Posts mit dem Label Le Corbusier werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Le Corbusier werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 25. September 2026

Wie in Roquebrune das Architektur-Ideal einer Frau vergewaltigt wird

 

Das Haus E.1027: 1930 einsam, heute umbaut

Nicht immer haben schöne Dinge einen Anspruch auf eine ebensolche Umgebung. Das geschichtsträchtige Haus mit dem seltsamen Namen E.1027 hat die irische Architektin Eileen Gray in Roquebrune-Cap-Martin bauen lassen. Es liegt zwischen Monaco und Menton, zwar direkt am Meer, ein paar Meter allerdings nur entfernt von der Bahnlinie und den heute die Küste dominierenden Ferienwohnungen im Riviera-Plattenbaustil.

Ebenfalls in Roquebrune, aber ganz anders, in einem riesigen Gartengelände, das einst zum Jagdrevier der Familie Grimaldi aus Monaco gehörte, liegt die „Villa La Pausa“ von Coco Chanel. Vor rund einhundert Jahren und damit fast zeitgleich zu E.1027 wurde die Villa geplant und erinnert doch eher an ein Zisterzienser-Kloster. Neben Igor Stravinsky waren es vor allem die Maler, die Coco sich hierher einlud: Pablo Picasso und Salvador Dali gehörten dazu. Später war es Winston Churchill, der nach dem Zweiten Weltkrieg hier als Autor seine klösterliche Ruhe fand. Nachdem das Haus ab den 1950er Jahren jahrzehntelang in Privatbesitz war, gehört es heute wieder dem Unternehmen Chanel und kann nur mit einer entsprechenden Einladung besucht werden.

Coco und das nach ihrem Haus benannte Parfum

Auf das Haus von Gray aufmerksam gemacht hat mich der Karlsruher Architekt Rainer Schneider. Und die Aufmerksamkeit hat es verdient. Zunächst des Namens wegen: E.1027 heißt es und verknüpft die Initialen von Eileen (E) Gray (7) und ihres rumänischen Partners Jean (10) Badovici (2) mit den Ordnungszahlen des Alphabets. Ein Haus für die Empfindsamkeiten und Bedürfnisse seiner Bewohner sollte es werden, ein offenes Haus mit Rückzugsecken, ein weißes Haus, innen wie außen, nach dem ausdrücklichen Willen seiner Erbauerin – so Gray 1929. 


Eileen Gray und Jean Badovici
Nachdem Gray das Haus ihrem jüngeren Architekten-Kollegen geschenkt hatte, hatte der nichts Besseres als seinem Kumpel, dem Architekten Le Corbusier die Erlaubnis zu erteilen, die „Baracke zu verschmieren“ – so hat sich „Corbu“ tatsächlich ausgedrückt. Und genau das tat er dann auch, mit knalligen Farben und teilweise erotischen Motiven. Eine plumpe Rache für die kritische Bewertung von Le Corbusier in einer Architekturzeitschrift, in der Gray dessen Konzept der „Wohnmaschinen“ für als alles andere als menschenfreundlich charakterisiert hatte.

„Corbu“ als Nacktmaler in Grays Haus

Jahre später wurde in dem lange leerstehenden und dann von einem kroatischen Fremdenlegionär besetzten Haus der Schweizer Arzt Peter Kaegi ermordet. Ihm wird eine sehr seltsame Rolle im Zusammenhang mit dem Tod von Le Corbusier zugeschrieben, dessen Erbe er angetreten hatte. Mit Voranmeldung kann das Haus, das sich als „Maison en Bord de Mer“ inzwischen im Eigentum des französischen Staates befindet, im Rahmen offizieller Führungen besichtigt werden.

 

 

 

Viel mehr in meinem Buch "Durch den Süden Frankreichs". Gerne signiert bei manfred.hammes@web.de