Einheit gehörten auch Deutsche Soldaten, so der spätere Konstanzer Literaturwissenschaftler Hans Robert Jauß, mit seinem Spezialgebiet der mittelalterlichen und modernen Literatur Frankreichs. Er berichtet auch von Kriegsverbrechen dieser Division.

Die französische Widerstandsbewegung darf man sich, gerade zu Beginn, nicht als straff organisierte Bewegung vorstellen. Und auch gegen Kriegsende gab es immer noch viele Untergruppierungen und völlig selbstständig agierende Einheiten. Da gab es die Untergrundzeitungen Liberation, Franc-Tireur und Combat, da waren Gruppen wie die Front National von Pierre Villo, das Comité d’Action Socialiste von Pierre Brossolette, die Armée Secrète unter Charles Delestraint und viele andere, von denen die Résistance der Fer der französischen Eisenbahner eine besonders wichtige Funktion erfüllten. Und dann gab es natürlich noch die Exil-Patrioten im Umfeld des noch 1940 weitgehend unbekannten Charles de Gaulle; sein erster Aufruf zum Widerstand, den die BBC verbreitete, blieb weitgehend wirkungslos. Erst drei Jahre später konnte Jean Moulin – Deckname „Max“ oder „Le Maquis“ die unterschiedlichen Bewegungen, die sich in Einzelfällen sogar bei der Gestapo denunziert hatten, koordinieren.
Neben den zahlreichen Sabotageakten war die Literatur der Resistance ein wesentlicher Faktor, der das Zusammengehörigkeitsgefühl der Franzosen bestärkte. Eine der einflußreichsten Veröffentlichungen war die Novelle „Le Silence de la Mer“, die der ehemalige Karikaturist Jean Marcel Bruller unter dem Namen Vercors in der von ihm mitbegründeten „Editions de Minuit“ veröffentlichte; gedruckt wurde das Fünfzig-Seiten-Büchlein allerdings in Genf. Den Namen Vercors hatte sich Bruller nach einem wichtigen Rückzugsgebiet der Resistance in der Nähe von Grenoble gewählt. Dort war es zu brutalen Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht gekommen. Die Tageszeitung „Le Monde“ zählt das Buch zu den wichtigsten einhundert Büchern des 20. Jahrhundert.

Der Offizier Werner von Ebrennac wird bei einem Schreiner und dessen Nichte einquartiert, die mit dem anständigen und an französischer Kultur interessierten Deutschen als Zeichen ihres Widerstandes kein Wort sprechen. Ebrennac kann sich sogar eine deutsch-französische Freundschaft vorstellen. Damit steht er jedoch auch bei seinen Kameraden ziemlich allein. Erst als er sich zum Kampfeinsatz an die Ostfront meldet und das Haus verläßt, spricht die Nichte ihr einziges Wort:


„Adieu!“
Heute ist die Wirkung des Buches schwer nach zu vollziehen. Oft wurde es wegen seines Ansatzes der Völkerverständigung André Gide zugeschrieben. Der russische Schriftsteller und Journalist Ilja Ehrenburg charakterisierte es als ein
„Werk zur Provokation, das bestimmt von einem Nazi geschrieben wurde, um der Manipulation der öffentlichen Meinung unter Führung der Gestapo dienlich zu sein“.
Der Untergrundverlag „Editions de Minuit“ veröffentlichte daneben sehr früh schon Werke der späteren Nobelpreisträger Samuel Beckett und Claude Simon. Die frühe Verfilmung von Melville ist sehenswerter als die späteren Versuche.

 

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