Samstag, 8. Oktober 2016

Klaus Mann besucht André Gide: Homosexualität nicht thematisiert

Als noch sehr junger Mensch, er war noch nicht einmal zwanzig Jahre alt, hat Klaus, der Sohn von Thomas Mann, die Bekanntschaft des damals schon berühmten André Gide machen können.

André Gide (Bild von Bourdil, Tunis 1934) und Klaus Mann (US-Army-Foto Italien 1944)
Ausgestattet war er mit einem Empfehlungsschreiben und guten Ratschlägen des Heidelberger Romanisten Ernst Robert Curtius: „Sie müssen etwas diplomatisch mit ihm sein, besonders zu Anfang. Vor allem fragen Sie ihn nicht nach seinen literarischen Plänen. Das ist so eine seiner Eigentümlichkeiten: Er schreibt immer nur über sich selbst und spricht nur über andere. Sowie von seinen eigenen Arbeiten die Rede ist, wird er wortkarg und verlegen.“

Eine Empfehlung bekam Klaus Mann von Curtius noch mit auf den Weg: „Und daß Sie mir nicht auf all den blöden Literatenklatsch hereinfallen, der in Paris über Gide im Umlauf ist! Wenn so eine Kaffeehausgröße daherkommt und Ihnen erzählen will, mein Freund Gide sei ein wahrer Teufel in Menschengestalt, voller Tücken und Laster - dann lachen Sie dem Kerl einfach ins Gesicht!“


Gide war eine imponierende Erscheinung. „Das Gesicht ist ausdrucksvoll und sensitiv, mit einer hohen, edel gebildeten Stirn, schmalen asketischen Lippen und seltsam mongolisch geschnittenen Augen, die unter dunkelbuschigen Brauen aufmerksam, oft beinah listig blicken“, beschreibt ihn Klaus Mann.
Kirche Saint Etienne, links das Geburtshaus von Charles Gide

In Uzès stößt man an vielen Orten auf den Namen Gide. Das Geburtshaus seines Onkels Charles steht gleich gegenüber der Ende des 20. Jahrhunderts dezent und stilgerecht renovierten Kirche Saint Etienne. Am 28. Juni 1847 wurde Charles Gide geboren; exakt einhundert Jahre später erhielt sein Neffe den Nobelpreis.

 Charles Gide

 Das Haus von Charles Gide ist ein guter Ausgangspunkt, um in die Stadt einzutauchen. Der Der Poet, Schriftsteller und Kunsthistoriker Walter Aue, der ein paar Jahre in einem Dorf nebenan wohnte, beschreibt Uzès als gewachsene Provinzstadt, in der noch, außer am Samstag, die Bewohner den Ton angeben, ein „Ort, um innezuhalten“. Umgeben von einem „literarischen Platanenkreis, der in Herzform das Innerste von Uzès umschließt“. Die Platanen, die der geschleiften Stadtbefestigung folgen, sind im Sommer ein „schattendurchtränktes, grünes Gewölbe, in dem man die Zeit vertrödelt. In Läden einkaufen geht oder einfach die Zeitung liest und seinen Pastis trinkt. Ein Idyll, das nicht trügt. Eine Atmosphäre für Neuankömmlinge, die eine solche Poetologie der Langeweile zu schätzen wissen.“ 
Der Platanenkreis um Uzès
Gides Homosexualität wurde nur selten thematisiert, wie Stefan Schmid in der „Untersuchung seiner Männlichkeit anhand von Stirb und Werde“ festgestellt hat. Der Bekanntschaft mit Oscar Wilde verdankte er es, daß er sich schließlich traute, seine Neigung etwas offener auszuleben. Als er Wilde in Paris kennenlernte, war ihm das zunächst peinlich. Zufällig wohnten beide im gleichen Hotel. An einer großen Tafel neben der Rezeption waren die Gästenamen verzeichnet. „Mechanisch begann ich sie zu lesen. Ich selbst bildete den Anfang der Liste. Dann eine Anzahl mir unbekannter Namen. Und plötzlich tat mein Herz einen Sprung: die beiden letzten Namen waren die von Oscar Wilde und Lord Alfred Douglas. In einem ersten Impuls nahm ich einen Schwamm und wischte meinen Namen weg. Dann bezahlte ich meine Rechnung und machte mich zu Fuß auf den Weg zum Bahnhof.“

Kaum dort angelangt, machte er jedoch kehrt und schrieb sich wieder im Hotel ein. „Eine Depressionskrise“, analysierte er, während der er sich selbst zuwider war. Dann schleiche „ich wie ein kranker Hund die Mauern entlang und suche mich zu verstecken“. Gide beschreibt das Getratsche der Pariser literarischen Kreise um Wilde. „Es ist erstaunlich, wie schwer es den meisten Franzosen fällt, Gefühle, die sie nicht teilen, für aufrichtig zu halten.“

Samstag, 17. September 2016

Les Milles: Lagerhaft für Lion Feuchtwanger, Franz Hessel und Walter Hasenclever

Stars der Literatenszene: Tucholsky und Hasenclever 1925. Bild DLA
Heute kennt ihn fast niemand mehr: Walter Hasenclever. Dabei schrieb er erfolgreiche Drehbücher für Filme mit Greta Garbo und war mit seinen expressionistischen Dramen mehrfach Deutschlands meistgespielter Bühnenautor in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. 1933 wurde er ausgebürgert, seine Bücher erst verboten und dann verbrannt. In Nizza und Cagnes-sur-Mer verbrachte er seine Zeit des Exils. Von den Franzosen wurde er – wie viele deutsche Exilanten - in Internierungslagern eingesperrt.

Bevor er nach Les Milles bei Aix-en-Provence transportiert wurde, war Hasenclever bereits an der Küste verhaftet und ins Lager Fort
Hasenclever: Flirt an der Riviera 1934. Bild DLA
Carrée bei Antibes gebracht worden. Auf Intervention des Dramatikers und Erzählers Jean Giraudoux war er zunächst noch einmal freigekommen und hatte sich mit dem autobiographischen Roman „Die Rechtlosen“ seinen Ärger und seine Verbitterung von der Seele geschrieben. Auch darüber, daß er sich der französischen Armee als Dolmetscher angeboten hatte und mit dem Argument seines zu hohen Alters, er war gerade fünfzig, abgewiesen worden war. Hier seine Eindrücke aus Les Milles und meine TV-Dokumentation (ab Minute 44):

„Der Posten war ein einfacher Soldat, ein Bauer aus der Provence. Er stand gelassen hinter der Barriere, vor sich einen Haufen aufgeregter Intellektueller. Die Hand am Gewehrriemen blickte er gleichmütig auf die ihm völlig fremde Menschenschar. Gefangen dachte ich wieder. Rechtlos. Keinem Lande zugehörig. Ausgeliefert. In Frankreich. In der Heimat Voltaires.“
Zu diesem Haufen aufgeregter Intellektueller gehörten unter anderem Golo Mann, Lion Feuchtwanger, dann der Simplicissimus-Redakteur Franz Schoenberner und der Autor und Rowohlt-Lektor Franz Hessel.
Ehemalige Ziegelei: Das Internierungslager von Les Milles 1939 und 2005
Hasenclever hielt viel von der ausgleichenden und unaufgeregten Art Hessels, den er in den „Rechtlosen“ als Philosoph Dr. Hesekiel über Deutschland und Frankreich und das Verhältnis der Exilschriftstellen zu ihren beiden Heimaten monologisieren läßt.

Andächtig saßen die Lagerinsassen um ihn herum:

„Ja, meine Herren, wir müssen diesen Zustand als eine Prüfung betrachten. Unsere Liebe zu Frankreich wird auf eine harte Probe gestellt. Ich weiß. Dennoch – wir müssen hindurch. Wer liebt, der nimmt nicht nur.“
Und ausgerechnet Hasenclever hat die Prüfung nicht bestehen wollen. Schon länger hatten seine Mitgefangenen Angst, daß er den Selbstmord begehen würde, von dem er soviel gesprochen hatte.
„Wie wir da im Garten sitzen, vielleicht zum letzten Mal, am ersten Kriegstage in dieser friedlichen Landschaft, mußte ich plötzlich weinen. Was wir gedacht und geschrieben haben, was wir, Angehörige eines Volkes, das nie seine Dichter begriffen hat, dennoch glaubten verkünden zu müssen - es versinkt im Gespensterzug der Dämonen. Diese Welt existiert nicht mehr.“

Einer der Schlafräume in Les Milles: Überall Ziegelstaub
Mit einer Überdosis Veronal hat er sich umgebracht und konnte auch im Militärlazarett von Aix nicht mehr gerettet werden. Seine sterblichen Überreste blieben verschwunden; die Rechnung des Bestattungsunternehmers allerdings findet sich im Deutschen Literaturarchiv in Marbach (DLA), von dem die beiden Bilder oben stammen. 

Mittwoch, 7. September 2016

Villeneuve: Innozenz VI. sowie Christian Kuchenbrod und seine Tables Gourmandes

Christian Kuchenbrod (li) mit Rudi Weis-Schiff (re) und Gästen
Auf die „schäl Sick“ von Avignon, HIER was das ist, nach Villeneuve also, hatte Christian Kuchenbrod eingeladen, ins Bistrot du Moulin, um die Neuauflage seiner „Tables Gourmandes“ zu präsentieren. Und wie üblich: Alle waren da. Große Chefs wie Mathieu Desmarest von „La Vielle Fontaine“, der schon 2009 - da war er noch bei Bocuse - zum Meilleur Espoir Cuisinier gewählt wurde.

Oder die Winzerinnen Valérie Collomb aus Domazan, die sich zuvor als Önologin und Weinbauberaterin um die Weine von Châteauneuf-du-Pape

Oben links: Valérie Collomb mit Rudi Weis-Schiff
Unten links: Mathieu Desmarest mit Manfred Hammes
Rechts: Mitwirkende Männer, dirigiert von einer Frau
kümmerte. Zum Glück ist sie Einzelkind und so konnten ihre Eltern die Domaine ganz beruhigt nach der Tochter benennen: Valériane. Und die, aber das wäre eine andere Geschichte, viele ihrer Weine ins badische Kippenheimweiler verkauft. Oder die für ihre Bio-Weine ausgezeichnete Florence Mejan, die ihre 36 Hektar in Lirac, Tavel und Laudun bewirtschaftet. Ihr wegen der 5% Mourvèdre-Trauben dunkler Rosé war eine Offenbarung, nicht nur der Farbe wegen. 13,5 Prozent für einen Wein aus hauptsächlich Grenache 
Florence Mejan
und Cinsault, sind schon an der Obergrenze dessen, was man für einen Rosé erwartet, aber dann eine Leichtigkeit…!



Nein, Christian Kuchenbrod, der Herausgeber, ist kein Deutscher; er stammt aus Lothringen, aus Forbach, um genau zu sein. In Avignon hat er den Verein Lou Lippet gegründet, der sich um so schöne Dinge kümmert wie das Auffinden neuer oder das Wiederbesuchen „alter“ Restaurants, Weingüter und Lebensmittel-Produzenten, wie zum Beispiel die besonderen Frucht- und Gemüsesäfte von Kookabarra. Meine Skepsis gegenüber dem
Die "Früchtchen" von Laëtitia und Kookabarra
Sellerie-Gurken-Ingwer-Saft hat sich nach dem ersten Schluck in freudiges Erstaunen gewandelt. Sehen Sie sich die Homepage mit der Fotokunst von Mary-Laëtitia Gerval einmal an.

Die Auswahl der Restaurants ist erfreulich subjektiv und orientiert sich nicht ausschließlich an Sternen oder Kochmützen. Und so kann neben Jérôme Nutile auch ein kleines Bistrot mit dem 15-Euro-Menue seinen Platz finden, wenn die Auswahl der regionalen Produkte stimmt und die Küche sorgfältig und kreativ arbeitet. Sowohl aus der Provence wie aus der Occitanie, dem früheren Languedoc-Roussillon, finden sich Empfehlungen.


Wie unser Hund in den Genuß der Kochkunst von Jérôme Nutile gekommen ist, lesen Sie übrigens HIER.


Einen geschichtsträchtigeren Ort als das Bistrot du Moulin hätte man kaum wählen können. Seit 650 Jahren ist sie, bis auf kleine Zeit nach der französischen Revolution immer in Betrieb gewesen. Aber auch die Revolutionäre genossen ihr Olivenöl. Seit 2008 wird die Mühle von der Familie Bronzini betrieben; für viele Ältere ist es allerdings immer noch die Bertaud-Mühle.

Die früheren Kartäusermönche hätten mit einem so kommunikativen Abend wie der Buchvorstellung wenig anfangen können. In ihren Zellen lebten sie allein, lasen allein, beteten allein und ließen sich sogar die Mahlzeiten durch eine Klappe an der Tür in die Zelle reichen.

Papst Innozenz VI. hatte das Kloster und die Ölmühle im 14. Jahrhundert als Teil des riesigen Kartäuserklosters Chartreuse du Val de Bénédiction gegründet. Auf der Rückseite grenz die Mühle an

das besuchenswerte Fort Saint André, mit dem die französischen

Könige ein Gegengewicht zur Papstmacht in Avignon schaffen wollten. Erster Hinweis darauf ist ein Festungsturm, der man bei der Einfahrt
Fort Saint André in Villeneuve: Das weltliche Gegenstück zum Papstpalast in Avignon

Fort Saint André im Hintergrund und der Turm Philips neben dem 
Fundaments eines Pfeilers  der  der zerstörten Brücke. Litho von ca 1830.
nach Villeneuve sieht. Dieser Turm Philipps des Schönen, war genau gegenüber der Saint Bénézet-Brücke gebaut, die mit ihren 22 Bögen für Pilger wie Händler einst weit und breit die einzige Möglichkeit war, die Rhône zu überqueren.

Canto Perdrix von der Domaine Mejan
Bemerkenswert zu Innozenz VI. ist insbesondere eine juristische Nachlässigkeit, die dem ehemaligen Rechtsprofessor aus Toulouse nicht hätte passieren dürfen. Als Kaiser Karl IV. 1356 mit der Goldenen Bulle eine Art Reichsgesetzbuch verkündete, kam ein Papst darin nicht mehr vor. Karl IV. hatte so elegant alle Einmischungen und den Einfluß der Päpste bei der Wahl der deutschen Könige und ihrer Krönung zum Kaiser in seinem Sinne aus der Welt geschafft.

Bei anderen Dingen passte Innozenz VI. besser auf. Seine schnelle Wahl zum Papst war auch dem Umstand zu verdanken, daß das Kardinalskollegium im Dezember 1356 neben drei Spaniern nur aus einem Italiener, dafür aber 21 Franzosen bestand. So kommen heute die Bewertungen der Wein- und Gastroführer in den allermeisten Fällen nicht mehr zustande.


PS. Und ein GROßES Danke an Rudi Weiss-Schiff für die Einladung zu dieser Präsentation.

Dienstag, 6. September 2016

Künstler in Uzès: Iva Tésorio und Jürg Treichler

Der Baum von Tésorio und die Granatäpfel von Treichler
Sie malen schon sehr unterschiedlich, die beiden: Iva Tésorio und Jürg Treichler, die Slowakin und der Schweizer. Und trotzdem oder gerade deshalb gefallen mir die Bilder von beiden sehr gut. Iva Tésorio, die noch nie eine Ansicht der Stadt gemalt hat, wohnt und arbeitet das ganze Jahr über in Uzès, im Chemin de l’ancienne gare, direkt gegenüber dem alten Bahnhof. Besucher haben beim erstenmal oft Schwierigkeiten Ihr Atelier zu finden. Deshalb auch die Telefonnummer auf Ihrer HOMEPAGE.

Jürg Treichler lebt in Zürich, ist viel auf Reisen und seit über vierzig Jahren regelmäßiger Gast im Haus seines Bruders in Saint-Quentin-la-Poterie und entsprechend auch immer wieder in Uzès unterwegs. Offensichtlich haben wir dort die gleichen Vorlieben für

Café de l'Hotel: Einen Picpoul de Pinet bringt die immer elegante Wirtin
zu den Austern vom Marktstand gleich nebenan

bestimmte Bars; mit dem Unterschied, daß er sie malt und ich meinen Beitrag leiste, daß der viele Rosé, der im Languedoc angebaut wird, auch getrunken wird. Alle Kontaktdaten und viele weitere Bilder finden Sie HIER.

Die Bars von Uzes


Treichler hält es mit den Impressionisten, besonders mit Monet, dem in Lausanne geborenen Félix Vallotton und natürlich Henri Matisse, der das so ausdrückte:
„Ich träume von einer Kunst des Gleichgewichts, der Reinheit, der Ruhe, ohne beunruhigende und sich aufdrängende Gegensätze, von einer Kunst, die für uns ein Beruhigungsmittel ist, eine Erholung für das Gehirn, so etwas wie ein guter Lehnstuhl, in dem man sich von psychischen Anstrengungen erholen kann.“ 

Bewundern konnte man Treichlers Bilder 2011 in Galerie des Capucins in Uzès und zuletzt in diesem Jahr in der Kronen-Galerie in Zürich. Der „Tages-Anzeiger“ schrieb: 
„Sein Anliegen, alles einfach Schöne und Heile zur Kenntnis zu nehmen, es aufzuwerten und einer weiteren Zerstörung und Dezimierung entgegenzuwirken, trägt Treichler freilich nicht mit Empörung und Schroffheit vor, sondern mit Weichheit, einladender Bildräumlichkeit, lichterfüllten Flächen und malerischer Harmonie.“
Iva Tésorio hat nach ihrem mit Promotion abgeschlossenen Studium der Kunstpädagogik das Licht des Südens gesucht, viel an Schulen gearbeitet, drei Kinder bekommen, aber trotzdem ihre Kunst immer in
den Mittelpunkt gestellt. In der Renaissance, sagt sie, hätte sie am liebsten gearbeitet und Anklänge finden sich immer wieder in ihren Werken. In vielen Schichten malt sie Wachs und Öl übereinander, zieht mit dem Spachtel ab und übermalt neu, was eine ganz plastische Malerei entstehen läßt. Ihre Leinwände gewinnen die Tiefe des Raumes. Fast immer gibt es nur einen Bildmittelpunkt; das kann ein Baum sein, ein Fisch oder ein Kind, die dadurch eine abstrakte und unwirkliche Wirkung bekommen.

Mehr Kunst in Uzès finden Sie HIER, zum Beispiel von John Townsend und Viva Brébis.




Sonntag, 28. August 2016

Provence: Jean Giono zeigt uns die schönen Umwege


Lieber Feldwege alsTGV (wie hier) oder Autoroute
Ein hohes Verkehrsaufkommen auf der Autobahn können Sie aber auch als Chance für eine entspannte Fahrt über die Nebenstraßen aufgreifen. Jean Giono der Provenzale, der kaum einmal aus seiner Hochprovence heraus gekommen war, dafür dort aber jeden Olivenbaum und fast jeden
Stein kannte, der in all seinen Büchern für den
Frieden, die Natur und die Erdverbundenheit des Lebens in der „unfortschrittlichen“ Provence gekämpft hat, er macht uns den Umweg vor:
„Eingeschläfert von dieser Autobahn wie ein von Kreidestrichen hynotisiertes Huhn habe ich mir schließlich einen gleichwohl menschlichen Ruck gegeben und mich an einer beliebigen Abzweigung davongemacht.“


Hier erwartet uns Jean Giono...
Die genaue Lage der Straßen und Feldwege will er uns nicht verraten, braucht er aber auch gar nicht. Wir finden dies alles ebenso, wenn wir einfach in südöstlicher Richtung irgendwie in die Provence hineinfahren. Und dann durchkreuzen wir wie Giono „Felsen, Pinien, Steineichen, Ginsterkraut, Ruinen, Schlösser, Lavendelfelder, Olivenhaine, Mandelbäume, Einöden, wilde Steppen, atemberaubende Ausblicke“. Und ganz zum Schluß seines „Briefes über die provenzalischen Landschaften“ verspricht er uns: „Und an dem Punkt, da warte ich auf Sie.“

Einer hätte sich dort besonders gerne mit Jean Giono getroffen: der deutsche Romantiker Hugo von Hofmannsthal. Sicher, er machte seine Reise durch den Süden Frankreichs zu einem Zeitpunkt, kurz bevor Giono zur Welt kam. Aber die Art des Reisens und des Sehens war der von Giono sehr vertraut und man kann sogar sagen, daß sich Giono bei seinen späteren Schilderungen an die „Vorgaben“ Hofmannsthal gehalten hat. Kein „hastiges und ruheloses Reisen“. Und Landschaftsbeschreibungen sollten sein wie der „seltsame, sinnlose Reiz der Träume. Unserem Reisen fehlt das Malerische und das Theatralische, das Lächerliche und das Sentimentale“.
Auf der Hochebene von Valensole.                       Bild von Steffen Lipp
Die Hektik seiner Reise des Jahres 1892 nahm Hofmannsthal so sehr den Atem, daß er sich Postkutsche und Sänfte zurück wünschte,
„man hatte Zeit, um in Herbergen Abenteuer zu erleben und wehmütig zu werden, wenn ein toter Esel am Wege lag. Man konnte im Vorbeifahren Früchte von den Bäumen pflücken und bei offenen Fenstern in die Kammern schauen. Man hörte die Lieder, die das Volk im Sommer singt, man hörte die Brunnen rauschen und die Glocken klingen.“




Centre Jean Giono in Manosque: Hier finden Sie alles über Giono .

Samstag, 27. August 2016

Uzès: Die Bilder von Viva Blévis und John Townsend

Wenn Sie kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, sagen wir 1950, in Kairo von der Saiyidna-el-Husain-Moschee in den Basar Khan-El-Khalili gegangen wären und sich im größten Souk Nordafrikas verloren hätten, dann hätten Sie einem zierlichen kleinen Mädchen begegnen und so Viva Blévis nach dem Weg fragen können.
(Lieblings)Bild ohne Titel
Die Künstlerin, die heute in Uzès lebt, arbeitet und ausstellt, wurde 1942 in Kairo geboren. Vielleicht wären Sie aber auch Nagib Mahfus über den Weg gelaufen, einem jungen Mann, der damals keinen Gedanken daran verschwendete, einmal Literatur-Nobelpreisträger zu werden. Alles wichtige über ihn wie immer bei Perlentaucher

Dieser Bazar war ursprünglich ein Karawanenhof vom Ende des vierzehnten Jahrhundert, benannt nach dem Emir Dschaharek el-Khalili, seinem Erbauer.

Während Viva nach Paris ging und an der Sorbonne studierte, blieb Mahfus seinem Viertel bis zu seinem Tod im Jahr 2006 (auch literarisch) treu.

Erst in den 1980er Jahren hat Viva Blévis mit der Malerei angefangen und schon schnell in Paris ihre ständigen Ausstellungen gehabt, so etwa zehn Jahre lang im Comptoir du Désert im elften Arrondissement (Popincourt).
Mit dem Jahrtausendwechsel zog es sie nach Uzès im Departement Gard.

Kleines Format (25x15) "Unter den Wolken" von Blévis

Der Ölmalerei ist sie auch hier treu geblieben…und eine zierliche Dame ist sie immer noch, nur etwas älter. Viele, die ihr 
Viva Blévis, wie sie mein
Lieblingsbild malt
Sommeratelier im touristenüberströmten Uzès besuchen, bemerkt sie gar nicht; so konzentriert ist sie bei der Arbeit. Mit wenigen Farben, die sie braucht. Und die sie mit Pinsel, Spachtel, Schwämmen und Lappen bearbeitet, mal auf Holz, meist aber auf Leinwand oder Ölkarton. Oft werden sie zuletzt mit terpentinfreiem Antikwachs überzogen und ganz oder teilweise glänzend gerieben. Abstrakte, nuancenreiche Gemälde entstehen so, die den Betrachter zum Dialog auffordern.

„Mit den Bildern spreche ich ein wenig über mich und meinen Platz in der Welt und natürlich soll der Betrachter auch seine Perspektive einbringen.“
Deshalb ist Viva Bévis auch davon abgekommen ihre Bilder, wie noch vor einigen Jahren, zu betiteln. Meinem Eindruck, daß ihre Palette
Doch eine leichte Gegenständlichkeit
in jüngster Zeit minimal farbiger geworden sei , wider-spricht sie, und auch, daß sie etwas gegenständlicher malt.

„Ich male nicht dekorativ oder ‚hübsch‘. Eher abstrakt und mit feinen Übergängen im Hell-Dunkel-Bereich. Aber wenn ich mit einem Bild anfange, weiß ich oft noch nicht, wohin es mich führen wird und wie später das Resultat aussieht.“
Sie freut sich über einen Kontakt per Homepage oder Mail. Oder ganz direkt in der Rue Masbourguet Nummer 18. Und das Gespräch mit ihr lohnt, wenn sie erst einmal von ihrer Arbeit aufblickt.

So ziemlich das Gegenteil der introvertierten Viva Blévis ist der Engländer John Townsend, der ebenfalls gerade in Uzès (Galerie des Capuzines, gleich neben der Tourist-Info) seine Seestücke ausstellt. Er könnte auch als erfolgreicher Kontakter in einer Werbeagentur arbeiten. Allerdings gibt auch er seinen Bildern keine Titel mehr:

"Das schränkt potentielle Käufer zu sehr in ihrer Phantasie ein. Wenn jemand in einem Bild von Cape Cod oder vom Genfer See lieber die schottische Küste oder die Camargue sieht, dann soll er das tun dürfen. Das ist wie beim Wein. Den soll man nicht totinterpretieren, sondern er soll schmecken."

Ausbruch des Feuers von Blévis und das rote Segel von Townsend
In Goudargues, Aix-en-Provence, Nîmes oder Lussan hingen seine Arbeiten zuletzt. Wenn Sie im Web suchen geben Sie ‚artist‘ und ‚france‘ und keinesfalls ‚nottingham‘ zum Namen dazu, sonst landen Sie bei einem britischen Kinderbuchautor oder Physiker oder bei einem amerikanischen Naturforscher oder Politiker, die übrigens alle längst gestorben sind. Townsend gilt als Maler der übergangslosen Horizonte, wo Wellen und Wolken sich begegnen und man nicht weiß, wo das eine anfängt und das andere aufhört.

Da hat er viel gemeinsam mit Viva Blévis, obwohl es eben bei ihm Wasser und Himmel sind und nicht einfach abstrakte Verwischungen.

„Ich male keine Landscapes sondern Sandscapes,“
Townsend: Maler und Komponist
sagt Townsend und tatsächlich sind viele seiner Untergründe aus Sand, gemischt mit Pigmenten, etwa dem Mineralpigment Ultramarin und den lokalen Ockerfarben. Wenn Townsend nicht malt, komponiert der Manfred Mann-Fan. Schon Ende der 1960er Jahre hat es ihn nach Südfrankreich gezogen, nach Cavillargues und er ärgert sich, daß der englische Akzent immer noch zu hören sei. Cavillargues ein 800-Seelen Dorf, in das Sie auf halbem Weg zwischen Uzès und Bagnols abbiegen müssen. Townsend erreichen Sie über 0033 613 24 00 50 oder seine Homepage.

Sollte er nicht zuhause sein, hätte sich die Fahrt doch gelohnt, wenn Sie im „Chez Ma Mère“  (Route de la Cave) zu Mittag essen. Weitere Arbeiten können Sie dann bei einem Apéro unter ArtWeb ansehen.

Mehr Kunst aus Uzes finden Sie HIER. Zum Beispiel die von Iva Tesorio und Jörg Teichler.

Und natürlich über Oliver Bevan HIER.


 

Freitag, 26. August 2016

Ribaute-les-Tavernes: Jacqueline Pagnol ist in Paris geboren

Sie war die erste „Manon des Sources“, für sie hatte Marcel Pagnol das Stück geschrieben: Jacqueline Bouvier, die im August 2016 in Paris gestorben ist. Dort ist sie im Oktober 1920 auch zur Welt gekommen, obwohl die meisten Biographen (auch in Wikipedia) immer noch Ribaute-les-Tavernes im Departement Gard als Geburtsort bezeichnen. Sie selbst


hat das schon 1955 in einem Interview mit dem „Midi Libre“, der dortigen regionalen Tageszeitung, klargestellt:

„Ich bin in Paris geboren, wo mein Vater, der aus Tavernes stammte, bei der Post arbeitete. Viele schöne Sommer habe ich in Tavernes verbracht. Vom Herzen her bin ich eine Tavernoise.“
Seit 1945 war sie mit Pagnol verheiratet und kam immer wieder in den Gard zurück, zuletzt bei der Einweihung der Dorfschule, die, wie damals 400 andere Schulen in Frankreich auch, den Namen ihres Mannes trägt.

Als „Manons Rache“ lief der Film in Deutschland und ist dort vor allem in der neueren Fassung von 1986 mit Emmanuelle Béart als Manon Cadoret und Yves Montand in der Rolle César Soubeyran, genannt Papet, bekannt geworden.

Marcel Pagnol hatte die Dorfgeschichte um zugeschüttete Quellen, verfeindete Familien und das unterschiedliche Leben von Stadtmenschen und Landbevölkerung, an sich unüblicherweise, erst auf Basis des Drehbuchs zum lesenswerten Roman umgeschrieben: „Die Wasser der Hügel“ umfaßt die Geschichten von Jean de Florette und Manon des Sources.

Die ganze Geschichte habe sich tatsächlich so oder ähnlich getragen und sei ihm von einem alten Mann aus der Nähe von Aubagne erzählt
Einer dieser Herren, entweder aus Crespin oder aus Bastides Blanches, muß Pagnol die ganze Geschichte erzählt haben
worden, so Pagnol. Was, wie so vieles bei ihm, möglich ist oder auch nicht.

 

Samstag, 20. August 2016

Vienne: Hier ist alles schon geschehen


Nichts Neues in Vienne

Wenn Sie nur Ihre Ruhe brauchen, wollen, daß sich gar nichts tut, bleiben Sie in Vienne und überprüfen die Einschätzung von Joseph Roth, der sich als Feuilletonkorrespondent der Frankfurter Zeitung dort schon 1925 langweilte: „Aus dieser Stadt gibt es nichts zu berichten. In dieser Stadt geschieht nichts mehr. Es ist alles schon geschehen.“ Eine Generation später der gleiche Eindruck bei Wolfgang Koeppen, der nach dem Krieg mit seiner „Trilogie des Scheitern“ als fast Fünfzigjähriger schnell einen Namen erschrieb und es dann, abgesehen von feuilletonistischen Reisebeschreibungen, auch dabei beließ. „Wofür aber, wenn nicht für Essen, konnte man in Vienne schon Geld ausgeben?“

Folgen Sie zum Mittagessen den Bauarbeitern

Koeppen war zur Mittagszeit den Bauarbeitern gefolgt, die ihn nahe dem römischen Theater in eine kleine Wirtschaft führten; mit sechshundert Francs, damals rund sechs Mark, war das Mittagsmenue ausgezeichnet. „Und ich bekam wie sie, von einem freundlichen derben Mädchen aufgetragen, das Menue: eine Leberpastete, mit Käse überbackenen Tomatenreis, gekochtes Ochsenfleisch, eine Schüssel voll grünem Salat, ein großes Stück Käse, Kirschen nach Verlangen und dazu einen halben Liter algerischen Rotwein.“ Zumindest die Jazz- und Opernfreunde wissen, daß man heute in Vienne auch Geld für andere Dinge ausgeben kann. Sehr britisch ausgerichtet der Vergleich von Lawrence Durrell, für den Vienne das Bournemouth der Antike ist. „Pensionierte Diplomaten ließen sich dort nieder. Der berühmteste unter ihnen war Pontius Pilatus, der hier einen ruhigen Lebensabend verbrachte, nachdem er den Nahen Osten mit seinen lästigen und ärgerlichen Problemen und seinen törichten Agitatoren verlassen hatte. Wir gedachten seiner bei einem Glas rosigen Weins.“


Samstag, 6. August 2016

Van Gogh Bild als Geschenk abgelehnt

Van Gogh in Arles heute überall präsent; hier in der neuen Fondation...


Mehr als zweihundert Bilder und Zeichnungen hat van Gogh während seiner Zeit in Arles und Saint-Rémy-de-Provence angefertigt. Keines befindet sich mehr in Arles. Vincent hat zu Lebzeiten außer dem „Roten Weinberg“ nicht ein einziges Bild verkauft. Selbst diejenigen, die er portraitiert hatte, wollten die Bilder meist nicht einmal geschenkt haben.

...und hier an einer Hauswand Nähe Amphitheater...

Mit viel Überredungskunst war es Vincent gelungen, dem Arzt Felix Rey, der ihn in der Heilanstalt von Saint Rémy behandelte, ein Bild zu schenken. Lange hatte sich der Doktor gesträubt, hatte es absichtlich in der Anstalt vergessen; Vincent mußte regelrecht aufdringlich werden, bis Rey das Bild mit nachhause nahm.
...und hier in der alten Fondation.
Anfang des letzten Jahrhunderts wurde es wiedergefunden, als van Goghs Werke wertvoller wurden und Kunsthändler seine noch lebenden Kontaktpersonen in Arles und Saint Rémy aufsuchten, um ihnen die Bilder für wenig bis gar kein Geld abzuschwatzen. Die Tochter des Arztes verschenkte dieses Bild. Ihr Vater hatte es lediglich dazu benutzt, die Rückseite seines Kaninchenstalles notdürftig zu reparieren.

Jack Kerouac hatte Ende der fünfziger Jahre mehr Verständnis für van Gogh. Als er mit dem Bus von Aix über Arles nach Avignon fuhr, die Franzosen nahmen damals Tramper nicht besonders gerne mit, sah der
kanadische Autor

„die ruhelosen Bäume van Goghs im starken Mistral, die heftig schwankenden Zypressenreihen, gelbe Tulpen in Fensterkästen und die goldene Sonne. - Ich sah, verstand van Gogh.“
Zwischen Arles und Aix.                                             Bild Pixabay cc
 

Samstag, 9. Juli 2016

Tarascon und Beaucaire: Ungleiche Geschwister

Die Frage, ob jemand aus Tarascon der typische Vertreter des verschmitzten, aufschneiderischen, gestenreichen Südfranzosen ist, hat Alphonse Daudet diplomatisch unbeantwortet gelassen:
"In Frankreich stammt jeder irgendwie aus Tarascon."
In seinem Buch über den Tartarin hat er das ganz anders dargestellt.


Beaucaire: Jahrhundertelang einer der wichtigsten  Handelsplätze. Hunderte von
Messeständen wurden unterhalb des Chateau errichtet.             Bild Wiki cc


Umfassende Darstellung von Maurice Contestin
Auch heute noch übrigens. Denn fast scheint es eine Eigenart zu sein, daß man in Tarascon nicht weiß, wo Beaucaire liegt - auf der genau gegenüberliegenden Seite der Rhone nämlich. Unterstützt wird das durch den Stadtplan des Office de Tourisme, auf dem die westliche Welt in der Mitte des Flusses aufhört. Vielleicht ist dies eine späte Rache der ehemals armen Verwandschaft. Schließlich war die Messestadt Beaucaire über Jahrhunderte eine sehr reiche Stadt und in Tarascon wohnte nur der, der sich Beaucaire nicht leisten konnte.

Alexandre Dumas verglich Beaucaire mit „den südamerikanischen Riesenschlangen, die alles an einem Tag essen und dann sechs Monate verdauen“. Die Stadt lebe „das ganze Jahr von seiner Messe, deren Ruf über ganz Europa verbreitet ist“. Als Moritz Hartmann um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Messe besuchte, fiel ihm ein vierzehnjähriges Mädchen aus Hessen auf, das „in seinem kurzen Röckchen, mit dem schwarzen Samtkäppchen an einen Baum gelehnt, deutsche Volkslieder, das halbe ‚Wunderhorn’ herabsingt.“

Die Messe fand er als „Leipzig des Südens“ selbst zu dieser Zeit noch beeindruckend.

„Die Basars und Zelte sind Schatzkammern der kostbarsten Gold- und Silbergeräte und der edelsten Stoffe aus Orient und Okzident.“
Allerdings war dies alles nur noch ein Schatten, ja nachgerade nichts gegenüber dem mittelalterlichen Markt. Zu jener Zeit steuerten große genuesische und venezianische Schiffe die Rhone stromauf, „und brachten ihre morgenländischen Schätze mit, um sie an die reichen Seigneurs des südlichen Frankreich oder an die Kaufherren des goldenen Burgund zu verkaufen oder sie gegen die Erzeugnisse der klugen Flammänder von Brügge und Gent auszutauschen, die ihnen hierher entgegenkamen. Mailand schickte seine Juweliere und Goldschmiede, Toledo seine Schwertschmiede.“
Selbst die als Korsaren gefürchteten Schiffer aus Tripolis segelten nach Beaucaire unter friedlicher Flagge.