Samstag, 13. Juni 2020

Coles angeblicher Provence-Krimi

Manchmal muß man sich durchquälen. Zum Beispiel durch die mörderischen Machenschaften von Anthony Coles, wo die Geschichte frühestens nach der Hälfte der 363 Seiten etwas Fahrt aufnimmt. Vorher schreibt er einige Dinge über sein Unternehmensberaterleben und wie man mit den immer gleichen Strategie- und Marketing-Plattitüden seinen Kunden den Eindruck vermitteln könne, etwas Neues zu erfahren. Auch sein Privatermittler Peter Smith scheint einige Grundkenntnisse in Betriebswirtschaft zu besitzen und hat zudem das Buch „IT-Verschlüsselungstechnik für Dummies“ gelesen.

In Ulm und Peking könnten die Server stehen, die in diesem Buch gehackt werden.

Ein „Provence-Krimi“ soll es sein. Lokalkolorit allerdings: Fehlanzeige. Auch wenn er aus der eingesessenen Familie Aubanel die Familie Aubernet macht. Auch wenn von der Camargue und einigen Wegen durch Arles, die sich auf die Aufzählung von Straßennamen beschränkt, die Rede ist. Die Beschreibung der Alpilles jedenfalls ist so formuliert, wie es Herr Wikipedia auch machen würde, wenn er einen Roman schreiben sollte und sich nur bei sich selbst informieren dürfte. Dieses Buch könnte auch in Ulm oder Peking spielen - wo Smith die Server vermutet, auf denen sein Gegenspieler seine schmutzigen Geheimnisse versteckt.

Coles scheint im übrigen eher ein Befürworter des Brexit zu sein, weil er von den Abertausenden von Akteuren und Institutionen spricht, die die EU-Millionen auf illegale Weise für sich abzwacken (S. 195). Und politisch ganz links steht er auch nicht, sonst würde er vielleicht nicht von der Zigeuner-Mafia der Camargue sprechen. Und nicht einmal seinem Landsmann Peter Mayle kann er in einem


unpassenden Seitenhieb etwas abgewinnen. Dabei hätte Coles in „Toujours Provence“ wunderbar nachlesen können, wie man den Midi seinen Lesern näherbringt. Jedenfalls nicht mit einer Soße, die Smith vorrangig aus Hartwurst kocht. Damit bestätigt er allenfalls die Einschätzung von Mayle, daß nämlich die Engländer ihre Tiere zweimal töten, einmal beim Schlachten und danach zusätzlich beim Kochen.


Paul Bransoms Illustration
zum "Wind in den Weiden"
„Wenn James Bond im Ruhestand wäre, wäre er wie Peter Smith“ -das hat sich ein Werbetexter einfallen lassen, der entweder noch nie einen Roman von Ian Fleming oder einen aus der Arles-Serie von Anthony Coles gelesen hat. Der Übersetzer Michael Windgassen dürfte seine Schwierigkeiten gehabt haben, das, was für Cole scheinbar britischer Humor ist, ins Deutsche zu übertragen, vor allem wenn das, auch für die Leser, ordentliche Kenntnisse englischen Kinderliteratur voraussetzt. Kenneth Grahames vor über hundert Jahren geschriebener „Wind in the Willows“ wird ja sicher jedem geläufig sein. Dann versteht man auch, was Coles mit dem folgenden Satz auf Seite 160 meint: „Plötzlich überkam ihn einer jener „Wind in den Weiden“-Momente, und wie den Maulwurf aus dem Kinderbuch zog es ihn hinaus, auch wenn er auf den beschwichtigenden Einfluss einer lebenstüchtigen Wasserratte würde verzichten müssen.“ Tatsächlich wollte er nur mit seinem Hund Gassi gehen.

Ganz gegen Ende wird das Buch etwas besser – vor allem, weil es dann zu Ende ist. Diese Bemerkung ziehe ich eventuell als zu gehässig zurück.

Kaufen Sie sich lieber eines der Bücher von Liliane Fontaine, übrigens auch bei Piper erschienen – dann haben sie Südfrankreich und Krimi und Lesefreude pur!

Anthony Coles: Ein Gentleman in Arles: Mörderische Machenschaften. Piper. 10 €

Donnerstag, 11. Juni 2020

Magali's Glücksorte an der Côte d’Azur


Kommunikation und Information comme il faut

Sie wissen nicht, was Ihnen alles entgeht, wenn Sie ohne dieses Buch an die Côte d’Azur fahren. Man merkt: Hier schreibt jemand, die sich auskennt, die dort lange gelebt hat und die Sie nicht einfach an jenen Orten „absetzt“, über die Sie sowieso schon alles in jedem normalen Reiseführer gelesen haben. Wie wichtig solche Informationen aus erster Hand sind, merke ich, als ich Covid-19-bedingt im Midi festhänge und einen Spaziergang zur Anzeigetafel vor der Mairie unseres Dorfes mache. Im Februar ging ein Hund** verloren…aber das war es auch schon. Mit diesem Buch können Sie eine informative Augenreise an die Côte machen, auch wenn Sie in diesem Jahr garnicht hinfahren*.

Natürlich führt dieses sehr persönliche Buch dazu, daß nicht jeder der Glücksorte der Magali Nieradka-Steiner tatsächlich auch für jeden anderen Leser ein Glücksort sein muß. Zum Beispiel das

„Bonheur des Cocottes“ in der Rue Lascaris in Nizza, in dem frau sich mit Bändern, Schleifen und vor allem Hüten, Hüten und Hüten glücklich fühlen kann. Immerhin gibt es dort für das andere Geschlecht Hosenträger in allen Farben und aus vielen Materialien. Zudem können die Männer ihre Phantasie spielen lassen, in diesem kleinen Raum, der dem Boudoir einer eleganten Halbweltdame des 19. Jahrhunderts nachempfunden ist. Natürlich heißt ein solcher Ort heute anders: Das sei ein Retro-Concept-Store, habe ich mir von meiner Madame sagen lassen. Und die Franzosen nennen es einfach einen "Love-Spot" und sehen


darüber hinweg, daß sie normalerweise garnicht der besonderen Freunde der Anglizismen sind.

Beantworten Sie einfach einmal ein paar der folgenden Fragen. Wenn Ihnen das auch nur zur Hälfte gelänge, brauchen Sie das Buch nicht zu kaufen – ansonsten ist es unverzichtbar. Also: Was hat es mit der „Vier-Uhr-Welle“ in Nizza auf sich? Wo hat der Japaner Jasuo Beppo seine Oase der Stille an einem sonst eher dröhnend lauten Ort gestaltet? Wo können Sie in einem Gehege mitten unter Wölfen übernachten? Wo können Sie sich Filmausschnitte mit Roberto de Niro, van Damme und James Bond an den Hauswänden der Drehorte ansehen? Wo können Sie mit der regulären Straßenbahn eine nächtliche Fahrt durch ein durch ein Freilichtmuseum machen? Wo haben sich Renoir, Matisse, Monet und Picasso getroffen? Wieviele richtige Antworten geben Sie mir? Eine oder doch zwei?

Anflug auf Nizza in den Landesfarben.
Über die weißen Alpen, die roten Esterel-Felsen und das blaue Mittelmeer.
Kann trotz "Flugscham" auch ein Glücksort sein
 
Da sehen Sie‘s! Also auf in die Buchhandlung. Nicht nur 80 Fragen, zu jedem Glücksort eine, könnte ich Ihnen stellen, sondern sogar 111, aber dann wäre der Droste Verlag in Köln und nicht in Düsseldorf.
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 * Mit dem vielen gesparten Geld können Sie sich dann leicht zwei weitere Bücher leisten: Nieradka-Steiner's lesenswerte Darstellungen über Thomas Mann (Exil unter Palmen) und Franz Hessel (Der Meister der leisen Töne).
 ** Der Hund ist übrigens wieder da.

Magali Nieradka-Steiner: Glücksorte an der Côte d’Azur. 168 Seiten. Droste Verlag 15 €

Donnerstag, 4. Juni 2020

Liliane Fontaine: Die Richterin und die Tote von Pont du Gard

Liliane Skalecki in Nîmes. Bild GS
Abrivado-Bandido in der Camargue



Liliane Fontaine, so ihr Mädchenname und das Pseudonym, führt uns an die schönsten Orte im Süden Frankreichs, also ins Languedoc. Die Kunsthistorikerin kennt sich aus dort, verbringt jedes Jahr ein paar Wochen dort und das merkt man besonders, wenn sie uns in die kleinen Orte führt, etwa nach Uzès oder zu den Überresten der Benediktiner-Abtei von Psalmody oder zum Abrivado-Bandido nach Ribaute-les-Tavernes.
„Ich liebe die Sonne, ich liebe die Lebensart. Es ist ein ganz besonderes Gefühl, über die Märkte zu schlendern, die Markthallen zu besuchen. Es sind die Wärme und die Gerüche. Ich lebe und atme dort auf, und es ist für mich schon immer eine zweite Heimat gewesen. Es ist dieses Lebensgefühl,“
sagt Fontaine in einem Interview mit Magali Trautmann vom Weser-Kurier. Den Orten des Romans begegnet man auf der Homepage der Autorin.
 

Das Buch ist Kriminalroman und Reiseanreger in Einem. Ein Kriminalroman, den man nicht nur als Krimi lesen sollte; dafür bietet er zu viele Anregungen, bis hin zum samstäglichen Flohmarkt in Sommières, auf dem die Autorin vielleicht selbst einmal für zehn oder zwanzig Euro die 1805 bei Buisson in Paris erschienene Erstausgabe von Philippe Grouvelles „Mémoires historiques sur les Templiers“ gefunden hat, wunderschön ausgestattet mit dem marmorierten Schnitt. In Antiquariaten kostet das Buch eher 350 Euro.

In Fontaines Roman verstehen sich zwei besonders gut, die das im normalen Frankreich eher nicht tun: Die adelige Untersuchungsrichterin Mathilde de Boncourt, die nach einem Anschlag eine Auszeit auf dem Familienschloss nimmt, das von 75 Hektar Rebfläche umgeben ist, und Rachid Bousaada, der Kriminalkommissar mit algerischen Wurzeln. 

 
Dann gibt’s noch einen deutschen Reiseschriftsteller, der mit knappem Zeitbudget sein nächstes Buch fertigstellen soll. Und wir stoßen früh auf eine 1941 erfolgte Flucht aus dem Konzentrationslager Les Milles bei Aix-en-Provence, die mit einem

Durchgangslager für mehr als 3.000 Gefangene: Les Milles
Unglück endet. Glaubwürdig werden diese scheinbar so unterschiedlichen Handlungsstränge zusammengeführt. Und dann knistert es auch zwischen dem deutschen Autor, der den jüdischen Spuren seiner Familie folgt, und Madame le Juge.

Die Richterin und ihr Kommissar ermitteln bei Ärzten, Notaren und ehrgeizigen Regionalpolitikern) und suchen die Drahtzieher eines Mädchenhändlerrings. Ein vierzehnjähriges Mädchen wird vom Pont du Gard gestoßen.
 

Junge Frauen, manchmal sind es noch Kinder, werden aus Nordafrika und Osteuropa importiert, von der besseren Gesellschaft als (Sex)Sklavinnen gehalten und nach Verbrauch entsorgt. Oft sieht es zunächst nach Selbstmord aus. Obwohl alle wissen, dass es anders gewesen sein mußte, führt Justitia nicht zu einem für alle gerechten Ergebnis.

Ein spannender und elegant geschriebener Krimi aus dem Midi, der zugleich zahlreiche Reisetipps für besondere Orte enthält.

Erschienen bei Piper für 10,30 €

Freitag, 29. Mai 2020

Vauvenargues: Moralisches aus Picassos Schloß


Vauvenargues von Charles Amadée Colin (19. Jh.)
Luc de Clapiers, der Marquis von Vauvenargues, kam erst spät zu Philosophie und Literatur und hatte nur wenig Zeit seine Moralphilosophie zu zu denken und aufzuschreiben. Mit knapp dreißig Jahren mußte er den Dienst in der Armee quittieren; ihm waren im Polnischen Erbfolgekrieg die Beine erfroren. Und vier Jahre später (1747) war es bereits tot.

Clapiers sagt man den Ausspruch nach, er habe sich erst nach dem Verlust der Beine auf die wesentlichen Dinge konzentrieren können. Und das waren neben der

„Einführung in die Erkenntnisse des menschlichen Geistes“
vor allem die „Maximes“.

Voltaire hat sie sehr geschätzt und daraus Inspiration für manches seiner Bonmots gezogen - um den Begriff Plagiat zu vermeiden. Diese Aphorismensammlung schrieb Clapiers in Vauvenargues, einem Schlößchen ein paar Kilometer außerhalb von Aix, das später Pablo Picasso gekauft hat. Mit dem Gebäude hat Picasso ein riesiges, rund eintausend Hektar großes Gelände erworben, das sich zum Montagne Sainte Victoire hinaufzieht. Der neue Eigentümer habe den Berg Cézannes dann „picassofiziert“, wie eine angesehene französische Zeitung dann nach oberflächlicher Recherche schrieb.


Es bleibt Cézannes Berg. Der Sainte Victoire läßt sich nicht einmal "picassofizieren".Bild D. Fehringer
Zum Beispiel hätte man einfach mal fragen sollen, wie viele Bilder des Berges Picasso denn gemalt habe? Wie immer ließ sich Picasso auch hier von seinen Frauen, Häusern und Landschaften inspirieren: Hier malte er in einem Jahr weit über hundert Bilder von Jacqueline Roque. Eines davon, es heißt „Weiblicher Akt unter Pinie“, zeigt den Berg in einem verschmelzenden Übergang zu Jaquelines Hand, die die steile Westflanke bildet. Aber nie hat er den heiligen Berg alleine gemalt. Wenn Picasso von Cézanne sprach, hieß es immer respektvoll „Monsieur Cézanne“. Und dieser Respekt kam auch darin zum Ausdruck, daß Picasso bei den drei Ansichten des Dorfes Vauvenargues, die er in jener Zeit malte, Cézannes Berg den Rücken zudrehte.
Für Picasso eine Sekundenentscheidung, das Schloß zu kaufen.      Bild CCI Marseille 1957
Das Schloß zu kaufen war für Picasso Liebe auf den ersten Blick. Nur von 1959 bis 1961 hat Picasso in Vauvenargues gelebt - aber seit 1973 liegt er in Vauvenargues begraben. Sechs Tage dauerte es, bis die Grabstelle aus dem harten Fels herausgehauen war. Hier hatte er damals wie jetzt die Ruhe gefunden, die er an der Riviera vermisst hatte, malte nächtelang am offenen Fenster und zum Gesang der Nachtigallen.

Wenn Sie je die Chance haben, das Schloß zu besuchen: Tun Sie es. Fünfzig Jahre nach dem Einzug Picassos, hat Catherine Hutin, Jacquelines Tochter aus erster Ehe, es erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das war, als das Musée Granet in Aix im Jahr 2009 über einhundert Bilder von Cézanne und Picasso ausstellte. Und wenn Sie ganz viel Glück haben, können Sie sogar die Super-8-Filme sehen, die Jacqueline mit und über Picasso gedreht hat.


Zahlreiche Bilder aus dem karg eingerichteten Schloß hat Picassos Freund David Douglas Duncan gemacht. Während des Korea-Krieges war er Kriegsberichterstatter für das US-Magazin "LIFE".




 



Samstag, 16. Mai 2020

Resistance-Kämpfer und Dichter René Char: Der Tod des Freundes

In Isle-sur-Sorgue ist René Char 1907 zur Welt gekommen und in seiner Heimatregion kämpfte er als sehr frühes Resistance-Mitglied als „Capitaine Alexandre“ gegen die deutschen Besatzungstruppen. In seinem Werk verarbeitete Char immer wieder Begebenheiten aus seiner Zeit im Widerstand, so auch den Tod seines Dichterfreundes und Mitkämpfers Roger Bernard. Bernard wurde auf dem Weg zu Char erschossen. In „Hypnos“, seinem bekanntesten Buch, vermacht uns Char letzte Texte seines Freundes:

„Dann plötzlich betrachtet
der verstümmelte Kopf den Boden,
und die Sonnenblume stirbt,
und frisches Schluchzen zerfällt in Kristalle.“

Und Char beklagt:
„Dies ist der Dichter, den wir verloren haben.“

Zuvor hatte Char erfreut gesehen, wie der junge Drucker Bernard sich vom Leser zum Schreiber entwickelte.

„Begierig, ans Werk zu gehen, sich zu vervollkommnen verbringt der Heranwachsende lange Abende über die Bücher gebeugt, vertraut mit dem Unbezwingbaren, das er schließlich darstellen kann; daher rührte auch eine frühzeitige Schwäche seiner sehr blauen Augen, die in eine Legierung von Nordsee und Lavendel getaucht schienen.“

Char als Held der Resistance                 Bild Vimeo


Zwischen zwei Sabotageakten habe Bernard ihm neue Gedichte vorgelesen.

„Als Kurier auf dem Weg zum Kommandoposten von Céreste fällt er am 22. Juni 1944 den Deutschen in die Hände. Da er sich weigert, auf die ihm gestellten Fragen zu antworten, wird er wenig später auf der Landstraße erschossen. Ein Maulbeerbaum und ein zerstörter Bahnhof sind die nächsten Zeugen seines Todes.“


Freitag, 1. Mai 2020

Collioure: Immer noch Post für den toten Dichter Antonio Machado

Das Grab Antonio Machados mit dem Briefkasten hinten rechts
und der republikanischen Flagge. Bild Marc Meurrens Wiki cc.
Ein Rätsel bleibt weiter ungelöst. Auf dem alten Friedhof von Collioure befindet sich das Grab des spanischen Lyrikers Antonio Machado, der kurz vor dem Ende des spanischen Bürgerkrieges gemeinsam mit seiner Mutter über die verschneiten Pyrenäen nach Frankreich geflohen war. Kurz darauf und nur drei Tage vor dem Tod seiner Mutter starb er in aller Einsamkeit, die auch das zentrale Thema seines Werkes war. Sein Erstlingswerk aus dem Jahr 1903 war bereits mit dem Titel Soledades, Einsamkeiten, überschrieben. Machado schrieb reduzierte Gedichte, etwa über das Spiel der Kinder auf dem Dorfplatz:

„Die Kinder sangen harmlose Lieder
von einem vorbeiziehenden Etwas,
das niemals am Ziel ist.
Wirr die Geschichte,
klar nur das Lied.“


„Nach der Wahrheit gibt es nichts Schöneres als die Phantasie“, schrieb er einma. Im katalanischen Bewußtsein ist er als Dichter, Philosoph und Lehrer verwurzelt. In der viele Jahre später, 1970 erst, gehaltenen Totenrede von Ambrosi Carrion, hier der ganze Text, zitiert dieser die letzten Worte, die Machado seinem Lehrer Francisco Giner de los Rios mit auf den Weg gab: „Und zu einem anderen, reineren Licht brach der Bruder der Morgendämmerung auf.“

Auf dem Grab, wie zufällig abgestellt, aber fest installiert befindet sich ein Briefkasten, in den immer noch Post seiner zahlreichen Verehrer hineingeworfen wird. Was es damit auf sich hat und ob die Post vielleicht sogar von höherer Stelle beantwortet wird, das können selbst die Dauergäste des Friedhofs nicht beantworten. Das Grab Machados schmückt auch heute noch eine verschlissene, wie achtlos über den Grabstein gelegte, aber alle paar Jahre erneuerte Fahne der spanischen Republik.

Samstag, 25. April 2020

Les Baux-de-Provence: Yves Brayer und sein Museum

Im Hôtel des Porcelets in Les Baux–de-Provence befindet sich das in ganz Südfrankreich beworbene Museum von Yves Brayer. Vor allem seine Bilder aus Italien sind hier ausgestellt, obwohl der Künstler lange in Les Baux lebte und auch hier begraben liegt.
Brayers  Les Baux aus dem Jahr 1963 und der Eingang zum Museum. Bilder Museum
Viele seiner provenzalischen Motive sind immer noch im Kunsthandel zu erwerben und liegen preislich inzwischen im unteren fünfstelligen Bereich. Die Galerie 26 in Paris, an der Place des Vosges, an der Simenons Maigret so gerne gewohnt hätte, ist hier eine gute Adresse.

Dreißig Jahre zuvor waren Brayers Bilder auf Flohmärkten noch für 500 Francs zu haben, wenn es denn echte waren, denn Brayer gehört sicher zu denen, die sich leicht kopieren lassen. Das ist ein weites Feld, denn in der Juristendenke kann ein „falsches“ Bild „echt“ sein und auch die „Fälschung“ ein „Original“. 


Hier ein originaler van Gogh, also ein selbstgemalter, von irgendwem in China.
Preis inklusive Rahmen 25 Dollar, also voraussichtlich kein echter.
 Als Gauguin nach Arles kam, um Vincent van Gogh zu besuchen, zeigte der ihm die unsignierte Kopie eines Bildes von Jean François Millet. Auf die Frage, ob es ein Original sei, antwortete Vincent voller Überzeugung:

„Natürlich, ich habe es ja selbst gemalt!“
 Die Episode könnte so stattgefunden haben, könnte aber auch nur eine plausible Geschichte sein.

Dies als Warnung oder Anreiz, wenn Sie vorhaben, sich als Mäzen einer der zahlreichen Straßenkünstler der Region zu engagieren. Einen Überblick über Ausstellungen und Events bietet zuverlässig, und in den Bewertungen erfrischend subjektiv, die an vielen Stellen kostenlos ausliegende Zeitschrift „l‘Art...Vue“. 


Auch wenn Sie weiter im Südwesten unterwegs sind, können Sie sich in Cordes-sur-Ciel im Departement Tarn im dortigen Musée d'Art Contemporain et Moderne einen Saal mit Brayer-Bildern ansehen - HIER im VIRTUELLEN RUNDGANG.


Yves Brayer: Pinienallee in Saint Paul de Mausole, 1946. Bild Museum


 

Samstag, 11. April 2020

Blauzac am Ostermontag: Ein Dorf voller Flohmarkt

Was für Richerenches und seinen Trüffelmarkt der erste Samstag nach dem 15. November bedeutet, das ist in Blauzac der „Lundi de Pâques“, der Ostermontag, an dem das Dörfchen überquillt von lauter Flohmarkt-Ständen - jedenfalls in "normalen" Jahren. Egal, ob Sie Samstag zuvor auf dem Markt in Uzès sind, in Alès oder Remoulins spazieren gehen oder den Pont du Gard besuchen: Wenn Sie zurückkommen klemmt der gelbe Handzettel hinter dem Scheibenwischer, der Sie nach Blauzac einlädt.
In der Regel kaum Profihändler und vergleichsweise günstige Preise: 25 Euro für ein Set Kupfertöpfe
Und offensichtlich kaum jemand, der dieser Einladung nicht folgt. Scheint die Sonne, kann es sein, daß Sie drei Kilometer außerhalb parken müssen, wenn Sie nicht den Mut haben auf der beidseitig zugeparkten Departementsstraße ins Dorf zu fahren, um dort eine Einfahrt zu blockieren. In Blauzac, und da achtet die Mairie ansatzweise streng darauf, sind Neuwaren und professionelle Händler verboten. An sich. Denn die Duellpistolen für 4.600 Euro sahen nun nicht nach einem privaten Allerweltsstand aus. Und auch den ein oder anderen Händler kenne ich von den Brocantes in Uzès oder Anduze – beide übrigens an jedem Sonntagmorgen. Kaum jemanden gibt es, der nicht beladen mit seinen Occasionen zum Auto zurückpilgert.

Bar du Progrès: Einmal im Jahr überlaufen. In diesem Jahr nicht.
Manche Besucher - und zu denen zähle ich mich auch - nehmen den Weg vor allem auf sich, um sich einen der roten Plastiksessel vor der „Bar du Progrès“ zu erkämpfen, seine Herzallerliebste ins Getümmel zu schicken und dann dort das Panoptikum der Vorüberziehenden zu beobachten. Nationalitäten raten ist ein ebenso beliebtes wie meist auch einfaches Spiel, weil die meisten Besucher die Stereotypen ihres Landes perfekt spielen, vor allem die zahlreichen Engländer, die aus ihrer Hochburg Uzès angereist kommen.

Nach einem bis höchstens drei Pastis gibt’s hinterher die traditionelle Paella. Paella vom Steingutteller und den Rosé nachgegossen in den gleichen Plastikbecher, in dem schon der Pastis serviert wurde. „Für die Umwelt“, wie der junge Mann erklärt, der vom Ansturm hoffnungslos überfordert ist, andererseits auch jenen „Bon appétit“ wünscht, die sich Ihr Essen von anderswo mitgebracht haben und nicht einmal etwas zu trinken wünschen.

Wenn Sie Wert darauf legen die Getränke einigermaßen zeitgleich mit dem Essen zu bekommen, gehen Sie einfach in die Bar und tragen Ihren Rosé selbst raus. Wein oder das Bier gibt es dann mit einigem Verhandlungsgeschick sogar im Glas. Dann hätten Sie es soweit geschafft wie die Stammkunden der Bar, denn deren Getränke werden natürlich in Gläsern serviert und übrigens auch mit einem frischen für jedes neues Getränk.

Samstag, 4. April 2020

Font Ségugne: Die Gründung der Félibrige

Von 1880 an veränderte sich die Sprachsituation in Südfrankreich erheblich: 1881 wurde die allgemeine Schulpflicht eingeführt. Im Unterricht und auf dem Schulgelände wurde ausschließlich das Französische zugelassen und per Prügelstrafe durchgesetzt; die als Patois degradierten Regionalsprachen blieben strikt untersagt. So war der Gebrauch des Okzitanischen allein dem Privatleben vorbehalten. Die Generation allerdings, die diese diskriminierende Schulzeit erlebt hatte, wollte ihren Kindern oftmals die Spötteleien von Lehrern und Mitschülern ersparen, gab ihre Sprache nicht weiter und redete auch zu Hause Französisch.

Diese Entwicklung war vorauszusehen, aber bei weitem nicht allen recht. Auf halbem Weg zwischen Avignon und L'Isle-sur-la-Sorgue


Hier müssen Sie schon selbst herfahren. Streetview-geschützt (siehe untere
Bildhälfte) liegt dasSchloß in einem wunderschönen Park.  Bild Patrick Le Thorois
befindet sich das kleine Örtchen Châteauneuf-de-Gadagne. Im dortigen Schloß Font Ségugne, auf dem Landgut der Familie Giéra, trafen sich bereits am 21. Mai 1854 sieben überzeugte Provenzalen: Frédéric Mistral, Joseph Roumanille, Théodore Aubanel, Jean Brunet, Rémy Marcellin, Anselme Mathieu und schließlich Paul Giéra als Gastgeber.

1854: Überzeugte Provenzalen im Garten des Château
Die Renaissance der provenzalischen Kultur und Sprache hatten sie sich auf die Fahnen geschrieben. In der Folge gab begeisternde Auftritte etwa von Mistral in der Arena von Arles, es gab Auftrieb durch den Nobelpreis des Jahres 1904.

In der Laudatio der Kommission hieß es, Mistral habe den Preis verdient „in Bezug auf die frische Ursprünglichkeit, das Geistreiche und Künstlerische in seiner Dichtung, die Natur und Volksleben seiner Heimat getreu widerspiegelt, sowie auf seine bedeutungsvolle Wirksamkeit als provençalischer Philologe“.

Doch die Außenwirkung blieb bescheiden. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Mehr Aufmerksamkeit als Wirkung. Die Félibrige konnte dem Okzitanischen nur sehr beschränkt den Rang einer Literatursprache verleihen. Interne Eifersüchteleien behinderten die Arbeit. So wurde von Mistral und Roumanille ein Wörterbuch mit grammatikalischen Regeln erstellt, das sich allein auf den Dialekt der unteren Rhone bezog und damit für andere okzitanische Mundarten nicht brauchbar war.


Frédéric Mistral in Arles. Ausschnitt einer Postkarte aus dem Jahr 1900
Im ersten Statut der Félibrige, das erst acht Jahre nach der Gründung formuliert wurde, war man sich über Raum und Aufgabe noch einig. Man wolle „der Provence ihre Sprache, ihre Farbe, ihre Freiheit auf Wohlstand, ihre nationale Ehre und ihren hohen Rang intellektuellen Geistes“ bewahren. Und das im ganzen „Süden von Frankreich ganz und gar“. Der Gedanke auch einer politischen Autonomie wurden sehr schnell fallen gelassen.
Statue der Mirèio in Les Saintes Maries
Mistrals „Mirèio“ wurde 1859 in Avignon erstmals gedruckt, nicht bei Aubanel, sondern bei Seguin in der Rue de la Bouquerie. Ausgerechnet der Lyriker Hugo von Hofmannsthal konnte mit dem berühmten provenzalischen Versepos, das wesentlich zur Verleihung des Nobelpreises an Mistral herangezogen worden war, überhaupt nichts anzufangen. Für ihn ein
„Idyll in preziösen künstlichen Strophen, ein viel zu langes Gedicht, in dem die wunderschönen Dinge der Vergangenheit steif und tot herumstehen, wie in einem ungemütlichen Provinzmuseum“.

Freitag, 27. März 2020

Banyuls: Die Tristesse des Emmanuel Bove


So schön Banyuls und seine Umgebung sind, so negativ und apokalyptisch hat sich Emmanuel Bove über den Ort geäußert. Der russisch-französische Schriftsteller, sein Vater hieß Bobobnikoff, wurde in Deutschland erst lange nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Übersetzungen von Peter Handke bekannt. Im Mai 1928 hat Bove es gerade mal eine einzige Stunde in Banyuls ausgehalten.
„Banyuls war einmal, so meinen zahlreiche Leute, ein kleines Paradies. Stellen Sie sich eine unendliche Moorlandschaft vor, eine trostlose Ebene, verlassene Hütten und über all dem eine Art Nebel, bestehend aus Myriaden von Mücken. Kaum habe ich den Bahnhof von Banyuls verlassen, werde ich von Gendarmen nach meinen Papieren gefragt. Ich gehe in die Stadt. Sogleich taucht unvorstellbarer Dreck auf. Und noch immer kein Baum.“

Er trifft auf eine Gruppe schwarzgekleideter, betender Frauen.

„Das Ganze ist absolut malerisch, aber auch von einer bestürzenden Tristesse. Irgendwelche Kasernen und Fabriken versperren einem den Weg dahin. Ich frage um Auskunft, bekomme keine Antwort. Fassungslos reise ich eine Stunde später wieder ab.“


Manchmal auch auf allen Vieren. Deshalb 2 Stunden für 6 Km einplanen


Port Vendres mit den Augen von Jürg Treichler.
Hier geht es zu seiner Homepage
Bove hätte diese Stunde auch besser nutzen können, als sich wieder einmal in eine depressiven Stimmung hineinzuschaukeln. Ein Marsch direkt an der Küste entlang bis nach Port Vendres hätte bleibende und positive Eindrücke hinterlassen.

Von vielen seiner Kollegen gesch
ätzt - ganz früh schon von Colette und nach dem Krieg vor allem von Beckett - bietet sich die Lektüre von Boves Romanen auch nicht gerade zur Einstimmung auf den Urlaub an. Enttäuschungen, Resignation und Darstellungen des sozialen und seelischen Elends beherrschen ihn und sein Werk.

„Ich verstehe jetzt, weshalb ich bei allem, was ich unternommen habe, gescheitert bin.“

Als Bove sich 1942 in der Gegend von Lyon und dann an der Drôme und der Ardèche aufhielt und in „Ein Mann, der wußte“ diese Zeilen schrieb, wollte kein Verleger das Buch haben. Da nützte auch die Freundschaft mit Philippe Soupault nichts, der zeitweise sein Lektor war. Geschichten über verpaßte Gelegenheiten aus dem kleinen Milieu wollte niemand lesen.
Algier zur Zeit Boves. Eine alte Postkarte aus dieser Quelle.
Und Bove wollte nicht in einem besetzten Frankreich veröffentlichen und flieht nach Nordafrika. In Algiers Vorort Bouzaréah mietet er sich ein Zimmer. Und dann hat er doch einmal Glück. Die Rue Charras hatte sich zum Zentrum des intellektuellen Exilantentums entwickelt: Die Bar „Coq-Hardi“ und noch wichtiger die Buchhandlung des jungen Verlegers Edmond Charlot. „Les Vraies Richesses“ hatte er sie nach Jean Gionos Buch „Vom wahren Reichtum“ genannt. Charlot hatte ein gutes Gespür für kommende Autoren - immerhin war er der erste, der einen Titel von Albert Camus verlegte – und dann auch Bove.

Bove nutzte seine ungewollte Freizeit zum Schachspiel mit berühmten Partnern, mit André Gide, der gerade von Tunis aus nach Algier gereist war, und mit dem Schriftsteller und Piloten Saint-Exupéry. Bove spielte gut, schlug Gide regelmäßig; die meisten anderen ließen den großen Meister allerdings lieber gewinnen.