Kein Wunder bei einer Frau, die von Kokoschka „wild und wach“ portraitiert wurde, Marlene Dietrich angeblich zur Filmrolle im „Blauen Engel“ verhalf, mit Thomas Mann Krocket spielte, mit Dali befreundet war und den Filmregisseur Murnau immerhin küsste - mehr war bei dessen Vorliebe für Naturburschen nicht drin. Als sie die Tagebücher ihres männlichen Pendants als Prominenten-Sammlerin, Harry Graf Kessler, liest, kommentiert sie:
"Von den im Index aufgeführten Personen kannte ich 315.“Nur die von Kessler veranstalteten Einladungen fand sie langweilig:
"Vielleicht hätte der Graf Kessler einmal Hindenburg mit Josephine Baker einladen sollen."
Über und von Ruth Landshoff-Yorck |
Wenn Landshoff schreibt, sogut wie wenn man über sie schreibt, ist exzessives Name-Dropping angesagt. Für Sartre organisierte sie eine Party und Cocteau schenkte sie ihr Feuerzeug. Nichts tut sie hingegen für André Gide, der ihr, während er einen "vergnügten jungen Clown" auf den Knien schaukelt, nur eine "harte flache Hand" zum Gruß reicht.
"Wenn Sie wüßten, Monsieur Gide, was ich über Sie weiß", schreibt sie in ihren Memoiren, "würden Sie mir nicht Ihr würdiges, respektheischendes Gesicht hinhalten, sondern eher ein verlegenes."Gide soll einem ihrer Freunde Liebesbriefe geschrieben haben. Heute wäre das niemandem eine Zeile wert. Damals schon, denn der große Moralist Gide suchte seine Homosexualität lange zu verheimlichen.
Auch heute noch viel Erfolg mit der Google-Bildsuche |
Als sie Paul Valéry zu einem Kompliment nötigen will, sagt der nur, daß sie immerhin wie eine Dichterin aussähe. Romane waren nie ihre Stärke, Feuilletons schon. Und so wechseln auch in „Sixty to Go“ die qualitätvollen sich mit den nachlässig formulierten Passagen ab. Die Schriftstellerin Annette Kolb, die 1933 über Paris in die USA emigrierte, hatte ein gutes Gespür, als sie in der Zeitschrift „Literarische Welt“ Landshoffs Erstlingsroman rezensierte:
„Sie hat eine große und liebenswürdige Eigenschaft, sie schreibt nicht langweilig. Aber hat einen weiten Weg und wird sich gehörig entsnoben müssen.“Als Landshoff schon selbst in die USA geflüchtet war, begegnet sie Klaus Mann in Kalifornien und überläßt ihm ein Roman-Manuskript. Seinem Tagebuch vertraut er an:
„Nicht einmal ganz schlecht; aber recht verlogen, romantisch und überflüssig“.Nun, Klaus Mann, der ja vor allem von den Dingen überzeugt war, die er selbst verfaßte. In den USA hatte Landshoff die Feuilletons abgelegt, war politischer geworden, arbeitete für die Voice of America und schrieb dort ihr Buch über eine Widerstandsgruppe an der französischen Riviera.
„Sixty to Go“ basiert – angeblich, sei wieder hinzugefügt, da immer wieder die Phantasie mit Landshoff durchgeht - auf einer Kurzgeschichte von Josef Than, dem Autor und Filmproduzenten; auch ob das so ist, weiß niemand außer ihr. Wie so oft, wenn die Autorin Fakten einbringt, etwa auf Seite 155 über das Lager Gurs, wird es ungenau bis falsch. An sich darf man das einem Roman nicht ankreiden, aber dann wieder doch, wenn er den Eindruck eines Tatsachenberichts bewirken will, mit Hilferding, Pagnol, Gabin und anderen, die auftauchen. Man merkt sehr schnell, dass die Autorin das entbehrungsreiche und gefährliche Exil im geteilten Frankreich allenfalls vom Hörensagen kennt. Und wenn sie ihre eigenen Côte d‘Azur-Erinnerungen einbringt, beschränken die sich auf das Umfeld der Luxushotels von Negresco bis Ruhl und einen Ausflug nach Cagnes-sur-Mer.
Irgendwie erzählt sie die Geschichte von Varian Fry, dem jungen Amerikaner, den eine Hilfsorganisation nach Marseille schickte, um exilierte europäische Intellektuelle vor den Nationalsozialisten zu retten. Er hätte in seinem Buch „Auslieferung auf Verlangen“ über seine „Mannschaft“ auch das schreiben können, was Landshoff im Roman schreibt: „Es war eine merkwürdig zusammengewürfelte Gruppe. Nichts als ein Krieg hätte sie so zusammen bringen können.“ Und irgendwie erzählt sie auch die Geschichte, die Lisa Fittko in ihrem Buch „Mein Weg über die Pyrenäen“ beschreibt. Fittko und Fry sollte man lesen, um Landshoff besser zu verstehen. Deren Salon-Resistanceler sind so weit vom echten Leben entfernt, wie die Autorin es auch meist war, eine Gruppe, die den Krieg als Abenteuerspielplatz nutzt, ohne auf den gewohnten Luxus zu verzichten.
Sixty to go - noch sechzig Flüchtlinge, dann hätten sie fünfhundert zusammen, die Gruppe von vier Männern und einer Frau unterschiedlicher Herkunft in Nizza, die alle vor den Nazis geflüchtet sind und im Jahr 1941 Menschen mit gefälschten Papieren über die Pyrenäen nach Spanien bringen: die Comtesse Maria de Roseraye, die alle nur Darling nennen; Johannes Tarner, ein österreichisch-französischer Schriftsteller; Sascha, ein polnischer Bergarbeiter; Gérard, ein Schauspieler aus Paris, und Franticek, ein tschechischer Pilot.
Hotel Ruhl - heute längst abgerissen und immer wieder mit dem Charlton verwechselt. |
Noch reichlich Material im Howard Gotlieb Archival Research Center |
Viel gibt es dort noch zu entdecken und vielleicht auch noch zu veröffentlichen: Manuscripts by York include novels and novellas, poetry, articles and lectures, short stories, plays, essays, and other items. Novels and novellas appear in English and/or German. Titles include The Cinderella Murders; The Life of a Dancer / Leben Einer Tanzerin; The Gardenia Girl; Storm in Italy; So Cold the Night; Hinz; Die Nacht der Schlimmen Liebe; Patric Hoolihan; Young Man Beloved; an untitled novel in German; and an untitled novel in English. Also present are manuscripts for numerous poems, in English, German, and French; many articles written for various periodicals by Yorck; several short stories; essays; translations of other authors by Yorck, including pieces by David Davidson, Ben Hecht, and Niccolo Tucci. In addition, there is manuscript material related to plays adapted by Yorck, including The Infernal Machine, by Jean Cocteau; The Doorknob, by Jan Rys, and Giulia, by Karl Voelmoeller. There are also manuscripts for plays by Yorck: Im Letzten Augenblick; Happening at the Café; and 14ième Juillet, a radio play in French. There is also manuscript material for Free World Ballad - A Cantata for Mixed Voices; a ballet titled Hait est elle Zauberdam; and a pageant entitled The Good Will Ballad. Dazu gibt es viele Fotos aus den 30er und 40er Jahren.
Ruth Landshoff-Yorck: Sixty to Go. Roman vom Widerstand an der Riviera. AvivA Verlag, Berlin, 256 Seiten, 18,90 €.
Diana Mantel: Ruth Landshoff-Yorck – Schreibende Persephone zwischen Berliner Boheme und New Yorker Underground. Analysen zum Gesamtwerk. Peter Lang Verlag, Frankfurt., 428 Seiten, 76,95 €.
Thomas Blubacher: Die vielen Leben der Ruth Landshoff-Yorck. Insel Verlag, Berlin, 367 Seiten, 22,95 €.
Hallo Herr Hammes,
AntwortenLöscheneine sehr schöne Entdeckung! Da teilen wir ja durchaus ein paar Interessen. Werde ich mir unbedingt ansehen.
Bin auch schon gespannt auf Ihr Buch.
Herzliche Grüße
Martina Maierhofer