Samstag, 22. Juni 2019

Porquerolles: Barfuß ins leere Museum

Im Garten der Fondation Carmignac. Bild Jaume-Plensa.
Man spaziert durch einen Pinien- und Kiefernwald und steht unvermittelt vor dem aus rohem Eisen gestalteten Tor der Fondation Carmignac, dem 2018 eröffneten Museum für moderne Kunst. Neben der Allee, die auf das  große Gelände führt, wurden zwischen Pinienbäumen schlichte Eisenschließfächer installiert. Hier lässt man Rucksäcke, Taschen und alles andere, um den Ort frei erkunden zu können.
Das Herzstück der Fondation Carmignac ist ein provenzalisches Landhausauf einem Hügel. Nur 50 Besucher jede halbe Stunde werden reingelassen, so dass jeder Besucher die Gelegenheit hat, sich mit "seinem" Kunstwerk auseinanderzusetzen. Barfuß, und eingestimmt mit einem Becher Heilpflanzentee, bewegt man sich durch das Museum, vorbei an Arbeiten von Gerhard Richter, John Baldessari oder Cindy Sherman und Andy Warhol, und weiteren Größen der neueren Kunst wie Andreas Gursky, Keith Haring und Martial Raysse. Aber auch die Madonna mit dem Granatapfel von Boticelli, eine Neuerwerbung, hängt hier im Dialog mit Roy Lichtensteins Pop-Art-Mädchen.

Charles Carmignac. Bild Thomas
Hennocque, Fondation Carmignac
Wer sich mit dem Sammelansatz von Éduard Carmignac, einem Fondsmanager, der hier seine private Sammlung präsentiert, nicht so ganz anfreunden kann, kann sich zumindest von den architektonischen Highlights des Baus beeindrucken lassen, dem Zusammenspiel von Materialien und Lichtführung. Sein Sohn Charles kümmert sich um die Ausstellung und Neuerwerbungen. Von daher wird sicher demnächst auch eine Installation von James Turrell hier zu sehen sein. Alles Engagement geschehe "rein aus Freude an der Entdeckung, Unterstützung und Förderung der Weiterentwicklung von Künstlern".
Nach dem Besuch geht's in eine der versteckten Buchten von Porquerolles.

Freitag, 14. Juni 2019

Hamel wandert - aber untypisch

Hamel wandert und
bringt Sie auch dem Baum näher
Das sind wirklich etwas ungewöhnliche Touren, die der Geologe Harald Hamel da durch Südfrankreich anbietet. Sehr individuell und in kleinen Gruppen von mal fünf, mal neun Personen führt er durch den Midi: Etwa um Sommières oder den Pont du Gard mit Abstechern zum Carrière de Lumière und der van Gogh-Installation oder nach Le Grau zu einer Katamaran-Tour entlang der Küste.
Da bleibt er auch schon einmal an einem Baum stehen und kann - als ausgebildeter Baumpfleger - Ihnen soviel dazu erzählen, daß fast eine kleine Wanderpause daraus wird. Sein besonderes Interesse gilt hier im Süden natürlich den Olivenbäumen. Und auch für die gibt den alten französischen Olivenbauern noch Tips, wie der Schnitt im nächsten Jahr zu einem besseren Ertrag führen kann.


Ein alter provenzalische Gutshof bei Sommières, dessen Ursprünge
ins 14. Jahrhundert zurückreichen.
In Uzes, im Le Carola - wo sonst - haben wir uns getroffen. Und dann erzählt er nicht nur von den Wanderungen, die in der Hitze des Südens mehr Ausflüge sind, sondern auch von seinen Kooperationspartnern vor Ort, den Orten, in denen seine Gäste übernachten, etwa dem Großmutter-Zimmer des "Bize de la Tour" in 
Im Chambre de la Chapelle hilft notfalls auch ein Gebet.

Remoulins oder dem "Mas de la Rivoire" und dort vielleicht in "La petite chapelle", tatsächlich einer Kapelle aus dem 14. Jahrhundert.

Samstag, 8. Juni 2019

Sète: Hafen, Brassens und Paul Valéry


Die Gräber und Museen von Brassens und Valéry sollten Sie aufsuchen, das von Brassens unten auf dem Friedhof Py und das von Valéry oben auf dem Cimetière marin und wiederum unten das Espace Brassens und oben das Musée Paul Valéry.


Die schönsten Aussichten sind für die Toten reserviert
Am Grab von Valéry werden Sie kaum einmal jemandem begegnen, während Brassens zwischen April und Oktober täglich bis zu dreihundert Menschen gedenken. Die Gräber sagen viel mehr über die beiden aus, als das Nachlesen der zahlreichen Würdigungen und wissenschaftlichen Beiträge über Stildifferenzen, Sujets und Arbeitsweisen. Und bezeichnend ist auch, daß Valéry an seinem Lieblingsort begraben wurde, während die Stadt Sète es Brassens verwehrte, am Strand bestattet zu werden. In seinem Chanson „Supplique pour être enterré à la plage de Séte“ hatte er diese Forderung noch einmal wiederholt. Und er spricht darin auch, ganz selbstbewußt, sein Verhältnis zu Valéry an, den er, der „aus kleinen Verhältnissen stammende Troubadour“, überbieten werde:

„Deférence gardée envers Paul Valéry.
Moi l’humble troubadour sur lui je renchéris,
Le bon maître me le pardonne.“
Die Frage, an welchem Strand denn nun genau Brassens begraben liege, wird im Office de Tourisme an jedem Tag mehrfach gestellt. In einem
Viel Brassens überall in der Stadt
Interview hat er später allerdings zugegeben, daß dies so ernst gar nicht gemeint war. Er hätte ganz einfach nach seinem Tod auch noch ab und zu baden gehen wollen, sagte Brassens in einem gemeinsamen Interview mit Jacques Brel und Jean Ferré. Das berühmteste Gedicht Valérys, von Rilke übersetzt, beschäftigt sich mit seinem „Friedhof am Meer“:

„Minervas schlichter Tempel, feste Truhe,
Sichtbares Schutzhaus, dichter Hort der Ruhe,
Kräuselung des Wassers, Auge immer wach...
Ganz eingehüllt in meinen Meeresblick.
Und wie wenn Göttern ich die Gabe brächte,
Steigt aus dem Funkeln heitrer Meeresprächte
Mein königlicher Hohn auf das Geschick.“
Die Übersetzung entstammt dem bei C.H.Beck erschienenen zweisprachigen Band "Französische Dichtung".
Einen Stein bekommt Valéry von jedem Besucher seines Grabes...
Leider findet sich nur weniges von und über Valéry in dem Museum oben am Friedhof, das immerhin seinen Namen trägt: Lediglich ein Saal, der Handschriften, Zeichnungen und Erstausgaben des Dichters ohne sich erschließende Ordnung nebeneinanderreiht. Und irgendwo dann der Satz:

„Der Mensch ist ein Tier, das außerhalb seines Käfigs eingesperrt ist.“
 
Valéry selbst hätte diesen Saal anders, vor allem systematischer gestaltet. Dennoch lohnt der Besuch des Museums wegen der Gemäldesammlung und den ständig wechselnden Ausstellungen.

Freitag, 31. Mai 2019

Ankunft in Marseille: Simone de Beauvoir

Simone de Beauvoir festgehalten von Thierry Ehrmann cc
Marseille löst Gefühle aus, wird geliebt oder verachtet oder läßt einen kalt. Liebe auf den ersten Blick war es für Simone de Beauvoir.

Sie kam im September 1937 als junge Lehrerin in die Stadt, stand auf der großen Treppe am Bahnhof Saint Charles, hatte kein Zimmer, kannte keinen Menschen, wußte nicht wo ihre Schule war - und dennoch:
„Liebe auf den ersten Blick. Ich turnte über Kopfsteinpflaster, ich streifte durch die Gäßchen, ich atmete den Geruch von Teer und Seeigeln im alten Hafen, ich mischte mich unter die Menge auf den Canebière. Ich liebte die ratternden Straßenbahnen, an denen Menschentrauben hingen und die Namen der Fahrziele: La Madraque, Mazargue, Les Chartreux, Le Roucas blanc.“
Bahnhof Saint Charles: Kurz geradeaus und dann nach rechts auf die Canebière

Über dem Restaurant „L’Amirauté“ fand sie schließlich ein Zimmer „mit einem annehmbaren Pensionspreis“ und unternahm, bei gerade mal vierzehn Stunden Unterricht in der Woche, lange Wanderungen durch die Umgebung, am Hafen entlang und in die Marseille umgebenden Fjorde, die Calanques.

Segeldampfer am Alten Hafen von Marseille


„Ich ging die wasser- und windgepeitschte Mole entlang und sah den Fischern zu. Ich irrte in der Trostlosigkeit der Docks umher und ich streifte durch die Viertel, wo sonnenverbrannte Männer alte Schuhe und Lumpen kauften und verkauften.“

Samstag, 25. Mai 2019

Liégard: Wie die Côte c'Azur ihren Namen bekam


Stéphen Liégard "erfindet die Côte.
Bild: Ariosa
Im 19. und weit ins 20. Jahrhundert hinein waren weite Partien der Côte d‘Azur fest in englischer Hand. In seinen Reiseerinnerungen „Une année à Florence“, die sich zunächst sehr lange mit seinem Weg entlang des Mittelmeeres von Marseille bis Monaco beschäftigen, beschreibt Alexandre Dumas, wie sämtliche Neuankömmlinge in Nizza erst einmal für Engländer gehalten werden. Das gelte sogar
„für Franzosen und Deutsche, die man beide nur als etwas andere Engländer“
betrachte.

In seiner Reisebeschreibung von 1887 hat Stéphen Liégeard den Begriff in Anlehnung an die „Côte d‘Or“ seiner burgundischen Heimat erstmals benutzt. Wie er das erste Mal an einer Beerdigung teilnahm beschreibt René Schickele in seinem humorvollen Roman „Die Flaschenpost“; es war die von Liégeard, aber Schickele kam nicht mehr auf den Namen.

„Sie haben den Dichter des Wortes ‚Côte d’Azur’ begraben. Ich zählte fünf Leidtragende, davon zwei vom Verkehrsverein und einen Reporter. Der vierte vertrat den Bürgermeister, der fünfte war ich.“
Das „schöne Wort“ von der Côte sei der einziger Erfolg von Liégard als Dichter gewesen und habe sich zudem nur für andere bezahlt gemacht, aber nicht für den Erfinder. Irgendwann werde man denken, nicht ein Dichter, sondern die Küste selbst habe sich ihren Namen geben. Und Schickele sprach dem Dichter nach:
„Lebe wohl! Du bist der heimliche König der Côte d’Azur. Wer ein Ding benennt, dem gehört es, solange der Name dauert.“
Und als jemand fragte, wer denn diese Abschiedsworte gesprochen habe, hieß es nur:
„Der Verrückte, der bei allen Begräbnissen mitgeht.“

 

Samstag, 11. Mai 2019

Cavalaire und Saint Tropez: Landung der Alliierten im August 1944

Landung der Alliierten in Südfrankreich
Nach der Juni-Landung in der Normandie wollten die Alliierten im Rahmen der Operation „Dragoon“ (HIER im VIDEO) möglichst schnell eine zweite Front in Südfrankreich aufbauen. In der Nacht vom 14. auf den 15. August gingen amerikanische - die 7. Armee unter General Patch - und französische Streitkräfte - die Armee B unter General de Lattre de Tassigny -, fast ohne auf deutschen Widerstand zu stoßen, an Land.
Im Gegensatz zur Normandie fast ein Spaziergang nach Marseille und durch das Rhonetal
Zeitgleich wurden die Resistance und die Forces Françaises de l'Intérieur über Radio London informiert. Ihnen gelang es mit Hilfe von über fünftausend Fallschirmjägern, die im Tal von Argens abgesetzt worden waren, die Zugänge zu den Landungszonen zu sichern. Innerhalb von nur zwei Tagen waren fast einhunderttausend Soldaten mit zehntausend Fahrzeugen an Land.

Ein Vorgehen, wie es sich John Steinbeck, einer der erfolgreichsten US-Autoren des 20. Jahrhunderts und damals Kriegsreporter der New York Herald Tribune, in seinen Romanen und Konzeptionspapieren für den amerikanischen Geheimdienst nicht besser hätte ausdenken können.


John Steinbeck. Bild Gucklan
Für Roosevelts Geheimdienstchef William Donovan, der schon zu seinen New Yorker Anwaltszeiten von seinen Kollegen den Spitznamen „Wild Bill“ bekommen hatte, verfaßte Steinbek eine Projektskizze über „Organisation, Bewaffnung und Einsatz zahlreicher Widerstandskämpfer in den besetzten Gebieten Europas“. Donovan fand die Idee gut und gewann Steinbeck, wie zuvor schon Thornton Wilder, für seine Propagandatruppe des „Foreign Information Service“. Doch dann machte Steinbeck ein Buch daraus, das unter dem dem Titel „The Moon is down“ ein Millionenseller wurde. Manchmal aber diente es, zum Beispiel in Frankreich, als Sabotageanleitung, wie Rainer Schmitz recherchiert hat. Es existierten handschriftliche Exemplare, „abgeschrieben auf Abfallpapier und mit Zwirn zusammengeheftet“, deren Besitzer sich damit ins Lebensgefahr brachten.

Die Deutschen hatten sich auf eine Landung zwischen Toulon und Marseille eingestellt und nicht auf die Gegend zwischen Cavalaire, Saint-Tropez und Cannes. Mit drei Infanteriedivisionen landeten die Amerikaner. Am westlichen
Alpha Beach bei Cavalaire, am Delta Beach bei Saint-Tropez und am östlichen Camel Beach bei Saint-Raphael. In Cavalaire wird noch heute jährlich am 15. August das Landungslager am Strand nachgebaut.

Die Landung der Alliierten war alles andere als perfekt vorbereitet. So mußten sie sich auf schlechtes Kartenmaterial verlassen, teilweise handgefertigte Skizzen, die nach den Fotos der Aufklärungsflugzeuge gezeichnet worden waren. Geschützbunker wurden aufgrund der aufgemalten Palmen mit Ferienhäusern verwechselt und selbst die zur Ablenkung der Luftangriffe auf die Straßen gemalten Lkw-Kolonnen wurden nur teilweise erkannt. Geographische Namen tauchten in englischen Übersetzungen auf, der Mont Rouge als Red Rock und die Entfernungen und Höhenangaben mußten in Meilen und Fuß umgerechnet werden.

 

Samstag, 4. Mai 2019

Trüffel nicht nur in Richerenches und Uzès

Einfach und klassisch: Trüffelomelette
Manche Daten prägen sich einfach ein: So der erste Samstag nach dem 15. November. Um halb zehn können wir uns jedes Jahr auf dem Trüffelmarkt in Richerenches begegnen. Einfach von Bollène aus etwa 25 Kilometer nach Nordosten. Dort, auf der Avenue de la Rabasse und dem Cours du Mistral, provenzalischer geht es fast nicht, findet einer der bekanntesten Trüffelmärkte  statt. Mit "lou rabasso" bezeichnen die Provenzalen ihre schwarzen Diamanten. Morgens wird der Tagespreis für die Trüffel
festgelegt und dann beginnt ein Handel, der immer noch meist ein steuerfreies Geschäft ist. Deshalb sind auch Kameras auf den Märkten nicht gerne gesehen.

Machen Sie doch den Versuch und verlangen Sie einmal eine Quittung mit Datum und Namen des Verkäufers. Schneller können die Trüffel nicht wieder im Kofferraum verschwinden und Ihr Gesicht ist dem Verkäufer auch noch ein Jahr später ins Gedächtnis gebrannt.

Ganz seriös, also weniger schwarz, geht es zu, wenn die großen Einkäufer kommen, die dann schnell fünfstellige Summen ausgeben, aber in der Regel direkt bei ihren Vertrauenspersonen kaufen, bevor die ihre Ware auf dem Markt anbieten. Frische - und damit auch das Gewicht - ist der wichtigste Wertfaktor der Trüffel. Fünf , sechs Stunden später werden die Pilze bereits in Paris (je nach Qualität und Jahr für 1.200 bis 3.000 Euro je Kilogramm) weiterverkauft. Spitzenköche sagen, daß ein Trüffel nach zehn Tagen fatigué, nach vierzehn Tagen mort ist.

Manche frieren Trüffel ein; so hat dann der teuer zahlende Gast mehr etwas fürs Auge als den Geschmack. Die beste Art Trüffel aufzuheben, ist in einer mit Erde gefüllten Holzkiste im nicht zu kalten Kühlschrank.
Mehr Besucher als Einwohner während des Trüffelmarktes
Sogar wer erst nach dem Mittagessen durch die Avenue de la Rabasse spaziert des 600-Seelen-Dörfchens spaziert, wird noch vom Trüffelhauch umwoben. Irgendwann im März ist die Trüffelsaison zu Ende. Die genauen Daten und auch die Tagespreise erfahren Sie vom Office de Tourisme (0033 490 28 05 34) im Alten Templerquartier; von dort stammen auch einige Bilder dieses Beitrags.
Vier Generationen von Trüffelkennern: Die Familie Tournayre
Eine seriöse Adresse für den Trüffelkauf findet sich an der D 981, der Route d'Alès Nummer 830 in Uzès: Les Truffières; hier auch in Bildern. Der Familienbetrieb von Michel Tournayre wurde in den 1950er Jahren von seinem Großvater Pierre, der von allen nur "lou Pierret" genannt wurde, gegründet. Heute können Sie hier auch eine geführte Trüffelsuche mitmachen (04 66 22 08 41) oder im Sommer eine Führung durch eine der größten Trüffelplantagen in Frankreich. Samstag vormittags ab zehn Uhr gibt es auch einen Kochkurs mit Thomas Clament.


Mit guter Spürnase auch selbst erfolgreich
Unmengen von Trüffelrezepten gibt es; in der Regel sind die einfachsten die besten. Wenn Sie es sich aber tagsüber verdient haben, was Sie selbst entscheiden, könnten Sie sich mit einer „Luberon- Bouillabaisse“ verwöhnen lassen, die im „La Fenière“ in Lourmarin aus getrüffelten Kartoffeln, grünem Spargel und Wachteleiern gezaubert wird.

Den Abend können Sie mit der Lektüre von Gustaf Sobins „Trüffelsucher“ beschließen, dessen Cabassac seinen kostbaren Schatz nicht im Unterholz der Wälder, sondern in seinen kaum besuchten Vorlesungen über die provenzalische Sprache findet. Das Buch des Amerikaners ist kein Buch für Doppelnamen-Frauen, wie der Verriß von Kristina Maidt-Zinke in der Frankfurter Allgemeinen zeigt. Als mißglückter

„getrüffelter Kaiserschmarrn voll schwüler Erotik“
wird Sobin von ihr als ungenießbar angesehen. Cabassac indes schert sich nicht drum und
„ging weiterhin in jedem Winter auf die Trüffelsuche, so wie er im Frühling wilden Spargel stach, blühende Heilkräuter im Sommer sammelte und eine Fülle von bleichen, gefleckten Pilzen im Herbst.“
Wie Sobin selbst übrigens auch, den die Spurensuche nach René Char in die Provence, nach Goult, führte, wo er die längste Zeit seines Lebens wohnte. Der umfangreiche Briefwechsel der beiden ging nach Sobins Tod im Jahr 2005 an die Yale Collection of American Literature.

Samstag, 27. April 2019

Pont du Gard: Bauwerk für Jahrtausende


Für viele das Sinnbild des französischen Südens: Der Pont du Gard
Die anrührendste Szene aus den vielen Beschreibungen des Pont du Gard liefert der Volksstückeschreiber und Regisseur Marcel Pagnol. Er erinnert sich an seinen Großvater, einen Steinmetz, der bei den regelmäßigen Ausflügen an den Pont du Gard immer wieder eine bestimmte Stelle aufsuchte, und dort, seine römischen Kollegen bewundernd, mit der Hand über Steine und Fugen strich.
„Nach dem Essen setzte er sich ins Gras, die Familie gruppierte sich im Halbkreis um ihn herum. So verweilten sie im Angesicht der tausendjährigen Brücke, einem Meisterstück römischer Baukunst, das der Großvater bis zum Abend nicht mehr aus den Augen ließ.“
Das hätte beim amerikanischen Romancier Henry James nur ein verständnisloses Kopfschütteln hervorgerufen: „Und all das nur, um das Wasser von ein paar Quellen zu einer kleinen Provinzstadt zu leiten!“ Von Haus aus wohlhabend, studierte James erst kurz an der Harvard-Law-School, ehe er beschloß Schriftsteller zu werden, nach Europa reiste und 1882 seine „Kleine Frankreichtour“ schrieb.

Prosper Mérimée, 1834 zum Verantwortlichen für die systematische Erfassung und Instandsetzung der französischen Baudenkmäler ernannt - aber auch als Novellist und Übersetzer Puschkins, Gogols und Turgenjews hervorgetreten -, bewunderte neben der Bauleistung vor allem die auf Langfristigkeit angelegte Planung der römischen Baumeister.


An verschiedenen Stellen ragen aus dem Pont du Gard noch heute die Steine heraus, die das Gerüst trugen. Nach Beendigung des Bauwerkes hätte man sie leicht entfernen können, aber die Bauverantwortlichen entschieden dagegen:
„Welches Vertrauen doch die Römer auf die Dauer ihres Reiches setzten, daß sie vorhersahen, man könne eines Tages den Pont du Gard reparieren müssen.“ 
Direkt aus dem Pont du Gard Steinbruch:
Eine "römische" Gartenmauer im Nachbarort Vers
Nicht alle im Pont du Gard verbauten, so wunderschön zugeschnittenen Steine haben die Zeit überstanden. Viele finden sich heute als Türsturz, Fensterbank oder gar Gartenmauer benachbarter Häuser wieder.


Nur zufällig im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört


Das hatten sich die Strategen der Wehrmacht gut ausgedacht: Wenn man ein Munitionslager in der Nähe des Pont du Gard errichtete, würden die Alliierten von einer Bombardierung absehen. Und dem war auch so. Dann aber, nach der Landung und dem Vormarsch der Amerikaner und Briten in Südfrankreich versuchten die Deutschen das Lager, das aus immerhin 159 Baracken bestand, zu sprengen. Doch glücklicherweise hatte die Sprengschnur einen Defekt und so blieben auch die Dörfer Vers und Castillon verschont. Nach dem Krieg dauerte es zwei Jahre, bis fast fünfzigtausend Tonnen Munition geborgen und vernichtet werden konnten.

Während der ersten zweitausend Jahre hat er das nicht nötig gehabt. Ganz anders die zu Beginn des 17. Jahrhunderts auf Höhe der untersten Pfeiler angebaute Brücke, die schon nach gut einhundert Jahren von den Architekten Laurens und Daviler restauriert werden mußte. Fast vierzig Jahre, bis 1747, wurde daran gearbeitet. Gut über zweihundert Jahre ist der Verkehr zwischen Nîmes und Uzès über dieses Brückchen gefahren, das auch in späterer Zeit immer wieder verstärkt und ausgebessert werden mußte. Dem römischen Teil des Pont du Gard haben nicht einmal Busse, Lastwagen und schwere Militärfahrzeuge etwas anhaben können.


Samstag, 20. April 2019

Pont du Gard: Zweisterne-Imbiß für unseren Hund

Moritz Hartmann: Der Revolutionär  
findet Zuflucht beim Adeligen
Remoulins bildet „den Stapelplatz aller Besucher des römischen Monuments“, schrieb Moritz Hartmann in einer Novelle für die Kölnische Zeitung. Selbst den deutschen Lesern mußte dieses Monument nicht mehr namentlich benannt werden; der Pont du Gard war auch hier gleichbedeutend für die römische Provence. Es sei so üblich, „daß man im Gasthaus Pferd und Wagen stehenläßt, und von da aus zu Fuß dem Gardon entgegengeht, während welcher Zeit das freundliche Gasthaus ein üppig südliches Mittagessen für die Rückkehrenden bereitet. Dieses Gasthaus gibt dem fremden Wanderer auch einen Führer mit. Der Führer heißt Porthos, wie der eine der Dumasschen Mousquetäre und ist unter seinen Kollegen sicher einer der merkwürdigsten dieses Jahrhunderts."

Pont du Gard: Im 19. Jahrhundert hieß er nur "das römische Monument".
Den Namen Fremdenführers verdiene er nicht,
"denn schweigsam, ja stumm geht er neben dem Wanderer einher und begnügt sich, durch einfaches Stehenbleiben auf die schönsten An- und Aussichtspunkte aufmerksam zu machen. Er unterscheidet sich dadurch aufs vorteilhafteste von seinen Kollegen, die gewöhnlich im Wanderer keinen eigenen Gedanken aufkommen lassen und es für ihre Pflicht halten, die ganze Zeit mit eingelerntem Geplauder auszufüllen.“
Und niemals, sagt Hartmann, er wisse es ganz gewiß, habe dieser Führer auch nur das kleinste Trinkgeld angenommen. Bescheiden und dankbar nehme er allenfalls am Mittagessen teil. „Unter Menschen sind diese Tugenden alle ausgestorben, besonders, wenn sie in der Nähe berühmter Monumente wohnen.“ Ach, und er habe ganz vergessen zu erwähnen, daß „Porthos nichts anderes als ein Hund“ sei, ein großer Hund, der morgens vor dem Hotel gewartet hatte.

Ausnahmsweise kocht der Sterne-Koch auch für einen Hund
Dankbar bin ich Jerôme Nutile, daß er für meinen Film über literarische und gastronomische Entdeckungen in Südfrankreich die Szene des Hundes Porthos mit- und nachgespielt hat. So ist "unser Porthos" der bisher einzige Hund, der von einem Zweisterne-Koch bedient wurde – mit abgenagten Knochen der Lammkoteletts aus dem Tagesmenu, das sei dazu gesagt.



Samstag, 13. April 2019

Les Baux-de-Provence: Die Weinkarte des "Oustau de Baumanière"


Ordentlich, aber nicht das "Baumanière". Dafür aber meine bezahlbaren Favoriten
In zinstiefen Zeiten lohnen sich Immobiliengeschäfte oder konspirative Vorgehensweisen: Etwa dem Sommelier des „L'Oustau de Baumanière“ auf seinen Reisen nach Burgund und ins Bordeaux zu folgen und dann dort bei den gleichen Weingütern einzukaufen. Warum? Das können Sie sich am Ende dieses Beitrags leicht ausrechnen.

Wenn Sie heute mit Ihrer Frau im „Baumanière“ in Les Baux zu Mittag essen und ein Menü mit dem schönen Namen „La Ballade des Baux“ zu sich nehmen, dann kostet das zunächst einmal nur 420 Euro. Nun gibt es ja die gastronomische Hochrechnung, dass ein Restaurantbesucher für das Essen etwa genau so viel ausgibt, wie für die Getränke. Diese Formel gilt hier nur bedingt, etwa wenn Sie einen der selteneren Weißweine aus Chateauneuf-du-Pape vom Château Rayas zu 450 Euro wählen. Der Rote des Jahrgangs 1990 kostet das Dreifache.

Es kann aber auch ein Vielfaches des Menüpreises werden, etwa wenn wir an einen Burgunder aus Montrachet von der „Domaine de la Romanée Conti“, den aus dem Jahr 2003, denken. Dann wären wir schon bei 4.500 Euro. Auch Aris Enkelin wird sich das nicht jeden Tag leisten wollen. Sie hat im vergangenen Jahr das Haus Ihres Großvaters Ari in Gordes für 400.000 Euro verkauft. Ari hatte vor sechzig Jahren noch 200 Francs dafür bekommen, daß er das Haus einem Bauern überhaupt abkaufte und sich vor dem Notar verpflichtete, es für den Sommer bewohnbar zu machen
und das Grundstück zu pflegen.
Aris Haus: Mit Phantasie und Schwielen zur Goldgrube - nicht nur in Gordes
Dem Bauern war es peinlich, wann immer er in die Bar oder die Mairie ging, auf diesen langsam zerfallenden Schandfleck am Dorfplatz angesprochen zu werden. Nach dem Notartermin freute er sich in der Bar du Commerce über das gute Geschäft, das er gemacht hatte. Ein Abriß hätte gut und gerne das Doppelte gekostet.

Neben etwas Geld, der teuerste Champagner liegt bei 3.900 Euro - ein Clos d’Ambonnay aus dem Jahr 1995 - sollten Sie vor allem Zeit mitbringen ins „Baumanière“. Allein die Weinkarte hat einen Umfang von siebzig Seiten mit Flaschenpreisen bis zu 14.500 Euro. Wenn wir uns die älteren Bordeaux ansehen, etwa einen Lafite, den Jean-André Charial bis zurück ins Jahr 1870 vorrätig hat, erfahren wir den Flaschenpreis nicht mehr aus der Weinkarte. Für die Jahrgänge von 1870 bis 1924 erhalten Sie die Preise „auf Anfrage“.

Immerhin: Wer Angst vor einer Alkoholkontrolle hat, dem bietet der Sommelier an, die angebrochene Flasche mit nach Hause zu nehmen und dort in Ruhe auszutrinken. Und wer dann noch 5.000 oder mehr Euro in der Flasche hat, tut dies auch sicher gerne. 

...Tomaten aus dem Garten
Von einer Regel wird im „Baumanière“ allerdings regelmäßig abgewichen, nämlich der, dass der Wein, den man trinkt auch der sein müsse, den der Koch für die Soße nimmt. Der in Pakistan geborene Sylvestre Wahid, der die Küchenbrigade fast zehn Jahre dirigierte und sich zwei Sterne erkochte, soll schon mit Weinen gekocht haben, die nicht einmal fünfhundert Euro gekostet haben. Was Wahid aus einem Stück Loup de Mer und ein paar Muscheln zaubert, sehen Sie HIER im VIDEO von Côté Chef.

Die Weinkarte ist mit einer Reihe von Zitaten von Victor Hugo geschmückt, darunter einem Text, von dem aber nur die beiden ersten Zeilen wiedergegeben werden. Die dritte Zeile konnte Hugo allerdings auch noch nicht kennen.

„Der liebe Gott hat nur das Wasser gemacht,
der Mensch aber den Wein,
und das Oustau de Baumanière die Preise.“