Samstag, 24. März 2018

Françoise Frenkel: Die Flucht der Buchhändlerin von Berlin nach Nizza

Im September 1945 veröffentlichte der Genfer Verlag Jeheber ein für mich mit seinen rund zweihundert Seiten viel zu kurzes Buch der polnisch-jüdischen Buchhändlerin Françoise Frenkel, die sich den Titel aus dem Lukas-Evangelium entliehen hatte: "Nichts, um sein Haupt zu betten". Ein Bild von ihr existiert (bisher) nicht.

Erfolgreich auf deutsch, englisch, spanisch und, natürlich bei Gallimard, auf französisch
Knapp zwanzig Jahre, bis 1939 hatte die promovierte Literaturwissenschaftlerin und ausgebildete Musikerin die französische Buchhandlung in Berlin betrieben, sehr erfolgreich auch wegen der vielen Autorenbesuche und Veranstaltungen. Colette und André Gide waren dort, Philippe Soupault und Roger Martin du Gard, der Nobelpreisträger des Jahres 1937, und viele andere. Sie alle
Titelbildentwurf für die spanische Ausgabe. Bild Radiotimes
kommen nur in einer kurzen Aufzählung vor und Frenkel hätte sicher viel mehr, auch über sie, zu erzählen gehabt. Ihr nüchtern geschriebener Bericht über eine Flucht aus Berlin über Brüssel und Paris in den damals noch freien Süden nach Avignon und Nizza hat vor allem die eine Frage nicht beantwortet: Warum erwähnt sie ihren Mann, der ja auch in der Buchhandlung tätig war, nicht mit einem Wort.


Darüber wunderte sich auch der Literatur-Nobelpreisträger Patrick Modiano in einem Vorwort für den der Gallimard Verlag - deutsch bei Hanser - , als dieser fast siebzig Jahre später eine Neuauflage besorgte: „Phantom-Ehemann“. Die Originalausgabe war kurz zuvor in Nizza auf einem Trödelmarkt der Emmaus-Bruderschaft durch den Schriftsteller Michel Francesconi wiederentdeckt worden. Niemand wäre übrigens besser als Modiano für das Vorwort geeignet gewesen. Als er 2014 den Nobelpreis erhielt begründete das die Jury mit dem Satz:
„Für die Kunst des Erinnerns, mit der er die unbegreiflichsten menschlichen Schicksale wachgerufen und die Lebenswelt während der Besatzung sichtbar gemacht hat.“
 


Flucht über Avignon nach Nizza
Aus dem amtlichen Name von Françoise Frenkel geht der Name ihres Mannes Simon hervor. Raichenstein hieß er und sie Frymeta Idesa Raichenstein-Frenkel, geboren am 14.7.1889 in Piotrków. Das ergibt sich aus einer Liste von Personen, die bei Genf die Grenze zur Schweiz überschritten und dort eine Aufenthaltsgenehmigung erhielten; die Unterlagen befinden sich im Staatsarchiv Genf. Die Frage, warum Simon Raichenstein dieses Phantom bleibt, wird niemand mehr beantworten können. Sie ist 1975 gestorben. Ende 1933 hat er Berlin, versehen mit einem der sogenannten Nansen-Pässe verlassen.

Französischer Nansen-Pass. Bild von Anna Viesel aus Trier.
Fridtjof Nansen, der norwegische Kommissar des Völkerbundes fürFlüchtlingsfragen, hatte das Pass-Ersatz-Dokument Anfang der zwanziger Jahre für staatenlose Flüchtlinge eingeführt und dafür später den Friedens-Nobelpreis erhalten. Der Pass war jeweils für ein Jahr gültig und garantierte die Rückreise in jenes Mitgliedsland des Völkerbundes, in dem er ausgestellt worden war. Zu den bekanntesten Inhabern des Passes gehörten Vladimir Nabokov, Marc Chagall und Igor Strawinski.

Dieser Pass nützte Raichenstein nichts. In Frankreich kam er ins Lager Drancy und am 24. Juli 1942 nach Auschwitz, wo er kurz darauf ermordet wurde. Aber kein Wort über ihn von seiner Frau. Die gelegentlich geäußerte Vermutung, sie habe darauf verzichtet, um ihren Mann nicht zu gefährden, ist nicht stichhaltig. Schon als sie anfing, das Buch zu schreiben, war ihr Mann bereits tot und als das Buch 1945 erschien, existierte das nationalsozialistische Deutschland nicht mehr und spätestens da hatte sie sicher längst Nachricht von seinem Tod bekommen.

Pierre Bertaux
Bild: Ordre
Standesgemäß überheblich und nicht sehr fein ging der Germanist Pierre Bertaux mit Frenkel um, der sie als die
„alte Schreckschraube des Maison du Livre“
bezeichnete und sich in der Buchhandlung von
„Herrn und Frau Raichenstein, Russen, Galizier oder etwas in der Art wie bei den Totengräbern eines Beerdigungsinstitutes“
fühlte. Bertaux war Ende der zwanziger Jahre der erste Franzose, der wieder zum Studium in Berlin zugelassen wurde und wurde später einflußreich als Koordinator für die geheimdienstlichen Aktivitäten der Resistance. Er hatte auch zahlreiche Kontakte zu deutschen Exilschriftstellern.

Ganz im Gegensatz dazu schrieb der Journalist Jules Chancel in seinem 1928 erschienenen Deutschlandbuch “Zehn Jahre danach” von einem anregenden deutsch-französischen Fest in der Buchhandlung und zeichnete “ein kleines, ungemein wohlwollendes Portrait der Buchhändlerin”, wie die Berliner Literaturwissenschaftlerin Maragrete Zimmermann herausfand.

Danke an Imogen und Michael Remmert für den Hinweis auf Françoise Frenkel.




Donnerstag, 22. März 2018

Kestens "fremde Götter": Aktueller denn je

 
In, wie immer bei Nimbus, sorgsamer
Gestaltung und Ausstattung
Wäre der Roman "Die fremden Götter" , den Hermann Kesten 1948 in New York schrieb, siebzig Jahre später, also jetzt, zum ersten Mal erschienen, wären die Filmrechte längst verkauft und der Film im nächsten Jahr in den Kinos - was sicher auch den Verlag freuen würde. Ende der 1940er Jahre ging das noch nicht, mit dieser tragikomische Farce, in der Freiheit und Toleranz einen schweren Stand haben und die auch deshalb heute aktueller ist, denn je.
"Ich glaube, es wird das erste Mal im deutschen Film sein, dass neben der Tragik oder dem Ernst so nah die Komik steht - übrigens wie es im Leben ja auch ist",
hatte Filmemacher Gerhard Born noch kurz vor der endgültigen Absage an Kesten geschrieben.

In dem Film hätten, ganz am Rande, einige Szenen in einem Konzentrationslager spielen sollen und das glaubten die Produzenten dem noch vom Nationalsozialismus geschädigten Publikum nicht zumuten zu können. Wahrscheinlich hatten sie recht. Denn damals gab es andere Themen für die Filmbranche. In der USA etwa Howard Hawks, der mit Gary Grant „Die männliche Kriegsbraut“ drehte, in Frankreich „Tatis Schützenfest“ und in Deutschland etwa eine Verwechslungskomödie mit Hans Moser und Theo Lingen „Um eine Nasenlänge“.

Aber „Die fremden Götter“, eine religiös-fanatische Auseinandersetzung zwischen Juden, Katholiken und Buddhisten, die sich in einem Teufelskreis gegenseitiger Verkennung hochschaukeln versprachen nicht ausreichend Kinobesucher; und mochte es noch so viele Ansätze für eine Komödie geben. Das Drehbuch hätte ein früher Vorläufer zur Komödie „Monsieur Claude und seine Töchter“ des Regisseurs und Drehbuchautors Philippe de Chauveron werden können. Wobei übrigens der Originaltitel - Qu’est-ce qu’on a fait au Bon Dieu?/ Was hat man dem lieben Gott nur angetan - dem Film viel gerechter wird.




Hermann Kesten (Bild: Monacensia München)
Der Schweizer Nimbus Verlag hat nun das Wagnis einer (Wieder)Veröffentlichung - in seiner verdienstvollen Reihe „Unbegrenzt haltbar“ - auf sich genommen und im Anhang auch den Schriftwechsel zwischen dem Autor Kesten und dem Produzenten Born veröffentlicht. Erstmals ist das Buch 1948 im Amsterdamer Querido Verlag erschienen. Querido war, neben etwa Allert de Lange, ebenfalls in Amsterdam, Obrecht in Zürich und Graphia in Karlsbad, der Verlag für die vielen Exilautoren, die seit 1933 vor den Nachstellungen der Nationalsozialisten und ihren Bücherverbrennungen geflohen waren.


Die Promenade des Anglais in Nizza: Kurz nach dem Krieg weitgehend autofrei
Das Buch spielt in Nizza, kurz nach Ende des Krieges: Walter Schott und seine Frau haben de façon miraculeuse die KZ-Haft überlebt und sind heimgekehrt in die Stadt, wo sie vor der Deportation ihre Tochter Luise zurücklassen mussten. Sie finden ihr Kind unverhofft wieder – französische Nachbarn hatten das Mädchen in einem Kloster in Avignon versteckt. Luise, dort fromm erzogen und inzwischen 17 Jahre alt, hat sich zur Erz-Katholikin entwickelt. Die Eltern versuchen Luise zum Judentum zurück zu führen. Vergeblich. Dann sollen Onkel und der Sohn des Rabbis es richten. Aber auch Onkel Colombe, ein alternder Lebemann und selbstgefällige Buddhist sowie Théodore, ein aufgeklärter Philosophiestudent, sind erfolglos, wollen aber möglichst auch garnicht erfolgreich werden.
Den Beiden geht es weniger um den elterlichen Bekehrungsauftrag und das Seelenheil des Mädchens. Sie wollen die junge, attraktive Frau für sich gewinnen und sind plötzlich sogar bereit, selbst zum Katholizismus überzutreten. Aber auch Luise ist verliebt, nämlich in den atheistischen Fotografen Henri. Das kann nicht gut gehen, auch wenn alle, im wahrsten Sinne des Wortes, guten Glaubens sind. Sie werden aber blind gegenüber den Folgen ihres Handelns und führen so oft das Gegenteil dessen herbei, was sie an sich beabsichtigen. Aber hier nicht mehr, sonst ist der tempo- und spannungsreiche Inhalt zu sehr vorweg genommen. Manchmal muß man eben selber lesen - und frau auch.

Hermann Kesten: Die fremden Götter. Herausgegeben von Albert M. Debrunner. Nimbus Verlag, Wädenswil/Schweiz, 248 Seiten, 28 Euro, ISBN 978-3-03850-045-2.

Der Buchhändler Ihres Vertrauens wartet auf Sie! Im gleichen Verlag ist übrigens auch die gewichtige Kesten-Biographie von Albert M. Debrunner erschienen. Folgen Sie dem LINK.


Freitag, 16. März 2018

Literatur aus den Cafés der Exilanten


Für Joseph Roth hatten die
Cafés nicht mit Kaffee zu tun
Natürlich denkt man in erster Linie an Wien, wenn der Begriff des „Caféhausliteraten“ fällt. Aber die aus Nazi-Deutschland geflüchteten oder ausgewiesenen Schriftsteller standen den Wiener Autoren wie Hugo von Hofmannsthal, Karl Kraus oder Alfred Polgar um nichts nach. Und Autoren wie Joseph Roth und Franz Werfel waren zunächst in den Wiener Cafés und später dann in Paris zu finden.

Wenn dazu noch wir Anna Seghers „Transit“ und Ludwig Macuses „Mein Zwanzigstes Jahrhundert“ lesen, dann gewinnt man den Eindruck, als hätten alle Exilanten ihre Tage hauptsächlich in den Cafés von Marseille und Sanary-sur-Mer verbracht.

Und da ist tatsächlich was dran. Das Thema war Hermann Kesten sogar ein ganzes Buch wert: „Dichter im Café“. So etwas wie eine zweite Heimat waren die Cafés geworden. Er habe einen Gutteil seines Lebens in den Cafés verbracht, beichtet Hermann Kesten und tritt auf den 433 Seiten seines Buches „Dichter im Café“ den Beweis an.


Den Exilanten waren die Kaffeehäuser zu ihren Arbeits- oder Wohnzimmern geworden, in denen sie ihre glücklicherweise selbstzahlenden Freunde empfingen, in denen sie schnell ihre Stammplätze oder gar Stammtische hatten und auch bei wenig Verzehr gerne gesehen waren: die Bohème als kostenlose Werbung für die vielen, die gerne dazu gehört hätten und dennoch kamen und nur sehen wollten. Diesen „Müßiggang der anderen betrog ich mit meiner Arbeit“ formulierte Kesten schadenfreudig und machte sich regelmäßig auch über die einzelne Dame lustig, die es in jedem Café gebe und die aussähe, „als habe nicht ein einzelner Mann sie versetzt, sondern das ganze männliche Geschlecht“.

Die Cafés waren den Exilanten sogar mehr als Haus und Heimatersatz, waren „Kirche und Parlament“, wurden „zur Wiege der Illusionen und zum Friedhof“. 



Sanary:  Hotel de la Tour (in dem Thomas Mann schrieb) und die Cafés "Marine" und "Nautique"
Drei Cafés gab es damals am Hafen von Sanary. Das „Marine“, dann das „Nautique“, das alle nur die „Witwe Schwab“ oder „Chez Schwob“ nannten und das „Café de Lyon“. „Schwob war ein großer, belesener Elsässer, verheiratet mit einer ebenso großen heiter geschäftigen Schwarzen, die ein übergroßes Baby stillte, während er hinter der Theke Heine und Descartes deklamierte, wenn er nicht gerade Zigaretten und Briefmarken verkaufte oder Getränke ausschenkte.“ Zum mittäglichen Apéro fanden sich auch „aufgeschlossene Honoratioren. Letztere pflegten abends in das teurere Café de la Marine nebenan zu gehen, der Tageszuflucht ansässiger Akademiker und Pensionäre“. 
Die Palmen sind noch da, die intellektuelle Auseinandersetzung nicht mehr
Das „Marine“ war ansonsten fest in deutschsprachiger Hand, „das dritte, am anderen Ende des kurzen Kais, ließen wir großmütig den Einheimischen“, erinnert sich Marcuse.

„Sanary-les-Allemands“ hieß ihr Ort gelegentlich schon bei den Einheimischen; die Deutsche Annemarie Schwarzenbach hatte den Begriff selbstironisch geprägt. Kein Wunder, denn diejenigen unter den Literaten, denen die Alltagssorgen fern waren, diskutierten hier etwa die in diesen Zeiten so naheliegende Frage, wer denn der nächste deutsche Literatur-Nobelpreisträger werden solle. Wilhelm Herzog wollte seinen Freund Werfel vorschlagen und warb um Unterstützung bei Thomas Mann. Dem indes fiel zunächst außer sich selbst niemand ein; und dann schließlich doch noch Hermann Hesse.

Wenn Sie eine Reise durch die Restaurants und Cafés der Künstler machen wollen, beginnen Sie im "Café des Arts" in Saint-Rémy-de-Provence. Jean Cocteau oder Picasso wären Sie hier begegnet, die sich im Gästebuch verewigt haben.

Im "Deux Garçons" in Aix-en-Provence mit seiner Terrasse zum Cours Mirabeau konnte man seinen Café neben Albert Camus oder Marcel Pagnol trinken. Und schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts hätten Sie den Gesprächen von Emile Zola und Paul Cézanne lauschen können.

Das "Colombe d'Or" in Saint-Paul-de-Vence war zweite Heimat des Malers Chagall. Mit den ausgestellten Bildern von Matisse, Calder und Picasso ist es noch heute ein Anziehungspunkt. Filmstars wie Sophia Loren, Lino Ventura und Yves Montand erholten sich hier von den Anstrengungen des Festivals in Cannes.



Samstag, 3. März 2018

Johannes R. Becher: Stalin im Schwarzwald

Seine Jugendliebe, die Zigarettenverkäuferin Franziska Fuß, hat er erschossen. Der geplante Doppelselbstmord wurde es aber nicht. Und der jähzornig-dominante Vater, damals Amtsrichter und später Präsident des Oberlandesgerichts in München, ließ es nicht zu einem Prozeß kommen, weil der Sohn in einem psychiatrischen Gutachten nach § 51 des Strafgesetzbuches als unzurechnungsfähig erklärt wurde. Also sollte er Offizier werden. Statt dessen wurde er Morphinist in ständiger Geldnot und lebte seine Bisexualität aus, wurde Dichter, gläubiger Kommunist und Parteisoldat, ein Verharmloser Stalins und nach dem Krieg SED-Kulturminister. Als
"Johannes Erbrecher"
wurde der Johannes R. Becher immer wieder mal tituliert.

Als die die Nationalsozialisten ihn 1934 ausbürgerten, war er schon fast ein Jahr in der Sowjetunion, arbeitete für Radio Moskau und reiste mit einem Auftrag der Komintern, in der sämtliche kommunistischen Parteien weltweit zusammengeschlossen waren, durch Europa und suchte speziell in Frankreich die deutschen Exilautoren in einer literarischen Einheitsfront zu vereinen. Gemeinsam mit
André Gide organisierte er einen Schriftstellerkongreß „zur Verteidigung der Kultur“ in Paris. Mit den Mann-Brüdern hatte er gesprochen, mit Brecht, Seghers und Robert Musil; wer alleine nur diese Namen liest, der weiß, daß seine Unternehmung nicht erfolgreich sein konnte. Erst bei seinem Tod, den die SED entgegen Bechers Willen, mit großem Zeremoniell inszenierte, standen unter anderem Anna Seghers, Arnold Zweig, Stefan Heym und Erwin Strittmatter um seinen Sarg. Und mit Heinrich Mann verbindet Becher die letzte Ruhestätte auf dem Berliner Dorotheenstädtischen Friedhof; hier liegen sie Seite an Seite.

Seine Dichtkunst sollten wir von den politischen Aktivitäten getrennt sehen. Döblin und Thomas Mann äußerten sich ausgesprochen positiv über seine Veröffentlichung „Der Glücksucher und die sieben Lasten“, die, wie sechs weitere Gedichtbände, in der VEGAAR, der „Verlagsgenossenschaft ausländischer Arbeiter in der UdSSR“ ,
erschienen waren. "Ich muß Ihnen sagen, wie schön und echt ich diese Gedichte finde", schrieb ihm Döblin und Mann, wahrscheinlich war es wieder Katia, die Thomas Mann antworten ließ, hielt es „für ein großes Buch und wahrscheinlich ist es das repräsentative Gedichtbuch unserer Zeit und unseres schweren Erlebens und wird einmal als das lyrische Zeugnis dafür angesehen werden“.

Da mußte Becher jedenfalls anders gereint haben als in seinem Nachruf auf Stalin:
„Dort, wirst du, Stalin, stehn, in voller Blüte
der Apfelbäume an dem Bodensee.
Und durch den Schwarzwald wandert seine Güte,
und winkt zu sich heran ein scheues Reh.“

 

 

Samstag, 10. Februar 2018

Lawrence Durrell in Sommières: Viel billigen Rosé für ein Buch

Heute allgegenwärtig
Lange war der britische Romancier Lawrence Durrell in Südfrankreich herumgereist, bis er schließlich Sommières und damit die gesuchte „südfranzösische Authentizität“ fand; eine Kleinstadt, in deren Gassen die Zeit stehengeblieben scheint und wo Touristen zwischen September und Juni noch hinterher gesehen wird.

Wie es sich für jemanden von der Insel gehört, war er natürlich in Nizza und Cannes gewesen, hatte aber „diese kleinen englischen Dörfer“ gleich wieder von der Suchliste gestrichen. In einem Haus am Rande der Stadt, das nach seinem Besitzer Louis Loubier „Villa Louis“ hieß, richtete er sich zunächst ein, bevor er „Villa Tartès“ kaufte.

Diese hochherrschaftliche Villa, die aussieht, als ob ein großbourgeoiser, pedantischer Notar darin wohnt, wurde von Durrell nicht gerade pfleglich behandelt. Der Garten war innerhalb kürzester Zeit verwildert, das Schwimmbad, dessen deutsche Technik bis hin zur Abdeckung noch heute funktioniert, hatte sich zu einer Mischung zwischen Biotop und Müllkippe gewandelt.
Villa Tartès: Nicht zu besichtigen, aber fast unverändert
Ghislaine Bergé, die das Haus nach dem Tod von Durrell kauft, hat erst einmal tagelang große Feuer im Garten gelegt und dann „ein Universum von Flaschen“ aus dem Schwimmbecken, dem nebengelegenen Bassin und dem Brunnen herausgeholt. Durrell habe schon „ordentlich getrunken“, erinnert sich der Schriftsteller Frédéric Jaques Temple, der ja oft genug dabei war, allerdings immer nur den billigsten Rotwein und Rosé, obwohl er sich auch etwas anderes hätte durchaus leisten können.

Hier nun kam ein Weltenbummler zur Ruhe, der im britischen Kolonial-Indien zur Welt gekommen war, auf Korfu und in Ägypten lebte, und schließlich in Belgrad und Buenos Aires für die Pressearbeit der britischen Botschaften zuständig war. In seinem Haus - Henry Miller und Temple waren oft dabei -
„vertrödelten wir die goldenen Nachmittage und Abende wie chinesische Philosophen und führten endlose Debatten über das hypothetische Buch, von dem wir wußten, daß es nie geschrieben werden würde.“

Die Aufenthalte in Sommières waren Durrells fruchtbarste Schaffenszeit. Hier schrieb er seine wichtigsten Werke, die allesamt große wirtschaftliche Erfolge wurden. „Plötzlich hatte ich das seltsame Gefühl zuhause zu sein“, sagte er zu Ivan Gaussen, dessen Sohn Frédéric, Mitglied der Chefredaktion von „Le Monde“, sich später stark in der Association Durrell engagierte und der und
den in Sommières jeder kennt. Drei Anrufe von Gaussen und wir waren erst im Haus von Madame Dumas willkommen, der Villa Louis, von wo aus man einen schönen Blick zum Schloß und, hochwassersicher, über
Frédéric Gaussen im Atelier seiner Mutter Jacqueline
das Tal des Vidourle hat, und wurden dann von Madame Bergé in die Villa Tartès eingeladen.

Und den Nachmittag verbrachten wir im Garten des Dichters Frédéric-Jacques Temple im nahen Aujargues. Dessen erster Gedichtband ist übrigens in Deutschland erschienen, 1945 als Privatdruck in der Druckerei von Franz Burda in Offenburg. Temple war damals als Presseoffizier in Baden-Baden stationiert und ist sich noch heute sicher, daß ohne sein damaliges einflußreiches Amt, er kümmerte sich auch um Papierzuteilungen, dieses Bändchen nie erschienen wäre.

In der Villa Tartès schrieb Durrell zwischen 1974 und 1985 das Avignon-Quintett mit Monsieur, Livia, Constance, Sebastian und Quinx.


„Sommières! Magisches Wort! Ich habe die glücklichsten Tage meines Lebens in dieser geheiligten Stadt verbracht“, war sich Durrell schon 1977 sicher. Allerdings sah er das Glück als einen relativen Zustand: „Das Glück beruht oft nur auf dem Entschluß, glücklich zu sein.“

Nun müsse er auch den Nobelpreis für Literatur erhalten, forderte der Midi Libre in der Sonntagsausgabe vom 20. Juni 1965. Und auch deutsche Befürworter gab es. Walter Jens etwa in einer Rezension von „Mountolive“: „Wenn es gerecht zugeht, muß Lawrence Durrell den Nobelpreis erhalten.“ Dabei erschließt sich Durrell nicht leicht. Das „epische Genie“, so urteilte auch Siegfried Lenz, könne man nur bei nicht nachlassender, konzentrierter Lektüre erfassen. Ich- und Er-Erzählung wechseln einander ab, dazwischen Tagebuchblätter, Reflexionen, Aphorismen und die Aufzeichnungen zweier Schriftsteller - alles wird virtuos und fugenfrei ineinandergefügt.
Durrells Lieblingsplatz beim "Glacier" mit Blick auf die Römerbrücke. 
Ölgemälde von Jacqueline Gaussen-Salmon.
Den Nobelpreis hat er nie bekommen, trotz seines Talentes, das Henry Miller in den dreißiger Jahren als erster erkannte. Hier, beim "Glacier" hat er oft gesessen. Inzwischen hat der Eigentümer gewechselt und "die schönste Terrasse Sommieres" heißt "Ô fil d'eau". Die Erinnerungen an Durrell wurden wegrenoviert. "Alles hat seine Zeit", sagt der neue Patron.
Jacqueline Gaussen-Salmon hat von Durrells Platz aus den Blick auf die alte Römerbrücke gemalt. Noch immer aber, zum Glück, kann man hier auf der Terrasse über dem Wasser sitzen und die Forellen und Hechte in der Vidourle beobachten. Zum Abendessen hinterher geht's in den Garten der "Villa Heloise" am Kreisverkehr auf der anderen Seite des Flußes.

Samstag, 3. Februar 2018

Birgit Vanderbeke: Tödliches Pilzragout

Wer in Südfrankreich leben will, muß das Buch lesen.  
Viele Jahre lebt die Bestsellerautorin Birgit Vanderbeke nun schon in Saint-Quentin-la-Poterie, einem Töpferdorf gleich neben Uzès. Für Südfrankreich hat sie eine „Gebrauchsanweisung für Südfrankreich“ vorgelegt, der man die oft genug berechtigte Besorgnis entnimmt, gerade die deutschen Besucher könnten sich hier daneben benehmen. Pflichtlektüre für jeden, der sich, wenn auch nur zeitweise, im Midi niederlassen will. Vielleicht noch interessantes ist die nachfolgende Anleitung zum Glücklichsein.

Wie Sie Ihren Mann um die Ecke bringen - das Rezept funktioniert auch für andere unausstehliche männliche Wesen - können Sie in Vanderbekes Roman „Die sonderbare Karriere der Frau Choi“ nachlesen. Wichtig ist der schöngelbe Klumpfuß (Cortinarius splendens), der zwei Vorteile hat: Erstens beginnt die Wirkung erst nach ein paar Tagen und zweitens sind nicht einmal die Rechtsmediziner der Universität Straßburg in der Lage die Vergiftung nachzuweisen.

Im September, wenn ein paar verlaufene Touristen das kleine Cevennendorf verlassen haben, wenn

„der Strom heruntergedreht wird und schwankt und man denkt, man ist im falschen Jahrhundert, weil man sein Haus nicht mehr hell bekommt. Die Handys haben keinem Empfang, Zentralheizung gibt es nicht, und wenn der Wind auf dem Schornstein steht, drückt er den Rauch des Kamins nach innen.“

Von der Qual der Pfannenwahl bis zum "richtigen" Pilz
Dann kommt die Koreanerin, Frau Choi aus Gwangju - für die es ein tatsächliches Vorbild gibt -, baut die alte Seidenspinnerei aus und seltsamerweise wird ihr Restaurant trotz des nicht nur für die Dorfbevölkerung unaussprechlichen Namens „Bapguagup“ ein großer Erfolg. Vielleicht hat es aber auch nur damit zu tun, daß bei ihr die richtigen Leute von den falschen Pilzen essen.

Die anregenden Beschreibungen von Frau Chois Kochkunst lassen vermuten, daß auch Birgit Vanderbeke ihre Küche gerne nutzt. In einem Brigitte-Interview gesteht sie das gegenüber Christa Tehlen ein:

„Gutes Essen ist mir sehr wichtig. Noch wichtiger ist mir aber das Kochen. Wenn ich eine Woche weg war zelebriere ich ein paar Tage später regelmäßig eine regelrechte Koch-Orgie. Das Verhältnis von Gut-Essen zu Kochen ist bei mir ganz ähnlich wie das von Lesen zum Schreiben. Das erstere ist wunderbar, aber ohne das letztere mag ich nicht leben.“ 

Als ich sie fragte, ob sie bereit sei, mir ihre Kochkunst an einem Pilzragout zu beweisen, hat sie für das ja nicht lange überlegt. Nur, es war August, um die Pilze müsse ich mich kümmern. Und dann kam noch eine Mail:
„Weder Frau Choi noch ich würde jemals mit Pilzen aus dem Supermarkt kochen.“
Das war eine Herausforderung. Unser Nachbar Michel war, ja, er war großartig, wenn es um Fundstellen für frische Pilze geht. Zwischen Saint-Germain-de Calberte und Pont de Montvert müsse es jetzt sicher schon ein paar Sommersteinpilze geben und Pfifferlinge sowieso. „Allerdings der wenige Regen…“ und wiegte bedenklich den Kopf. Wenig? Seit dem 30. März hatte es nicht mehr einen Tropfen gegeben, also eher nicht die idealen Voraussetzungen für einen feuchten Waldboden.


Hilfsbereiter Sternekoch: Jérôme Nutile
Ein paar Tage vorher hatte ich glücklicherweise mit Jerôme Nutile den einzigen Sternekoch des Gard kennen gelernt, der tatsächlich Gardois ist. Um acht Uhr morgens machte ich mich auf nach Collias ins „Le Castellas“, seinem Zweisterne-Restaurant - da war er noch nicht nach Nîmes umgezogen. Um diese Zeit bereitete die Küchenmannschaft schon das Mittagessen vor. Sechs Soßen aus der Hand des „Meillieur Ouvrier de France“ waren schon fertig. „Pas de problème.“ Und dann hatte ich zunächst die Auswahl zwischen Pfifferlingen, Morcheln und Steinpilzen, die dann allerdings Nutile für mich traf. Die Steinpilze seien schon ein wenig „fatigué“, würden also allenfalls noch in Soße oder Suppe enden.

Jedenfalls waren die Damen Choi und Vanderbeke mit der Qualität der Pilze zufrieden und zauberten ein Pilzragout, wie ich nicht nur nachmittags um halb fünf noch kein besseres gegessen habe.

"...gewohnheitsmäßig schöngelben Klumpfuß"
 


Samstag, 6. Januar 2018

Was die CIA in Pont-Saint-Esprit treibt

Heute noch gibt es die Kirche Saint Saturnin, die dem Ort ehemals den Namen gegeben hatte Saint-Saturnin-du-Port. Dann kam der Brückenbau von der Mitte des 13. Jahrhunderts bis zur Einweihung im Jahr 1409. Neunzehn Bögen auf fast einen Kilometer Länge verteilt und so stabil, daß noch heute die Autos darüber fahren.
 
Gönnen Sie sich den Fußweg über die Brücke mit den Blicken auf Rhône und Stadt
Da hatte der Heilige Geist ordentlich mitgeholfen, daß das so schnell ging und das Dorf änderte dankbar seinen Namen in Pont-Saint-Esprit. Handel und Brückenzoll machten aus dem Dorf ein Städtchen, das heute wesentlich vom Ardèche-Tourismus lebt.
 
CIA-Schattengestalten in der hellen Sonne?
 
Die Ardèche fließt im Norden der Stadt in die Rhône. Alles über die Region des Gard Rhodanien, auch über das schöne und wenig überlaufene Tal der Céze, finden Sie HIER.

Im August 1951 waren die Wartezimmer der drei Ärzte des Kleinstädtchens überfüllt. Hunderte von Bewohnern litten plötzlich unter Halluzinationen und wurden von Schattengestalten verfolgt. Es kam zu fünf Todesfällen und mehreren Selbstmordversuchen. Von den dreihundert „Wahnsinnigen“ aus Pont-Saint-Esprit berichtete die Presse weltweit.

Verschimmeltes Brot sei die Ursache, ein hallozinogener Schimmel, wie schon ein paar Jahre vorher in einer Nachbargemeinde, die das Bot vom gleichen Bäcker bezog. Da war sich der Generalinspektor des Gesundheitsministeriums schnell sicher. Auch deutsche Zeitungen griffen das Thema auf, so die „Welt“: „Das Geheimnis des ‚Brotes, das tötet und wahnsinnig macht‘, ist gelöst. Nach dem Befund von Professor Olivier vom Polizeilaboratorium im Marseille sind die Massenerkrankungen einwandfrei auf die Verunreinigung von Brotmehl durch Mutterkorn zurückzuführen.“

Fünfzig Jahre später hat der amerikanische Journalist Hank Albarelli in seinem fast eintausend Seiten umfassenden Buch „A terrible Mistake“ die These aufgestellt, es habe sich um einen mißglückten Versuch der CIA gehandelt haben, die Droge LSD in der Fläche zu testen. Umfangreich zitiert er die Aussagen von Betroffenen: Sie warfen sich auf dem Bett hin und her, sie schrien entsetzt, daß aus ihrem Körper rote Blumen hervorkämen, ihre Köpfe hätten sich in geschmolzenes Blei verwandelt. Einige berichteten von Reisen auf fliegenden Teppichen. Schon im Mittelalter kannte man ähnliche Fälle von Mutterkornvergiftungen, die oft mit Wundbrand einhergingen, und nannte sie „Antoniusfeuer“.

Doch manches war hier anders. Sven Moeschlin, Verfasser des medizinischen Standardwerkes „Klinik und Therapie der Vergiftungen“ hat den Ablauf der Erkrenkungen rekonstuiert. „In der ersten Phase vegetative Störungen mit Durchfall, Blutdruckabsenkung, Untertemperatur, Pupillenerweiterung, Schluckbeschwerden und einem brennenden Gefühl im Magen-Darm-Kanal. Es folgte dann, nach einer vorübergehenden leichten Besserung, eine dritte Phase vorwiegend psychischer Störungen und mit in einem sehr hohen Prozentsatz auftretenden Psychosen. Wahrscheinlich hat es sich hier um ein noch unbekanntes Gift aus der Alkaloidreihe gehandelt. Die psychischen Veränderungen. erinnern an die Vergiftungserscheinungen durch die Lysergsäure, nur klingen dort die Vergiftungssymptome sehr rasch ab, während sie hier Wochen und Monate bestehen blieben. Chemisch konnten keine Mutterkornalkaloide gefunden werden.“ Was früher als Verschwörungstheorie hätte abgetan werden können, wurde nun wahrscheinlich.

Albarelli bringt auch den Tod des US-Bio-Chemiker Frank Olson in Verbindung mit dem CIA-Testprogramm MKULTRA, in dem biologische Waffen im Feldversuch getestet worden sein; nicht in den USA natürlich, sondern in Frankreich. Olson wurde zwei Jahre nach den Versuchen angeblich ermordet. Er sprang, vollgestopft mit LSD aus dem zehnten Stock seines Hotels. Seine Familie hat von der US-Regierung nach Angaben der Washinton Post fast eine dreiviertel Million Dollar Schadenersatz bekommen. Belastbare Beweise für einen Zusammenhang mit den Vorgängen im Rhonestädtchen liegen nicht vor.

Um nach solchen Gedanken wieder den klaren Kopf zu bekommen, von hier aus, am besten an einem Tag, an dem der Mistral ordentlich bläst, auf den Mont Ventoux.

 

Freitag, 22. Dezember 2017

La Roque-sur-Pernes : On parle allemand

Übernachten mit Überblick im Château von La Roque
La Roque ist auch heute nichts als ein kleines Felsennest in der Nähe von Carpentras. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges war das Dorf mit seinen verwilderten Weinbergen und Olivenhainen, wie andere auch, fast ausgestorben. Angeblich habe es hier noch zwanzig Männer, der Jüngste gut über siebzig, und fünf Hunde gegeben. Zehn Jahre später waren die Felder bestellt, neues Land gerodet und zahlreiche junge Familien hatten für eine Wiederbelebung gesorgt. Nur die Sprache hatte sich geändert. Aus dem harten Französisch der Provenzalen war ein breites, osteuropäisch angehauchtes und mit schwäbischen Worten versetztes Deutsch geworden. Sieht man auf die Briefkästen, soweit überhaupt vorhanden, stehen da Namen wie Willer, Hockl oder Landmann.

In einem Beitrag für die ZEIT vom September 1974 beschrieb Charlotte Ujlaky, wie plötzlich aus einer Tür eine kräftige Männerstimme rief:


     „Nix to. Ihr pleipt.“

Und dann die einer Frau:
"Jetzt esse rm mol a gudes Hinglpoprikasch un trnoch kumme tr Willi un tie Mireille zum Kaffee."
Und dann wurde im Türrahmen eine alte Frau mit strengem schwarzem Kopftuch und langem schwarzem Rock sichtbar. Hier ein kurzes zeitgenössisches Video, das den Sprachton wiedergibt. Und wie heute auch oft bei Flüchtlingen: Die Kinder müssen für die Eltern übersetzen.
 

Wer da zum Hühnchen-Paprika-Gulasch rief, war eine Frau aus dem Banat, der Gegend, die heute im Dreieck von Rumänien, Serbien und Ungarn liegt. Im September 1944, nach dem Frontwechsel der Rumänen, hatten sich von dort viele Deutschstämmige auf der Flucht vor der der Roten Armee auf den Weg nach Westen gemacht. Im Winter blieben die meisten in Niederösterreich hängen, obwohl sie ursprünglich aus Lothringen und dem Elsaß stammten und nicht ganz richtig als „Banater Schwaben“ genannt wurden.

Johann Lamesfeld, Landwirt aus dem Banat, rumänischer Finanzminister und später Deutschlehrer in Avignon, schrieb um Hilfe an den französischen Premierminister Robert Schumann. Der antwortete:

„Ich habe ihren Brief erhalten. Ich als Lothringer kenne die Geschichte der Banater, und ich werde dafür sorgen, dass sie – meine Banater Landsleute – eine neue Heimat in Frankreich finden.“
Und so zogen die Banater ab November 1948 in Kehl über den Rhein. Viele fanden wieder Arbeit in den Gruben in Lothringen, aber zahlreiche Familien zog es in das verlassene La Roque-sur-Pernes in der Provence.

Zu der Zeit schrieb Edouard Delebecque, der Bürgermeister gerade den Nachruf auf La Roque:

„Un village qui séteint“ (Ein Dorf verlischt).
Als das Büchlein tatsächlich 1951 erschien, war diese Geschichte überholt und das Dorf zu neuem Leben erwacht. Innerhalb weniger Jahre hatte sich die bewirtschaftete landwirtschaftliche Fläche von 50 auf knapp eintausend Hektar vervielfacht.




Triptychon von Lorin in der Ortskirche

Wer heute hierherfährt, sollte das Dorf mit seinen inzwischen 450 Einwohnern zu Fuß erkunden und im Maison de l’Histoire locale anfangen, dem kleinen Heimatmuseum in der Rue du Portail haut. Regelmäßige Öffnungszeiten gibt es nicht, aber wenn Sie Leila auf dem Handy anrufen (0033.613.18.79), dann wird es schon klappen mit der Besichtigung.

Danach vielleicht in die kleine Pfarrkirche; dort hängt ein großformatiges Bild von Marie-Louise Lorin, das die Geschichte der Banatais unter dem Schutz der Gottesmutter darstellt. Danke an Peter-Dietmar Leber für das Foto und hier seine Geschichte der Banater Schwaben sowie an Klaus Heinrichs, der diesen Beitrag über La Roque angeregt hat. Sehr luxuriös können Sie im Schloss (Bild oben)übernachten. Chantal und Jean Tomasino haben das Gebäude über vier Jahre hinweg renoviert und im Laufe der Zeit über 500 Tonnen Schutt und alte Baumaterialien bewegt. Auf der Homepage können Sie detailliert die Geschichte des Gebäudes nachlesen, wie die Grafen von Toulouse ihre Besitzungen an der Rhone an den französischen König und den Papst verlieren.

Sie können aber, sehr authentisch, auch in einem stilvoll renovierten Gutshof aus dem 18. Jahrhundert übernachten, der gerade mal 2 Kilometer vom Dorf entfernt liegt. Auch das Restaurant der „Domaine de la Grange Neuve“ ist empfehlenswert. Da haben Sie dann Provence pur.

 




Samstag, 16. Dezember 2017

Stéphane Hessel: EMPÖRT EUCH !


1948, mit einunddreißig Jahren, hatte er drei Konzentrationslager, eines in Frankreich und zwei in Deutschland, überlebt. Frankreich, dessen Staatsbürger der gebürtige Berliner noch nicht einmal zehn Jahre lang war, schickte ihn als Diplomat zur UNO, wo er mithalf, die Charta der Menschenrechte der Vereinten Nationen zu formulieren; die Artikel konnte Stéphane Hessel noch sechzig Jahre später auswendig hersagen.

Mit über neunzig Jahren wird er unerwartet Bestsellerautor. Im Oktober 2010 verlegte Sylvie Crossmann eine 32seitiges Heftchen mit dem Titel „Empört Euch“ in einer Auflage von mutigen 8.000 Exemplaren in ihren Kleinverlag in Montpellier. Vier Monate später war fast die Million erreicht und die Rechte weltweit verkauft. Stéphane Hessel hatte rund zehn Jahre nach dem Erscheinen seiner weitgehend unbeachtet gebliebenen Memoiren „Tanz mit dem Jahrhundert“ den Nerv der Zeit getroffen.
"Das Grundmotiv der Resistance war die Empörung. Wir Veteranen rufen die jungen Generationen dazu auf, das Erbe der Resistance und ihre Ideale lebendig zu erhalten und weiterzugeben.“ 
Die größte Herausforderung sieht Hessel im immer weiter wachsenden Abstand zwischen arm und reich, global wie auch auf die einzelnen Staaten bezogen.
„Aber wie kann heute das Geld fehlen, da doch die Produktion seit der Befreiung beträchtlich gewachsen ist, während Europa damals in Trümmern lag“,
 
fragt er und liefert die Antwort gleich mit.
„Das ist nur möglich, weil die von der Resistance bekämpfte Macht des Geldes niemals so groß, so anmaßend und egoistisch war wie heute und bis in die höchsten Ränge des Staates hinein über eigene Diener verfügt.“ 
Hier, im Café de Lyon von Sanary, traf sich eine kleine
Trauergemeinde nach der
Beerdigung von Franz Hessel
Hessel weiß, wovon er spricht. Als kurz nach der Entlassung aus dem Lager von Les Milles sein Vater Franz Hessel in Sanary-sur-Mer stirbt, wird Stéphane Mitglied der Resistance. Lissabon, den Weg dorthin kennt er aus der Arbeit mit Varian Fry, und London, wo er de Gaulle kennenlernt, sind seine ersten Stationen. Ab März 1944 besteht seine heikle Aufgabe darin, die Kommunikation zwischen und zu den Widerstandsgruppen neu und sicher zu installieren.

Im Juli wird er in Paris verraten, geht der Gestapo in eine Falle. Er überlebt Buchenwald und Mittelbau-Dora, weil der mit Aufsehertätigkeiten beauftragte Mithäftling Arthur Dietzsch ihm im Oktober vor der Hinrichtung die Identität eines bereits an Typhus gestorbenen Lageerinsassen zukommen läßt, der dann als Stéphane Hessel verbrannt wird. Hessel ist nun Michel Boitel, kann im April 1945 bei der Evakuierung des Lagers fliehen, kämpft noch einige Tage mit amerikanische Truppen und findet sich Ende 1945 als Diplomat in französischen Diensten.

Stéphane Hessel starb 2013 im Alter von 95 Jahren. Das Portrait Stéphane Hessel stammt aus wiki cc.


 

Samstag, 9. Dezember 2017

Marseille: Albert Hirschmann ist Beamish, der Strahlemann

Eine den Nationalsozialisten ganz wichtige Klausel im Waffenstillstandsabkommen mit Frankreich sah die Auslieferung aller von der deutschen Regierung benannten Personen vor. Und die Deutschen hatten lange Listen.

Mit Hilfe unter anderem von Thomas Mann, Hermann Kesten und Hans Sahl ergänzte auch Varian Fry seine Listen der Personen, die zu retten waren.
Mit seiner Truppe machte er sich in Marseille vom Hotel Splendide (Bilder Fry Archiv)aus tatkräftig an die Arbeit. Dieses Hotel, in der Nähe des Bahnhofs Saint Charles gelegen, entwickelte sich langsam zum Zentrum der Unterstützung von Flüchtlingen. Vor Fry hatte bereits Frank Bohn hier Quartier bezogen; Bohn kümmerte sich im Auftrag der American Federation of Labour vor allem um gefährdete Gewerkschaftsmitglieder.

Frys wichtigster Mitarbeiter war ein völlig mittelloser Berliner,

„sehr intelligent, und immer gutmütig und fröhlich. Ich nannte ihn Beamish (Strahlemann), wegen seiner schelmischen Augen und seines ewigen Schmollmundes, der sich in Sekundenschnelle in ein breites Grinsen verwandeln konnte.“


Trotz aller scheinbaren Unbeschwertheit nahm er seine Aufgabe im Komitee ernster als andere. Einmal verglich er seine Aufgabe mit der Pflicht des Soldaten die verwundeten Kameraden nicht auf dem Schlechtfeld zurückzulassen.
„Er muß sie retten, auch wenn es das eigene Leben kostet. Einige werden trotzdem umkommen. Einige werden ihr Leben lang Krüppel bleiben. Aber rausholen muß man sie alle. Zumindest muß man es versuchen.“
Und so beschaffte er Geld und Papiere, manchmal falsche, und hielt die Kontakte zur Polizei wie zur Unterwelt, um an die Aufenthaltsorte der Exilanten heran zu kommen.Und wenn es dann gelungen war, die gefährdeten Exilanten über Spanien oder Nordafrika in die USA zu bringen, erwartete die dort ein ziemlicher Kulturschock, wie die Anzeigen in den
 
 
deutschsprachigen amerikanischen Zeitungen beweisen: Vom „Witz-Kontest“ über „Reizende Girls“ bis zu John Kolischer, dem „KOMIKER der Komiker, der Millionen zum Lachen brachte“. Die Shows im Revuetheater „Old Europe“, die helfen sollten, das alte Europa zu verdrängen oder zu vergessen.

Nach seiner Flucht aus Deutschland studierte Beamish an der Ecole des Hautes Etudes Commerciales in Paris, später in London an der

School of Economics und promovierte in Triest. Und nachdem er Marseille verlassen mußte, konnte man Albert Hirschman(n), wie er richtig hieß,als Professor in Harvard, Yale und Princeton (Bild in seinem Büro dort)wiederfinden. Hirschmann hatte im Spanienkrieg auf seiten der Republikaner gekämpft, dann für die französische Armee, von wo er einen Entlassungsschein als „Albert Hermant“ besaß. Das war nur eines von seinen
„zu vielen guten falschen Papieren“.
Eine Geburtsurkunde aus Philadelphia hatte er noch, ein Soldbuch und die Mitgliedskarte eines von ihm gegründeten Automobilclubs mit dem surrealistischen Titel „Club der Clublosen“. Eines Tages müsse er ja verhaftet werden, meinte er, das sei ja
„fast wie bei einem Verbrecher, der zu viele unterschiedliche Alibis hat“.