Posts mit dem Label Tarascon werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Tarascon werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 19. März 2024

Heinrich Hansjakob, Schwarzwaldpfarrer mit einer Vorliebe für die Frauen des Südens


Ein Glas Wein  von Valérie Bèguy, der schönsten Frau Frankreichs
im Jahr 2008 hätte Heinrich Hansjakob gerne angenommen Bild oe24
Der aus Haslach im Schwarzwälder Kinzigtal stammende Pfarrer Heinrich Hansjakob war, als er kurz nach dem Krieg von 1870 mit seinem Heidelberger Freund Lindau nach Frankreich reiste, eine Erscheinung, nach der man sich auf den Straßen vor allem im Süden umdrehte. Zwei Meter zwanzig maß er mit seinem immer getragenen schwarzen Hut. Vielleicht war es zu der Zeit ganz gut, daß er fast überall für einen Engländer gehalten wurde.

Die Reise nach Frankreich trat er auch an, weil er gerade zwei Gefängnisaufenthalte hinter sich hatte: Einmal wegen aufrührerischer Reden und kurz darauf wegen Beamtenbeleidigung. Beide Verurteilungen machten ihn stolz. Hansjakob war immer eher dagegen als dafür und polterte in seinen vielen Büchern und Predigten gegen Bischöfe, Militärs, Juden, Leser der Romane von Walter Scott, Bartträger und kapitalistische Ausbeuter und natürlich gegen das „schweinsmäßig grunzende, Landschaft verhunzende“ Automobil sowie emanzipierte Frauen.
Hansjakob: 2 Meter 20 mit Hut

Die anderen fand der Pfarrer schon deshalb gut, weil er vom Zölibat nichts hielt und mehrfacher Vater war. Ein Brauer aus Waldshut soll sich erschossen haben, weil ihm ausgerechnet ein Priester die Frau ausgespannt hatte. Auch in Südfrankreich ließ er seine Augen
Tartarin hätte sich
mit Hansjakob verstanden
schweifen, etwa auf die Frauen in Tarascon: „Große und schlanke Figuren mit ganz blassen Gesichtern und ganz antiken Profilen“. Lange dunkle Gewänder „und schwarze Kopfbinde lassen die feine Blässe noch vorteilhafter hervortreten“. Immer wieder wurde er „von den Schönen“ wegen seiner Statur angesprochen und zu einem oder mehreren Gläsern Wein eingeladen.

Immer wieder auch ärgerte er sich über die kaum besuchten Gottesdienste. In Béziers fanden sich gerade mal siebzehn Frauen in einer Messe ein, die von fünf Priestern im Ornat gehalten worden.

„Voilá la France réligieuse!“

kommentierte er. Ähnliches wird er über die Bischöfe von Maguelone gedacht haben, die ihre Münzen jahrhundertelang mit der Aussage „Allah ist groß“ umrandeten. Selbst der Versuch eines Papstes, das zu unterbinden, war erfolglos, schließlich befördere das den Handel mit Nordafrika und Arabien.

Danke an Hans F. Ringwald aus Ohlsbach für den Hinweis auf Hansjakob in Südfrankreich.

Samstag, 8. Juli 2017

Beaucaire: Römische Weine vom Mas des Tourelles

In seiner massigen Gestalt, mit Räuberbart und kragenlangen Haaren ging Moritz Hartmann, österreichischer Journalist und Teilnehmer der Badischen Revolution von 1848 von Tarascon aus über die alte Kettenbrücke hinüber nach Beaucaire. Das war ein Abenteuer für sich, denn diese Brücke
„zittert ewig und wiegt sich hin und her wie ein leichtes Seidenband im Winde“.
Immer wieder wurden Fußgänger oder selbst Pferdewagen in die Rhone geworfen, wenn der Mistral unter die Brücke fuhr wie in ein zu groß geratenes Segel. „Bei dieser Gelegenheit zerriß er auch alle eisernen Bande, als wären sie Spinngewebe.“ Die Stadt selbst, außer an den Markttagen, beklagte er als
„einen traurigen, öden, armen Flecken“.
Er hätte auch schreiben können, das Schönste an Beaucaire sei der Weg hinaus aus der Stadt in Richtung des Weingutes Mas des Tourelles und zur Via domitia. Weinproduktion auf gallo-römische
Art und ein Spaziergang auf der Straße des Domitian sind mit gut zwei Stunden einzuplanen. Wenn
Weine, die für Frauen und Sklaven verboten waren
Sie den Keller besichtigen und die Weinprobe bis zum Ende mitmachen, wird es auch leicht ein Nachmittag. Nach den Rezepten der römischen Schriftsteller Plinius und Cato werden verschiedene Weine hergestellt, die Trauben handgelesen und mit bloßen Füßen gesaftet. Und auch bei der Gärung hält man sich hier ans Original, nicht in Fässern also, sondern in Tonkrügen.

Wichtigstes Produkt war früher der Mulsum, ein mit Honig, Zimt und Pfeffer gewürzter Wein, der mit der schönen Legende versehen ist, Männern, aber auch nur diesen, die ewige Jugend zu schenken. Vorsichtshalber war er für Frauen und Sklaven verboten. Für die Damen gibt es heute wie damals den Carenum, der seinen sehr süßlichen Geschmack aus konzentriert-eingekochtem Traubenmost und Quittensaft erhält. Als dritte römische Variante wird der Turriculae produziert, ein trockener, sehr gewöhnungsbedürftiger Weißer, dem man die Würzmittel Bockshornklee und Meerwasser zugesetzt hat. Dann schon lieber einen der ganz normalen Rhone- oder Costières-de-Nîmes-Weine des Mas des Tourelles.
Le Bozec's Pastelle im Cloître des Cordeliers

Heute hat Beaucaire kaum mehr zu bieten, als die gelegentlichen Krawalle nordafrikanischer Jugendlicher und ein paar dressierte Adler, die um die Burg herumfliegen.

Also zurück nach Tarascon, wo es immerhin noch einen Daudet und dessen Tartarin gibt; und ein lebendiges Kulturleben mit vielen wechselnder Ausstellungen - der Pastellkreide-Zeichner Le Bozec gehört zu den eingeladenen Künstlern - im Cloître des Cordeliers mit einem erfrischend kühlen Innenhof.
 


Samstag, 9. Juli 2016

Tarascon und Beaucaire: Ungleiche Geschwister

Die Frage, ob jemand aus Tarascon der typische Vertreter des verschmitzten, aufschneiderischen, gestenreichen Südfranzosen ist, hat Alphonse Daudet diplomatisch unbeantwortet gelassen:
"In Frankreich stammt jeder irgendwie aus Tarascon."
In seinem Buch über den Tartarin hat er das ganz anders dargestellt.


Beaucaire: Jahrhundertelang einer der wichtigsten  Handelsplätze. Hunderte von
Messeständen wurden unterhalb des Chateau errichtet.             Bild Wiki cc


Umfassende Darstellung von Maurice Contestin
Auch heute noch übrigens. Denn fast scheint es eine Eigenart zu sein, daß man in Tarascon nicht weiß, wo Beaucaire liegt - auf der genau gegenüberliegenden Seite der Rhone nämlich. Unterstützt wird das durch den Stadtplan des Office de Tourisme, auf dem die westliche Welt in der Mitte des Flusses aufhört. Vielleicht ist dies eine späte Rache der ehemals armen Verwandschaft. Schließlich war die Messestadt Beaucaire über Jahrhunderte eine sehr reiche Stadt und in Tarascon wohnte nur der, der sich Beaucaire nicht leisten konnte.

Alexandre Dumas verglich Beaucaire mit „den südamerikanischen Riesenschlangen, die alles an einem Tag essen und dann sechs Monate verdauen“. Die Stadt lebe „das ganze Jahr von seiner Messe, deren Ruf über ganz Europa verbreitet ist“. Als Moritz Hartmann um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Messe besuchte, fiel ihm ein vierzehnjähriges Mädchen aus Hessen auf, das „in seinem kurzen Röckchen, mit dem schwarzen Samtkäppchen an einen Baum gelehnt, deutsche Volkslieder, das halbe ‚Wunderhorn’ herabsingt.“

Die Messe fand er als „Leipzig des Südens“ selbst zu dieser Zeit noch beeindruckend.

„Die Basars und Zelte sind Schatzkammern der kostbarsten Gold- und Silbergeräte und der edelsten Stoffe aus Orient und Okzident.“
Allerdings war dies alles nur noch ein Schatten, ja nachgerade nichts gegenüber dem mittelalterlichen Markt. Zu jener Zeit steuerten große genuesische und venezianische Schiffe die Rhone stromauf, „und brachten ihre morgenländischen Schätze mit, um sie an die reichen Seigneurs des südlichen Frankreich oder an die Kaufherren des goldenen Burgund zu verkaufen oder sie gegen die Erzeugnisse der klugen Flammänder von Brügge und Gent auszutauschen, die ihnen hierher entgegenkamen. Mailand schickte seine Juweliere und Goldschmiede, Toledo seine Schwertschmiede.“
Selbst die als Korsaren gefürchteten Schiffer aus Tripolis segelten nach Beaucaire unter friedlicher Flagge.