Samstag, 25. März 2017

Jacqueline Kennedy, Juliette Greco und die starken Frauen des Languedoc

Im erzbischöflichen Palast von Uzès tagt gelegentlich die genealogische Gesellschaft des Languedoc-Roussillon, die die Region mit ihren Forschungen um vier „starke“ Frauen bereichert hat.
Edith Piaf als US-Graffiti. Sonst natürlich: Je ne regrette rien.     c Paul Stumpr
Daß Edith Piaf aus dem Süden stammt, läßt sich gut vorstellen. Und Anne de Montemart (1847-1933) sowieso; die Herzogin von Uzès war die

Anne de Montemart:  die
erste Französin mit Führerschein
erste Frau in Frankreich, die den Führerschein machte und tatsächlich auch ein Automobil lenkte. Bei den Pferden im Stall durfte sie das angstmachende technische Gerät aber nicht unterstellen; das setzte der Pferdeknecht beim Herzog durch.

Anne de Montemart: Gelegentlich
auch schnell zu Pferd unterwegs
Ähnliches passierte zu jener Zeit Reisenden auch in den damaligen wie heutigen Touristenmetropolen. Als Rudyard Kipling, der Autor des „Dschungelbuchs“ in Avignon Station machte, verbot ihm der Hotelbesitzer sein Auto im Hof zu parken; das mache die Pferde scheu.

Auf einem überlebensgroßen Bild von Antoine Weisz im Musée Borias ist die Herzogin de Montemart als Reiterin in jagdlicher Umgebung dargestellt; wie immer übrigens in Trauerkleidung, die sie seit dem Tode ihres Mannes trug - da war sie gerade 29 Jahre alt. Die dritte im Bunde ist Jacqueline Kennedy, die in direkter Linie von Simon Mercier (1610-1686) abstammt, einem Wollschneider aus Saint Michel d‘Euzet. Und mit Juliette Greco aus Montpellier (* 27.2.1927)ist das Quartett perfekt. Wenn es nur irgendwie geht, gönnen Sie sich die Greco, die ja oft im Midi auftritt. Wenn Sie Glück haben, gehört Ihr

Chanson über „Monsieur Faulkner“ ins Programm und das Leben, das eine „drôle d‘histoire“ ist. Wenn man ihre Stimme bei diesem Lied hört, wünscht man sich nichts anderes als dieser Idiot oder der einfältige Erzähler dieser Geschichte zu sein:

La vie, c'est une drôle d'histoire
Contée par un sot
Ou par un nigaud
Une histoire
Qui s'enfuit

pleine de bruit, de fureur
Pleine de bruit, de fureur. 


 La vie, un chemin bizarre
Qui monte et descend
Et tourne et se prend
Au Hasard
Mort ou vif
Plein de nuit, de lueurs
Quand l'un rit, l'autre pleure
Comme dit Monsieur Faulkner.

Viens, viens,
Nous n'y pouvons rien
Un jour, y a plus de tout à l'heure
Viens, viens,
Ton temps t'appartient
Et par ta pauvre vie mon Coeur.

Longues, longues et froides années
Pourquoi courez-vous
Pour nous harceler ?
Moi je veux
Pour le peu
Que j'ai à faire sur la terre
Vivre au gré de mon coeur
Comme dit Monsieur Faulkner.
 





Samstag, 11. März 2017

Barjac: Mehr als Anselm Kiefer und Antiquitäten

Barjac ein Städtchen, das Ostern und im August zur Hauptstadt des globalen Antiquitätenhandels wird. Einkäufer aus den Vereinigten Staaten, aus England und selbst Japan fanden hier bis in die achtziger Jahre günstige Ware. Hunderte von Händlern gibt es auch heute noch, nur sind die Schnäppchen-Zeiten längst vorbei.
Der Brunnen vor dem alten Rathaus
Nicht zuletzt hat dafür der erste Messetag, der sogenannte Händlertag gesorgt. Da findet man die guten und preiswerten Dinge ab dem zweiten Tag zwar immer noch, aber zum mindestens doppelten Preis beim Standnachbarn.

Wenn Sie dennoch einmal mittendrin und nicht nur dabei sein wollen, mieten Sie sich zu Ostern bei Catherine L‘Helgoualch ein. Ihre „Domaine de la Sérénité“ liegt am Rathausplatz, also mitten im Messetrubel, ein auffälliges altes Maison de Maître und mit wertvollen Stilmöbeln, Sammlerstücken und Stoffen eingerichtet; kein Wunder, ist die Inhaberin doch selbst Antiquitätenhändlerin.

Mit Anselm Kiefer ist einer der bekanntesten deutschen Nachkriegskünstler hierher gezogen. Seine großformatigen Bilder und Collagen, zu sehen etwa in den Kunstsammlungen der Deutschen Bank, bei Würth in Erstein und Frieder Burda in Baden-Baden, sind heute teilweise noch voluminöseren Installationen gewichen.


Ein großformatiges Blumen-Bild (2,80 x 1,90 Meter) hat Kiefer den Einwohnern von Barjac geschenkt; es hängt in der Mairie und ziert zu Beginn dieses Jahres 2017 mit einem Text von Arthur Rimbaud, den dieser im Oktober 1870 geschrieben hat, die Homepage der Stadt.


C'est un trou de verdure où chante une rivière
Accrochant follement aux herbes des haillons
D'argent ; où le soleil, de la montagne fière,
Luit : c'est un petit val qui mousse de rayons.


Un soldat jeune, bouche ouverte, tête nue,
Et la nuque baignant dans le frais cresson bleu,
Dort ; il est étendu dans l'herbe sous la nue,
Pâle dans son lit vert où la lumière pleut.


Les pieds dans les glaïeuls, il dort. Souriant comme
Sourirait un enfant malade, il fait un somme:
Nature, berce-le chaudement : il a froid.


Les parfums ne font pas frissonner sa narine ;
Il dort dans le soleil, la main sur sa poitrine
Tranquille. Il a deux trous rouges au côté droit.

 

Immer seltener ist er zuletzt in der öffentlichen Wahrnehmung. Warum ausgerechnet Barjac?
„Das Verlassen eines Landes ist eine Art Hygiene. Früher habe ich mich mit der jüngsten deutschen Geschichte beschäftigt. Doch das kann man nicht ständig machen.“
In La Ribaute, einem fünfunddreißig Hektar großen ehemaligen Landgut, denkt er sich seine eigene Welt, und konstruiert seinen Sinn des Lebens.
„Ich halte das Leben aus, in dem ich in einem kleinen Bereich eine Ordnung herstelle“,
sagte er in einem Interview mit Dorothee Müller in der Süddeutschen Zeitung. Doch dann ist ihm Ordnung nicht der richtige Begriff.
„In dem ich in meinen künstlerischen Tätigkeiten einen Zusammenhang herstelle. Sonst würde ich nicht leben.“


Samstag, 4. März 2017

Jean Giono: Der Mann, der die Bäume pflanzte

 
Wer heute zu Fuß oder mit dem Wagen in den waldreichen Cevennen unterwegs ist, kann sich kaum vorstellen, daß diese Landschaft zweihundert Jahre zuvor fast kahl gewesen ist. Über Jahrhunderte hatten die riesigen Tannen- und Buchenwälder als Bau- und Brennholz herhalten müssen, ohne daß sich jemand Gedanken gemacht hätte, wo die kommenden Generationen ihr Holz herholen sollten.

Mitte des 19. Jahrhunderts begann der Förster Georges Fabre mit der Wiederaufforstung der Cevennen. Sein Pendant auf der anderen Seite der Rhone war der Schäfer Elzéard Bouffier, dem Jean Giono mit seiner Geschichte „Der Mann, der die Bäume pflanzte“ ein Denkmal setzte. Wenn Sie knapp zwanzig Minuten Zeit haben, lohnt der Film von Margret und Jürgen Vanscheidt, den Sie HIER ANSEHEN können. Die umgewandelte Super8-Qualität ist naturgemäß nicht mehr berauschend, es lohnt aber wegen der Nähe zu Gionos Text und einem guten Gespür für die Bilder. Selbst wenn Sie gar keine Zeit haben, sehen Sie sich einen oskarprämierten Zeichentrickfilm HIER (in langsam gesprochener und gut zu verstehender französischer Sprache)an: Frédéric Back hat ihn 1987 gedreht und neben dem Oskar auch die Goldene Palme in Cannes dafür gewonnen. Sowas von zurecht!


Ausgerechnet in der Modezeitschrift „Vogue“ erschien 1954 der Erstabdruck von Gionos Geschichte.
„Dieser Mann war mehr als ein Schäfer, denn er pflanzte täglich hundert Eicheln und andere Baumsamen in den verkarsteten Boden, denn er hatte erkannt, daß das Land ohne Bäume sterben würde und beschloss, dem abzuhelfen. So Gott ihm das Leben gönnte, würde er in dreißig Jahren so viel gepflanzt haben, daß diese zehntausend bereits gepflanzten Bäume sich dagegen wie ein Tropfen im Meer ausnehmen würden.“
Giono hat Bouffier über Jahre hinweg immer wieder besucht und bei seinen Wanderungen begleitet.
„Wenn dieses Wirken frei ist von Egoismus, und wenn der Impuls, der sein Handeln leitet, ungewöhnlich großherzig ist, wenn auch nicht nach Belohnung und Anerkennung geheischt wird und dieses Wirken darüber hinaus Zeichen in der Welt hinterlassen hat, dann begegnet man zweifellos einem unvergeßlichen Menschen.“
Die Folgen waren offensichtlich.
„Als ich zum Dorf hinabstieg, sah ich Wasser in Bachläufen fließen, die seit Menschengedenken trocken gewesen waren. Noch nie war es mir geschenkt, derartige Folgen von Arbeit zu erleben.“
Vor Fabres Zeit war hier nichts als Ödland

Wenige Jahre später sind diese provenzalischen Wälder teilweise militärischen Interessen geopfert worden. Sie wurden abgeholzt, um Raketensilos, Panzerübungsplätzen und Öltanks Platz zu machen.

„Unversehrt blieben nur wenige Buchen und Erlen“, erinnerte sich Giono in einem Interview kurz vor seinem Tode. „Sie werden nicht einmal die Spur eines Andenkens an Elzéard Bouffier finden. Seien Sie zufrieden mit dem Text und dem Geist der Sache. Er hat sein Genügen in sich.“
Bouffier ist 1947 im Alter von fast neunzig Jahren gestorben und ähnlich in Vergessenheit geraten wie Georges Fabre. Und was links der Rhone die Raketensilos sind, sind auf den Hochebenen des Larzac und in den Cevennen die Schießplätze.
 

Samstag, 25. Februar 2017

Firmin Abauzit: Der wahre Philosoph

Seine protestantische Mutter flüchtete mit dem damals Sechsjährigen in die Cevennen, als nach dem Edikt von Nantes ihr Sohn katholisch erzogen werden sollte. Dann wanderten sie in die Schweiz aus, wo Firmin Theologie und Physik studierte und sich zum gefragten Diskussionspartner etwa eines Isaac Newton entwickelte.
Blick aus dem Museum auf die Türme der Stadt Uzès

Nachdem er Newton erste Fehler nachgewiesen hatte, sagte der nur noch:
„You are well worthy to judge between Gottfried Leibniz and me.“
Firmin Abauzit
Und auch bei Voltaire hatte Abauzit einen tiefen Eindruck hinterlassen. Als ein Bewunderer Voltaires einmal sagte, er sei nur gekommen, um einen wirklich großen Denker zu sehen, antwortete dieser:
„Dann müssen Sie zu Abauzit gehen.“


Für Jean-Jacques Rousseau war er
„le seul vrai philosophe du siècle“. 
Brigitte Chimier, Kunstgeschichte hat sie studiert bevor sie Museumsleiterin in Uzes wurde, kann Ihnen viel über Abauzit und das Bild erzählen, das dort von ihm im Boreas-Museum hängt. Aber auch alles über Ulysse Dumas , über den sie eine Ausstellung organisiert hat.Den Landwirt aus
Brigitte Chimier weiß alles über Uzès

Baron, zwischen Uzès und Alès gelegen, zog es zur Archäologie und Höhlenforschung. Zahlreiche Ausgrabungen und Untersuchungen hat er in der Region durchgeführt und darüber geschrieben; meist im „Bulletin archéologique“ zum Beispiel über Megalithen bei Foissac oder die Höhle von Seynes. Auch als Dichter und Fotograf hat sich Dumas einen Namen gemacht, der mit gerade mal 36 Jahren 1909 gestorben ist.

La Rose des Vents
In seinem stattlichen Mas, dem „Maison d’Ulysse“ gleich gegenüber der Mairie von Baron können Sie ruhig und gediegen, aber nicht ganz preiswert übernachten. Zu einem ordentlichen Preis-Leistungsverhältnis essen Sie in der „Rose des Vents“, einem Restaurant, das zwar direkt an der D 981 liegt, aber dennoch eine ruhige und schattiger Terrasse in Richtung der direkt anschließenden Weinberge hat.

Celine Zouhir hat Ihre Küchen- und Servicemannschaft gut im Griff und sieht alles. Französisch regional und manchmal kreolisch angehaucht ist die Küche und gute Steacks. Ansonsten zeichnet sich Baron nur noch durch eines aus, die samstäglichen Polizeikontrollen an der Straße nach Uzès nämlich, sehr gewinnbringend, weil fast jedermann zu schnell unterwegs ist zum Markt.

Samstag, 28. Januar 2017

Maguelone: "Kleines Propriété" einer Professorenwitwe

Als der Schriftsteller Moritz Hartmann, so um 1850, auf dem Canal du Rhone à Sète von Aigues-Mortes nach Sète reiste, machte er an „der weltberühmten, sagenhaften, vielbesungenen Insel“ Halt und war schnell enttäuscht.
Von der westgotischen Burg über die Kathedrale zum Weinanbau im Mittelmeer

„Es sieht traurig aus, dieses kleine Eiland, das einstens einen mächtigen Bischofssitz auf seinem schmalen Rücken getragen.“
Heute ist aus der Insel eine Halbinsel geworden, auf die Sie in den unvertouristeten Monaten mit dem Auto fahren und von dort eine einsamste Strandwanderung machen können. Öde und einsam empfand auch
Nicht nur im November: Viel Platz am Strand
Hartmann den geschichtsträchtigen Ort. Selbst die auf dem Meer vorbeiziehenden Schiffe
„würdigen das alte Gemäuer keines Blickes. Einige Rinder, der Schaffner mit Weib und Kind sind die einzigen Bewohner, und das Land, das ehemals so stolze Titel trug, gehört als ‚kleine Propriété’ einer simplen Professorswitwe aus Montpellier.“

Rund eintausend Jahre lang, bis ins 16. Jahrhundert, war Maguelone Bischofssitz, ein kleiner Flecken Land von nicht einmal einem Quadratkilometer. Die Kathedrale war mehr Wehrkirche als Gotteshaus und mit ihren Mauern von zweieinhalb Metern Dicke, mit den Pechnasen und Schießscharten Teil der Stadtmauer geworden. Und immer waren
Wehrhaft (Bild: cc Wiki Bonhu1962)
Stadt und Kirche umkämpft. Die Sarazenen eroberten den Ort im 8. Jahrhundert, wenig später dann Karl Martell: Die von den Arabern geschonte Kirche wurde vom Christen zerstört. Wieder und prächtiger aufgebaut, weil sich immer wieder Päpste hier aufhielten, war Maguelone während der Religionskriege mal protestantisch, mal katholisch, bis Richelieu den Befehl zum Schleifen gab. Diesmal blieb aber wenigstens die Kirche erhalten.

Allmählich ist Maguelone dabei, seinen Frieden zu finden. Dies ist vor allem 
den "Compagnons de Maguelone" verdanken, die sich dort um schwer erziehbare und behinderte Jugendliche kümmert. Auf deren Homepage können Sie einen virtuellen Rundgang durch die Kirch machen und Sie bekommen einen Überblick über die klassischen Konzerte in diesem klangwunderbaren Raum.

Weiter gibt es eine Gaststätte, in der der dort angebaute Wein verkauft wird - an dem Diabetiker ihre Freude haben werden - und einen Hofladen am südlichen Ortausgang von Palavas; lassen Sie sich von dem Schild „Sackgasse“ nicht abschrecken. Den Einkauf aber am besten erst bei der abendlichen Rückfahrt, es sei denn, Sie müßten sich noch noch für ein Strandpicknick versorgen.

Von dort sind es gerade mal zwei drei Kilometer zur Kathedrale, die Sie im Sommer auch mit dem kleinen Bähnchen zurücklegen können, das abends diejenigen Strandbesucher einsammelt, die südlich von Maguelone gerne für sich sein möchten und das selbst in der Hochsaison auch können. Und wahrscheinlich werden Sie auch eine
Eldorado für Kinder und ältere Kieselfreunde
Tasche voller Muscheln und besonders schön vom Meer zugeschliffenen Handschmeichler-Kiesel mit nach Hause nehmen.



Samstag, 21. Januar 2017

Les Baux: Morgners weiblicher Troubadour

Irmtraud Morgner
Gab es auch Troubadourinnen? Für die DDR- Schriftstellerin Irmtraud Morgner (1933 bis 1990; Bild: Bundesarchiv, Ausschnitt)) keine Frage. Ihre Trobadora Beatriz wird nach einem achthundertjährigen Schlaf sehr rüde aufgeweckt - in der DDR. „Dieser Roman, der so lächelnd schon im Titel verspricht, uns in eine ferne Provence des Mittelalters zu entführen, spielt heute“, warnte der Luchterhand Verlag seine westdeutschen Leser schon auf dem Umschlag der Taschenbuchausgabe.

Der Roman „Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura“ erschien 1974. Da wurde sie bereits von ihrem Mann, dem Lyriker und Drehbuchautor Paul Wiems für das Ministerium für Staatssicherheit bespitzelt. 1977 ließ sich Morgner von Wiems scheiden.

Der erste Satz:

„Natürlich ist das Land ein Ort des Wunderbaren.“
Da hat Irmtraud Morgner sich gründlich geirrt, sollte sie tatsächlich die DDR als das gelobte Land der Emanzipation der Dichterinnen und Schriftstellerinnen gemeint haben; obwohl man das bei nicht weiß, schließlich war sie dort im Vorstand des Schriftstellerverbandes.  Oder hat sie ihn ironisch beschrieben, diesen Staat, in dem ideologische Bewertungen entschieden, wer schreiben durfte, wer gedruckt und gelesen werden durfte. Ein bürokratisch kontrolliertes System der Literaturgewährung für die Leser. Die für mich nachvollziehbarste Deutung bezieht diesen Satz auf das Land, in dem die Trobadora eingeschlafen ist, auf die Provence, auf Les Baux.
Übergangslos: Stadt Fels Ort.                                         Bild Oleg Znamenskiy cc
„Sie brannte auf das Wiedersehen mit der einzigartigen Stadt, die in wilder Felsenlandschaft hoch aus einem Monolith gehauen war, ohne sichtbare Übergänge vom Fels zum kunstvollen Gemäuer. Diese knochenähnlich verwitterten Felsenformen, die nackt und gewaltig in Kräutern stehen, steil.“
Dann trifft sie einen Autofahrer, der ihr erklärt, daß statt des Bauxit heute die Touristen ausgebeutet werden, und sie in die tief in die Felsen gehauenen Weinkeller von Sarragan schickt.

Immer die ideale Temperatur.                Bild:Cave
Genießen Sie im Sommer einen Temperaturunterschied von meist mehr als zwanzig Grad und gönnen Sie sich hier Ihren Apéro in Form von ein zwei Gläschen Rosé, der aber wirklich nur hier schmeckt. Alles andere als ein großer Wein und denken Sie an die Trobadora und die Ausbeutung. Mit dem Bauxit, das ihm seinen Namen gab, hat Les Baux heute gar nichts mehr zu tun. Das kommt heute aus Brignoles, im Landesinneren zwischen Marseille und Toulon an der A 8 gelegen. Zwei Millionen Tonnen dieses Ausgangsmaterials zur Aluminiumherstellung werden hier gewonnen.

Wer mehr über die Agententätigkeit von Wiems nachlesen will, dem sei das Buch „Sicherungsbereich Literatur. Schriftsteller und Staatssicherheit in der Deutschen Demokratischen Republik“ von Joachim Walther ans Herz gelegt, das 1999 bei Ullstein erschien. Zu den vom bespitzelten Autoren gehörten Heinrich Böll und Günter Grass, aber auch Jurek Becker und Wolf Biermann, sowie Andrej Sacharow und Lew Kopelew.

 


Sonntag, 1. Januar 2017

Gelber Drache, roter Wein – Chinesische Betrügereien mit französischem Wein

Die Verwandlung von Wasser in Wein. Bisher nur in Kana und China. Giotto di Bondone um 1305        Bild Wiki cc
Alles, was man nicht für möglich hält, ist nicht unmöglich. Systematisch werden in China Weine gefälscht - so die Recherchen von Journalisten. Ganz so weit, nur noch den eigen angebauten Wein zu trinken, müssen wir allerdings noch nicht gehen.
„So sah ich zum Beispiel einen Wein mit dem Namen Bordeaux Portwein. Ein anderes Etikett verkündete stolz Syrah-Reben aus Bordeaux, während ein als Languedoc verkaufter Wein offensichtlich aus dem Elsass kam, das laut Etikett in Italien liegt. Und obwohl der 1998er für französische Weine kein herausragender Jahrgang ist, wird er von Fälschern bevorzugt verwendet, vermutlich, weil in China die 9 für Harmonie und die 8 für Reichtum stehen.“
Arbeit kann auch Spaß machen
Den ganzen Bericht von Nick Bartman lesen Sie auf der Website von Vinum, dessen Redaktion den Beitrag des Rechtsanwaltes hat übersetzen lassen. Bartman ist spezialisiert auf Maßnahmen gegen Produktpiraterie und hätte sich wahrscheinlich nicht träumen lassen auf eine ganze Wein-Mafia zu stoßen. Die englische Weinkritikerin Jancis Robinson, die eine wöchentliche Kolumne in der Financial Times hat und deren Lieblingsfeind Robert Parker ist, hat ihn auf www.jancisrobinson.com erstmals veröffentlicht. Ein langer Text, sicher, aber wie ein Krimi zu lesen. Flaschen, Etikette, Inhalte – alles systematisch gefälscht, wobei allenfalls tröstlich ist, daß die meisten Flaschen nicht exportiert werden.

Aber es bewegt sich nicht alles im kriminellen Rahmen. „Gelber Drache, roter Wein“ hat der SWR eine Dokumentation genannt und auch die WELT (Ute Müller) und die Badische Zeitung (mal wieder der immer lesenswerte Axel Vieil) nahmen sich des Themas an.

Müller berichtet von den Aktivitäten des Changyu-Konzerns, der in Navarra ein eingeführtes Familienunternehmen mit einer Produktion von immerhin 21 Millionen Flaschen im Jahr gekauft hat. 35 Millionen Euro war den Chinesen die 75prozentige Beteiligung wert, also an sich keine bedeutende Investition für Changyu, dessen Börsenwert über 5 Milliarden Euro beträgt.

Vieil beschreibt die chinesischen Engagements im Bordeaux, wo jeden Monat ein Château den Eigentümer wechselt. Globalisierungsfreunde sollte das freuen, denn Preise und Erträge steigen in diesem zinsfreien Zeiten überdurchschnittlich. Axel Vieil:


„Bordeauxwein kostet heute doppelt so viel wie 2009. China hat vergangenes Jahr für 580 Millionen Euro zehn Prozent der Produktion gekauft und ist wichtigster Exportmarkt. Die übrigen französischen Anbaugebiete brachten es zusammen auf 264 Millionen Euro.“
Auf den Weinmessen in Châlon, Montpellier und Strasbourg weisen Plakate schon heute auf die künftig wichtigsten Weinmessen hin: Hongkong, Peking und Tokio.





Sonntag, 25. Dezember 2016

Kurt Tucholsky: Der aufgehörte Deutsche

Kurt Tucholsky hat nach 1924 viel Zeit in Frankreich verbracht, bevor er sein endgültiges Exil in Schweden fand. Man kann ihn aber
nicht den besonders engagierten Exilliteraten zurechnen. Zu früh hat ihn seine spitze Feder verlassen. "Worte sind Waffen" hatte er einmal formuliert, das aber dann vergessen wollen.

Dennoch blieb Deutschland die Heimat, um die er sich sorgte. Schon früh und immer wieder warnte er vor Hitler. Erich Kästner formulierte das so:

„Er wollte mit der Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten.“
Pyrenäental bei Rialp
Über den Südwesten Frankreichs hat Tucholsky „Ein Pyrenäenbuch“ geschrieben – auch heute noch lesenswert als Reisenachbereitung.

"Der erste Eindruck der Dörfer und der ganz kleinen Städte in den Pyrenäen ist: tot. Das macht, die Leute halten die Fenster mit Holzläden geschlossen, die mitunter aus zwei groben Planken bestehen, der Fliegen wegen, des Lichts wegen, damit die Luft auf den Plätzen frisch bleibt ... ich weiß nicht...

Unter den abendlichen Bäumen warte ich das Menü ab. Ich weiß schon, was da aus den offenen Fenstern herausschmurgelt: eine Suppe mit welchem Brot, ein Scheibchen Wurst als hors und ein Scheibchen Sardelle als d'oeuvres, gebratene Fische, Rindfleisch, Huhn, meist beides nacheinander; wenn man dann dem Ersticken nahe ist, eine kräftige Schüssel Gemüse, und ein bißchen Käschen, Obstchen, Nachspeischen und Kaffeechen. Dazu, wenns schief geht, rauchende Salpetersäure; sonst einen angenehmen Landwein."


Tucholskys französischer Presseausweis, 1928.     c DLA
1925 besuchte er Aix-en-Provence. Mitten im Winter erlebte er den Frühling und schrieb seine Zeitungskolumnen in der Farbsprache van Goghs. 



„Die meisten Bäume waren kahl, aber mit einem hellen grünlichen Schimmer um die Spitzen. Der Himmel war weißlichblau, es spritzte nur so vor Licht.“
Damals konnte Tucholsky noch kämpferisch, kritisch und ironisch sein. Ein paar Jahre später bezeichnete er sich in Briefen, unter anderem an seinen Freund Walter Hasenclever, als
„aufgehörten Deutschen und aufgehörten Dichter“.

Tucholsky (li) und Hasenclever. Beide begingen Selbstmord.                 c DLA

Hasenclever gehörte mit zu den zahlreichen deutschen Exilanten, die als unerwünschte Ausländer ins Sammellager Les Milles in der Nähe von Aix-en-Provence gebracht worden waren.

An Carl von Ossietzky schrieb Tucholsky reichlich deprimiert, daß er gerade ihm ja kaum sagen müsse, „daß unsere Welt in Deutschland zu existieren aufgehört hat. Und daher werde ich erst einmal das Maul halten. Gegen einen Ozean pfeift man nicht an.“ Auch den zahlreichen Bitten, sich doch wenigstens in den Publikationen der Exilpresse zu beteiligen und hier Flagge zu zeigen, kam er nicht nach.

Gegenüber Mary Gerold glaubte er fast sich rechtfertigen zu müssen.
"Ich habe über das, was da geschehen ist, nicht eine Zeile veröffentlicht - auf alle Bitten hin nicht. Es geht mich nichts mehr an. Es ist nicht Feigheit - was dazu schon gehört, in diesen Käseblättern zu schreiben. Aber ich bin au dessus de la mêlée, es geht mich nichts mehr an. Ich bin damit fertig.“


Viel mehr über "Tucho" im  DLA in Marbach, aus dem auch die Bilder dieses Beitrags stammen.


Sonntag, 20. November 2016

Sanary: Franz Werfel im Sarazenenturm


Sanary um 1930: Hauptstadt der Exilliteraten
Franz Werfel gehörte zu denen, die längere Zeit - bei ihm waren es fast zwei Jahre - in Sanary verbrachten. Er hatte das Glück, daß er beim deutschen Einmarsch in Österreich sich gerade auf Reisen befand, wie Thomas Mann, und wie dieser nicht mehr zurückkehrte. Und wenn es bei Thomas Mann seine Frau Katia war, die sich um so nebensächliche Dinge kümmerte, wo man denn wohnen sollte oder ob es genug zu essen gab, war es bei Werfel seine Frau Alma, die auch in Sanary Quartier machte. Sie mietete oberhalb des Hafens ein Gebäude, das im Ort nur „Le moulin gris“ genannt wurde. Für Alma
Le moulin gris in aktueller Ansicht und mit den 12 Fenstern der 1930er Jahre. C Alina
Mahler-Werfel war es „ein alter Wachturm, den sich ein Maler sehr kultiviert, aber sehr unbequem eingerichtet hatte“. Oben im Turm gab
Franz Werfel. Zeichnung
von Erich Büttner
es ein Zimmer über die gesamte Fläche des Hauses, von dem aus man durch zwölf Fenster einen beeindruckenden Rundblick über den Ort, den Hafen und die Berge hatte. Gleich nach dem Krieg zog der französische Filmemacher und Meeresforscher Jacques Cousteau im Turm ein.

Als der Literaturhistoriker Wilhelm Herzog ihn dort oben „im Sarazenenturm“ besuchte, überreichte Werfel ihm sein druckfrisches Buch „Gedichte aus dreißig Jahren“ mit einer Anspielung an „alte gemeinsame Kampfzeiten. Franz Werfel in der VII. Woche des zweiten Krieges unseres Lebens.“ Alma Mahler-Werfel zauberte ein kleines

Diner, das „sie mit sachkundiger Liebe herzustellen wußte“. Herzog glaubte, sie „wolle die Bitterkeit dieser Tage durchbrechen mit kleinen materiellen Genüssen, an denen Franz Werfel eine besondere Freude zu haben schien“.

An diesem Abend diskutierten die beiden einen Festakt zu Ehren von Emile Zolas einhundertstem Geburtstag. Dies sollte ein konzertierter Auftritt der deutschsprachigen Exilliteratur werden. Wie so viele dieser Projekte verlief es im Sande, was aber auch vielleicht ganz gut war. Denn besonders hoch angesehen waren die Exilautoren nicht, galten in weiten Kreisen der Bevölkerung als Nazi-Spione und wurden ständig beobachtet und kontrolliert. Als Werfel eines nachts, Verdunkelung war angeordnet, in seiner Turmstube mit der Taschenlampe nach einem Manuskript suchte, war wenig später die Polizei da. Warum er den Deutschen Lichtsignale gebe?
Alma und Franz Werfel im Galli-Theater in Sanary
In seinem Buch „Jakobowsky und der Oberst“ hat Werfel die Wirrnisse der Flucht von Sanary über Paris, Lourdes und Marseille nachgezeichnet. Werfel und Herzog trafen sich fast täglich und „alle unsere Gespräche drehten sich um den Krieg und seine mutmaßliche Dauer“. Alma Mahler-Werfel beteiligte sich impulsiv, heftig und, wie Herzog mal sagte, „immer liebenswürdig“ an diesen Diskussionen. Ganz ehrlich war sie allerdings nur ihrem Tagebuch gegenüber. „Ich lebe hier momentan in einem jüdisch-kommunistischen Klüngel, zu dem ich nicht gehöre. Manchmal reißt mir die Geduld und ich sage laut meine Wahrheit.“

Samstag, 12. November 2016

Les Baux: Troubadour-Herz mit Thymian und Feigen

Ganz eine natürliche Festung: Les Baux-de-Provence                                        Bild Wiki cc
Als Mistral 1854 mit seinen sechs Schriftstellerkollegen die Félibrige gründete, wollten sie Les Baux zu ihrer Hauptstadt machen:
Immer zur Freude der Damen,
nicht immer zu der ihrer
Ehemänner: Troubadoure
„Di Baus farien ma capitado.“ Hauptstadt der Liebeshöfe und der Troubadoure war Les Baux ohnehin.


Von Norditalien bis Spanien, aus dem gesamten Einzugsbereich der Langue d‘Oc kamen die adeligen Dichter hierher, um ihren Damen in hoher Minne, in idealistischer Liebe, zu huldigen. Mistrals Sehnsucht nach dem Frankreich der Langue d‘Oc ging so weit, daß er sich den Pavillon der Reine Jeanne, ein wenig unterhalb von Les
Mistrals Grab in Maillane
Baux, zum Vorbild seines Grabmals nahm, das er in Maillane errichten ließ; sein Grab ist vor dem Eingang zum Friedhof ausgeschildert.


Und auch einer von Mistrals vielen Hunden ist hier in Stein verewigt. Dieser Hund war ein Geschenk von Buffalo Bill, der während einer Europa-Tournee seines Rodeo-Unternehmens sehr erfolgreich in Südfrankreich auftrat und mit Mistral Freundschaft geschlossen hatte. Die beiden sahen sich auch äußerlich ähnlich. Nicht weit von hier, in Saint-Rémy, liegt Mistrals Mitkämpfer Joseph Roumanille begraben, ebenfalls einer der sieben Begründer der Félibrige.

Texte Vidals aus dem 14. Jh.
Bibliothek in Catalunya
Wie innig durfte die platonische Liebe der Sänger sein? Nachdem einer der bekanntesten Troubadoure, Péire Vidal, die Frau des Fürsten Barral de Baux nicht nur artigst besungen, sondern auch innigst geliebt hatte, mußte er nach Italien fliehen.


Vidal, der um 1175 in Toulouse auf die Welt gekommen war, hielt sich auch sonst wenig mit dem Platonischen auf. Als selbst auferlegte Buße nahm er am dritten Kreuzzug teil. Doch bevor es ernstlich gefährlich wurde, verliebte er sich auf Zypern in eine Griechin, die er, oder wohl eher sie ihn, heiratete. Später tauchte er, allerdings wieder allein, am Hofe in Kastilien auf. Von dort fehlen weitere Nachrichten zur Innigkeit.

Wollen wir hoffen, daß er das selige Alter erreichte, das seinem Kollegen Guilhen verwehrt blieb. Der Gattin des Raymond von Seillans machte er derart glaubwürdig den Hof, daß der cholerische Graf ihm die Brust aufschlitzte und seiner Frau des abends das Herz ihres Troubadours mit Thymian und Feigen kredenzte.