Der äußerste Süden Frankreichs war wichtige Durchgangsstation für viele Flüchtlinge, die im Zweiten Weltkrieg über Frankreich nach Spanien und weiter nach Portugal fliehen wollten.
Vielen halfen Flüchtlingsorganisationen wie das das „Emergency Rescue Committee“ unter der Leitung des amerikanischen Journalisten Varian Fry, der von Marseille aus arbeitete. Über ihn gibt Dokumentarfime und Ausstellungen, Straßen sind nach ihm benannt und ein vielbeachtetes Buch hat er geschrieben: „Auslieferung auf Verlangen“, in dem er die Rettung vieler europäischer Interlektueller schildert. Und dennoch ist er weitgehend unbekannt gebliebe.
Ebenso kann auch mit den Namen von Hans und Lisa Fittko kaum jemand etwas anfangen. Und das trotz Lisas Büchern „Mein Weg über die Pyrenäen“ und „Solidarität unerwünscht", trotz des daraus entstandenen Theaterstücks von Christoph Hein und trotz zahlreicher Film- und Radio-Dokumentationen. Erst 1985, zwanzig Jahre vor ihrem Tod hat sie mit dem Schreiben angefangen.
Fry hat übrigens immer ein wenig den Anschein erweckt, als seien die beiden Teil seiner Organisation, Lisa Fittko dagegen legte Wert auf die Unabhängigkeit ihrer Hilfsaktionen. Bei aller Unterstützung des „Emergency Rescue Committee“ war die Distanz zwischen Fry und den Fittkos noch größer geworden, als aufgrund eines sprachlichen Mißverständnisses Fry den Eindruck gewann und auch kommunizierte, die beiden arbeiteten nur als Schleuser gegen Bezahlung; das war nicht der Fall.
Erst im Jahr 2001 wurde in Banyuls-sur-Mer eine schwer zu entziffernde
Gedenktafel enthüllt, die diese Arbeit im Verborgenen würdigte:
„Es war das Selbstverständliche.
Dem Andenken
von Lisa und Hans Fittko
und den vielen anderen.
Von September 1940 bis April 1941
führten sie - selbst bedroht -
Verfolgte des Nazi-Regimes über
die Pyrenäen.
Ihre tapfere Tat rettete
vielen Menschen das Leben.“
Heute beginnt dort, weit ab von allen Orten, an die ein Tourist in Banyuls je von alleine kommt, der „Boulevard des Evadés de France“, der Weg der Flüchtlinge in die steilen Weinberge.
Wie Heinrich Mann gerettet wurde und warum Walter Benjamin nach dem Weg über die Pyrenäen Selbstmord beging, ein einem weiteren Blogbeitrag.
Samstag, 2. September 2017
Samstag, 26. August 2017
Hermann Kesten: Schriftsteller, Flüchtling und Lebensretter
Wenn wer Ende der 1920er Jahre in eine Buchhandlung ging und nach einem Werk von Erich Kästner fragte, kam es meist zur Gegenfrage: „Sie meinen doch sicher Hermann Kesten.“
Bis 1933 war Kesten in Deutschland nicht nur als Autor, sondern vor allem als Programmleiter des Berliner Kiepenheuer Verlages eine der meinungsbildenden Persönlichkeiten der Literaturszene: Heinrich Mann, Anna Seghers und Bert Brecht gehörten zu den von ihm geförderten Autoren. Nach seiner Flucht vor den Nationalsozialisten, die ihn über Frankreich in die Vereinigten Staaten führte, entwickelte er sich zur der zentralen Figur der Exilliteratur. Neben seiner Tätigkeit als Lektor veröffentlichte er zahlreiche Artikel in der Weltbühne, der Frankfurter Zeitung und dem Berliner Tageblatt. Als „Literator“ bezeichnete ihn ob seiner Lektorenmacht und seiner vielen Verbindungen im Kulturbetrieb später Marcel Reich-Ranicki.
Bis 1933 war Kesten in Deutschland nicht nur als Autor, sondern vor allem als Programmleiter des Berliner Kiepenheuer Verlages eine der meinungsbildenden Persönlichkeiten der Literaturszene: Heinrich Mann, Anna Seghers und Bert Brecht gehörten zu den von ihm geförderten Autoren. Nach seiner Flucht vor den Nationalsozialisten, die ihn über Frankreich in die Vereinigten Staaten führte, entwickelte er sich zur der zentralen Figur der Exilliteratur. Neben seiner Tätigkeit als Lektor veröffentlichte er zahlreiche Artikel in der Weltbühne, der Frankfurter Zeitung und dem Berliner Tageblatt. Als „Literator“ bezeichnete ihn ob seiner Lektorenmacht und seiner vielen Verbindungen im Kulturbetrieb später Marcel Reich-Ranicki.
![]() |
| Toni und Hermann Kesten in New York 1943. Auch Kestens Frau war komplett in die Rettungsaktivitäten zahlreicher Exilautoren vor dem Zugriff der Nationalsozialisten eingebunden. |
„Ich besitze Hunderte Briefe berühmter europäischer Maler, Musiker, Professoren, Philosophen, Bildhauer und Autoren, die in ganz Amerika keinen andern wussten, der ihnen helfen konnte, ihr Leben zu retten, als mich.“Ein solcher Satz war keine überzogene Eitelkeit, denn zu den von ihm geretteten Personen gehörten etwa Lion Feuchtwanger, Marc Chagall, Alfred Döblin und Franz Werfel.
Als hätte er seine spätere Rolle vorausgeahnt: In seinem Abituraufsatz aus dem Jahr 1919 beschäftigte sich Kesten bereits mit der Frage
"Wie kann der Dichter seinem Volke in Zeiten der Drangsal und Erniedrigung nützen?“Schon gut zehn Jahre später war Kestens Einfluss derartig, dass Bert Brecht mit ihm allen Ernstes die Vereinbarung treffen wollte, „wechselseitig nur noch Lobendes übereinander zu sagen.“
![]() |
| Keine Werbung, sondern eine Notwendigkeit in Ihrer Bibliothek: Die Kesten Biographie von Albert M. Debrunner |
Heute kann mit den Namen Hermann Kesten fast niemand mehr etwas anfangen. Da sollte die kürzlich im kleinen Schweizer Nimbus-Verlag erschienene – und, kaum glaublich, erste (!) - Kesten-Biographie helfen, das zu ändern. Zwanzig Jahre hat deren Autor, der promovierte Germanist und Philosoph Albert M. Debrunner** in Archiven geforscht, Gespräche mit Zeitzeugen geführt und so zahlreiche bisher nicht bekannte Dokumente, Briefe und Familienfotos ans Licht geholt.
Nicht so ganz einfach ist das gewesen, über einen Menschen zu schreiben, wenn 1933 zahlreiche Quellen von den Nationalsozialisten vernichtet wurden, später bei Fluchten und Umzügen verloren gingen oder sogar von seiner Frau aus Angst vor den US-Geheimdiensten vorsorglich verbrannt wurden. 1940 musste Kesten seine Unterlagen vor den Nazis in einem Pariser Hotel und im Amsterdamer Exilverlag Allert de Lange zurück lassen. Ende der 1960er Jahre wurden dann Briefe und Manuskripte aus dem New Yorker Leo Baeck Institut, das sich mit der Erforschung und Dokumentation des deutschsprachigen Judentums beschäftigt, gestohlen.
In der Biographie Debrunners steht jener Hermann Kesten, der Beichtvater und Verleger, gutes und schlechtes Gewissen sowie Geld- und Ratgeber „seiner“ Autoren war, über dem Schriftsteller Kesten. Geldsorgen, Depression, Hunger, Langeweile und Angst waren die täglichen Begleiter vieler der von ihm betreuten und oft mit ihm befreundeten Schriftsteller, aber er konnte nicht immer helfen. "Wir verloren unser Volk und unsere Leser, unsere Verlage, Zeitungen, Theater, Wohnungen, Bankkonten, Pässe, Papiere, unsere Manuskripte oder Freunde, unsere Identität und viele von uns ihr Leben.“
Trotzdem gab es auch glückliche Wochen und Monate. 1934, im ersten Jahr seines Exils, bewohnte Kesten in Nizza gemeinsam mit Joseph Roth und Heinrich Mann ein Haus an der Ecke Petite Rue de la Californie und der Promenade des Anglais. Ein wahrhaft produktives Haus: Während Kesten im ersten Stock an „Ferdinand und Isabella“ arbeitete, schrieb Roth im zweiten an „Die hundert Tage“ und Mann im dritten an „Henri Quatre“; drei sehr unterschiedlich angelegte historische Romane entstanden von Etage zu Etage.
![]() |
| 1933 in Sanary mit vielen Autorenkontakten und ein Jahr später in Nizza mit Heinrich Mann und Joseph Roth im gleichen Haus |
Da passten die drei sehr unterschiedlichen Frauen, mit denen sie hier lebten. Manns Freundin Nelly Kroeger,
„blond, üppig und weinselig“,
erzählte grotesk-gewagte und
„manchmal schon zu deutliche Geschichten aus ihrer Mädchenzeit am Kurfürstendamm, berlinerisch ausgezogene, sozusagen splitternackte Geschichten, die mehr nach rotem Wein schmeckten als nach Nachtigallenzungen."
Kestens Mutter, die zweite Frau im Dichterhaus, moralisierte und zitierte die deutschen Klassiker und wenn Roths Freundin Andrea Manga Bell, regelmäßig mit leichter Verspätung ins Eckrestaurant kam, war dies jedes Mal ein perfekt inszenierter Auftritt. „Die Frau eines afrikanischen Königs war die Tochter eines Kubaners und einer blonden Hamburgerin“, wie sich Kesten in „Meine Freunde die Poeten“ erinnerte.
Für Heinrich und Thomas Mann, Alfred Döblin, Stefan Zweig, Friedrich Torberg oder Hans Magnus Enzensberger gehörte er zu den großen Romanciers des 20sten Jahrhunderts. Insgesamt rund zwanzig Romane und Biographien hat er geschrieben und wurde mit seinem Erstling „Josef sucht die Freiheit“ zu einem Hauptvertreter einer ganzen Literaturgattung, der „Neuen Sachlichkeit“.
Für Heinrich und Thomas Mann, Alfred Döblin, Stefan Zweig, Friedrich Torberg oder Hans Magnus Enzensberger gehörte er zu den großen Romanciers des 20sten Jahrhunderts. Insgesamt rund zwanzig Romane und Biographien hat er geschrieben und wurde mit seinem Erstling „Josef sucht die Freiheit“ zu einem Hauptvertreter einer ganzen Literaturgattung, der „Neuen Sachlichkeit“.
Debrunner schreibt seine wissenschaftlich abgesicherte Forschungsarbeit so journalistisch leicht, dass die Lektüre Spaß macht. Allerdings macht es auch kein Hehl aus der Tatsache, dass er ein großer Fan von Kesten ist. Aber so ging und geht es fast allen, die in die Umlaufbahn Hermann Kesten gezogen werden.
Und Kesten heute? Als ich kürzlich in einer Buchhandlung nach einem Werk von Kesten fragte, wurde mir zu „Emil und die Detektive“ geraten, ersatzweise („Ist es für eine Mädchen?“) zu „Das doppelte Lottchen“.
** Albert M. Debrunner, Jahrgang 1964, promovierte mit einer Arbeit über den Schweizer Aufklärer Johann Jakob Bodmer und arbeitet als Gymnasiallehrer in Basel. Von 2006 bis 2014 war er Präsident der Allgemeinen Lesegesellschaft Basel. Er publizierte eine Reihe von Büchern, etwa über René Schickeles Schweizer Jahre oder „Literarische Spaziergänge durch Basel“. Und was Kesten gefallen hat: Debrunner ist im Arbeitszimmer seines Vaters, zwischen tausenden von Büchern, zur Welt gekommen. In den neunziger Jahren hat er Hermann Kesten in persönlichen Begegnungen befragen können.
Von den Büchern, die Hermann Kesten geschrieben hat, war lange Zeit kein einziges lieferbar; seit 2014 immerhin wieder die „Dichter im Café“. Kestens Werke wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Neben Thomas Mann und Lion Feuchtwanger gehört er zu dem meist gelesenen deutschen Autoren in den USA.
„Zu Hause im 20. Jahrhundert: Hermann Kesten“, Nimbus Verlag, CH-Wädenswil, 2017, 448 Seiten mit zahlreichen Bildern, 36 €, ISBN 978-3-03850-032-2. Also gleich auf in die Buchhandlungen!
Labels:
Albert M. Debrunner,
Biographie,
Heinrich Mann,
Hermann Kesten,
Joseph Roth,
Lion Feuchtwanger,
Nimbus Verlag
Samstag, 19. August 2017
Thierry Vezon und andere beim Festival in Uzès: Die Bilder der Camargue
| Der Weg in die Unendlichkeit zwischen zwei Salzwasserlagunen |
| Natürlich auch in Farbe, hier aber in schwarzweiss: Pferde und Flamingos von Thierry Vezon |
Vezon übernimmt Patenschaften wichtiger Festivals und ist Jury-Mitglied des renommierten Wettbewerbs "The Wildlife Photographer of the Year", der vom Naturhistorischen Museum in London und der BBC organisiert wird. Und quasi nebenbei Autor oder besser gesagt Fotograf einer ganzen Reihe von Büchern.
| Thierry Vezon mit einem Ultraleichtflugzeug von Stephen Gänßler |
Beim „Festival photo des AZIMutés“ in Uzes, das in diesem Jahr zum drittenmal stattfand, habe ich ihn gerade getroffen und danke für seine Zustimmung die Bilder dieses Beitrags veröffentlichen zu dürfen. Blättern Sie einfach einmal auf seiner HOMEPAGE.
Das Festival insgesamt besticht mit einer abwechslungsreichen
| Wartende Menschen von Alain Dauty |
Wenn wer mit dem Rollstuhl unterwegs ist, für den bleibt Uzes ein holpriges und manchmal unzugängliches Pflaster, wie hier auf der Rückseite der Mairie.
Labels:
Camargue,
Festival photo,
Les azimutes d'Uzes,
Thierry Vezon
Samstag, 12. August 2017
Prix Goncourt und Nobelpreis: Selten für Südfranzosen
Als Autoren sind sie kaum im Gedächtnis geblieben, aber den Namen Goncourt kennt nicht nur in Frankreich jeder Literaturinteressierte. Es ist der wichtigste literarische Preis, der im Hexagone seit nun mehr als einhundert Jahren verliehen wird. Mit einem symbolischen Scheck über zehn Euro geringst dotiert, aber gleichzeitig die Garantie für künftige Verkaufserfolge.
Die Preisträger ergeben sich scheinbar beiläufig. Denn die zehn Mitglieder der Akademie treffen ihre Entscheidung während eines Abendessens im Restaurant Drouant, nicht weit von der Pariser Oper. Tradition wird dabei groß geschrieben: Immer der gleiche runde Tisch im ersten Stock und immer das Silberbesteck mit den Namensgravuren der Mitglieder. Edmond de Goncourt hatte die Gründung der Gesellschaft testamentarisch verfügt. Da das gegen den Willen der Erben geschah, bestimmte er Alphonse Daudet zum Testamentsvollstrecker.
Wenn Sie einmal auf den Preis aus sind, empfehle ich eine Veröffentlichung Ihres Buches beim Verlag Gallimard, dessen Autoren bisher rund ein Drittel der Preise gewonnen haben.
Jemand, der sich an diese Empfehlung gehalten hat, ist der in Nizza geborene Jean-Marie Gustave Le Clézio.
Seine frühen Werke, darunter der Erstling „Le procès-verbal“, der in Deutschland bei Piper als „Das Protokoll“ erschien, wurden von Gallimard herausgegeben.
Für dieses Buch gab es zwar „nur“ den Prix Renaudot, unter anderem dafür im Jahr 2008 aber auch den Nobelpreis für Literatur. Das Komitee, dessen Begründungen oft genug auch beim zweiten Nachlesen noch nicht ganz nachvollziehbar sind, war der Meinung, Le Clézio sei der Garant
| Edmond und Jules Goncourt fotografiert von Félix Nadar. Bild Wiki cc |
Wenn Sie einmal auf den Preis aus sind, empfehle ich eine Veröffentlichung Ihres Buches beim Verlag Gallimard, dessen Autoren bisher rund ein Drittel der Preise gewonnen haben.
Jemand, der sich an diese Empfehlung gehalten hat, ist der in Nizza geborene Jean-Marie Gustave Le Clézio.
| Le Clézio, Jahrgang 1940 |
Für dieses Buch gab es zwar „nur“ den Prix Renaudot, unter anderem dafür im Jahr 2008 aber auch den Nobelpreis für Literatur. Das Komitee, dessen Begründungen oft genug auch beim zweiten Nachlesen noch nicht ganz nachvollziehbar sind, war der Meinung, Le Clézio sei der Garant
„des poetischen Abenteuers und der sinnlichen Ekstase, der Erforscher einer Menschlichkeit außerhalb und unterhalb der herrschenden Zivilisation“.Er selbst, und das spricht für ihn, war eher überrascht. Die deutschsprachige Kritik,
„hochgestochener, langweiliger Ethno-Kitsch“hieß es da schon mal, vermutete, wie Sigrid Löffler, daß nach fünfundzwanzig Jahren einfach wieder mal ein Franzose „dran“ gewesen sei. Oder sie hatte, wie Marcel Reich-Ranicki, der mal wieder vergeblich auf seinen Philip Roth gewartet hatte, einfach noch nichts von Le Clézio gelesen.
Samstag, 8. Juli 2017
Beaucaire: Römische Weine vom Mas des Tourelles
In seiner massigen Gestalt, mit Räuberbart und kragenlangen Haaren ging Moritz Hartmann, österreichischer Journalist und Teilnehmer der Badischen Revolution von 1848 von Tarascon aus über die alte Kettenbrücke hinüber nach Beaucaire. Das war ein Abenteuer für sich, denn diese Brücke
Art und ein Spaziergang auf der Straße des Domitian sind mit gut zwei Stunden einzuplanen. Wenn
Sie den Keller besichtigen und die Weinprobe bis zum Ende mitmachen, wird es auch leicht ein Nachmittag. Nach den Rezepten der römischen Schriftsteller Plinius und Cato werden verschiedene Weine hergestellt, die Trauben handgelesen und mit bloßen Füßen gesaftet. Und auch bei der Gärung hält man sich hier ans Original, nicht in Fässern also, sondern in Tonkrügen.
Wichtigstes Produkt war früher der Mulsum, ein mit Honig, Zimt und Pfeffer gewürzter Wein, der mit der schönen Legende versehen ist, Männern, aber auch nur diesen, die ewige Jugend zu schenken. Vorsichtshalber war er für Frauen und Sklaven verboten. Für die Damen gibt es heute wie damals den Carenum, der seinen sehr süßlichen Geschmack aus konzentriert-eingekochtem Traubenmost und Quittensaft erhält. Als dritte römische Variante wird der Turriculae produziert, ein trockener, sehr gewöhnungsbedürftiger Weißer, dem man die Würzmittel Bockshornklee und Meerwasser zugesetzt hat. Dann schon lieber einen der ganz normalen Rhone- oder Costières-de-Nîmes-Weine des Mas des Tourelles.

Heute hat Beaucaire kaum mehr zu bieten, als die gelegentlichen Krawalle nordafrikanischer Jugendlicher und ein paar dressierte Adler, die um die Burg herumfliegen.
Also zurück nach Tarascon, wo es immerhin noch einen Daudet und dessen Tartarin gibt; und ein lebendiges Kulturleben mit vielen wechselnder Ausstellungen - der Pastellkreide-Zeichner Le Bozec gehört zu den eingeladenen Künstlern - im Cloître des Cordeliers mit einem erfrischend kühlen Innenhof.
„zittert ewig und wiegt sich hin und her wie ein leichtes Seidenband im Winde“.Immer wieder wurden Fußgänger oder selbst Pferdewagen in die Rhone geworfen, wenn der Mistral unter die Brücke fuhr wie in ein zu groß geratenes Segel. „Bei dieser Gelegenheit zerriß er auch alle eisernen Bande, als wären sie Spinngewebe.“ Die Stadt selbst, außer an den Markttagen, beklagte er als
„einen traurigen, öden, armen Flecken“.Er hätte auch schreiben können, das Schönste an Beaucaire sei der Weg hinaus aus der Stadt in Richtung des Weingutes Mas des Tourelles und zur Via domitia. Weinproduktion auf gallo-römische
Art und ein Spaziergang auf der Straße des Domitian sind mit gut zwei Stunden einzuplanen. Wenn
| Weine, die für Frauen und Sklaven verboten waren |
Wichtigstes Produkt war früher der Mulsum, ein mit Honig, Zimt und Pfeffer gewürzter Wein, der mit der schönen Legende versehen ist, Männern, aber auch nur diesen, die ewige Jugend zu schenken. Vorsichtshalber war er für Frauen und Sklaven verboten. Für die Damen gibt es heute wie damals den Carenum, der seinen sehr süßlichen Geschmack aus konzentriert-eingekochtem Traubenmost und Quittensaft erhält. Als dritte römische Variante wird der Turriculae produziert, ein trockener, sehr gewöhnungsbedürftiger Weißer, dem man die Würzmittel Bockshornklee und Meerwasser zugesetzt hat. Dann schon lieber einen der ganz normalen Rhone- oder Costières-de-Nîmes-Weine des Mas des Tourelles.
| Le Bozec's Pastelle im Cloître des Cordeliers |
Heute hat Beaucaire kaum mehr zu bieten, als die gelegentlichen Krawalle nordafrikanischer Jugendlicher und ein paar dressierte Adler, die um die Burg herumfliegen.
Also zurück nach Tarascon, wo es immerhin noch einen Daudet und dessen Tartarin gibt; und ein lebendiges Kulturleben mit vielen wechselnder Ausstellungen - der Pastellkreide-Zeichner Le Bozec gehört zu den eingeladenen Künstlern - im Cloître des Cordeliers mit einem erfrischend kühlen Innenhof.
Labels:
Beaucaire,
Daudet,
Le Bozec,
Mas des Tourelles,
Moritz Hartmann,
römischer Wein,
Tarascon,
Tartarin
Freitag, 16. Juni 2017
Uzès: Der Optimismus der Maud Dardenne
„Me you“ signiert Maud Dardenne ihre zeitaufwändigen Bilder, manchmal fotorealistische Portraits und manchmal Bilder, die einen erst an den Zöllner Rousseau und dann den Abenteurer Gauguin denken lassen. „Weil sie von mir kommen und an Dich gehen“, so die einfache Erklärung.
Dardenne hat nach dem Studium der Grafik an der Ecole Sornas viele Jahre als Grafikerin für das Vallée de la Seine gearbeitet, für Kulturzentren und Mediatheken Plakate entworfen, die Gestaltung von Bühnenbildern übernommen und als Professeur d'Arts Plastiques Studenten unterrichtet.
Ein paar Jahre hat sie in den Cevennen verbracht, in Pont de Monvert, wo sie für die Assoziation L’Arbre Seul tätig war und nun, seit 2007 in Uzès in ihrer eigenen Atelier-Galerie am Boulevard Victor Hugo 4 auf Höhe der Kirche Saint Etienne (06 52 87 21 25). Hier lebt Maud Dardenne jetzt mit und für ihre Kunst, die sie altmeisterlich und höchst exakt in Öl auf Leinwand realisiert. Für den Aufwand verkauft sie ihre Bilder viel zu billig.
Die meiste Zeit verbringt sie im Atelier, das zugleich Küche ist. Des öfteren kauft sie mit Freunden oder Kursteilnehmern auf dem Samstagsmarkt in Uzès Gemüse ein, das erst als Vorlage für Stilleben dient und hinterher gemeinsam zubereitet und gegessen wird.
So stand ihr ein siebzehnjähriger Junge Modell für das Bild eines Engels. Drei Jahre später hätte sie ihn so nicht mehr malen können, so eindeutig hatte er sich zum Mann verändert. Ihre Modelle findet sie auf dem Markt oder abends in einer Bar…“und leider wird das oft sehr teuer für mich, da ich so langsam male…“, lacht sie. Der Optimismus, den die meisten Bilder ausstahlen, begleitet sie durch ihr Leben.
Weitere Künstler aus Uzès und Umgebung finden Sie hier mit Roma&Bredel, oder hier mit Oliver Bevan oder hier mit Iva Tesorio und Jürg Treichler oder hier mit Viva Blevis und John Townsend.
Dardenne hat nach dem Studium der Grafik an der Ecole Sornas viele Jahre als Grafikerin für das Vallée de la Seine gearbeitet, für Kulturzentren und Mediatheken Plakate entworfen, die Gestaltung von Bühnenbildern übernommen und als Professeur d'Arts Plastiques Studenten unterrichtet.
Ein paar Jahre hat sie in den Cevennen verbracht, in Pont de Monvert, wo sie für die Assoziation L’Arbre Seul tätig war und nun, seit 2007 in Uzès in ihrer eigenen Atelier-Galerie am Boulevard Victor Hugo 4 auf Höhe der Kirche Saint Etienne (06 52 87 21 25). Hier lebt Maud Dardenne jetzt mit und für ihre Kunst, die sie altmeisterlich und höchst exakt in Öl auf Leinwand realisiert. Für den Aufwand verkauft sie ihre Bilder viel zu billig.
Die meiste Zeit verbringt sie im Atelier, das zugleich Küche ist. Des öfteren kauft sie mit Freunden oder Kursteilnehmern auf dem Samstagsmarkt in Uzès Gemüse ein, das erst als Vorlage für Stilleben dient und hinterher gemeinsam zubereitet und gegessen wird.
„Ich bin keine Malerin, die religiöse Motive in Mittelpunkt stellt, aber die Symbolik ist mir wichtig. Und, daß man sich längere Zeit mit meinen Bildern beschäftigt, das Verborgene und Zwiespältige sieht oder das Androgyne.“
So stand ihr ein siebzehnjähriger Junge Modell für das Bild eines Engels. Drei Jahre später hätte sie ihn so nicht mehr malen können, so eindeutig hatte er sich zum Mann verändert. Ihre Modelle findet sie auf dem Markt oder abends in einer Bar…“und leider wird das oft sehr teuer für mich, da ich so langsam male…“, lacht sie. Der Optimismus, den die meisten Bilder ausstahlen, begleitet sie durch ihr Leben.
Weitere Künstler aus Uzès und Umgebung finden Sie hier mit Roma&Bredel, oder hier mit Oliver Bevan oder hier mit Iva Tesorio und Jürg Treichler oder hier mit Viva Blevis und John Townsend.
Labels:
Gauguin,
Maus Dardenne,
Rousseau,
Uzes
Samstag, 10. Juni 2017
Uzes: Roma, Bedel und Roxanne Pacquetet
![]() |
| Roma's Schattenspiele |
Pastel gras, "fettes Pastell", nennen französischsprachige Künstler ihre Ölpastellkreide. Gleich Zweien, die in dieser Technik arbeiten, bin ich in letzter Zeit begegnet: Jean-Pierre Le Brozec im Kloster von Tarascon und Mireille Couston - Künstlername Roma - in ihrer Galerie in Uzes, die sie gemeinsam mit ihrem Mann Thierry Bedel, ebenfalls Künstler, in der Rue Jacques d'Uzès Nummer 11 betreibt. Irgendwie liegen die Kunst bei Großmutter Roma und das Kunsthandwerk
bei der Enkelin Roxanne Pacquetet in der Familie. Auf dem Samstagsmarkt präsentiert Roxanne ihre Handtaschen, jedes ein Unikat, vor der Galerie.
Das Malen mit Pastellölkreide braucht viel Erfahrung, der Farbauftrag erfolgt zeichnerisch, aber in fließenden Bewegungen, oft verwischt. Der Begriff Pastell ist da ziemlich irreführend, den die Farben sind intensiv und können in der Leuchtkraft noch erhöht werden, wenn mehrschichtig übereinander gemalt wird.
![]() |
| Roma mit eigenem Werk und Bedel's Lavendel |
Le Brozec gehört zu den bekanntesten und erfolgreichsten französischen Pastellmalern, der insbesondere die unterschiedlichsten Hauttöne so trifft, dass man immer versucht ist, darüber zu fahren, um sicher zu sein, dass es auch tatsächlich nur ein Gemälde ist. Das haben dann auch tatsächlich so viele Besucher getan, dass die die empfindliche Ölkreide durch leider nicht entspiegeltes Glas gesichert wurde. So kommt man zu ganz neuen Ansichten im Cloître des Cordeliers, das mitten in der Stadt, aber mit verstecktem Eingang, am Place Frédéric Mistral liegt.
![]() |
| Ein Le Brozec-Portrait, in dem sich der Klosterkreuzgang von Tarascon spiegelt und, für Ihren Besuch, ein Blick auf die handkolorierten Visitenkarten und Roma et Bredel |
Labels:
Bredel,
Pastellölkreide,
Roma,
Uzes
Samstag, 27. Mai 2017
Rivesaltes: Der lange Kampf ums Erinnern
Wer heute das Wort Rivesaltes hört, denkt vielleicht zunächst an die dortigen Süßweine, aber hier in der Ebene ist das Klima so hart und gegensätzlich, dass nicht einmal die anspruchslosen Weinreben wachsen. Extreme Tageshitze und tiefe Minusgrade in den Winternächten, die Fallwinde der Pyrenäenund und auch die unhygienischen Verhältnisse im Lager verursachte viele Todesfälle. Und genau 2.313 Juden wurden von hier in die Vernichtungslager geschickt.
Es hat Jahrzehnte gedauert, bis der französische Staat seiner Pflicht zum Erinnern nachkam.
„Das Schweigen über das Lager von Rivesaltes war ‚national‘, die Tür für die Erinnerungsarbeit musste erst aufgestoßen werden“,so die Journalistin Ursula Welter in einem Beitrag für den Deutschlandfunk.
Kurz vor der Eröffnung der Erinnerungsstätte habe ich einen halben Tag im Lager verbracht, zwischen den kaum zerfallenen Baracken, dem Stacheldraht, der überall noch aus dem Boden hervorsticht und den verrosteten Sardinendosen, die an die Insassen regelmäßig ausgeteilt wurden.
Die Aufarbeitung der Lagerzeit durch Zeitzeugen kann hier inzwischen, in Les Milles hat es Jahre zuvor noch geklappt, kaum mehr gelingen. Immerhin gab es örtlichen Vereine, die das lange vor Eröffnung der offiziellen Gedankstätte versuchten. Etwa die „Anciens Combattants Prisonniers de Guerre Combattants d'Algérie, Tunisie, Maroc ( http://www.fncpg-catm.org/) oder die « Fils et Filles de Républicains Espagnols et Enfants de l’Exode » (http://ffreee-retirada.blogspot.fr/ )
Der damalige Staatspräsident Sarkozy ließ sich das Gelände bezahlen, bevor dort die historische Arbeit aufgenommen werden konnte. Der Sozialist Bourquin lässt heute kein gutes Haar an seinem konservativen Verhandlungspartner von einst. Sarkozy habe von einer Gedenkstätte zunächst nichts wissen wollen, erst im Wahlkampf 2012 habe er Rivesaltes für sich entdeckt und für ein paar werbetaugliche Fotos am Rande einer Stippvisite genutzt. "Ich denke, ganz klar, dass er persönlich ein Problem mit Erinnerungsarbeit hat“,sagte Bourquin im DLF-Interview.
Die 2015 dann doch eröffnete Gedenkstätte lohnt den Besuch. Architekt Rudy Ricciotti hat große Teile in die Erde gebaut; kein Gebäudeteil sollte die Baracken überragen.
Die Homepage, wenn Sie dem Link gefolgt sind, ist hoffentlich aktueller als im Mai 2017, als vorwiegend Veranstaltungen des Vorjahres präsentiert wurden. Und warum das Memorial auch noch mit einer Anzeige in Google wirbt, obwohl man längst als erste Fundstelle angezeigt wird, muss man ja nicht verstehen.
Labels:
Camp,
Harki,
Lager,
Rivesaltes,
Spanischer Bürgerkrieg
Samstag, 20. Mai 2017
Anduze: Liebesbriefe und Reklamationen an EDF
Die Cevennen und ihre vorgelagerten Ebenen sind eine Region mit einer überproportionalen Quote von Menschen, die französisch kaum bis sehr schlecht sprechen und manchmal gar nicht schreiben - nicht zuletzt die vielen Nordafrikaner aber auch spanische Einwanderer, oft ehemalige Erntehelfer, die hier geblieben sind. In Anduze findet deshalb Françoise Poupart als „Ecrivain public“, als öffentliche Schreiberin, ihr Auskommen. Manchmal muß man nicht einmal ihr Büro aufsuchen, sondern trifft sie auf dem Markt. „La Plume de Françoise“ heißt ihr kleines Unternehmen, in dem sie Briefe an France Telecom oder die Gas- und Elektrizitätswerke ebenso schreibt wie einen Liebesbrief oder den kondolierenden.
Daneben auch Familien- und Firmengeschichten oder in wohlgesetzten Worten, wie man sich von ihr oder ihm trennt.
Samstag, 13. Mai 2017
Combes: Der Wald der toten Schriftsteller
Genau 560 Autoren wurde dort, in einem über einhundert Hektar großen Gelände, ein Naturdenkmal gesetzt, ein Baum für jeden der französischen Schriftsteller, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind: Pinien, Zedern, Douglasien und die aus den Vereinigten Staaten stammenden Roteichen. Auch die Toten des Zweiten Weltkrieges sind inzwischen berücksichtigt.
Neben alliierten Mitstreitern aus Nordamerika und Italien befinden sich auch die beiden Frauen Marietta Martin und Irène Némirovsky auf der Liste. Viele der Autoren, sieht man einmal von Antoine de Saint-Exupéry und Paul Drouot ab und vielleicht noch Charles Péguy, sind in Deutschland (und ein paar weniger in Frankreich) völlig unbekannt.
Die Idee dazu propagierte der ehemalige Marineoffizier und Schriftsteller Claude Farrère, der 1931 Vorsitzender der Association des écrivains combattants war. Noch mehr als zehn Jahre nach Kriegsende kämpfte er um die den Kriegsversehrten versprochenen, aber nicht ausgezahlten Pensionen. Wenige Jahre später wurde er in die Académie française gewählt.
Die Idee dazu propagierte der ehemalige Marineoffizier und Schriftsteller Claude Farrère, der 1931 Vorsitzender der Association des écrivains combattants war. Noch mehr als zehn Jahre nach Kriegsende kämpfte er um die den Kriegsversehrten versprochenen, aber nicht ausgezahlten Pensionen. Wenige Jahre später wurde er in die Académie française gewählt.
| Ysabelle Lacamp gehört zu den aktuellen französischen Schriftstellern, die sich für den Wald der toten Kollegen einsetzen |
Mit Emmanuel Bourcier hatte Farrère den Mann an seiner Seite, der das Projekt vor Ort betrieb und in der Landschaftsgärtnerin Francisque Lacarelle eine überzeugte Mitstreiterin, die die weitere Aufforstung des Gebietes umsetzte. Dabei pflanzte sie mehr als zehntausend Bäume auf eigene Kosten. Bei der Jahrhundert-Überschwemmung von 1983 wurde ein Viertel des Gebietes völlig zerstört.
Den Roman von Danielle Auby über den „Wald der toten Dichter“, der 1993 als „Bleu Horizon“ in Frankreich erschien, können Sie lesen, wenn Sie ihn wirklich nur als Roman begreifen und es Ihnen auf historische Ungenauigkeiten nicht ankommt. Keinesfalls sind alle toten Dichter im Jahr 1891 geboren: Péguy 1873, Drouot 1886 und Martin 1902.
| Charles Peguy Bild Wiki cc |
Der Tod ist nichts
Der Tod ist nichts, ich bin nur in das Zimmer
nebenan gegangen. Ich bin ich, ihr seid ihr.
Das, was ich für Euch war, bin ich immer noch.
Gebt mir den Namen, den ihr mir immer gegeben habt.
Sprecht mit mir, wie ihr es immer getan habt.
Gebraucht nicht eine andere Redensweise,
seid nicht feierlich oder traurig.
Lacht weiterhin über das, worüber wir gemeinsam
gelacht haben.
Betet, lacht, denkt an mich, betet für mich
damit mein Name im Hause gesprochen wird,
so wie es immer war,
ohne besondere Betonung, ohne die Spur des Schattens.
Das Leben bedeutet das, was es immer war.
Der Faden ist nicht durchschnitten.
Warum soll ich nicht mehr in euren Gedanken sein,
nur weil ich nicht mehr in eurem Blickfeld bin?
Ich bin nicht weit weg,
nur auf der anderen Seite des Weges.
Charles Peguy
PS. Mit dem „Club der toten Dichter“ von Nancy Kleinbaum hat das überhaupt nichts zu tun und sei hier nur erwähnt, weil Kleinbaums Roman einer der wenigen ist, die nach einer Verfilmung entstanden sind.
Abonnieren
Posts (Atom)









