Samstag, 26. Mai 2018

Resistance-Literatur: "Das Schweigen des Meeres"

Melvilles Film ist sehenswert. Hier der Trailer.                                                             Bild Pinterest
So gut wie nicht jeder Deutsche ein Kriegsverbrecher, so wenig war jeder Franzose in der Resistance. Auch in Frankreich gab es Faschisten, von denen sich mehrere tausend sogar der SS anschlossen und in der Division Charlemagne an der Ostfront und in den letzten Kriegstagen in Berlin am Anhalter Bahnhof und vor dem Reichssicherheitshauptamt kämpften. Zu der Einheit gehörten auch Deutsche Soldaten, so der spätere Konstanzer Literaturwissenschaftler Hans Robert Jauß, mit seinem Spezialgebiet der mittelalterlichen und modernen Literatur Frankreichs. Er berichtet auch von Kriegsverbrechen dieser Division.

Die französische Widerstandsbewegung darf man sich, gerade zu Beginn, nicht als straff organisierte Bewegung vorstellen. Und auch gegen Kriegsende gab es immer noch viele Untergruppierungen und völlig selbstständig agierende Einheiten. Da gab es die Untergrundzeitungen Liberation, Franc-Tireur und Combat, da waren Gruppen wie die Front National von Pierre Villo, das Comité d’Action Socialiste von Pierre Brossolette, die Armée Secrète unter Charles Delestraint und viele andere, von denen die Résistance der Fer der französischen Eisenbahner eine besonders wichtige Funktion erfüllten. Und dann gab es natürlich noch die Exil-Patrioten im Umfeld des noch 1940 weitgehend unbekannten Charles de Gaulle; sein erster Aufruf zum Widerstand, den die BBC verbreitete, blieb weitgehend wirkungslos. Erst drei Jahre später konnte Jean Moulin – Deckname „Max“ oder „Le Maquis“ die unterschiedlichen Bewegungen, die sich in Einzelfällen sogar bei der Gestapo denunziert hatten, koordinieren.
Neben den zahlreichen Sabotageakten war die Literatur der Resistance ein wesentlicher Faktor, der das Zusammengehörigkeitsgefühl der Franzosen bestärkte. Eine der einflußreichsten Veröffentlichungen war die Novelle „Le Silence de la Mer“, die der ehemalige Karikaturist Jean Marcel Bruller unter dem Namen Vercors in der von ihm mitbegründeten „Editions de Minuit“ veröffentlichte; gedruckt wurde das Fünfzig-Seiten-Büchlein allerdings in Genf. Den Namen Vercors hatte sich Bruller nach einem wichtigen Rückzugsgebiet der Resistance in der Nähe von Grenoble gewählt. Dort war es zu brutalen Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht gekommen. Die Tageszeitung „Le Monde“ zählt das Buch zu den wichtigsten einhundert Büchern des 20. Jahrhundert.

Der Offizier Werner von Ebrennac wird bei einem Schreiner und dessen Nichte einquartiert, die mit dem anständigen und an französischer Kultur interessierten Deutschen als Zeichen ihres Widerstandes kein Wort sprechen. Ebrennac kann sich sogar eine deutsch-französische Freundschaft vorstellen. Damit steht er jedoch auch bei seinen Kameraden ziemlich allein. Erst als er sich zum Kampfeinsatz an die Ostfront meldet und das Haus verläßt, spricht die Nichte ihr einziges Wort:


„Adieu!“
Heute ist die Wirkung des Buches schwer nach zu vollziehen. Oft wurde es wegen seines Ansatzes der Völkerverständigung André Gide zugeschrieben. Der russische Schriftsteller und Journalist Ilja Ehrenburg charakterisierte es als ein
„Werk zur Provokation, das bestimmt von einem Nazi geschrieben wurde, um der Manipulation der öffentlichen Meinung unter Führung der Gestapo dienlich zu sein“.
Der Untergrundverlag „Editions de Minuit“ veröffentlichte daneben sehr früh schon Werke der späteren Nobelpreisträger Samuel Beckett und Claude Simon. Die frühe Verfilmung von Melville ist sehenswerter als die späteren Versuche.

 

Samstag, 19. Mai 2018

Saint Césaire de Gauzignan: Domaine CévenCep und andere

Die Silhouette von Saint Césaire de Gauzignan hat sich kaum geändert in den vergangenen einhundert Jahren, auch nicht, daß die Einwohner in erster Linie vom Wein und dem Anbau von Oliven leben.

Die Ölmühle von Roger Paradis produziert regelmäßig auf den großen
Esther und Bruno Schwyter

Messen ausgezeichnete Öle, so das Picholine oder das fruitée à l’ancienne. Während noch vor einigen Jahren fast ausschließlich sich die Kooperativen um den Ausbau und die Vermarktung der Weine
Ölmühle Paradis
kümmerten, entstehen nun immer mehr selbstständige Weingüter. So das von Michael Bourassol (HIER mehr) , das des Bio-Winzers Bruno Schwyter vom Mas Nouguier www.besvins.ch , die Domaine des Vignes Rouges von Raphael et Séverine Dubois und das von Didier und Elisabeth Bonnal, die ihre Weine im Salle Polyvalente einem großen Publikum vorstellten.

Zwei Weißweine, ein Chardonnay und ein Roussane-Sauvignon, beide sehr fruchtig, wurden verkostet, ein Rosé Cinsault aus mittlerweile 40 Jahre alten Reben und die Roten aus den


Traubensorten Grenache, Cabernet und Carignan. Wer nicht dabei war, kann das leicht nachholen, in dem er Didier (06.09.47.68.83) oder Elisabeth (06.19.02.33.91) anruft. Nachholbedarf besteht sicher noch im Marketing; Prospekte und Internetauftritt werden wohl auch kommen, aber im Keller oder dem Weinberg gibt es eben immer Dinge,die gerade erledigt werden müssen.



Wenn Sie alle Weine ausgiebig probiert haben, empfiehlt sich ein Anruf bei Annemarie und Laurent Cogoluègnes (06.15.41.89.04), die in ihrer Gite Isalyne dann hoffentlich noch ein Zimmer für Sie haben.

Als Bischof Césaire das Dorf im 10. Jahrhundert gründete, geschah dies vor allem auch mit Blick auf die leicht hügelige Lage, die gute Weine versprach. Unruhige Zeiten erlebte Saint Césaire während des Kamisardenaufstandes, als zwei Kundschafter der Aufständischen beim Mas Nouguier getötet wurden und die königlichen Truppen die



Kamisarden bei einem Gottesdienst im Clau d’Issoire überfallen konnten. Im Nachbarort Martignargues kam es zu einer großen Schlacht, die die Königlichen verloren. Hier mehr dazu.  

Mit Bürgermeister Frédéric Gras ist vor einigen Jahren eine neue Dynamik in den Ort eingezogen, Neubaugebiete wurden ausgewiesen und die Einwohnerzahl, wie oft in den naturnahen Dörfern des Südens, ist ordentlich gestiegen (von 280 auf 380 in zehn Jahren).

Samstag, 12. Mai 2018

"Leaving Berlin": Brecht bleibt und Meier geht

Im Nachkriegsberlin: Bert Brecht auf einer Friedenstagung des Kulturbundes Bild Wiki cc
Seit dem Spätsommer 1944 arbeiteten einige der in die Sowjetunion geflohenen deutschen Schriftsteller, darunter Johannes R. Becher und Willi Bredel, bereits an der Organisation der kulturellen Umerziehung der Deutschen. Mitte 1945 wurde der „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“ in Berlin gegründet. Er sollte ausdrücklich keine Parteinähe haben, sondern unabhängig und überparteilich sein – was er tatsächlich aber nie war.
 
277.728 Rosinenbomber: Sehnsüchtig erwartet
Gerade in der Anfangsphase suchte man die großen Namen. Heinrich Mann, den man liebend gerne in die Sowjetisch Besetzte Zone gelotst hätte, blieb lieber in Kalifornien. Erst seine Tochter Leonie, bemühte sich im Jahr des Mauerbaus um die Überführung der Urne über Prag, wo sie wohnte, nach Ost-Berlin. Immerhin Anna Seghers, Bert Brecht, Helene Weigel und Arnold Zweig wurden für den Kulturbund gewonnen und traten immer wieder bei Veranstaltungen auf.

In diesem Umfeld taucht im Roman „Leaving Berlin“, von Joseph Canon in den Jahren 2012 und 2013 geschrieben, ein weiterer Autor auf, die Romanfigur des Halbjuden und Kommunisten Alex Meier, der schnell zu Brecht, von dessen sarkastischer Art angezogen wird und zu Anna Seghers einen guten Draht gewinnt. Gerade mal 1700 Kalorien stehen den Berlinern zur Verfügung, aber die Hofierten des Kulturbundes profitieren von Buffets ohne Lebensmittelkarte, von Wohnungen, von Telefon und für Brecht und Meier steht immer ein Auto zur Verfügung. Und rings herum Schwarzmarkt, Luftbrücke und Spionage.

Alex Meier in einer Phantomzeichnung und das gegenüber der
deutschen Ausgabe aussagekräftigere amerikanische Cover
Meier wird von den Kommunisten und ihrem K5, aus dem später das Ministerium für Staatssicherheit wird, und der CIA zur Spionage mehr erpreßt denn angeworben und hält sich gut in dieser Welt, in der jeder jeden aushorcht und jedes Wort auf die Goldwaage gelegt werden muß. So soll Meier seine Jugendliebe Irene als Informantin nutzen, mittlerweile die Geliebte eines Sowjet-Majors. Niemand kann keinem Vertrauen, Verrat ist an der Tagesordnung. Ein lesenswerter Thriller, dessen Lektüre aufgrund des Auftretens unserer „alten Bekannten“ Brecht, Seghers, Becher und Zweig - auch Feuchtwanger und Thomas Mann sind am Rande beteiligt – einfach Spaß macht, aber niemanden die Lösung erahnen läßt.

Joseph Kanon, der Harvard-Student und spätere Verlagsleiter von Houghton Mifflin hat eine ganze Reihe seiner Romane im Nachkriegsberlin angesiedelt.

Samstag, 5. Mai 2018

Collioure: Patrick O'Brian schweigt


Richard Patrick Russ wurde
als Patrick O'Brian erfolgreicher Schriftsteller. Bild Calixus
Schon lange ist Collioure als einer der schönsten Orte an der Côte Vermeille geschätzt. Der Engländer Richard Patrick Russ, der seine Bücher als Patrick O‘Brian schrieb, hat den Ort bereits ein paar Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg für sich entdeckt. Von 1949 an hatte er mit seiner Frau Mary Tolstoy und zunächst auch mit Stiefsohn Nicolai Nikolai Tolstoy-Miloslavsky fast fünfzig Jahre in einem kleinen Haus am Ortsrand in Richtung Elme gewohnt. Wenn überhaupt, dann schrieb er abfällig über den Ort, so, als wollte er alles dafür tun, ihn vor dem Zuzug weiterer Engländer zu schützen. Nicolai hat eine lesenswerte Biographie über O‘Brian geschrieben, der immer größten Wert auf seine Privatsphäre legte und kaum einmal Besucher empfing; außer vielleicht seiner Frau hätte niemand diese Biographie schreiben können.

Nachdem O‘Brian aus gesundheitlichen Gründen nicht zur Royal Air Force zugelassen wurde, bekam er während des Krieges verschiedenen
Das Grab gleich am Eingang
des Friedhofs von Collioure. Bild ot
Aufgaben beim britischen Geheimdienst und anschließend eine geringe Rente. Sein finanzieller Durchbruch als Autor kam mit der zwanzigbändigen Aubrey-Maturin-Serie, den in napoleonischer Zeit spielenden Geschichten über den Schiffsarzt Stephen Maturin und den Kapitän Jack Aubrey; sie sind inzwischen mit Russell Crowe verfilmt worden. Bis er allerdings von seinen Romanen leben konnte, mußte er sich mit Übersetzungen über Wasser halten, etwa der des „Papillon“ von Henri Charrière . Und auch eine später vielgelesene Picasso-Biographie half ihm zunächst nicht aus den wirtschaftlichen Schwierigkeiten. O’Brian und Picasso hatte sich oft in der „Bar des Sports“ getroffen, wie die „Bar des Templiers“ früher hieß.

 

Samstag, 28. April 2018

Die „schnellen“ Austern vom Etang de Thau und das Restaurant "L' Oasis du Pêcheur"

Bertrand David, in vierter Generation Austernzüchter in Bouzigues, freut sich über seine „schnellen“ Austern. Sie kommen mehr als doppelt so schnell auf den Markt wie diejenigen aus der Bretagne und der Normandie. Der Grund: Ganz einfach die idealen Aufzuchtbedingungen im Etang de Thau, einem 8.000 Hektar großen Salzwasserbecken südlich von Séte, das nur durch einen schmalen Dünenstreifen vom Mittelmeer getrennt ist. Hier das VIDEO.


Vor dem Herbstgewitter am Etang de Thau. Im Hintergrund Sète.
„Im Etang ist die Temperatur immer ein paar Grad höher als im Meer und es ist nochmal deutlich wärmer als im Atlantik. Und weil unsere Austern dadurch mehr Nahrung haben und es außerdem hier fast keine Ebbe und Flut gibt, fressen sie immer und wachsen schneller.“
Immerhin braucht es selbst hier zwei Jahre, bis die Austern geerntet werden können.
„Bis dahin haben wir jede einzelne Muschel mindestens sechsmal in die Hand genommen, vom Aussetzen der ausschließlich japanischen Larven, die später mit Zement an die Schnüre geklebt werden werden, bis hin zum Säubern kurz vor dem Verkauf.“
Der See hat eine mittlere Tiefe von rund 5 Metern und wird, zum Wohl der Muschelzüchter und professionellen Fischer, von einer warmen Quelle - Gouffre de la Vise - aus einhundert Metern Tiefe gespeist. Rund dreitausend Familien finden so ihr Auskommen und wer, wie Bertrand sein Geschäft versteht, auch deutlich mehr als das. „Le Marin“ heisst sein Schiff, mit dem er mehrfach täglich Rundfahrten zu den Austernbänken macht, dort anlegt und das ganze System des Etang de Thau anschaulich und überzeugend erklärt. Im Juli und August ist das Boot, trotz viermaliger Tour immer so übrfüllt, daß es nur wenig Spaß macht, also am besten im Frühjahr oder Herbst und sich dann aber vorher über die Abfahrtszeiten informieren: 0033 603 31 44 90.

Kurz vor Schluß der einstündigen Tour gibt es den Hinweis auf das dem "Imperium" zugehörige Restaurant „Le Marin“, ein paar Schritte von der Anlegestelle. Wer dort durchschnittlich ordentlich, aber, mit Ausnahme der Meeresfrüchte, nicht sehr gut gegessen hat, wird auf die dazugehörende „Vitrine du Marin“ verwiesen, wo man sich die frischen Muscheln und Austern auch preisgünstig mit nach Hause nehmen kann.
Schiffshalt direkt an der Austern- und Muschelzucht
Die Rundfahrt mit Stop an einem der Austernparks ist ein absolutes Muß in Bouzigues. Danach aber nicht ins "Marin", sondern einen Spaziergang entlang der Standpromenade und den Chemin de la Catonnière machen, bis man, nach höchstens fünfzehn Minuten vor einer etwas verwahrlosten Hofeinfahrt steht. Lassen Sie sich von den überquellenden Mülltonnen, von defekten Paletten und dem Toilettenkabuff rechts an der Einfahrt nicht abschrecken. Das ist das vielgerühmte Authentische, das schon Pagnols Ugolin und sein Papet nie verstanden haben.

Dort nämlich, so das Schild, sei die „L’Oasis du Pêcheur“ und genau die ist es dann auch. Sie merken das daran, daß Sie keinen Platz auf der kleinen Terrasse direkt über dem Wasser bekommen. Deshalb am besten vorher anrufen und reservieren: 0033 467 78 31 75. Und dann werden Sie ganz familiär nach Ihrem Vornamen gefragt. Montags ist zu, aber an allen anderen Tagen ist der Besuch dort ein Erlebnis. Eine ganz bodenständige Fischerküche ohne jedes Schnick und Schnack, Muscheln, die frisch aus dem Etang kommen, kein Fleisch und auch keinen Käse hinterher, Familienbetrieb eines Austern- und Muschelzüchters.

Restaurant Oasis: Frischer Genuß auch in den Monaten ohne "R"
Einfach unübertrefflich das Plateau de Fruits de Mer, die Tintenfische, die Messermuscheln oder Palourdes, die mit ihrem Hauch, es ist schon eher Windstärke 4, von Petersilie und Knoblauch auch die Nachbartische entzücken und dabei alles absolut preisangemessen. Nur als Beispiel: Ein Glas Picpoul de Pinet samt einem Probierteller mit sechs Austern, Muscheln und Crevetten und der hausgemachten Aioli gibt es für wenige Euro. Kostenlos dazu gibt es ein freundlicher Gespräch mit den Bedienungen - ich weiss bis heute nicht genau, wer zur Familie gehört und wer nicht - und abends den Sonnenuntergang über dem Etang.
Vorne wird der Blick genossen, hinten in der Miniküche wird gewirbelt


Und manch einer, und ich gestehe, dazu gehöre ich auch, hat das dort ein spätes Mittagessen ausklingen lassen und mit dem Blick auf Séte, die Wolken-, Wasser und Sonnenspiele und mehr oder weniger philosophischen Erörterungen einen frühen Abendimbiß abgewartet. Voraussetzung ist natürlich immer eine gute Fee, die die nächtliche Heimfahrt übernimmt. Es könnte natürlich auch, gendergestreamt, ein guter Geist sein; aber das ist bisher niemals vorgekommen.

Austern mit Aussicht: Und zwar genau dieser obigen

Samstag, 21. April 2018

Lunel: Das alte Restaurant und der neue heilige Krieg

Im 17. und 18. Jahrhundert geriet Lunel in die Reisebeschreibungen und Briefwechsel wegen eines renommierten Restaurants, heute gerät es in die Schlagzeilen, weil überpropotional viele Jugendliche aus diesem Städtchen in den sogenannten heiligen Krieg ziehen.


Das "Pont de Lunel": Früher einem Umweg wert.     Bild: Hotel
Im Herbst 1737 kam Jean-Jacques Rousseau nach Lunel und hoffte auf einige kulinarisch anregende Tage in einem der berühmtesten Gasthäuser der damaligen Zeit, dem „Pont de Lunel“.
„Dies Wirtshaus, das geschätzteste in Europa, verdiente damals seinen Ruf. Die Besitzer hatten seine glückliche Lage auszunutzen gewußt, und es war mit reichlichen und gewählten Vorräten versehen. Aber das Pont de Lunel behielt nicht lange diese Qualität, und dadurch, daß es seinen Ruf mißbrauchte, verlor es ihn gänzlich.“

Heute ist es ein eher gängiges Restaurant, das die Bewohner der Umgegend für ihre Familienfeiern nutzen und in dem auch schon mal eine "Miss Lunel" gewählt wird. Man sitzt schön über dem Fluß auf der Terrasse, muß aber über den selbst während der Mittagszeit kaum abreißenden Autolärm der Route Nationale hinweg hören. Ideal also, wenn man sich mit seiner Frau einmal nicht unterhalten will.

Lunel: Früher wie heute kein Blick hinter die Fassaden
Wenn man weiterfährt in die Innenstadt, kommt man an der Moschee vorbei, kaum erkennbar, weil die Stadtverwaltung das Minarett nicht genehmigte. Was bringt den jungen Franzosen Houssem dazu mit seiner schwangeren Freundin Maeva in den sogenannten Heiligen Krieg zu ziehen? Und warum schmeißt der Informatik-Student Laurent sein Studium hin, um ihm zu folgen? Laurent ist bei einem Bombenangriff auf das IS-Computerzentrum im syrischen Deir-Ez-Zor umgekommen. Alle drei stammten aus Lunel.

In der armen Kleinstadt nahe Montpellier spielen arabische Namen eine große Rolle; meist allerdings nur am Sonntag, wenn man sich zur Course Camarguaise in der Arena trifft. HIER gibt es einen kurzen FILM dazu.



Dann stehen Sabri Allouani, Adil Bénafitou, Katif und Lahcène Outarka im Mittelpunkt. Das hat sich seit November 2013 geändert. Bis Juni 2015 haben sich zweiundzwanzig Jugendliche in den Krieg nach Syrien begeben; käme nur einer aus Lunel wäre das im Verhältnis zur Bevölkerung schon über dem Durchschnitt. Acht von ihnen sind jetzt tot.

Sie kämpfen in der mit al-Quaida verbundenen Front Al Nusra oder direkt für den Islamischen Staat. Axel Veiel, Frankreich-Korrespondent zahlreicher deutscher Tageszeitungen, hat sich in Lunel auf die Suche gemacht. Hier lesen Sie den ganzen Artikel.

Lunel, und davon würde ich viel lieber erzählen, war im 12. und 13. Jahrhundert eine Hochburg jüdisch-arabischer Gelehrsamkeit. Viele Übersetzungen arabischer Werke ins hebräische sind hier entstanden.

Und heute? Lunel ist konservativ und von der Front National geprägt, obwohl rund ein Drittel der Einwohner Muslime sind. Die Arbeitslosenquote liegt über zwanzig Prozent, die der Jugendlichen noch weit darüber. Sechzig Prozent der Einwohner müssen aufgrund ihrer geringen Einkommen keine Steuern bezahlen. Offensichtlich ein guter Nährboden für die Werber des Dschihad.


Mit dem Sozialarbeiter Tahar Akermi, dem Leiter des „Hauses der Jugend und der Kultur“ hat Veiel gesprochen oder dem Rechtsanwalt Jean-Robert Phung. Letzterer hat im Auftrag der Eltern eine Strafanzeige gegen Unbekannt erstattet: Wegen der Anstiftung der Teilnahme an einem terroristischen Unterfangen. Der Anwalt weiß, daß dies nichts bringen wird. Die Eltern hoffen, daß doch.

Das Jugendzentrum wurde mittlerweile geschlossen. Der Bürgermeister

Graffiti am Jugendzentrum
spricht nicht mit Journalisten. Sein Stellvertreter: „Die Dschihadisten kommen praktisch aus ganz Lunel und aus allen sozialen Schichten“. Die Front National beantragt die Schließung der Moschee. Ein IS-Aussteiger berichtet an der Schule, an der fast alle Jugendlichen unterrichtet wurden, von Folterungen und Enthauptungen. Begangen von Muslimen an Muslimen. Und trotzdem werden weitere Jugendliche werden in den Heiligen Krieg ziehen.

Die Kinder unserer marokkanischen Nachbarn haben wir aufwachsen sehen. Die beiden Söhne sind im vergangenen Jahr nach Lunel gezogen.

Samstag, 14. April 2018

Christiane Drehers Cannes zwischen Mondänität und Kleinbürgerlichkeit

Christiane Dreher und Christine Cazon.
Bild: Jan Welchering, KiWi
Christiane Dreher lebt seit vielen Jahren im Süden, inzwischen vorrangig als Autorin von Kriminalromanen mit ihren Kommissar Léon Duval. Sie hat Südfrankreich von der Pike auf gelernt, auf einem Bauernhof zunächst und dann als Wirtin eines ländlichen Gasthauses im Hinterland von Nizza. Entscheidende Fragen, etwa wie oft küsst man sich zur Begrüßung und warum lieben die Franzosen so sehr eine Schwarzwälder Kirschtorte, hat die studierte Buchwissenschaftlerin in ihrem ersten Buch „Zwischen Boule und Bettenmachen“ augenzwinkernd beantwortet.

Und nun lebt sie also in Cannes, der Stadt, von der man immer meint, sie müsse viel mehr als diese siebzigtausend Einwohner haben, die sie tatsächlich hat. Cannes in ein paar Zeilen zu beschreiben geht nicht, hat sie mir gesagt und es trotzdem getan.
 
Einer der inzwischen fünf Romane fehlt im Blogbeitrag,
aber nicht in Ihrer Buchhandlung
„Cannes erstreckt sich jenseits des touristischen Zentrums in zehn sehr unterschiedlichen Stadtvierteln über mehrere Hügel Während es in der Innenstadt, dem touristischen Zentrum, laut und schrill zugeht mit dem Sehen und Gesehen werden, verläuft das Leben in den anderen Vierteln der Stadt eher gemächlich. Viele zugezogene Rentner, die ihren Lebensabend an der blauen Küste verbringen wollen, genießen von den Balkons der großen Appartementanlagen den Blick aufs Meer.

Die echten Cannois leben in den manchmal noch dörflich anmutenden Vierteln ein oft bescheidenes und eher zurückgezogenes Leben. Mondäne Freizeitkultur, beschauliches Rentnerleben und kleinbürgerlicher französischer Alltag liegen in Cannes seit Beginn des Tourismus dicht beieinander. Das Filmfestival, das 1946 erstmals in Cannes stattfand, ist heute kulturell und wirtschaftlich das wichtigste Ereignis für die Stadt. Rund um das Palais des Festivals reihen sich Grandhotels und Luxusboutiquen aneinander. Und im alten Hafen liegen noch immer kleine Fischerboote und alte Segelschiffe neben luxuriösen Jachten.“

Viel mehr gibt’s in Drehers Blog
www.aufildesmots.biz .
 
Vom Lieblingsbäcker über den Boule-Platz
zum Lieblingsrestaurant. Bild: Maunder
Und nachlesenswert ist auch der sehr perönliche Spaziergang, den Hilke Maunder mit Christine Cazon gemacht hat: www.meinfrankreich.com/cazon/ .
 
Cazon? Unter dem Namen, der nach der Hochzeit ihr Familienname wurde, erscheinen die Kriminalromane von Christiane Dreher. Hier der ganz neue, wieder bei Kiepenheuer&Witsch:


 

Freitag, 13. April 2018

Rendez-Vous mit Cézanne, Kathryn Lewek und dem Festival d‘Aix

Cézanne und Kathryn Lewek können Sie im Juli in Aix treffen.
Ein Traum wäre für Cézanne in Erfüllung gegangen, hätte er je Kathryn Lewek malen können. Der arme Cézanne. Oft genug, wenn er etwa seine badenden Frauen malen wollte, stand ihm nur ein ausgemusterter invalider Soldat als Modell zur Verfügung. Nur, wie sollten sie zusammen kommen, der begnadete Maler aus Aix-en-Provence und die amerikanische Sopranistin, er Jahrgang 1839 und sie Jahrgang 1983? Ihnen kann das ohne Schwierigkeit gelingen.

Wenn Sie in diesem Jahr das Opern-Festival in Aix besuchen, können Sie beiden Künstlern Reverenz erweisen. Cézanne, sein Atelier und sein Berg, die Montagne Sainte Victoire sind immer da, Lewek hat gerade ihre fünfte Saison an der Metropolitan Opera in New York hinter sich, wie immer in ihrer Paraderolle der Königin der Nacht aus der Zauberflöte. Zum 70sten Geburtstag des Festivals singt sie die nun auch in Aix, , ihren Gegenspieler Sarastro gibt Dimitry Ivashchenko, der sich gerade sehr entspannt auf sein Met-Debut freut.

Anhören können Sie sich Kathryn Lewek als Königin der Nacht hier
https://www.youtube.com/watch?v=RRDt9aaGg-Q
und Dimitry Ivashchenko als Sarastro hier https://www.youtube.com/watch?v=FgNOGQNb8Vk
Bei der Gründung des Festivals konnte noch niemand ahnen, dass hier eine der weltweit renommiertesten Veranstaltungen der Opernszene - so die Bewertung durch ARTE - entwickeln würde. Aix wurde als Festival des Jahres 2014 mit dem International Opera Award ausgezeichnet. Rund vierzigtausend Besucher sorgten zuletzt für eine Auslastungsquote von 95 Prozent. Neben Mozart (auch noch mit Don Giovanni) stehen 2018 Bizets Carmen, Pinocchio von Philippe Boesmanns, Strawinskys Rake’s Progress und Erismena von Francesco Cavalli auf dem Spielplan.  

Zu den zahlreichen Aufführungsorten gehören die Freilichtbühne des Théâtre de l'Archevêché und das Grand Théâtre de Provence. Mit Carmen steht die mit großen Abstand meistaufgeführte Oper in Frankreich auf dem Programm, mit der Zauberflöte die populärste deutsche Oper (Daten und Preise unten).

Was Sie sonst noch in Aix machen können

Der römische Statthalter Sixtius Calvinus gilt als Gründer einer Stadt, die bis heute mit den Attributen elegant, aristokratisch und geistreich belegt wird.
„In Aix herrscht eine reine, gesunde Luft, und Lebensmittel sind reichlich vorhanden, in Aix sind keine Gewalttätigkeiten zu befürchten, die Einwohner sind liebenswürdig und friedfertig, und schließlich trifft man in der Stadt, wie jedermann weiß, eine große Anzahl gelehrter Personen an.“
Was sich hier liest wie ein erster Entwurf zu einer Stadtmarketing-Broschüre stammt aus der Gründungsurkunde der Universität von Aix zu Beginn des 15. Jahrhunderts.

Wer heute nach Aix kommt, macht als erstes meist nichts anderes als die Reisenden früherer Jahrhunderte, nämlich einen Bummel über den Cours Mirabeau. Eine nur fünfhundert Meter lange Prachtstraße, die immer noch beeindruckt. Auf der Südseite ist bis heute weitestgehend durchgehalten, was die Stadtväter damals verfügt hatten, nämlich keine Geschäftshäuser, keine Verkaufsräume. Nicht einmal Lebensmittel oder sonstige Waren durften hier mit Pferdewagen transportiert werden.



Begeben Sie sich auf die Spuren von Cézanne, in sein Atelier, das so aussieht, als hätte er es gerade verlassen. Oder besuchen Sie als Kontrastprogramm die Fondation Vasarély, deren Gebäude schon einen Vorgeschmack auf den Künstler geben, sechszehn sechseckige Waben aus
Glas, Aluminium und Marmor. In acht Abteilungen wird man durch die Ansichten eines Künstlers geführt, der seine Kunst als Gegenstück zur „visuellen Verschmutzung“ sah.

Außerhalb: Vauvenargues und Les Milles

Machen Sie eine Tour zu dem einst von Picasso gekauften Schloss Vauvenargues. Und bei dieser Tour um die Montagne Sainte Victoire lohnt ein Halt im Altersheim der Fremdenlegion in Puyloubier, einen sehr guten Rotwein bauen die Herren hier an. Unbedingt sehenswert sind auch die Gedenkstätte des Lagers von Les Milles, in dem während des Zweiten Weltkrieges viele deutsche Exilanten auf die Ausreise in die Vereinigten Staaten oder Casablanca warteten. Darunter so bekannte Künstler wie Max Ernst oder der Schriftsteller Lion Feuchtwanger.


Noch etwas Hintergrund zum Festival d'Aix

Unter folgendem Youtube-Link bekommen Sie in knapp zwei Minuten einen Eindruck von Aix, seinem Festival und den Spielorten
https://www.youtube.com/watch?v=xtNXMST1Oe0

Hier die Aufführungsdaten der Zauberflöte; alle im Juli 2018 und bis auf den 14.7. (17.00) immer um 19.30:
Fr 6., Mo 9., Mi 11., Sa 14., Mo 16., Do 19., Sa 21. und Di 24.
  

Mit diesem Link finden Sie Ihre Lieblingsplätze und die Preise. Und wenn Sie auch der Meinung sind, dass die Zauberflöte ein guter Opern-Einstieg für Ihre Kinder sei. Die bezahlen 9 Euro, reguläre Preise zwischen 30 und 270 Euro.
https://billetterie.festival-aix.com/selection/event/date?productId=101267719389  Wenn Sie lieber anrufen: 0033 820 92 29 23.
Parkplätze für die Aufführungen der Zauberflöte finden Sie fünf Minuten vom Theater in den Parkhäusern Méjanes und Rotonde.


Die Ausführenden der Zauberflöte:

 




 



Dieser Blog-Beitrag wurde angeregt von Nicolas Schaettel und unterstützt vom Festival d'Aix. Die Bilder sind von Sophie Spiteri, Wisieu, Regis Cintas-Flores, Malost , Andrea Schaffer, den Homepages der Künstler, dem Festival d'Aix, dem Office de Tourisme Aix und Manfred Hammes.

Samstag, 24. März 2018

Françoise Frenkel: Die Flucht der Buchhändlerin von Berlin nach Nizza

Im September 1945 veröffentlichte der Genfer Verlag Jeheber ein für mich mit seinen rund zweihundert Seiten viel zu kurzes Buch der polnisch-jüdischen Buchhändlerin Françoise Frenkel, die sich den Titel aus dem Lukas-Evangelium entliehen hatte: "Nichts, um sein Haupt zu betten". Ein Bild von ihr existiert (bisher) nicht.

Erfolgreich auf deutsch, englisch, spanisch und, natürlich bei Gallimard, auf französisch
Knapp zwanzig Jahre, bis 1939 hatte die promovierte Literaturwissenschaftlerin und ausgebildete Musikerin die französische Buchhandlung in Berlin betrieben, sehr erfolgreich auch wegen der vielen Autorenbesuche und Veranstaltungen. Colette und André Gide waren dort, Philippe Soupault und Roger Martin du Gard, der Nobelpreisträger des Jahres 1937, und viele andere. Sie alle
Titelbildentwurf für die spanische Ausgabe. Bild Radiotimes
kommen nur in einer kurzen Aufzählung vor und Frenkel hätte sicher viel mehr, auch über sie, zu erzählen gehabt. Ihr nüchtern geschriebener Bericht über eine Flucht aus Berlin über Brüssel und Paris in den damals noch freien Süden nach Avignon und Nizza hat vor allem die eine Frage nicht beantwortet: Warum erwähnt sie ihren Mann, der ja auch in der Buchhandlung tätig war, nicht mit einem Wort.


Darüber wunderte sich auch der Literatur-Nobelpreisträger Patrick Modiano in einem Vorwort für den der Gallimard Verlag - deutsch bei Hanser - , als dieser fast siebzig Jahre später eine Neuauflage besorgte: „Phantom-Ehemann“. Die Originalausgabe war kurz zuvor in Nizza auf einem Trödelmarkt der Emmaus-Bruderschaft durch den Schriftsteller Michel Francesconi wiederentdeckt worden. Niemand wäre übrigens besser als Modiano für das Vorwort geeignet gewesen. Als er 2014 den Nobelpreis erhielt begründete das die Jury mit dem Satz:
„Für die Kunst des Erinnerns, mit der er die unbegreiflichsten menschlichen Schicksale wachgerufen und die Lebenswelt während der Besatzung sichtbar gemacht hat.“
 


Flucht über Avignon nach Nizza
Aus dem amtlichen Name von Françoise Frenkel geht der Name ihres Mannes Simon hervor. Raichenstein hieß er und sie Frymeta Idesa Raichenstein-Frenkel, geboren am 14.7.1889 in Piotrków. Das ergibt sich aus einer Liste von Personen, die bei Genf die Grenze zur Schweiz überschritten und dort eine Aufenthaltsgenehmigung erhielten; die Unterlagen befinden sich im Staatsarchiv Genf. Die Frage, warum Simon Raichenstein dieses Phantom bleibt, wird niemand mehr beantworten können. Sie ist 1975 gestorben. Ende 1933 hat er Berlin, versehen mit einem der sogenannten Nansen-Pässe verlassen.

Französischer Nansen-Pass. Bild von Anna Viesel aus Trier.
Fridtjof Nansen, der norwegische Kommissar des Völkerbundes fürFlüchtlingsfragen, hatte das Pass-Ersatz-Dokument Anfang der zwanziger Jahre für staatenlose Flüchtlinge eingeführt und dafür später den Friedens-Nobelpreis erhalten. Der Pass war jeweils für ein Jahr gültig und garantierte die Rückreise in jenes Mitgliedsland des Völkerbundes, in dem er ausgestellt worden war. Zu den bekanntesten Inhabern des Passes gehörten Vladimir Nabokov, Marc Chagall und Igor Strawinski.

Dieser Pass nützte Raichenstein nichts. In Frankreich kam er ins Lager Drancy und am 24. Juli 1942 nach Auschwitz, wo er kurz darauf ermordet wurde. Aber kein Wort über ihn von seiner Frau. Die gelegentlich geäußerte Vermutung, sie habe darauf verzichtet, um ihren Mann nicht zu gefährden, ist nicht stichhaltig. Schon als sie anfing, das Buch zu schreiben, war ihr Mann bereits tot und als das Buch 1945 erschien, existierte das nationalsozialistische Deutschland nicht mehr und spätestens da hatte sie sicher längst Nachricht von seinem Tod bekommen.

Pierre Bertaux
Bild: Ordre
Standesgemäß überheblich und nicht sehr fein ging der Germanist Pierre Bertaux mit Frenkel um, der sie als die
„alte Schreckschraube des Maison du Livre“
bezeichnete und sich in der Buchhandlung von
„Herrn und Frau Raichenstein, Russen, Galizier oder etwas in der Art wie bei den Totengräbern eines Beerdigungsinstitutes“
fühlte. Bertaux war Ende der zwanziger Jahre der erste Franzose, der wieder zum Studium in Berlin zugelassen wurde und wurde später einflußreich als Koordinator für die geheimdienstlichen Aktivitäten der Resistance. Er hatte auch zahlreiche Kontakte zu deutschen Exilschriftstellern.

Ganz im Gegensatz dazu schrieb der Journalist Jules Chancel in seinem 1928 erschienenen Deutschlandbuch “Zehn Jahre danach” von einem anregenden deutsch-französischen Fest in der Buchhandlung und zeichnete “ein kleines, ungemein wohlwollendes Portrait der Buchhändlerin”, wie die Berliner Literaturwissenschaftlerin Maragrete Zimmermann herausfand.

Danke an Imogen und Michael Remmert für den Hinweis auf Françoise Frenkel.




Donnerstag, 22. März 2018

Kestens "fremde Götter": Aktueller denn je

 
In, wie immer bei Nimbus, sorgsamer
Gestaltung und Ausstattung
Wäre der Roman "Die fremden Götter" , den Hermann Kesten 1948 in New York schrieb, siebzig Jahre später, also jetzt, zum ersten Mal erschienen, wären die Filmrechte längst verkauft und der Film im nächsten Jahr in den Kinos - was sicher auch den Verlag freuen würde. Ende der 1940er Jahre ging das noch nicht, mit dieser tragikomische Farce, in der Freiheit und Toleranz einen schweren Stand haben und die auch deshalb heute aktueller ist, denn je.
"Ich glaube, es wird das erste Mal im deutschen Film sein, dass neben der Tragik oder dem Ernst so nah die Komik steht - übrigens wie es im Leben ja auch ist",
hatte Filmemacher Gerhard Born noch kurz vor der endgültigen Absage an Kesten geschrieben.

In dem Film hätten, ganz am Rande, einige Szenen in einem Konzentrationslager spielen sollen und das glaubten die Produzenten dem noch vom Nationalsozialismus geschädigten Publikum nicht zumuten zu können. Wahrscheinlich hatten sie recht. Denn damals gab es andere Themen für die Filmbranche. In der USA etwa Howard Hawks, der mit Gary Grant „Die männliche Kriegsbraut“ drehte, in Frankreich „Tatis Schützenfest“ und in Deutschland etwa eine Verwechslungskomödie mit Hans Moser und Theo Lingen „Um eine Nasenlänge“.

Aber „Die fremden Götter“, eine religiös-fanatische Auseinandersetzung zwischen Juden, Katholiken und Buddhisten, die sich in einem Teufelskreis gegenseitiger Verkennung hochschaukeln versprachen nicht ausreichend Kinobesucher; und mochte es noch so viele Ansätze für eine Komödie geben. Das Drehbuch hätte ein früher Vorläufer zur Komödie „Monsieur Claude und seine Töchter“ des Regisseurs und Drehbuchautors Philippe de Chauveron werden können. Wobei übrigens der Originaltitel - Qu’est-ce qu’on a fait au Bon Dieu?/ Was hat man dem lieben Gott nur angetan - dem Film viel gerechter wird.




Hermann Kesten (Bild: Monacensia München)
Der Schweizer Nimbus Verlag hat nun das Wagnis einer (Wieder)Veröffentlichung - in seiner verdienstvollen Reihe „Unbegrenzt haltbar“ - auf sich genommen und im Anhang auch den Schriftwechsel zwischen dem Autor Kesten und dem Produzenten Born veröffentlicht. Erstmals ist das Buch 1948 im Amsterdamer Querido Verlag erschienen. Querido war, neben etwa Allert de Lange, ebenfalls in Amsterdam, Obrecht in Zürich und Graphia in Karlsbad, der Verlag für die vielen Exilautoren, die seit 1933 vor den Nachstellungen der Nationalsozialisten und ihren Bücherverbrennungen geflohen waren.


Die Promenade des Anglais in Nizza: Kurz nach dem Krieg weitgehend autofrei
Das Buch spielt in Nizza, kurz nach Ende des Krieges: Walter Schott und seine Frau haben de façon miraculeuse die KZ-Haft überlebt und sind heimgekehrt in die Stadt, wo sie vor der Deportation ihre Tochter Luise zurücklassen mussten. Sie finden ihr Kind unverhofft wieder – französische Nachbarn hatten das Mädchen in einem Kloster in Avignon versteckt. Luise, dort fromm erzogen und inzwischen 17 Jahre alt, hat sich zur Erz-Katholikin entwickelt. Die Eltern versuchen Luise zum Judentum zurück zu führen. Vergeblich. Dann sollen Onkel und der Sohn des Rabbis es richten. Aber auch Onkel Colombe, ein alternder Lebemann und selbstgefällige Buddhist sowie Théodore, ein aufgeklärter Philosophiestudent, sind erfolglos, wollen aber möglichst auch garnicht erfolgreich werden.
Den Beiden geht es weniger um den elterlichen Bekehrungsauftrag und das Seelenheil des Mädchens. Sie wollen die junge, attraktive Frau für sich gewinnen und sind plötzlich sogar bereit, selbst zum Katholizismus überzutreten. Aber auch Luise ist verliebt, nämlich in den atheistischen Fotografen Henri. Das kann nicht gut gehen, auch wenn alle, im wahrsten Sinne des Wortes, guten Glaubens sind. Sie werden aber blind gegenüber den Folgen ihres Handelns und führen so oft das Gegenteil dessen herbei, was sie an sich beabsichtigen. Aber hier nicht mehr, sonst ist der tempo- und spannungsreiche Inhalt zu sehr vorweg genommen. Manchmal muß man eben selber lesen - und frau auch.

Hermann Kesten: Die fremden Götter. Herausgegeben von Albert M. Debrunner. Nimbus Verlag, Wädenswil/Schweiz, 248 Seiten, 28 Euro, ISBN 978-3-03850-045-2.

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