Freitag, 30. August 2019

Nîmes: Mehr als Daudet und Arena

Daudet nachdenklich im Brunnen
Alphonse Daudets Geburtshaus in Nîmes liegt dort, wo man aus den Markthallen (La Coupole) auf den Boulevard Gambetta hinausgeht. Von dort geht es nach rechts in Richtung Amphitheater. Soweit das auf dem Boulevard Amiral Courbet, wie er wenig später heißt, wegen des ständigen Verkehrs überhaupt möglich ist, überqueren Sie ihn bei erster Gelegenheit. So kommen Sie an Daudets Denkmal auf dem Square de la Couronne vorbei, da, wo es in die Rue Notre Dame hineingeht.

Die Briefe aus seiner Mühle
hat er dort nie geschrieben 
Daudet, der früh nach Paris ging, um dort, wie sein älterer Bruder Journalist zu werden, hat sich mit vielen seiner Schriftstellerkollegen regelmäßig getroffen und ausgetauscht. In den Pariser Salons gehörten die Goncourts, Zola, Flaubert und Victor Hugo zu seinem Bekanntenkreis. Dennoch blieben Sozialkritik und Naturalismus Fremdwörter für Daudet. Selbst Werke wie „Numa Roumestan“ oder „Sappho“ sind im Vergleich zu Zolas schonungslosen Schilderungen immer noch mit einem sozialromantischen Weichzeichner geschrieben. Nur die Themen waren die gleichen: Armut, Reichtum, Kinderarbeit, Familienkampf. Daudet fühlte sich von den Ränken der Tagespolitik abgestoßen.
„Oh Politik, wie ich dich hasse! Unter deinen verschiedenen Kleidern immer dieselbe Verruchtheit; du trennst edle Herzen, die füreinander geschaffen wären, du einst Leute, die getrennt bleiben müssten, du machst den Edlen duldsam für den Schurken, wenn er nur seiner Partei zugehört. Du bist die Korruption des Gewissens, du machst die Lüge zur Gewohnheit, du machst die Menschen gleichgültig gegen die schönen Dinge.“
Das Amphiteater von Nîmes: Ringkämpfe (li) und Oper (re) im 19. Jahrhundert
Rund zwanzigtausend Besucher passen in das römische Amphitheater, das heute eine Sommerfunktion als auch blutige Stierkampfarena hat und im Winter, nach dem jährlichen Umbau, als Kulturzentrum für Tanztheater und kammermusikalische Abende dient. Beides ist in Nîmes gleichwertiges Kulturprogramm. So haben wir Glück gehabt, daß der Versuch Karl Martells die Arena niederzubrennen, mißlang. Für ein römisches Siegesdenkmal hatte er sie gehalten, mit Holz füllen lassen und angezündet - Spuren, die heute noch zu sehen sind.

Als Jean-Jacques Rousseau um 1740 die Arena besuchen wollte, waren, ebenso wie in Arles, die Arkaden und der Innenraum zugebaut:

„Dieses weitläufige und prächtige Amphitheater ist von häßlichen kleinen Häusern umgeben, und andere kleinere und noch häßlichere Häuser füllen seine Arena, so daß das Ganze einen ungleichartigen und verworrenen Eindruck macht, bei dem Ärger und Entrüstung Genuß und Überraschung ersticken."
Die Arenen von Arles (hier im Stich von
Peyret) und Nîmes als kleine mittelalterliche Städte
Mehrere tausend Menschen, wie auch in der Arena von Arles, lebten auf engstem Raum in den einhundertfünfzig Gebäuden der Arena; sogar eine eigene Kirche gab es, die dem Heiligen Martin geweiht war. Als zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Häuser abgerissen wurden, mußte man sie aus einer bis zu sieben Meter dicken Müll- und Schuttschicht ausgraben.

Hermann Ludwig Heinrich von Pückler-Muskau - Literat, Weltenbummler und „Gartenfürst“ - berichtet 1834 von einem Besuch, bei dem alles schon ganz anders aussah:

„Das Amphitheater, welches hunderte angebaute Hütten von außen und innen kaum entdecken ließen, steht jetzt frei und teilweise restauriert."
Liebend gerne hätte er sich in Nîmes im großen Stil landschaftsgärtnerisch betätigt, so wie im Bois de Boulogne, den er für Napoleon III. umgestaltete.

Für manch eine ist Nîmes nur Schuh-Einkaufs-Stadt
Nîmes erschließt sich am allerbesten zu Fuß; allerdings sollte man schon gut fünf bis sechs Kilometer durch die Stadt und den Jardin de la Fontaine einplanen; das ist nicht jederfraus Freude. Glücklicherweise ist Nîmes auch die Hauptstadt der Schuhgeschäfte, sodaß abgelaufene Absätze am besten mit ein, zwei oder drei Paar neuer Schuhe ersetzt werden.


Letztlich ein zufriedenstellendes Ergebnis eines Kulturspaziergangs durch Nîmes


_____________________________________________________________________________

Viel mehr zu Nîmes und dem Midi in meinem Buch "Durch den Süden Frankreichs" (700 Seiten, über 1.000 Bilder), das ich gerne signiert und portofrei zusende.

So bewertet die FAZ: Eine „profunde Kulturgeschichte, glänzend formuliert, prachtvoll bebildert und vom Verlag wunderschön ausgestattet…die vielleicht fundierteste Darstellung zu diesem Thema, ganz gewiss ist es die am besten geschriebene“.

Professor Rainer Moritz, Leiter des Hamburger Literaturhauses, lobt im MDR die „hochinteressante Mischung aus Literatur, Kunst und Kulinarik“, und Martin-Maria Schwarz im HR „eine akribische Neuerkundung“. Zusammenfassend die Badische Zeitung: „Ein reiseliterarisches Meisterwerk“ und der NDR: „Ein ganz außergewöhnliches Buch!“


 

Samstag, 24. August 2019

Château Coujan: Top-Weißweine aus Saint Chinian

Die Schwestern Florence und Danièle Guy - heute ist Florence die alleinige Eigentümerin - haben im Jahr 2008 begonnen, die biologische Vielfalt und den nachhaltigen Schutz von Pflanzen und Tieren auf den insgesamt 140 Hektar landwirtschaftlich nutzbarer Fläche in den Mittelpunkt zu stellen. Wenn Sie heute dort durch die Weinberge gehen, werden diese immer wieder von Brachflächen
unterbrochen, viele medizinisch verwertbare Kräuter finden sich und noch mehr Insektenarten und Singvögel. Die Rebfläche beträgt nur 54 Hektar.

Mit Rücksicht auf die Natur baut Florence Guy nur auf einem Drittel ihrer Fläche Reben an
Château Coujan, sowohl das Schloß als auch das Weingut, sind geschichtsträchtige Orte. Font de Coujon hieß es einmal und noch heute gibt es dort die alten Quellen. Schon die Römer hatten hier, nicht weit von der Via Domitia, die Rom mit Spanien verband, mit dem Weinbau begonnen. Schon Plinius der Ältere beschreibt diese Weinkultur, die mit Gips, Harz und Pech die meist sehr süßen Weine haltbar machen wollte. Experimentierfreudig waren sie Römer: Den „billigen und schnellen“ Wein für die Sklaven und Landarbeiter produzierten aus bereits gepressten Trauben, die mit Wasser aufgegossen, genau 24 Stunden Mazerationszeitzeit hatte. Durch die Zugabe von Myrrhe, Muskat oder Zimt wurde anschließend der jeweils gewünschte Geschmack erzielt.

 
Florence Guy mit ihrem Vater
 
Den Pfauen können auf der Domaine überall in den Weinberger begegnen

Die erste urkundliche Erwähnung von Coujan stammt aus dem Jahr 966, als Graf Matfred von Narbonne und seine Frau Adelaide ihrem Sohn Raymond das Gut überschreiben. Danach taucht der
Name immer wieder in den Archiven auf, wenn sich die Einwohner von Coujan und Murviel etwa um Weiderechte oder Feuerholz stritten. Diese Streitigkeiten hatten auch politische Gründe, denn Coujan gehörte zu Narbonne und Murviel zu Béziers. Heute gehört die Domaine zur Gemeinde von Murviel-lès-Béziers und weinmäßig zur Appellation von Saint Chinian, die gerade einmal zwanzig kleine Dörfer mit zusammen 2.800 Hektar Rebfläche umfasst. Trotz der an sich geringen Anbaufläche betreibt die Appellation ein intensives Marketing – oft in Paris, manchmal auch an der 5th Avenue in New York.

Chinian wirbt in New York


Seltsamerweise werden die meisten Flaschen ins biertrinkende Belgien exportiert. Minervois und Faugères sind die angrenzenden Apellationen. Fast ausschließlich Rot- und Roséweine werden hier ausgebaut; der Anteil der Weißweine liegt bei weniger als einem Prozent. Zu den Ausnahmen gehört das Château Coujan, wo, auf biologischer Basis, knapp 15 Prozent Weißweine produziert werden. Ein besonderes Erlebnis ist der lange Gang, der durch den Weinkeller mit zum Teil über einhundert Jahre alten Fässern führt. Natürlich gehört da dann die Weinprobe dazu. Viele kulturelle Veranstaltungen auf dem Château, von Ausstellungen über Konzerte bis zu Filmabenden, lassen es hier nicht langweilig werden.


Château Coujan, 34490 Murviel-lès-Béziers, Frankreich, Florence GUY 04.67 .37.80.00

Samstag, 17. August 2019

Pagnol und Maupassant-Bücher: Leider ohne Hintergrund

Es war damals eines der Themen in Frankreich kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert: Das viele Geld, das französische Kleinanleger durch den verschleppten Konkurs der den Bau des Panama-Kanals finanzierenden Gesellschaft verloren hatten. Hinzu kam eine durch Bestechung zahlreicher Politiker, unter anderem von Clemenceau, zustande gekommene Lotterie, die vielen Bürgern weiteres Geld zu einem Zeitpunkt aus der Tasche zog, als den Insiders längst klar war, daß die Gesellschaft in Konkurs gehen würde. Wäre nicht kurz darauf die Affaire Dreyfus in den Mittelpunkt gerückt, in deren Verlauf ein Unschuldiger zweimal wegen Landesverrats verurteilt und der wahrhaft Schuldige freigesprochen wurde, hätte der Panama-Skandal deutlich höhere Wellen geschlagen.

Immerhin: Was im Großen funktioniert, funktionierte erst recht im Kleinen. Die Korruption in der sogenannten „besseren Gesellschaft“ ist das Thema von Marcel Pagnols "Topaze" (Mons, Dresden 23,90). Mit dem Stück feierte er 1928 seinen Durchbruch am Theater, bevor es gleich mehrfach verfilmt wurde. Ein zu ehrlicher Lehrer, Monsieur Topaze, wird in zwielichtige Machenschaften verwickelt – ohne es zu wollen. Der Dresdner Mons Verlag hat das Stück neu herausgebracht und mit einem wunderbar altertümlichen Titelbild von Michel Guy-Nochet versehen; Wolfgang Barth hat die Ausgabe übersetzt. Obwohl die Erinnerungen Pagnols über die französische Premiere im Anhang abgedruckt sind, wäre es gut gewesen, man hätte in den Materialien etwas mehr über den historischen Hintergrund und die Entstehungszeit erfahren können.
Das Gleiche gilt für Maupassants „Sur l’eau“ (Mons, Dresden, 11.90€), der bei Mons jetzt immerhin in zweiter Auflage erschienen ist. Kein Wort zum Autor, nichts über die Entstehungsgeschichte. Deshalb rate ich dann eher zu dem bei Mare erschienenen Band in deutscher Übersetzung und mit einem Nachwort von Julian Barnes versehen. Da lohnt dann auch der doppelt so hohe Preis.

Samstag, 10. August 2019

Lourmarin: Das versteckte Grab von Albert Camus

Das Lieblingsrestaurant von Albert Camus (siehe nebenstehendes cc-
Bild von John Pasden) war das „Ollier“ von Madame Hirtzmann in Lourmarin. Ab und zu deckt sie den runden Tisch im Nebenzimmer noch einmal genau so, wie bei seinem letzten Abendessen in ihrem Haus. Nachdem Albert Camus nach Lourmarin gezogen war, entwickelte er literarische Projekte, die nicht ganz zu seinem sonstigen Schaffen paßten. Eine Serie von Sonnenessays wollte er schreiben, über den Sommer, den Süden, die Feste. In seinem Tagebuch finden sich Einträge über den Tag, „der sprüht und strahlt“, über den Kinderlärm aus dem Dorf und den Springbrunnen im Garten.

„Allenthalben bricht Vogelzwitschern hervor, mit einer Kraft, einem Jubilieren, einem fröhlichen Mißklang, einem unendlichen Entzücken.“
Anfang Januar 1960 hatte er seinem Verleger Gallimard die neuen Projekte in Lourmarin vorgestellt. Bei einem Unfall im Auto von Michel Gallimard, dem Neffen des Verlegers, kam Camus ums Leben. An seiner Autobiographie mit dem Arbeitstitel „Der erste Mensch“ arbeitete er gerade. Das Fragment von „Le Premier Homme“ wurde erst mehr als dreißig Jahre nach seinem Tod veröffentlicht.

Wenn Sie sein Grab auf dem Friedhof von Lourmarin aufsuchen, werden Sie es wahrscheinlich zunächst nicht finden. Und das trotz oder


wegen des Hinweises gegenüber dem Eingang. Die verblichene Skizze erschließt sich nur dem geübten Kartenleser, manchmal nicht einmal dem. Gehen Sie nach links, bis es nicht mehr weitergeht und folgen der Friedhofsmauer nach rechts. Am Ende der Allee finden Sie direkt am Weg auf der rechten Seite einen Stein mit Namen und Lebensdaten von Camus, beides gerade noch zu entziffern. Links daneben das Grab seiner Frau, das Ihnen vielleicht zuerst ins Auge fällt. Den Plänen des französischen Politikers Sarkozy, ihn zu seinem fünfzigsten Todestag ins pompöse Pariser Panthéon zu überführen, hätte er mit Nachdruck widersprochen. Was soll er neben Voltaire, Zola und Hugo? Er war glücklich in Lourmarin, so glücklich wie sein Sisyphos, den wir uns, so sagte er, auch „als einen glücklichen Menschen vorstellen müssen“.

Fast ebenso versteckt ist das Grab von Henri Bosco, der neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit auch Konservator des Schlosses von Lourmarin war. Als Junge hörte er seine Eltern immer vom Fluß, von den Gefahren der schlammigen Hochwasser der Durance und der Rhone erzählen, die nicht weit vorbeiflossen, die er aber noch nie gesehen hatte. Der Vater hatte ihm das Spielen in der Nähe des Wassers verboten. „Und meine Mutter hatte hinzugefügt: ‚Im Fluß, mein Kind, gibt es Strudel, in denen man ertrinkt, Schlangen zwischen dem Schilf und Zigeuner an den Ufern.’ Das genügte, um mich Tag und Nacht vom Fluß träumen zu lassen.“ Vielleicht auch weil es in der Gegend von Lourmarin immer noch ein wenig heißer ist, als in der übrigen Provence, wie er in seinem Roman über den Hof Théotime beschreibt.

„Im August, kurz vor dem Abend, umarmt eine mächtige Hitze die Felder in unserem Land.“
____________________________________________________________________________
Viel mehr zu Grasse und dem Midi in meinem Buch "Durch den Süden Frankreichs" (700 Seiten, über 1.000 Bilder), das ich gerne signiert und portofrei zusende.

So bewertet die FAZ: Eine „profunde Kulturgeschichte, glänzend formuliert, prachtvoll bebildert und vom Verlag wunderschön ausgestattet…die vielleicht fundierteste Darstellung zu diesem Thema, ganz gewiss ist es die am besten geschriebene“.

Professor Rainer Moritz, Leiter des Hamburger Literaturhauses, lobt im MDR die „hochinteressante Mischung aus Literatur, Kunst und Kulinarik“, und Martin-Maria Schwarz im HR „eine akribische Neuerkundung“. Zusammenfassend die Badische Zeitung: „Ein reiseliterarisches Meisterwerk“ und der NDR: „Ein ganz außergewöhnliches Buch!“




Freitag, 2. August 2019

Laguiole - ein Name ohne Wert

Feinste Handarbeit.   Bild Forge de Laguiole
In Solingen ginge das nicht! Wenn ein Messerschmied in Laguiole – genau, da wo die Messer ihren Namen herhaben – sein Messer Laguiole nennt, ist er in Gefahr, wegen Fälschung eines pakistanischen oder chinesischen Produkts verklagt zu werden. Der französische Unternehmer Gilbert Szajner, der unter anderem asiatische Billigmesser vertreibt, hatte sich die Namensrechte bereits 1993 gesichert. Bürgermeister Vincent Alazard ging dagegen gerichtlich vor. Ohne Erfolg. Rund einhunderttausend Euro Anwalts- und Prozeßkosten muß die Gemeinde mit ihren 1.300 Einwohnern nun dem Rechteinhaber bezahlen. Symbolisch hat der Bürgermeister daraufhin die Ortsschilder abgeschraubt.

Ein Gesetz, das künftig die Nutzung von Ortsnamen regelt, wird für die Einwohner von Laguiole zu spät kommen; es gilt natürlich nicht rückwirkend. Nicht einmal mehr der hier fabrizierte Rohmilchkäse darf Laguiole-Käse heißen.



Oben Calmels erstes Laguiole mit Horngriff und sein Muster, das Navaja. Bilder Lennertz

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren in Südfrankreich das Capuchadou, mit feststehender Klinge, und ein spanisches Taschenmesser, das Navaja, weit verbreitet. Aus diesen Vorbildern hat Pierre-Jean Calmels um 1830 das Laguiole mit seinem damals typischen Horngriff entwickelt. Also ein früher Produktpirat, nicht viel anders als die chinesischen Hersteller, die man zuhauf über die Homepage von Alibaba findet, dem e-Commerce-Giganten von Jack Ma, der bei seinem Börsengang im Jahr 2014 mehr als 25 Milliarden Dollar eingesammelt hatte.

Coutellerie von Pierre-Jean Camels,
dem Erfinder des Laguiole-Messers. Postkarte Lennertz
Fast könnte man die These aufstellen, daß das neu-deutsche Marketing-Instrument des Storytelling von den ersten Messerschmieden in Laguiole erfunden wurde. Um das Messer ranken sich viele Geschichten. Von der Messertaufe mit einem Frauennamen – Florence, Odette oder Cecile - bis hin zur Geschichte, daß ein verschenktes Laguiole die Freundschaft zerschneidet. Deshalb müsse der Beschenkte seinem Freund mindestens einen Centimes zurückgeben und es so „kaufen“. So wird aus dem einfachen Hirten- und Bauernmesser ein Prestigeprodukt, das es bald schon mit fein gearbeiteten Ziselierungen und Griffen etwa aus Elfenbeim zu kaufen gibt.

Heute bewegen sich die Preise zwischen asiatischen 2 Euro und reichen bis zu 1.200 Euro, wenn etwa eine Damaszenerklinge mit Elfenbeingriff einem französischen Staatsgast überreicht wird.


Sehr unterschiedlich ausgelegt werden die Verzierungen des Messers, die Biene - für manche auch eine Fliege -, die in Form eines Steinkreuzes eingelassenen Metallstifte und der Wellenschliff oben auf der Klinge. Für manche sind es „nur“ die Symbole für die Elemente Luft, Erde und Wasser. Andere sehen eine religiöse Symbolik: Das Steinkreuz hätten die Hirten auf den einsamen Causses des Larzac oder der Auvergne in den Boden gestoßen und dann davor ihre Gebete gesprochen.

Wenn Sie auf dem Flohmarkt besonders großes Glück haben, wird Ihnen dort ein Messer angeboten, in das die Längen- und Breitengrade sowie der Name des Besitzers eingraviert sind. Wenn Sie das geografisch nachverfolgen, landen Sie in Algerien und haben das Messer eines Fremdenlegionärs entdeckt. Sofort kaufen!

Nun müssen Sie selbst entscheiden, wie und wo Ihr Laguiole-Messer produziert und herkommen soll. Einen Überblick über die Kriterien finden Sie auf der Homepage von Petra und Max Lennertz.

Gut beraten sind Sie mit Produkten der Schmieden Laguiole en Aubrac, Fontenille Pataud, Honoré Durand und Forge de Laguiole. Mein Messer besitzt eine Damaszenerklinge, die Arnaud Grafteaux von Durand geschmiedet hat - wie das hergestellt wird, sehen Sie HIER IM VIDEO von Jean-Paul Girbal; sechs Minuten aus der Hitze der Werkstatt unterlegt mit zum Träumen anregenden Winterbildern aus der Auvergne, die mehr so aussehen, als seien sie in der Eifel gedreht und nicht in Südfrankreich.

Samstag, 20. Juli 2019

Saint-Quentin-la-Poterie: Töpfermuseum

Die ganze Vielfalt des Töpferhandwerks
Normalerweise haben Städtchen mit knapp dreitausend Einwohnern museal nichts zu bieten – manchmal ein Heimatmuseum. In Saint-Quentin befindet sich, verteilt auf zahlreiche Ausstellungsräume, das Musée de la Poterie Méditérranéenne (hier im Video), nicht irgendein kleines Töpfermuseum, sondern das Töpfereimuseum des gesamten Mittelmeerraumes.

Es ist gut ausgeschildert, ist also leicht zu finden (14, rue de la fontaine. Tel 0033 466 03 65 86). Ausstellungsstücke aus dem gesamten Mittelmeerraum ab dem 18. Jahrhundert werden hier gezeigt; abwechslungsreich durch die zahlreichen Sonderausstellungen. Erstaunlich wie man Keramiken einsetzen kann. Von den berühmt-berüchtigten „Rumstehseln“, die Ihre Frau engagiert vom VHS-Kurs nach Hause trägt und hoffentlich schnell weiter verschenkt, ist hier nicht zu sehen. Brotöfen, Tierfallen, Baumaterialien, Vorratsgefäße…und alles aus Ton.

Vase d'Anduze
Das Töpfern wird hier seit dem Mittelalter betrieben. Ende des 19. Jahrhunderts wurde dem Ort der Namenszusatz "La-Poterie" von Staatspräsident Jules Grévy verliehen.

Wenn Sie nach dem Museumsbesuch ein kleines Restaurant mit einem guten Preis-Leistungsverhältnis suchen, könnte "La Cuisine du Boucher" nicht weit von der Tourist-Info das richtige sein. Wie der Name schon sagt, ist hier eher ein Steak angesagt, als vegetarische Küche. Zum Übernachten bietet sich das "Les Clos de Pradines", absolut ruhig und oberhalb des Ortes gelegen. Einziger Nachteil ist der Pool, der nah an der Terrasse des Restaurants liegt. Wenn da gerade Kindergeburtstag gefeiert wird, kann es etwas lauter werden.

Nicht weit von hier, in Anduze, wurden und werden die Tonvasen hergestellt, mit denen Ludwig XIV. sich das Schloß von Versailles ausstatten ließ. 







Samstag, 13. Juli 2019

Petrarca auf dem Mont Ventoux?



Der Mistral  schafft einen wolkenlosen Himmel            Bild Steffen Lipp
Am 26. April 1336 stand Francesco Petrarca als Erster oben auf dem Gipfel des Mont Ventoux – als Erster jedenfalls, der den Weg auf den Berg auch dokumentierte: In einem Brief an der Augustinermönch Francesco Dionigi.
„Den höchsten Berg dieser Gegend, den man nicht unverdient Ventosus, den Windigen nennt, habe ich am heutigen Tage bestiegen".
Und weiter seine Eindrücke vom Gipfel:
"Zuerst stand ich, durch einen ungewohnten Hauch der Luft und durch die ganz freie Rundsicht bewegt, einem Betäubten gleich da.“
Steffen Lipps Blick vom Mont Ventoux in Richtung Alpen

Sein Blick, der Mistral hatte die Sicht klar gewischt, ging vom Rhonetal zu den Alpen, dann zum Mittelmeer und bis hin zu den Pyrenäen.

Die gesamte Beschreibung seines Aufstiegs finden Sie in deutscher Übersetzung HIER .

Die beiden Fragen indes bleiben: War er wirklich oben? Und hat er wirklich diesen Brief geschrieben? "Beides nein", sagt Rainer Schmitz in seinem Buch "Was geschah mit Schillers Schädel". Der Brief sei erst siebzehn Jahre nach dem vorgegebenen Datum verfaßt worden. Und da war der Empfänger schon zehn Jahre tot. Den Brief hält Schmitz für eine Fälschung. Er imitiere
"eigentlich nur einen Bericht des Livius über die Besteigung des Berges Hämus durch König Philipp von Macedonien."
Auf diese Quelle verweist auch der Brief selbst. 

Bereits in der Antike war der Mistral den Menschen ein furchterregendes Naturschauspiel. Der griechische Geograph Strabon nennt ihn „Melanboreas“, schwarzer Nordwind, ein Begriff, der in der Dauphiné noch im 19. Jahrhundert gebräuchlich war, als er überall sonst schon Mistral hieß. Der Name leitet sich her vom lateinischen magistralis, ein Meisterwind also. Wer einen mehrere Tagen andauernden Mistral nicht erlebt hat, darf nicht für sich in Anspruch nehmen den Midi zu kennen.

Nach Norden haben die alten Häuser dickere Mauern und allenfalls eine kleine Fensteröffnung zeigt sich an der ganzen Hauswand. Wolf von Niebelschütz ist in seiner Beschreibung der Provence aufgefallen, daß dies auch für Kirchen galt.

„Die Kirchen haben nach Norden auch kein Fenster, nach Westen kein Portal, stämmig und klein sind die Türme, und auf den Feldern zieht man zehn Meter hohe Palisaden aus Zypressen, die eng beieinanderstehen, und ihre Lücken bindet man mit Bambusgeflechten aus, und doch kommt es vor, daß der Mistral sie aushebt mit all ihren Wurzeln." 
Für die außerordentliche Gewalt dieses „Chefs unter den Winden“ sammelte der englische Reiseautor Archibald Lyall drastische Beispiele.
Der Mistral hat schon Eisenbahnzüge zum Stehen gebracht und sogar einmal einen Zug ohne Lokomotive das Gleis entlang von Arles nach Port Saint Louis geschoben. 1875 kam er mit solcher Gewalt herab, daß er die Brücke zwischen Beaucaire und Tarascon hinwegriß.“

Samstag, 29. Juni 2019

Porquerolles: Spaziergang mit einer Dinosaurierin

Camille Bondy 1934 und 2005. Fotos Walter Bondy und Manfred Hammes.
Sie sei der „Dinosaurier“ von Porquerolles, sagte Camille Bondy von sich. Sie war fast neunzig Jahre alt, als ich sie zu einem Spaziergang traf - es waren nicht mehr ein paar Schritte. Ganz hätte sie den Weg um „ihre“ gut sieben Kilometer lange und maximal drei Kilometer breite Insel nicht mehr geschafft, dafür war sie inzwischen doch zu zittrig. Es war im November und dann leben vielleicht dreihundert Menschen auf der kleinen südfranzösischen Insel östlich von Marseille.
Fast jeden hat sie gekannt, alle Älteren mit Namen und man spürte den Respekt, den die ihr entgegenbrachten. Nicht selbstverständlich gegenüber jemanden, der sich 1932, da hieß sie noch Berton, in einen dreißig Jahre älteren deutschen Maler verliebte. Mit Walter Bondy arbeitete sie als Fotografin und Malerin in Sanary-sur-Mer, als der Ort von Ludwig Marcuse zur „Hauptstadt der deutschen Literatur“ gemacht wurde. Heinrich Mann, René Schickele, Feuchtwanger, Brecht, Zweig und viele andere hat sie da kennen gelernt - und die meisten Geschichten für sich behalten. Nur eines hat sie bis zu ihrem Tode geärgert, dass ihr Mann nämlich die zwei van Gogh-Gemälde, die er ganz früh und sehr preiswert bei einem Wirt in Meulan an der Seine gekauft hatte, viel zu früh und viel zu preiswert wieder abgegeben hat. An wen? Sie lächelt, wie nur eine alte Frau lächeln kann, die diese Antwort garantiert nicht geben wird. Nur noch: „Und ich weiss, wo die Bilder jetzt hängen.“

Porquerolles um 1930
Porquerolles war lange eine Fraueninsel. Für Madame Fournier war sie das Hochzeitsgeschenk ihres Mann François Joseph, der mit seinen Schürfrechten an mexikanischen Goldminen reich geworden war. Fournier machte aus Porquerolles ein kleines Königreich, engagierte italienische Landarbeiter, die Weinberge und Olivenhaine anlegten, Orangen und Mandarinen und pflanzten, und holte einen Arzt, Lehrer und Nonnen auf die Insel. Den Abend konnte man damals wie heute (nicht ganz preiswert) im „Mas de Langoustier“ verbringen, der Lélia Le Ber gehörte, einer der sechs Töchter der Familie Fournier.


Terrasse des Mas de Langoustier
Ausgerechnet Lélia, die so eine Art schwarzes Schafe der Familie gewesen war. „Ich sehe schwarz für dich“, sagte die Gouvernante zu ihr, „du bist dumm, du bist häßlich, aus dir wird nichts.“ Später gehört Lélia nicht nur der „Mas du Langoustier“, in den man sich aus Cannes, Antibes oder Monaco mit dem Hubschrauber hinbringen lässt, sondern ringsum auch noch ein, wie sie sagt, „Gärtchen“ von 180 Hektar.

Ähnlich verliebt in die Insel wie Lélia war George Simenon, mit dem sie als Mädchen noch Basketball auf dem abfallenden Platz am Hafen spielte Simenon fühlte sich wohl auf der Insel und war noch produktiver als sonst: «Wasser und Himmel wirkten auf mich wie ein Feuerwerk, dessen Funken durch die Augen in meinen Kopf eindrangen.» Insgesamt sechszehn Romane schrieb er auf Porquerolles. „Mein Freund Maigret“ ist meine Lieblingsgeschichte, weil Sie deren Spuren noch heute auf der Insel folgen können. Wie Maigret können Sie Ihr Hauptquartier gleich am Hafen im «Arche de Noé» aufschlagen, können den Tatort am Hafen noch einmal auf Spuren untersuchen und in Simenons bevorzugter Bäckerei einkaufen. Ob den Spuren Simenons tatsächlich vollständig nachgegangen werden soll, bleibt jedem selbst überlassen. Denn dann müssten auch die ihm nachgesagten Bordell-Besuche in Giens oder Hyères dazu gehören. Wenn Maigret, Simenon und die Tagestouristen alle wieder weg sind, hat man die Hafenmole für sich alleine. Eine junge Frau flickt die Netze; aus der Ferne sieht sie aus wie Camille Berton.

Camille ist 2009, Lélia sechs Jahre später gestorben. Erbschaftsstreitigkeiten brachten einen Großteil der Insel in den Besitz des französischen Staates, der ein absolutes Bauverbot aussprach. Heute lohnt der Besuch des Museums der Stiftung Carmignac. Darüber lesen Sie HIER.

Samstag, 22. Juni 2019

Porquerolles: Barfuß ins leere Museum

Im Garten der Fondation Carmignac. Bild Jaume-Plensa.
Man spaziert durch einen Pinien- und Kiefernwald und steht unvermittelt vor dem aus rohem Eisen gestalteten Tor der Fondation Carmignac, dem 2018 eröffneten Museum für moderne Kunst. Neben der Allee, die auf das  große Gelände führt, wurden zwischen Pinienbäumen schlichte Eisenschließfächer installiert. Hier lässt man Rucksäcke, Taschen und alles andere, um den Ort frei erkunden zu können.
Das Herzstück der Fondation Carmignac ist ein provenzalisches Landhausauf einem Hügel. Nur 50 Besucher jede halbe Stunde werden reingelassen, so dass jeder Besucher die Gelegenheit hat, sich mit "seinem" Kunstwerk auseinanderzusetzen. Barfuß, und eingestimmt mit einem Becher Heilpflanzentee, bewegt man sich durch das Museum, vorbei an Arbeiten von Gerhard Richter, John Baldessari oder Cindy Sherman und Andy Warhol, und weiteren Größen der neueren Kunst wie Andreas Gursky, Keith Haring und Martial Raysse. Aber auch die Madonna mit dem Granatapfel von Boticelli, eine Neuerwerbung, hängt hier im Dialog mit Roy Lichtensteins Pop-Art-Mädchen.

Charles Carmignac. Bild Thomas
Hennocque, Fondation Carmignac
Wer sich mit dem Sammelansatz von Éduard Carmignac, einem Fondsmanager, der hier seine private Sammlung präsentiert, nicht so ganz anfreunden kann, kann sich zumindest von den architektonischen Highlights des Baus beeindrucken lassen, dem Zusammenspiel von Materialien und Lichtführung. Sein Sohn Charles kümmert sich um die Ausstellung und Neuerwerbungen. Von daher wird sicher demnächst auch eine Installation von James Turrell hier zu sehen sein. Alles Engagement geschehe "rein aus Freude an der Entdeckung, Unterstützung und Förderung der Weiterentwicklung von Künstlern".
Nach dem Besuch geht's in eine der versteckten Buchten von Porquerolles.

Freitag, 14. Juni 2019

Hamel wandert - aber untypisch

Hamel wandert und
bringt Sie auch dem Baum näher
Das sind wirklich etwas ungewöhnliche Touren, die der Geologe Harald Hamel da durch Südfrankreich anbietet. Sehr individuell und in kleinen Gruppen von mal fünf, mal neun Personen führt er durch den Midi: Etwa um Sommières oder den Pont du Gard mit Abstechern zum Carrière de Lumière und der van Gogh-Installation oder nach Le Grau zu einer Katamaran-Tour entlang der Küste.
Da bleibt er auch schon einmal an einem Baum stehen und kann - als ausgebildeter Baumpfleger - Ihnen soviel dazu erzählen, daß fast eine kleine Wanderpause daraus wird. Sein besonderes Interesse gilt hier im Süden natürlich den Olivenbäumen. Und auch für die gibt den alten französischen Olivenbauern noch Tips, wie der Schnitt im nächsten Jahr zu einem besseren Ertrag führen kann.


Ein alter provenzalische Gutshof bei Sommières, dessen Ursprünge
ins 14. Jahrhundert zurückreichen.
In Uzes, im Le Carola - wo sonst - haben wir uns getroffen. Und dann erzählt er nicht nur von den Wanderungen, die in der Hitze des Südens mehr Ausflüge sind, sondern auch von seinen Kooperationspartnern vor Ort, den Orten, in denen seine Gäste übernachten, etwa dem Großmutter-Zimmer des "Bize de la Tour" in 
Im Chambre de la Chapelle hilft notfalls auch ein Gebet.

Remoulins oder dem "Mas de la Rivoire" und dort vielleicht in "La petite chapelle", tatsächlich einer Kapelle aus dem 14. Jahrhundert.